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Full text of "Historische Vierteljahrschrift"

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HISTORISCHE 
VIERTELJAHRSCHRIFT 



HBBAU80EOEBEK VON 

Dr. GERHARD SEELIGBR 

O. PSOFE880B AN DEB UNIVERSITÄT LEIPZIG 



XL JAHRGANG 1908 

NEUE FOLGE DER DEUTSCHEN ZEITSCHRIFT 
FÜR GESCHICHTSWISSENSCHAFT 

DEB aANZBN FOLGE NEUNZEHNTER JAHKUANO 



1908 

DRUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER IN LEIPZIG 



ALLK RECHTE, KINSC-llLlKHKLICIl DK» ÜBERSETZUN'GSRECUTS, V(>KB£1(ALTEN 



Inhalt 

des elften Jahrgangs 1908. 

Aufsätze. Seite 

Fester, Richard, Die Säkularisation der. Historie 441 

Hampe, E., Über die Flugschriften zum Lyoner Konzil von 1246. . 297 

BroBch, Moritz, Albizi und Medici 1 

Werminghoff, Albert, Neuere Arbeiten über das Verhältnis von 

Staat und Kirche in Deutschland während des späteren Mittelalters 168 

Bärge, Herrn., Die älteste evangelische Armenordnnng . . . 193 und 296 

Möller, Ernst von. Der Antitrinitarier Johann Paul Alciat 460 

Helmolt, H., Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans 

nach Modena, Stockholm und Turin 314 

Herrmann, Alfred, Friedrich Wilhelm IIL und sein Anteil an der 

Heeresreform bis 1813 484 

Salzer, E., Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst und die 

deutsche Frage 40 

Erben, Wilhelm, Theodor Sickel. Umrisse seines Lebens und 

Schaffens 233 • 

Kleine Mittellungen. 
Herre, Paul, Bericht über den internationalen Kongreß für historische 

Wissenschafben zu Berlin, 6.— 12. August 1908 417 

See liger, G., Zur Geschichte der fränkischen Kanzlei im 9. Jahr- * 

hundert 76 

Hadank, Karl, Zur Kontroverse über Legnano (1176) 617 

Oaro, G., Zur Signorie Heinrichs VII. in Genua 226 

Kentenich, Gt)ttfried, Der päpstliche Approbationsanspruch und die 

goldene Bulle 626 

Besprechungen. 

Acta Borussica. Die Behördeuorganisation Bd. 8. Bearb. v. G. Schmol- 
ler und 0. Hintze (Seidler) 549 

Andreas, W., Die venezianischen Relazionen und ihr Verhältnis zur 

Kultur der Renaissance (P. Herre) 562 

Atlas, £[islorischer, der Alpenländer 1,1 (Carschmann) 636 

Bauer, Wilh., Die Anfänge Ferdinands I. (Friedensburg) 285 

Beigard, M., Parzellierung und innere Kolonisation (Hotssch) . . . 409 

Beres, A., Der Mißbrauch der geistlichen Amtsgewalt (Sehling) . . . 281 

B ö ekel, Ö., Psychologie der Volksdichtung (Mogk) 275 

Bolkestein, H., De colonatu Romano eiusque origine (KorneibaDii) 235 

a* 



195109 



IV Inhalt. 

SeitH 

Bondois, M., La translation des Saints Marc^llin et Pierre (Kurze) . 278 

BoBsert, G., Sebastian Lotzer and seine Schriften (Stolze) 112 

Bothe, F., Beitrilge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Reichs- 
stadt Frankfurt (Eulenbun?) 39r> 

Briefwechsel des Herzogs Christoph von Wirtemberg Bd. 4. Hrsg. 

▼on V. Ernst (Trefflz) 604 

Brieger, R., Die Herrschaft Rappoltstein (v. Borries) 2^0 

Buchner, M., Die innere weltliche Regierung des Speierer Bischofs 

Mattias Ramung (Kr»rig) 58H 

Bullin ger 8 Korrespondenz mit den Graubündnem. Hrsg. von 

T. Schieß (Wolf) 394 

Cartellieri, A., Philipp II. August, König von Frankreich Bd. 2. 

(Holtzmann) ö4K 

Gartulaire de Notre-Dame de Prouille publ. p. J. Guiraud 

(R. Holtzmann) G(>0 

Corpus documentorum inquisitionis haeretioae pravitatis Neerlandicae. 

Hrsg. V. Fredericq (K. Müller) 131» 

Curschmann, F., Die Diözese Brandenburg (Beschorner) rAl 

Dierauer, J., Geschieht« der schweizerischen Eidgenossenschaft Bd. 3. 

(V. Ernst) Ö6V> 

DOberl, M., Entwicklungsgeschichte Bayerns Bd. 1 (Vancsa) .... 91 
Dohna, Burggraf Fabian zu, Selbstbiographie. Hrsg. von C. Kroll- 
mann (Trefltz) Ua 

Dürrwächter, A., Christoph Gewold (Joadümsen} 584 

Duhr, B., Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge 

Bd. 1 (Lüserth) 389 

Eitel, A., Der Kirchenstaat unter Klemens V. (K. Scholz) 602 

Eiten, G., Das Unterkönigtum im Reiche der Merovinger und Karo- 
linger (Wermlnphoff) 598 

Emmerig, 0., „The ßataile of Agyncourt" im Lichte geschichtlicher 

Quellenwerke (L. Frftnkel) 43*i 

Engel, M., Wirklichkeit und Dichtung. Aufschlüsse in und zu 

1. Mose 2—4; 6, 1—14; 9, 18—27; 11 und 12, 1—6 (Gunkel) ... 232 
Knsebius, £[irchengeschichte. Hrsg. von E. Schwartz (Grötzmachor) 428 
Fehlin g, Frankreich und Brandenburg in den Jahren 1679 bis 1684 

(Trefltz) 289 

Feret, P., La facult^ de Thdologie de Paris. Tom. 4. 5 (Grütz- 

macher) 605 

Fieger, H., P. Don Ferdinand Sterzinger (Berpstraßer; 609 

Fisch el, A., Studien zur österreichischen Reichsgeschichte (Bretholz). 132 

Fischer, H., Der heilige Franziskus von Assisi (Goetz) 431 

Flodoard, Les annales de, publ. par Ph. Lauer (Werminghoff) ... ISO 
Franz, Alex., Die Kolonisation des Mississippitales (Haebler) .... 291 
Fnstel de Goulanges, Der antike Staat. Übers, von P. Weiß (Swoboda) 276 
Gasquet, A., Henry the Eighth and the English Monasteries 

(A. 0. Meyer) 144 



Inhalt. V 

Seite 
Gentz and Wessenberg. Briefe des Ersten an den Zweiten. Mit- 
geteilt von A. Pournier (F. C. Wittichen) 115 

Ginzel, F. E., Handbuch der mathematischen und technischen Chro- 
nologie (Weißbach) 360 

G ob ine au, C** de, Deux ^tudes sur la Gräce moderne (Stern). . . . 439 

Greving, J., Johann Eck als junger Gelehrter (0. Clemcn) 142 

Gros eh, G., Das spätmittelalterliche Niedergericht auf dem platten 

Lande am Mittelrhein (Caro) 138 

Grotenfeld, Die Wertschätzung in der Geschichte (v. ßelow) . . . . 273 

Grupp, Kulturgeschichte der römischen Eaiserzeit (Schulz) 89 

Günther, F., Die Wissenschaft vom Menschen (Hashagen) 571 

Gulik, W. van, Johannes Gropper (1603— 16Ö9) (Fripdensburjr) .... 142 
Hartmann, M., Geschichte der Handwerkerverbände der Stadt Hil- 

desbeim im Mittelalter (Sander) 185 

Härtung, F., Hardenberg und die preußische Verwaltung in Ansbach- 

Bayreuth (Darmstaüter) '. 408 

Hasenclever, A., Die kurpfälzische Politik in den Zeiten des schmal- 

kaldischen Krieges (Ernst) 144 

Hauck, K., Die Briefe der Kinder des Winterkönigs (Helmolt). . . . 606 
Hennig, B., Die Kirchenpolitik der älteren HohenzoUem in der Mark 

Brandenburg (Curschmaim) 245 

Herme link, H., Die theologische Fakultät in Tübingen vor der Re- 
formation (Krnst) 288 

Heussi, K., Johann Lorenz Mosheim (Hashagen) 406 

Heussi, K., Kompendium der Kirchengeschichte 1 (Werminghoff) . . . 596 

Hitzig, £., D. Ernst Constantin Ranke (Hashagen) 609 

Hoede, K., Die sächsischen Rolande (Werminghoff) 287 

Hofordnungen, Deutsche, des 16. und 17. Jahrhunderts. Hrsg. von 

A. Kern. Abt. 2. Bd. 2 (Kretschmayr) 287 

Hubert, H. S. A., A history of slavery in Cuba (Haebler) 405 

Jaique Dex, Die Metzer Chronik des, über die Kaiser und Könige 

aus dem Luxemburger Hause. Hrsg. von G. Wolfram (R. Holtzmann) 186 

Jansen, M., Die Anfänge der Fugger (Strieder) 435 

Ilgen, Tb., Die Entstehung der Städte des Erzstifts Köln (Rietschel) . 404 

Jung, J., Julius Ficker (Redlich) 293 

Kaeber, E., Die Idee des europäischen Gleichgewichts in der publi- 
zistischen Literatur (Herre) 386 

Kaiser, F., Der kirchliche Besitz im Arrondissement Aachen gegen 

Ende des 18. Jahrhunderts (0. Redlich) 407 

Kalkoff, F., Ablaß und Reliquien Verehrung an der Schloßkirche zu 

Wittenberg (G. Müller) 285 

Kemmerich, M., Die frühmittelalterliche Porträtmalerei in Deutsch- 
land (v. Vitzthum) 183 

Koch, H., Geschichte des Seidengewerbes in Köln (Kuske) 661 

Koht, H., Die Stellung Norwegens und Schwedens im deutsch- 
dänischen Konflikt (Kaufmann) 585 



VI Inhalt. 

Seite 

Krabbo, H., die ostdeutschen Bistümer besonders ihre Besetzung 

unter Kaiser Friedrich IL (v. Srbik) *j7 

Krieger, A., Topographisches Wörterbuch des Großherzogtum r Baden. 

2. Aufl. Bd. 2 («CRchornor) 237 

Küntzel, Q., Thiers und Bismarck, Kardinal Bcrnis (Kaufmann > . . . 264 

Kugler, F. X., Sternkunde und Stomdienst in Babel OVciObnch) . . . 360 
Landtagsakten von Jülich - Berg. Hrsg. von G. y. Below Bd. 2 

(0. K. Kodlich) 436 

Legendre, F., l^tudes Tironiennes (Tangl) 277 

Maring, J., DiÖzcsansynoden und Domherren-Generalkapitel des Stifts 

Hildesheim (Ki»ussen) 137 

Markgraf, B., Das moselländische Volk in seinen Weistümem (KoriiL-) 104 
Martin de Alpartils, Chronica actitatorum temporibus Domini 

Beuedicti XIIl. Hrsg. von F. Ehrle (Scholz) 91» 

Marwitz, Friedrii'h August Ludwig von der, Ein märkischer Edel- 
mann im Zeitalter der Bf^freiungskriege. Hrsg. von F. Mensel (Ha.ikt) 577 
Matrikeln der Universität Tübingen. Hrsg. von H. Hermelink Bd. 1 

(KouKseu) 138 

Meiche, A., Die Burgen und vorgeschichtlichen Wohnstaiten der 

sächsischen Schweiz asröDlor) 428 

Meier, E. y., Französische Einflüsse auf die Staats- und Uechtseut- 

wicklung Preußens im XIX. Jahrhundert Bd. 1 (0. Mavcr) .... 258 

Mennung, A., Jean Frauvois Sarasins Leben und Werke ^L. Krüukel) 147 
Merobaudis, Fi., rcliquiae, Blossii Aemilii Dracontii carmiua, Eugenii 

Toletani episcopi carmina ed. F. Vollmer (F. Marx) 373 

Meyer von Knonau, G., Jahrbücher des Deutschen Keiches unter 

Heinrich IV, und Heinrich V. Bd. 6 (Scliiiiei«ller) 95 

Michael, W., Cromwell. 2 Bde. (Monti) 607 

Miliard, E., Uno loi hiittorique 3. 4 (Boruhoim) 528 

Mitteilungen des K. u. K. Heeresmuseums in Wien Hft. 3 M.iebe) . 284 

Mitteilungen über rOmische Funde in Heddemheim. 4 ^s'ötho). . . 531 
Möller, W., Lehrbuch der Kirchengeschichte Bd. 3. Bearb. von G. 

Kawerau i^Hou<si'i 486 

Molinier, A., Les sources de Thistoire de France. 6. .^Werminirluiff 588 

Mommsen, Th., Historische Schriften. 2. (0. TU. Schuli) 694 

Monod, B., Essai sur les rapports de Pascal II avec Philipp 1. 

^Moyor von Knonau^ 3j>5 

Monumenta Vaticaua re^ gestas Bohemicas illustrantia tom. 2 ed. 

J. F. Koväk ,Worunsk>) 432 

Notthaft, A. Frhr. v.. Die Logende von der Altertums-Syphilis .LKr.- 234 
Pastor. L., Geschichte der Pilpste seit dem Ausgang des Mittel- 
alters Bd. 4 ;Frioüensburjr' 565 

Philippson, A., Das Mittelmeergebiot. 2. Aufl. vrjirts..!r 275 

Piccolomini, P., La vita e roj^eni di Sigismondo Tizio ,iv.:v:i . . 404 

Po np ardin, R., Lo royaumo de Bourgogne vMo>or \. Kti.viasr .... 59;» 

Kattcbronik, Die Zerl^ter. Hrsg. und über«, von Waschke v'.-'3Ur 601 



Inhalt. VII 

Seite 

Reu, J. M., Quellen zur Geschichte des biblischen Unterrichts (Wolf) 247 
Bosenlehner, A., Korfürst Karl Philipp von der Pfalz und die jülich- 

sche iVage 1726—1729 (Hashagen) 891^ 

Schäfer, D., Die Hanse (Hashagen) 185 

Schäfer, D., Weltgeschichte der Neuzeit. Bd. 1. 2. (G. Kaufmann). . 556 
Schillmann, F., Beiträge zum Urkunden wesen der älteren Bischöfe 

von Cammin (Salis) 403" 

Schmidt, Charles, Les sources de Thistoire de France depuis 1789 

aux Archives Nationales (Wahl) 291 

Schmidt, Erich, Deutsche Volkskunde im Zeitalter des Humanismus 

und der Reformation (Joachimsen) 141 

Schnürer, G., Franz von Assisi (Götz) 240 

Schulz, 0. Th., Das Kaiserhaus der Antonine und der letzte Histo- 
riker Roms (Mau) 596 

Seil, E., Katholizismus und Protestantismus (GrQtzmacher) 603 

Seraphim, E., Geschichte von Livland Bd. 1 (Hötzsch) 131 

Simons feld, H., Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Friedrich I. 

Bd. 1 (Schambach) 64a 

Skalweit, A., Die ostpreußische Domänen Verwaltung unter Friedrich 

Wilhelm I. (Hötzsch) 2Ut> 

Smith, P., Luther's Table Talk (Kroker) 287 

Smolka, St. v., Erinnerungen an Leo XIII. (Götz) 295' 

Sponsel, J. L., Fürsten-Bildnisse aus dem Hause Wettin (Haake) . . 140 
Stadtbuch, Das zweite Stralsundische, 1310—1342. Hrsg. von 

R. Ebeling (Keutgen) 282 

Stadtbücher, Züricher, des XIY. und XV. Jahrhunderts. Hrsg. von 

H. Nabholz. Bd. 3 (Keutgen) 24a 

Stadtrechte von Freiburg im Üchtland und Arconciel-ÜIens. Hrsg. 

von R. Zehntbauer (v. Loesch) 278 

Stamm, E., Konstantin Frantz* Schriften und Leben I. (Gocttu) . . . 293 

Tome, P. 0. V., Ptolem^e Gallio Cardinal de Cöme (Seh) bergson) . . 145 

Triepel,H., Unitarismus und Föderalismus im Deutschen Reiche (Rehm) ^9& 
Urbare der Abtei Werden an der Ruhr. Hrsg. von R. Kötzschke. 

Bd. 1 (Keussen) 383 

Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte des Kurfürsten Friedrich 

Wilhelm von Brandenburg Bd. 19. Hrsg. von Ferd. Hirsch (V. Loewe) 608 
Urkundenbuch des £[losters Paulinzelle hrsg. von E. Anemüller. 

Hft. 1. 2 (v. Kauffungen) 430 

Urkundenbuch, Hamburgisches. Hrsg. von J. M. Lappenberg. 

Bd. 1 Anastatischer Neudruck (Gurschmann) 402 

üsener, H., Vorträge und Aufsätze <Mogk) 593 

Visitationsberichte der Diözese Breslau, Archidiakonat Glogau 

TL 1. Hrsg. von J. Jungnitz (G. Müller) 28a 

Voltelini, H. v., Immunität, grund- und leibherrliche Gerichtsbarkeit 

in Südtirol (Rörig) 379 

We her, W., Untersuchungen zur Geschichte des Kaisers Hadrianus (Mau) 59 & 



VIII Inhalt. 

Seit« 

Wilhelm von Baden, Denkwürdigkeiten des Markgrafen, Bd. 1. 

Bearb. von K. Obser (Waas) 2r>l 

Wille, J., Elisabeth Charlotte, Herzogin von Orleans (llelmolt) . . 438 
Willers, H., Neue Untersuchungen über die römische Bronzeindustrie 

von Capua und von Niedergermanien (NutUe) 426 

Wimmer, J., Deutsches Pflanzenleben (B»schornen 36G 

Wimmer, J., Geschieht« des deutschen Bodens (Beschomer) 36t> 

Winckler, H., Religionsgeschichtlicher und geschichtlicher Orient 

i;Loipoldt) 129 

Wintterlin, Geschichte der Behördenorganisation in Württemberg^. 

Bd. 2 (Seidlor) 260 

Wintzingeroda-Enorr, L. Frhr. v.. Die Wüstungen des Eichsfeldes 

(Curschninuii) 376 

Nachrichten und Notizen. 

Historische Kommissionen, Gesellschaften, Vereine, Institute: 
Forschungen zur Geschichte der neuhochdeutschen Schriftsprache S. 265. — 
Gesellschaft für Fränkiäche Geschichte 687. — (Jesellschaft für Rhei- 
nische Geschichtskunde 686. — Kgl. IVeußisches Institut in Rom 409. — 
Badische Historische Kommission 267. — Historische Kommission der 
Stadt Frankfurt 151. — Historische Kommission für Hessen und Waldeck 
266. — Historische Kommisaion zur Herausgabe Lothringischer Geschichts- 
quellen 148. — Kommission für neuere Geschichte Österreichs 150. — 
Kgl. Sächsische Kommission für Geschichte 119. — Historische Kom- 
mission für die ProN-inz Sachsen und das Herzogtum Anhalt 589. — 
Historische Landeskommission für Steiermark 268. — Württembergische 
Kommission für Landesgeschichte 588. — Konferenz von Vertretern 
landesgeschichtlicher Publikationsinstitute 118. — Internationaler Kongreß 
für historische Wissenschaften in Berlin 417. 

Zeitschriften: Hohenzollernjahrbuch 612. 

Neu eingegangene Werke: 271. 

Preisaufgaben: 266. 410. 

Erwiderungen: Bärge gegen Hennelink 120. — Markgraf gegen Hörig 
411. — Stamm gegen Goette 616. 

Personalien: 120. 152. 270. 296. 410. 440. 591. 614. 

Todesfalle: Adler 296. Asbach 152. Baldamus 616. Buecheler 296. 
Oredner 296. Ellendt 592. Erhardt 271. Hasse 162. E. H. Mejer 152. 
Paulsen 440. v. Raab 271. Wrede 296. 

Bibliographie zur deutschen Geschichte bearbeitet von Oberbibliothekar 
Dr. Oskar Maßlow in Bonn. 



Albizzi und Medici. 

Ein Kapitel florentinischer Geschichte. 

Von 

Moritz Brosch. 

Als die im Jahre 1378 obenauf gekommene Ochlokratie noch 
in demselben Jahre gestürzt worden, fiel die Herrschaft über die 
Republik an die niederen Zünfte. Und dies mehr dem Namen als 
der Sache nach. Aus Reihen dieser Zünfte, welche so eigentlich 
das Kleingewerbe und den Mittelstand repräsentierten, wurden die 
Prioren gewählt, die oberste Regierungsbehörde in Stadt und 
Staat. Tatsächlich allerdings standen die Prioren jetzt nicht so sehr 
unter dem Einfluß der Yolksklassen, aus denen sie hervorgegangen 
waren, als unter Führung höher gestellter Bürger, wie Benedetto 
degli Alberti, Tommaso Strozzi und Giorgio Scali, die es zu 
lenken wußten, daß Diktate ihres eigenen Interesses als souTcnLne 
Entschlüsse des Volkes angesehen und in Geltung gesetzt wurden. 
Die neue Ordnung läßt sich übrigens dahin charakterisieren, daß 
die Machthaber durch Anwendung von Gewalt den ihnen drohen- 
den Gefahren zu begegnen suchten, womit sie nur den Samen 
ausstreuten, dem größere, den Bestand ihres Schreckensregimentes 
unterwühlende Gefahren entsprossen sind. Es war ein System, 
das den Keim des Verfalles in sich selber trug und in Stücke 
gehen mußte, als die drei Parteihäupter, die seit 1378 neben und 
über den Prioren die Macht innegehabt, nicht mehr einig zu- 
sammenhielten. Zwei von ihnen, der Scali und der Strozzi, beuteten 
die Demokratie aus, von der sie nur Handlangerdienste auf dem 
Staatsschiff verrichten ließen, während sie selbst das Steuer führten. 
Wer den beiden im Wege stand, wurde verfolgt und von ihren 
Spionen umlagert, die auszuspüren hatten, was verdächtig war 
oder als verdächtig ausgegeben werden konnte. Benedetto degli 
Alberti, der anfänglich gemeinsam mit den zweien gewirkt, aber 
binnen kurzem dieser Gemeinschaft entsagt hat, war aus anderem 

Hittor. Viertaljahrichrift. 1908. 1. 1 



2 Moritz BroBch. 

Stoffe als sie: er wollte ihre Ränke und Gewaltschritte nicht 
weiter mitmachen und den Herrschergelüsten^ denen sie insgeheim 
fröhnten, nicht Vorschub leisten. 

Die Zwietracht brachte eine Krisis zur Reife. Scali und 
Strozzi hatten einen ihrer Spione, der wegen böswilliger An- 
schwärzung harmloser Bürger in Haft genommen worden, durch 
Einbruch ins HafÜokal befreit. Wegen dieser völlig rechtswidrigen 
Befreiung des der Menge ohnedies verhaßten Spions brach Ent- 
rüstung im Volke aus, und die Prioren, begierig die Vormund- 
schaft abzuwerfen, in der sie von den zwei Parteihäuptem ge- 
halten wurden, machten sich die höchlichst aufgeregte öffentliche 
Stimmung zunutze. Sofort wurde von ihnen die Verhaftung 
Scalis wie Strozzis verfügt; der erstere in Haft genommen, während 
der letztere entschlüpfte. Dann erfolgte eiligst die Eröffnung des 
Prozesses wider Scali als Friedensbrecher — ein Prozeß, der 
kurzerhand mit einem Todesurteil schloß, zu dessen Vollstreckimg 
man schon am nächsten Tage geschritten ist. Das gleiche Los 
traf einige Anhänger und Spione des Hingerichteten, welche die 
Volkswut als Opfer heischte. 

Es ist fraglich, ob diesem summarischen Verfahren Benedetto 
degli Alberti zugestimmt hat, außer Frage aber, daß die Regierung 
der Prioren sich zu solchem nur aus dem Grunde entschlossen 
hat, weil sie sicher war, die höheren Zünfte gegen die niederen 
ausspielen zu können. Letzteren hatte die in ihrem Namen durch 
drei Jahre anhaltend betriebene Gewaltpolitik geschadet; erstere 
waren inzwischen zu Kräften gelangt. Am Tage der Enthauptung 
Scalis erschien die mächtige Wollenzunft, der zahlreiche Popo- 
lanen der höheren Volksklassen sich angeschlossen hatten, in 
Waffen vor dem Signorenpalast und erzwangen von den vielleicht 
nur zum Scheine widerstrebenden Prioren die Einsetzung einer 
außerordentlichen Kommission (balia), welche den Staat zu refor- 
mieren habe. Schon am nächstfolgenden Tage hat diese Kom- 
mission ihre Entscheidung getroffen, die von der bewaffneten An- 
hängerschaft der Wollenzunft unverweilt ins Werk gesetzt wurde. 
Die also festgestellte neue Ordnung der Dinge umfaßte nach- 
stehende Bestimmungen: das Priorat habe fortan aus vier Mit- 
gliedern der sieben oberen Zünfte und vieren der vierzehn unteren 
zu bestehen; zum Bannertrilger der Justiz sei stets nur ein Mit- 
glied der oberen Zünfte wählbar; die zwei im Jahre 1378 neu- 



Albizzi und Medici. 3 

gebildeten untersten Zünfte werden aufgelöst und der Wollenzunft 
eingeordnet; die seit Juni desselben Jahres Eingekerkerten und 
Verbannten seien in ihre vollen Rechte eingesetzt, konfiszierte 
Güt€r ihnen herausgegeben und die Rückkehr nach Florenz den 
Verbannten gestattet.^ — Demzufolge mußte die Macht über die 
Republik an die Volksklassen fallen, die in den oberen Zünften 
vertreten waren, an den vom Bürgertum absorbierten Rest des 
alten Adels und die vornehmen Popolanen. Diese über die Zu- 
kunft des Staates und das fernere Schicksal der florentinischen 
Demokratie entscheidende Wendung hat sich im Januar 1382 
voUzogen. 

Kaum daß die neue Regierung eingesetzt worden, verbannte 
sie 80 ihr unbequeme Personen. Sie war erst drei Wochen im 
Amte und die übermächtige Wollenzunft erwirkte abermals eine 
Verfassungsänderung: die Zahl der Mitglieder, welche die oberen 
Zünfte ins achtköpfige Priorat zu stellen hatten, ward von vier 
auf sechs vermehrt. Anfang März kam es zu neuen Verbannungen, 
und einer der Getroffenen war Michele di Lando, der Überwinder 
der Ochlokratie, jetzt das Opfer, das die oberen Zünfte auf dem 
Altar ihres Parteihasses brachten, zugleich ein Beispiel schreien- 
den Undanks.' 

Wie ehedem nahm also der Klassenkampf seinen einförmig 
trostlosen Verlauf, wie ehedem war von Achtung des Rechtes nie 
die Rede und Gewaltherrschaft immerdar das Bleibende im Wandel 
der Zeiten. Ein Novellendichter, der in jenen Tagen schrieb, hat 
diesem Tatbestand drastischen Ausdruck gegeben; eine der Ge- 
schichten, mit denen er Stimmung und Zustände seiner Vaterstadt 
genau wiederspiegelt, beginnt wie folgt*: „Ridolfo von Camerino 
(Feldhauptmann der Florentiner) frug einen seiner Neffen, der in 
Bologna durch zehn Jahre die Rechte studiert hatte und ein 
tüchtiger Jurist geworden war: was hast du in Bologna gemacht? 

^ Den vollen Wortlaut dieser Anordnungen gibt nach Urkunden des 
Florentiner Staatsarchivs 6. Capponi, Storia della Hepubblica di Firenze, 
Florenz 1876, Bd. 1, Append. N. IX. 

* Von Michele di Lando sagt der zeitgenössische L. Bruni, später 
Staatakanzler der Kepublik: „Wäre nicht die Tüchtigkeit und Beharrlich- 
keit des Gonfaloniere Michele gewesen, so würde es zur Vernichtung der 
Stadt gekommen sein.^' Leonardo Aretino (Bruni), Istoria Fiorentina, 
Fircnze 1861, p. 478. 

» Franco Sacchetti, Nov. 40. 

1* 



4 Moritz BroBch. 

Dieser antwortete: Ich habe, Messer, die Rechte studiert. Ridolfo 
sagte darauf: Du hast deine Zeit übel angewendet. Dem jungen 
Manne kamen die Worte gar seltsam vor und er frug: weshalb, 
mein Herr? Und Messer Ridolfo sagte: Du hättest Gewalt studieren 
sollen, die gilt zwei für eins. Der junge Mann lächelte, aber er 
und die anderen, die es angehört hatten, dachten reiflich darüber 
nach und sahen ein, daß wahr sei, was Messer Ridolfo gesagt 
hatte." 

Das Jahr 1383 war ein Pestjahr, das alle mit Schrecken er- 
füllend einen Stillstand im Parteieukampf bewirkte, dessen Wieder- 
aufleben im nächsten Jahre durch ein frohes Ereignis unterbrochen 
ward — wie etwa ein hoher Lotteriegewinn die Zwietracht inner- 
halb einer Familie auf einige Zeit verschwinden macht. 

Als Rächer der durch Karl von Durazzo entthronten Königin 
Johanna von Neapel war ihr Adoptivsohn und Erbe, Ludwig von 
Anjou, mit Waffengewalt nach Italien gekommen, wo auch Nach- 
schub aus Frankreich zu ihm stieß, eine unter Befehl Enguerrands 
von Coucy stehende Truppe, die im August nach Toskana vor- 
drang und das bei Florenz naheliegende Arezzo besetzte. Da je- 
doch Ludwig von Anjou im September starb, wußte Enguerrand 
nichts Klügeres anzufangen, als Arezzo den Florentinern um 
40000 Goldgulden zu verkaufen. Heller Jubel brach darüber in 
Florenz aus; die oberen Zünfte konnten sich jetzt als Mehrer des 
Staates geberden und als solche um so gewalttätiger im Innern 
verfahren. Sie beeilten sich übrigens keineswegs, aus der ihnen 
also geglückten Erhöhung ihres Ansehens Kapital zu schlagen, 
sondern ließen den Dingen Zeit zur Reife. 

Erst 1387 holten sie zu einem ihrer schmählichsten Gewalt- 
streiche aus, den sie ohne Schwierigkeit durchführten. Den 
niederen Zünften wurde ihr Einfluß auf die Regierungsgeschäfte 
völlig aufs Minimum eingeschränkt, den oberen bei der Besetzung 
aller Staatsämter ein Löwenanteil gesichert. Die Wahlbeutel, aus 
denen die Amtskandidaten gelost wurden \ füllte man jetzt nur 

^ Dies yenrnnftwidrige Verfahren hatte schon der damals in Angehen 
stehende Aristoteles verurteilt; er lehrte: „Eine obrigkeitliche Person durchs 
Los ernennen ist gerade so, als wenn ein Schiffsherr, der eines Steuer- 
mannes bedarf, es auf das Los ankommen ließe, welcher von seinen Matrosen 
es zu sein habe, statt daß er mit Fleiß den allertauglichsten dazu aussuchte/' 
Bhetor. L. 2, c. 20. — In Florenz war die Losziehung aus den Wahlbeuteln 



Albizzi und Medici. 5 

mit Namen von Personen, auf welche die Regierungspartei sich 
unbedingt verlassen durfte. Hiemit nicht genug, es wurde neben 
dem allgemeinen ein besonderer Wahlbeutel (borsellino) angeordnet, 
aus dem bei jeder Wahl zwei Prioren zu ziehen waren, imd in 
diesen Beutel wurden bloß die Namen wetterfester Anhänger des 
bestehenden Regiments gelegt. Die Losziehung ist also zu einem 
Werke der Taschenspielerkimst gemacht worden, das der herrschen- 
den Partei ebenso zu Gewinne ausfallen mußte, wie dem Bank- 
halter am Tische einer Roulette der Einsatz der Spieler. Alles 
spitzte sich auf Befestigung der Oligarchie vornehmer bürger- 
licher Geschlechter zu, die selbst die Feindschaft mit anderen 
ihresgleichen nicht scheuten und aus Niederhaitung der unteren 
Volksklassen ihren Profit zogen. Der Stil, in dem diese Oli- 
garchen gearbeitet haben, ist an der Methode ersichtlich, wie von 
ihnen eine angesehene, im Volke äußerst beliebte Familie zu- 
grunde gerichtet wurde. 

Das Geschlecht der Alberti war in (fer zweiten Hälfte des 
12. Jahrhunderts aus der apenninischen Hügellandschaft des Ca- 
sentino in Florenz eingewandert, wo es später durch Bank- und 
Handelsgeschäfte zu großem Reichtum gekommen ist. Unter 
seinen vielen Sprößlingen war der oben erwähnte Benedetto Alberti, 
in welchem die zur Macht gelangten Oligarchen einen Abtrünnling 
aus den oberen Klassen sahen und haßten. Insbesondere traf ihn 
der Haß des leitenden Geistes der Oligarchie Masos degli Albizzi. 
Außerdem lockten seine Reichtümer zur Konfiskation an. Im 
Jahre 1387 ward er auf nichtigen Vorwand hin beschuldigt, eine 
Schar Bewaffneter in seinem Hause versteckt zu halten und auf 
Umsturz der Republik zu sinnen. Nach gewohntem Brauche, oder 
eigentlich Mißbrauch, wurde eine außerordentliche balia zusammen- 
gesetzt, die das Verbannungsdekret wider ihn schleuderte. Über- 
dies wurde allen Mitgliedern der Familie Alberti, ein einziges 
ausgenommen, die Fähigkeit, ein Amt zu bekleiden, abgesprochen. 
Die Verfolgung hielt damit nicht inne; sie erstreckte sich auf 
Anhänger der Partei, die Benedetto im Volke gefunden hatte. 
Dreizehn Jahre später lenkte sich der Verdacht selbst auf den 
bis dahin verschont gebliebenen Antonio degli Alberti, auch er 

seit Ende des dritten Dezenniums des 14. Jahrhanderts obligatorisch ge- 
worden und ist es geblieben; s. Salvemini, Magnati e Popolani in Firenze, 
Florenz 1899, p. 164. 



6 Moritz BroBch. 

wurde in Verbannung geschickt. Während der Jahre von 1393 
bis 1420 kam es dann wiederholt zur Erneuerung und Verschärfung 
der gegen das Haus Alberti erflossenen Dekrete: das Hab und 
Gut der Familie wurde konfisziert, das Leben einzelner Glieder 
derselben für verwirkt erklärt, so daß ein Meuchelmord an ihnen, 
selbst von verurteilton Verbrechern begangen, straflos bleibe und 
dem Täter durch Auszahlung eines Preises gelohnt werde. Erst 
nachdem die Medici sich der Republik bemächtigt hatten^ durften 
die Alberti wieder nach Florenz zurückkehren. Sie haben da 
keine politische Holle mehr gespielt, und ihr Geschlecht erlosch 
im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts. Ein Anfang des fünf- 
zehnten nach Frankreich geflüchteter Zweig desselben blüht noch 
heute und führt den Herzogstitcl derer de Albertis de Luynes^. 
Doch unter allen Alberti hat ein einziger, Leon Battista, Enkel 
des im Jahre 1387 verbannten Benedetto, sich strahlenden Ruhm 
erworben — ein Ruhm, den seine Bauwerke in Italien der Welt 
verkünden, seine Schriftwerke oft verstärken und nie abschwächen. 

Wie mit den Alberti verfuhr die herrschende Gewalt auch 
mit anderen, die ihr gefährlich schienen oder Verdacht erregten: 
sie wurden ins Exil geschickt^ durch Konfiskationen beraubt. 
Verarmung war das Los der Überwundenen, Bereicherung das 
des Siegers. Wenn der Geist der Auflehnung ein Lebenszeichen 
gab, sorgte die Regierung im Vereine mit den von widerhaarigen 
Elementen gesäuberten oberen Zünften für eine gründliche Re- 
pression, und um vor jeder Überraschung sicher zu sein, hat sie 
eine stehende Miliz angeworben. Selbst die kriegerischen Wirren, 
in die Florenz zimächst verflochten wurde, haben an dem Gefüge 
der Oligarchie nichts gelockert. 

Gian Galeazzo Visconti hatte im Mai 1385 durch Gefangen- 
nahme, vielleicht auch Ermordung seines Oheims Bemabö den 
Gesamtbesitz des Hauses Visconti in seine Hand gebracht. Daß 
er aus dem Mailändischen nach Süden und Osten ausgreifen wolle, 



^ Ein Herzog dieoe'^ Namen» ermöglichte dus Erscheinen des Pracht- 
Werkes: L. Passcrini, Gli Alberti di Firenze, Gencalogia Storia e Docu- 
menti, Firenze 1869. In dieses Herzogs Auftrag und auf seine Kosten hat 
feiner Huillard-Breholles die Historia diplomatica Friderici secuudi 
unternehmen und vollenden können. Somit ward dem großen Staufer ein 
unvergängliches Monument gesetzt von einem französischen Schriftsteller, 
unter Mithilfe eines französischen Herzogs. 



Albizzi und Medici. 7 

ward sofort klar, daß er nach der Königskrone von Italien strebe, 
glaubten manche Florentiner. Aus dem Griauben schien insofern 
ein Wissen zu werden^ als Gian Oaleazzo sich Veronas bemächtigte, 
in die Streitfragen, die zwischen Siena und Florenz um den Be- 
sitz von Montepulciano ausgebrochen waren, sich einmischte, dann 
im Bunde mit Venedig Padua gewann und so der Herr eines 
norditalienischen Staates geworden war, dessen Gebiet von den 
üferlandschaften des Mittelländischen Meeres bis nahe an den 
Band der Adria reichte. Florenz und das in erster Linie bedrohte 
Bologna gerieten darüber in Schrecken. Sie mußten aber ver- 
zweifeln, es mit dem Visconti, der auch über enorme Geldein- 
künfte verfügte, aus eigener Kraft aufnehmen zu können. Die 
Florentiner schickten ihre Gesandten an den französischen Hof, 
dem sie eine Teilung des viskontischen Besitzes vorschlugen. 
Allein sie mußten erleben, daß Gian Galeazzo seine Tochter Va- 
lentina dem Herzog von Orleans vermählte — ein Eheschluß, 
der das florentinische Teilungsprojekt zunichte machte und die 
Häuser Valois und Visconti um einen weiteren Schritt einander 
näherte. 

Zur Kriegserklärung Galeazzos an Florenz kam es im April 1390. 
Durch zwei Jahre währte der Krieg, mit wechselvollem Glück für 
beide Teile. Im Anfang gestaltete er sich günstig für die Floren- 
tiner. Ihr Feldhauptmann, der Engländer John Hawkwood, ent- 
setzte das bedrohte Bologna und drang über Modena, Parma und 
Beggio an die mailändische Grenze vor. Der durch florentinisches 
Geld angelockte Herzog Stefan von Bayern war mit einer Streit- 
macht über die Alpen gekommen und plante nichts Geringeres, 
als die Vertreibung Gian Galeazzos, an dessen Stelle er den Karl 
Visconti, Sohn des gestürzten Bemabö, als Herrscher von Mailand 
einsetzen wollte^ Vor Schluß des ersten Kriegsjahres trug sich 
Florenz sogar mit der Hoffnung, daß der französische Graf 
von Armagnac mit einer Schar seiner Freibeuter nach Italien auf- 
brechen werde, um die zwischen ihn und Hawkwood genommenen 
Mailänder Streitkräfte zu zermalmen: große Summen fiorentinischen 
Geldes waren ihm teils versprochen, teils schon ausgezahlt worden. 
— Der zweite Feldzug begann mit einer schlimmen Vorbedeutung 



' Vgl. H. Simons feld, Beiträge zur Bayer, und Münchener Gre- 
schichte, in den Sitzungsberichten der Bayer. Akademie, 1896. 



8 Moritz BroBch. 

für Florenz. Stefan von Bayern hatte, wegen Differenzen über 
den Eriegsplan und die ßeldaasschüttiiug oder vom Galeazzo be- 
stochen, sich nach Deutschland davongemacht. Der Graf von 
Armagnac kam wohl fiber die Alpen bis Alessandria, wo er, den 
Gegner unterschätzend, von Jacopo del Verme, Graleazzos erprobtem 
General, überrascht und die Seinen zersprengt wurden. Die 
Sieger wandten sich dann gegen Hawkwood, der nach Zurück- 
weisung eines ihrer Angriffe ins Paduanische entkam. Gian Ga- 
leazzo, der den Stier bei den Hörnern gefaßt haben wollt«, ordnete 
hierauf den Vormarsch Jacopos del Verme gegen Florenz an. 
Eilig rückte, um diesem zu begegnen, Hawkwood nach einem 
schwierigen Übergang über die Etsch ins Toskanische- Durch 
Hilf s Völker aus Bologna verstärkt, nötigte der Engländer den vor 
Pistoja stehenden Feind mittels geschickter Manöver zum Rück- 
zug und brachte der Nachhut del Vermes schwere Verluste bei. 
Inzwischen hatte sich der Herbst eingestellt und waren die 
Kriegführenden des Kampfes müde geworden. Florenz empfand 
bitter die drückenden Geldausgaben, die schon im Laufe der Mo- 
nate vor Armagnacs Niederlage auf 1 260000 Goldgulden gestiegen 
waren.^ Auch Gian Galeazzo hatte an schwerer Last der Kriegs- 
kosten zu tragen. Beide Teile waren also friedlich gestimmt und 
schenkten dem Dogen Adorno von Genua als Friedensvemiittler 
Gehör. Im Dezember erschienen die Bevollmächtigten der Re- 
publik und ihrer Bündner wie auch die Galeazzos in der liguri- 
schen Hafenstadt. Die Feststellung der Friedensbedingungen wurde 
einem Schiedsgericht überlassen, dessen Spruch obligatorische 
Wirkung habe: es bestand aus dem Dogen von Genua, dem Groß- 
meister von Rhodus und vier genuesischen Bürgern. Aus den 
Verhandlungen vor diesem Gerichte* ist ein eigentümlicher Zwischen- 
fall hervorzuheben. Die Vertreter Ghdeazzos machten einmal 
geltend: das Recht zur Herrschaft über das Mailändische habe 
ihr Gebieter nicht durch Erbschaft erworben, wie etwa den Be- 
sitz eines Landguts; es stamme vielmehr aus der feierlichen Über- 



* Diese für jene Zeit enorm hohe Summe gibt L. Bmni auf Grund 
von Registern der Finanzkammer, s. Leonardo Aretino, 1. c. p. 536. 

' Die Akten über dieselben gibt beinahe vollständig Kousset, Suppl^m. 
au Corps diplomat, I, 2 pp. 229 ff. Eine klare Darstellung des Ganges der 
Verhandlung findet sich bei G. Romano, Niccolb Spinelli da Giovinaz/.o^ 
Diplomatico del See. XIV. Napoli 1902, pp. 401 sq. 



Albizzi und Medici. 9 

traguDg, mittels der die Bürgerschaft Ton Mailand ihre eigene 
Sonveränetät dem Neffen des Bischofs Giovanni Visconti abge- 
treten habe. Es ist wohl das erstemal in der mittelalterlichen 
Geschichte; daß anf einem Friedenskongreß das Dogma der Volks- 
souYeranetat zur Sprache kam. 

Am 20. Januar 1392 fällte das Schiedsgericht seinen Spruch^ 
der im wesentlichen dahinging, daß der Carrara, der im Kriegs- 
lauf sich Paduas bemächtigt hatte, es gegen Tributzahlung an 
Gtdeazzo behalten solle; daß femer die während des Kriegs beider- 
seits eroberten Plätze dem früheren Besitzer herauszugeben seien 
und fortan weder Gian Galeazzo in toskanische, noch Florenz in 
lombardische oder trevisanische Angelegenheiten sich eine Ein- 
mischung erlauben dürfen. Die Florentiner und der Gebieter 
von Mailand fugten sich dem Spruch; erstere aber klagten, 
schwerlich mit Grund, die Schiedsrichter hätten parteiisch für 
Galeazzo des Amtes gewaltet. 

Während der Dauer eines Jahres und weiterer sieben Monate 
nach dem Frieden ließ sich alles in Florenz ziemlich ruhig an. 
Doch im September 1393 hielten die Oligarchen die Zeit für ge^ 
kommen, gegen jedwede Anfechtung ihres Besitzes der Gewali 
die ausgiebigste Sicherung zu treffen. Bannerträger der Ge- 
rechtigkeit war Maso degli Albizzi, ein Mann von außerordent- 
licher Tatkraft und gediegen realpolitischem Erkenn tnisvermögen^ 
den aber wilder Haß gegen das Haus Alberti erfiillte. Die Ge- 
legenheit, diesem Hasse Genüge zu tun, bot sich nun von selbst 
dar, oder sie wurde vielleicht durch Maso heraufbeschworen. Im 
Oktober lief die Anzeige ein, daß zu Bologna weilende Verbannte 
im Bunde mit Florentiner Bürgern an einer Verschwörung spinnen^ 
die den Sturz der Oligarchen im Ziele habe \mi die niederen 
Zünfte wieder zu Herren des Staates machen wolle. Eine Unter- 
suchung ward eingeleitet, und sie hat ergeben, daß durch Tortur 
Anklagen erpreßt wurden, auf deren Grund man die Beschuldigung 
erhob: es hätten mehrere Alberti, denen jenes frühere Dekret bloß 
die Amtsfähigkeit abgesprochen, an der Verschwörung teilgenommen. 
Als diese Alberti hierauf ins Verhör gezogen wurden, verweigerten 
sie jedes Geständnis und war ihnen auch nichts zu beweisen. 
Allein dabei ließen Maso degli Albizzi und seine Partei es nicht 
bewenden. Der Vorgang hatte in Kreisen des Volkes, bei dem 
die Alberti sich hoher Beliebtheit erfreuten, grollenden Mißmut 



10 Moritz Bro'cli. 

erweckt; jedem heftigen Ausbruch eines solchen zuvorzukommen, 
traf die Regierung ihre Vorkehrung. Eine Balia ward zusammen- 
gesetzt, und sie ordnete sofort Maßregehi der Abwehr an oder, 
besser gesagt, des Angriffs auf das Volk. Die Prioren wurden 
ermächtigt; die Zahl ihrer Söldnerschar zu vermehren und nach 
freiem Ermessen, ohne Einholung der Genehmigung von Seiten 
der verfassungsmäßig zuständigen Autoritäten, Zahlungen auszu- 
schreiben; das Amt eines Bannerträgers der Justiz ward nur 
Bürgern eines Lebensalters von mindestens 45 Jahren für zugäng- 
lich erklärt und schließlich die Rache vollzogen, die Maso den 
Alberti geschworen hatte. 

Es kam zur ersten Verschäi-fung der Maßregeln, die vor sechs 
Jahren über die Alberti verhängt worden. Alle Glieder der Familie, 
den einzigen Anton Alberti derzeit noch ausgenommen, wurden 
nach Gebieten außerhalb Italiens verbannt, der Verkauf ihrer Güter 
oder die Belastimg solcher mit Schulden ihnen untersagt, da die 
Kommune diese Güter schuldenfrei zu konfiszieren sich vorbehielt. 
Der Racheakt war also, man sieht es deutlich, mit dem Vorsatz 
eines Raubzuges verknüpft. Neben den Alberti wußte die von 
Maso geführte Oligarchie sich bei der Gelegenheit anderer zu 
entledigen, die ihr verdächtig waren. Wer immer der herrschen- 
den Gewalt nicht treue Anhänglichkeit bewiesen hatte, dem wurde 
die Fähigkeit, in ein Amt zu treten, abgesprochen; wem sie ge- 
fährlich deuchte, auf den fiel das Los der Verbannung. Li Massen 
strömten fiorentinische Exilierte nach der Romagna und Lom- 
bardei — für Gian Galeazzo ein lebendiges Symptom der Zwie- 
tracht, die in ihrer Heimat herrschte. Es ist begreiflich, daß 
er eine Regierung, die zu solchen Mitteln griff, nicht für stark 
genug hielt, ihm widerstehen zu können, und gegen sie einen 
neuen Krieg im Sinne hatte. 

Dem eigenen Volke gegenüber rüstete diese Kegieiiing freilich 
aufs klüftigste. Nicht nur daß sie neue Söldner angeworben, sie 
ordnete im Jahre 1394, um dieselben wider einen Volksauf lauf 
stets bei der Hand zu haben, den ersten Kasemenbau in Florenz 
an, und dies nahe beim Signorenpalast.^ Dagegen beschränkte 
sie die Zahl der Volksmiliz auf 2000 Mann und verbot dem Rest 
der Florentiner das Waffentragen bei Todesstrafe. So wurden 

* J. Gaye, Carteggio ined. d'Artisti. Firenze ld39, I, 537. 



Albizzi und Medici. 11 

die 6egner mHttgesetzfc, während man für die eigenen Anhänger 
mit Belohnungen herausrückte: zugunsten der Wollenzunft, die 
bei dem Anlaß energisch ftir die Regierung eingetreten war, hat 
diese die Einfuhr ausländischen Tuchs auf die Dauer von fönf 
Jahren verboten. 

So völlig waren Rechtssinn und Tatkraft im ilorentinischen 
Volke nicht erloschen, daß alles solches nicht heftige Aufregung 
hervorgerufen hätte. Die niederen Zünfte gerieten in eine Stim- 
mung, die sie zum Versuche eines Widerstandes hinriß. Ein 
Teil von ihnen zog vor den Signorenpalast, wo er von den Prioren 
durch Verheißungen beschwichtigt wurde; ein anderer zog vor 
das Haus des Vieri de' Medici, ihn auffordernd, er möge die Führung 
der Bewegung übernehmen, um die Stadt von der Tyrannei, die 
unwürdige Bürger ausübten, zu befreien. Die Sache scheint so 
günstig für ihn gestanden zu haben, die Erbitterung war so groß, 
der Anhang der Medici im Volke so zahlreich, daß ein gleich- 
zeitiger Chronist es offen ausspricht, Messer Vieri hätte bei dem 
Anlaß mit leichter Mühe sich zum Herrn der Stadt aufwerfen 
können.^ Doch dieser Medici war nicht der Mann, solches zu 
wollen oder, wenn er es gewollt haben mag, zu wagen. Er 
beruhigte die Menge, bis sie auseinanderging und von der 
herrschenden Oligarchie Zugeständnisse erhoffte, mit denen nie- 
mals Ernst gemacht wurde. Im Gegenteile, die Regierung, die 
den ihr drohenden Aufstand im Sande verlaufen gesehen, schritt 
jetzt um so rücksichtsloser ein zur Reinigung der niederen Zünfte 
von ihr mißliebigen Elementen. Und sie beschränkte sich nicht 
allein darauf: auch in Reihen der oberen Volksklassen fiel ihrem 
Argwohn zum Opfer, wer immer im Gerüche stand, beim Volke 
beliebt zu sein und diese Beliebtheit nützen zu können, um den 
Ring der oligarchischen Geschlechter zu brechen. 

So lange Maso degli Albizzi an der Spitze seiner Genossen den 
Staat lenkte, ward eine Politik verfolgt, die nach auswärts nicht 
ungeschickt operierte und im Inneren, vor Wahrung des Inter- 
esses der niederen Volksklassen nicht immer zurückscheuend, sich 
das Maß des Erreichbaren auferlegte. Als jedoch Maso gestorben 
war ("1417), trieb die Oligarchie, die auch seinem Sohne Itinaldo 

1 P. Minerbetti, Cronaca ad a. 139S, bei Muratori, Scp. Appeiid. 
al vol. U. 



12 Moritz Brosch. 

eine Vorzugsstellung einräumte. Schritt vor Sehritt dem Zeitpunkt 
entgegen, in welchem ihre Gewaltherrschaft von der des Hauses 
Medici abgelöst wurde. 

Florenz war, wie gesagt, recht imzufrieden mit dem Friedens- 
schluß, dem es in Genua auf Grund des schiedsrichterlichen Spruches 
beigetreten war. Es beeilte sich, dem Frieden entgegenzuhandeln. 
Er stand erst im dritten Monat seiner Dauer, und die Florentiner 
schlössen zu Bologna einen Bund mit Faenza, Ferrara, Padua, 
Ravenna und Imola, vorgeblich zu defensiven Zwecken, aber in 
Wahrheit behufs wirksamer Durchkreuzung der Politik Gian 
Galeazzos. Dieser müßte der geriebene Staatsmann, der er war, 
nicht gewesen sein, wenn er einen Gegenzug nicht versucht haben 
würde. Er warb um die französische Allianz — eine Werbung, 
bei der Florenz ihm den Rang ablaufen wollte. Es begann ein 
formliches Wettrennen um Frankreichs Gunst, die beide Teile ge- 
winnen und den Preis dafür mit Unterstützung einer französischen 
Invasion Italiens entrichten wollten. Dieser ihr Willen, dem aller- 
dings nicht Erfüllung wurde, war vorhanden: das ist unzweifel- 
haft, wie es ebenso unzweifelhaft eine hohle Phrase war, weim 
Galeazzo später an florentinische Gesandte die Worte richtete: es 
wäre besser, die Italiener behielten Italien für sich, als daß sie 
Frankreich auf der Halbinsel Fuß fassen ließen. 

So sprach der von König Wenzel zum Herzog erhobene Ge- 
bieter von Mailand, nachdem er durch volle drei Jahre Himmel 
und HöUe in Bewegung gesetzt, um die Franzosen nach Italien 
zu locken. Nicht anders hatten auch die Florentiner sich um 
einen Bund bemüht, mit dem, wenn er zustande gekommen und 
von Erfolg gewesen wäre, die Franzosen ein Stück Landes aus 
Italiens Leibe sich herausgeschnitten hätten. Allein Gian Gale- 
azzo wurde von Frankreich mit einem zu nichts verbindlichen 
Freundschaftsvertrag abgefunden \, und die Florentiner fuhren 
nicht besser. Italien blieb vorerst, von der Besitznahme Genuas 
durch Frankreich abgesehen, von einer französischen Invasion 
verschont. 

Die Machthaber in Florenz waren mittlerweile rastlos bei 
der Arbeit, die Sicherung ihrer Stellung im Innern der Stadt zu 

^ Den Text dieses Vertrags gibt Lünig, Codex Italius diplomati- 
cus. I, 4. 



Albizzi und Medici. 13 

erhöhen. Von ihnen entdeckte oder ersonnene Verschwörungen 
kamen ihnen dabei zustatten. Hinrichtung der nicht immer über- 
wiesenen Verschworenen und Banndekrete in großer Zahl waren 
auf der Tagesordnung. Unter den Verbannten begegnet man 
Gliedern der hochangesehenen Familien Adimari^ Altoviti, Medici, 
Scali, Strozzi, und im Jahre 1396 kam Donato Acciajuoli an die 
Reihe. Der allgemein geachtete Bürger dieses Namens hatte vor 
kurzem nicht wenig dazu beigetragen^ daß Arezzo in Besitz der 
Kommune gekommen war. Seine Verdienste um Florenz waren 
ebenso groß wie die Zahl seiner Anhänger im Volke, gegen dessen 
Mißhandlung durch die herrschende Oligarchie man kräftige Äuße- 
rungen von ihm erzählte. Er hielt die Zeit für gekommen, da 
die Zügel milder anzuspannen, die vielen Verbannten und die in 
Florenz der Amtsfähigkeit Beraubten in ihr Bürgerrecht wieder 
einzusetzen seien. Für diese seine Meinung hat er Propaganda 
gemacht oder bei ihm Gleichgesinnten Anklang gefunden. Von 
zweien, die er ins Vertrauen gezogen, wurde er angezeigt, imd 
die Folge war, daß ihn die Regierung auf 20 Jahre nach Barletta 
verbannte. Dasselbe Schicksal traf viele andere, von denen die 
Oligarchie vermuten konnte, sie wären mit Aeciajuolis Plänen 
einverstanden gewesen. Es läßt sich nicht verkennen, die Gewalt- 
trager in der Republik taten es den anderwärts in Italien auf- 
gekommenen Gewaltherrschern völlig gleich in Übergriffen der 
Macht. 

Der Druck, welchen die Regierung ausübte, mußte Gegen- 
druck erzeugen. Es kam die kriegerische Verwickelung hinzu, 
die mit Gian Galeazzo, bevor noch eine Kriegserklärung erfolgt 
war, sich ergeben und fortgeschleppt hat. Sie erforderte Kriegs- 
steuem, bei deren Verteilung die Oligarchen darauf Bedacht 
nahmen, daß die Last von ihrer Anhänger Schultern abgewälzt 
werde auf die Volkskreise, denen die Regierung übelwollte. An 
legalen Mitteln der Abhilfe gegen diese Art der Finanzkunst wie 
gegen anderes, was amtlicherseits geschehen ist, fehlte es ganz 
und gar. Die Oligarchie war auf gesetzlichem Wege nicht zu 
erschüttern — kein Wunder, daß es auf ungesetzlichem versucht 
wurde. 

In Bologna waren unter den dorthin Ausgewiesenen einige 
junge Leute, die den Plan faßten, sich zur Nachtzeit in Florenz 
einzuschleichen, wo sie, durch Ermordung Masos degli Albizzi, 



14 Moritz BiOBch. 

einen Tumult hervorzurufen gedachten, der — so meinten sie — 
bei der weitverbreiteten Unzufriedenheit zum Umsturz der be- 
stehenden Ordnung fQhren müsse. In die Stadt einzudringen^ 
sich da zwei Tage lang verborgen zu halten, ist ihnen gelungen; 
als sie am dritten Tage gegen Maso auszogen und ihn nicht finden 
konnten, suchten sie die Menge zur Waifenerhebung aufzustacheln, 
begegneten aber völliger Teilnahmlosigkeit. Sie ermordeten zwei 
steife Anhänger der Regierungspartei und flüchteten dann in eine 
Kirche, wo sie sich verbarrikadierten und nach kurzem Wider- 
stände in Gefangenschaft der Stadtmiliz gerieten. Nachdem 
man von ihnen Geständnisse erpreßt hatte, wurden sie hin- 
gerichtet. 

Hierauf vergingen drei Jahre, und es kam (1400) zu einer 
ernsteren Verschwcirung. Dieselbe ward gleichfalls in Bologna 
eingeleitet, wo die stattliche Zahl dort weilender Verbannten um 
Flüchtlinge vor der in Florenz ausgebrochenen Pest erhöht wurde. 
So sicher waren diesmal die Verschworenen ihrer Sache, daß sie 
schon über die Personen, die an Stelle der zu verjagenden Prioren 
zu setzen seien, sich geeinigt hatten. Ihre Verbindungen reichten 
bis Florenz, wo mehrere Bürger dem Komplotte beigetreten wären. 
Allein zur Ausführung von Verschwörungen genügen, wie Machia- 
velli eben bei diesem Anlaß sagt, die Wenigen nicht, und die 
vielen Mitwisser haben ihre Entdeckung zur Folge. Einer der 
ins Vertrauen Gezogenen ward zum Verräter, worauf die oligar- 
chische Regierung der Gefahr zuvorgekommen ist und mit den 
gewöhnlichen Mitteln, Hinrichtung und Verbannungen, nicht ge- 
spart hat. Wohl jede andere Regierung würde damals in gleicher 
Lage ebenso oder ähnlich vorgegangen sein, aber nicht jede hätte 
mit vollen Händen Haß gesäet, um solche periodisch wieder- 
kehrende Verschwörungen zu ernten. 

Aus dem Guerillakrieg, den Gian Galeazzo seit 1394 wider 
Florenz geschürt hatte, war inzwischen ein oflFener Kampf ge- 
worden. Dem zu Bologna geschlossenen Städtebund hatten erst 
der Gebieter von Mautua, dann die Städte Rimini und Citta di 
Castello sich beigesellt; später war auch die Signorie von Venedig 
auf Seite dieser Bündner getreten, aber unter ganz absonderliehen 
Bedingungen: sie bestand darauf und erzwang es, daß alle Bundes- 
genossen sich verpflichteten, den Frieden oder Waffenstillstand, 
der einseitig von ihr mit Galeazzo geschlossen würde, gutzuheißen 



Albizzi und Medici. 15» 

und anzunehmen. In der Tat vereinbarte sie (1398) einen zehn- 
jährigen Stillstandy der auch dem Vertrage entsprechend von den 
Alliierten angenommen, aber faktisch nicht eingehalten wurde: 
die Feindseligkeiten nahmen beiderseits, als ob der Stillstand nicht 
existierte, ihren Fortgang. Und sie haben schließlich eine Wen- 
dung genommen, die der florentinischen Republik äußerste Gefahr 
drohte. Den Venezianern war es nur darum zu tim, daß Galeazzo 
ihnen mit seinem Besitze in Oberitalien nicht naherücke; südlich 
Ton Po ließen sie ihm freie Hand. Er bemächtigte sich Pisas, 
Sienas, Perugias, endlich auch Bolognas, und es hieß, er wolle in 
Florenz eindringen, um sich dort als König von Italien krönen 
zu lassen. Venedig zögerte, Bundeshilfe zu leisten; der Papst 
Bonifaz IX. als nomineller Oberherr über Perugia und Bologna 
konnte gegen Oian Galeazzo nichts tim, ohne des Beistands von 
Seiten der Venezianer und Neapels sicher zu sein; der deutsche 
König Ruprecht brach zwar über die Alpen auf, nachdem ihn die 
Florentiner mit Geld versehen hatten, und richtete an den „mai- 
^ landischen Ritter Gian Galeazzo^' den Befehl, alle zum Reiche 
\ gehörigen Städte und Gebiete zu räumen, holte sich aber (Okt. 1401) 
bei Brescia eine gänzliche Niederlage der Seinigen. Für Florenz 
war nirgends Rettung zu erblicken. Das Schicksal der Stadt 
schien besiegelt; früher oder später mußte sie, nach allen An- 
zeichen zu schließen, als reife Frucht dem Gebieter von Mailand 
und Mittelitalien in den Schoß fallen. 

Da kam es zu einem Ereignis, das die Lage der Dinge von 
(irund aus veränderte. Im September 1402 starb zu Marignano 
Gian Galeazzo, erst fünfandfünfzigjährig, an der Pest. Ich darf' 
^ wohl bei diesem außerordentlichen Manne mit ein paar Worten 
verweilen. In einer einzigen Beziehung erinnert er an König 
Philipp II. von Spanien: er hat wie dieser große Staatsaktionen 
von seinem Kabinette aus geleitet und Kriege geführt, ohne je- 
Dialg seine Person einzusetzen. Aber ungleich Philipp war er 
frei von religiöser Befangenheit. Nie hat er sich dazu bringen 
iMsen, in dem durchs Schisma hervorgerufenen Streite Partei zu 
nehmen: Papst wie Gegenpapst waren ihm das Objekt politischer 
Berechnung, gleichwertig einer wie der andere, gleich verwend- 
bar, wenn es seine Pläne und Absichten erheischten. Und es 
^aren Pläne weitreichender, ja für seine Zeit ausschweifender Art, 
^it denen er sich trug. Durch Jahre verfolgte er den Gedanken 



16 Moritz BioBch. 

einer Säkularisation des Kirchenstaates ^^ und er hat mit der Weg- 
nahme Perugias und Bolognas den Anfang dazu gemacht. Daß 
er nach der italienischen Königskrone strebte^ ist wahrscheinlich 
genüge doch es wäre nicht die Krone eines geeinigten Italien ge- 
wesen, vielmehr die eines fest zusammengefügten nord- und mittel- 
italienischen StaatengebildeS; dessen Herrscher in dem Reste der 
Halbinsel nicht als Grieicher über Gleiche, sondern als kräftiger 
Machtfaktor über die Schwachen seine Entscheidungen hätte treffen 
und verwirklichen können. Er war der Pfadfinder einer Politik, 
die nach Jahrhunderten in veränderter Gestalt, größerem Maßstab 
und mit besserem Erfolge wieder aufgenommen wurde. 

Nach seinem Tode ging der von ihm aufgerichtete Staat in 
Trümmer. Der eine der drei Söhne, zwischen die er geteilt wurde, 
erhielt Pisa, mit dessen von den Florentinern heißbegehrtem Be- 
sitze er gleichsam in der Luft schwebte. Das Papsttum bemächtigte 
sich Bolognas und Perugias wieder. Siena warf die viscontisehe 
Herrschaft ab und erklärte sich von neuem zur Republik. Das 
Haus Visconti hatte nur im Mailändischen festen Fuß gefaßt, aber 
auch da mußte es vorerst mit der Parteien Wut, dem unbändigen 
Lokalpatriotismus der Städte, den Herrschaftsgelüsten der Gondot- 
tieri in den Ringkampf treten. 

Der über Pisa gebietende Gabriel Maria Visconti machte seine 
ohnedies schwierige Stellung alsbald unhalt])ar. Er suchte nur 
Geld zu erpressen, was ihm zwar gelungen ist, aber die äußerste 
Erbitterung der Pisaner hervorrief. Im Innern von diesen bedroht, 
von außen die Florentiner fürchtend, richtete er an den Marschall 
Bouciquaut, französischen Gouverneur in Genua, die Bitte, in 
Frankreichs Schutz aufgenommen zu werden. Bouciquaut will- 
fahrte ihm, hegte jedoch den Hintergedanken, aus Pisa durch 
Verkauf der Stadt Geld herauszuschlagen. Die Pisaner bekamen 
Wind davon, erhoben sich im Aufstand, verjagten den Gabriel 
Maria, der nach Sarzana flüchtete, während ein Teil seiner Truppen, 
um etwa 100 Franzosen verstärkt, das pisanische Kastell behaupten 



* Über diese eine Auflösung des Kirchenstaats verfolgenden Be- 
strebungen G. Galeazzos ist zu vergleichen Romano 1. c. p. 412 ff. mit 
A. Ghampolion-Figeac Louis et Charles d' Orleans, Paris 1844 und 
£. Jarry, La vie polit. de Louis de France duc d'Orläans, Paris 1889, auch 
Janys Aufs. La voie de fait et Talliance francomilanaise, in der Bibl. de 
r£cole des Chartes, Jahrg. 1892. 



Albizzi und Medici. 17 

konnte. Hierauf wurden Bouciquaut, Gabriel Maria und die Floren- 
tiner handelseinig: Pisa, Stadt und Kastell, wurden im August 1405 
um 200000 Goldgulden an Florenz verkauft. 

Mit diesem Kaufe war ein Vorgang gegeben, der in der 
florentinischen Geschichte in gleicher Form und Wesenheit schon 
früher dagewesen war, zunächst die gleichen Folgen hatte wie 
ehedem, um freilich zuletzt einen anders gearteten Ausgang zu 
nehmen. Gleichwie jetzt Pisa von Bouciquaut an Florenz ver- 
kauft worden, hatten die Florentiner im Jahre 1342 von Mastino 
della Scala um schweres Geld Lucca gekauft, hatten den Besitz 
dieses Kauf Objektes erst erkämpfen wollen und nie zu erkämpfen 
vermocht. Genau so schien es diesmal zu kommen. Pisa wehrte 
sich aus Kräften gegen die Besitzergreifung durch die Florentiner, 
so daß diese erst nach beinahe vierjähriger Belagerung es aus- 
gehungert und bezwungen haben. Diese auffällige Wiederkehr 
eines Stadtverkaufs imd der anfänglich identischen Folgen, die er 
hatte, bildet abermals einen Beleg für Machiavellis Lehrsatz, daß 
in der Geschichte dieselben Ereignisse immer wiederkehren, denn 
sie würden von Menschen gemacht, die immerdar dieselben 
Leidenschaften haben, aus denen auch dieselben Wirkungen mit 
Notwendigkeit entspringen. 

Im ersten und zweiten Dezennium des 15. Jahrhunderts war 
das Wirrsal, das sich seit 1377 ans große Schisma knüpfte, zum 
äußersten gediehen. Es gab jetzt nebst zwei Päpsten bald ihrer 
drei, denn ein in Pisa (1409) versammeltes Konzil, das dem Un- 
fug steuern sollte, hat ihn durch Aufstellung eines dritten Papstes 
gesteigert. In Rom herrschten abwechselnd Jnnocenz VII., sein 
Nachfolger Gregor XII. oder die Masse des Volkes oder auch der 
unternehmende König Ladislaus von Neapel, welch stetiger Wechsel 
im Besitze der obersten Macht Zustände greulicher Art hervor- 
rief.^ König Ladislaus bebandelte die Tiberstadt, wenn er sie be- 
setzt hielt, als sein eigen; er bedrohte auch, weit über ihr Weich- 
bild hinausgreifend, ganz Mittelitalien. Selbst den Visconti von 
Mailand ward bange vor seiner Macht, nicht minder den Floren- 
tinern, die bald in offener Feindschaft mit ihm ihr Glück ver- 
suchten, bald mittels trügerischer Verträge, die er ihnen gewährte, 



') Ein Schauergemälde dieser röm. Zustände entrollt A. Fe tri Diar. 
rom. ab. a. 1407—1417, bei Muratori, Scp. XXIY, p. 968 ff. 
mstor. Vierteljfthnchrift. 1908. 1. 2 



lg Moritz Brosch. 

sich zu sichern wähnten. Auch das Herbeirufen eines neapoli- 
tanischen Kronprätendenten führte zu keinem anderen Ergebnis^ 
als daß dieser bei Boccafecca (Mai 1411) eine Schlacht gewann^ 
aber den Sieg nicht zu benützen wußte^ seinem Gegner Zeit lassend^ 
sich neuerdings für Angriff und Verteidigung instand zu setzen. 
Rom fiel bald wieder in Ladislaus' Hand^ der unaufhaltsam er- 
obernd vordrang, Teile der Marken, der Romagna und Toskanas 
seiner Gewalt unterwarf. Die Streitmacht, mit der er nach Be- 
zwingung Sienas immer näher an Florenz rückte, wird über 
20000 Mann geschätzt, denen die Republik nicht entfernt die 
gleiche Zahl und vollends nicht einen tauglichen Truppenführer 
entgegenstellen konnte, da der König des Geldes nicht sparend 
alle Condottieri von Ruf an seine Fahnen gefesselt hatte.^ Florenz 
schien verloren, wie ein Jahrzehnt vorher durch Gian Galeazzo; 
es ward durch einen gleichen Zufall gerettet, wie er ihm damals 
Rettung gebracht: König Ladislaus wurde im L^er bei Narni 
von einer Krankheit befallen, ließ sich nach dem nächstgelegenen 
Seeplatz und dann zu Schiffe nachNeapel bringen, wo er (August 1414) 
gestorben ist. 

Sein Tod bedeutete für Florenz den Anbruch friedlicher Zeiten, 
die zehn Jahre hindurch anhielten. Die Republik bedurfte solcher, 
um die Schuldenlast, die während der letzten Kriege angewachsen 
war, sich zu erleichtem. Es ward auch derzeit nicht selten der 
Trugschluß gezogen, die Staatsschuld bringe dem Volksreichtum 
doch eigentlich keinen Verlust, denn das Geld, welches die Staats- 
gläubiger in die öffentlichen Kassen eingezahlt haben, kehre mit- 
samt den Zinsen für die Schuld in den Verkehr zurück, weil der 
Staat die eingeschlossenen Beträge zur Deckung seiner Bedürf- 
nisse verwende und seine Gläubiger ihre Zinsen entweder kapitali- 
sieren oder behufs Ankaufs von Hervorbringungen des Ackerbaus 
und der Industrie wieder ausgeben. Das ist jedoch, nur auf größerem 
Fuße beobachtet, derselbe Fall, der etwa einträte, wenn jemand 
aus der Lade eines Kaufmanns Gelder herausnähme und dann 
für diese nämlichen Gelder bei ihm Waren kaufte. Der also Be- 



* Omnes armorum capitanei et condacterii festinabant ad servitia et 
stipendia eiusdem (re^s) eo quod esset liberalissimus gentibus et subditis 
suis. A. de Tummulillis, Notabilia temporum, ed. Corvisieri. Roma 
1890, p. 14. 



Albizzi und Medici. 19 

handelte oder Besteuerte oder Bestohlene verlöre zwar nichts an 
seinem Geldvorrat, aher den vollen Wert der ihm abgenommenen 
Ware, ungleich schlimmer noch stellten sich die Folgen der Be- 
steuerung und des Schuldenmachens zu Kriegszwecken in Florenz 
und anderen italienischen Städten, weil der weitaus größte Teil 
der aufs Volk gelegten Zahlungen den Condottieri zugute kam, 
die als Landplage Italiens ihr Wesen trieben auf Kosten von 
Freund und Feind. Wie auf einen Schlag hat dann der Frieden 
nicht nur das Gleichgewicht im Staatshaushalt der Florentiner 
hergestellt, sondern auch einen Überschuß der Einnahmen über 
die Ausgaben bewirkt — ein Überschuß, welcher dem Aufschwung 
der Industrie auch diesmal ungemein zustatten kam. 

Die herrschende Oligarchie konnte, als mit des Königs Ladis- 
laus Tode eine Friedensperiode anhub, auf scheinbar sehr große 
Erfolge im Innern wie nach außen zurückblicken. In Florenz 
hatte sie jeden Widerstand niedergeworfen und die Formen der 
republikanischen Yerfassimg mit einem Geiste erfüllt, der zum 
Nutzen einer beschränkten Zahl an erster Stelle eingesessener 
Familien mit eben diesen Formen sein Spiel trieb. Vom Glücke 
begünstigt, vor der größten Gefahr durch die Todesfälle ihrer 
mächtigsten Gegner gerettet, haben diese Familien das Gebiet der 
Republik erweitert, ihr Pisa, Cortona, Livomo unterworfen; alles 
dies freilich, nachdem sie bei Anlage der Steuern sich selbst vor- 
beigedrückt und die schwerste Last auf Schultern der vom Be- 
sitze der Macht ausgeschlossenen Bürger niederen Standes gelegt 
hatten. Um ihrer eigenen Sache verstärkte Sicherung zu geben, 
haben sie im Jahre 1411 die Niedersetzung eines neuen Kats- 
kollegiums beschlossen, das, zweihimdert Mitglieder zählend, darüber 
wachen sollte, dßß ohne seine Zustimmung weder Krieg geführt, 
noch Allianz geschlossen, weder Kriegsmacht aufgestellt noch eine 
fremde Kommune von der florentinischen unterworfen oder durch 
Vertrag in Schutz genommen werde. Das schien nun ganz vor- 
züglich geeignet, die Willkür des bestehenden Regiments in 
Schranken zu weisen; aber wie es ausgeführt wurde, hatte es nur 
die Folge, daß der Instanzenweg für Annahme so tiefgreifender 
Beschlüsse verlängert wurde und am Ende des Weges doch immer 
wieder die leidige WiUkür als maßgebender Faktor eingesprungen 
ist Denn die Wahlbentel, aus denen jene 200 Ratsmitglieder ge- 
lost wurden, enthielten nur die Namen solcher Bürger, denen die 

2* 



20 Moritz Brosch. 

herrschende Partei Zutrauen schenkte. Und in kunstfertiger Manipu- 
lation mit Wahlbeuteln hatte die Partei von langer Übung her 
eine unanfechtbare Meisterschaft erworben. So hat sie im Laufe 
des Friedens um so leichter das Auslangen gefunden, als die 
Zünfte ihrer ehedem politischen Bedeutui^ halb vergessen hatten, 
das Geschäft in allen Zweigen der Produktion kräftig emporblühte, 
die Meister und Großfabrikanten reichlichen Gewinn zogen und 
die auf Handarbeit angewiesenen Volksklassen, jedes gesetzlichen 
oder administrativen Schutzwalls entbehrend, ihren Klagen nicht 
Gehör verschaffen konnten. Zwar hat Maso degli Albizzi den 
Anlauf zu einer Art sozialer Gesetzgebung genommen, kraft welcher 
den ärmeren und ärmsten Volkselementen einige Erleichterung 
ihrer Lage erwachsen wäre: er hatte in* Vorschlag und zur An- 
nahme von Seiten der Ratskollegien gebracht, daß der mindeste 
Steuersatz von einem halben Gulden so gut wie wegfalle, da seine 
Entrichtung ganz in den freien Willen der also Besteuerten zu 
stellen sei; daß ferner an Tagen, auf welche der Zusammentritt 
der Ratskörperschaften falle, niemand von seinen Gläubigem 
schuldenhalber verfolgt werden dürfe; daß überdies der Salzpreis 
herabgesetzt wei-de.^ Allein wir wissen nicht, ob solches pünktlich 
in Ausführung kam oder bloß auf dem Papier stehen blieb, und 
es ist sicher, daß an der imgerechten Verteilung der Steuern vor 
der Hand wenig oder nichts geändert wurde. 

Als Maso degli Albizzi gestorben war, erbte seine hervor- 
ragende Stellung, aber nicht die große Geschicklichkeit, mit der 
Maso im Parteiinteresse gewirkt hatte, sein Sohn Rinaldo. Diesem 
fehlte es nicht an reichen politischen Erfahrungen, aber an Takt 
und Mäßigung, wie an der Fähigkeit, gegebene Möglichkeiten 
richtig abzuschätzen. Neben ihm stand im höchsten Ansehen als 
Parteihaupt Niccolö da Uzano, ein echter Staatsmann voller Schärfe 
der Auffassung, einer von jenen machtvollen Geistern, welche die 
eigene Leidenschaft bezwingen und darum zu Herren werden über 
die leidenschaftlich bewegte Menge ihrer Gesinnungsgenossen. 
Nach üzanos im Jahre 1432 erfolgtem Tode fiel eine Art Dik- 
tatur über die Partei unbestritten oder wenigstens unerschütterlich 
an Rinaldo, der es denn auch binnen der kurzen Frist von zwei 



* S. G. Cavalcanti, Storia fiorentina ed. Polidori. Firenze 1S88, 
n, 464. 



Albizzi und Medici. 21 

Jahren fertig brachte, die Oligarchie dem völligen und für alle 
Zeiten unabwendbaren Verderben zuzuführen. 

Die Ausübung der Macht zu einem gesicherten Monopol der 
Geschlechter zu gestalten, welche der Ring der Oligarchie um- 
faßte, war eine Aufgabe, mit der es in friedlichen Zeiten ganz 
nach Wunsche von statten ging. Von Besitz und Führung der 
öffentlichen Amterwaren tatsächlich die Volkskreise ausgeschlossen, 
in denen Gegner der herrschenden Gewalt vorhanden waren oder 
vorhanden sein konnten. Diesem tatsächlichen Verhältnis eine 
bleibende, vor jeder Anfechtung gesicherte Grundlage zu geben, 
ward im Jahre 1421 angeordnet, daß wer immer um Verleihung 
eines Amtes sich bewerbe, den Beweis zu erbringen habe, daß er 
oder sein Vater und Großvater durch volle 30 Jahre ihre Steuern 
pünktlich gezahlt hätten. Wenn damit nicht beabsichtigt war, 
die Oligarchie zu einer reinen Plutokratie umzugestalten, so hat 
es jedenfalls bewirkt, daß ärmere Bürger, deren es selbst im 
Mittelstande ihrer genug gegeben hat, von jeder Beteiligung an 
Ämtern ausgeschlossen waren; denn die Erbringung jenes auf 
30 Jahre zurückreichenden Beweises wäre für sie in vielen 
Fallen eine Unmöglichkeit, in allen mit den größten Schwierig- 
keiten verbunden gewesen. Es schien wahrhaftig, daß die den 
Staat lenkende Partei Schritt vor Schritt dahin gelangen wolle 
und werde, sich auf die Dauer die Stellung zu erringen, in der 
die venezianische Aristokratie als Herrin über das Gemeinwesen 
schalten und walten konnte. 

Da kam jedoch ein neuer Krieg dazwischen oder vielmehr 
den machthabenden Geschlechtern behufs Ablenkung der Unzu- 
friedenheit im Innern, nach Wunsche. Philipp Maria Visconti 
hatte das nach Gian Galeazzos Tode in sich zerfallene Gebiet des 
Herzogtums Mailand wieder vereinigt und die Eroberung Genuas 
ins Auge gefaßt. Um freie Hand wider Genua zu gew^innen, hatte 
er mit Florenz einen Vertrag geschlossen, demzufolge er sich ver- 
pflichtete, mit Erweiterung seines Gebietes die Flüsse Panaro und 
Magra nicht zu überschreiten. Doch kaum daß er sich Genuas 
bemächtigt hatte, hielt er den Vertrag nicht ein, griff nach der 
Romagna hinüber, unterwarf sich Forli und drohte den kleinen 
romagnolischen Gewaltherrschern mit dem gleichen Schicksal. In 
Florenz kam es hierüber zu leicht begreiflicher Aufregung; es 
entbrannte der Streit zwischen einer Kriegs- und Friedenspartei. 



22 Moritz Drosch. 

Für den Krieg waren die Regierung und ihr Anhang, welche die 
Staatslasten so geschickt verteilt hatten^, daß für die Kriegskosten 
in allen Fällen die weniger Bemittelten aufkommen mußten. Die 
Friedenspartei setzte sich aus niederen Volkskreisen zusammen^ 
die in Giovanni de* Medici, di Bicci genannt, ihren Schutzherm 
sahen und ihren Wortführer fanden. Um diesen außerordentlich 
reichen Medici scharte sich die Opposition gegen Vornahme von 
Kriegsrüstungen und Eröffnung der Feindseligkeiten. Giovanni, 
der übrigens die Vorsicht selber war, sich jedes Schrittes, jeder 
Äußerung enthaltend, die als Herausforderung der Oligarchie hätten 
gedeutet werden können, machte geltend, daß ein offensives Vor- 
gehen gegen den Visconti gewagt sei, daß es besser wäre, seinen 
Angriff abzuwarten, weil er sich dadurch vor Italien ins Unrecht 
setzen würde und die Abwehr auf eigenem Boden der Republik 
eine weniger kostspielige wäre. Allein die kriegerisch Gesinnten 
behielten die Oberhand und ließen es auf den Kampf ankommen, 
der vorerst, im Jahre 1424, eine Niederlage der Florentiner bei 
Zagonara brachte. Giovanni hatte als richtiger Prophet sich er- 
wiesen, die Menge des Volkes murrte über den leichtsinnig unter- 
nommenen Krieg, den Machthabern begann der Mut zu sinken. 
Ihnen diesen von neuem einzuflößen, war Rinaldo degli Albizzi 
ganz der Mann. Mit zündender Rede, die freilich von den einen 
ihm, von anderen dem Rinaldo Gianfigliazzi in den Mund gelegt 
wird, ward der Beschluß erwirkt, eine Kommission niederzusetzen, 
die ohne Ansehen der Person die Ausschreibung der erforderlichen 
Kriegssteuern vorzunehmen habe. In der Tat wurden diesmal 
auch den reicheren Bürgern, die der Regienmgsgewalt sich be- 
mächtigt hatten, hohe, sehr unwillig getragene Zahlungen auf- 
erlegt. Die Unzufriedenheit, welche darob gerade in den Kreisen 
entstand, an denen die Regierung ihre Stütze hatte, mußte um 
jeden Preis beseitigt werden, und wie solches ins Werk zu setzen 
sei, war für die an der Herrschaft teilnehmenden Geschlechter 
eine aufs dringlichste der Lösung bedürftige Frage. 

* Wie weit dies ging, erhellt aus dem Fall des Niccoli) da Uzano, 
der nur 16 Gulden Steuern zahlte; als im Jahre 1427 die Regelung mittels 
des Katasters erfolgte, ward er genötigt, die ihm auferlegte Zahlung um 
mehr als das Zehnfache, auf 250 Gulden erhöhen zu lassen. Vgl. P. Villari, 
NuoFe questioni intonio alla st. di Savonarola, Arch. stör. ital. Ser. V, vol. 1» 
p. 187. 



Albizzi und Medizi. 23 

llinaldo degli Albizzi hatte die Lösung bereit und zögerte 
nicht, sie in Vorschlag zu bringen. Es wird von dem gleich- 
zeitigen Historiker Cavalcanti eine Rede mitgeteilt, die vor einer 
zahlreich besuchten Versammlung angesehener Bürger Rinaldo 
gehalten hätte — eine wahre Brandrede, die offen zum Staats- 
streich herausforderte. Die an Spitze der Regierung Stehenden, 
sagte er, haben in diesen Kriegszeiten den Befehl über die Waffen- 
macht der Republik; sie mögen 2000 bis 3000 Mann, unter dem 
Vor wand, eine Revue zu halten, nach Florenz beordern, sie da 
die Zugange zum Signorenplatz besetzen lassen und dann, vor 
jedem Volksauflauf gesichert, im Signorenpalast zu Beschlüssen 
schreiten, mit denen die Zahl der niederen Zünfte von vierzehn 
auf sieben herabgesetzt und dadurch erreicht würde, daß den 
oberen Zünften und den vornehmen Geschlechtem eine schlechter- 
dings unanfechtbare Mehrheit in den verschiedenen Ratskörper- 
schaften auf die Dauer garantiert sei. 

Der Gewährsmann, daß Rinaldo also gesprochen, ist der gleich- 
zeitige Historiker Giov. Cavalcanti. Ohne diesem Glaubwürdigkeit 
zu versagen, muß man doch daran festhalten, daß die in seine 
Darstellung eingeflochtenen Reden, wenn sie überhaupt gehalten 
worden, keineswegs genau so und Wort für Wort gesprochen 
wurden, wie er sie berichtet. Es wird sich mit ihnen, günstigsten- 
falls, nicht anders verhalten haben, als mit den berühmten Reden, 
die ein weitaus größerer denn Cavalcanti, ja der größte aller 
Historiker, Thukydides, in sein unsterbliches Werk eingewoben 
hat. Wie nun diese aufzufassen sind, welche Bedeutung als ge- 
schichtliche Dokumente ihnen beizulegen ist, lehrt uns Thuky- 
dides selbst, indem er sagt, mit den von ihm gegebenen Reden 
habe er sich so nahe als nur möglich ans Überlieferte gehalten, 
aber wo dieses unzureichend war, die Personen sprechen lassen, 
was ihrer Lage am angemessendsten ist.^ Ähnlich mag es mit 
den von Cavalcanti gegebenen Reden stehen: die soeben erwähnte 
des Rinaldo entspricht ganz dem Charakter des Mannes und der 
über seine Partei hereingebrochenen Konjunktur; was er dann 
durch Niccolö da Uzano darauf erwidern läßt, entspricht ganz 
der Rolle, in der sich dieser Staatsmann sonst gefiel, und was er 
bei späterem Anlaß, wie wir sehen werden, ihm in den Mund 



Thukyd. I, 22. 



24 Moritz Broscli. 

legty bietet Zeugnis für die Stimmungen und die Zerfahrenheit 
der Partei, die trotz Uzanos Warnungen ihrem Untergang ent- 
gegentrieb. 

In der Versammlung, an die Rinaldo seine Aufforderung zum 
Staatsstreich richtete oder gerichtet haben soll, ergriff nach ihm 
üzano das Wort und sagte : Messer Rinaldo habe wahr gesprochen 
und die von ihm vorgeschlagenen* Mittel der Abhilfe würden zum 
Ziele führen, wenn bei ihrer Anwendung nicht ein heftiger Aus- 
bruch der Zwietracht in der Stadt zu fürchten wäre; einen solchen 
zu verhüten, müsse man zuvor mit Giovanni de* Medici sich ins 
Einvernehmen setzen, auf daß die Volksmenge eines Hauptes ent- 
behrend den Dingen ihren Lauf lasse: habe man ihn nicht ge- 
wonnen, so könne man nur durch offene Gewalt etwas ausrichten 
und dabei Gefahr laufen, zu unterliegen oder den Sieg wohl er- 
ringen, nicht festhalten zu können. 

Wie immer gab die Partei dem alten Uzano recht und ver- 
fügte, daß Rinaldo sich um die Zustimmung Giovannis de' Medici 
bewerbe. Es ist kaum anzunehmen, daß Uzano, als er dies für 
nötig erklärt und durchgesetzt hat, sich nicht bewußt gewesen: 
den Mediceer zur Mithilfe an einem Staatsstreich einladen heiße^ 
das ganze Projekt zu Wasser werden lassen. So kam es denn 
auch; Giovanni setzte den Vorstellungen Rinaldos eine steife Weige- 
rung und die Mahnung entgegen, die Sache sei am gewagtesten 
für die, welche sie unternehmen wollten und, selbst im Falle des 
Gelingens, nur sich wenige zu Freunden von zweifelhafter Dank- 
barkeit und gar viele zu geschworenen Feinden voll unersättlicher 
Rachgier für erlittenes Unrecht gemacht haben würden. 

Es war imvermeidlich, daß die Kunde von diesem Vorgangs 
der sich Juli oder August 1426 zutrug, ihn verkleinernd oder ver- 
größernd, ins Volk drang. Sie wird da schwerlich eine andere 
Gestalt angenommen haben, als Cavalcanti ihr gegeben hat, und 
war deshalb geeignet, die weitgehende Unzufriedenheit mit dem 
bestehenden Regiment ebenso zu steigern, wie die Volkstümlichkeit 
des Giovanni de* Medici, dem man seine Weigerung, bei der pro- 
jektierten Schädigung der unteren Klassen mitzutun, hoch an- 
rechnete. Giovanni selbst war diesmal nur genau so weit ge- 
gangen, als er gehen konnte, ohne einerseits die Existenz dea 
Hauses Medici aufs Spiel zu setzen und ohne andererseits die 
Gelegenheit zu verjjassen, bei der sich für den guten Ruf dieses 



Albizzi und Medici. 25 

Hauses^ als eines dem Volksinteresse schützeDde Deckung ge- 
währenden Kapital schlagen ließ. 

Währenddessen nahm der Krieg seinen für die Florentiner 
recht ungünstigen Verlauf. Es gelang zwar, in demselben Jahre 
1426 einen Bund mit Venedig zu schließen, ihn des weiteren 
durch den Beitritt Mantuas und Ferraras zu verstärken; aber den 
erhöhten Leistungen, die Florenz laut Bündnisvertrag auf sich ge- 
nommen hatte, entsprachen durchaus nicht die Erfolge im Felde. 
Die Stellung der viscontischen Heeresmacht südlich vom Po war 
nicht zn erschüttern und rückte dem Gebiete der florentinischen 
Republik immer näher. Die Bündner verlegten den Schwerpunkt 
ihrer Operationen nach der Lombardei, wo Carmagnola, der Feld- 
hauptmann der Venezianer, Brescia nach mehrmonatlicher Be- 
l^erung eroberte. Bis zum Jahre 1428 schleppten sich die Feind- 
seligkeiten hin, und der Friedensschluß, der dann erfolgte, gab 
den Venezianern alles, was sie nur wünschen konnten, Brescia^ 
Bergapio und den Lauf der Adda als Grenzfluß zwischen ihrem 
imd dem mailändischen Besitz. Die Florentiner dagegen erhielten 
zwar die romagnolischen Orte zurück, die Philipp Maria ihnen 
entrissen hatte, aber zogen sonst aus dem Kriege, auf den sie 
3^ '2 Millionen Dukaten gewendet hatten, nicht den kleinsten Ge- 
winn — es wäre denn, man wollte es als Gewinn buchen, daß 
der schwere Druck der Kriegslast den Oligarchen eine Reform 
abgepreßt hatte, die kräffcig durchgesetzt und stetig eingehalten 
von großem Nutzen gewesen wäre. Allein wenig später durch 
Gewaltschritte unterbrochen oder mißbraucht, förderte sie das Ge- 
meinwohl nur zeitweilig und darum in völlig ungenügender Weise. 

Gleich wie vor dem Kriege war auch im Laufe desselben 
die Verteilung der Staatslasten zu einer Waffe geworden, die von 
der jeweilig bestehenden Regierung behufs der Niederhaltung ihr 
gegnerischer Volksklassen gebraucht wurde. Als nun die Re- 
gierung notgedrungen dazu schreiten mußte, auch die ihr an- 
hängenden reicheren Volksklassen mit der Waffe zu treffen, griff 
die Unzufriedenheit besorgniserregend um sich: ehedem auf die 
niedrigen Schichten der Gesellschaft beschränkt, machte sie nun 
in den höheren rapide Fortschritte. Da mußte ein Mittel der 
Abhilfe gesucht werden, und nach Lage der Dinge war es nur 
zu finden, wenn man, von Begünstigung der einen wie von Über- 
vorteilung der anderen absehend, als Maßstab für die Steuer- 



26 Moritz Brosch. 

forderungen die Fähigkeit sie zu tragen ins Auge faßte. Dies zu 
erreichen und die herrschende Unzufriedenheit bei der Wurzel 
anzugreifen y war der Endzweck der Anlage eines Katasters, die 
auf die Initiative der zwei Parteihäupter Rinaldo degli Albizzi 
und Niccolo da Uzano zurückzuführen ist. 

Im Mai 1427 erwuchs der Kataster in Gesetzeskraft.^ Mit 
•demselben ward allen Einwohnern des Staates ein Selbstbekenntnis 
ihrer gesamten beweglichen und unbeweglichen Habe wie auch 
der Einkünfte; die sie ihnen liefern, auferlegt. Wer etwas ver- 
heimlichc; über den sei die Konfiskation alles dessen zu verhängen, 
was von ihm nicht angegeben worden. Eine aus 60 Bürgern 
ausgeloste, zehn Mitglieder zählende Kommission, habe vier nach 
•den Stadtvierteln abgeteilte Register anzulegen, in denen über 
die eingelaufenen Bekenntnisse Buch zu führen sei. Von dem 
Rohertrag der Vermögen wurde nach Gewährung gesetzlich fest- 
gestellter Abzüge ein der Besteuerung unterliegender Reinertrag 
ausgeschieden und der Kapitalswert desselben dadurch ermittelt, 
daß man auf je 7 % des gesamten, nach den Abzügen verbleiben- 
den Einkommens ein Kapital von 100. berechnete. Und dieses 
Kapital sei mit einem halben Prozent seiner Summe zu besteuern, 
welcher Steuerfuß etwa 5% des Nettoeinkommens ausmachte. 
Die also ins Werk gesetzte Operation hatte nur für die drei 
Jahre bis 1430 zu gelten; dann sei auf Grund der eingetretenen 
Änderungen in der Vermögenslage ein neuer Kataster zu bilden. 
Der Zeit vorausgreifend, ist hier zu erwähnen, daß sich aus der 
57o Einkommensteuer eine progressive entwickelte, der zufolge 
Reinerträge unter 100 Gulden nur 3, die höheren aufsteigend bis 
57o zu steuern hatten; doch ging die Progression über letzteren 
Steuersatz, der auf Einkommen von tausend Gulden fiel, nicht 
hinaus.^ Außerdem wurde der den Florentinern im Blute liegen- 

* Die Hauptquelle für P]iiirichtung und Modalitäten des Katasters 
bleibt Paguini, Della Decima e Mercatura. Lucca 1763, I, p. 10 und 
214 ff. Über die Beratungen und Debatten, die zum Beschluß des Katasters 
führten, s. Berti, Xuovi documenti intomo al Catasto fior. im Giomale 
stör, degli archivi toscani, Bd. lY. Genauen Einblick in den Kataster- 
mechanismus gewährt auch das Buch von Canestrini, La scionza e Tarte 
di State desunta dagli atti della republ. Fior. Firenze 1862, P. 1. 

' Vgl. desfalls Canestrini, a. a. 0. P. 3: La scala e Timposta pro- 
gressiva. Als Florenz im 16. Jahrhundert die mediceische Herrschaft 
wieder einmal von sich abgeworfen hatte und momentan eine Republik 



Albizzi und Medici. 27 

den demokratischen Volksstimmung dadurch Rechnung getragen, 
daß man die in Umgebung der Stadt seßhaften Überbleibsel des 
alten Adels zu einer Steuerleistung heranzog, welche den kataster- 
mäßig ihnen auferlegten Betrag oft verdoppelte und verdreifachte. 
Wie jede neue Art der Besteuerimg rief die sofort in Szene 
gesetzte Ausführung des Katasters mancherlei Unzufriedenheit 
und Beschwerden hervor. Die Reichen sahen sich aufs schärfst« 
hergenommen, da sie jetzt unter das gemeine Recht gebeugt 
worden, nachdem die Oligarchie ihnen im Punkte der Besteuerung 
durch länger als ein Menscheualter nur lächerlich geringe Zahlungen 
abgefordert hatte. Darauf steiften sie sich als auf ein durch Dienste 
um den Staat wohlerworbenes Gewohnheitsrecht, dessen sie nun 
beraubt worden seien. Die Grundbesitzer erhoben Klage, sie 
würden nicht auf gleichem Fuße wie Kauf leute und Industrielle 
behandelt; denn der Wert ihres Eigentums liege klar zutage, so 
daß nichts davon verschwiegen werden könne, in Handel und 
Wandel dagegen lasse sich eine Defraudation der Steuer leicht 
bewerkstelligen und schwer nachweisen. Den unteren Volksklassen 
kam die neue Einrichtung unfraglich zugute; allein sie war ihnen 
eine ungenügende Schadloshaltung für den Druck, der seit vierzig 
Jahren auf ihnen gelastet hatte. Sie begehrten, daß dem Kataster 
rückwirkende Kraft gegeben werde, daß diejenigen, welche ehedem 
zu niedrig besteuert worden und jetzt nach Recht und Billigkeit 
höher eingeschätzt waren, die Differenz zwischen dem, was sie an 
Steuer gezahlt hatten und dem anderen, was sie hätten zahlen 
sollen, zum vollen, durch die Zeit ihrer widerrechtlichen Be- 
günstigung aufgelaufenen Betrage ersetzen mögen. Giovanni 
de'Medici soll es gewesen sein, der die Menge von solch einem 
Verlangen abgebracht und bewogen hat, sich mit dem Erreichten 
zufrieden zu geben. 



war, der die Truppen Kaiser Karls V. bald ein Ende machten, griff es die 
progressive Steuer wieder auf; vgl. Guicciardini, Del regimento di Fi- 
renze, in den Op. ined. Florenz 1858, Bd. 2, S. 69, wo nur die Erhebungs- 
weise, nicht die Progession selbst getadelt wird. Zum erstenmal im Mittel- 
alter hatten die Ciompi während ihres Aufstands die Forderung nach Ein- 
führung progressiver Steuer erhoben. Dann folgte England (1436). Um 
dieselbe Zeit folgte Cosimo de' Medici, mit einer Progressivsteuer, die von 
willkürlich in mediceischem Interesse angesetzten Einkünften der Höchst- 
besteuerten auf volle 50 7o Btieg. 



28 Moritz BroBch. 

Die Jahreseinnahme; welche nach der praktischen Durch- 
f&hrung des Katasters hereingebracht wurde, betrug nahe an 
44000 Goldgulden, wenig mehr als den siebenten Teil von dem^ 
was sich aus den Gabellen, Zöllen und anderen indirekten Steuern 
alljährlich ergeben hat. Aus der Abschätzung der Vermögen und 
den ihr entsprechenden Steueransätzen ist deutlich zu erkennen, 
daß es mit der Besteuerungskunst in Florenz schon derzeit auf 
dem Punkte hielte um den sie sich allenthalben noch heute dreht. 
Das ausgewiesene Gesamteinkommen der steuerpflichtigen Bürger 
machte 620000 Goldgulden aus, so daß eine durchschnittliche 
Jahreseinnahme von beinahe 7 Gulden auf den Kopf der Be- 
völkerung zu rechnen wäre. Allein wie trügerisch diese Durch- 
schnittsrechnung ist, erhellt daraus, daß nahe an 18000 Gulden 
des eingelaufenen Steuembetrags auf 232 reichere Familien und den 
Klerus fallen; der Rest der Gesamtsteuer, der etwa 26000 Gulden 
ausmacht, war von den Armeren zu decken. Hiernach entfielen 
per Kopf dieser ärmeren Bevölkerung kaum mehr als ^q Gulden 
an Steuer, und es schien dies keine übermäßige Belastung zu sein^ 
wenn nicht andererseits das jährliche Staatseinkommen die Auf- 
bringung von 260000 Gulden im Wege indirekter Besteuerung 
erheischt hätte. • Um jedoch von einer Yolksmasse, die jedenfalls 
nicht über 100000 Köpfe anzuschlagen ist, 260000 Gulden, an 
Metallgehalt 2 Millionen, unter Annahme dreifachen Geldwerts, 
6 Millionen Mark indirekter Steuern erheben zu können, mußten 
schlechterdings notwendige Lebensbedür&isse in den Kreis der 
Besteuerung einbezogen werden. Das mußte ferner die Folge 
haben, daß die indirekten Abgaben den Armen einen weitaus 
höheren Prozentsatz ihres Einkommens entzogen haben, als den 
besser gestellten Klassen. Es traf also der Fall ein, der seither 
im modernen Staate kaum zu vermeiden ist — ein Fall, über 
den kein geringerer als Adam Smith die Worte äußert^: „Wie 
es nur die kräftigsten Körper sind, die bei der ungesundesten 
Lebensweise sich im Dasein und selbst bei Gesundheit erhalten 
können, so sind es nur die durch natürliche oder erworbene Vor- 
teile in jeder Art von Industrie am meisten begünstigten Na- 
tionen, die unter dem Druck dieser Arten von Steuern bestehen 
oder selbst gedeihen können." 

* Wealth of Nations (in der französ. Übersetzung von Garnier, Paris 
1822), Bd. 3, S. 82. 



Albizzi und Medici. 29 

Dank der Regsamkeit des florentinischen Geistes, dank der 
Produktivität der florentinischen Arbeit konnte die Republik die 
Staatskrankheit überstehen, die nach Ad. Smiths Ausspruche in- 
folge der allzu bequemen und darum allzu häufigen Anwendung 
dieser Art von Steuern entstehen muß. Und Florenz hat un- 
gleich Schlimmeres überstehen können und ertragen lernen. Denn 
das schwache Korrektiv, das dem bestehenden Steuersystem aus 
dem Kataster zugeflossen ist, wirkte nur vorübergehend, weil die 
Katasterbestimmungen weder auf die Länge noch mit gehöriger 
Pünktlichkeit zur Durchführung kamen. Schon die Oligarchie 
nahm es in der kurzen Zeit, da ihr Bestand noch währte, mit 
der Sache nicht genau, und als Cosimo de'Medici Ty, Jahre nach 
Inkrafttreten des Katasters der Herr in Florenz ward, brachte er 
eine Finanzpolitik in Schwung, mit der es einzig auf Bereicherung 
der mediceischen Partei und Ausplünderung der gegnerischen ab- 
gesehen war und beides erreicht wurde. 

Zunächst rief die Ausdehnung des Katasters auf die den 
Florentinem unterworfenen Städte den Aufstand Volterras her- 
vor, der übrigens leicht und schnell unterdrückt wurde. Allein 
der bei dem Anlaß verwendete Condottiere Niccolö Fortebraccio 
versuchte, wie es schon die Art dieser Leute war, ein Unter- 
nehmen auf eigene Faust, kaum daß er die Volterraner in floren- 
tinischem Auftrag zu Paaren treiben geholfen. Es gelang ihm, 
zwei der Stadt Lucca gehörige Schlösser einzunehmen. Da ihm 
kein Widerstand begegnet war, erhob sich in Florenz eine Partei, 
die zum Kriege mit Lucca schürte, welche Stadt gegen die floren- 
tinische Macht ebensowenig, so unwirksam sich verteidigen werde, 
wie sie ihre Schlösser gegen Fortebraccio zu verteidigen gewußt. 
Rinaldo degli Albizzi war das Haupt dieser Kriegspartei; Cosimo 
de'Medici, der mit seinem Bruder Lorenzo ins Erbe der Reich- 
tümer und des guten Namens getreten war, die sein kurz vor- 
her (Febr. 1429) verstorbener Vater Giovanni hinterlassen hatte, 
gesellte sich dem Rinaldo bei, vielleicht weil er die Eroberung 
Luccas wirklich herbeiwünschte, vielleicht auch weil er vom 
Scheitern derselben die unheilbare Schwächung von Albizzis An- 
hang erhoffte. Anders hielt es der alte Niccolö da Uzano: er 
warnte vor dem Unternehmen als einem ungerechten und höchst 
gefährlichen; aber seine Warnungen verhallten im Winde, und 
Florenz unternahm den Krieg, dessen Lauf für einen fröhlichen, 



20 Moritz Brosch. 

dessen Ausgang für unzweifelhaft gesichert angesehen wurde. 
Aber diesen Hoffnungen folgte die herbste Enttäuschung. Genau 
so wie da Uzano es vorausgesagt hatte ^ ist es gekommen. In 
den Kampf mischte sich, da Lucca ernstlich bedroht schien, der 
Herzog von Mailand ein und sein Condottiere Piccinino brachte 
den Florentinern am Flusse Serchio eine Niederlage bei. Dann 
ergriffen Genua, Siena und Piombino die Partei der Lucchesen, 
Venedig dagegen trat auf florentinische Seite. Der Krieg zog 
sich in die Länge und Breite: er währte über drei Jahre, ward 
in der Lombardei wie im Toskanischen ausgefochten und schloß 
im Mai 1433 mit einem Frieden, der Florenz auch nicht den ge- 
ringsten Gewinn brachte. Die Stadt hatte nur schweres Geld 
ausgegeben imd die Verwüstung ihrer eigenen Besitzungen in 
Distrikt und Grafschaft ertragen müssen. Zu diesen Passivposten 
ist noch die Steigerung des Haders im Innern gekommen. Alles 
neigte einer Krisis zu, die dem herrschenden Regimente nach 
einem scheinbaren Sieg den endgültigen Untergang gebracht hat. 
Während der 40 Jahre, durch welche die Oligarchie als Herrin 
von Florenz hatte schalten und walten können, glühte der Klassen- 
kampf trotzdem imter der Asche fort. Er zuckte jetzt wieder in 
hellen Flammen auf; nur waren sowohl das Objekt, um das der 
Streit anging, wie auch die Gesellschaftsschichten, die ihn führten^ 
andere geworden. Ehedem hatten die Zünfte sich die Aufgabe 
gestellt, den Adel niederzuwerfen; jetzt war von einem Adel in 
strengem Wortverstand kaum mehr die Spur zu merken, und die 
Zünfte hatten ihre maßgebende Bedeutung fürs Gemeinwesen der 
Stadt eingebüßt. Ehedem hat es gegolten, eine der Volksklassen 
aus der Regierung zu verdrängen, um an Stelle der verdrängten 
eine andere Klasse zu setzen; jetzt handelte es sich freilich auch 
um Gewinn der Herrschaft, aber den Parteien, von denen eine 
ihn behaupten, die andere erringen wollte, war nicht ein Klassen-, 
sondern ein Geschlechterinteresse das Entscheidende, wodurch sie 
in Bewegung gesetzt und in den Kampf getrieben wurden. Man 
täusche sich nur nicht! — Rinaldo degli Albizzi hatte auf seiner 
Seite die Reichen, die Optimaten, für Cosimo de'Medici standen 
die niederen Volksklassen wie ein Mann: aber jener wollte seine 
die Optimaten überragende Stellung sicheni, diesem fiel es nicht 
im Traume ein, den ihm anhängenden niederen Volksklassen mit 
den Vorteilen zu dienen, die er mit ihrer Hilfe einzig für sich 



Albizzi nnd Medici. 31 

selbst zu ernten gedachte. Die zwei in Konflikt geratenen Haupt- 
personen spielten unbewußt um die Entscheidung, wer von ihnen^ 
Albizzi oder Medici, Gründer einer Dynastie werden solle. 

Es war ein Kampf, in dem Wind und Wetter zwischen den 
Gegnern nicht gleicher Weise geteilt waren. Rinaldo degli Al- 
bizzi war das Haupt einer Partei, deren Glieder nur lose zusammen- 
hielten, deren Reihen durch Überläufer ins gegnerische Lager ge- 
lichtet waren. Nebstdem stand er im Rufe eines Geizigen, der 
mit Gelde nicht herausrücke, auch wenn die gelichteten Reihen 
seiner Anhänger nur dadurch zu füllen waren, daß er sich zu 
kraftigen Eingriffen in seine Kasse entschlossen hätte. Ein anderes 
war es mit Cosimo de'Medici. Auf ihn blickten alle, die unter 
der bestehenden Ordnung der Dinge zu leiden und zu klagen 
hatten. Da nun die Regierung immerdar aus dem engen Kreise 
einiger bevorzugter Geschlechter sich er^nzte, wurden auch der 
Unzufriedenen, die ihre Lage imerträglich fanden, immer mehr: 
ihre Zahl wuchs an, und es ist keine Frage, daß sie eine große 
Mehrheit der Gesamtbevölkerung umfaßte. Lmerhalb dieser Mehr- 
heit galt Cosimo für den Mann, der berufen sei, die numerische 
Macht der niederen Klassen gegen die Optimaten einzusetzen. 
Er tat nichts, die Leute in dieser Meinung zu bestärken oder sie 
ihnen aus dem Kopfe zu schlagen. Alle seine Kunst mußte er 
darauf richten, sich nach Möglichkeit vor Gewaltstreichen zu 
sichern, auf die er von Seite der Regierenden gefaßt sein mußte. 
Die scheinbar verschwenderische, aber in der Tat mit berechnen- 
der Klugheit abgewogene Gebarung mit seinem großen Reichtum 
bewirkte, daß er solch eine Sicherung, so weit sie nach Lage 
der Dinge erreichbar war, sich verschaffen konnte. Hilfsbedürftigen 
gegenüber hatte er stets eine offene Hand; notleidende Bürger, 
denen wegen ihrer Steuerrückstände der Zulaß zu den Ämtern 
gesetzlich versperrt war, hatten nur ein Wort zu sagen, und die 
Rückstände wurden ihnen von ihm vorgestreckt. Sein Anhang 
wuchs demzufolge ins Massenhafte, so daß die Regienmg Be- 
denken tragen mußte, einem Manne Verderben zu bereiten, für 
den die Volksmasse sich erheben und bei der Gelegenheit das 
ohnedies wackelig gewordene Gebäude der Oligarchie über den 
Haufen rennen könnte. 

Andererseits war es ebenso bedenklich, mit verschränkten 
Armen zuzusehen, wie Cosimo seine Stellung weiterhin befestigte 



32 Moritz BroBch. 

und die ihm gegnerische untergrabe. Der Regierungsanhang be- 
schloß zu handeln; vorerst aber bei Niccolö da Uzano^ dem stärksten 
Geiste, über den die Optimaten verfügen konnten, sich Rats zu 
erholen. Als man vor diesem das wider Cosimo gerichtete Vor- 
haben zur Sprache brachte, soll er mit Einwendungen erwidert 
haben, die der Historiker Cavalcanti in einer Rede zusammenfaßt, 
welche von Machiavelli bedeutungsvoll umgestaltet, ins vierte 
Buch seiner florentinischen Geschichten aufgenommen wurde. Wie 
diese Rede nach Machiavellis Fassung vorliegt, mag sie nie ge- 
sprochen worden sein, läßt aber die Zeitstimmung, die Gesinnungen 
der handelnden Personen, die Motive, durch welche sie zum Handeln 
angetrieben wurden, den Grad der Korruption, auf den die floreii- 
tinische Gesellschaft herabgesunken war, so klar und deutlich er- 
kennen, als ob alles dieses vor unseren Augen vorginge und iui 
einzelnen wie im ganzen sich unweigerlich unserer Anschauung 
einprägte. Der Gedankengang der Rede wäre, in knapp gehaltene 
Sätze zusammengedrängt, der folgende: Unserer (die herrschende) 
Partei ist zersplittert, die seine (Cosimos) ist einig. Wir sind 
nur wenige, ihrer sind viele. Ihn aus Florenz verbannen hieße 
einen guten und freien Mann fortschicken, um ihn als schlimmen 
und gebundenen zurückzurufen — gebunden durch die Verpflich- 
tungen gegen die, welche seine Rückkehr durchgesetzt hätten. 
Ihn gerichtlich auf den Tod verfolgen ist unmöglich: sein Reich- 
tum im Bunde mit der bei uns eingerissenen Korruption würde 
ihn retten. Jedes Unternehmen gegen ihn brächte Schaden, und 
es wäre eitel zu glauben, man könne, von wenigen unterstützt, 
dem Willen vieler sich widersetzen. Alle imsere Bürger stehen 
bereit, die einen aus Torheit, die anderen aus Bosheit, die Re- 
publik zu verkaufen, und das Glück hat es gefügt, daß sie einen 
Käufer finde. Mein Rat wäre, sich ruhig zu verhalten, und was 
die Freiheit betrifft, vom Schicksal hinnehmen, daß ihr unsere 
Partei wie die gegnerische mit der gleichen Fährlichkeit droht. 
Genau in der Linie, die Cavalcanti und Machiavelli den 
Uzano verzeichnen lassen, bewegten sich raschen Fluges die Er- 
eignisse. Riualdo degli Albizzi war nicht davon abzuhalten, auf 
Cosimos Ruin hinzusteuern. Im September 1433 ward eine ihm 
dienstwillige Signorie ausgelost und das Amt des Bannerträgers 
trat Bemardo Guadagni an, der gar nicht wählbar gewesen wäre, 
wenn für ihn Albizzi nicht zuvor die rückständigen Steuern ge- 



Albizzi und Medici. 33 

zahlt hätte. Cosimo wurde von seinem Landgut nach Florenz 
vor die Signorie beschieden. Er leistete Folge, trotzdem man 
ihn gewarnt hatte. Im Signorenpalast eingetroffen, wurde er 
gefangen gesetzt und Anklage des Landesverrats wider ihn er- 
hoben. Aus dräuender Lebensgefahr rettete ihn sein Reichtum 
und die Käuflichkeit des Bannerträgers Guadagni — desselben 
Guadagni, der das Geld Albizzis genommen hatte und jetzt das 
mediceische nicht verschmähte. Es gelang dem Cosimo, den Mann 
zu bestechen — 1000 Goldgulden genügten, und der Bannerträger 
ward milde wie eine um teueres Geld erkaufte und gutherzige 
Kurtisane. Cosimo selbst hat später geäußert: die Leute ver- 
stehen sich nicht auf ihren Vorteil; wenn man von mir statt 
1000 Gulden das Zehnfache gefordert hätte, würde ich es sofort 
gezahlt haben. 

Das Fazit war, daß sich herausstellte, die Regierung sei zu 
schwach, als daß sie Cosimo hätte ans Leben gehen können, aber 
noch stark genug, ihn zu verbannen. Am 29. September ward 
ihm das Dekret verlesen, mit dem er nach Padua, sein Bruder 
Lorenzo nach Venedig in Verbannung geschickt wurden; am 
3. Oktober trat er, nachdem der Bannerträger Guadagni ihm vor 
der bewaffneten Gefolgschaft der Albizzi schützendes Geleite ge- 
geben, die Reise ins Exil an. 

Rinaldo degli Albizzi hatte also die zeitweilige Entfernung 
seines Gegners aus Florenz bewirkt und damit einen schweren 
Fehler begangen; er hat sich über eine der Grundregeln hinaus- 
gesetzt, die später von Machiavelli aus der ganz voraussetzung- 
losen Beobachtung der in Italien der Renaissance alltäglichen Er- 
eignisse gezogen wurden — eine Grundregel, die da lautet^: „Es 
ist im Auge zu behalten, daß man die Menschen entweder für 
sich gewinnen oder aber vernichten muß; denn für leichte ünbiU 
rächen sie sich, für schwere können sie es nicht, so daß die Un- 
bill, die man einem Menschen antut, so geartet sein muß, daß 
die Rache nicht zu fürchten ist." 

Was nun folgte, zeigt klärlich, daß der von Albizzi be- 
gangene Fehler nicht gutzumachen war. Cosimo ward im Vene- 
zianischen einem Fürsten oder dem Botschafter eines Fürsten 
gleich empfangen und gefeiert; er erwiderte die Gastfreundschafk, 



* Principi, c. 8. 
Hiitor. Viertaljahnohrlft. 1908. 1. 



34 Moritz BroBch. 

welche die Signorie ihm angedeihen ließ, indem er seines Geldes 
nicht schonte. Er ließ den Benediktinern von S. Giorgio auf seine 
Kosten den Bibliotheksbau durch Michelozzo errichten, und als 
die mit Florenz und dem Papste gegen Philipp Maria Visconti 
verbündeten Venezianer sich und ihren Bündnem eine schwere 
Niederlage zwischen Imola und CasteU Bolognese geholt hatten, 
bot er ihrer Signorie ein Anlehen von 15000 Dukaten an.^ 
Fiorentinischen Dingen gegenüber hat Cosimo in aller Ruhe seine 
Zeit abwarten können; er mochte derselben Meinung gewesen 
sein, der Poggio Bracciolini, welcher eben damals in Florenz 
weilte, treflFenden Ausdruck gegeben hat mit den Worten*: J[ch 
wundere mich, wie schlecht die Republik verwaltet wird, und wie 
schädlichere Maßregeln stets den nützlicheren überwiegen und 
wie die Weisheit derer, die jedem einzeln genommen nicht abzu- 
sprechen ist, sich in höchste Dummheit verwandelt, wenn die 
vielen Einzelnen zu gemeinsamer Beschlußfassung sich vereinigen." 
In der Tat rutschte die Optimatenregierung immer weiter 
die abschüssige Bahn hinab, die von ihr mit Cosimos Verbannung 
betreten worden. Je länger das Exil der Medici währte, desto 
heftiger begehrte die Volksstimmung nach Aufhebung des ver- 
haßten Aktes. Man antwortete mit neuen Verbannungen, die den 
Massen gegenüber nur die W^irkung hatten, daß sie die Er- 
bitterung wider die Regierung steigerten. Rinaldo degli Albizzi 
stand allein, auf seiner Seite bloß ein entmutigter, zum Teil nach 
den Medici hinüberschielender Anhang; ihm entgegen die große, 
festgeschlossene Mehrheit der Bevölkerung. Er trug sich, um 
den immer gefährlicher sich auftürmenden Schwierigkeiten abzu- 
helfen, mit dem Gedanken eines Staatsstreichs, den er im Bunde 
mit den Resten des alten Adels auszuführen hofiFte — mit den 
Resten einer Partei, die an die 130 Jahre ohnmächtig darnieder- 
gelegen hatte und jetzt der Aufrichtung kaum mehr fähig war! 
Der Adel verweigerte es, für die Optimaten in die Bresche zu 
treten, so daß Rinaldo, auf seine und die zu ihm stehenden 

^ Mnratori, Scp. XXII, 1036. Des ferneren A. Gelli, L'eBÜio di 
Cosimo : Arch. stör. ital. Ser. 4, vol. 10. 

* Poggio, Epistola, ed. Firenze 1832, vol. I. lib. IV, ep. 16. Der Sats 
lautet in Poggios köstlichem Latein: Saepe admiratus sam . . . male rem- 
publicam administrari, et sententias deteriores praeponi utilioribus, ut mul- 
torum accumulata in unum sapientia in sommam stultitiam convertetur. 



Albizzi nnd Medici. 35 

Kräfte angewiesen^ ein Wagnis unternahm^ das mit äußerster 
Kühnheit in Angriff genommen und zu Ende gebracht, vielleicht 
momentanen Erfolg gehabt hätte, aber in sich zusammenbrach, 
weil dem Albizzi im Augenblicke der Entscheidung die Kühn- 
heit eben versagte. Es zeigte sich, daß einen Staatsstreich 
beginnen leicht, ihn zum erwünschten Ausgang führen unendlich 
schwer ist. 

Das Jahr seit Cosimos Verbannung neigte dem Ende zu. 
Die Florentiner hatten kürzlich (28. August 1434) die oben er- 
wähnte Niederlage bei Imola davongetragen; das Ansehen, welches 
die in ihren Grundresten erschütterte Oligarchie noch genoß, war 
darob neuerdings im Schwinden. Anfang September wurde eine 
Signorie ausgelost, deren Parteinahme für die Medici als notorische 
Tatsache gelten konnte. Rinaldo degli Albizzi fühlte den Boden 
unter seinen Füßen wanken und beschloß zu handeln. Er hatte 
ehedem mit Anhängern, auf die er sich verlassen zu dürfen glaubte, 
die Vereinbarung getroffen, sie mögen sich bei Sant'Appolinare 
mit all ihrer bewaffneten Mannschaft einstellen, von da gegen 
den Signorenpalast aufbrechen und die neugewählte Signorie, 
wenn sie ihnen ihren Willen nicht tue, auseinanderjagen. Die 
Sache schien anfänglich nach Wunsche zu gehen. Albizzi konnte 
vor Sant'Appolinare über mehr als ein halbes Tausend energischer 
Parteigänger verfügen* und hätte mit ihrer Hilfe die so gut wie 
wehrlose Signorie überfallen und bezwingen können. Allein es 
schüchterte ihn ein, daß einige Häupter seines Anhangs sich ihm 
bewafliiet beizugesellen verweigerten und auf der Weigerung un- 
geachtet aller Mahnungen beharrten. Wo die Vergewaltigung 
des Gegners einzig durch ungesäumtes und kräftiges Vordringen 
zu erreichen war, folgte er der Lockung von Seiten des Papstes, 
der sich ihm als Friedensvermittler anbot. 

Dieser Papst war Eugen IV., ein Venezianer vom Hause der 
Condulmer. Die Römer hatten sich als Republik eingerichtet, 
ihn gefangensetzen wollen, und er war mit genauer Not in Ver- 
kleidung eines Benediktiner Mönchs ihnen entwischt. Von Civita- 
vecchia aus war er zur See über Pisa nach Florenz gekommen, 
das den Flüchtigen aufs feierlichste empfing und im Dominikaner- 



^ Die ADgaben über die Stärke seines Anhangs differieren zwischen 
600—800 Mann. 



36 Moritz BroBch. 

kloster S. Maria Novella einquartierte. Das war Ende Juni ge- 
schehen, und jetzt; im September, saß Eu^en lY., eines Umschwungs 
der florentini sehen wie der römischen Dinge harrend, noch immer 
in Florenz. Beim Papste befanden sich mehrere, gleich ihm aus 
Rom entkommene Eurialen und der Legat, später Kardinal 
Vitelleschi. Diesen sandte er an Rinaldo degli Albizzi, der an 
Spitze seiner Bewaffneten vor S. Appollinare hielt und dahin zu 
bringen sei, daß er sich mit der Signorie auf Unterhandlungen 
einlasse, bei denen das Amt des Friedensvermittlers Sr. päpstlichen 
Heiligkeit zufalle. Rinaldo lieh dem geistlichen Verführer Ohr 
und begab sich nach S. Maria Novella in die Gemächer des 
Papstes, der ihn stundenlang mit Reden hinhielt, bis daß der be- 
waffnete Haufen Albizzischer Parteigänger die Geduld verlierend 
auseinanderlief. Wie Eugen IV. die von ihm übernommene Ver- 
mittlung aufgefaßt, mit welchen Hoffnungen er den Albizzi ver- 
tröstet hat, ist unbekannt; einen Wahrscheinlichkeitsschluß darauf 
können wir nur aus den Worten ziehen, die von Cavalcanti dem 
Albizzi in den Mund gelegt und von beinahe allen späteren 
Historikern wiederholt wurden. Rinaldo hätte nämlich, als schon 
das Verbannungsdekret über ihn verhängt worden, beim Abschied 
vom Papste zu diesem gesagt: ;,Der geringe Glauben, den ich 
bei denen gefunden, die mir hätten glauben sollen, und zu viel 
Glauben, den ich euch geschenkt habe, waren Ursache, daß ich 
mit meiner Partei zugrunde gerichtet wurde. Aber ich beklage 
mich, mehr als über jeden anderen, über mich selbst, der ich 
glaubte, daß Ihr, der aus euerer Stadt Verjagte, mich erhalten 
könnet in der meinen." 

Nachdem der Papst, man kann nicht sagen ob absichtlich 
oder unwillkürlich, auf Albizzis Untergang hingewirkt hatte, wandte 
er sich vollends dem in Aufgang begriffenen Sterne der Medici 
zu. Er ließ sich durch zwei Bischöfe und seinen Neffen, den 
Kardinal Franz Condulmer, bei dem Gewaltakt vertreten, den die 
Signorie am 29. September in Szene setzte. Da wurde das Volk 
zu einem Parlamente berufen, das die Niedersetzung einer außer- 
ordentlichen, mit Umändenmg der Verfassung betrauten Kom- 
mission beschlossen hat. Diese schritt sofort ans Werk und er- 
klärte alles, was frühere Kommissionen der Art seit dem Jahre ^ 
1393 angeordnet hatten, für null und nichtig. Dann gingen der 
Bannerträger der Justiz und einer der Prioren als Dankesdepu- 



Albizzi und Medici. 37 

tation nach S. Maria Novella an den Papst, mit dem die Kück- 
berufung Cosimos aus dem Exil vereinbart wurde. Sie ward am 
1. Oktober feierlich verkündigt, am nächstfolgenden Tag durch 
die Verbannung gekrönt, in die Rinaldo degli Albizzi und 70 Mit- 
glieder seiner Partei geschickt wurden. Der mißlungene Staats- 
streich gegen die Medici hatte mit einem glanzvoll gelungenen 
für die Medici seinen Abschluß gefunden. Was hiermit geschehen 
war, haben die Parteigänger dieses Hauses weder verstehen noch 
selbst instinktiv fühlen können; Machiavelli hat es von ihnen 
gesagt^: „sie haben den Cosimo zum Fürsten der Republik gemacht." 

Am Abend des 6. Oktober traf Cosimo von seinem Exil in 
der Heimat ein. Seitdem herrschten die Medici, zweimal ver- 
trieben und beidemale durch fremde Gewalt restauriert, bis ins 
18. Jahrhundert über Florenz und Toskana: zuerst unter schein- 
barer Fortdauer republikanischer Formen, dann als erbliche, nur 
an die eigene Willkür gebundene Dynastie. In vier Jahrhunderten 
hatte die Republik sich ausgelebt und den Klassenkampf in aller 
nur erdenklichen Gestalt ausgefochten oder auszufechten versucht; 
jetzt hatten die Medici freie Hand zur Nivellierung der Klassen, 
mit der sie es fertig brachten, bald durch brutale Gewalt, bald 
durch überfeinerte Künste, alles und jedes öffentliche Interesse in 
ihrem dynastischen zu absorbieren. 

Von einem doppelten Gesichtspunkt ist das Erbe zu be- 
trachten, welches die in sich zusammengebrochene Oligarchie den 
Mediceem hinterlassen hat: erst vom politischen, dann vom künstle- 
rischen und wissenschaftlichen. 

Was die Politik betrifft, hat der welterfahrene Guicciardini 
zu dem Tun und Lassen der nach 41 Jahren ihres Bestandes 
überwundenen Oligarchie den Epilog geschrieben, sie habe die 
weiseste, glorreichste und glücklichste Regierung, welche Florenz 
jemals gehabt, über die Stadt heraufgeführt.^ Dieses Urteil ist 
ans der von Guicciardini gehegten Vorliebe für eine Optimaten- 
herrschaft leicht erklärlich; aber man darf nicht anstehen, es ein 
falsches zu nennen. Es ist ebenso grundfalsch, wie das Urteil 
des gleichfalls welterfahrenen Clarendon, der im ersten Buche 
seiner Geschichte der Rebellion und des Bürgerkriegs in England 

^ Diflcorsi, L. 1, c. 38. 

' Guicciardini, Storia Fiorentina, im 1. Bd. der Op. ined. Florenz 
1858, S. 4. 



38 Moritz BroBch. 

den Satz niederschrieb: unter Karls I. parlamentloser Regierung 
habe das Königreich das vollste Ausmaß von Glück, mit dem je- 
mals ein Volk gesegnet worden, genießen können, so daß viele 
weise Männer die Zeit für gekommen erachteten, in der Fürsten- 
herrschaft und Freiheit, so weit dies möglich ist, in schönstem 
Einklang gestanden hätten. Unbestreitbare Tatsachen setzen diese 
an platten Unsinn grenzenden Behauptungen des Florentiners 
wie des Engländers in ein grelles Licht. Weise und glücklich 
kann man unmöglich eine Regierung heißen, die, wie die floren- 
tinische der Optimaten, es nicht vermocht hat, sich im Dasein 
zu erhalten. Und daß die von Clarendon gepriesene parlament- 
lose Zeit dem englischen Volke weder Glück noch Wohlfahrt, dem 
englischen Königtum Verderben gebracht hat, erhellt aus Anfang 
und Verlauf des Bürgerkriegs zur Genüge. Wenn also die Medici, 
zu faktischen Herren über die Stadt geworden, es besser machten 
als ihre überwundenen Gegner, so will dies eben nicht viel sagen. 
Des weiteren ist unleugbar, daß sie sich der gleichen und gleich 
verwerfb'chen Mittel bedienten, mit denen die gestürzten Optimaten 
gearbeitet hatten; daß sie ihren Anhängern wohl oder übel er- 
worbenen Reichtum gönnten," ihren Widersachern mit Exil und 
ins Kolossale gehender Vermögensentziehung zusetzten. Der Weg, 
auf dem sie das Ziel ihrer Erhöhung zu einem erblichen Fürsten- 
geschlecht erreicht haben, war ein steiler; aber an den rechten 
Punkten eingesetzte Gewalt und, wo diese versagte, in gehörigem 
Maße abgewogene Perfidie halfen die Höhe erklimmen. 

Eine andere Bewandtnis hat es mit dem Kapital von Kunst- 
wert und Lehren der Wissenschaft, aus dem die zur Macht ge- 
langten Medici Genuß und Nutzen ziehen konnten. Die Früh- 
renaissance war in voller Blüte, die Hochrenaissance im Anzug. 
Da brauchten Cosimo und sein Enkel nur zuzugreifen, um die 
herrlichsten Früchte zu pflücken. Es ward ihnen — Goethe hat 
dies von Cosimo gesagt — das Glück, als Genossen einer nach 
der höchsten Bildung strebenden Zeit, das Würdige zu kennen 
und zu nutzen, anstatt daß wohl andere in ähnlichen Lagen das 
nur für würdig halten, was sie zu nutzen verstehen." Solches 
muß den Mediceern, die immer noch um ihre Existenz zu ringen 
hatten, um so höher angerechnet werden, je seltener es bei Mäch- 
tigen und Großen, auch wenn deren Existenz eine völlig ge- 
sicherte ist, vorzukommen pflegt. Allein sie waren, um es mit 



Albizzi nnd Medici. 39 

einem trivialem Gleiclmis auszudrücken, nicht die Geburtshelfer, 
sondern nur die Taufpaten der goldenen Zeit. Und wenn ein 
Papst aus diesem Geschlechte, Leo X., auf der Sonnenhöhe der 
Renaissance thront, hat Clemens VIL, ein anderer Papst derselben 
Sippe, Florenz gegenüber sich Dinge erlaubt, die kein geringerer 
als Michelangelo für alle Ewigkeit mit dem Ausruf brandmarkt: 
sie hätten der Stadt Verderben und Schande gebracht.^ Durch 
Eapitulationsbruch, Hinrichtungen, Konfiskationen und Verfolgung 
jeglicher Art hat Clemens Rache genommen an seiner Vaterstadt*, 
deren Besitz ihm von den Kaiserlichen geschenkt worden. Das 
Kunstmecänat des Hauses Medici wirkt blendend auf so manches 
Auge; doch in den Herzen aller muß oder sollte Abscheu rege 
werden über die grauenhafte Art, wie eben dieses Haus unter 
päpstlicher Führung sich emporgehoben hat über die letzte Stufe, 
die es von der Herzogswürde trennte. 



* Es sind die bekannten Verse: 

Grato mi ^ il sonno e piü Tesser di sasso 
Mentre che il danno e la vergogna dura. 
Sie zielen auf Clemens als Urheber des Schadens und der Schmach, 
eine andere Deutung ist unmöglich. 

* Das 12. Buch von Varchi, Storia fiorentina g^bt ein langes Ver- 
zeichnis der den Florentinern zugefügten Greuel. 



40 



Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Scliilliiigsfiirst 
und die deutsche Frage.' 

Von 

Ernst Salzer. 

I. 

Fürst Chlodwig Hohenlohe gehörte der ersten, unter bayrischer 
Herrschaft aufwachsenden Generation eines jener fränkischen Fürsten- 
häuser an, die durch den Reichsdeputationshauptschluß ihre R«ichs- 
unmittelbarkeit verloren hatten. Diese Generation besaß naturgemäß 
noch keine starke Anhänglichkeit an den bayrischen Staat oder an 
die Dynastie. Es ist dafür bezeichnend, daß Fürst Chlodwig vorüber- 
gehend daran dachte, in englischen Militärdienst zu treten, und 
daß er sich — wohl mit Rücksicht auf den künftigen Besitz der 
Herrschaft Corvey, die er von seinem Oheim, dem Landgrafen von 
Hessen-Rotenburgs ererben sollte — einige Jahre dem preußischen 
Staatsdienst gewidmet hat. So war er in gewissem Sinne schon 
durch seine Herkunft über mittelstaatlichen Partikularismus er- 
haben.' Um so stärker wurde er von der kräftigen, nationalen 

' Der vorliegende Aufsatz berührt sich zum Teil mit meinem für einen 
weiteren Leserkreis bestimmten Essai ,, Fürst Chlodwig zu Hohenlohe> 
Schillingsfürst, seine politischen Anschauungen und seine politische Tätig- 
keit bis zum Jahre 1870'' — Nord und Süd Nr. 862 S. 246 ff. Was ich dort 
eingehender behandelt habe — die Zeit bis zum Jahre 1866 — , habe ich 
hier kurz zusammengefaßt. Die deutsche Politik des Fürsten als bayrischen 
Ministerpräsidenten habe ich dort nur in großen Zügen und erst hier de- 
tailliert darzustellen versucht. 

' Auch als er nach dem Tode seines Bruders Philipp Ernst die Herr- 
schaft Schillingsfürst, mit der ein Sitz in der bayrischen Reichsratskammer 
verbunden war, übernommen und damit in Bayern festen Fuß gefaßt hatte, 
wünschte er daneben einen Sitz im preußischen Herrenhause (für die Herr- 
schaft Treffurt) zu erhalten, aUerdings ohne dadurch seine Stellung in 
Bayern aufzugeben. Denkwürdigkeiten 1, 110, 111, 116, 117^ 118; vgl. auch 



Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-SchiUiiigsfärst und die deutsche Frage. 41 

und liberalen Strömung erfaßt^ die seit dem Jahre 1840 den welt- 
bürgerlichen Liberalismus in Deutschland immer mehr in den 
Hintergrund drängte. Aber von vornherein hat seine nationale 
Gesinnung doch einen spezifisch klein- und mittelstaatlichen Ein- 
schlag: Er ersehnt ein mächtiges und einiges Deutschland haupt- 
sächlich wegen „der Nullität^' des übrigen ^ namentlich des süd- 
westlichen Deutschlands neben den Großmächten Österreich und 
Preußen.^ 

Im Jahre 1848 hoffte er auf den Sieg der preußisch-deutschen 
Idee und übernahm von seiten der provisorischen Regierung des 
Erzherzogs -Reichsverwesers die Mission, den Höfen von Athen, 
Rom und Florenz dessen Regierungsantritt anzuzeigen.^ 

Bis in die sechziger Jahre ist er ein — mehr^ oder minder* 
offiener — Anhänger des kleindeutschen Programms, der Bildung 
eines Bundesstaates imter preußischer Führung und einer Allianz 
mit Osterreich gewesen. Aber allmählich tritt jener südwest- 
deutsche Einschlag seiner nationalen Gesinnung stärker hervor: 
Nach einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1862(?)^ ist es für Süd- 
westdeutschland um so bitterer, daß es von der Bestimmung der 
Geschicke Deutschlands durch die beiden Großmächte Österreich 
und Preußen ausgeschlossen wird, als gerade dort das Germanen- 
tum sich rein erhalten hat, während in Preußen und Osterreich 
das deutsche Element mit dem slawischen vielfach gemischt ist; 
dazu kommt noch, so heißt es weiter, daß die großen Fürsten- 
geschlechter und die für die geistige Entwicklung der Nation ein- 
flußreichsten Männer, ja selbst die hervorragendsten Staatsmänner 



112, 113 (Zuitimmung zu Roggenbachs Bemerkung über die allgemein- 
deutsche Stellung der Standesherren); 169 (das scharfe Urteil über die 
Mittel- und Kleinstaaten). 

» Denkwürdigkeiten I, 34—41. * Ebenda I, 46 ff. » I, 69, 60. 

* I, 92, 93; 123, 124 Aufzeichnung des Tagebuchs 1862, März 9. 

^ I, 114, 115 — man vermißt hier nähere Angaben des Herausgebers 
aber diese Aufzeichnung, die offenbar nicht dem Tagebuch angehört, son- 
dern als ein Zeitungsartikel oder Aufsatz erscheint. Es bleibt zweifelhaft, 
ob sie im Qriginalkonzept oder in Abschrift vorliegt, ob sie eigenhändig 
geschrieben ist oder nicht, ob H. selbst der Verfasser, ob sie tatsächlich 
vom Jahre 1862 datiert ist. Aus inneren Gründen möchte ich die vorletzte 
Frage bejahen und die Au&eichnung zeitlich nach der Tagebuchaufzeich- 
nung vom 9. Mflxz 1862 — I^ 123, 124 — ansetzen. Vgl. übrigens auch 
I, 141, 142. 



42 Ernst Salzer. 

Preußens und Österreichs aus Südwestdeutschland hervorgegangen 
sind, und daß die südwestdeutschen Yolksstamme sich in steigen- 
dem Maße ihrer materiellen und geistigen Überlegenheit bewußt 
werden. Man kann diesen Ausführungen eine gewisse Berechti- 
gung nicht absprechen, obwohl sie einseitig stammespartikula- 
ristisch übertrieben sind. Besonders frappant erscheint es, daß 
Österreich und Preußen in ganz gleicher Weise als halb slawische 
Staaten bezeichnet werden, daß Hohenlohe gar nicht den Unter- 
schied zwischen beiden in dieser Beziehung zu bemerken scheint.^ 

Die ganze Stimmung, die jener Aufzeichnung zugrunde 
liegt, zeigt eine Annäherung der Ansichten Hohenlohes an die 
Triasidee — Konstituierung des außer-österreichischen und außer- 
preußischen, „reinen*' deutschen Bundesstaates unter bayrischer 
Hegemonie, der dann zusammen mit Preußen und Österreich den 
eigentlichen deutschen Bund zu bilden hätte. 

Denn der Fürst, der sich noch im Jahre 1862 zum klein- 
deutschen Programm eines Bundesstaates unter preußischer Hege- 
monie bekannt^, der dann im Jahre 1863 einen Augenblick auf 
eine Lösung der deutsehen Frage im großdeutschen Sinn gehofiß; 
hatte', verzweifelte vorübergehend an der Möglichkeit eines klein- 
deutschen Bundesstaates unter preußischer Führung und hielt das 
Triasprogramm unter Benutzung der schleswig-holsteinischen Ver- 
wicklung für durchführbar*, wenn er auch keineswegs die Schwierig- 
keiten verkannte, die diesem Programm in der Abneigung der 
Dynastien gegen eine Beschränkung ihrer Rechte sowie in der 
Abneigung der demokratischen Partei und endlich in der Ab- 
neigung Preußens und Österreichs entgegenstanden.^ Und bald 
wurde ihm klar, daß das Triasprogramm im Gegensatz gegen 
Preußen nicht realisierbar sei^, wohl aber schien ihm seine Ver- 

^ Das geschieht erst in dem Schreiben an die Königen Viktoria von 
England vom 4. Mai 1864 — I, 148. 

* S. 0. S. 41 Anm. 4. 

' I, 12S. Die Schwierigkeiten freilich waren ihm von vornherein klar. 
Freiherr v. Völderndorff, Vom Reichskanzler Fürsten Hohenlohe S. 4. 

* I, 134; vgl. 141, 142; dem gegenüber sind Völdemdorffs Ausführungen 
S. 3, 4 über H.s Stellung zur Triasidee offenbar nicht haltbar. 

* I, 144 ff.; vgl. 137 (Vorsicht in den Bestrebungen, Bayern an die 
Spitze der Mittelstaaten zu bringen). 

" Das ist der Kern des Memoires für den Prinzen Karl vom 21. M&rz 
1866 — I, 161 ff. 



Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürat und die deutsche Frage. 43 

wirklichnng bis zu gewissem Grade im Einverständnis mit 
PreuBen möglich^ zu sein: Als Preußen im April 1866 Verhand- 
lungen mit Bayern über die Bundesreform angeknüpft hatte, 
suchte er den König Ludwig II. zu bestimmen, sich jetzt mit 
Preußen zu verständigen, das eben nur die Suprematie in Nord- 
deutschland erstrebe und Bayern eine ansehnlichere Stellung in 
Süddeutschland' zugestehen könne.'* 

Die preußische Politik einer Konsolidierung Preußens in 
Norddeutschland und die bayrische Triaspolitik hätten sich so auf 
der Basis des Ausschlusses Österreichs aus dem engeren Deutsch- 
land^ und eines preußisch-bayrischen Dualismus einigen können. 
Als dann der Würfel gefallen und das Ausscheiden Österreichs 
aus Deutschland durch den Prager Frieden besiegelt war, kam 
Hohenlohe wieder auf seine kleindeutschen Anschauungen zurück. 

In einer Rede in der bayrischen Reichsratssitzung vom 
31. August^ empfahl er, der Resolution des Abgeordnetenhauses 
beizutreten, die einen engen Anschluß an Preußen zum Ziele der 
Einigung Deutschlands unter Mitwirkung eines nationalen Parla- 
ments forderte. Hohenlohe lehnte die Gründung eines südwest- 
deutschen Bundes — eines „Winkeldeutschlands" — hier ebenso 
energisch ab wie eine völlige Isolierung Bayerns oder eine An- 
lehnung an Frankreich und forderte ein Bündnis mit Preußen, 
für das man jetzt, solange noch alles im Fluß sei, für die Selb- 
ständigkeit Bayerns und seiner Dynastie günstige Bedingungen 
erlangen könne. Mit stolzem Pathos, das wohl zur Wirkung auf 
Frankreich berechnet war, erklärte er, wenn auch Preußen Rück- 
sichten auf Frankreich zu nehmen habe, so sei die deutsche 
Nation groß genug, zu sagen, was sie wolle, was sie für gut, für 
recht und für zweckmäßig für ihr eigenes Wohl halte, unbe- 



^ In diesem Sinne sind meine Ausführungen in Nord und Süd 362 
S. 255 zu modifizieren. 

' Also den wesentlichsten Punkt des bayrischen Triasprogramms. 

» 1, 154 (11. April); vgl. Völdemdorfif S. 6, 6. Bismarck ließ erst im 
April Andeutungen über die Möglichkeit der Teilung des militärischen Ober- 
befehls im Norden und Süden zwischen Preußen und Bayern nach München 
gelangen — Sybel lY, 826. Es muß dahingestellt bleiben, ob H. davon 
schon Kenntnis hatte. 

* Womit ja immerhin ein Bündnis zwischen diesem und Österreich 
vereinbar gewesen wäre. 

» I, 171 ff. 



44 Ernit Salzer. 

kümmert, was jenseits des Rheins gewünscht und gehofft werde, 
und mit wohl ebenso berechnetem Optimismus fügte er bei, daß 
die feindselige Stimmung Frankreichs eine künstlich gemachte 
sei; daß das französische Volk zu großgesinnt, zu selbstbewußt 
und zu edel sei, um sich vor der Konstituierung eines geeinigten 
Deutschlands zu fürchten. 

In einem vom König erbetenen Gutachten über die künftige 
Stellung Bayerns zu Norddeutschland bekämpfte Hohenlohe bald 
darauf^ aufs schärfste die rein negative Politik v. d. Pfordtens, 
„die bayrische Selbständigkeit durch negative Bestrebungen zu 
erhalten'^ Er verlangt vielmehr den baldigsten Abschluß eines 
Verfassungsbündnisses mit dem deutschen Norden, da ein 
bloßes Freundschaftsbündnis bei der Überlegenheit Preußens nur 
so lange von diesem resftektiert würde, als es in seinem Interesse 
liege, während ein Verfassungsbündnis dauernde Garantien biete. 
Aufs nachdrücklichste warnte er vor der Gefahr einer Isolienmg 
Bayerns, das weder in politischer* noch wirtschaftlicher* Be- 
ziehimg sich selbst genügen könne, sowie vor der Gefahr, daß 
der starke, nationale Einheitstrieb bei einer plötzlichen, europäischen 
Katastrophe zur Revolution führen könne. Und er fordert daher, die 
jetzt noch genügend starke, partikularistische Stimmung der süd- 
deutschen Bevölkerung, ihre Abneigung gegen Preußen und ihre 
Anhänglichkeit an die angestammten Fürstenhäuser zu benutzen, 
um beim Abschluß eines neuen, deutschen Bundesvertrags die 
partikulare Selbständigkeit bis zu gewissem Grade zu erhalten 
und günstige Bedingungen zu erlangen. 

Dieses Gutachten scheint seinen Eindruck auf König Lud- 
wig U. nicht verfehlt und zu dem Entschluß mitgewirkt zu 
haben, dem Fürsten das Ministerium des Äußeren und des König- 
lichen Hauses sowie den Vorsitz im Ministerrat zu übertragen*. 



* (Ende Oktober) T, 179 ff. 

' Im Falle eines Angriffs Frankreichs auf die Pfalz. 

' Im Falle des Abschlusses Norddeutschlands gegen den Süden durch 
den Zollverein und gemeinsame Regelung des Verkehrs- und Bechteweseni. 

^ Allerdings war dieser 8a<;hliche Grund nicht der einzige. Hohenlohe 
war von Richard Wagner dem König als Minister yorgedchlagen worden, 
diesem persönlich sympathisch, und Ludwig ü. hoffte, das H. ihm die 
Rückkehr Richard Wagners ermöglichen werde. Denkwürdigkeiten I, 17S, 
211; V. Völdemdorff 6, 6. 



Fürst Chlodwig zn Hohenlohe-SchillingsfiirBt nnd die dentsche Frage. 45 

und in der Antrittsaudienz erinnerte sich der König beifäUig des 
Rates, den ihm Hohenlohe schon im April erteilt, sich mehr an 
Preußen zu halten.* 

n. 

Indem Hohenlohe die Leitung der bayrischen Politik über- 
nahm, erfuhr sein Programm für diese, wie er es in dem Gut- 
achten für den König gezeichnet hatte, doch gewisse Modifikationen. 
Drei Momente sind dafür von Bedeutung: Einmal mußte er sich 
mit der starken, partikularen Strömung in Bayern und mit der 
Persönlichkeit des Königs notwendig abfinden. Ludwig IL war 
stets besorgt um die Aufrechterhaltung seiner Kronrechte, nicht 
nur dem Auslande, sondern auch seinen eigenen Ministem gegen- 
über. Er behielt sich die eingehendste Kontrolle, namentlich 
der äußeren Politik vor. Hohenlohe mußte ebenso wie vor ihm 
V. d. Pfordten einwilligen, sämtliche Schriftstücke an Oesandte 
oder auswärtige Regierungen vor ihrem Abgang dem König vor- 
zulegen.* und Hohenlohe war nicht der Mann, den König 
zu einer Politik in stärkerer, nationaler Richtung fortzureißen, als 
jenem selbst mit der Aufrechterhaltung der pai*tikularen, bayrischen 
Selbständigkeit vereinbar schien. Er hielt es vielmehr für seine 
Ehrenpflicht dem König gegenüber, die bayrische Selbständigkeit 
nach Kräften zu wahren.' 

Außerdem aber begann auch Hohenlohe selber nach der 
Vollendung der Verfassung des Norddeutschen Bundes eine deutsche 
Entwicklung in allzu zentralistischer Richtung, nach der Seite 
des Einheitsstaates hin zu fürchten^, eine Besorgnis, die doch 
wohl erst durch seinen neuen Standpunkt — eines bayrischen 
Ministerpräsidenten — wenn nicht ausschließlich, so doch zum 
guten Teil bedingt wurde.* Im einzelnen ist es freilich schwer 

* I, 193. * I, 189. 

' Sehr bezeichnende Äußerung in diesem Sinn I, 824. 

* Kammerrede vom 19. Jan. 1867 I, lü6: vgl. Lorenz, Kaiser Wilhelm 
und die Begründung des Reichs S. 593 (Bericht Mohis vom 4. Mai 18C8: 
H. sagte ihm, seiner Ansicht nach gehe Norddeutschland immer mehr dem 
Einheitsstaat entgegen) und Hohenlohe I, 319. 

^ Hatte er auch schon vor Übernahme des Ministeriums in Bayern 
Wurzel gefaßt, so hat doch jedenfalls seine amtliche Tätigkeit ihn noch 
enger an Bayern gebunden — und zwar dauernd. So verteidigt er auch 
noch später die bayrischen Eigentümlichkeiten der Kronprinzessin Viktoria 
gegenüber. Denkwürdigkeiten II, 33. 



46 Ernst Salzer. 

zu entscheiden^ inwieweit seine Haltung durch Konzessionen, die 
er dem König und der partikularen, bayrischen Strömung machen 
zu müssen glaubte, bestimmt wurde, und inwieweit sie seinen 
persönlichen Überzeugungen entsprang. 

Und als ein drittes, seine deutsche Politik bestimmendes Mo- 
ment kommt dann noch die notwendige Rücksicht auf die europaische 
Lage hinzu — die Rücksicht auf die Politik vor allem Preußens, 
Österreichs und Frankreichs sowie auf den Prager Frieden, der 
bekanntlich den süddeutschen Staaten die Bildung eines besonderen 
Vereins freistellte, ,,dessen nationale Verbindung mit dem Nord- 
deutschen Bunde der näheren Verständigung zwischen beiden vor- 
behalten bleibt, und der eine unabhängige, internationale Existenz 
haben wird". Hohenlohe war nie frei von der — gewiß nicht 
unbegründeten Besorgnis — daß Bayern im Verlauf großer, euro- 
päischer Verwicklungen seine staatliche Selbständigkeit — even- 
tuell durch den Zwang, in den Norddeutschen Bund einzutreten — 
verlieren könnte, und suchte daher den Anlaß zu solchen Ver- 
wicklungen ängstlich zu vermeiden.^ 

Schon sofort bei der Aufstellung seines Ministerprogramms 
machten das erste und dritte dieser Momente ihren Einfluß geltend. 

Hohenlohes ursprüngliches Programm hat vermutlich durch- 
aus den Ausführungen seiner Rede vom 31. August und seines 
Gutachtens von Ende Oktober entsprochen und den Abschluß 
eines Verfassungsbündnisses mit Preußen und dem deutschen 
Norden gefordert. Dieses Programm fand indessen nicht die 
Billigung des Grafen v. Taufikirchen, den Hohenlohe als Minister 
des Inneren in Aussicht genommen hatte: Tauffkirchen verfaßte 
ein neues Programm, dem Hohenlohe, wie er selbst sagt, um so 
eher zustimmen konnte, „als er in der Zwischenzeit vom Prinzen 
Reuß — dem preußischen Gesandten in München — gehört hatte, 
daß man in Berlin aus Rücksicht auf Frankreich wegen der be- 
vorstehenden Beratungen des norddeutschen Parlaments auf Unter- 
handlungen mit Süddeutschland sich nicht einzulassen geneigt sei^.^ 

Der Hauptunterschied zwischen dem ersten, von Hohenlohe 
selbst verfaßten und dem zweiten, vom Grafen TaufiTkirchen 

^ 1, ISl, 185, 214, 372, 378; TI, 12; zeitweise fürchtete er auch eine 
Verständigang zwischen Preußen und Österreich auf Kosten der Mittel- 
Staaten 1, 392, 807. 

* I, 183. 



Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsförst und die deutsche Frage. 47 

stammenden Programm muß also darin bestanden haben, daß in 
dem letzteren die Forderung der sofortigen Anbahnung eines Ver- 
fassongsbündnisses mit dem Norden fehlte. 

In der Tat nun bezeichnet dieses von Hohenlohe akzeptierte 
Programm^ — das er dann auch am 19. Januar 1867 in einer 
Programmrede in der Kammer' entwickelt hat — zwar als „den 
wenn auch entfernten, doch unverrückt im Auge zu behaltenden 
Zielpunkt der Politik Bayerns die Erhaltung Deutschlands, die Ver- 
einigung der Gesamtzahl imd, soweit dies unmöglich, der größeren 
Zahl der deutschen Stämme zu einem Bundesstaat, geschützt 
gegen außen durch eine starke Zentralgewalt und im Innern 
durch eine parlamentarische Verfassung unter gleichzeitiger Wah- 
rung der Integrität des Staates und der Krone Bayern". 

Dieses Ziel aber, so fährt das Programm fort, ist jetzt nicht 
direkt und unmittelbar zu verwirklichen. Die Bildung eines süd- 
deutschen Bundesstaats unter Fühnmg Österreichs wird als weder 
wünschenswert noch ausführbar abgelehnt, ebenso der bedingungs- 
lose Eintritt Bayerns in. den dem Einheitsstaat sich nähernden Nord- 
deutschen Bund'; das Streben nach einem solchen Aufgehen im 
preußischen Staate wird für gänzlich unvereinbar mit den Pflichten 
der Räte der Krone Bayern erklärt. Und nun folgt der Passus, 
den Hohenlohe offenbar bei seiner oben angeführten Bemerkung 
über die Annahme des Tauffkirchen'schen Programms im Sinne 
hatte: 

„Ja wir würden es als einen unnützen und deshalb besser 
zu unterlassenden Versuch ansehen, mit Preußen in diesem Augen- 
blick, und ehe Norddeutschland selbst das Bedürfnis solcher 
Einigung fühlt, über eine Vereinigung zu irgendeiner anderen 
Form des Bundesstaats in Unterhandlung zu treten.'' Ebenso 
wird die Bildung eines südwestdeutschen Bundes abgelehnt, da 
der Wunsch nach solcher Einigung in der Bevölkerung der süd- 

^ I, 184 ff. Auch hier fehlen nähere Angaben des Herausgebers über 
Handschrift usw. Aus den im Text angegebenen inneren Gründen ergibt 
sich aber, daß das vorliegende Programm das von Tauffkirchen entworfene 
■ein muß. 

* I, 195 ff.; vgl. 198, 199 (die entgegenkommenden Erklärungen Bis- 
marcka durch Reuß auf diese Rede hin) und 203, 204. 

' In der Programmrede erkennt Hohenlohe außerdem an, daß Preußen 
sich durch den Prager Frieden gebunden habe „sich auf die Bildung eines 
engeren Bundesverh&ltnisses nördlich von der Linie des Mains zu beschränken**. 



48 - Ernst Salzer. 

westdeutschen Staaten nicht lebendig sei. Um indessen die Ge- 
fahr der Isolierung Bayerns zu vermeiden, fordert das Programm 
die sofortige Anbahnung einer Allianz mit einer europäischen 
Großmacht, und zwar — unter ausdrücklicher Verwerfimg einer 
Allianz mit Österreich oder Frankreich — die Anbahnung einer 
Allianz mit Preußen; dabei bringen es — wie das Programm 
fortfährt — die gegenwärtigen Machtverhältnisse mit sich, daß 
Bayern gegen bestimmte Garantie der Souveränität seines Königs 
im Falle eines Krieges sich der Führung Preußens unterstellt^, 
weshalb bei der Organisation der bayrischen Wehrkräfte auf diese 
Möglichkeit Bedacht zu nehmen sei. Zugleich wird die mög- 
lichste Wahrung der freundschaftlichen Beziehungen mit den 
übrigen Mächten, besonders mit Österreich und die Herstellung 
der gleichen Allianz der süd westdeutschen Mittelstaaten mit Preußen 
und Bayern sowie eine gemeinschaftliche und gleichartige Regelung 
von Gesetzgebung und Verkehr in allen deutschen Staaten als 
Ziel der bayrischen Politik bezeichnet 

Man sieht, Hohenlohe war gegenüber der ablehnenden Hal- 
tung Preußens einerseits und der partikularen, bayrischen Strö- 
mung andererseits um einen Schritt zurückgewichen. Er fordert 
nicht mehr ein Verfassungsbündnis — einen staatsrechtlichen 
Bundes vertrag, sondern er begnügt sich mit der geheimen, aller- 
dings besonders engen, völkerrechtlichen Allianz mit Preußen, 
die schon sein Vorgänger, v. d. Pfordten, zugleich mit dem Berliner 
Frieden abgeschlossen hatte, und die Hohenlohe in seinem för 
die Öffentlichkeit bestimmten Programm nur als Desiderium be- 
zeichnen durfte. 

Wenn aber nun auch das Hohenlohe'sche Programm sich 
scheinbar nicht allzu weit von der bisherigen Politik entfernte 
(indem es die Notwendigkeit einer vorerst abwartenden Haltung 
in bezug auf die deutsche Frage mit Bedauern anerkannte und 
sieh zunächst mit einer bloß völkerrechtlichen Allianz mit Preußen 
begnügte), so darf man darüber doch nicht den Umschwung über- 
sehen, den Hohenlohe trotzdem in der bayrischen Politik herbei- 
geführt hat. 

Es war doch von sehr großer Bedeutung, wenn der leitende 



^ Vgl. den Allianzvertrag vom 22. August 1866 bei Hahn, Fürst Bi«- 
marck 1, 601, 502. 



Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsförst und die deutsche Frage. 49 

Staatsmann Bayerns öffentlich als Zielpunkt seiner Politik den 
deutschen Bundesstaat, und zwar nur sehr wenig yerblümt den 
kleindeutschen Bundesstaat bezeichnete; denn der Hinweis auf 
die Eventualität, daß die Vereinigung der Gesamtzahl der deutschen 
Stamme sich als unmöglich erweisen könne, und daß man sich 
dann mit der Vereinigung der größeren Zahl derselben zu einem 
Bundesstaate begnügen müsse — dieser Hinweis entbehrte doch 
nicht der Deutlichkeit; und nicht minder deutlich war es, wenn 
Hohenlohe in seinem Programm erklärte, daß „der Organismus 
Österreichs eine Gewähr einstigen Erreichens unseres Zielpunktes 
nicht bietet". In der Programmrede in der Kammer fehlt zwar 
dieser Passus, aber es wird doch auch hier angedeutet, daß die 
österreichische Politik ihren Schwerpunkt nach Ofen verlegen 
solle: Der Fürst lehnt nämlich hier ebenso wie in seinem Pro- 
gramm ein süddeutsches Verfassungsbündnis unter der Führung 
Österreichs ab — jenes Österreichs, das zurzeit seine Stütze in 
den außerdeutschen Elementen der Monarchie suche — und fahrt 
dann fort: „er werde es mit Freuden begrüßen, wenn die öster- 
reichische Monarchie aus den inneren Kämpfen, in welchen sie 
begriffen sei, gekräftigt und gestärkt hervoi^ehe, damit sie ihre 
zivilisatorische Mission als östliche Grenzmacht er- 
füllen könne". 

Vor allem aber: Hohenlohe war fest entschlossen, die Allianz 
mit Preußen unverbrüchlich zu halten und legte sich — noch vor 
ihrer Publizierung ^ — öffentlich auf sie fest, während die von 
V. d. Pfordten proklamierte „Rosenpolitik^*^ doch in dieser Be- 
ziehung offenbar nicht ganz zuverlässig war. Hohenlohe be- 
zeichnete seinem Vertrauten, dem Baron Völdemdorff, als Haupt- 
grund für seinen Entschluß, in das bestehende, bayrische Mini- 
sterium einzutreten, ohne daß ihm die Neubildung des Ministeriums 
übertn^en wurde, die Notwendigkeit, daß „im eutscheidenden 
Moment in Bayern ein Mann der Minister des Auswärtigen sei, 



^ Schon im Februar wünschte Hohenlohe ihre Yeröifentlichung, I, 208 : 
vgl. auch Meyer 162, 163. Diese erfolgte bekanntlich am 19. März. 

* Nach dem Rückert'schen Vers : „Wenn die Rose selbst sich schmückt, 
schmückt sie auch den Garten*^ den v. d. Pfordten zitierte, indem er in der 
Beichsratssitzung am 31. August eine Politik der freien Hand für Bayern 
proklamierte; v. VOldemdortf, Ann. des Deutschen Reiches 1890 S. 280 u. 
Anm. 8. 

mstor. YicrteUalinohrift 1906. 1. 4 



50 Ernst Salzer. 

der die gegen Preußen eingegangenen Verpflichtungen unbedingt 
und ohne Zaudern erfülle.^)'' 

m. 

Nach Übernahme des Ministeriums suchte Hohenlohe zunächst 
die Zusammenfassung der militärischen Kräfte der Südstaaten in 
die Wege zu leiten. Auf seine Anregung fanden Anfang Februar 
zu Stuttgart unter Varnbülers Vorsitz* Konferenzen der Minister 
der auswärtigen Angelegenheiten und der Kriegsminister der vier 
süddeutschen Staaten statt, auf denen man sich über die Grund- 
züge einer der preußischen nachgebildeten Wehrverfassung einigte*. 

Unmittelbar darauf hatte Hohenlohe mit dem Großherzog 
von Baden eine Besprechung in Mühlacker, in der sich beide ^in 
dem Streben nach einer engeren Verbindung des Südens mit dem 
Norden vod Deutschland begegneten" und erörterten, „in welchen 
Terschiedenen Stadien der Entwicklung sie sich dieses Einigungs- 
werk vollbracht dächten".* 

Die enge Fühlung, die der Großherzog und Hohenlohe bei 
dieser Gelegenheit gewannen, suchten beide mit gleichem Eifer 
in der Folgezeit aufrecht zu erhalten. Der Großherzog wurde 
dabei von dem Wunsche geleitet, Hohenlohes Stellung in München 
nach Kraften zu festigen, während Hohenlohe seinerseits bestrebt 
war, Baden von einseitigem und übereiltem Vorgehen in der 
deutschen Frage abzuhalten. 

In diesem Sinne suchte er bald nach der Begegnung zu 
Mühlacker eine Verständigung zwischen den süddeutschen R-e- 
gierungen über die Regelung der Verhältnisse zum Norddeutschen 
Bimd anzubahnen. 

» Freiherr v. Völdemdorff S. 8. 

* Um den „Verdacht bajuvarischer Hegemoniegelügte zu vermeiden", 
denn H. war sich von vornherein klar, daß schon ein solcher Verdacht die 
anderen Staaten kopfscheu machen würde. VOldemdorif S. 13. 

'• Denkwürdigkeiten I, 199 f. vgl. auch die Aufzeichnungen Frejdorfs, 
ed. Poschinger in der Konservativen Monatsschrift Dezember 1906 S. 239 t)'. 
Hohenlohe sandte danach im Januar den Grafen Tauffkirchen nach Karls- 
ruhe und ließ Baden darüber beruhigen, daß von der Bildung eines Süd- 
bundes nicht die Rede sein, und daß die preußische Wehrverfassung zu- 
grunde gelegt werden solle. 

* So der Großherzog in seinem Schreiben vom 4. März. Denkwürdig- 
keiten I, 204. 



Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst und die deutsche Frage. 51 

Die Vorschlage^ die er hierfür in einem yertraulichen Schreiben 
an den Großherzog von Baden vom 19. Februar^ tormnUerte^ und 
für die er zunächst die Zustimmung Ludwigs TL, zu erlangen 
hoffte, waren freilich von dem in seinem Programm aufgestellten 
Zielpunkt noch weit entfernt. Offenbar glaubte er, vorerst mehr 
in Bayern nicht durchsetzen zu können,* und von vornherein hat 
er sowohl dem Ghroßherzog als auch Ludwig IL gegenüber den 
bloßen Übergangscharakter der von ihm vorgeschlagenen Ver- 
bindung betont.' 

Er ging dabei aus von den vier Grundgedanken, die eigene 
Souveränität der süddeutschen Staaten zu erhalten, Deutschland 
gegen äußere Gefahren zu sichern, das nationale Streben zu 
befriedigen und den Beitritt Deutsch-Österreichs offen zu halten.^ 
Die wesentlichsten Pimkte seiner Vorschläge waren die folgenden: 

Ein imauflöslicher Staatenbund zwischen den Südstaaten und 
dem Norddeutschen Bunde; preußisches Präsidium und preußischer 
Oberbefehl im Krieg; Erweiterung des Bundesrats durch 6 bay- 
rische, 4 württembergische, 3 badische und 2 hessische Stimmen; 
vertragsmäßige Regelung eines allgemeinen deutschen Lidigenats 
und Heimatsrechts, des Zollvereins, des Maß-, Gewichts- und 
Münzwesens, des Bankwesens, gleicher Rechtshilfe (Prozeßord- 
nung), gleicher Grundsätze über Post-, Eisenbahn-, Telegraphen- 
wesen und Schiffahrt. Bei der Gesetzgebung über die gemein- 
samen Angelegenheiten sollen im Norden der Reichstag des Nord- 
deutschen Bundes, im Süden die Kammern der vier Staaten mit- 



^ Denkwürdigkeiten I, 201 ; Inhaltsangabe schon bei Meyer, Die Reichs- 
gründung und das Großherzogtum Baden, Festgabe zur Feier des 70. Ge- 
burtstags des Großherzogs von Baden, dargebracht von der juristischen 
Fakultät der Universität Heidelberg (auch separat erschienen) S. 157. 

' Sowohl ein deutsches Parlament als ein bloßes Zollparlament erklärte 
Hohenlohe zunächst fär unmöglich. Bericht Mohls vom 2. April. — Meyer 
S. 169. 

^ Denkwürdigkeiten I, 209, 216, 217. Für die Beurteilung der Hohen- 
lohe*8chen Politik ist das ein fundamentaler Punkt. 

* Der Großherzog wollte diese vier Grundgedanken — d. h. doch wohl 
nur den ersten und vierten — als „Ausdruck für die in den süddeutschen 
Staaten zu übervnndenden Schwierigkeiten und Vorurteile ansehen — für 
den Kreis von Rücksichten, welche Hohenlohe zu nehmen genötigt sei, um 
einen Übergangszustand für eine innigere Verbindung mit dem Norden 
vorzubereiten" — I, 204 — eine Auffassung, der Hohenlohe in seinem Ant- 
wortschreiben nicht widersprochen hat. 

4* 



52 Ernst Salzer. 

wirken; Bedingung des Abschlusses endlich sollte der gleichzeitige 
Abschluß einer Allianz mit Osterreich sein, in welcher die Inte- 
grität des deutschen Gebietes gegenseitig garantiert und Ton 
Österreich unter Modifikation des Prager Friedens der deutsche 
Bund anerkannt werden sollte. 

Auf diese Allianz mit Österreich^ legte Hohenlohe einen so 
großen Wert, weil, er in ihr das Mittel erblickte, europäische 
Verwicklungen fernzuhalten und die friedliche Zustimmung Öster- 
reichs zu einer Modifizierung des Prager Friedens, zu einem Ausbau 
des deutschen Yerfassungswerks mit Zentralgewalt und Parlament 
späterhin zu erlangen.' 

Der Großherzog von Baden erkannte sofort ebenso wie sein 
Ministerium • den wundesten Punkt des Hohenlohe'schen Projekts — 
die Übertragung der Gesetzgebung über die gemeinsamen An- 
gelegenheiten an die acht süddeutschen Kammern neben dem 
norddeutschen Reichstag. Er beeilte sich daher, dem Fürsten in 
seinem Antwortschreiben vom 4. März mitzuteilen, daß man in 
Berlin als erste nähere Verbindung zwischen Süden und Norden 



^ Der Großherzog hatte die Worte Hohenlohes in dem Schreiben Tom 
19. Februar (I, 202) in dem Sinn interpretiert, daß Hohenlohe mit diesem 
Bündnis lediglich Österreich und den österreichisch gesinnten Kreisen in 
München eine Konzession machen wolle (I, 206), worauf denn Hohenlohe 
seine Gründe für die Allianz in dem Schreiben Tom 14. März (I, 208, 209) 
ausführlicher auseinandersetzte. 

' Zur Zeit und nach dem Wortlaut des Prager Friedens erkl&rte 
Hohenlohe die Statthaftigkeit einer bundesstaatlichen Vereinigung (mit ge- 
meinsamem Parlament) mit dem Norden für zweifelhaft; I, 209 — kaum 
mit Recht. Denn die Bildung eines Südbundes war in das firmessen der 
Südstaaten gestellt, und nur einem Südbund war die internationale Unab- 
hängigkeit garantiert. Vgl. Sjbel VI, 180, 181. 

' Meyer S. 168 gibt einen Bericht desselben vom 28. Mai wieder; da 
aber der Großherzog nach dem Schreiben an Geizer — Lorenz S. 581 — schon 
vor Abfassung seines Schreibens an Hohenlohe vom 4. März ein Gutachten 
des Ministeriums eingeholt hat, so muß das Datum Mai in Februar zu korri- 
gieren sein; oder es handelt sich um zwei verschiedene Gutachten; indessen 
scheint gerade der von Meyer wiedergegebene Bericht in der Ministerial- 
erklärung vom 6. und 16. Mai schon berücksichtigt zu sein; s. u. S. 56 
Anm. 2. Der Schlußantrag Freydorfs ging nach Lorenz — ebd. — dahin, „zum 
Zweck der politischen Einigung mit Norddeutechland und nur zu diesem 
Zweck vorübergehend einen Bund sonst gleichgültigen Inhalts unter sich 
zu schließen^^ — um die Bestimmungen des Prager Friedens formell zu 
erfüllen. 



Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-SchillingsfOnt and die deutsche Frage. 53 

den Eintritt von Vertretern der süddeutschen Regierungen in den 
Bundesrat und von süddeutschen Abgeordneten in den nord- 
deutschen Reichstag für Zollangelegenheiten und somit die Ver- 
wandlung desselben in ein Zollparlament ins Auge fasse/ daß 
ein solcher Anfang sich bald weiter ausbilden und über andere 
Gebiete verbreiten lasse, und daß es geraten sein werde, die Lösung 
der Gesetzgebungsfrage durch einen dahin zielenden Vorschlag vor- 
zubereiten. Damit wäre es dann auch möglich, auf dem Wege 
der Gesetzgebung statt auf dem des Vertrags, wie Hohenlohe vor- 
geschlagen, die gemeinsamen Angelegenheiten zu regeln. 

Im übrigen empfahl der Großherzog möglichste Anlehnung 
an die alte, deutsche Bundesakte, um deren entwicklungsfähige Keime 
zur Reife zu bringen,' und äußerte seine Bedenken dagegen, die 
Allianz mit Österreich zur Bedingung des Vertragsschlusses mit 
Preußen zu machen.* Er schlug als Kompromiß vor, lieber die 
Regelung der Beziehungen des zu gründenden Bundes zu Öster- 
reich in dem Bimdesvertrag auf ähnliche Weise in Aussicht zu 
stellen, wie dies in dem Verfassungsentwurf des Norddeutschen 
Bundes in Betreff der süddeutschen Staaten geschehen. 

Bei allem Entgegenkommen gegenüber Hohenlohe empfahl 
der Großherzog doch zunächst bis zum Abschluß des norddeutschen 
Verfassungswerks eine zuwartende Haltung^ und betonte noch 
einmal, daß das vorläufig anzustrebende Bundesverhältnis mit 
Preußen als ein Übergangszustand zu bezeichnen sei, der 

* Vgl. BiBmarcks Erlaß vom 16. Februar 1867. Poschinger, WirtechaftB- 
politik S. 96, 96. 

' Eb beBtätigt das die von Lorenz S. 682 beBtrittene Richtigkeit der 
Angabe Meyers S. 160. 

^ 1. Zweifel, ob Preußen damit einverstanden sein werde, den Prager 
Frieden in einem so wichtigen Punkte zu modifizieren und eine europäische 
Frage damit aufzuwerfen, die der Prager Frieden eben vermeiden wollte, 
indem er die nationale Verbindung von Nord- und Süddeutschland als eine 
innere Frage vom Ausland anerkennen lasse. 

2. Gefahr, daß die Garantie der deutschen Besitzungen Österreichs 
Deutachland in seiner eigenen Entwicklung stören und in äußere Verlegen- 
heiten verwickeln könne. 

3. Zweifel, ob es in Bayerns Interesse liege, Preußen gegenüber als 
Vertreter österreichischer Interessen zu erscheinen, bevor Österreich einen 
solchen Wunsch geäußert habe. 

* Der Grzoßherzog hat also Hohenlohes Anträge nicht geradezu ab- 
gelehnt, wie Lorenz S. 681 meint, aber doch dilatorisch behandelt. 



54 Ernst Salzer. 

damit ende^ daß eine Verfassung sämtlicbe deutsche Gebiete 
umfasse. 

Am 6. März traf dann in Karlsruhe Graf TauflEkirchen in ge- 
heimer Mission Hohenlohes ein, um dem Grroßherzog die Vor- 
schlage des Fürsten näher zu erlautem; das Resultat der Unter- 
redung war; daß der Großherzog es übernahm, in Berlin über die 
bayrischen Vorschläge — aber ohne ins Detail zu gehen — zu 
sondieren, was Hohenlohe nicht selbst tun wollte, da er zunächst 
weder mit Ludwig IL, noch den übrigen Ministem über das ganze 
Projekt gesprochen.^ 

Am 14. März formulierte dann Hohenlohe in einem neuen, 
vertraulichen Schreiben an den Großhei*zog und unter Berück- 
sichtigung von dessen Vorschlägen das folgende Programm:^ 

1. Bayern, Württemberg, Baden und Südhessen einigen sich, 
dem Norddeutschen Bunde gemeinschaftlich die Gründung eines 
dem früheren Deutschen Bunde nachgebildeten Staatenbundes' 
mit Ausschluß Österreichs anzutragen. 

2. Den Beratungen über diesen gemeinschaftlichen Antrag 
ist die Bundesakte vom 8. Juni 1815 zugrunde zu legen' und 
nur so weit zu modifizieren, als es die durch Austritt Österreichs 
veränderte Lage, die Übertragung des Präsidiums an Preußen, 
und die Sicherung des Zollvereins nötig machen. 

3. Diesem neuen Bundesvertrag ist, ähnlich dem Art. 71 der 
Verfassung des Norddeutschen Bundes ein Artikel über An- 
bahnung einer Allianz mit Österreich beizufügen.' 

4. Der Ausbau dieses Verfassungswerks zu einem 
Bundesstaate mit parlamentarischer Verfassung wäre 
vorzubehalten. 

Der Großhei*zog entsandte darauf seinen Vertrauten, den 
Staatsrat Geizer, zu weiteren Besprechungen nach München, wo 
derselbe am 21. März eintraf. Schon vorher war der württem- 
bergische Minister v. Varnbüler zu Verhandlungen über die 
deutsche Frage dort angekommen. 

In einem ausführlichen Bericht an König Ludwig vom 20. März 
1867 suchte nun Hohenlohe um die königliche Genehmigung 
zu Verhandlungen auf den uns bekannten Grundlagen nach und 

* Lorenz 681. ' I, S. 209. 

^ Wie das der Großherzog vorgeschlagen liatte. 



Purst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingstorst und die deutsche Frage. 55 

legte die zwiefache Ursache für die ünhaltbarkeit des gegen- 
wärtigen Zustandes dar: Einmal gefährdet jede europäische Ver- 
wicklung die Selbständigkeit Bayerns; und zum andern wird sich 
der nationale Gedanke gegebenenfalls auch im Kampfe gegen die 
Regierungen durchzusetzen suchen und damit die Dynastie bedroht. 
Nachdrücklich warnt er vor dem Gedanken, abzuwarten, bis Oster- 
reich wieder die frühere Stellung in Deutschland einnehmen könne, 
und erklärt, daß der Wiedereintritt Österreichs in den Deutschen 
Bund voraussichtlich weder wegen des Widerspruchs Preußens 
möglich noch auch von Österreich beabsichtigt sei. Er bezeichnet 
daher als nächste Ziele die Rekonstituierung des Deutschen Bundes 
unter Ausschluß der österreichischen Staaten und als Übergang zu 
engerer, bundesstaatlicher Vereinigung, die gegebenenfalls auch den 
deutschen Provinzen Österreichs die Möglichkeit späteren Eintritts 
offen lasse, sowie die Anbahnung einer Allianz mit Österreich. 
Zum Schluß betonte Hohenlohe, daß durch die Einleitimg von 
Verhandlungen mit Preußen Bayern auch seine Stellung in den 
brennenden, materiellen Fragen der Liquidation des Bimdeseigen- 
tums, der Aufhebung des Salzmonopols und der Erneuerung des 
Zollvereins erheblich verbessern werde.* 

Der König erteilte dem Fürsten denn auch am 30. März die 
erbetene Ermächtigung. Inzwischen hatte sich Hohenlohe mit 
Vambüler über die Skizze zu einer Übereinkunft geeinigt, mit 
deren Grnndzügen auch Staatsrat Geizer sich einverstanden er- 
klärte, und die Hohenlohe dem König mit einem Bericht vom 
31. März zur Genehmigung vorlegte. 

Der König erteilte am 11. April diese Genehmigung, mit 
einigen sehr bezeichnenden Zusätzen: die Ablehnung des Eintritts 
der süddeutschen Staaten in den Norddeutschen Bund sollte in 
noch entschiedenerer Weise ausgesprochen und in der Folge 
strengstens festgehalten werden; die Anerkennung der Notwendig- 
keit eines Parlaments erscheine ihm nicht unbedenklich, aber auch 
entbehrlich, und er möchte dieselbe deshalb vermieden sehen; den 
Abschluß der Allianz mit Österreich wünschte er sogleich mit 
der Regelung der allgemeinen Beziehungen und vor dem Inkraft- 

^ Diese Punkte treten aber neben den allgemeinen, politischen Er- 
wägungen doch sehr zurück, und es ist nicht richtig, wenn B. Delbrück in 
seinen Erinnerungen U, 395 die Verhinderung eines Zollparlaments als ein- 
ziges Motiv der bayrischen Pläne bezeichnet. 



56 Ernst Salzer. 

treten der neuen Bundesvertrage. Diese Bemerkungen zeigen, wie 
richtig Hohenlohe vorausgesehen hatte, was er beim König zu- 
nächst durchsetzen konnte. 

Am 31. Mai wurde darauf die Übereinkunft zwischen Hoheu- 
lohe und Yambüler vollzogen.^ Sie beruhte durchaus auf den 
von Hohenlohe in der Korrespondenz mit dem Großherzog von 
Baden entwickelten und nach dessen Wünschen modifizierten 
Vorschlägen und lehnte sich auch an den Entwurf der Verfassung 
des Norddeutschen Bundes an, indem sie Artikel III und IV des- 
selben als Basis der Verhandlungen Ober Feststellung der gemein- 
samen Bundesangelegenheiten anerkannte,^ und indem sie für 
Preußen 17 Stimmen im Bundesrat vorsah und für die übrigen 
Mitglieder die im Artikel VI der Wiener Bundesakte festgesetzte 
Stimmenzahl;' nur für Bayern waren, wie schon in Hohenlohes 
Schreiben vom 19. Februar, 6 Stimmen vorgesehen. Festgehalten 
war an der Forderung, die gemeinsamen Angelegenheiten, soweit 
möglich, auf dem Wege des Vertrags als Bundesgrundgesetz zu 
regeln und auf dem Wege der Gesetzgebung unter Mitwirkung 
des norddeutschen Parlaments und der süddeutschen Ständekammern 
fortzubilden. Die Berechtigung einer nationalen Vertretung am 
Bunde wird — trotz der von Ludwig 11. geäußerten Bedenken — 
anerkannt. 

Der Großherzog von Baden hatte inzwischen nach seiner 
Rückkehr von einer Reise nach Berlin Hohenlohe noch einmal 
ganz klar seinen Standpunkt entwickelt, wie auch Staatsrat Geizer 
schon damit beauftragt worden war: daß ihm ein einziger Bundes- 
staat durch Eintritt der Südstaaten in den Norddeutschen Bund 
oder durch Weiterentwicklung des Zollvereins als wünschens- 
wertestes Ziel vor Augen stehe, daß er aber, solange dieses Ziel 
noch nicht erreichbar sei, sich keinem Versuch entziehen wolle^ 

* Inhaltsangabe bei Meyer 161 f.; zuerst mitgeteilt bei Lorenz 136 if., 
jetzt auch Denkwürdigkeiten I, 232 und 214. (Mit Rücksicht auf Frank- 
reich und Österreich — vgl. 236 — wird statt einer ,,Allianz*' eine „der Ge- 
meinsamkeit der Nationalität entsprechende Verbindung'* mit Österreich an- 
zustreben sein — eine nicht ganz unbedenkliche Fassung.) 

' Damit war einem badischen Wunsche teilweise Rechnung getragen^ 
der auf Art. 3, 4 und 32 (Gemeinsamkeit der Zölle und indirekten Steuern) 
als Inhalt des Bundes verwiesen hatte. Meyer löS; vgl. o. 52, Anm. 3. 

' Analog den bezüglichen Bestimmungen der norddeutschen Bundes- 
verfassung. 



Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfiint und die deutsche Frage. 57 

der dem gewünschten Ziel wenigstens um einige Schritte naher 
bringe, daß er deshalb Hohenlohe gern entgegenkomme , daß er 
dessen Einfluß und dessen Stellung in Bayern zu unterstützen 
als seine Pflicht ansehe , und daß er auch seine Motive für die 
Allianz mit Österreich zu würdigen wisse. Zugleich aber machte 
er den Fürsten von neuem darauf aufmerksam, daß Preußen nach 
dem Abschluß der Verfassung des Norddeutschen Bimdes vor 
allem über eine Erneuerung des Zollvereins Unterhandlungen ein- 
leiten werde.^ 

IV. 

Inzwischen war die Luxemburger Frage brennend geworden 
und verflocht sich mit der deutschen Politik Hohenlohes. 

Bismarck wünschte durch Vermittlung Bayerns zu erfahren, 
welche Haltung er im Falle eines Krieges mit Frankreich von 
Osterreich zu erwarten habe, und ob dieses eventuell zu einem 
Bündnis mit Preußen und Bayern bereit sei.' Denn einen Augen- 
blick scheint doch Bismarck wirklich daran gedacht zu haben, 
den Krieg zum mindesten nicht zu vermeiden: 

Er ließ Hohenlohe am 3. April durch den preußischen Ge- 
sandten in München vertraulich mitteilen, Frankreich behaupte^ 
der luxemburgische Handel sei abgeschlossen, der Kaiser könne 
nicht mehr zurück, obwohl Bismarck Benedetti gesagt habe, daß 
Preußen nach der Lage der öffentlichen Meinung nicht weichen 
könne und werde. Graf Perponcher berichte dagegen aus dem 
Haag, daß der Abschluß nicht erfolgt sei, und daß er hoffe, den- 
selben zu verhindern. „Nach Stand der Dinge in Deutschland" — 
heißt es dann weiter in der Depesche — „müssen wir meines Er- 
achtens eher den Krieg wagen, sowenig auch das Objekt Luxem- 
burg an sich des Kriegs wert ist. Die Auffassung der Sache in 
der Nation, deren Ehrgefühl ins Spiel gezogen, ist das Entscheidende. 
Jedenfalls sollten wir beide den günstigen Einfluß des Inzidenz- 
falls auf Konsolidierung der nationalen Sache nach Kräften aus- 
beuten und uns daneben vom Kriege, der schnell eintreten kann^ 
materiell nicht überraschen lassen." 



^ Schreiben vom 9. April 1867 1, 226 ff. 

' I, 222 und 228, wonach also die Initiative zu einer Allianz mit 
Osterreich nicht von Bayern, wie man bisher annehmen mußte, sondern 
von Bismarck ausgegangen zu sein scheint; vgl. auch I, 276: Verbindung 
mit Osterreich „couronnement de Toeuvre'*. 



i)8 p]rnst Salzer. 

Es ist eines der groBeu, nationalen Verdienste des FQrsteu 
Hohenlohe^ daß er in dieser kritischen Situation mit unerschütter- 
licher Vertragstreue an der preußischen Allianz festgehalten und 
beim König diese Politik durchgesetzt hat; er hat auch bei diesem 
selbst keine Schwierigkeiten gefunden und die antipreußischen 
Oegenbestrebungen, die sich geltend zu machen suchten^ mühelos 
zurückgewiesen.^ Freilich verband er doch mit dieser Erklärung 
die Versicherung, daß die bayrische Regierung, weit entfernt, zum 
Kriege zu drängen, an allen zur Erhaltung eines ehrenvollen 
Friedens geeigneten Schritten teilzunehmen, überhaupt alle hierza 
geeigneten Mittel zu erschöpfen bereit sei.' 

Zugleich benutzte er in geschickter Weise die internationalen 
Verhältnisse, um in der deutschen Frage in einer für Bayern 
günstigen Art einen Schritt vorwärts zu kommen. Indem er 
eine Allianz zwischen Preußen, Osterreich und Bayern zu ver- 
mitteln suchte und zu diesem Zweck den Grafen Tauffkirchen 
an die Höfe von Berlin und Wien entsandte, erteilte er demselben 
zugleich den Auftrag, als Preis für diese Allianz „von Preußen 
günstige Bedingungen bei den über die Stellung Bayerns und der 
übrigen süd westdeutschen Staaten zum Norddeutschen Bunde zu 
eröffioienden Unterhandlungen zu erzielen und ein Übereinkommen 
hierüber vorbehaltlich der Genehmigung Sr. Majestät des Königs 
abzuschließen/'^ 

Indem sich dann bekanntlich Graf Beust den preußisch- 
bayrischen Anträgen versagte, scheiterte diese ganze Unterhandlung. 



^ Yöldemdorff, a. a. 0. S. 15 zitiert eine Stelle aus einem Brief Hohen- 
lohes, den er Ende März erhalten haben will; (hier aber scheint ein Irrtum 
vorzuliegen, denn die eigentliche Krisis f äUt erst in die ersten Apriltage — 
I, 221 ff.). ,,Es war doch gut, daß ich zugegriffen habe, es ist mir ohne 
Schwierigkeit gelungen, Bayern in der deutschen Politik zu erhalten und 
alle Versuche, den casus foederis des Schutz- und Trutzbündnisses als nicht 
gegeben zu erachten, ^weil es sich nur um ein Gamisonrecht im Auslände, 
also nicht um einen Ang^ff auf das preußische Gebiet handle,'* abzuweisen.** 

* I, 226, 231. 

' I, 229, Entwurf der Instruktion als Beilage zu einem Bericht an den 
König vom 10. April. Vgl. Sybel VI, 124 ff., wo von dieser Verquickung 
des Allianzprojekt« mit der deutschen Frage nichts erwähnt wird. Bismarck 
hat vermutlich diesen Punkt dilatorisch behandelt. Vgl. auch Beust II, 120; 
Staatsarchiv XXX No. 6593 imd danach Poschinger, Bismarck und die Diplo- 
maten 245, 246. 



Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfiirst und die deutsche Frage. 59 

V. 

Die Grundgedanken des bayrisch-württembergischeu Überein- 
kommens vom 31. Mai bezeichnete Bismarck Baden ^ gegenüber 
als unannehmbar^; besonders mit Rücksicht auf den Vorschlag, 
für gemeinsame Angelegenheiten neben der Zustimmung des 
Reichstags die der acht süddeutschen Kammern einzuholen. 

Namentlich in betreff der Zollangelegenheiten erklärte das 
Bismarck für unmöglich und bezeichnete als einzigen, annehmbaren 
Modus gemeinsamer Zollgesetzgebung eine zum Behuf derselben 
eintretende Erweiterung des Bundesrats und Reichstags durch die 
Teilnahme von Vertretern Süddeutschlands. Dennoch wünschte Bis- 
marck, daß Baden die Verhandlungen mit Bayern und Württemberg 
fortsetze, „um den Faden nicht abreißen zu lassen.'" Die badische 
Regierung teilte denn alsbald ihre Bedenken nach München mit/ 

Hohenlohe hat darauf in einer Note vom 22. Mai^ gewisse 
Modiäkationen vorgeschlagen. Doch blieb er dabei, daß ein ge- 
meinsames, deutsches Parlament zurzeit für Bayern noch un- 
möglich sei — weder die Dynastie noch die Bevölkerung wollten 
es; bezüglich des Vertrags wegs betonte er, daß derselbe nur „so- 
weit als möglich" in Aussicht genommen sei. 

Der Großherzog von Baden ermächtigte darauf am 27. Mai 
sein Ministerium zu weiteren Verhandlungen unter Zugrundelegung 
der bayrisch-württembergischen Ministerialerklärung mit den vom 
Fürsten Hohenlohe vorgeschlagenen Modifikationen.® 

Das bayrisch-württembergische Programm, das Bismarck so 
gar nicht genügte imd genügen konnte, hat diesen nun offenbar 
mitveranlaßt, die geplante^ Reorganisation des Zollvereins in An- 
griff zu nehmen. 

' Nach Meyer 162 hätte auch Bayern das übereinkommen Preußen 
mitgeteilt 

' Auch Freydorf war bo wenig befriedigt, daß er den Wunscli der 
Au&ahme Badens in den Norddeutschen Bund Bismarck aussprechen ließ, 
der das aber ablehnte. Meyer 182, 183; Tgl. Lorenz 138, 139. 

' Meyer 163, 164; Lorenz 132 ff. nach badischen Akten. 

* Meyer 164; Hohenlohe I, 234. 

^ Erwähnt bei Lorenz 140, leider ohne nähere Angaben; vgl. auch 
Meyer 164, 166. 

* I, 235. Förmlich beigetreten ist aber Baden dem Abkommen nicht, 
wie das Meyer 166 irrig behauptet: Denkwürdigkeiten 1, 280. 

^ Schon im Februar hatte Bismarck die Gesandten an den süddeutschen 



60 Ernst Salzer. 

Hohenlohe konnte es Bismarck nicht verzeihen , daß jener 
damit seine Bundesplane durchkreuzte und hat das noch im De- 
zember des Jahres 1868 als einen Fehler Bismarcks bezeichnet^ 

In Wirklichkeit war es einer seiner genialsten SchachzQge. 

Die Haltung der süddeutschen Staaten — ihre BundesYor- 
schlage bewiesen es aufs deutlichste — und auch die inter- 
nationale Lage gestatteten es zurzeit nicht, die staatliche Eini- 
gung Deutschlands durchzusetzen. So beschrankte sich denn 
Bismarck vorerst auf eine Umgestaltung der Zollvereinsverfassung 
In dieser zunächst mehr wirtschaftspolitischen Frage konnte er mit 
ganz brutaler Gewalt die Übermacht Preußens und des Nord- 
deutschen Bundes in die Wagschale werfen, während er in der 
Frage der politischen, staatsrechtlichen Einigung den Süddeutschen 
gegenüber keinen Zwang anwenden wollte. 

Als Bismarck den Zollverein kündigte und zu Minister- 
konferenzen über dessen Neuorganisation auf den 3. Juni nach 
Berlin einlud, wünschte Hohenlohe diese Konferenzen noch hin- 
auszuschieben, da er glaubte, es solle doi-t auch über den An- 
schluß an den Norddeutschen Bund verhandelt werden, und er 
darüber erst eine Einigung zwischen den süddeutschen Staaten 
erzielen wollte.- 

Bismarck aber erneuerte unter Vermittlung des württera- 
bergischen Ministers Yambüler seine Einladung, und dieser machte 
in einer Zusammenkunft in Nördlingen am 30. Mai Hohenlohe 
Mitteilungen darüber, daß Frankreich und Osterreich sich un- 
günstig über die bayrisch-württembergischen Pläne ausgesprochen,' 
und daß man auch in Berlin aus Rücksicht auf Frankreich sich 
vorerst auf die Regelung der Zollvereinsangelegenheiten beschranken 
wolle. Daraufhin bat Hohenlohe den König um die Ermächtigung 
zur Teilnahme an den Berliner Konferenzen.* Das Programm^ 
das Bismarck hier vorlegte, Bildung eines Zollbundesrats und 
Zollparlaments, entsprach freilich ganz und gar nicht dem, was 



Höfen beauftragt, darüber zu sondieren. S. o. S. 53, Anm. 1. Die bayriBcken 
Vorschläge für die Erneuerung des Zollvereins in der Weber^schen Denk- 
schrift, die während des Aufenthalts des Großherzogs von Baden in Berlin 
eingetroffen war, waren für Bismarck unannehmbar. Hohenlohe I. 228. 

» Hohenlohe I, 841. « I, 235. 

' VgL Hohenlohes Erlaß an die Gesandtschaft in Wien — I, 240 ff. 

♦ Ebd. 236 ff. 



Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst und die deutsche Frage. 61 

Hohenlohe dnrcfasetzen zu können glaubte und selbst wünschte. 
Er war gegen den Eintritt süddeutscher Abgeordneter in das 
norddeutsche Parlament und meinte, das werde Bayern nach und 
nach in den Norddeutschen Bund führen. Es widerstrebte aber 
Bayern, sich indirekt und nach und nach in den Bund hinein- 
ziehen zu lassen. Wenn es eintreten wollte, würde es schon von 
selbst kommen. Er beantragte daher die Bildung einer besonderen 
Versammlung, der das norddeutsche Parlament und die süddeutschen 
Kammern gewisse auf den Zollverein bezügliche Befugnisse abzu- 
treten hatten. 

Aber hier blieb Bismarck imerschütterlich. Württemberg, 
Baden und Hessen schlössen schon am 4. und 7. Juni auf Bismarcks 
Bedingungen einen Praliminarvertrag ab. 

Auch Hohenlohe wollte es doch nicht auf die Auflösung des 
Zollvereins ankommen lassen — er war entschlossen, das dem 
König gegenüber zur Kabinettsfrage zu machen.^ Auch glaubte er, 
daß „von weiteren Bundesverfassungsberatungen^ nach Abschluß 
des neuen Zollvereinsvertrags abgesehen werden könne, und das 
erschien ihm im Augenblick offenbar als ein Vorteil für die Er- 
haltung der bayrischen Selbständigkeit. Das energische Vorgehen 
Bismarcks in der Zollvereinsfrage hatte ihm doch in dieser Be- 
ziehung Besorgnisse eingeflößt, und nur allmählich kam er von 
dem Verdacht zurück, daß Bayern in der nationalen Frage ver- 
gewaltigt werden solle.* Dazu kam die Besorgnis vor dem Wider- 
spruch Österreichs und Frankreichs gegen weitere Vereinbarungen 
mit dem Norden.^ 

Zur Vertretung der bayrischen Wünsche in der Zollvereins- 
frage wurde noch einmal Graf Tauffkirchen nach Berlin entsandt, 
der aber nur in zwei Punkten etwas erreichte: 

Bei Verhandlungen mit Osterreich und der Schweiz sollten 
Vertreter der angrenzenden Staaten zugezogen werden, und Bayern 
sollte im Bundesrat 6 statt 4 Stimmen erhalten — ein Sonder- 
recht, das Hohenlohe schon in dem Schreiben an den Großherzog 
von Baden vom 19. Februar gefordert hatte (ebenso in der Mini- 
sterialabkunft vom 31. Mai), und das später aus der Zollvereins- 
in die Reichsverfassung übergegangen ist. Bayern trat dann am 



' Vgl. V. Völdemdorff S. 17. 
« I, 819. » ß. o. S. 60. 



62 Ernst Salzer. 

18. Juni dem Präliminarvertrag bei, und am 8. Juli wurde der 
definitive Vertrag unterzeichnet. 

Bei der Einbringung des neuen Zollvereinsvertrags in der 
zweiten Kammer legte Hofaenlohe Rechenschaft über seine bisherige 
deutsche Politik ab.^ 

Nachdrücklich lehnte er nochmals den bedingungslosen Eintritt* 
der süddeutschen Staaten in den Norddeutschen Bund ab, ebenso 
die Bildung eines süddeutschen Bundesstaats oder eines inter- 
nationalen Bundes der einzebien deutschen Staaten und berichtete 
über seine Bemühungen um den Abschluß eines deutschen Staaten- 
bundes und einer Allianz desselben mit Österreich, die dann durch 
die preußische Initiative in der Zollvereinsfrage unterbrochen 
worden. Er betonte darauf, daß die Bedingungen, die Preußen 
an die Aufrechterhaltung des Zollvereins knüpfte, nicht ohne Ein- 
fluß auf das begonnene Werk bleiben konnten, daß aber die Re- 
gierung an ihrem Programm einer nationalen Verbindung der 
süddeutschen Staaten mit dem Norden in Form eines Staaten- 
bundes festhalte, wohl bewußt der Verantwortlichkeit, die ihr die 
Pflicht der staatlichen Selbsterhaltung Bayerns und die gefahrvolle 
Lage Europas auferlege. Zugleich suchte er, einem Anschluß 
Badens allein an den Norddeutschen Bund entgegenzuarbeiten, 
indem er es als weder politisch korrekt noch zweckmäßig, noch 
auch in friedlicher Weise durchführbar bezeichnete, daß einzelne 
Staaten südlich des Mains mit Norddeutschland in nähere Ver- 
bindung traten.' Die zweite Kammer stimmte denn auch mit 
großer Majorität dem Zollvereinsvertrag zu. Den anfänglichen 



^ Bismarcks urteil über die Rede: Lorenz 154, 155 — übrigens nicht 
ganz gerechtfertigt. Die Unmöglichkeit, daß Bayern mit fremden Mächten 
Bündnisse eingehe , erkennt Hohenlohe im Bericht an den König I, 3S7 
(22. Vn. 68) ausdrücklich an. 

- Ohne Abänderung der Verfassung. 

3 Demgegenüber vertrat v. Frejdorf seinen Standpunkt in einer Kammer- 
rede am 14. Oktober 1867 — Meyer 181 — , daß der Nikolsburger und 
Prager Frieden den Eintritt der süddeutschen Staaten oder eines derselben 
in den Norddeutschen Bund nicht ausschlössen. Denselben Standpunkt ver- 
trat theoretisch auch Preußen. — Denkwürdigkeiten I, 274, vgl. Meyer 188, 
Lorenz 154 — 156, wonach jedoch Bismarck aus Opportunitätsrücksichten 
nicht bloß mit einem oder zwei der süddeutschen Staaten abschließen 
wollte. In diesem Sinne sind die Ausführungen Sybels VI, 182 zu modi- 
fizieren. 



FTint Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst und die deutsche Frage. 63 

Widerstand der Kammer der Reichsrate überwand Hohenlohe durch 
ein sehr geschicktes Manöver, indem er einem Yermittlungsantrag des 
Fürsten Löwen stein- Wertheim beistimmte und mit dem Freiherm 
von Thüngen, dem Berichterstatter der ersten Kammer in dieser 
Frage, nach Berlin reiste, um nochmals zu versuchen, das bayrische 
liberum veto durchzusetzen — natürlich vergebens. Die Kammer 
der Reichsräte nahm aber nun — auf den Bericht Thüngens hin, 
der durch seine Reise überzeugt worden war — den Zollvereins- 
vertrag ebenfalls an.* 

Die neue Zollvereinsverfassung, die so von Bismarck mit 
Hohenlohes Unterstützung schließlich durchgesetzt worden war, 
hat in ganz anderem Maße als der bisherige Zollverein zu der 
schließlichen, politischen Einigung den Übergang gebildet. Hohen- 
lohe selbst wurde Mitglied und erster Vizepräsident des Zoll- 
parlaments. Indem er für die Wahl dankte, in der er eine Rück- 
sicht auf die süddeutschen Mitglieder erblickte, erklärte er, die 
damit freundschaftlich gereichte Hand in dem Vertrauen zu er- 
greifen, daß süddeutsche Eigenart und süddeutsche Anschauungen 
in dieser Versammlung Achtung und Anerkennung finden würden^ 
und daß es gelingen werde, die durch den Vertrag vom 8. Juli 
1867 zugewiesene Aufgabe in patriotischer* Eintracht und Hin- 
gebung zu lösen.^ Und bei seiner Wiederwahl am 4. Juni 1869 
erklärte er, ^das Votum dieser Versammlung gebe ihm den Mut,, 
auszuharren in dem Bestreben, die Versöhnung, Verständigung und 
Eintracht der deutschen Stämme nach Kräften zu fordern.'*' 



Im Spätsommer 1867 suchte Hohenlohe dann den König zu 
veranlassen, König Wilhelm auf der Insel Mainau einen Besuch 
abzustatten. Die Anregung dazu war von dem stets zur Ver- 
mittlung bereiten Großherzog von Baden ausgegangen. Trotz, 
seiner eindringlichen Vorstellungen indessen konnte Hohenlohe den 
Besuch nicht durchsetzen und erreichte nur, daß König Ludwig 

» 81. Oktober. Vgl. Völdemdorff S. 19 ff. « I, 307. 

» I, 369, 370. Vgl. auch die Rede vom 26. April 1870 — H, 6, 
Anm. 1, wonach „die gemeinsame Arbeit deutscher Abgeordneter im 
Zollparlament der feste Grund ist, worauf der Anker der nationalen 
Hoffnung beruht*^ 



64 Ernst Salzer. 

wenigstens den König von Preußen auf der Rückreise in Augsburg 
Auf bayrischem Gebiet begrüßte.^ 

VI. 

Noch im Sommer 1867 hatte Hohenlohe geglaubt, durch 
den neuen Zollvereinsvertrag wärden weitere Bundes Verhandlungen 
vermeidbar, ja sie könnten leicht zu ernsten Verwicklungen führen, 
und er hatte daher Baden mitgeteilt, solche Verhandlungen hatten 
Torläufig besser zu unterbleiben.* Und noch in seiner Rede vom 
8. Oktober hatte er den Gedanken eines Südbundes verworfen.* 

Aber schon im November bestimmte ihn einerseits die Sorge, 
-daß im Falle eines rein negativen Verhaltens der Regierung der 
Gedanke des unbedingten Eintritts in den Norddeutschen Bund 
immer mehr Anhänger gewinnen möchte, und andererseits die 
Pression Frankreichs und Österreichs*, der Frage einer Verbindung 
der Südstaaten näher zu treten.^ 

Am 6. November hatte Hohenlohe eine Unterredung mit 
Beust®, in der jener die Notwendigkeit der Bildung einer süd- 

*) I, 260 ff. Vgl. auch Lorenz 160, löl, wonach zunächst Ludwig U. 
König Wilhelm die Burg zu Nürnberg als Absteigequartier anbieten ließ, 
mit der Bemerkung, daß er selbst wegen des Oktoberfestes verhindert sei, 
ihn dort zu begrüßen! 

* Note vom 5. August an den Gesandten in Karlsruhe. Lorenz 144, 145. 
' Auch als ihm Napoleon im August 1867 bei seiner Durchreise durch 

München in einer Unterredung sein Bedauern über das Nichtzustandekommen 
eines Südbundes aussprach, ging Hohenlohe nicht näher auf die Frage ein 
und verwies auf die materiellen Interessen, die den Süden mit dem Norden 
verbänden, und deren Schädigung durch einen Südbund man befürchte. 
Hohenlohe I, '259. 

* Er glaubte, die französisch-österreichische Auslegung des Artikels IV 
des Prager Friedens, die er in der Note vom 80. Mai 1867 — I, 240 ff. — 
zurückgewiesen hatte, doch nicht ignorieren zu können — die Auslegung, 
nach der die Bildung eines süddeutschen Staatenvereins die notwendige 
Voraussetzung jeder nationalen Annäherung der süddeutschen Staaten oder 
eines derselben an den Norddeutschen Bund wäre. Mindestens zweifelhaft 
ist übrigens auch Hohenlohes Auslegung — I, 242; denn nur dem event. 
süddeutschen Bund war eine international unabhängige Existenz gewähr- 
leistet: vgl. Sybel VI, 180, 181. 

® Diese Gründe, die er in dem Bericht an den König vom 23. November 
1867 sowie in dem Schreiben an Varnbüler vom 30. November — I, 279 ff. 
bzw. 282 ff. — angibt, waren doch wohl tatsächlich die bestimmenden. 

^ I, 277 — 279, wodurch die Angaben Beusts, Aus drei Vierteljahr- 
hunderten U, 138, berichtigt werden. 



Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst und die deutsche Frage. 65 

deutschen Vereinigung betonte und behauptete, nur auf diese 
Weise sei der Friede zu erhalten. 

Hohenlohe hatte selbst offenbar wenig Hoffnung, daß eine 
solche Union möglich sei — aber er glaubte doch dem österreichisch- 
französischen Drängen nachgeben zu müssen und meinte, „schon 
ein Versuch in dieser Richtung werde in Wien und Paris sehr 
angenehm berühren". Sodann aber hätte der Abschluß des Süd- 
bundes nach dem Wortlaut des Prager Friedens einen unanfecht- 
baren Rechtsgrund für den Abschluß einer nationalen Verbindung 
mit dem Norden geboten^, und nicht zum mindesten diese Aus- 
sicht wird Hohenlohe bestimmt haben, auf die Anregung Beusts 
einzugehen. Zunächst teilte er rein yertraulich Varnbüler den Ent- 
wurf für einen Staatenverein „der Vereinigten Süddeutschen 
Staaten^' mit^, den Baron Völdemdorff nach seinen Direktiven 
ausgearbeitet hatte.^ 

Dieser Entwurf sieht eine gemeinsame Vereinsbehörde vor, 
in der Bayern 6, Württemberg 4, Baden 3, Hessen 2 Stimmen hat; 
femer gemeinschaftliche, militärische Einrichtungen und eine 
Militarkommission, in der Bayern, Württemberg und Baden durch 
je ein Mitglied vertreten sein sollten; die Vertretung Preußens in 
dieser Kommission durch einen Bevollmächtigten mit beratender 
Stimme sollte weiterer Vereinbarung vorbehalten werden. Auch 
gemeinsame Konsulate, Indigenat, Zivil- und Kriminalrecht mit 
Prozeß in möglichster Gemeinsamkeit mit der Gesetzgebung des 
Norddeutschen Bundes, gemeinsame Obergerichte — zunächst eines 
für Handelssachen in Nürnberg — waren vorgesehen. Außerdem 
sollten Vereinsangelegenheiten sein: Maß-, Gewichts-, Münzwesen, 
Bankwesen, Erfindungspatente, Schutz des geistigen Eigentums, 
Flößerei, Schiffahrt und Wasserzölle auf mehreren Staaten ge- 
meinsamen Wasserstraßen, Bestimmungen über wechselseitige Voll- 
streckung von Erkenntnissen in Zivilsachen, Medizinal- und Veteri- 
narpolizei. Diese Angelegenheiten sollten durch Verträge ge- 
meinsam zwischen dem Norddeutschen Bund und den süddeutschen 



^ Während Baust das bayrisch- württembergische Programm vom 81. Mai 
und nachher die Schutz- und Trutzbündnisse und die neuen Zollvereins- 
verträge für unvereinbar mit dem Prager Frieden erklärt hatte, falls nicht 
ein Südbund abgeschlossen würde. 

* Denkwürdigkeiten I, 282—287. 

» Völdemdorff, S. 61 ff. 

Histor. Yierteljahnchrift 1908. 1. 5 



66 Ernst Salzer. 

Staaten geregelt^ und dadurch zwischen beiden neben den AlliaDZ- 
und Zollyereinsyerträgen ein internationales Band erzielt werden.' 
Die Frage des Anteils der legislativen Faktoren an der gemein- 
samen Gesetzgebung ließ Hohenlohe einstweilen noch unberQhrt.' 
Er wollte kein gemeinschaftliches^ süddeutsches Parlament vor- 
schlagen^ einmal wohl, weil er dasselbe beim König nicht durch- 
setzen zu können glaubte , sodann aber^ und das war yielleicht 
doch das Entscheiden de , weil er fürchtete^ daß ^^ein mit Kraft 
ausgerüsteter Südbund die Dinge in eine Richtung treiben könnte, 
welche den Riß mit dem Norden vergrößere*, und die zu ver- 
treten er nicht geneigt sei^.^ Er hat daher bei einer späteren For- 
mulierung des Projekts^ die Mitwirkung an der gemeinsamen Ge- 
setzgebung den verschiedenen süddeutschen Kammern vorbehalten 
und nur einen gemeinsamen Ausschuß zur Yorberatung vorsehen 
lassen. 

Dagegen wurde in dem zweiten Teil desselben Entwurfs betr. 
die Verbindung des Norddeutschen und des Süddeutschen Bundes^ 
eine Ausdehnung der Befugnisse des Zollbundesrats und des Zoll- 
parlaments vorgesehen — allerdings — Hohenlohes altem LieblingB- 
gedanken gemäß — die ursprüngliche Regelung der gemeinsamen 
Angelegenheiten^ durch Vertrag und nur ihre Fortbildung durch 

1 Man sieht, wie diese Bestimmuugen vielfach mit den VorBchlägen in 
dem Schreiben vom 19. Febiuar 1867 an den Großherzog von Baden und 
mit der Ministerialerklärung vom C— 16. Mai übereinstimmen. 

* Vgl. auch Meyer 168 f. und Lorenz 159 f. (Berichte Mohls vom 20. No- 
vember 1867 und Werthems vom 3. Januar 1868 aus München). 

' Ursprünglich hatte Völdemdorifs Entwurf die Abgeordneten lum 
Zollparlament mit Ausschluß der einzelnen Landesvertretungen als ständische 
Mitwirkung bei der Gesetzgebung vorgesehen. So Meyer 168, 169 nach Be- 
richt Mohls. 

* Namentlich auch infolge des voraussichtlichen Ausfalls der Wahlen 
für ein Parlament; vgl. unten S. 67. 

^ Meyer 170 nach einem Bericht Mohls. 

^ Fassung, die Völderndorif in den Annalen des Deutschen Reichs 
1890, S. 28*2 ff. mitteilt und die von der in den Denkwürdigkeiten etwas ab- 
weicht und etwas ausführlicher ist; es ist das vielleicht das im Februar 
J868 neu entworfene Projekt, von dem Mohl berichtet. Lorenz 596. 

^ Dieser ist in den Denkwfirdigkeiten nicht abgedruckt, es liegt da- 
von nur die Fassung vor, die Völdemdorff a. a. 0. S. 285 ff. publiziert hat; 
vgl. auch Ders., Vom Reichskanzler Hohenlohe S. 53, 54 Anm. 

^ Zu diesen sollten neben den Zoll- und Handelsangelegenheiten ge- 
hören: Maß-, Münz-, Gewichtswesen, Bankwesen, Eriindungspatente, Schatz 



Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingefürst und die deutsche Frage. 67 

gemeiiiBame Gesetzgebung yorgeschlagen. Um aber hierbei doch 
dem süddeutschen Element wieder mehr Einfluß zu yerschaffen, 
bestimmte Artikel VII dieses Entwurfs unter Abänderung von 
Artikel 9 § 10 des Zollyereinsyertrags yom 8. Juli 1867, daß zur 
Gültigkeit der Beschlußfassung mindestens die Hälfte der nord- 
deutschen Reichstags- und der süddeutschen Abgeordneten an- 
wesend sein müsse, daß die Abstimmung für die ersteren und die 
letzteren gesondert geschehen und ein Vertrag als abgelehnt gelten 
solle, wenn er nicht in beiden Abteilungen die absolute 
Stimmenmehrheit erhalte. 

Das war also ein Zugeständnis an den süddeutschen Sonder- 
geist, dem damit ein gemeinsames, süddeutsches Vetorecht für die 
süddeutsche Minderheit zugestanden wurde. 

Bald aber gab Hohenlohe den Versuch zur Gründung eines 
süddeutschen Bundes auf.^ Die Gründe für das Scheitern des 
Projekts legte er dem König in einem Bericht vom 10. April 
1868' dar. Der König selbst hatte gewisse Bedenken erhoben, 
auch im Ministerrat hatten die Entwürfe Widerstand gefunden'; 
vor allem aber, nachdem der Bund der klerikalen und demokra- 
tischen Elemente in Bayern und Württemberg* in den Wahlen 
zum Zollparlament hervorgetreten, würde ein süddeutscher Staaten- 
bund ohne Parlament in Süddeutschland keinen Boden gewinnen, 
ein süddeutsches Parlament aber die Autoriföt der süddeutschen 
Regierungen infolge der Verbindung der Ultramontanen und 
Republikaner untergraben und Pläne fordern, deren Ziel die repu- 
blikanische Föderativverfassung Süddeutschlands mit dem An- 
schluß an die Schweiz sei. Endlich aber erklärte Hohenlohe, daß 
die äußeren Verhältnisse die Durchführung des Projekts nicht 
mehr möglich machten — die Vorbedingungen dafür nicht mehr 
vorhanden seien; die Entente zwischen Frankreich und Osterreich 



des geistigen Eigentums, Eisenbahn- und Verkehrswesen, Flößerei- Schiff- 
fahrtabetrieb, Post- und Telegraphen wesen — teilweise also Angelegenheiten, 
deren Regelung nach der späteren Reichsverfassung unter die bayrischen 
Sonderrechte fiel; vgl. auch Artikel 4 der Verfassung des Norddeutschen 
Bundes. 

' Zu offiziellen, schriftlichen Verhandlungen mit Baden kam es nicht; 
Meyer 171, 172. 

* Hohenlohe I, 299 ff. » Völdemdorff 8. 62. 

* Vgl. Lorenz 697, Bericht Mohls vom 19. April 1868. 



68 Brnst Salzer. 

sei erkaltet und Preußen, das sich anfangs wenigstens nicht ab- 
lehnend verhalten ^y zeige keine Neigung mehr, zur Erhaltung des 
Friedens dadurch beizutragen, daß es seinen Einfluß auf Baden 
und Hessen anwende und zugleich einen gelinden Druck auf 
Württemberg ausübe, um diese Staaten zu einer Erfüllung der 
Prager Stipulationen zu veranlassen.' 

Der Gedanke liegt nahe, daß dieses ganze Südbundprojekt 
von Hohenlohe nicht ganz ernst gemeint war^ und nur mehr zum 
Schein und um der Pression Frankreichs und Österreichs nach- 
zugeben, von ihm aufgestellt wurde* Aber andererseits wider- 
spricht dem doch der Umstand, daß Hohenlohe an dem Ge- 
danken eines weiteren Bundes zwischen dem Norddeutschen Bund 
und einem süddeutschen Staatenverein ^ festgehalten hat. Auch 
den Gedanken einer Verbindung des weiteren Bundes mit Öster- 
reich hat er später noch vertreten — dabei aber den Abschloß 
nicht einer bloßen Allianz, sondern eines staatsrechtlichen Ver- 
fassungsbündnisses als wünschenswert bezeichnet^ und ist damit 



^ Yölderndorff S. 62. Noch im Mai 1868 sprach sich Bismarck Hohen- 
lohe gegenüber fiir einen Südbund aus. — Denkwürdigkeiten I, 812. Und 
auch der badischen Regierung ließ er raten, die Vorschläge zu prüfen, 
jedenfalls aber ein süddeutsches Parlament zu fordern. Meyer 170, 171; vgl. 
auch Lorenz S. 157, wonach es doch in der Tat nicht ausgeschlossen er- 
scheint, daß Bismarck den Südbund als Durchgangspunkt akzeptiert hätte, 
und daß er doch nicht bloß als taktische Maßregel, wie Meyer 170, 171 
meint, ein süddeutsches Parlament gewünscht hat (um damit den Südbund 
zum Scheitern zu bringen), sondern daß er wirklich den Südbund mit Parla- 
ment für eine weitere Brücke zur Einheit gehalten hat. 

' Damit erkennt Hohenlohe die französisch -österreichische Auslegung 
des Art. IV an. 

' Ich selbst habe das doch zu bestimmt ausgesprochen in „Nord und 
Süd" S. 263. 

* Nach Mohls Bericht vom 21. Februar 1868 war ernst gemeint nur 
der Vorschlag einer Militärkommission und einer ständigen Gesandten- 
konferenz. Lorenz 596. 

^ Die Schwierigkeiten, die der Begründung einer Vereinigung der süd- 
deutschen Staaten entgegenstanden, hat Hohenlohe selbst in seinen Reden 
sehr nachdrücklich betont, zugleich aber hervorgehoben, daß Bayern als die 
erste Macht innerhalb derselben am ehesten zugunsten einer solchen Ver- 
bindung auf einen Teil seines Selbstbestinmiungsrechts verzichten könne. 
I, 426, 427, 433, 421; vgl. 844. 

« I, 346 — 5J47; 372; 378 (Einverständnis Bismarcks); 880; 881 (ohne 
Parlament); aber 302 Eifersucht Württembergs ; 421, 422. Nach Benst ü, 120 



Fürst Chlodwig zn Hohenlohe-SchiUingsfürst and die deutsche Frage. 69 

im Grunde noch einmal auf das Triasprogramm zurückge- 
kommen. 

Nur ein Yerfassungsbündnis schien ihm eine sichere Garantie 
zu bieten, denn bloße ^^Allianzen — so meint er — sind leicht 
lösbar und bieten niemand eine Garantie, wenn der Zweck er- 
reicht ist, zu welchem sie geschlossen wurden'^.^ 

Dagegen hat er nach wie vor den Eintritt Bayerns in den 
Norddeutschen Bund als unmöglich bezeichnet. Als der badische 
Nationalliberale Bluntschli im Frühjahr 1868 ihn fragte, ob man 
nicht durch eine Ausnahmestellung Bayern zu einer Verbindung 
bestimmen könne, indem man ihm die Diplomatie und das Heer 
lasse und dem Könige ein Ehrenamt, etwa ein Reichsvikariat 
einräume, da verhielt sich Hohenlohe doch ablehnend und meinte, 
diese Konzessionen genügten nicht.^ 

VII. 

Als die dringendste Aufgabe hatte Hohenlohe von vorn- 
herein die Zusammenfassung der militärischen Kräfte des Südens 
betrachtet. Die Verhandlungen darüber rückten aber nur sehr 
langsam von der Stelle, und die Resultate, die schließlich erzielt 
wurden, waren doch recht bescheiden. Baden zog es vor, sich in 
seinen militärischen Einrichtungen direkt an das preußische Vor- 
bild anzulehnen, nahm das preußische Zündnadelgewehr an, führte 
das preußische Exerzier- Reglement ein und erbat preußische In- 
stroktoren dafür. Diesem Beispiel folgte bald auch Württemberg.* 

Schon im Winter 1866/67 hatte Baden mit Preußen über 
eine Militärkonvention verhandelt, auch zu Stuttgart den Vor- 
behalt gemächt, daß die Vereinbarungen nicht direkten, militä- 
rischen Abmachungen mit Preußen und dem Norddeutschen Bund 



wäre schon 1867 von Tauffkirchen und ebenso früher schon von München 
ans darauf hingewiesen worden, daß eine Allianz doch zuletzt den Ober- 
gang bilden könnte zu einem bleibenden, engeren Vertragsverhältnis , wel- 
ches den früheren deutschen Staatenbund ersetzen könnte. Auch Bismarck 
hat bekanntlich später — 1879 beim Abschluß des Zweibundes zwischen 
dem neuen Reich und Osterreich — vorübergehend an die Aufnahme dieses 
Bundes in die Gesetzgebung der beiden Staaten gedacht. Vgl. Nord und 
Süd, Mai 1906 8. 262. Hohenlohe hat sich nicht näher darüber ausge- 
sprochen, ob auch er nur daran oder an ein noch näheres, staatsrechtliches 
Verhältnis gedacht hat. 

* I, 387 f.; vgl. 180 (s. o. 44). » I, 811. » Sybel VI, 211 ft. 



70 Ernst Salzer. 

im Wege stehen sollten.^ Aber Preußen war aus Rücksicht auf 
den Prager Frieden gegen eine Militärkonvention mit Baden, und 
auch Freydorf selbst scheint schließlich mehr für ein gemeinsames 
Vorgehen der süddeutschen Staaten in der Militarfrage als fOr 
den Abschluß einer Militärkonvention bloß zwischen Baden und 
Preußen gewesen zu sein.' Als dann im Mai Bismarck eine proyi- 
sorische Konvention für den Fall eines Krieges, eventuell auf ein 
Jahr anbot, die durch einen geheimen Vertrag definitiv werden 
könnte, lehnte Baden diesen Vorschlag ab, weil man einen Ver- 
trag auf ein Jahr gegenüber den Standen nicht verwerten könne, 
nicht nochmals einen geheimen Vertrag schließen wolle, den man 
eventuell in Abrede stellen müsse, außerdem aber, weil man dann 
unbefangener Verhandlungen mit Bayern und Württemberg be- 
ginnen könne, und weil man fürchtete, durch eine Konvention 
die Stellung Hohenlohes zu gefährden.' Hessen dagegen, dessen 
nördlich des Mains gelegene Provinz Oberhessen zum Nordbimde 
gehörte, bequemte sich zum Abschluß einer Militärkonvention mit 
Preußen (7. April 1867), da es sein Kontingent unmöglich in 
eine bündische und außerbündische Brigade trennen konnte. Erst 
im Dezember 1867 fanden weitere Verhandlimgen zwischen den 
Kriegsministem der drei übrigen süddeutschen Staaten statt, und 
man einigte sich in zwei Protokollen über verschiedene Er- 
gänzungen zu den Stuttgarter Vereinbarungen, in welchen unter 
anderem die dreijährige Präsenz und die Einsetzung einer Festungs- 
kommission als wünschenswert bezeichnet und gemeinschaftliche 
Manöver vorgesehen wurden.* Sodann regelten Bayern und 
Württemberg die Verhältnisse der Festung Ulm, die beiden Terri- 
torien angehörte; Württemberg gestand hier Bayern die Ernennung 
des Vizegouvemeurs und des Geniedirektors zu.'* Im Juli 1868 
legte dann Bayern Baden und Württemberg einen Entwurf für 
eine Militiirkommission vor, wonach diese ziemlich weitgehende 
Befugnisse betreffend das Festungs- und Eisenbahnwesen er- 
halten sollte.^ 

Baden stimmte Verhandlungen darüber erst zu, nachdem es 

^ Hohenlohe I, 200. 

' Konservative Monatsschrift, Dezember 1906^ S. 246 ff. 

' Meyer 153, 154; vgl. Konservative Monatsschrift S. 248, 249. 

* Hohenlohe I, 287, 288. '^ I, 310, 821; vgl. Völdemdorff 44 ff. 

• I, 320, 822. 



Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst und die deutsche Frage. 71 

sich des Einyerständnisses Preußens versichert^ und nachdem 
Hohenlohe in persönlichen Besprechungen die Besorgnisse des 
Großherzogs und des Ministers y. Frejdorf zerstreut hatte, daß 
man mit der Militärkommission eine Lösung der Allianzvertrage 
mit Preußen bezwecke.^ 

Die Verhandlungen waren sehr schwierig; Württemberg wollte 
ängstlich jeden Schein vermeiden^ als ob es sich einer bayrischen 
Hegemonie unterzuordnen bereit sei; Vambüler erklärte daher, 
wenn München der Sitz der Kommission sei, so könne man nicht 
außerdem Bayern auch den Vorsitz einräumen — das sei zu viel!^ 
Baden wünschte die Teilnahme Preußens an der Kommission — 
Bayern und Württemberg aber wollten das nicht zugestehen, und 
Hohenlohe' hat in dieser Beziehung den bayrischen Standpunkt 
sehr energisch vertreten^, schließlich aber doch ein Kompromiß 
vorgeschlagen, wonach dem preußischen Militärbevollmächtigten 
an dem Sitz der Militärkommission ein gewisser Anteil an der- 
selben eingeräumt wurde.^ Auf den Wunsch Württembergs wur- 
den indessen diese Bestimmungen wieder gestrichen und die Ver- 
ständigung über die Teilnahme Preußens den späteren Verhand- 
lungen über die Liquidation des gemeinsamen Bundesfestungs- 
eigentums vorbehalten.^ 

So einigte man sich denn endlich am 10. Oktober über einen 
Vertrag, durch den eine süddeutsche Festungskommission ein- 
gesetzt wurde.' Jeder der drei Staaten sollte eine Stimme in 
derselben erhalten, der Vorort jährlich zwischen München, Stutt- 
gart und Karlsruhe wechseln, vorläufig Bayern für drei Jahre den 
Vorsitz führen. Die Kommission sollte nur eine beratende und vor- 
schlagende Behörde sein und die Festungen in bezug auf ihre Ver- 
waltung bloß überwachen und inspizieren. Die Allianzverträge 
mit Norddeutschland sollten durch die Einsetzung der Kommission 
nicht berührt — im Kriegsfall deren Tätigkeit suspendiert werden. 

* I, S*23ff.: Tgl. Lorenz 178. Meyer 174, 176, wonach Baden bei seiner 
ZuBtimmuDg zu weiteren Verhandlungen zugleich von dem Bestreben ge- 
leitet war, Hohenlohes Stellung in München möglichst zu stärken. 

* I, 322. 

' Obwohl er früher Preußen eine beratende Stimme hatte zugestehen 
wollen, I, 286. 

* I, 326. 

* Womit Preußen sich zufrieden erklärt hatte; Meyer 174, 176. 

* I. 832, 833. ' I, 834 ff. 



72 Ernst Salzer. 

Bezüglich des gemeinsamen Buudesfestnngseigentums ver- 
ständigten sich die süddeutsclien Regierungen dahin, bei den be- 
vorstehenden Liquidationsverhandhmgen mit Norddeutschland we- 
der das Material abzulösen noch zu teilen, sondern das gemeinsame 
Eigentum aufrechtzuerhalten, die Verwaltung aber den Territorial- 
regierungen zuzugestehen und durch die Festungskommission nur 
zu überwachen. Es war das ein Kompromiß zwischen der ba- 
dischen Forderung, die Verwaltung des gemeinschaftlichen Eigen- 
tums einer gesamtdeutschen Kommission unter dem Vorsitz 
Preußens zu übertragen^, und zwischen dem bayrischen und württem- 
bergischen Wunsch, der süddeutschen Festungskommission diese 
Befugnis zu verleihen. 

So hatte denn Hohenlohe doch trotz aller Schwierigkeiten 
endlich etwas erreicht und mit berechtigtem Selbstgefühl konnte 
er bei einer Kneiperei mit den württembergischen Bevollmächtigten 
nach dem Abschluß der Verhandlungen die Wahrheit des ihm 
sonst gegebenen Lobes eines versöhnlichen Charakters anerkennen, 
da es ihm gelungen sei, „die schwäbischen Querköpfe zu Freunden 
zu haben*^* 

Am 4. April 1869 trat dann die Liquidationskommission zu- 
sammen und am 6. Juli einigte man sich endlich im Sinne des 
Protokolls vom 10. Oktober 1868 dahin, die Verwaltung des 
Bundesfestungseigentums den Territorialregierungen zu übertragen. 
Außerdem wurden jährliche Inspizierungen der einzelnen Festungen 
durch gemischte Kommissionen von Vertretern der süddeutschen 
Festungskommission, des Norddeutschen Bundes und der betr. 
Territorialregierung festgesetzt — also Preußen doch ein Anteil 
an der Kontrolle zugestanden. Ebenso wurde bestimmt, daß der 
preußische Militärbevollmächtigte am Sitz der süddeutschen 
Festungskommission von deren Verhandlungen betr. das beweg- 
liche Eigentum unterrichtet und bei Beratungen über wesentliche 
Änderungen des Festungsmaterials zugezogen werden solle. 

Ein letzter Artikel endlich bestimmte, daß in Fragen, die 
sich auf die Wahrung des Zusammenhangs des nord- und süd- 
deutschen Verteidigungssystems beziehen, und in Angelegenheiten, 

' Nach Völdemdorff S. 46 hätten auch das bayrische £[rieg8ininiBterinm 
und Hohenlohe das für das Richtigste gehalten, doch sei es klar gewesen, 
daß das in Bayern nicht durchzusetzen gewesen wäre. 

* I, 836. 



Fürst Chlodwig zq Hohenlohe-SchiUingsfürst und die deutsche Frage. 73 

die auf das gesamtdeutsche Verteidigimgssystem von wesentlichem 
Einfluß sind^ die Kommission die Ansicht des Norddeutschen 
Bundes y in der Regel durch Vermittlung des Militärbevollmäch- 
tigten hören, und wenn sie den Vorschlägen des Norddeutschen 
Bundes nicht Folge gebe, die Gründe mitteilen solle.^ 

Leichter hatten sich die Militärs geeinigt: Schon im Mai 
und Juni 1868 hatte Moltke mit dem württembergischen General- 
stabschef V. Suckow und einem bayrischen Unterhändler mündliche 
Verabredungen über eine militärische Kooperation für den Fall 
eines französischen Angriffs auf Süddeutschland getroffien.^ 

vm. 

Die deutsche Politik des Fürsten Hohenlohe konnte nach 
der ganzen Lage der Sache in positiver Richtung nur halbe Er- 
folge erzielen. Die Lösung der deutschen Frage war eben doch 
nicht möglich ohne eine Beschränkung der bayrischen Selbständig- 
keit^ wie sie ohne die Zentripetalkraft eines Nationalkriegs weder 
beim König noch beim Volk in Bayern jemals durchzusetzen ge- 
wesen wäre. Hohenlohe selbst war sich vollkommen klar darüber, 
daß im Grunde die deutsche Einheit Graf Bismarck und der 
Norden machen würden.* 

Lnmerhin bedeutete die Durchsetzung des neuen Zollvereins- 
vertrags, der süddeutschen Festungskommission und der gemein- 
samen Inspizierungskommissionen Fortschritte auf dem Wege der 
nationalen Einigung. Die Hauptsache aber war im Grunde, daß 
sowohl die inneren als äußeren Feinde der deutschen Einheit — 
die bayrischen Partikularisten und Ultramontanen und Frankreich^ 
und Österreich — die Überzeugung hatten, daß Bayern, solange 
Hohenlohe Minister sei, niemals für eine preußenfeindliche Politik 
zu haben sein, daß es an dem Allianzvertrag ohne Vorbehalt fest- 
halten werde. Das haben ihm die bayrischen „Patrioten'^ nicht 
verziehen'^, und diese seine nationale Haltung ist neben seiner 



» I, 8S2; vgl. Völderndorff 49 S. « Sybel VI, 862 ff. 

» Völderndorff S. 36, 86. 

* Bericht des französischen Gesandten Cadore, den Hohenlohe mit be- 
rechtigtem Stolz als das ^^ehrenvollste Zeugnis seiner politischen Laufbahn** 
bezeichnet. U, 83; vgl. Sybel VI, 27S. 

* Vgl. darüber die vortrefflichen Reden Hohenlohes in der I. und 
n. Kammer im Januar und Februar 1870: I, 422, 428, 438, 434. 



74 Ernst Salzer. Fflrst Chlodwig zu Hohenlohe-ScbillingsfÜrst ete. 

anti-ultramontanen Richtung^ neben seinem Versuch gegen Übe^ 
griffe des vatikanischen Konzils ein gemeinsames Vorgehen der 
Grroßstaaten zustande zu bringen^ schließlich die Ursache seines 
Sturzes gewesen. 

* 
Die spätere Beichsyerfassung^ hat Hohenlohes eigenen Wün- 
schen keineswegs ganz entsprochen.' Er hätte weniger Sonde^ 
rechte Bayerns ; dafQr aber eine stärkere Teilnahme Bayerns an 
der Verwaltung der gemeinsamen Angelegenheiten gewünscht' 
Er war aber doch zu sehr Realpolitiker, um diese Wünsche jetzt 
nicht ganz zurücktreten zu lassen und sich für die unbedingte 
Annahme der neuen Verträge einzusetzen. Dadurch hat er sich 
noch ein neues Verdienst um die definitive Lösung der deutschen 
Frage erworben.* 

^ Befiremdlich ist das Urteil über die Anbietung der deutschen EaiB6r> 
kröne. Denkwürdigkeiten II, 26. 

' Ei hatte übrigens nicht geglaubt, den sogenannten Deutschen Staat 
noch zu erleben — II, 9 (Mai 1870). 

' n, 39. Bede Tom 30. Dezember 1870 im bayrischen Beichsrat Näher 
ausgesprochen hat er sich darüber aber nicht. An den Verhandlungen mit 
Bennigsen und Lasker hat er übrigens — damals von München abwesend — 
nicht teilgenommen ^ II, 26 — , also auch keinen Anteil an den YerfiMSungs- 
entwürfen gehabt^ die Meyer 200, 201 erwähnt. 

* Denkwürdigkeiten II, 29; 31, Teilnahme Hohenlohes an einer Frak- 
tionssitzung der freikonservativen Partei des norddeutschen Beichstags -^ 
II, 86 ff.: Bede in der bayrischen Beichsratskammer. 



75 



Kleine Mitteilungen. 
Zur Gesehielite der fränkisehen Kanzlei im 9. Jahrliimdert. 

ArehiT für Urkundenforschuiig, herausgegeben von Karl Biandi, 
Harry Breßlan, Michael Tangl. Leipzig, Veit & Co., 184 S., 31 Abb. 
im Text und 4 Tafeln. Preis 8 M. (1. E. Brandi, Der byzantinische 
Eaiserbrief ans St. Denis und die Schrift der frühmittelalterlichen 
Kanzleien. Diplomatisch-palaeographlBche Untersuchungen zur Geschichte 
der Beziehungen zwischen Byzanz und dem Abendlande, Tomehmlich 
in fränkischer Zeit. S. 1 — 86; 2. M. Tangl, Die Tironischen Noten 
in den Urkunden der Karolinger. S. 87—166; 3. H. Breßlau, Der 
Ambasciatorenvermerk in den Urkunden der Karolinger. S. 167 — 184). 
Das neue Unternehmen begrüßen wir auf das freudigste. Es 
will eine Yereinigangsstelle bilden fiir gelehrte Untersuchungen, die 
den Umfang von Zeitschriftenaufis&tzen überschreiten, für allgemeine 
und systematische Arbeiten auf dem Gebiet der Urkundenwissenschaft 
in weiterem Sinne. Das erste Heft des ersten Bandes, von der Ver- 
lagsbuchhandlung trefflich ausgestattet, bringt bedeutende Arbeiten 
der drei Herausgeber, wichtige Beiträge vornehmlich zur Geschichte 
der fränkischen Kanzlei des 9- Jahrhunderts. 

Brandis weitgreifende Studie geht von einer eingehenden Be- 
trachtung des griechischen Papyrus aus, der sich jetzt im Pariser 
Nationalarchiv befindet und den Brandi ins 9. Jahrhundert versetzt. 
Es wird das zusammengestellt, was über die byzantinischen Kaiser- 
Tirkunden bis zum 10. Jahrhundert zu eruieren ist, es werden die 
politischen Beziehungen von Byzanz zum Abendland erörtert und das 
Maß des aus dem Osten kommenden Einflusses erwogen, es wird die 
Schrift in den älteren Urkunden der Päpste und der Erzbischöfe von 
^venna betrachtet und schließlich eine kurze Entwicklungsgeschichte 
^^r Eanzleischrift gegeben: vom 6. zum 8. Jahrhundert galt doch im 
^Iten Reich kein Muster höher, als die Divales, die sacrae jussiones 
^d Privilegien der geheiligten Majestät von Byzanz; von einer latei- 
^hen Behördenschrift einheitlichen Charakters, die in der späteren 
Kaiserzeit auch durch die Provinzen verbreitet war, gehe die weitere 
^<^ftentwicklung des Abendlandes aus, sie sei von den fränkischen 
Königen übernommen und der deutschen Reichskanzlei überliefert 



76 Gerhard Seeliger. 

worden, während sie im Italien des 6., 7. und 8. Jahrhunderts von 
einem anderen Geschmack beeinflußt, umgestaltet und für sich fort- 
gebildet wurde, um vom 11. Jahrhundert ab von der fränkischen 
Minuskel wieder depossediert zu werden. 

Der wertvollen Abhandlung Brandis folgt die Untersuchung 
M. Tangls, eine grundlegende Arbeit, in der die Ergebnisse jahre- 
langer Forschungen niedergelegt sind, welche eine Auflösung und 
kritische Betrachtung aller Tironischen Noten in den Urkunden Pipins 
und Karlmanns, Karls d. Gr., Ludwigs d. Fr., der italienischen und 
der ostfränkischen Karolinger bietet. Tangl hat neues, verwaltungs- 
geschichtlich und diplomatisch wichtiges Material erschlossen und ge- 
sichtet, er geht am Schlüsse seiner Abhandlung daran, einige Fol- 
gerungen zu ziehen. Zu ihnen möchte ich einige Bemerkungen machen, 
teils im zustimmenden, teils im modifizierenden Sinne, stet« unter 
dankbarer Benutzung dessen, was uns das erste Heft des „Archivs** 
geboten hat.^ Ich möchte zugleich die bisher verschieden beantwortet« 
Frage nach dem Verhältnis der Kanzler Baldrich und Witgar (855 
und 858 — 860) zum Erzkapellan und die Entstehung des Kanzler- 
amtes berühren. 

Man hat bisher mit Sickel allgemein angenommen, daß in der 
ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts besondere Vorsteher der Kanzlei 
(Kanzleivorstände oder Oberkanzler) und der Kapelle (Erzkapellane) 
nebeneinander bestanden, daß erst in den fünfziger Jahren des 9. Jahr- 
hunderts der Erzkapellan Chef der Kanzlei und daß dadurch eine Ver- 
schiebung der bisherigen Verhältnisse bewirkt und die Grundlage einer 
neuen Organisation fiir Jahrhunderte hinaus gelegt wurde. Tangl ge- 
langt zu einer anderen Ansicht. Er meint, daß schon unter Karl d. Gr. 
der Erzkapellan „die Funktionen des Kanzleichefs^^ ausgeübt und unter 
ihm „als eigentlicher Kanzleivorstand und unmittelbarer Leiter der 
Amtsgeschäfte ein Mann von relativ noch wenig bedeutender Stellung^ 
gewirkt habe, daß dann unter Ludwig d. Fr. die Stellung der Kanzlei- 
vorstände gehoben, infolgedessen die Oberaufsicht der Erzkapellane 
geschwunden und der Kanzleivorstand zu ebenbürtiger Geltung neben 
dem Erzkapellan gelangt, daß unter Ludwig d. D. „nur ein Zurück- 
greifen auf das unter Ludwig d. Fr. verlassene Vorbild aus der Zeit 
Karls d. Gr.^^ zu bemerken sei. „An der Spitze der Entwicklung des 
deutschen Erzkanzleramtes stehen demnach nicht^\ so schließt Tangl 
seine Abhandlung, „Grimoald von St. Gallen und Liutbert von Mains, 



^ Die tachjgraphischen Notizen zitiere ich im folgenden nach den 
Diplomata Karolinorum I oder nach Mühlbachers Begesten. Die yoUBt&n- 
digen Texte sind in Tangls Abhandlung zu finden. 



Kleine Mitteilungen. 77 

ie nach den bisherigen Annahmen seit 854 beziehungsweise seit 870 
s Eanzleichefs fungierten], sondern Fulrad von St. Denis, Angilram 
n Metz und Hildebald von Köln^\ [die Erzkapellane unter Pipin 
d Karl d. Gr.]. 

Fragen wir nach der Begründung der verwaltungsgeschichtlich 
ieressanten neuen Ansicht, so begegnet in erster Linie der Hinweis 
rauf, daß der Erzkapellan Abt Fulrad von St. Denis an mehreren 
eilen als derjenige bezeichnet wird, welcher die betreffenden Ur- 
nden „ordinavit^^ oder „ambasciavit" ^, daß femer in der Nach- 
ichnung einer echten Urkunde der Nachfolger Fulrads im Erz- 
pellanat unter Karl d. Gr., Angüram von Metz, als Vermittler des 
niglichen Befehles angeführt', und daß schließlich auch des letzten 
zkapellans Karls, Hildebalds von Köln, Mitwirkung an der Beur- 
odung mit „ita firmavit^^ gedacht wird.^ 

Genügen diese Nachrichten, um die bisherigen Ansichten umzu- 
ȧen und die Stellung des Erzkapellans als Kanzleichef unter 
url d. Gr. — im Gegensatz zur Zeit Ludwigs d. Fr. — zu bezeugen? 

Es sei vor Erörterung dieses Punktes zuerst auf die dritte aus- 
Eeichnete Abhandlung des „Archivs^^ hingewiesen, auf die ünter- 
shung Breßlaus. Sie weist überzeugend nach, daß das Wort 
mbasciavit^^ sprachlich gleichbedeutend mit „nunciavit" oder „retulit" 
L, daß das in Karolingerurkunden häufige „ambasciare^^ nicht „aus- 
rken" heißen könne, sondern „melden, verkündigen, einen Auftrag 
srichten^S daß der Ambasciator der Urkunde der Überbringer des 
urkiindungsbefehles sei. Breßlau stellt alle Nachrichten zusammen 
d kommt zum Schluß: in älterer Zeit war „ordinäre^* das bevor- 
gte Wort fär den Beurkundungsbefehl, es kommt aber nach 783 
r noch einmal vor und wurde von „ambasciare" abgelöst. Breßlau 
rmatet femer, daß auch die in mehreren Urkunden Ludwigs d. Fr. 



» Dipl. Karol. 6 (für St. Denis): „rogante Fubrado"; 104 (für Hers- 
d): „ordinante domno meo Karolo rege Francorum et Fulrado abbate*^ 
Sickel las das letzte Wort ,,amba8ciante" ; 131 (für Nonantula) : Folradus 
bck et Bado** nach Tangl S. 99, in den Dipl. Karol. ward noch „regi optulit 
ido abbas^' gelesen; 136 (for St. Denis): „Folrados ambasciavit'^ Tangl 
98, während Tangl noch in den Dipl. Karol. „Folradus abbas*\ Sickel 
er „obtulit Bado regi" gelesen hatte; 139 und 140 (für Fulda): „Folradus 
linavit^', während Sickel auch hier „obtulit Rado regi" gelesen hatte; 
Ü (für Arezzo): „Fulradus abbas'' oder „F. ambasciavit", Tangl S. 101. 

' D. K. 154 : „ordinante domno rege per Angil[ram]num", Tangl S. 106, 
ihrend Kopp und Sickel lasen: „o. d. r. per . . . virdum" bzw. „virtum". 

' D. K. 206: „Hildebaldus episcopus ita firmavit"; Sickel hatte ent- 
fert: „Hildeboldus sigillavit". 



78 Gerhard Seeliger. 

genannten ,Jinp6tranten'^ insofern mit den „Ambasciatoren^^ auf eine 
Linie zu stellen seien, als die Noten, welche ihrer gedenken, dem 
einen wie dem andern die Verantwortlichkeit fOr den Beurkundungs- 
befehl zuschreiben wollten. 

Beachtet man die Ergebnisse dieser Untersuchung, so ist es 
meines Erachtens zunächst unmöglich, aus der Erwfthnung des Erz- 
kapellans als „Ordinator^^ oder „Ambasciator^^ auf dessen Stellung als 
obersten Kanzleichef zu schließen. Gerade Tangls Forschungen und 
Breßlaus Zusammenstellungen (vgl. S. 174, 178) zeigen, daß ver- 
schiedenste Persönlichkeiten als Ambasciatoren fungierten. Auch das 
Wort „ordinare^^ vermag hier nicht besondere Beziehungen anzudeuten, 
etwa eine ständige „amtliche Befehlgewalt^^ Breßlaus AusfOhrungen 
lehren, daß „ordinäre" und „ambasciare" in gleicher Bedeutung ver- 
wendet wurden und daß die Ersetzung des „ordinäre" durch das 
„ambasciare" keinen Hinweis auf einen Wechsel der Funktion selbst 
enthielt.^ Dazu kommt, daß „ambasciare" schon seit 783 an Stelle 
des älteren „ordinäre" getreten ist, während nach Tangls Meinung 
der Erzkapellan die Stellung des obersten Kanzleichefs erst imter 
Ludwig d. Fr. an einen anderen abgetreten haben soll. Sicher: das 
Überbringen des Beurkundungsbefehles ist nicht der Stellung des 
Kanzleichefs charakteristisch, es treten verschiedene Personen in dieser 
Art mit der Kanzlei in Verbindung, ohne Mitglieder der Kanzlei 
zu sein. 

Nur eine Stelle bedarf noch besonderer Erklärung: die Tironischen 
Noten in DK. 206 vom Jahre 807 sagen vom Erzkapellan Hildibald: 
„ita firmavit". Hier handelt es sich nicht um den Beurkundungs- 
befehl, sondern um Teilnahme an der Beurkundung selbst, an der 
Vollziehung. Sickel, welcher „sigillavit" gelesen hatte, wollte in 
dieser Teilnahme lediglich eine „durch zu^llige Umstände veranlaßte 
Ausnahme", eine „zufällige Ausübung dieser Funktion" sehen', Tangl 
hält die Nachricht für eine entscheidende Aussage über die leitende 
Stellung des Erzkapellans in der Kanzlei. 

Die tachygraphischen Noten sprechen von einer verschieden- 
artigen Teilnahme am Beurkundungsakt, sie kennen insbesondere ver- 
schiedene Befehle, auf welche die ausführenden Kanzleibeamten sich 
berufen: den Beurkundungsbefehl, der das ganze geschäftliche Ver- 
fahren einleitet, den Fertigungsbefehl, welcher zur Herstellung der 
Keinschrift führt, den Vollziehungsbefehl, der die zur Beglaubigung 



^ Es heißt übrigens auch vom Seneschall Adelhard „ambasciavit et 
fieri iussit" und ,,ita fieri rogavit", Mühlb. 963 (932), 967 (936). 
» Sickel, Acta Karolinorum (1867) 1, 101 N. 6, 344. 



Kleine Mitteilungen. 79 

enende Unterzeichnung veranlaBt und schließlich zur Besiegelung 
r Urkunde leitet. Sicherlich hedurfte es nicht immer der Einzel- 
fehle feir jeden Einzelakt, sicherlich wurden öfter Befehle an die 
dtare gegehen, welche sich auf mehrere oder auf alle Einzelakte 
r gesamten Beurkundung bezogen. Und deshalb ist in den Tiro- 
sehen Noten nicht immer deutlich ausgedrückt — und sollte gar 
cht deutlich ausgedrückt sein — , auf welchen Akt der Beurkundung 
',h der Befehl beziehe. Das ist der Fall bei den Worten „fieri 
sät". Wird man sie auch in erster Linie mit dem Beurkundungs- 
fehl in Verbindung zu bringen haben, so können sie sich offenbar 
eh auf andere Akte beziehen.^ Das ist wohl auch der Fall beim Wort 
rdinare'*. Die Worte „domno rege ordinante Vuihbaldus recognovi" in 
L 116 und „Optatus advicem ipsius Badoni ordinantis recognovi 
subscripsi^^ in DK. 122 gebrauchen vermutlich „ordinäre" vom 
>llziehungsbefehl. Es mag daher manchmal zweifelhaft sein, ob 
rdinare" gerade bestimmt auf den Beurkundungsbefehl geht. Die 
hreiber der Tironischen Noten hatten eben nicht immer einen he- 
mmten Einzelakt, der befohlen war, im Auge, es kam ihnen ja nur 
rauf an, den Mann oder die Personen zu nennen, auf welche die 
nrantwortung für die Beurkundung abzuwälzen war. Aber ander- 
Lts wurden nicht selten die verschiedenen Befehle, die sich auf ver- 
tdedene Stadien der Beurkundung bezogen, klar und scharf gesondert, 
id naturgemäß besonders dann, wenn die einzelnen Aufträge von 
rschiedenen Personen den Notaren überbracht wurden.^ 

Den Befehl, das „firmare" oder das „sigillare" vorzunehmen, hat 
jch den Aussagen der tachjgraphischen Notizen gewöhnlich der 
wzleivorstand erteilt', die Ausführung war einem imtergebenen Be- 



^ M. 963 (982): „Adalaardus seniscalcus ambasciavit et fieri iussit, 
agister Hugo fieri et firmare iussit^S wo das zweite ,,fieri*% wie Breßlau 
180 N. 1 hervorhob, doch wohl auf die Fertigung hinweisen sollte. 

' Einige Beispiele. DK. 176: ipso iubentae (der Kanzleivorstand) et 
ngilberto abbate ambassiante; M. 786 (711): H. et M. ambasciaverunt et 
itgisier sigillaii iussit; 746 (721): H. ambasciavit et F. magister soribere 
t firmare rogavit; 778 (748): magister soribere iussit et dietavit. M. am- 
►Mciavit Vgl. M. 796 (772), 888 (807), 844 (818), 872 (848), 928 (894), 
^ (982), 986 (966), 997 (966), 1846 (1807), 1874 (1886), 1876 (1887), 
\m (1343), 1388 (1344), 1897 (1866), 1899 (1868), 1404 (1868), 1409 (1868). 

' Mühlb. 786 (711): magister sigillari iussit; 746 (721): Fridugisus 
Bttgister soribere et firmare rogavit; 872 (848): Bemardus impetravit. magister 
i^f[ieri] et firmare iussit et diotavit sermone eins; 920(891): sed m[agi8ter] 
■oiWe et sigiUare iussit; 981 (902): magister impetr[avit etj firmare iussit; 
^ (932): magister Hugo fieri et firmare iussit. 



80 Gerhard Seeliger. 

amten überlassen. Als ünterfertiger fungierten die verschiedenen 
Schreiber, als Siegler nur wenige: unter Ludwig d. Fr. werden die 
Notare Hirminmar^ und Meginar*, unter Lothar I. der Notar Ee- 
migius erwähnt.' Aber der Vollziehungsbefehl kann auch von anderen 
als vom Kanzleichef ausgehen, er wird unmittelbar auf den Monarchen 
zurückgeftthrt*, er geht von Notaren aus: unter Ludwig d. Fr. von 
Hinninmar und Durandus^, unter Lothar I. von Be^ligius^ ja einmal 
werden zwei Personen in dieser Funktion genannt, die sicherlich nicht 
dem Beamtenstand der Kanzlei angehörten: „Gerungus et Botfridus 
preceperunt scribere et firmare^^ heißt es in einer Urkunde Ludwigs 
d. Fr. und Lothars.^ Wie der Beui'kundungsbefehl häufig übermittelt 
wurde von Vertrauenspersonen des Monarchen, die nicht Mitglieder der 
Kanzlei waren, wie die ausführenden Kanzleibeamten es liebten, diese 
Personen als verantwortlich zu nennen, so war auch ein Eingreifen 
von Nichtbeamten der Kanzlei in einem späteren St^idium des Be- 
urkundungsgeschäftes im kgl. Auftrag gewiß nicht häufig, aber mög- 
lich und die Erwähnung dieser Leute durch die ausföhrenden Organe 
der Kanzlei begreiflich. 

Nach diesen Erwägungen werden die Tironischen Noten in 
DK. 206 als Aussagen über einen ungewöhnlichen, aber im Zusammen- 
hang mit andern Meldungen verständlichen Vorgang zu beurteilen 
sein. Worin das „firmare" Hildibalds bestand — von einer graphischen 
Mitwirkimg ist nichts zu bemerken, ob er im Auftrag des Kaisers 
den Vollziehungsbefehl nur übermittelt hatte, ob vielleicht der Mit- 
wirkung bzw. Mitverantwortung dieser autoritativen Persönlichkeit 
gerade deshalb gedacht wurde, weil das Diplom der kaiserlichen 

^ M. 994 (963): Hir[minma]ris magister fieri inssit, qui et sigillftTit; 

986 (966): iussus ab Rirmiinmaro vel ipse sigillavit; 997 (966): iossiu ab 
H. qui ipse sigillavit. 

• M. 1006 (975): et ego sigillavi. 
« M. 1096 (1062), 1114 (1080). 

^ M. 1188 (1158): ipse rege iubente subscripsit. öfter wird der Fertigmigs- 

befehl auf den König zurückgeführt, M. 1346 (1307), 1847 (1308), 1362 (1813). 

^ M. 923 (894): magister Hirmaris dietavit et mihi firmare iiusit; 

987 (956): „Hirminmaris dietavit et scribere iussit et firmare rogavif' — 
im Bekognitionszeichen allerdings noch die Bemerkung: magister Hugo 
scribere et firmare preeepit. 993 (962) sagt derselbe H. „et presens M 
dum firmaretur^V — M. 844 (818): magister Dur[andu8j firmare iussit. 

« M. 1104 (1070), 1114 (1080), 1143 (1109). 

^ M. 816 (792). — Daß gelegentlich an der Beurkundung Leute beteiligt 
waren, die nicht Mitglieder der Kanzlei waren, zeigen die Tironischen Noten 
in M. 656 (64*2): „[Einhjardus ambasciavit atque dietavit". Vgl. Tangl im 
N. Archiv 27, 25. 



Kleine Mitteilungen. 81 

Signumzeile darbte — , darüber soll keine Vermutung ausgesprochen 
werden. Jedenfalls aber dürfen wir, wenn wir unsere Erörterung im 
Zusammenhang überblicken, DE. 206 nicht entnehmen, daß Hildibald 
Kanzleichef gewesen sei, ja es fehlt überhaupt meines Erachtens an 
jeder Überzeugenden Nachricht, daß die drei Erzkapellane Karls d. Gr. 
als oberste Chefs der Kanzlei fungiert hätten, es fehlt, wie ich glaube, 
jeder Anhaltspunkt dafür, ihr Verhältnis zur Kanzlei anders aufzu- 
fassen als das ihrer Amtsnachfolger unter Ludwig d. Fr. Denn auch 
diese haben, und zwar keineswegs selten, den Beurkundungsbefehl 
an die Kanzleibeamten gebracht.^ Beziehungen zwischen Kanzlei und 
Kapelle waren sicherlich längst vorhanden, Sickels Behauptung des 
Gegenteils ist nicht aufrecht zu erhalten und Tangls Widerspruch 
wohl berechtigt. Aber erst Mitte des 9. Jahrhimderts ist der Erz- 
kapellan Chef der Kanzlei geworden. Daß wir in dieser Hinsicht bei 
der alten Ansicht zu verbleiben haben, dafür legen meines Erachtens 
die Rekognitionen der Urkunden unwiderlegbares Zeugnis ab. 

Die Tironischen Noten bringen wichtige Meldungen über die 
verschiedenen beim Beurkundungsakt beschäftigten Personen, sie 
bieten — abgesehen von der Wiederholung der Bekognition — häufig 
Nachrichten über den Beurkundungs-, Über den Fertigungs- und über 
den YoUziehungsbefehl, die Rekognition dagegen ist die offizielle nach 
außen hin sichtbare Beglaubigung der Urkunde durch die Kanzlei 
Die Tironischen Noten nennen diejenigen, auf die sich die ausführenden 
Kanzleibeamten berufen, auf die sie die Verantwortung abwälzen 
konnten, in der Rekognition dagegen unterzeichnet eigenhändig der 
Kanzleibeamte, welcher die Kanzleimäßigkeit der Urkunde nach außen 
hin bezeugen soll. In den geschäftlichen Notizen der Tironischen 
Noten werden deshalb naturgemäß auch Leute erwähnt, die nicht der 
Beamtenschaft der Kanzlei angehören, in den Rekognitionen nicht. 

Bekanntlich wird in der älteren karolingischen Königsurkunde die 
Forderung gestellt, daß nur einer als Rekognoszent fungieren dürfe oder 
daß, falls dieser zu unterzeichnen verhindert sei, ein anderer Kanzlei- 
beamter als sein ausdrücklich genannter Stellvertreter signiere.' Man 
hat mit vollem Recht diese Beobachtung nnit einer strafferen Organi- 
sation der Kanzlei unter den Karolingern, mit einer strengeren Unter- 
ordnung der Beamten unter einen Leiter in Verbindung gebracht; 
man hat diese Tatsache aus dem Bedürfnis der älteren unliterarischen 



» M. 727 (708), 729 (70ö), 73ö (711), 746 (721), 796 (772), 803 (779), 
833 (807), 844 (818), 846 (820), 847 (821), 921 (892), 926 (896), 929 (900), 
962 (921), 964 (928), 971 (940), 1848 (1304), 1368 (1314), 1376 (1337). 

• Sickel, Beitr. Vü (SB. Wien. Ak. 93), S. 663 ff. 
Hirtor. YiertelJfthnohrlfL 1908. 1. 6 



82 Gerhard Seelig^. 

Karolinger, einer Person die Verantwortung übertragen zu können, 
abgeleitet. 

Diejenigen, in deren Namen rekognosziert werden muß, falls sie 
nicht selbst rekognoszieren, sind die Chefs der Kanzlei.^ Sie sind nicht 
identisch mit den in den tachjgraphischen Notizen Grenannten, die den 
Beurkundungs-, Fertigungs- oder Vollziehungsbefehl übermittelten. Der 
Notar, welcher den Vollziehungsbefehl erhält, ist in diesen Jahrzehnten 
der Rekognoszent, aber es ist bezeichnend für die Bedeutung der 
Bekognition, daß er nicht im Namen dessen unterzeichnet, der ihm 
dazu den Auftrag gegeben hat, sondern stets im Namen seines stän- 
digen Kanzleichefs.' Das ist wohl zu beachten. Und deshalb müssen 
wir schließen: da zum ersten Male in zwei Urkunden vom 22. Juli 854 
der Erzkapellan in der Bekognition auftritt', so hat er damals, und 
erst damals, das Amt eines Kanzleichefs übernommen. Die Be- 
obachtung, daß einmal in einer Urkunde Karls vom Jahre 807 die 
Tironischen Noten „Hildibaldus episcopus ita Hrmavit^ lauten, während 
Adricus im Namen Ercanbalds die Bekognition vorgenommen hatte, 
vermag die gesicherte Erkenntnis nicht zu erschüttern. Vor 854 ist 
kein Anzeichen vorhanden, daß der Erzkapellan größere Einwirkungen 
auf die Kanzlcigeschäfte ausübte, als sie einem hochstehenden einfluß- 
reichen Hof beamten an sich, als sie besonders dem Haupte der Hof- 
geistlichkeit ohnehin zukamen. Die Bekognition aber bleibt in dieser 
Zeit die Beglaubigung, welche vom Kanzleichef selbst oder in seinem 
Namen vorzunehmen war. Halten wir an dieser Grundbedeutung fest, 
dann vermögen wir die Entwicklung der Kanzleiorganisation des 
9. Jahrhunderts in bestimmter Bichtung zu erkennen. 

Als Leiter der Beurkundung, als Vorgesetzter der Kanzleibeamten 
fungiert in der späteren Begierungszeit Pipins, dann unt«r Karl ein 
Geistlicher, dem ein bestimmter Amtsname anfangs gefehlt zu haben 
scheint, den wir am zweckmäßigsten mit dem neutralen Wort „Kanzlei- 
vorstand" bezeichnen.* Schon unter Karl von hohem Ansehen, stieg 

1 Sickel, Beitr. VU, S. 65Ö. 

' Das von Tangl gesichtete Material bietet zahlreiche Belege. DK. 116 
erfahren wir, daß der Notar ani' Befehl des Königs rekognoszierte, aber die 
Bekognition schreibt er im Namen des Kanzleivorstandes; M. 844 (818): 
Beurkundungabefehl vom Erzkapellan Hilduin, Vollziehungsbefehl vom Notar 
Dorandus (magister Dur . . . tirmare iussit), Bekognition Meginarius adv. 
Fridugisi. Vgl. M. 923 (8U4), 986 (955), 994 (968), 997 (966), 1104 (1070), 
1114 (1080), 114:^ (1109). 

^ Die tachygraphischen Notizen in M. 1409 (13ii8) sagen: domnus 
Ludovicus rex fieri iussit et Grimaldus abba scribere precepit. 

* Nach Mühlbachers Vorgang. Vgl. auch Erben, Urkundenlehre (1907) 



Kleine Mitteilungen. 83 

imter Ludwig d. Fr. mftchtig empor, beteiligte sich persönlich nicht 
hr am Schreibgeschäft und ÜberlieB wohl auch zeitweilig einem 
' Notare eine überragende Wirksamkeit. So sind unter Ludwig d. Fr. 
i Lothar I. die Notare Durand, Hirminmar und Bemigius nicht 
sin als vielbeschäftigte, sondern als leitende Männer hervorge- 
ten\ ohne daß man eine fest organisierte Dreistuixmg der Kanzlei- 
.mtenschaft: Vorstand, Obemotar, Notare, anzunehmen braucht. 

Angesehene Äbte begegnen damals als Kanzleivorstände, wie 
»r Ludwig d. Fr., so auch unter Ludwig d. D.: Abt Gauzbald von 
xleraltaich (830 — 833), Abt Grimald von Weißenburg, später von 

Gallen (833—837), Abt Radleic von SeUgenstadt (840—854). 

zwei Urkunden vom 22. Juli 854 wird Erzkapellan Grimald als 
aadeichef erwähnt, aber schon am 20. März 855 imd nochmals am 
. Januar 856 begegnet ein anderer Kanzleivorstand: Abt Baldrich, 
an wieder vom 16. Juni 856 bis 18. März 858 Erzkapellan Grimald, 
iirend eine Urkunde vom 2. Februar 858 und dann Urkimden vom 
. April 858 bis 8. Juli 861 Witgar, dem Abt von Ottobeuern und 
Lteren Bischof von Augsburg, die Stelle des Kanzleichefs in den 
kognitionen anweisen. Im Namen des Erzkapellans Grimald aber 
rden schon zwei Diplome am 20. November 860 und am 
April 861, dann regelmäßig die Urkunden vom 7. Oktober 861 

rekognosziert. 
Auffallend ist an diesen Nachrichten, daß Grimald wiederholt 

Kanzleichef ei*scheint, um alsbald wieder einem anderen in der 
kognition Platz zu machen. Zum Teil beruht allerdings das schein- 
re Ineinandergreifen der Amtszeiten darauf, daß die Vollziehung der 
künden mitunter nicht zur Zeit des Datums, sondern zu einem 
it späteren Zeitpunkt stattfand — sei es, daß das Datum sich auf 
• Zeit der Handlung oder auf die des Beurkundungsbefehles bezog. 

dürfte, meine ich, die Urkunde vom 2. Februar 858, welche schon 
itgar als Kanzlei vorstand nennt, später als die vom 18. März 858 
.Izogen worden sein, welche noch den Erzkapellan Grimald er- 
hnt*, so kann man die Vollziehung der Urkunden vom 20. No- 

16. Ich hatte in meiner Schrift „Erzkaozler und Reichskanzleien^^ (1889) 
Bezeichnung „Oberkanzler** gewählt, weil im 9. Jahrh. wechselnd hoch- 
hende Titel gebraucht zu werden begannen: archinotarius , summns no- 
iuB, archicancellarius etc. Vgl. Erben S. 60 und die Tir. Noten in 
Mb. 1866 (1S27). 

^ Vgl. Tangl S. 141 f. Die Beweisstellen finden sich in den schon ge- 
^enen Zitaten der Tironischen Noten ^ s. bes. oben S. 80. Vgl. auch 
>en S. 66 f.; Breßlau, Urknndl. S. 290. 

• M. 1480 (1889), 1431 (1390). 

6* 



84 Gerhard Seeliger. 

yember 860 und 1. April 861 später ansetzen als die der Urkunde 
vom 8. Juli 861, falls man nicht vorzieht, die letztere, wie das schon 
•Böhmer getan und wie ich es ftlr zutreffend halte, in das Jahr 8ti0 
zu verlegen.^ Aber immerhin bleibt die merkwürdige Beihenfolge: 
als Chef erscheint Juli 854 der Erzkapellan Grimald, 855 Abt Bal- 
drich, 856—858 Grimald, 858 — 860 Abt Witgar, 861 wieder 
Grimald. 

Sickel hatte die Schwierigkeit dadurch gelöst, daß er das Kanzlei- 
regiment Grimalds 854 beginnen und ununterbrochen fortdauern ließ, 
wobei er die Äbte Baldrich und Witgar als Untergebene des Erz- 
kapellans ansah.' Dieser Anpassung hatte sich Breßlau angeschlossen.' 
Aber diese Erklärung ist, meine ich, unmöglich, ihr steht die damalige 
Grundbedeutung der Rekognition und der Stellung des Kanzleicheft 
in dieser entgegen. Baldrich und Witgar sind nicht Untergebene des 
Erzkapellans, sie sind Kanzleichefs im Sinne der Kanzleivorstände 
vor 854, sie sind diejenigen, in deren Namen rekognosziert ward. 
Wie ich der Ansicht Sickels 1889 widersprochen habe^, so Mühl- 
bacher in seinen Regesten ^ und Erben in seiner Urkundenlehre.^ 

Ob 854 dem Erzkapellan nur provisorisch die Leitung der Kanz- 
lei anvertraut, warum schon nach kurzer Zeit ein neuer Kanzleichef 
bestellt wurde, warum der Wechsel in den Jahren 858 und 860 er- 
folgte — das vermögen wir nicht zu erkennen. Dem Jahre 856 
kam eine entscheidende Bedeutung nicht zu.^ Entscheidend sind viel- 
mehr die Jahre 854 und 860: 854, da zum erstenmal die Kanzlei- 
leitung dem Erzkapellan übertragen und eine, wenn auch nur vorüber- 
gehende, Vereinigung in der Leitung von Kapelle und Kanzlei 
hergestellt wurde; 860, da diese Vereinigung dauernd ward. 

Wie aber schon unter Ludwig d. Fr. die erhöhte Bedeutung des 
Kanzleichefs einem der Notare eine dominierende Wirksamkeit ver- 

^ M. 1444 (1408), 1446 (1404), 1446 (1406). Vgl. Seeliger, Erzkanzler, 
S. 226, wo ein Zitatfehler zu berichtigen ist: Zeile 9 und 10 ist zu lesen 
Mühlb. Nr. 1406 vom 8. Juli 861. Vgl. auch Waitz, «VG. 6, 847, N. 2, 

* Sickel, Beitr. VIT (SB. Wien. Ak. 93), 663 f. 

* Breßlau, Urkundenl., S. 297. So auch Thommen in Meisters Gmnd- 
riß der Geschichtswissenschaft (1906) I S. 167, dessen Darstellung im 
übrigen irrig ist. 

* Erzkanzler \md Reichskanzlei, S. 7 ff., 226 f Nochmals behandelte 
ich den Gegenstand in der 2. Auflage von Waitz' VG. 6 (lb96), S. 846 ff. 

^ Mühlbacher, Regesten unter den Karolingern, 2. Aufl. (1908) 
p. XCIX. 

« Erben, Urkundenlehre S. 49ff. 

^ Wie Mühlbacher p. XCIX u. CXI annimmt. Dagegen Erben, S. 62. 



Eleine Mitteilungen. 85 

schafft« und die Ansätze zur Bildung eines Zwischenamts zwischen 
Eanzleichef und Notaren brachte, so hat naturgemäß die dauernde 
Verbindung von Erzkapellanat und Kanzleileitung diese Bedürfnisse, 
einen der Notare zum ständigen Leiter des Schreib- und Beurkundungs- 
geschafts zu bestellen, erst recht hervortreten lassen. Im Jahre 868 
hat der Notar Hebarhard, der schon vorher als ständiger Rekognoszent 
und als Leiter des geschäftlichen Betriebes der Kanzlei fungierte, den 
Titel Kanzler angenommen. Das war ein neues Amt, das sich von dem 
der Kanzleivorstände vor der Zeit der Verbindung des Erzkapellanats 
mit der Kanzleileitung unterschied. Gauzbald, Grimald und Batleic, 
die bis 854, Baldrich und Witgar, die 855/56 und 858/60 unter 
Ludwig d. D. als Vorstände fungierten, waren selbständige Kanzlei- 
chefs und ließen in ihrem Namen rekognoszieren, Eberhard dagegen 
war Untergebener des Erzkapellans und rekognoszierte für ihn. Das 
ist das Wesentliche. Damit ist die Grundlage einer neuen Organisa- 
tion gefunden worden, die Jahrhunderte lang bestand: Erzkanzler, 
Kanzler, Notare. Wohl begegnete der Name Kanzler schon vor 868 \ 
wohl sind Notare in leitender Zwischenstellimg zwischen Kanzleichef 
und Notaren schon unter Ludwig d. Fr. und Lothar bezeugt', aber 
erst seit 868 führte der Mann , der allein im Namen des Kanzlei- 
chefs (Erzkapellans) zu rekognoszieren befugt und mit der Geschäfts- 
leitung unter diesem betraut war, den feststehenden Amtstitel Kanzler.^ 
Li der letzten Regierungsperiode Ludwigs d. D. ist zuerst fest und 
bestimmt jene Ordnung eingeführt und Jahre lang bewahrt worden, 
die in den späteren Jahrhunderten charakteristisch war. Auch sie 
wurde allerdings unter Ludwigs Söhnen erschüttert, sie ward auch 

* Baldrich und Witgar führten den Titel Kanzler, aber sie waren 
nicht Leiter unter dem Erzkapellan, sondern Kanzleichefs. 

* VgL oben S. 83. 

* Eberhard als Kanzler von M. 1467 (1426) an. Er aUein rekognoszierte 
an Stelle des Erzkapellans, nur M. lölS (1471) — 1517 (1475) (3. Oktober bis 
25. November 875) rekognoszierte der Diakon Lintbrand im Namen des Erz- 
kapellans, offenbar weil der Kanzler längere Zeit verhindert oder beurlaubt 
war, Mühlbacher S. CUL — Häufig hieß bereits in Urkunden Kaiser Ludwigs 11. 
der Rekognoszent „Kanzler*^ demnach begegnet in der Kanzlei des ita- 
lienischen Karolingers schon in den fünfziger Jahren etwas, was am Hofe 
Ludwigs d. D. erst später nachzuweisen ist (Erben S. 65 f.). Aber es 
wirkten doch mehrere Rekognoszenten neben einander (vgl. die Listen 
Mühlbacher S. GXf.) und das, was wir den Rekognitionen über die 
Kanzleiverfassung unter Ludwig U. entnehmen, zeigt, daß die feste Ord- 
nung, die 868 — 876 in der Kanzlei Ludwigs d. D. bestand: Erzkapellan 
(Eanzleichef), Kanzler (Kanzleileiter), Notare, in Italien nicht ausge- 



86 (Gerhard Seeliger. Kleine Mitieilungen. 

sonst mißachtet, aber zu ihr kehrte man immer wieder zurück, dauernd 
Mitte des 10. Jahrhunderts.^ 

So konmit den hier berührten Fragen ein allgemeines ver- 
waltungsgeschichtliches Interesse zu: es handelt sich um die Heraus- 
bildung jener Ordnungen, die der wichtigsten Zentralbehörde des 
Kaiserhofes eigentümlich blieben. Wir müssen daran festhalten: unter 
Ludwig d. D. ist diese Grundlage geschaffen worden, unter ihm, und 
zuerst unter ihm, hat der Erzkapellan die Stellung eines Kanzleiehefis 
gewonnen, unter ihm ist sodann später ein Zwischenamt zwischen 
Erzbeamten und Kanzleinotaren erstanden, das Kanzleramt. An der 
Spitze der langen Beihe von Erzkapellanen und späteren Erzkanzlem 
des fränkischen und deutschen Beichs steht Abt Gnmald von St. Gallen, 
an der Spitze der Kanzler aber der einstige Schreiber Eberhard. 
Wollen wir bestinunte Zeitpunkte festhalten, dann kommen für die 
Geschichte des Erzamts als Gründungsjahre 854 und 860, für die 
Geschichte des Kanzleramts 868 in Betracht. 

Gerhard Seeliger. 

* Erben S. 67 f.; Waitz *6, 848 ff. 



87 



Kritiken. 

"g 6mpp3 Kulturgeschichte der römischen Kaiserzeit 

Bände. München 1903 u. 1904. 
Eine Kulturgeschichte der römischen Kaiserzeit vollendet, . . . welch 
naß von Empfindungen, Gedanken, Erwartungen und Wünschen 
dieses Wort hei einem jeden aus, der geschichtlichen Denkens 

ist! Freilich, die weltgeschichtliche Bedeutung der Kaiserzeit 
[cht so allgemein hekannt, wie sie es sein sollte, und nichts ist 
ahnender für die Klage um diese terra cognoscenda, aber leider 
u häufig incognita, als die treffenden und tief empfundenen Worte 
larnack, die sich in den Verhandlungen über Fragen des höheren 
rrichts, Berlin 6. — 8. Juni 1900, S. 145ff. finden. Mit Recht 
fi; der Redner an die bedeutsamen Anregungen an, die das leb- 
Interesse Kaiser Wilhelms 11. für die Cäsaren des 2. Jahrhunderts, 
Limes und ganz im speziellen die Saalburg in weiten Kreisen 
gerufen hat. 

„Sr. Majestät müssen wir dankbar sein, daß er imsere Auf- 
samkeit auf die Frage der römischen Kaiserzeit und ihrer stftr- 
1 Berücksichtigung bei dem Unterricht in der allgemeinen Ge- 
hte gelenkt hat, ... weil das, was an Gemeinsamkeit der Kultur 
Völker heute existiert, abgesehen von dem, was die Naturwissen- 
% der letzten 200 Jahre hinzugefügt hat, vollständig wurzelt in 
beschichte der römischen Kaiserzeit. Mögen sie auf die äußere 
Qr blicken oder auf die innere oder auf die Verbindung der 
ren mit der inneren, ich gehe so weit, selbst auf den Straßenbau 
auf das Verhältnis, in welchem die Ausbildung der Kommuni- 
»nsmittel zu dem allgemeinen geistigen Zustand steht, überall 
n sie in der Kaiserzeit dafür die Vorlagen und die Wurzel, 
er: das gesamte Gebiet, auf welchem unsere Ideale liegen, sowohl 
lieh als der Sprache nach, und der ganze Ausgleich des griechisch- 
sehen Geistes mit dem christlichen und alttestamentlichen ... all 

was uns heute in Europa einigt, ist in den vier ersten Jahr- 
erten unserer Zeitrechnung entstanden, in der römischen Kaiser- 
... Studieren wir jene Zeit, so lernen wir einen geschichtlichen 
uid kennen, der einen Höhepunkt bezeichnet, der im folgenden 



88 Kritiken. 

Jahrtausend nicht wieder erreicht ist und der uns bescheiden macht 
in bezug auf das Urteil über unsere eigenen Portschritte; denn er 
zeigt uns, daß unsere Fragestellungen nicht neu sind und daß ein 
großer Teil unserer angeblich modernen Errungenschaften auf dem 
geistigen und technischen Gebiet schon jener Zeit bekannt war . . .** 

Es tut diesen Worten nicht Abbruch, daß das Verständnis des 
Nachredners bei jenen Verhandlungen Hamacks Intuitionen nicht 
kongenial war und auch uns wird es, so hoffen wir zuversichtlich, 
nicht schaden, wenn wir vom Standpunkte des Historikers aus, dem 
der Sammeleifer des Antiquars nur Mittel zum Zweck, nie Selbst- 
zweck sein kann, die überraschende Unfähigkeit, historisch zu denken, 
ohne Beschönigung klar legen, die in Grupps angeblicher Geschichte der 
Kultur der römischen Kaiserzeit besonders auffällig im zweiten Bande 
zu Tage tritt. Es gibt niemand, der das Ziel einer allgemeinen Ge- 
schichte der Kultur jener Jahrhunderte, die wie keine zweiten un» 
selbst die eigene Existenz verbürgt haben, heißer ersehnte als mich 
Eben darum mag es gestattet sein, daß starke persönliche Anteilnahme 
an diesen Dingen aus den vorliegenden Zeilen spricht Es wftre 
mir wahrlich eine Freude gewesen, wenn ich vermocht hatte 
etwas Weizen unter der Spreu zu entdecken; denn bisweilen ist auch 
wenig viel. 

Die Grundidee des zweibändigen, über 1200 Seiten umfassenden 
Werkes ist der von Hamack diametral entgegengesetzt. Sie lauft 
darauf hinaus, daß römische Kaiserzeit mit verwerflichem Heidentum 
und grenzenloser Unsittlichkeit in fast jeder Hinsicht identisch sei. 
Mit einem Eifer, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre, hat 
der Verfasser nach Quellen belegen in dieser Richtung gesucht. Das 
könnte den Anschein erwecken, als ob diese Kulturgeschichte religiös 
abgestimmt sei. Das ist sie nicht: offiziell-katholisch ist die 
Grundstimmung der Arbeit, die allerdings eine Arbeit, wie bereit» 
angedeutet, insofern darstellt, als Grupp sich große und, wie durchaus 
anerkannt werden soll, aufrichtige Mühe gegeben hat, meist auf Grund 
langjähriger Quellenstudien eine Unmenge von Zeugnissen zu sammeln 
und, so weit das ihm möglich war, unter die von ihm aufgestellten 
kirchlich präokkupierten Gesichtspimkte einzureihen. Es soll dabei 
nicht verschwiegen werden, daß dem Autor eine eminente Belesenheit 
zur Verfügung gestanden hat. Wenn nur an einer Stelle der Ver- 
such gemacht worden wäre, eine wirklich geschichtliche AufPassung 
zu gewinnen! So aber stehen wir von vornherein in der nur zu be- 
kannten Perspektive, daß in der Kaiserzeit alles verrottet und ver- 
worfen war und das Christentum — ohne jegliche organische Ver- 
bindung mit allem übrigen — allein gut, gerecht \md das Heil der 



Ejitiken. 89 

Welt. Das ist vermutlich „der gläubige Standpunkt und die strenge 
Objektivität des Verfassers", von denen die Kölner Akademiscben 
Monatsblätter reden. Es ist hier nicht der Ort, darüber zu rechten, 
wie immens hoch der ideale Wert des ersten Christentums gewesen 
ist; wer wollte versuchen sich diesem gegenüber zu verschließen? 
Aber ein anderes ist es, von diesem Ideale, mag es von jedem nach 
seinem eigenen Glauben und Fühlen gefaßt werden, zu sprechen, ein 
anderes, tatsächlich erkennbare und nachweisbare geschichtliche Ent- 
wicklungsreihen und -tendenzen klarzulegen, die unter den verschieden- 
artigsten Auspizien erstanden und erwachsen sind. Das eigentlich 
Große, daß jene — christlichen — dank ihrer inneren Kraft diese 
— heidnischen — überwunden und, siegreich, sich mit ihnen zu neuer, 
lebensföhiger Einheit verbunden haben, diesen überwältigend groß- 
artigen Prozeß, der die Kaiserzeit erfüllt und den imposanten Orga- 
nismus der einen Kirche geschaffen hat, genetisch zu erklären, ist 
von Grupp nicht versucht worden. Dafür sind ca. 30 Seiten der 
,^ulturgeschichte" der Persönlichkeit, den Lehren und der Gottheit 
von Jesus Christus gewidmet und ein paar hundert Seiten füllen 
Betrachtungen und Schilderungen der Entwicklung des Christentums 
in den ersten zwei Jahrhunderten, die dem Historiker und ebenso dem 
Kolturhistoriker zurzeit noch zum größten Teile versagt sind, ge- 
schichtlich zu erkennen u. s. f. Dagegen treten die hochinteressanten 
wirtschaftsgeschichtlichen Probleme der Kaiserzeit weit in den Hinter- 
grund, während die Darstellung der sozialen Verhältnisse, die einen 
sehr breiten Raum einnimmt, ständig von religiös-moralisierenden Be- 
trachtungen durchsetzt ist. Die so überaus wichtige moderne Papjrus- 
forschung findet ungenügend Berücksichtigung. Auf diese Weise wird 
jedenfalls keine „große Soziologie, die die Völker und Zeiten in ihrer 
Eigenart zu erfassen strebt" (Vorwort S. V) geschrieben. So ist 
Grupps Buch selbst als Materialiensammlung nur schwer zu ver- 
wenden. Hinzu konmit eine Tendenz, die in den Münchener Hoch- 
scholnachrichten seinerzeit lobend hervorgehoben wurde: „Da sich dem 
Verfasser eine öftere fatale Ähnlichkeit der Strömungen unserer 
eigenen Zeit mit solchen aus den Jahrhunderten des dekadenten Rom 
aufdrängt, so fehlt es an den entsprechend eingefügten Schluß- 
folgerungen und Warnungen nicht." Als letzter Zug in diesem un- 
erfreulichen Gesamtbilde ist die stilistische Sonderart der Autors zu 
erwähnen, die vielleicht Volkstümlichkeit der Sprache durch Banalität 
des Ausdrucks zu erreichen sucht und dabei bisweilen direkt zu ün- 
verständlichkeiten, ja Fehlem führt. Wir finden gleich im 1. Bande 
8. 13: „Mit dem Priestertum konnte einer auch andere Berufe ver- 
binden. Wie den Beamten stand ihnen eine große Dienerschaft zu 



90 Kritiken. 

Gebot", vgl. vorher S. 11: „Diese (Religions-)Politik war mehr als 
tolerant, heute versteht man sich höchstens zur Duldung, früher war 
man sogar sehr ausschließlich; daB man aber die Götter Besiegter 
verehrte, war natürlich unerhört." (?) Oder S. 19: „Manchmal mußt« 

ein Opfer dreißigmal wiederholt werden, weil inmier etwas fehlte 

Das vornehmste waren Menschenopfer, die zu der alten Religion 
wesentlich gehörten und ursprünglich auch bei den Römern bestanden. 
Wie bei anderen Völkern hat man nicht nur Kinder ausgesetzt, sondern 
auch Alte (I) getötet. Aber bald wurden die Menschenopfer abgeschafft, 
ja strenge bestraft. Die Römer rechneten es sich sogar zur 
Ehre an, daß sie die Menschenopfer abschafften." S. 20: „Wenn die 
Provinzheere Satumalien feierten, kam es vor, daß sie einen König 
erwählten, der nach Schluß der dreißigt&gigen Feier geopfert wurde. 
Manche meinen, Christus sei so von den römischen Soldaten behandelt 
worden. Mit Vorliebe wurden Kinder geopfert wie ausgesetzt" (!!) 
S. 25: „Diese Dinge muß man kennen, um die Nacht des Aber- 
glaubens und des Heidentums zu verstehen." S. 96: „Wenn 
einer spät vom Mahle heimkam, war er um die für die Verdauung 
erforderliche Nachtruhe betrogen. Den Christen dagegen wurde Früh- 
aufstehen zur Pflicht gemacht." Und so fort. Es ist nach all dem 
Angeführten beinahe selbstverständlich, daß auch die Begründung und 
Stellung des Prinzipates und das Prinzip der Dyarchie nicht einwand- 
frei dargestellt sind. Die Behauptung im Anfange des 14. Kapitels 
des 1. Bandes (Die Kaiser und ihr Regiment) S. 219 „Monarchisch, 
kaiserlich war der ganze Geist der Gesellschaft" ist auf alle Fälle 
für die Zeit des 1. und 2., ja auch des 3. nachchristlichen Jahr- 
hunderts ein starkes Stück. Endlich S. 224: „Die Staatstätigkeit war 
nicht sehr groß (!) und seine Aufgabe eng bemessen, aber er aner- 
kannte keine Schranken. . . . Der Staat konnte über Gut und Blut 
der Untertanen verfügen, und das Recht schützte den Einzelnen nicht 
gegen den Staat, sondern nur gegen den Nebenmenschen. Jedes 
Gegengewicht . . . fiel weg." Nein, es hat in der Kaiserzeit kein 
Staatsrecht, diese subtilste Ausgestaltung, diese feinste Blüte des 
römischen Rechtsgeistes, gegeben I — 

So vermag ich nicht anders zu schließen: Es ist bedauernswert, 
daß dies Buch von einem Manne, der Jahrzehnte auf die Ansammlung 
einer außergewöhnlichen Gelehrsamkeit und Belesenheit verwandt hat, 
so geschrieben wurde, bedauernswerter, daß man vorgeschlagen hat, 
es zugrunde zu legen für die Lehrer an mittleren Schulen und die 
Studenten der Kulturgeschichte und der Archäologie; denn das wären 
die bedauernswertesten. 

Leipzig. Otto Th. Schulz. 



Kritiken. 91 

Uchael Doberl, Entwicklungsgeschichte Bayerns. I. Band. 

Von den ältesten Zeiten bis zum Westfälischen Frieden. München, 

E. Oldenbourg, 1906. IX + 593 S., gr. 8^ 
In den letzten Jahrzehnten hat die Territorialgeschichte eine ge- 
keigerte wissenschaftliche Pflege erfahren, jetzt folgt sich erfreulicher- 
reise eine Reihe im modernen Geiste gehaltener zusammenfassender 
hurstellungen. Das entwicklungsgeschichtliche Moment steht in ihnen 
n Vordergrunde; die Regenten- und Kriegsgeschichte, die politische 
rescbichte, einst das Um und Auf derartiger Darstellungen tritt zu- 
ick, der Kulturgeschichte im weitesten Sinne des Wortes wird ein 
Qtsprechend breiter Raum gegönnt und jene nur in ihren bedeutsamen 
Wechselbeziehungen mit dieser gezeigt. Das vorliegende Werk trägt 
lesen methodischen Gedanken schon im Titel an der Stime. Es soll 
amit nichts gegen das Standard work der Bayerischen Geschichte, 
iezlers grundlegendes und umfassendes Werk, gesagt sein, dem ja 
ach Döberl das meiste verdankt und auf dem er zum großen Teile 
ißt. Aber was dort in gründlicher Untersuchung des gesamten Ma- 
srials über die gleiche Periode in den bisher erschienenen 6 Bänden 
ich ausdehnt, ist hier knapp und übersichtlich zusammengefaßt. 

Denn Döberls Buch will ein Handbuch für die Lehrer der Ge- 
;hichte an Mittelschulen und für Studierende sein, ja es ist sogar 
1 diesem Sinne eigens über Staatsauftrag verfaßt worden. Und das 
ft das zweite Erfreuliche, daß hier an Stelle ähnlicher nichts weniger 
Is gediegener, zum mindesten meist äußerst trockener Hilfsmittel ein 
Dlches Handbuch geboten wird, das streng wissenschaftlich und doch 
nziehend imd geistreich geschrieben ist. Der Verf. besitzt die seltene 
rabe, eine Persönlichkeit, eine Periode mit kurzen Strichen treffend 
a charakterisieren und aus dem Riesenmaterial einige bezeichnende 
teilen herauszugreifen. Nur inbezug auf die Form hat der Zweck 
manches bedingt, dem man vielleicht nicht ohne weiteres zustimmen 
rird. Die vielen klein gedruckten Abschnitte, welche die Darstellung 
uterbrechen, könnten entweder ebenso gut groß gedruckt sein oder als An- 
lerkongen gegeben werden. Die Hauptliteratur ist regelmäßig an der 
•pitze der Kapitel angefahrt, Spezialliteratur noch am betreffenden 
h-t, aber hier ist doch nicht immer konsequent vorgegangen. Wo 
idividuelle Ansichten vorliegen, sollte dies besonders vermerkt sein. 
Im nur einen mich betreffenden Fall zu erwähnen: S. 113 ist von 
er Identifizierung des Markgrafen Rüdiger von Bechelaren des Nibe- 
mgenliedes mit dem ersten Markgrafen der ottonischen Ostmark 
Burkhard die Rede. Das ist eine Hjpothese, die nur ich zum ersten 
Cale ausgesprochen habe, und hätte als solche gekennzeichnet werden 
ollen. Der Begriff des Handbuches hat es auch mit sich gebracht., 



92 Kritiken. 

daß der umfangreiche Stoff in nur zwei Bänden zusammengepreBt 
wurde, von denen mindestens der erschienene erste durch Format und 
Stärke (37 Bogen) etwas unhandlich ausgefallen ist. Aber von diesen 
formalen Mängeln abgesehen, verrät das Werk in nichts seine Schul- 
zwecke, sondern kann auch vollauf die Ansprüche eines jeden gebil- 
deten Laien befriedigen. 

Der vorliegende I. Band ist in zwei recht ungleich große „Bücher** 
geteilt: „Bayern in der Zeit des Stammesherzogtums** in 7 Kapiteln 
und „Bayern in der Zeit der Entstehung und Entwicklung des dynasti- 
schen Territorialstaates** in 14 Kapiteln. Mit der Einwanderung der 
Bayern und der Abstammungsfrage setzt das Werk naturgemäß ein 
und behandelt dann rückläufig die prähistorische und römische Peri- 
ode des Landes. Mit sichtlicher Wärme schildert er die Zeit Tassilos, 
unter dem sich „der erste Anlauf zum Stammesstaat" vollzieht und 
den er gegen das landläufige strenge urteil vieler Historiker in Schutz 
nimmt. Hier tritt uns zum ersten Male ein Zug entgegen, der, wenn 
auch an sich keineswegs unsympathisch, doch eine gewisse Vorein- 
genommenheit des Verf. verrät, und den wir durch das ganze Buch 
verfolgen können. Wie Biographen leicht zu Panegyrikem ihres Heiden 
werden, so hat der Verf. die stete Neigung, aus Liebe zu seinem 
Volksstamme die Tatsachen zu dessen Gunsten sozusagen bayerisch xa 
färben. 

Ganz besonders prägt sich diese Tendenz bei der Darstellung 
der kolonisatorischen Tätigkeit des bayerischen Stammes aus, und es 
ist daher selbstverständlich, daß er sich heftig gegen jeden Versuch, 
das Ausbreitungsgebiet dieser Tätigkeit einzuengen, wehrt. Er kommt 
dadurch in Zwiespalt mit der neueren Forschung in Niederösterreich 
und im besonderen auch mit der Darstellung in meiner „Greschichte 
Nieder- und Oberösterreichs** (I. Bd. 1905), weshalb es mir wohl 
gestattet ist, mit einigen Worten bei diesem Punkte zu verweilen. 
Zunächst möchte ich einen Irrtum berichtigen. Döberl erhebt 
Alexander von Peez mit dessen Büchlein „Erlebt — erwandert** 
(1902) zu der unverdienten und von diesem selbst kaum an- 
gestrebten Ehre, der Bahnbrecher der sogenannten Frankenhypothese 
zu sein. Peez ist kein Geschichtsforscher, sondern nur gebildeter Di- 
lettant, Politiker und Publizist, der in temperamentvoller Weise und 
mit mehr Phantasie als wissenschaftlicher Methode die Forschungser- 
gebnisse anderer weiter verfolgt hat. Nein, sein Verdienst wäre, wie 
es von mir geschehen, anmerkungs weise genügend gewürdigt gewesen; 
dafdr hätte müssen ein anderer Name aus der Anmerkung in den 
Text heraufgeholt werden: Anton Dachler. Er ist bereits im 
Jahre 1897 auf Grund eingehender Haus- und Siedlungsforschung 



Kritiken. 93 

in seiner Arbeit „Das Bauernhaus in Niederösterreich und sein Ur- 
sprung^' zu dem Ergebnis gekommen, daß ein großer Teil des Landes 
im Norden der Donau, namentlich das Viertel unter dem Manharts- 
berg und auch ein Teil des Viertels unter dem Wiener Wald, nicht- 
bayerische Siedlungsformen zeige und aller Wahrscheinlichkeit nach 
Ton einer fränkischen Beyölkerung besiedelt worden ist. Damit 
lassen sich ja auch geschichtliche Tatsachen in Übereinstimmung bringen, 
und er selbst hat dann (Zeitschrift ftlr österr. Volkskunde VIII, 1902, 
81 f.) auch in der Mundairt dieser Gebiete spezifisch fränkische Ele- 
mente nachgewiesen. Seine Forschungsergebnisse sind auch von den 
ernst zu nehmenden neueren Forschem z. B. von Alfred Grund („Die 
Veränderungen der Topographie im Wiener Wald und Wiener Becken" 
1902) angenommen worden und selbst der jüngste unter ihnen, Oskar 
Firbas, der in seinen ,,Anthropogeographischen Problemen aus dem 
Viertel unter dem Manhartsberge*' (Forschungen zur deutschen Länder- 
und Völkerkunde XVI. Bd., 5. H., 1907), die nach meiner Ansicht 
allerdings an Voreiligkeit der Schlüsse leiden, im übrigen die Franken- 
hjpothese bekämpft, muß doch gleichfalls zugeben, daß in dem ge- 
nannten Grebiete vom Bayerischen stark abweichende Einschläge zu er- 
kennen sind, die er freilich auf — quadische Nachwirkungen zurück- 
fuhren wiUI 

Döberl bleibt übrigens die Widerlegung unserer Annahmen schuldig 
und selbst der Vorwurf^ daß wir auch die oberpfälzischen Elemente 
für das Fränkische in Anspruch nehmen, trifft nicht so schwer, weil 
wir tatsächlich der Ansicht sind, daß das Oberpfälzische dem Fränki- 
schen näher steht als dem Bayerischen. 

Gerne folgt mir natürlich der Verf. in der Betonung des ur- 
sprünglichen Abhängigkeitsverhältnisses der Ostmark von Bayern. Bei 
der Erörterung der Privilegienfrage von 1156 (S. 185f.) fehlt der 
Punkt der „tres Gomitatus^^ für den doch bereits, abgesehen von frü- 
heren Besprechungen, Lampeis umfassende Arbeit (Jahrbuch für 
Landeskunde von Niederösterreich II — V, 1903 — 1906) vorlag. Ob 
es richtig ist, die Schuld an den verschiedenen schlimmen Schick- 
salen Bayerns bis Ende des 12. Jahrhunderts allein den Weifen in 
die Schuhe zu schieben, und ob dabei nicht auch andere Momente in 
die Wagschale fallen, bleibe dahin gestellt. Freilich erscheinen da- 
durch die Witteisbacher im Lichte der Erretter. Und damit berühre 
ich noch einen sympathischen Fehler des Werkes: es nimmt energisch 
Partei für das bayerische Herrscherhaus. So ist doch nach alter Manier 
das Tun und Lassen der Herrscher in den Mittelpunkt der Entwick- 
lungsgeschichte gerückt 

Den Wittelsbachem des 13. Jahrhunderts schreibt Verf. im Hin- 



94 Kritiken. 

blick auf die Pfleger und Landrichter auch als den ersten die An- 
sätze zum Beamtenstaate zu; aber gleichzeitig hat doch wohl aoeli 
Ottokar von Böhmen in Oesterreich ganz ähnliche Einrichtungen ge- 
schaffen. In neue und merkwürdige Wechselbeziehungen, die bald in 
einen ausgesprochenen Wettstreit übergehen, treten Bayern und Oest«^ 
reich erst, seitdem hier die Habsburger Landesfürsten werden. ^ Dieses 
treibende Moment ist vom Verf. gut herausgearbeitet. In der Kultur 
entwicklung würde man vielleicht bei genauerer Betrachtung noch 
mehr Parallelen und Berührungspunkte finden ; ich weise etwa auf die 
Baukunst hin. Doch sind auch die Abweichungen wie in bezug auf 
das Ständewesen charakteristisch. Ein besonders gelungener Abschnitt 
ist der über das Städtewesen. In durchaus unparteiischer Weise sucht 
Verf. bei der Darlegung der Ursachen der Beformation Licht und 
Schatten zu verteilen, indem er entgegen der üblichen Beurteilung 
auch die guten Seiten der kirchlichen Entwicklung hervorhebt. 

Und mm kommt die große Wendung in der Nebenbuhlerschaft 
der Witteisbacher und Habsburger. Nach dem Königtum e Ludwig des 
Bayern waren jene von diesen langsam überflügelt worden; ein Jahr- 
hundert später haben die Habsburger wieder die deutsche Königskrone 
im Besitz, die Witteisbacher müssen ihnen vielfach weichen, vielfach 
zu Diensten sein. Aber schon bereiten sich günstigere Bedingungen 
vor; die Stände gewinnen in Bayern niemals jene Vorherrschaft wie 
in Österreich und, was besonders ausschlaggebend wird, in Bayern ist 
schon mit dem Jahre 1530 die protestantische Bewegung, die Öster- 
reich noch ein Jahrhundert hindurch schwer erschüttert, zurückgedrängt; 
kraftvolle Herrscher tun das übrige. So finden die katholischen Habs- 
burger in Herzog Albrecht V. von Bayern einen Rückhalt und Berater, 
ja Verf. könnte auf Grund von Bibls Forschungen den Einfluß Georg 
Eders am Wiener Hofe sogar uoch schärfer betonen. Mit Maximilian I. 
von Bayern, dem eine ganz ungewöhnlich lange Regierungszeit 
(1598 — 1651) gegönnt war, steigt dann Bayern als Haupt der Liga 
zu einer hervorragenden selbständigen Bedeutung empor und vermag 
seinen Willen selbst gegen die Habsburgischen Kaiser durchzusetzen. 
Daher kann auch schon damals hier eine umfassende Verwaltungs- 
organisation Platz greifen. Maximilian glückt es auch, ein großes 
Gebiet, die Pfalz, deren Vorgeschichte hier in Kürze nachgeholt wird, 
— über die oberösterreichische Episode und Bayerns Verhältnis zum 
Bauernkriege wird rasch hinweggehuscht — , und mit ihm die Kur- 
würde zu erlangen. Daß er schließlich offen zu Frankreich übertrat, 



* S. 251 steht Schlacht bei Durnkratt, 25. August 1878; richtig ko 
stellen in: Dümkrutt, 26. August. 



Kritiken. 95 

yermag freilich auch die loyalste Darstellung nicht sympatischer zu 
machen, aber Verf. weiß es doch wenigstens vorzubereiten, daß diese 
wiederholten Schwenkungen zu Frankreich als Widerhalt gegen die 
Übergriffe des Hauses Habsburg einigermaßen begreiflich erscheinen. 
Mit dem westfälischen Frieden, durch den Maximilians Erwerbungen 
Btaatsrechtlich gesichert wurden, schließt der vorliegende erste Band 
des Werkes. 

Das baldige Erscheinen des zweiten Bandes ist lebhaft zu wünschen, 
schon aus dem Grunde, weil diesem das Register beigegeben werden 
soll, das den umfangreichen Band praktisch erst recht benutzbar 
machen wird. Jedenfalls werden wir nach dem Abschlüsse des Werkes 
ein gediegenes historisches Handbuch mehr besitzen. 

Wien. M. Vancsa. 

Gerold Meyer TOn Enonau, Jahrbücher des Deutschen Reiches 
unter Heinrich IV. und Heinrich V. Sechster Band: 1106 bis 11 Iß. 
Auf Veranlassung Seiner Majestät des Königs von Bayern heraus- 
gegeben durch die historische Kommission bei der königl. Akademie 
der Wissenschaften. Leipzig, Duncker und Humblot. 1907. 
Daß die Jahrbücher der Deutschen Geschichte trotz der in der 
ganzen Serie gleichmäßig gestellten Aufgabe in der Ausführung im 
einzelnen je nach der Individualität der Bearbeiter große Unterschiede 
aufweisen, ist eine oft gemachte und ohne weiteres einleuchtende Be- 
merkung. Die Eigenart der Meyer von Knonauschen Jahrbücher ist 
bekannt und von zustimmendem oder auch abweichendem Standpunkt 
aus hinreichend beleuchtet worden, so daß ich mich hier, beim 
sechsten Bande, fQglich enthalten kann, nochmals darauf einzugehen. 
Ich beschränke mich auf den Punkt, in dem ihre Stärke liegt, und 
will im folgenden einige Nachträge zur Sammlung des Materials und 
der Tatsachen geben, soweit sie sich mir aus einer genaueren Durch- 
arbeitung hauptsächlich der ersten Jahre in Vergleichung der Meyer 
von Knonauschen Darstellung mit den bisherigen Darstellungen und 
den Quellen ergeben haben. 

Zu S. 1 des vorliegenden Bandes und Band 3, S. 427 wäre zu 
dem oder den Namen Heinrichs V. folgende Notiz des Chronicon 
Sancti Maxentii Pictavensis (Chroniques des eglises d'Anjou, ed. 
Marchegay et Mabille. 1869. p. 423) heranzuziehen: MCVI . . . Ain- 
ricus imperator Alemannorum obiit, et successit Ainricus filius suus, 
cognomento Carolus. Ob es sich dabei um einen zweiten Taufnamen 
oder um einen dem König später nach Ansicht des Chronisten ver- 
liehenen Beinamen handelt, ist aus der Fassung der Notiz nicht zu 
ersehen und bei dem Mangel weiterer Nachrichten nicht zu entscheiden. 



96 Kritiken. 

Auf^ S. 17 spricht Meyer von Knonau die Ansicht aus, daß der 
Reichstag von Weihnachten 1106 ^ohne Zweifel insbesondere aus 
Bayern besucht war', auf Grund der in Anmerkung 25 (auf S. 18) 
vorgetragenen Tatsache, daß der Chronist Konrad von Scheiem der 
von ihm aufgenommenen Urkunde Heinrichs V. für Kloster üsenhoven 
(St. 3012) eine Zeugenreihe beifttgt (SS. XVII, 6l<»)i die Meyer von 
Knonau vermutungsweise auf die Königsurkunde und den Hoftag 
bezieht. Dahin gehört sie aber meines Erachtens ganz gewiß nicht, 
die Sache liegt vielmehr so, daß die Königsurkunde mehrere Privat- 
urkunden der Stifter aufgenommen hat, daß der Chronist sowohl die 
Königsurkunde als die privaten Stiftimgsurkunden vor sich hatte und 
aus einer der letzteren diese — nach Lage der Dinge natürlich rein 
bayrische — Zeugenreihe aufgenommen hat Dies folgt, wie mir 
scheint, aus einer Reihe von Zusätzen und Veränderungen, die der 
Chronist der Königsurkunde hat zuteil werden lassen. Für den Besuch 
des Reichstags zu Regensburg kann man demgemäß ans der Zeugen- 
reihe in SS. XVII, 619 nichts schließen, es ist nichts darüber übe^ 
liefert, wenn auch ein Besuch aus Bayern an sich wahrscheinlich bleibt 

Für die Synode zu Troyes von 1107 hat Meyer von Knonau ein 
Zeugnis gänzlich außer acht gelassen, auf welches einst Giesebrecht sich 
fast allein bei Schilderung dieser Synode gestützt hatte. Die Chronik 
des Clarius von Sens (M. G. SS. XXVI, 33) sagt: „Anno MCVII. 
Hoc anno tenuit concilium apud urbem Trecas papa venerabilis 
Pasch alis secundus. In quo intentio eius maxima fuit de Hiero- 
solymitano itinere et tregwa Dei.' Wenn auch dieser Bericht an- 
gesichts des gänzlich abweichenden Inhalts der Konzilsakten und 
sonstigen Berichte nicht so vorgeschoben werden darf, wie einst Giese- 
brecht tat — der übrigens in den Anmerkungen diese seine Quelle 
nicht nannte — so hätte er doch, zumal Clarius noch im ersten 
Viertel des 12. Jahrhunderts schrieb, immerhin bei Meyer von Knonau 
in der Anmerkung 30 neben den Annales Besuenses und ähnlichen 
französischen Quellen seinen Platz finden sollen. Ebenda zu erwähnen 
wäre die Nachricht des oben schon genannten Chronicon Sancti 
Maxentii Pictavensis. MCVH Apud Trecas, in Francia, fuit concilium, 
quod tenuit Paschalis papa; in quo decrevit, ut per nuUam guerram 
incendia domorum fierent, nee oves aut agni raperentur. Auch 
Alberich von Trois Fontaines (M. G. SS. XXIII, 817) hat eine eigene 
Nachricht über das Konzil zu Troyes. 

Schließlich möchte ich noch auf eine Notiz hinweisen, die in 
Band 5 zimi Jahre 1104 hätte erwähnt werden können. In der 

^ Auf S. 13 Zeile 1 ist wohl hinter 'zunächst' ein 'nicht' einzufügen. 



Kritiken. 97 

Historia Compostellana (Florez, Espana sagrada ed. 2, tom. XX. 
Madrid 1791, p. 47) helBt es zn diesem Jahre bei der Erzählung 
einer Eeise, die der damalige Bischof Diego von Compostella durch 
Südfrankreich nach Italien und Rom machte: Ibi (advalles Maurianenses) 
etiam venerabilis comes ümbertus eum honorifice suscipiens usque ad 
urbem Seuriam summa cum yeneratione perduxit; ubi prae timore 
Tentonici imperatoris, qui tunc temporis euntibus ,ad dominum papam 
insidias tetenderat, militari habitu indutus variis laboribus Romam 
profectus est. Ich ziehe die Nachricht aus dieser im allgemeinen 
wenig beachteten Quelle deshalb hier heran, weil aus der Historia 
auch für den folgenden siebenten Band der Jahrbücher beispielsweise 
über die Wahl Calixts 11. nicht nur die bei Watterich IX, 124 ff. ab- 
gedruckte Stelle, sondern auch die bei Florez XX, 284 mit Nutzen 
herangezogen werden könnte. 

Da die Jahrbücher einmal auf dem Prinzip beruhen und not- 
wendig beruhen müssen, alles überlieferte Material, wichtig oder un- 
wichtig, zusammenzutragen und in chronologischer Anordnung zu ver- 
arbeiten, wird man es hoffentlich nicht als kleinliche Nörgelei an- 
sehen, wenn ich solche übersehene Notizen, die ja sachlich bisweilen 
recht anerheblich sein mögen, hier zusammenstelle. Es kommt für 
den Benutzer der Jahrbücher doch hauptsächlich darauf an, das 
Material, in extenso oder in kurzen Hinweisen, vollständig beisammen 
zu haben, und von der Annäherung, die in dieser Beziehung an das 
Ideal erreicht wird, hängt zu einem guten Teil das urteil über die 
Jahrbücher ab. Man wird wohl trotz der obigen Zusammenstellung 
oder vielmehr gerade aus ihr den Eindruck gewinnen, daß bei Meyer 
von Knonau nur wenige Lücken zu füllen oder Irrtümer zu berich- 
tigen geblieben sind. 

Berlin. Bernhard Schmeidler. 

Hermanil KrabbO^ Die ostdeutschen Bistümer, besonders 
ihre Besetzung, unter Kaiser Friedrich II. (Histor. Studien, 
veröffentlicht von E. Ehering, Heft LIII.) Berlin 1906. X und 
148 S. 
E., der im 25. Hefte derselben Sammlung die Besetzung der 
deutschen Bistümer unter Friedrich II. bis zum Jahre 1227 unter- 
sucht hat, verzichtete mit Rücksicht auf P. Aldingers tüchtiges Buch 
JWe Neubesetzung der deutschen Bistümer unter Papst Innozenz IV." 
auf die Fortführung der ersten Arbeit und wählte diesmal nur noch 
die ostdeutschen Bistümer zum Objekte seiner Darstellung. Beson- 
deres Interesse verdienen diese Untersuchungen darum, weil gerade in 
den Grenzmarken und den Missionsgebieten die aufstrebenden Terri- 

Hiitor. VierteJUa&ncbrifk 1908. 1. 7 



98 Kritiken. 

torialmächte als besonders einflußreicher Faktor sich der f&r die 
Festigung der Landeshoheit so wesentlichen Frage der Bistnm- 
besetzungen annahmen und, weil sich durch das Ineinander- und Gregen- 
einanderwirken des Papsttums, der Kirchenfürsten selbst, der Beichs- 
gewalt und der Landesherren die mannigfaltigsten Gestaltungen er- 
gaben, die für die spätere Entwicklung der kirchen-, reichs- und 
landesrechtlichen Verhältnisse vielfach maßgebend wurden. Die £^ 
gebnisse der Arbeit K.s, die von reicher Literatur- und QueUen- 
kenntnis zeugt, sind sehr beachtenswert; von den Bistümern im wen- 
dischen Kolonisations- und Christianisierungsgebiete Heinrich des 
Löwen blieben nur Lübeck und Ratzeburg nach der Niederlage der 
Dänen bei Bomhöved während der Regierung des letzten staufischea 
Kaisers landesherrlichem Einflüsse nicht ausgesetzt; nach Schwerin 
streben die Grafen von Schwerin und die Herren von Mecklenburg, 
dann auch die Brandenburger, Kamrain fällt, da es sich der Metro- 
politanansprüche Magdeburgs auf Pommern erwehren will, gänzlich dem 
Landesfürstentume und Papsttume anheim. Ebensowenig vermögen 
die Bistümer des askanischen Kolonisationslandes, Brandenburg und 
Havelberg, die an Magdeburg eine Stütze gegen die Markgrafen von 
Brandenburg suchen, ihre Position ungeschmälert zu erhalten, Lebns 
verfällt den Askaniern völlig und nach den drei letzten Suffraganbis- 
tümem Magdeburgs, Merseburg, Meißen und Naumburg, beginnen schon 
die Markgrafen von Meißen die Hand auszustrecken. War schon in 
diesen östlichen Kolonisationsländem das Vordringen der Landeshoheit 
ein verhältnismäßig rasches und von Erfolg begleitetes, wie viel mehr 
in einem Territorium, das im Innern ganz selbständig, im Äußern 
nur lose mit dem Reiche verbunden war; für die Beseitigung der 
Reichsunmittelbarkeit der Bistümer Böhmens und Mährens, Prag und 
Olmütz, und ihre Minderung zu Landesbistümem waren schon alle 
Vorbedingungen gegeben und das Resultat demgemäß ein vollständiges. 
Diese letzteren Verhältnisse waren bereits genau bekannt und K., der 
noch die Arbeit von M. Eisler, Geschichte Brunos von Schauenburg 
(Zeitschr. d. deutschen Vereines f. d. Gesch. Mährens und Schlesiens 
8.) hätte benutzen können, vermag unsere Kenntnis in diesem Falle 
ebensowenig um wesentliches zu vermehren, als in der Frage nach der 
Bistumpolitik der letzten Babenberger und der Stellung Salzburgs und 
Passaus zu deren Bestrebungen. Die Besonderheiten der Markver- 
fassung und die mangelhafte kirchliche Organisation machen gerade 
die österreichischen Verhältnisse, namentlich die Versuche zu Gründung 
eines Bistums in Wien, besonders instruktiv und haben sie wieder- 
holter Behandlung teilhaft werden lassen. K. hält an seiner, nach 
meinem Vorgange auch von M. Vancsa (Gesch. Nieder- und Ober- 



Kntiken. 99 

iterreichs 1., S. 456 A. 4) und von R. F. Eaindl (Jahresberichte der 
eschichtswiss. 1904, IL 125) abgewiesenen Ansicht fest, Herzog 
riedrich IL habe mehrere Bistümer gründen wollen, gibt aber 
enigstens ausdrücklich zu, daß sein Versuch, die Diözesaneinteilung 
1 rekonstruieren, eine unbeweisbare Hypothese sei. Ebenso halte 
h die Behauptung S. 114 für unrichtig, daß in dem Streite um das 
ibenbergische Erbe Friedrichs kirchliche Entwürfe spurlos unterge- 
mgen seien, und daß wir bis zur Errichtung des Wiener Bistums 
468 nichts mehr davon hören; ich glaube doch, in meinen „Bezie- 
mgen von Staat und Kirche in Osterreich während des Mittelalters^' 
. 24 fr. nachgewiesen zu haben, daß zum mindestens der Gedanke, in 
Tien ein Zentrum kirchlichen Lebens zu schaffen, schon unter Otto- 
ur wieder auftaucht, und daß dann, von den Tendenzen der Zwischen- 
dt ganz zu schweigen, Rudolf IV. unbezweifelbar den Plan faßt, die 
issauer Diözesangewalt zu beseitigen. K scheint mir auch den 
?arallelismus zwischen Österreich und Böhmen" etwas zu hoch ein- 
ischätzen. Wie immer dem sei, jedenfalls geht aus der Gesamtheit 
)r Untersuchungen Ks hervor, daß gerade in dieser Zeit des Ejtmpfes 
nschen Kaisertum und Papsttum das erstere der wichtigen Frage 
nr Bistumbesetzungen kraft- und verständnislos gegenüberstand, daß 
IS Papsttum klug die Politik der Teilung und der Ausspielung der 
egensätze im Interesse der eigenen Herrschaft verfolgte — an der Ge- 
hichte des Erzbistums Riga, dem letzten Kapitel K.s, wird dies be- 
nders deutlich, — daß aber schließlich aus dem Kampfe als tertius 
mdens das LandesfOrstentum den eigentlichen Gewinn zog. Eine 
was tiefere Fundierung hätten diese Ergebnisse, die eine Fortsetzung 
T Untersuchung für die Zeit des Interregniims erwünscht machen, 
»ch erfahren, wenn K weniger ausschließlich das politische Moment 
V erstarkenden Landeshoheit und die engere Besetzungsfrage betont, 
•ndem auch darauf hingewiesen hätte, welche Bedeutung diese im 
L Jahrhundert so kräftig einsetzende Territorialisierung der Kirche für 
e spätere Ausbildung des landesfürstlichen Kirchenregimentes \md 
oiatskirchentums gehabt hat; in der Förderung dieser Erkenntnis 
igt ja glaube ich, der hauptsächliche Wert von K.s Arbeit. 
Wien. Heinrich R. v. Srbik. 

JUrtin de Alpartils Chronica actitatorum temporibus domini 
Benedicti XTEI. Zum erstenmal veröffentlicht von Frauz Ehrle, S. J. 
Bd. 1 : Einleitung, Text der Chronik, Anhang ungedruckter Akten- 
stücke (Quellen und Forschungen aus dem Gebiete der Geschichte 
in Verbindung mit ihrem histor. Institut in Rom hrsg. von der Görres- 
Gosellschaft, XII. Bd.) Paderborn 1906. XLH u. 616 S. Lex. 8^ 



100 Kritiken. 

Unter den sich mehrenden neuen VeröffenÜichuDgen zur Ge- 
schichte des großen Schismas nimmt die vorliegende Quellenpublikation 
einen hervorragenden Platz ein. Ehrle hatte das vorher überhaupt 
nnr von dem bekannten aragonesischen Historiographen des 17. Jahr- 
hunderts Antonio Znrita benutzte, seitdem aber verschollene Werk, 
im Jahre 1893 wiedergefunden in der Bibliothek des Escurial, und 
zwar in der Originalhandschrift des Verfassers, wahrscheinlich der 
einzigen überhaupt erhaltenen. Der Inhalt ist seitdem zwar schoDi 
durch Ehrles Vermittlung, von N. Valois in seinem großen Werke 
über das Schisma benutzt worden, aber erst jetzt ist es dooh mOglich, 
ein Gesamturteil über diese neue Quelle und ihren Wert zu fallen. 
Die schönen Materialien und Forschungen über die Zeit und Person 
Peters de Luna (Benedikts XTTT.), die Ehrle im Archiv fOr Literatur- 
und Kirchengeschichte des Mittelalters Bd. 5 und besonders 6 und 7 
bereits veröffentlicht hat, erhalten hierdurch ihren Abschluß; ein 
zweiter Band soll in einer Darstellung den gesamten Stoff künftig 
vereinigen. 

Es versteht sich von selbst, daß die Ausgabe ein Muster von 
Akribie und Gelehrsamkeit ist. Philologische und historische Ajuner- 
kungen begleiten den Text Die Einleitung (p. XI — XUI) berichtet 
eingehend über die handschriftliche Überlieferung, den Verfasser, den 
literarischen Charakter, Abfassungszeit und Tendenz der Chronik. 
Martin von Alpartil (aus dem kleinen Orte Alpartil bei Saragossa), 
später Domherr und operarius der Kathedrale von Saragossa, hat 
dauernd, schon vor 1398 an der Kurie in Avignon gelebt, in steter 
persönlicher Berührung mit Peter von Luna und seinen Kardinälen, 
nicht in führender Stellung, aber ein treuer, in vieles eingeweihter 
Beamter, zweimal auch zu wichtigeren diplomatischen Missionen ver- 
wendet. Die Grundlage seiner Aufzeichnungen bildet ein sehr genau 
geführtes Tagebuch aus den Jahren 1394 — 1408, das er dann ohne 
wesentliche stilistische Veränderungen einfach mit Urkunden und 
Akten, die er aufs eifrigste für seinen Zweck sammelte, verband. 
Ein literarisches Kunstwerk kam bei dieser Arbeitsmethode nicht her- 
aus: aber der Quellenwert der Chronik steigert sich gerade dadurch 
fast zu dem eines ürkimdenbuchs. Von literarischen Quellen ist nur 
noch die Zeitgeschichte des Beichtvaters und Kammerherm Bene- 
dikts XTTT., Hieronjmus de Ochon benutzt, ein anscheinend an Detail- 
kenntnis und Reichhaltigkeit noch viel bedeutenderes Werk, als das 
Alpartils: leider muß nach Ehrle diese Chronik als völlig verschollen 
gelten. 

Alpartils Darstellung umfaßt die Jahre 1394 — 1430, geht also 
noch 7 Jahre über die Regierungszeit Peters von Luna hinaus, aber 



Kritiken. 101 

ihr Thema ist einzig das Leben und die Kämpfe Peters in den Jahren 
1398 — 1403; alles andre wird auf wenigen Blättern abgemacht. Die 
Anhänglichkeit läßt Alpartil seinen Helden im Lichte eines Märtyrers 
und Heiligen erscheinen: in der Aufzählung von allerhand Vorzeichen 
und Wundem, die Benedikts XTTT. Geschick andeuteten, in der Er- 
wähnung des balsamischen Duftes, den sein Leichnam verbreitete 
u.a.m., verfällt er ganz in den üblichen Legendenton. Andrerseits 
kommt auch der Haß gegen Peters Feinde, vor allen den pestifer 
patriarcha Pierre Cramaud, den berühmten Führer der Pariser Reform- 
partei, offen zum Ausdruck. Aber in Liebe und Haß erscheint 
Alpartü so naiv und aufrichtig, daß beides seinem Berichte wenig 
Eintrag tut. Die Politik der verschiedenen Parteien tritt aus seinen 
bis auf Tag und Stunde genauen Angaben aufiä klarste hervor Auch 
neue Tatsachen allgemeiner Art erfahren wir gelegentlich (z. B. p. 3 
über die Verschwörung in Rom 1378, p. 17 über die Vorgeschichte 
der englisch-französischen Heirat u. a. m.). Für das Verhalten Bene- 
dikts XJJJL zur Frage des Schismas ist die Chronik eine der Haupt- 
quellen. Die interessante Persönlichkeit dieses eigensinnigsten, zähsten 
der schismatischen Päpste gewinnt dabei meines Erachtens trotz aller 
Liebe seines Biographen nicht an Sympathien; das von der herkömm- 
lichen, freilich einseitig verurteilenden Auffassung ganz abweichende 
Bild, das kürzlich Haller, Papsttum und Kirchenreform I, p. 214 ff« 
entwarf, wird sich doch einige dunklere Schattierungen gefallen lassen 
müssen. Mehr Charakterfestigkeit, als seine Gegenpäpste, mag Bene- 
dikt XHL besessen haben, von egoistischen Motiven, von Versuchen 
gewaltsam, ohne Rücksicht auf gegebene Versprechen, sich den Allein- 
besitz der papstlichen Gewalt zu verschaffen, war er keineswegs frei. 
Seine Anschläge auf Rom (p. 24ff., 149, 252ff., 340ff.), sein Ver- 
halten in der Cessionsfrage (p. 9ff., 361, 403ff., 410ff., 453ff.) er- 
halten hier eine neue und nicht günstigere Beleuchtung. Freilich die 
Schuld lag ebensosehr an den in sich widerspruchsvollen Bedingungen 
seiner Erhebung, an der Politik der Kardinäle und den sich kreu- 
zenden Literessen der großen politischen Mächte, Frankreich, Ara- 
gonien, Anjou-Neapel, die schließlich den Ausschlag gaben. In dieses 
politische Getriebe läßt die Chronik gut hineinsehen. Wenn auch 
die ungeheure Masse des Quellenstoffs f{ir die Geschichte des Schismas 
bereits in Valois' Darstellung gründlich gesammelt und verwertet 
worden ist, so bleibt doch in der Auffassung der Vorgänge, der 
Stellung der politischen Parteien noch vieles der Korrektur oder Er- 
gänzung bedürft?g, wie das schon Hallers und nun Ehrles Publikation 
lehren. Einen besonderen Wert beanspruchen die teils in den Text 
der Chronik aufgenommenen, teils in einem besonderen Anhang von 



102 Kritiken. 

Alpartil selbst gesammelten Aktenstücke. Vieles davon ist freilich 
längst dnrch Martine et Durand, Mansi, Bnlaeus, das Chartolarimn 
universitatis Parisiensis m, und Ehrle selbst (Archiv f. Lit. u. Kir- 
cheng. 7, 533 ff.) bekannt; das übrige teilt Ehrle p. 213 — 246 mit 
Aber er hat sich damit nicht begnügt, sondern in einem eigenen 
Urkandenanhang, der an umfang den Text der Chronik um das 
Doppelte übertriflFt, p. 246 — 613, aus verschiedenen Quellen eine 
Fülle un gedruckten Materials zur Geschichte des Schismas, und be- 
sonders der avignonesischen Obedienz unter Benedikt Xm., mitgeteilt 
Die einzelnen Aktenstücke sind mit sehr wertvollen Einleitungen ver- 
sehen, die als Vorarbeiten für die künftige Darstellung gelten können, 
und zum Teil wichtige neue Resultate ergeben. Nur auf das Wich- 
tigste sei kurz hingewiesen. 

Außer dem Vatikanischen Archiv, der Vatikanischen Bibliothek 
und der Pariser Nationalbibliothek lieferte wieder reiches Material 
das anscheinend unerschöpfliche Archiv der Krone von Aragon in 
Barcelona, wo allein 248 Registerbände für die Zeit von 1396 — 1410 
zur Verfügung standen. Gesandtschaftsberichte und -Instruktionen 
und eigenhändige Briefe König Martins werden p. 246 — 356 mit- 
geteilt zur Charakteristik der Unionsverhandlungen von 1396 — 1405. 
Auch die deutschen Reichstagsakten (Bd. 5, p. 391 ff.) erhalten p. 337 fil 
eine interessante Ergänzung zu den Verhandlungen K Ruprechts im 
Jahre 1403 in der Frage des Schismas und des Romzugs. — Ein 
weiterer sehr interessanter Abschnitt bringt Mitteilungen aus den 
Konzilsakten des Pisaner Konzils, die nun hoffentiich bald eine voll- 
ständige Veröffentlichung und Bearbeitung finden. Ehrle publiziert 
nur die bemerkenswerten Aussagen des Kardinals Nicol. Brancacd 
p. 357 ff., und einen Bericht des Jean Guiart p. 375 ff. über das Ver- 
halten Peters von Luna. — Weitere wichtige Materialien „aus ver- 
schiedenen Fundorten" (Spanien, Rom, Paris, Avignon) folgen im 
letzten Abschnitt p. 413 — 613. In einem „die nationalen Gegen- 
sätze und ihr Einfluß auf das große Schisma^^ betitelten Paragraphen 
p. 413 — 429 wird die Bedeutung der nationalen Antipathie zwischen 
Franzosen und Italienern (bezw. Römern) für den Ausbruch des 
Schismas beleuchtet durch einen anonymen französischen Traktat vom 
Jahre 1378. Hier finden sich auch wertvolle Angaben über einige 
andre kirchenpolitische Traktate der Zeit. Man ersieht daraus wieder, 
wie wichtig, sowohl für die genauere Erkenntnis politischer Vorgänge, 
wie für die der allgemeinen Stimmung und der Parteiansichten der 
Zeit eine systematische Bearbeitung dieses noch fast ganz brach- 
liegenden Gebietes wäre. Der einzelne kann bei der Massenhaftigkeit 
des Stoffs freilich hier nicht viel leisten. Der Unterzeichnete hofft 



Kritiken. 103 

aber demn&chst mit Hilfe einer größeren Arbeitsorganisation für das 
14. und 15. Jahrk diese Aufgabe in Angriff nehmen zu können: als 
Ergänzung der Aktenpublikationen und der chronikalischen Dar- 
stellungen scheint eine umfassende derartige Publikation für die 
Zeiten des Schismas und der konziliaren Bewegung sehr wünschens- 
wert Ehrle liefert p. 430 — 439 Beiträge zu einer Untersuchung der 
politischen Schriften Johanns von Legnano. Daran schließen sich 
p. 439 — 461 Quellen zur Geschichte der ünionsvorschläge 1394 — 98, 
die von Ayignon ausgingen, parallel den bekannten Vorschlägen der 
Pariser Universität 1390 — 1397. Femer erfahren wir neues über 
die Vermittelungspolitik Peters von Ailli, aus einer Anzahl unge- 
druckter Gutachten desselben aus den Jahren 1395 — 1403 (p. 462 — 
506). Die umfassendste Kritik, die seit Heinrichs von Langenstein 
Epistola pacis an den ünionsversuchen geübt wurde, hat 1403 Ailli 
geleistet in einer p. 494 ff. abgedruckten Schrift, die nicht weniger 
als 20 ünionswege aufzählt. — Die letzten Nummern, p. 506 — 613, 
bringen kleinere Beiträge, die zum Teil aber nicht ohne ganz allge- 
meinhistoiisches Interesse sind, wie z. B. Nr. 7, p. 506 — 9 der Ab- 
laßbrief Benedikts xiii yon 1397 mit einer interessanten Zusanmien- 
fassung der damaligen Ablaßlehre; zur Charakteristik der beiden lei- 
tenden Staatsmänner Kastiliens in jener Zeit dienen Nr. 8 und 10; 
Nr. 9, 13, 14 und 15 sind Aktenstücke über die zwei Belagerungen 
des päpstlichen Palastes in Avignon 1398 und 1410, die Alpartil 
mit durchmachte und deren erste er ganz ausführlich beschreibt. Die 
Geschichte des Kriegswesens erhält hier manche Bereicherung; auch 
über die Marine, dann weiter über Yerwaltungseinrichtungen in 
Avignon und anderen französischen Städten, über Sitten und Ge- 
bräuche an der Kurie, wie an den Höfen, endlich über die diplomati- 
schen Formen und das Gesandtschaftswesen, bieten die Chronik, wie die 
Akten reichlich die detailliertesten Aufschlüsse. Auf diesen Wert für 
die Bechts- und Kulturgeschichte, den diese Publikation hat, imd den 
man zunächst hier vielleicht nicht vermuten möchte, sei besonders 
hingewiesen. Den Schluß des Anhangs, Nr. 16 bilden kulturhistorisch 
sehr interessante Mitteilungen aus den Akten der großen Juden- 
disputation in Tertosa 1413 — 1414, der merkwürdigsten und größten 
derartigen Veranstaltung, die unter den Auspizien Benedikts XIH. 
stattfand. Nr. 17 endlich enthält neue Berichte über die Versuche 
Peter von Luna durch Gift zu beseitigen: der Kardinal Amidani, der 
im Auftrage Alexanders V. von Konstanz aus nach Spanien ging, 
scheint an diesen Plänen nicht unbeteiligt. 

Nur mit dem lebhaftesten Danke können wir dieser großen, so 
mühevollen, aber auch so überaus ertragreichen Publikation scheiden. 



104 Kritiken. 

Möchte im zweiten Bande recht bald aufi diesem reichen, schönen 
Stoff ein ebenso reiches Gesamtbild der Person Benedikts XHI. und 
seiner Politik erstehen. 

Leipzig. Richard Scholz. 

BrnnO Markgraf^ Das moselländische Volk in seinen Weistümem 
(Geschichtliche Untersuchungen, herausgegeben von Karl Lamp- 
recht, vierter Band). Gotha 1907, XVI und 538 Seiten. 
In denselben „geschichtlichen Untersuchungen^^ in denen jetxt 
die vorliegende Arbeit erschienen ist, brachte im Jahre 1904 Franz 
Arens eine umfassende Arbeit: „Das Tiroler Volk in seinen Weis- 
tümem^S Bausteine zu einer Geschichte der deutschen Volksseele 
wollte Arens liefern, und Markgraf will das begonnene Werk fort- 
setzen. Um eine Vergleichung mit Arens Ergebnissen zu erleichtern, 
— so fahrt Markgraf im Vorwort etwa aus — und um denen, die 
in der begonnenen Richtung weiter arbeiten wollen, die Wege zu 
ebnen, habe er sich, mit Ausnahme der Behandlung des Rechts, an 
die Disposition des Arens'schen Werkes gehalten. 

Diese Anlehnung an die Arens'sche Disposition hat nun zu ihrer 
ziemlich vollständigen Herübemahme geführt. Und zwar nicht nur 
in ihrer Hauptgliederung — dagegen wftre wenig einzuwenden. Be- 
fremden aber muß es, wenn auch die kleinsten Unterabschnitte, die 
sich für Arens auf Grund seines Tiroler Materials ergeben haben — 
und seine Disposition ist sehr eingehend bis in die kleinsten Einzel- 
heiten — bei Markgraf wiederkehren. Unwillkürlich fragt man sich: 
sollte bei neuer Behandlung eines auch noch so ähnlichen Stoffes die 
Stellung eines selbständigen Bearbeiters seinem Stoff gegenüber nicht 
irgend\vie in neuen Gesichtspunkten sich geltend machen, und folg- 
lich auch in der Disposition zum Ausdruck gelangen? Und weiter. 
Ist es, rein methodisch genonmien, überhaupt denkbar, daß es zur 
Lösung irgendeines Komplexes historischer Probleme zwei aus ganz 
verschiedenen Gegenden des deutschen Sprachgebietes herrührende 
Quellengruppen gibt, die auf alle, auch die kleinsten Einzelfragen, 
befriedigende Antwort geben könnten? Diese Frage muß rundweg 
verneint werden. So ergibt sich schon aus dieser Erwägung die 
Vermutung, daß Markgraf sich einmal hat verleiten lassen, auf Fragen 
zu antworten, für die ihm sein Material eigentlich nichts bietet, und 
sich andererseits die Gelegenheit hat entgehen lassen, manchen inter- 
essanten Gresichtspunkt aus dem mosselländischen Material heraus- 
zuholen, zu dem die Tiroler Quellen Arens keinen Anhaltspunkt boten. 
Mit einer gewissen Skepsis tritt man so an die Lektürei des Buches 
selbst heran, imd der Verfasser muß es sich gefallen l«LSsen, wenn 



Kritiken. 105 

man hier eingehender nachprüft, wie weit hier wirklich Ergehnisse 
selbständiger wissenschaftlicher Arbeit vorliegen, oder ob nicht auch 
in der Darstellung eine über die statthaften Orenzen hinausgehende 
Anlehnung an andere, in erster Linie an Arens, sich bemerkbar macht. 

Die Einleitung scheint allerdings alle Befürchtungen zu zer- 
streuen. Hier kommt der Verfasser auf sein Verhältnis zu Arens zu 
sprechen. Dieser habe ihn angeregt; aber: „Grundverschieden ist der 
Gegenstand der Untersuchung besonders dadurch, daß der Tiroler 
Bauernstand frei, der moselländische unfrei war** (5). Also nur eine 
„Anregung" liegt vor, im übrigen darf man bei der Grundverschieden- 
heit der Gegenstände wohl auch grundverschiedene Ergebnisse er- 
warten. Nur ist eins hierbei überaus bedenklich: die Behauptung, 
der Tiroler Bauernstand sei generell frei, der moselländische unfrei 
gewesen, ist eine so ungeheuerliche, daß sie eigentlich nur grenzen- 
loses Staunen über die Kühnheit, mit der sie vorgebracht wird, er- 
wecken kann. Für die zahlreichen unfreien Verhältnisse im Tiroler 
Bauernstand braucht nur auf die Arbeiten Wopfners verwiesen zu 
werden; andererseits darf daran erinnert werden, daß für einen Teil 
des Mossellandes in jüngster Zeit völlige Freiheit des Bauernstandes 
im 14. und 15. Jahrhundert proklamiert worden ist.^ In Wirklich- 
keit dürften die Verhältnisse so liegen, daß sich in Tirol wie im 
Mosellande die verschiedenartigsten Schattierungen von freien bis zu 
wirklich unfreien Verhältnissen feststellen lassen. Dieser angeblich 
prinzipielle Unterschied zerfließt also bei näherer Betrachtung in 
nichts; zu den alten Befürchtungen tritt so nur eine weitere hinzu: 
Geht wirklich die Feststellung dieses vermeintlichen Gegensatzes durch 
die weitere Darstellung des Verfassers als leitendes Motiv — oder 
handelt es sich nur um eine kurz hingeworfene Behauptung. Dann 
aber erweckt sie an dieser Stelle beim Lesen nur die Erwartung auf 
neue, von Arens abweichende Ergebnisse, ohne sie in der Ausarbeitung 
erfüllen zu können. 

Nun aber zur Darstellung selbst. 

Der erste Abschnitt der Arbeit: „Äußere Bedingungen des Volks- 
lehens" hat allerdings nur die Überschrift mit Arens gemein. Statt 
dessen fällt dem Kenner von Lamprechts Wirtschaftsleben die inner- 
liche, oft auch formelle Verwandtschaft mit diesem Werke auf. Das 
meiste ist diesem nacherzählt, manches direkt excerpiert. Auch der 

' OroBch, Das spätmittelalterliche Niedergericht auf dem platten Lande 
am Mittelrhein; Gierkes Untersachongen, H. 84, S. 81 f. Den einBchränken- 
den Bemerkungen WopfnexB (Zb. d. Sav.-Stift. G. A. 28, 482) kann ich nur 
zntitimmen, wenn auch der Ursprung unfreier VerhältniBse in anderer Rich- 
tung gesucht weiden dürfte. 



106 Kritiken. 

Stil des Verfassers ist hier stark von seinem Vorbilde beeinflußt, und 
wo er einmal selbständige Sätze formuliert, fallen sie nicht gerade 
sehr glücklich aus. So auf Seite 19: „Die Grundherren waren also 
keineswegs ohnmächtig, sondern sehr mächtig." Gelegentlich kommt 
es vor, daß Excerpte aus Lamprechts Arbeiten gebracht werden, die 
in der Anordnung, die ihnen der Verfasser anweist, sich wider- 
sprechen. So, wenn er im Anschluß an den Artikel ,3auer'' im 
Handwörterbuch der Staats Wissenschaften auf S. 14 feststellt, daß die 
soziale Lage der Bauern seit dem 13. Jahrhundert eine gedrückte 
war, während er gleich auf der folgenden Seite die für die Bauern 
günstige Lage noch im 14. Jahrhundert andauern läßt^ 

Mit dem ersten Kapitel des zweiten Abschnittes, welches die 
Kräfte des Verstandes bebandelt, kommen wir zu dem Teile der Ar- 
beit, der bis in die einzelnen Unterabteilungen schon in der Dispo- 
sition seine nahe Verwandtschaft mit dem Buche Arens verrät Aller- 
dings bringt Arens die Darstellung der Schul- und Bildimgsverhftltnisse 
auf dem platten Lande, mit dem Markgraf beginnt, an anderer Stelle; 
im übrigen ist aber der Gedankengang bei Markgraf ganz der gleiche, 
wie bei Arens. Wirklich nur der Gedankengang? Von der Be- 
sprechung der „symbolischen Handlimgen'^ an spinnt Markgraf den 
gleichen Gedankenfaden, wie sein Vorgänger, und gar bald fallen 
schon im äußeren sonderbare Anklänge auf.' Der „Vorliebe für sinn- 
liche, anschauliche Handlungen" (A 46 M 65) folgt unmittelbar die 
Behandlung des „dramatischen Moments^^; als nächster Markstein an 
der gemeinsamen Straße fällt die „episch-behagliche Breite" (A 47/48 
M 67) auf. Das mag alles mehr zufällig, äußerlich sein. Einen 
ganz anderen Charakter zeigt dagegen folgende Quelleninterpretation 
Markgrafs, die sich unmittelbar anschließt: „So bestimmt das Weis- 
tum Wetteldorf, der Kläger soll den Hofschultheißen zur Anbringung 
der Klage suchen ,einmahl, 2 mahl, 3 mahl für recht und zum 4ten 
mahl über recht' statt zu sagen: Dreimal für recht, das viertemal 
über recht. Hier schwebt die Bewegung vor, das Nacheinander der 
Handlungen, die Anschauung herrscht vor" (M67). Dem Referenten 
war es erst ganz unerklärlich, wie aus dieser simplen Weistumstelle 
solche Schlüsse gefolgert werden konnten. Das B&tsel löste sich 
durch einen Vergleich mit Arens. Dort ist nämlich an der ent- 
sprechenden Stelle (A 48) von „kontinuierlicher Bewegtheit", „Vor- 

^ Hdw. d. Staatsw. 2. Aufl. 2, 841 Sp. 1. — Lamprecht, Dt. Wirtachafta- 
leben I, 1289. 

' Z. B. der Anfang des Absatzes 2 von S. 44 bei Arena und der An- 
fang von Absatz 1 auf S. 64 bei Markgraf. A bedeutet weiterhin Arena, 
M Markgraf! 



Kritiken. 107 

gangen im Nacheinander^' und bald auch von der „Freude am Aus- 
malen des FaUes'^ die Rede. Hier liegt also der Fall so, daß eine 
Behauptung des Verfassers, die eine Quelleninterpretation zu sein 
Torgibt, aus fremden Gedankenmaterial entlehnt ist. Bei weiterem 
Lesen mehren sich die fatalen Beobachtungen. Man vergleiche nur: 

A 51/52. Wir handeln jetzt ' M. 68. Wir sehen nun weiter 

von der Bedeutung der Anschau- , auf die Bedeutung der Anschauung 
ung schlechthin. im allgemeinen. 

Und dann beobachte man, wie M. in der weiteren Ausführung 
dieses Punktes den ganzen Wort- und Gedankenschatz seines Vor- 
bildes übeminmit (Verlangen nach dem Auffälligen, Bunten; humo- 
ristisch einwirken; Phantasie macht sich im Natur- und Menschen- 
leben geltend). Schrieb M. im ersten Kapitel oft den Stil von Lamp- 
rechts Wirtschaftsleben, so redet seine Feder hier in Arens'schen 
Zungen. 

Das Hinübemehmen ganzer Sätze wird immer ungenierter. Nur 
ein paar besonders hervorstechende Fälle seien in Reihenfolge des 
weiteren Vergleiches beider Autoren wiedergegeben. 

A 54/55. DiesenErscheinungen | M 7 2. Eine verwandte Erschei- 

verwandt ist es, wenn zwei Vor- I nung ist es, wenn Gegenstände die 

gange, die ihrer Natur entsprechend I einen nicht sichtbaren Zusanmien- 

nacheinander erfolgen müßten, in hang haben, in concreto einander 

simultaner Beiordnung gefordert . nahegebracht werden wenn 

werden zur Erklärung der talionsartig gestraft wird. 

Talion .... 

A55. Am radikalsten äußert ] M 72/73. Am deutlichsten und 

sich das Verlangen nach äußer- i konsequentesten zeigt sich das Be- 

licher Betonung der Zusanmien- , dürfnis nach äußerlicher Darstel- 



hinge in der Abart der Reziprozi- 
tät, die Wesensgleichheit zwischen 
Aktion und Reaktion fordert 

A 56. Unter den . . . zur Ab- 
straktion wenig geneigten Geistes- 



lung innerer Zusammenhänge in 
dem Verlangen nach Reziprozi- 
tät Wo Aktion, da Reaktion. 

M 73. Aus dem Mangel an 
Abstraktionsvermögen entspringt 



zuständen konnte der Begriff . . . ' weiter die wenig entwickelte Fähig- 
einer Institution nicht hoch ent- keit, den Begriff einer Institution 
wickelt sein. j zu fassen. 



A 59. negative Abgrenzung 
(des „mittelmäßigen'^) 

A 63. Entfernungen werden 
gern durch Andeutung einer Be- 
wegung ausgedrückt. 



M 75. negative Abgrenzung 
(des „mittelmäßigen'^) 

M 79. Entfernungen werden 
gern durch eine Bewegung und 
deren Erfolg . . . beschrieben. 



108 Kritiken. 

A 64. Auch die Zeit ist nicht M 82. Auch die Zeit ist nicht 

völlig systematisch bezwungen. , völlig systematisch bezwungen. 

A 66. An dieser Stelle scheint j M 85. Wir betreten ein anderes 

mir ein Einschnitt geboten. . . . | Gebiet. Wir beschäftigen uns in den 

Das Gedankenmaterial aber, selbst letzten Abschnitten mit der geisti- 

in subtilster Gestalt, hat für sich genVerarbeitung und Beherrschung 

keinen Daseinswert. Es muß über- des Anschauungsmaterials. ... Im 

blickt und in innere Verbindung folgenden wollen wir untersudien 



sein Operieren mit Gedanken 
„in die Breite" und „in die 
Tiefe." 

Der geistige Gesichts- 
kreis 



gebracht werden. In dieser Rich- 
tung: Operieren mitGedanken 
„in die Breite" und „in die 
Tiefe", soll sich unsere Unter- 
suchung jetzt bewegen. 

Einen weiteren geistigen Ge- 
sichtskreis. . . 

An dieser Stelle schiebt Markgraf ein paar Seiten ein, die — 
wenigstens in diesem Zusammenhang — keine Analogien bei Arens 
finden. Bei der Schilderung des engen Horizontes der Bauern findet 
er Gelegenheit, ein paar persönliche Anekdoten zum besten zu geben 
(86, 87) — dann stoßen wir wieder auf Excerpte aus Lamprechts Wirt- 
schaftsleben, nämlich bei der Darstellung der Geschichte der „hundert- 
schaftlichen Markgenossenschaft" (87). Es folgen ein paar Streiflichter 
auf Kriegswesen und Gerichtswesen, die sich auch zum guten Teil als 
aufgefangene Strahlen aus der Sonne des Lamprechtschen Vorbildes 
erweisen — dann aber findet er mit den Worten: „Soviel über das 
Operieren mit Gedanken in die Breite" (95) den Weg zu Arens 
zurück. Die Marschroute wird wieder ganz die gleiche. Zunächst 
wird der „Formalismus" (A 68 f, M 96 f) erledigt. Dann wird die 
„sachliche Gebundenheit" (A71,M98) behandelt. Und hier stoßen 
\vir zum ersten Male in Markgrafs Darstellung auf einen Hinweis 
auf Arens. Er will nämlich „die geringe Tiefe des Denkens" „mit 
Arens" als „sachliche Gebundenheit" bezeichnen. Dies ist m. W. 
das einzige Mal, wo M. bei einer seiner zahllosen Übernahmen 
ganzer Gedankenreihen in diesem Kapitel seine Quelle bezeichnet^ In 
dieser Isoliertheit verschleiert der einzelne Hinweis auf Arens mehr 
das wirkliche Verhältnis, als daß er es klar zugebe; unmittelbar dar- 
auf werden dann auch Arens' Worte und Gedanken wieder ohne Ver- 
weise gebracht: „reziproke Denkweise", „für jede Handlung eine 



^ An einer anderen Stelle, S. 106, hält es M. doch für nötig, einen 
ganzen Satz, den er ans Arens übernimmt, in Anführungsstriche zn eetien 
— doch ohne Angabe der Quelle. 



Kritiken. 



109 



egenhandlung" (A 71/72, M98); die Stichworte „Konservativismus" 
ad „Fähigkeit des kausalen Denkens" (A72,73, M99) bezeichnen 
.6 näclisten gemeinsamen Leitmotive. Für die Darstellung der „po- 
tischen Klugheit" (M 76) hat Markgraf zwar nur nichtssagendes 
aterial; da sich aber Arens an dieser Stelle (A 76) eingehender 
ber die „politische Kunst" seiner Tiroler Bauern äußert, darf das 
tichwort bei Markgraf nicht fehlen. Der nun folgende Abschnitt 
ber das „prophylaktische Denken" (A 77 — 80, M 102 — 105) ist 
ach Gedankeninhalt und Wortschatz ausschließlich geistiges Eigen; 
un Arens'; doch die Feststellung dieser und weiterer Übereinstim- 
Lnngen darf wohl unterbleiben; nur aus dem Ende des Kapitels, in 
em die Sprache behandelt wird, sei noch eine Stilprobe gegeben: 



A 88/89. Der entscheidende 
mschlag fällt in die Mitte des 
6. Jahrhunderts. Die Quellen des 
4. und 15. Jahrhunderts drücken 
eh kurz und herb aus, sie scheuen 
eine Derbheit, bewahren in ihrer 
chweigsamkeit immer einen Ton 

^hlicbten Stolzes Das 

rird im 16. Jahrhundert anders, 
de Höflichkeitsformeln gegen die 
'ohledlen und gestrengen Amts- 
ersonen beginnen sich zu hänfen; 
ie Sprache wird bedächtig und 
berlegt, sie argumentiert und mo- 
Bklisiert. .... Fremde Begriffe 
ringen ein, die Sprache wird ein 
nderes Material, als sie einst 
rar, schärfer und biegsamer wohl, 
her geschwätzig und überladen. 
)ocb hat ihre behagliche, selbst- 
:efallige Art einen eigenen Keiz. 



M 11 2. Einen Wendepunkt be- 
deutet im allgemeinen etwa die 
Mitte des 16. Jahrhunderts; vorher 
lieben es die Weistümer meist, sich 
kurz und straff, zuweilen schroff 
auszudrücken, wortkarg und dra- 
stisch; dazu spricht Selbstbewust- 
sein, zuweilen Trotz aus schlichtem 
Wort. Seit der zweiten Hälfte des 
16. Jahrhunderts wird die Sprache 
breit, bombastisch; man ist devot 
vor der „hohen Obrigkeit." . . . 
Die Höflichkeitsfloskeln gegen die 
ehrenfesten usw. Amtspersonen 
kommen auf; man argumentiert und 
moralisiert Fremdworte schlei- 
chen sich in größerer Zahl . . . ein; 
... die Sprache wird flüssiger, ge- 
schmeidiger, aber auch geschwätzig 
und überladen. War früher die 
Sprache insofern breit, als man die 
, Materie nicht begrifflich be- 
herrschte, so ist sie es nun aus 
Selbstgefälligkeit. 

Nach solchen Feststellungen darf man wohl füglich auf die Lek- 
üre der weiteren Kapitel des Markgrafschen Buches, wenigstens so- 
ireit sie in der Disposition bereits ihr Abhängigkeitsverhältnis ver- 
uten, verzichten. Man sieht — alle Befürchtungen, die sich bereits 
>ei Besprechung der Disposition und der Einleitung ergaben, haben 



110 Kritiken. 

sich erfQllt, und zwar aufis bedenklichste erfüllt. Konnte man sich 
bei Besprechung des ersten Kapitels mit der Feststellung einer, aUer^ 
dings reichlich weitgehenden, Abhängigkeit von Lamprechts Wirt- 
schaftsleben begnügen, so ist hier ein weit schärferes urteil unbedingt 
geboten. Die Arbeit erhebt durch das Glewand, in dem sie erscheint, 
Anspruch auf einen wissenschaftlichen Charakter; und da mofi 
festgestellt werden: ein solches Verfahren, wie es sich Markgraf 
der Arens' sehen Arbeit gegenüber gestattet, das eine so absolute 
Abhängigkeit von seinem Vorbilde verrät, ist wissenschaftlich durch- 
aus unerlaubt, und der Arbeit maß somit der wissenschaftliche Cha- 
rakter abgesprochen werden. Denn Selbständigkeit ist erste Grrund- 
voraussetzung jeder wissenschaftlichen Tätigkeit. Unwillkürlich drängt 
sich der Vergleich mit der Schaumkellschen Arbeit über die Ge- 
schichte der deutschen Kulturgeschichtschreibung etc. auf, die 1905 
als Preisschrift der Jablonowskischen Gesellschaft zu Leipzig erschien.^ 
Es bliebe jetzt noch übrig, den Teil der Arbeit zu besprechen, 
der nach des Verfassers eigener Angabe schon in der Disposition von 
Arens abweicht: den letzten Abschnitt über das Recht. Und doch 
glaubt der Referent, auch hiervon absehen zu können. Denn einmal 
hat eine ganz flüchtige Durchsicht ergeben, daß auch hier das Arens- 
sche Vorbüd eine höchst gewichtige Rolle spielt^; also müßte man 
auch hier wieder erst im einzelnen das Verhältnis zu Arens und 
etwaigen anderen Vorbildern feststellen. Neues dürfte dabei kaum 
mehr zutage kommen. Dann aber hat die Art, wie der Verfasser 
zu zwei wissenschaftlichen Problemen Stellung genommen hat, dem 
Referenten die Überzeugung gegeben, daß man von selbständigen Ur- 
teilen des Verfassers, die man erst mühsam aus dem Trümmerhaufen 
fremder Urteile herausholen müßte, nicht viel zu erwarten hat. Gani 
richtig gibt zwar der Verfasser die beiden verschiedenen Ansichten 
über die Entstehung der herrschaftlichen AUmendehoheit wieder (218, 
219). Aber anstatt den Gegensatz der beiden Auffassungen, die 
einen grundverschiedenen Entwicklungsprozeß voraussetzen, zu er- 
fassen und sich nach der einen oder andern Seite hin zu entscheiden^ 



^ Herman Nohl in den Forsch, z. Brandenburg u. Preuß. Gesch. 19, 
288 ff. 

* Man beachte nur, wie sich die Ausfahrungen über „Zweck und 
Natur der Strafe'^ (A 886 ff.; M 411 ff.) in beiden Arbeiten an folgenden 
Stichworten aufreihen: Vergeltung, Prinzip der Vernichtung, AbBchxeckungs- 
zweck, Besserungstheorie , Schadenersatz, Zweck im Rechte, Erhaltung des 
Bestehenden, Schutz der Schwachen. Tendenz der Prophylaxe (von M. ver- 
wässert in: „Entfernung des Übels**), Mittel zur Macht, Bittere Not- 
wendigkeit. 



Kritiken. 111 

formuliert er sein Urteil in dem ganz verschwommenen und nichts- 
sagenden Satze: „Mir scheint, daß meist beide Faktoren, Allmende- 
obereigentum und grundherrliche Gerichtsbarkeit, zusanmiengewirkt 
haben zur Erreichung der grundherrlichen Markherrlichkeit/^ Eben- 
sowenig zeigt sich der Verfasser bei der Beurteilung der Gehöfer- 
schaften fähig, die Unterschiede zweier Anschauungen herauszufühlen. 
Zwar bekennt er sich zu Lamprechts Auffassung und schildert die 
Gehöferschaften als Betriebsgenossenschaften auf grundherrlichem Bott- 
land dessen gemeinsamer Besitz im 14. Jahrhundert entschieden sei. 
Das hindert ihn aber nicht, ein paar Zeilen weiter aus den an anderer 
Stelle dargelegten Ausführungen des Referenten, die von ganz an- 
deren Voraussetzungen ausgehen, einen Satz herauszureißen: „Und 
noch (!) im 17. und 18. Jahrhundert konnten verschiedene Gemeinden 
des westlichen Hunsrücks, um den aus der zunehmenden Parzellierung^ 
erwachsenden wirtschaftlichen Gefahren entgegenzuwirken, zu vollem 
Agrarkommunismus . . . übergehen.^^ Ein dazwischen geschobener Satz, 
der mit dem inhaltsreichen Wort „Entwicklungsgeschichtlich" beginnt, 
soll hier die Aufgabe lösen, ganz heterogene Dinge in friedlicher 
Harmonie zu vereinen. (24 f.) 

Von solcher Urteilslosigkeit wird man kaum fördernde Belehrung 
über „das Becht" erwarten dürfen. 

Irgendwie sachlich zu den hier behandelten Problemen Stellung 
xa nehmen, bot sich bei dem ganzen Charakter des Buches keine 
Gelegenheit. Die rein prinzipiellen Bedenken, die Wopfner über die 
Verwendung der Weistümer zum Studium der Geschichte der Volks- 
seele bei Besprechung der Arens'schen Arbeit^ vorgebracht hat, würden 
bei Markgraf um so gewichtiger zu erheben sein, als die ihm vorwiegend 
zu Gebote stehenden Drucke bei Grimm gerade in ihrer chrono- 
logischen Fixierung weit unzuverlässiger sind, als die Tiroler Weis- 
tümer, die in unvergleichlich gesicherterer Ausgabe vorliegen — 
und weil die eigene Kritik des Bearbeiters schweigt. In Ergänzung 
von Wopfners Ausführungen möchte der Referent abschließend an 
ein Wort Gotheins* erinnern: „Es ist unwissenschaftlich, durch Weis- 
tümer zu wandeln wie durch eine Wiese, um die Blumen der Rechts- 
altertümer zum Strauß zu pflücken, es ist willkürlich, jede Einrich- 
tung^ die ein altertümliches Ansehen hat, wie die Strenge des 
Familienrechts, Gebundenheit des Erbganges und des Verkehrs auch 
ins graue Altertum zurückzudatieren. Die allgemeinen Gesetze des 
Fortschreit-ens gelten auch für den Bauernstand.^' 

^ Natürlich des Hufen- (Flur-) landes, nicht des Beunde-(Rott-)lande8. 
' Mitt. d. Inst. f. östeiT. Geschichtsforschung 28, 166 ff. 
» Zs. f. Gesch. d. Obenh. NF 1, 816 (1886). 



112 Kritiken. 

Eine Rezension der vorliegenden Arbeit im literarischen Zentral- 
blatt" (Jg. 1907 Sp. 1529 f.), mit dem Zeichen „0...", versichert, der 
Verfasser habe seine Aufgabe „in vollkommener Weise gelöst"; seine 
„fleißige und zuverlässige Arbeit" werde „überall die ihr gebührende 
Anerkennung finden". Es ist bedauerlich, daß solche Werturteile 
ohne jede Sachkenntnis niedergeschrieben werden. 

Leipzig. Fritz Börig. 

D. Dr. G. Bossert, Sebastian Lotzer und seine Schriften. 
Memmingen 1906. 64 S. 1 M. 
Das vorliegende kleine Schriftchen ist der Abdruck eines Auf- 
satzes aus den „Blättern für Württemb. Kirchengeschichte. 2. Jahr- 
gang. 1887. Nr. 4 ff.", mit dem der bekannte Beformations- und 
Kirchenhistoriker seiner Zeit auf die Persönlichkeit eines Mannes aus 
dem Wüi*ttemberger Lande aufmerksam machen wollte, der bis dahin 
so gut wie unbekannt für die Frühzeit der evangelischen Bewegung 
in Horb, dann aber vornehmlich für die Geschieht« Memmingens und 
die des Bauernkrieges eine gewisse Bedeutung zu haben schien. Von 
den verschiedenen Schriften, von Baumann, Wilhelm Vogt, Radlkofer, 
die damals mehr oder minder eingehend sich mit dem Kürschner 
Sebastian Lotzer beschäftigten, war diese Abhandlung sicher die tief- 
greifendste. Bessert, dessen Feder wir ja eine Fülle von Mitteilungen 
verdanken, die sich durch seltene Kenntnis der zeitgenössischen wie 
der späteren Literatur auszeichnen und zumeist zudem auf arcbiva- 
lische Studien zurückgehen, wußte Lotzer noch in anderer Weise wie 
jene Forscher die Stellung in der Zeit anzuweisen, seiner Individualität 
neben den andern gerecht zu werden. Wenn er dabei zu dem gleichen 
Resultat mit jenen kam, daß nämlich in diesem Manne der Verfasser 
der 12 Artikel des Bauernprogranmis zu sehen sei — obwohl er be- 
tonte, daß Lotzer alles andere eher als ein originaler Kopf gewesen 
wäre — , so ging er wie jene von der so gut wie allgemein geteilten 
Ansicht aus, daß nur in Memmingen das Bauemprogramm entstanden 
sein könne: da Schappeler, den man bislang für den Verfasser hielt, 
aus guten Gründen dafür nicht mehr gelten konnte, so blieb aus dem 
Memminger evangelisch gesinnten Kreise nur dieser Kürschner übrig, 
dessen Schriften und dessen Anschauungen die These zudem zu stützen 
schienen. 

Der Aufsatz blieb weiteren Kreisen so gut wie unbekannt 
Soweit ich mich entsinne, ist er von Alfred Götze für die bio- 
graphische Einleitung zu seiner Ausgabe von „Sebastian Lotzers 
Schriften" (Leipzig 1902) nicht verwertet worden. Auch mir war er, 
als ich mich mit der Frage nach dem Verfasser der 12 Artikel be- 



Kritiken. 113 

schäftigte, nicht zugänglich. So sollte man also meinen, daß ein 
neuer Abdruck desselben von der Wissenschaft mit Dank begrüßt 
werden müsse? Einesteils gewiß, insofern noch jeder Forscher dieses 
Schriftchen neben Götzes Einleitung wird benutzen müssen. Andernteils 
aber heißt es doch gar zu lokalpatriotisch handeln (der Herausgeber, 
ein Dr. J. M. (Julius Miedel?) ist wohl — vgl. S. 13 Anm. — der 
Memminger Stadtbibliothekar), nun ohne jede kritische Auseinander- 
setzung mit den Arbeiten von Götze und mir eine in allem Wesentlichen 
veraltete Anschauung über die Entstehungsgeschichte der 12 Artikel 
wortgetreu wieder abzudrucken, um damit die maior gloria der Reichs- 
stadt Memndngen ganz sicher zu stellen. Ich meine, der verehrte 
Herr Verfasser wäre nur berechtigten Wünschen entgegengekommen, 
wenn er, bevor Herr Dr. J. M. von ihm die Erlaubnis zum Wieder- 
abdruck erhielt, den Zweifel beseitigt hätte, ob man wirklich immer 
noch die Memmioger Eingabe zeitlich vor den 12 Artikeln ansetzen 
muß, nachdem wir beide uns dagegen ausgesprochen haben, ob man 
weiter nach all den Argumenten, die ich gegen die oberschwäbische 
Heimat der 12 Artikel vorgebracht hatte, nicht doch wo anders als 
hier wird suchen müssen. Ich will mich hier um so weniger auf 
alle diese Fragen von neuem einlassen, als ich in einem größeren 
Werke: „Der deutsche Bauernkrieg. Untersuchungen über seine Ent- 
stehung und seinen Verlauf", das im Oktober des Jahres 1907 
im Verlage von Niemejer in Halle erschien, im größeren Zusammen- 
hange nochmals auf sie eingegangen bin (S. 83 — 118) und sich aus 
meinen Ausf&hrungen dort ergeben dürfte, daß es sich bei den be- 
rührten Fragen nicht um Doktorfragen oder Fragen des Eigensinns 
handelt, die man souverän erledigt. Wenn ich mit diesem Hinweise 
nicht abbreche, so geschieht es nur, um wenigstens noch eine sach- 
liche Bemerkung zu Bosserts psychologischer Analyse zu machen, die 
diese vielleicht noch zu verschärfen in der Lage ist. Wer Lotzers 
Schriften unbefangen liest, wird sich des Eindrucks nicht erwehren 
können, daß aus ihnen ein Agitator spricht, ein Agitator zwar im 
edleren Sinne des Worts, dem es wesentlich nur darauf ankam, für 
das Evangelium Propaganda zu machen, aber doch eben ein Agitator, 
der an die niedrigsten Leidenschaften und Triebe andauernd erinnert, 
für den auf der einen Seite nur Licht, auf der andern nur Schatten ist. 
Hier das reine Evangelium und seine Vertreter, die fOr ihrer Seelen 
Seeligkeit weltliche Dinge nicht brauchen, dort das reiche Priestertum, 
die reiche katholische Kirche, die immer noch nicht genug an welt- 
lichem Besitze hat! Es ist die Logik des einfachen^ ungelehrten 
Mannes, hinter dem Widerstände gegen das, was ihm wert und teuer 
ward, immer nur Interessen dieser Art zu wittern; die Anregung dazu 

Hi»tor. Vi6rt«U»linchrift 1908. 1. 8 



114 Kritiken. 

gab iVirn neben der Lektüre vor allem von Luthers Schriften (so 
neben Bossert auch Kolde in den Beiträgen zur Bayrischen Kirchen- 
geschichte 1903 S. 96) die in den St&dten schon lange genährte Ab- 
neigung gegen die Klöster. Zwei Seelen sind es, die in seiner Brust 
wohnen. Das muß man sich vergegenwärtigen, um diesen Laien- 
prediger, um seine Stellung zur Reformation und Revolution ganz zu 
begreifen. Ich will nicht sagen, daß Lotzer wußte, daß seine Schrif- 
ten neben den höchst-en auch die niedrigsten Leidenschaften weckten. 
Aber ein Zweifel an dieser Wirkung kann nicht bestehen. Bossert 
ist sich augenscheinlich dieser Tatsache nicht bewußt geworden; ich 
erkläre mir daraus, daß er Lotzers Schriften mit der Einleitung zu 
den 12 Artikeln in Zusammenhang bringen konnte. Gewiß läßt sich 
die Tendenz der 12 Artikel in Lotzers Entschuldigung der Stadt 
Memmingen ebenfalls entdecken: hier wie dort die Wendung gegen 
die Lästerer des Evangeliums und gegen die Anklage auf Ungehorsam 
wider die Obrigkeit! Doch, abgesehen davon, daß sich, naturgemäß, 
derlei Tendenz auch in anderen Schriftstücken der Zeit nachweisen 
läßt (vgl. Hubmaiers Entschuldigung und Klag der Stadt Waldshut 
aus dem Januar 1525 [Histor. Zeitschrift 91 8. 22] und die ganz 
ähnlichen Worte der Abwehr gegen die Verleumdung des Evangeliums 
von Seiten Hans von Schwarzenbergs 1524 fE. Herrmann, Schw. S. 84 
und jetzt auch Willy Scheel, Schw. S. 156]), — Lotzers Schriften ent- 
halten daneben eben noch ein Moment der Aggressive gegen alle 
Widersacher des Evangeliums, gegen die Bauchprediger, als welche 
sie dem Memminger Kürschner allein erscheinen, das den 12 Artikeln 
fehlt, obwohl in dem Bauemprogramm dafür gewiß Platz gewesen 
wäre. Die Sprache der 12 Artikel ist nicht nur „abgerundeter, ein- 
facher und allgemein verständl icher '\ als die Lotzersche zu sein pflegt 
(so Bossert S. 57), sie ist vor allem maßvoller und edler — und das 
sollte man hinfort nicht mehr übersehen. 

Nachschrift. 
In der „Allgemeinen deutschen Biographie" LIL Band S. 97 — 102 
(Nachträge — 1899) ist Bossert neuerdings auf Lotzers Leben ein- 
gegangen. Er bringt hier einige Ergänzungen zu seinen Angaben, 
berichtigt an einzelnen Stellen die von Götze, und geht schließlich 
auch naturgemäß auf Lotzers Anteil an den 12 Artikeln ein, der ihm 
nach Götzes Feststellung, daß der Urdruck der 12 Artikel von dem- 
selben Drucker wie die meisten Schriften Lotzers stammt, der größt- 
mögliche zu sein scheint. „Es ist nur noch die Frage, ob sie nur 
Privatarbeit Lotzers sind (Götze) oder ein mit den Bauern verab- 
redetes offizielles Programm (Baumann)." Eine Auseinandersetzung 



Kritiken. 115 

mit meinen, übrigens in der Bibliographie notierten Arbeiten findet 
sich nicht, so daß ich dem, was ich kritisch bereits zu Bosserts Schrift 
bemerkte, nichts hinzuzufügen habe. 

Königsberg i. Pr. Wilhelm Stolze. 

Oentz und Wessenberg. Briefe des Ersten an den Zweiten, 
Mitgeteilt von August Fournier. Wien und Leipzig bei W. 
Braumüller 1907. 162 S. 
August Fournier teilt in diesem Bändchen wertvolle Briefe Gentz' 
an den österreichischen Staatsmann Johann von Wessenberg mit, die 
kürzlich in dem Wiener H. H. und St.- Archiv aufgefunden worden 
sind. Sie zerfallen nach der Zeit ihrer Absendung in drei Abschnitte, 
(Aus Österreichs Notjahren 1809 — 1810, Zu" Gentzens politischen 
Wandlungen 1813—1819, Gentz wider Mettemich 1831— 1832), deren 
jedem der Herausgeber eine erläuternde Einleitung vorausgeschickt 
hnL Die Briefe des Jahres 1809 sind Stimmungsbilder aus den 
Wochen des Krieges; sie zeigen, nachdem einmal die Offensive ge- 
scheitert war, die Stellungnahme Gentz' für den Frieden, wie sie uns 
schon früher A. Fournier (Deutsche Rundschau XIII) geschildert hat. 
Bemerkenswert sind die Klagen über die schlechte öffentliche Meinung 
in Wien, mit der Stadion wie später während der Befreiungskriege 
Mettemich zu kämpfen hatte. Die Briefe des Jahres 1810 geben 
ausführliche Aufschlüsse über die Finanzschwierigkeiten der Zeit nach 
dem Kriege und die vergeblichen Versuche, ihnen zu entgehen. Be- 
merkenswert ist Gentz' Haltung gegenüber der österreichischen Heirat 
Napoleons, die ihm als Mensch höchst unsympathisch ist, die er aber 
„als Staatskundiger^^ billigen muß, ebenso wie Mettemichs Bemühungen 
am den Frieden zwischen England und Frankreich, die Gentz als den 
Hauptzweck der Heise des Ministers nach Paris im Jahre 1810 bezeichnet. 
Der zweite Abschnitt (1813 — 1819) zeigt uns Gentz in enger Verbindung 
mit Mettemich. Er unterstützt dessen Versuch, durch österreichische 
Vermittlung im Jahre 1813 den Frieden herzustellen und dafür auch 
England zu gewinnen durch Briefe nach England, die J. von Wessen- 
berg dorthin mitninmit. Besonders bemerkenswert ist der lange Brief 
an Makintosh (5. Februar), den F. im Anhang abdruckt, durch seine 
fibertrieben pessimistische Schilderung der Lage des Kontinents. Man 
wird sich hüten müssen, aus diesem Briefe wieder allerhand Schlüsse 
auf die mangelnde Voraussicht Gentz', auf sein Nichtverstehen popu- 
lärer Bewegungen zu ziehen. Der Brief ist nichts weiter als ein 
diplomatisches Aktenstück, das den bestinmiten Zweck verfolgt, P]ng- 
land für den Frieden zu gewinnen. Freilich wurde der Brief nicht 
bestellt, da Wessenbergs Sendung schon vor seinem Eintreffen in 

8* 



116 Kritiken. 

London als gescheitert betrachtet werden konnte. Nicht ganz kann 
man dem Heraasgeber zustimmen, wenn er die Osterreichische Politik 
im Jahre 1813 bis zum Ausbruch des Krieges mit Frankreich eine 
„schwankende" nennt. Klar geht aus allen Äußerungen Gentz' vor 
und nach der Schlacht bei Lützen bis zum Kongreß von Prag die 
Absicht Mettemichs hervor, Napoleons Vorherrschaft in Deutschland 
durch eine bewaffnete Vermittlung zu beseitigen und eine übertriebene 
Machtstellung Rußlands dadurch hintenanzuhalten. Wie sehr die 
finanzielle Not bei dieser Politik mitgesprochen hat, und ebenso der 
Mangel an ausreichender Rüstung, ist bekannt. Daß der Erfolg Napo- 
leons bei Lützen diese Politik gefährdete und Gentz ihn deshalb beklagt, ist 
nur natürlich. Die Hartnäckigkeit des Korsen und Englands zwang 
Osterreich, sich der Koalition anzuschließen; inzwischen war es Metter- 
nich gelungen, die diplomatische und militärische Oberleitung der 
Koalition Österreich zuzuschieben. — Die Briefe der folgenden Jahre 
zeigen Gentz als Frondeur gegen die Reaktionsstimmung der Wiener 
Cresellschaft, sie zeichnen sich durch die unbefangene Würdigung der 
französischen konstitutionellen Verhältnisse aus und enthalten yieles 
Wertvolle über die Finanzfragen in Frankreich und Österreich. Falsch 
wäre es aber auch hier, anzunehmen, weil Gentz gegen die Reaktion 
in Frankreich auftrat, die das Friedenswerk des Jahres 1815 nur ge- 
fährden konnte, habe er logischerweise auch für konstitutionelle 
Ideale in Deutschland oder gar in Österreich eintreten müssen. Ein 
solcher Doktrinarismus lag Gentz ganz fem, er war ebensowenig ein 
Reaktionär wie ein Liberaler trotz seiner stark ,4iberalen'' Äußerungen 
in diesen Briefen und denen des letzten Abschnitts. Was ihm für 
Frankreich im Literesse Österreichs und des Bundes gut schien, das 
übertrug er nicht einfach auf deutsche und österreichische Verhältnisse 
und was in Deutschland möglich war, paßte deshalb noch nicht auf 
die Donaumonarchie. Die Politik, die Mettemich und Gentz in der 
Reaktionsepoche trieben, war nüchterne österreichische Machtpolitik, die 
auch die innere Einrichtung der andern europäischen Staaten möglichst im 
Literesse der äußeren und inneren Politik Österreichs zu bestimmen 
suchte. Aber auch hier hat Gentz, wie die Briefe des letzten Ab- 
schnittes zeigen, jeden Doktrinarismus der Reaktion von sich femge- 
halten; er unterstützte im Gegensatz zu Mettemich und Kaiser Franz 
die Bemühungen Wessenbergs in London, dem revolutionären belgischen 
Staat zu einer selbständigen Gestaltung zu verhelfen. In Hinsicht der 
deutschen und österreichischen Verhältnisse blieben seine Anschauungen 
dann völlig unberührt, ohne daß er sich für alle Ewigkeit auf anti- 
konstitutionelle Doktrinen festgelegt hätte. Man wird sich, besonders 
nach der Lektüre dieser Briefe, daran gewöhnen müssen, die Legende 



Kritiken. 117 

von dem reaktionären Obskurantismus Gentz' ebenso wie das junker- 
liche Wort Steins von dem „verfaulten Herzen" und dem „vertrock- 
neten Grehim^' definitiv ad acta zu legen. Daß Gentz nicht etwa 
nur um der liberalen Gesinnung Wessenbergs willen selbst in 
liberaler Tonart dem Freunde schreibt, diesen Gedanken hat der ver- 
dienstvolle Herausgeber schon zurückgewiesen. Der Gnmd wäre 
auch nicht ersichtlich, denn Gentz besaß mehr Einfluß als Wessenberg. 

Als kleine Korrekturen mögen hier noch stehen: Zu S. 3 es be- 
stand schon seit 1803 ein reger Briefwechsel der beiden Männer. 
S. 52 Z. 1. V. 0. 14. April statt 11. April. S. 99 die Bemerkung über 
den Verzicht auf ,4* rive gauche du Rhin" kann sich nicht auf den 
Breisgau beziehen. Anm. 2. 

Freiburg i. Br. F. C. Wittichen. 



118 



Nachrichten und Notizen L 

Gleichzeitig mit dem Uistorikertage zu Dresden fand am 3. bis 7. Sep- 
temper 1907 die VIII. Konferenz von Vertretern landesgeschicht- 
licher Publikationsinstitute unter dem Vorsitze von Oberregierongant 
Dr. Ermisch und Regierungsrat Dr. Lippert statt. Zunächst berichtete gemäS 
einem auf der Stuttgarter Tagung der Konferenz gefaßten Beachlusse Pro- 
fessor Kötzschke-Leipzig über interne Fragen der Organisation der 
Konferenz. Dr. Armin Tille sprach über die VerOfiFenÜichung von 
Quellen zur städtischen Wirtschaftsgeschichte und trat dafür ein, 
die Erschließung dieser Quellen grundsätzlich bis in die neuere Zeit 
(17. — 19. Jahrh.) auszudehnen, dabei tunlichst das gesamte Wirtschaftsleben 
ins Auge zu fassen, außer der Wirtschaftsverfassung und Wirtschaftspolitik 
auch die Einzelwirtschaft des Bürgers zu erforschen und demgemäß die 
aus dem privatwirtechaftlichen Betriebe erwachsenen Schriftstücke in be- 
rücksichtigen. Dr. Overmann-Erfurt behandelte die Grundsätze für 
Publikation von Quellen zur städtischen Rechtsgeschichte: 
außer den Stadtrechten i. a. S. solle auch das Material zur Greschichte der 
Stadtverfassung und Stadtverwaltung aufgenommen, bei kleineren Städten 
auch das die Zünfte und das Gewerbewesen betreffende angegliedert 
werden; die Publikation sei bis zum Untergang der alten Stadtverfassung 
im 18./19. Jahrh. auszudehnen, ein Stadtplan nebst Karte der Gemarkung 
sei beizugeben. Diese Grundsätze fanden die Billigung der Versammlung. 
Zahlreichen Besuches erfreute sich die auf Anregung des Sekretariates der 
Konferenz veranstaltete Ausstellung von Karten zur Geschichte der 
sächsischen Kartographie von Humelius und M. Oeder im 16. Jahrh. 
bis in die neueste Zeit und zur Erläuterung der historisch-geogrs- 
phischen Arbeiten im Königreich Sachsen, die von Archivrat Dr. 
Beschomer-Dresden aufs sorgsamste vorbereitet worden war und in sos- 
führlichem Vortrag erläutert wurde; zum Verständnis des hier gebotenen 
diente auch eine von der Kgl. Sächsischen Kommission für Geschichte 
überreichte Broschüre über die historisch -geographischen Arbeiten im 
Königreich Sachsen, Leipzig 1907. Den Schluß der Konferenzverhand Inngen 
bildete die Beratung über Anlage und Aufgaben mittelalterlicher 
Regestenwerke. Sie war durch eine Umfrage bei den größeren Archiven 
des deutschen Sprachgebietes, über ihre Urkundenbestände sowie durch die 
Tätigkeit des in Stuttgart eingesetzten Ausschusses vorbereitet worden. 
Gutachten von Professor Rietschel- Tübingen und Privatdozent Dr. Stein- 
acker-Wien nebst Zusatzbemerkungen von Professor Redlich- Wien, Professor 
Schulte-Bonn und Professor Kötzschke-Leipzig waren erstattet und aof 
Grund derselben von dem Ausschusse Leitsätze aufgestellt worden. In der 
Diskussion regte Professor Lamprecht an, die Erschließung und wissen- 
fichaftliche Ausnutzung des Urkundenschatzes durch photographische Re- 
produktion sämtlicher Urkunden bis etwa 1250, bezw. 1270 zu fördern nnd 
dazu finanzielle Mittel vom Deutschen Reiche und der österreichischen 



Nachrichten und Notizen L 119 

legierung zu erbitten. Zur Yorberatung dieser Angelegenheit wurde ein 
Lusschnß eingesetzt (Professor Breßlau, Professor Ghroust, Archivdirektor 
lansen, Regierungsrat Lippert und Privatdozent Steinacker). Danach 
nirden die aufgestellten Leitsätze durchberaten. Darin wird in bezug auf 
lerauBgabe des ürkundenstoffes zwischen dem früheren und späteren 
fittelalter geschieden (Abgrenzung etwa um 1250, bez. 1273, im Osten 
.och noch später); fOr den ersten Zeitraum sei Druck des gesamten ür- 
nndenvorrats erwünscht, für den zweiten Zeitraum aber in der Regel nicht 
neichbar; ein gewisser Ersatz werde durch die üblichen Bischofs- und 
'ürstenregesten geboten; der Privatrechts- und Wirtschaftsgeschichte könne 
nd solle mit relativer Vollständigkeit gedient werden; mehr als bisher sei 
er Urkundenauszug eventuell unter schematischer Wiedergabe einzelner 
*ormeln zu verwenden; für das Ragest sei eine besondere von Dr. Stein- 
cker beschriebene Form zu empfehlen, die besondere Ortskolumne könne 
ci spätmittelalterlichen Regestenwerken wegfallen, für die Namens- und 
«chregister der Regestensammlungen sei besondere Ausführlichkeit zu ver- 
Ingen; Erleichterung der vollständigen archivalischen Benutzung sei zum 
Irsatze vollständiger Publikation anzustreben. R. K. 

Am 14. Dezember hielt in Leipzig die Kgl. Sächsische Kommissioii 
ftr Geschichte ihre XIL Jahresversammlung unter dem Vorsitz 
r. Exzellenz des Herrn Wirklichen Geheimen Rats Dr. Waentig ab. Der 
'ersitzende machte zunächst Mitteilung von der Errichtung der Dr. v. Frege- 
iTeltzienstiftung, welche dazu bestimmt ist, durch Ausschreiben von Preisen, 
esonders fQr darstellende wissenschaftliche Arbeiten mäßigeren Umfangs, 
ie sächsische Geschichtsforschung und Geschichtschreibung fördern zu 
elfen. Ausgegeben wurde seit der letzten Jahresversammlung im Februar 
d07 die Xin. Veröffentlichung der Kommission: Wilhelm Dilichs Feder- 
nchnungen kurfürstlicher und Meißnischer Ortschaften aus den Jahren 
626 — 1629, herausgegeben von P. E. Richter und Chr. Krollmann. Fast 
oUendet liegt im Drucke der von Archivrat Dr. Lippert in Dresden be- 
rbeitete „Briefwechsel der Kurfurstin Maria Antonia mit der Kaiserin 
[aria Theresia*^ vor. Im Manuskript abgeschlossen ist die von Professor 
*. Wnttke und Direktor Dr. Ermisch in Dresden vorbereitete Ausgabe der 
Instruktion'* eines Vorwerksverwalters vom Jahre 1570, welche das erste 
ehrbnch der Landwirtschaft in deutscher Sprache auf Grund heimischer 
rfiahmngen darstellt. Weit fortgeschritten ist die Bearbeitung folgender 
erOffentlichungen : Akten und Briefe Herzog Georgs, Bd. II (Professor Dr. 
eß-Dresden), Akten zur Geschichte des Bauernkrieges in Mitteldeutschland 
Lrchivrat Dr. Merx-Münster i. W.), Briefe König Augusts d. St. (Privat- 
ozent Dr. Haake-Berlin) , Acta Nicolaitana und Thomana (Professor Dr. 
ftchse-Leipzig) sowie einer Geschichte der amtlichen Statistik in Sachsen 
^fessor Dr. Wuttke-Dresden). Die übrigen Arbeiten der Kommission sind 
i gutem Fortgange begriffen. Endgültig aufgenommen wurden unter die 
^planten Veröffentlichungen der Kommission zwei schon früher ins Auge 
daßte Publikationen: die Herausgabe des für die historische Landeskunde, 
ir Verfassungs-, Rechts- und Wirtschaftsgeschichte sowie die Adels- 



120 Nachrichten und Notizen I. 

geschichte überaus wichtigen Registers der Markgrafen von Meifien vom 
Jahre 1378, dessen Bearbeitung Archivrat Dr. Beschomer in Dresden über- 
nommen hat, femer die Herrn Schulrat Professor Dr. G. Müller in Leipzig 
übertragene Bearbeitung der Visitationsakten aus der Reformationsieit 
Auch wurde der Plan einer Sammlung der sächsischen Dorfordntmgen ins 
Auge gefaßt, sowie die Herausgabe von Neigahrsblättem mit kurzen, l^r 
weitere Kreise bestimmten Darstellungen aus der sAchsischen Geschichte. 

Personalien. Ernennungen und Beförderungen. Umversit^teti: Ikr 
o. Prof. der klassischen Archäologie Dr. P. Wolters in Würzbnrg wurdd 
nach München und o. Prof. der Prakt. Theol. D. PaulDrews in Gieße» 
nach Halle berufen. 

Der ao. Prof der alten Geschichte Dr. Eli mar Klebs in Marburg- 
wurde zum o. Professor ernannt. 

Es habilitierten sich: Dr. A. Spiethoff «Volkswirtflchaftslehre) in 
Berlin, Dr. W. Gerl off (Volkswirtschaftslehre) in Tübingen, Dr. Th. Brink- 
mann (Volkswirtdchaftslehre) in Halle und Dr. Vi gen er (Geschichte de« 
Mittelalters) in Freiburg in B. 

Erwiderung. 

Die Besprechung, die H. Hermelink über mein Werk Andreat 
Boden stein von Karlstadt (Leipzig 1905, 2 Bde.) in dieser Zeitschrift 
(10. Jahrg. 1907 S. 442 ff.) veröffentlicht hat, zwingt mich dazu, meinerseitr 
das Wort zu einer Erwiderung zu ergreifen. Denn H.s Kritik ist — auch 
ganz abgesehen von dem Ton, in dem sie geschrieben ist — geeignet, in 
wichtigen sachlichen Problemen der geschichtlichen Forschung schwere 
Verwirrung anzurichten. Seine Kritik ist ein Attentat auf geschichtliche 
Methode und Betrachtungsweise als solche. Mit aller Entschiedenheit weise 
ich als eine völlige Umkehr des wahren Sachverhalts H.s Behauptung zu- 
rück : bei meinen Forschungen sei mein Blick durch Voreingenommenheit 
getrübt gewesen. Das Gegenteil ist richtig. Der Historiker soll einer 
theologischen Zensur unterstellt werden. Ganz den Spuren seinet- 
Lehrers Karl Müller folgend^ sucht H. — nur in seiner Art gröber und 
massiver — die von mir ans Licht gezogenen Tatsachen, die in das bisher 
gültige Schema der theologischen Beurteilung nicht passen, abzustreiten. 

Meine Beschäftigung mit den Lebensumständen Karlstadts, seinem 
Lebenswerke und der von ihm vertretenen religiösen Gedankenrichtung er- 
gab, daß seit Jahrhunderten ein beispielloser Schlendrian eingerissen war 
in der Behandlung des rein Tatsächlichen all der Vorgänge, bei denen 
Karlstadt als Führer oder Mithandelnder in Betracht kam. Die Aufhellung 
des geschichtlichen Tatbestandes vermittelte eine ganze Fülle neuer, ein- 
schneidender Resultate auf Grund wichtigen, bislang ungedruckten Mate- 
rials. Kawerau weist darum trotz mancher Ausstellungen im einzelnen. 

^ Vgl. meinen gegen K. Müllers Ausstellungen (Historische Zeit- 
schrift Bd. 96 8. 471—481) gerichteten Aufsatz: Luther und Karlstadt in 
Wittenberg. Historische Zeitschrift Bd. 99 (1907) S. 256—324. 



Nachrichten und Notizen I. 12! 

inem Werke (Deutsche Literaturzeitung 1906 Sp. 73) „einen ganz hervor- 
senden Platz** iinter den neueren Arbeiten zur Reformationsgeschichte zu. 
:li nennt meine Biographie „eine ganze ReformationsgeBchichte in neuer 
Leuchtung" (Zwingliana II, 94). 

Auf die wichtigen Ergebnisse meiner Forschungen, die — soweit sie 
omstößlich sind — Hermelink mehr verhüllt als aufzählt, im einzelnen 
Lzuweisen, fehlt es an Raum. Nur so yiel sei gesagt: daß ich zu ihnen 
ADgt bin, indem ich mich — den Grundsätzen historischer Forschung 
aren — yon theologisch -metaphysischer Generalisation freigehalten habe 
i die ursprünglichen Motive, die den geschichtlichen Ereignissen zu- 
inde lagen, und von denen die handelnden Persönlichkeiten, insbesondere 
xlstadt, geleitet i^nirden, zu würdigen suchte. Erschien mir die land- 
tfi^e Verketzerung gar zu arg, so habe ich gelegentlich auch den herkömm- 
hen eigne Werturteile gegenübergestellt, die — soweit sie subjektive 
rbung tragen — als persönliche ohne weiteres erkenntlich sind. Worauf 
mir indessen als Forscher wesentlich ankam, war dies: einmal die 
bständige religiöse Eigenart Karlstadts zur Darstellung zu bringen; so- 
. nn nachzuweisen, daß die reformatorische Gedankenwelt in den Massen der 
Yölkerung ein von dem werdenden lutherischen Kirchentum unabhängiges 
äftiges Eigenleben auslöste, das als „laienchristlicher Puritanismus*" zu 
zeichnen, und als dessen hervorragendster Führer Karlstadt anzusehen ist. 

Ich war von vornherein nicht nur auf Widerspruch gefaßt^, sondern 
ch auf die ganz bestimmte Form, in der er erfolgen würde. Ich 
ißt«, man würde gegen meine Resultate polemisieren getreu dem üblichen 
turteilungsmodus : die religiösen Strömungen und Bewegungen der Re- 
nnationszeit, die unabhängig von Luther zur Entfaltung gelangen, sind 
rem Ursprünge nach mittelalterlich und darum katholisch — und 
»mm als geringwertig einzuschätzen. Dieser Grundsatz ist für Hermelink 
sehr Universalrezept geworden, daß er sich neuerdings zu der Be- 
»uptnng, der g^nze Humanismus sei aus der Scholastik abzuleiten, und 
einer argen Verketzerung des Erasmus als Schreibers von „ Leitartikeln '^ 
«stiegen hat (vgl. seine Abhandlung „Die religiösen Reformbestrebungen 
« deutschen Humanismus** 1907). Eben mit dieser vorgefaßten Meinung 
>eriert er auch fortgesetzt in der Kritik meines Buches. 

Hermelinks allgemeine Argumente sind durchaus unhistorischer, de- 
iktiver Natur und entspringen einer ganz bestimmten persönlichen 
rwußtseinsstellung, die ihn unfähig macht, in religiöse Erscheinungen,. 
e zu den eignen Überzeugungen nicht stimmen, psychologisch ein- 
idringen. Gerade von historischer Seite muß gegen die Verkümmerung, 
e der geschichtlichen Analyse des Reformationszeitalters aus solcher dog- 
atischen Beschränktheit droht, aufs schärfste Protest erhoben werden. 

Prüfen wir H.s Einwände im einzelnen! 

1. Karlstadts Mystik soll von mir, weil ich den Einfluß der mittel- 



^ Auch Egli schrieb kurz nach Erscheinen meines Buches: mein Werk 
ürde „besonders in lutherischen Kreisen viel zu reden geben"^ (Zwingliana 
, 82). 



122 Nachrichten und Notizen I 

alterlichen Mystik auf Karlstadt verkannt hätte , eine .ganz falsche Ein- 
Schätzung'^ erfahren haben, und damit hinge zusammen ^eine ganz falsche 
Vorstellung von der religiösen Eigenart dieses ^ Reformators' **. Diese Eigen- 
art Karlstadts soll nach meiner Darstellung bestehen „in dem puritanischen 
Dringen auf Werkheiligkeit (!)". Hätte ich nur 12 Zeilen in Kid 
Müllers Eirchengeschichte gelesen, so würde mir der wahre Begriff der 
Mystik Karlstadts aufgegangen, und ich nicht „in immer neue Bewunde- 
rung über die tiefsinnige Originalität der Gedankenent Wickelung* bei mei- 
nem Reformator verfallen sein. 

Darauf ist folgendes zu erwidern. Ich bin absolut nicht „in imma 
neue Bewunderung über die tiefsinnige Originalität der Gedankenentwick^ 
lung*" Karlstadts verfallen, sondern habe lediglich, wie es meine Au^be 
als Biograph war, Karlstadts religiöses Gefühlsleben auf Grund seiner 
Schriften ausführlich geschildert (Bd. II, S. 21—94) — geschildert freilich 
mit jener Wärme und Teilnahme des Nachempfindens, die dem Historiker 
gegenüber dem von ihm dargestellten Objekte Pflicht ist. Ich habe damit 
dasselbe für Karlstadt getan, was vorher Hegler in ganz analoger Weise 
für Sebastian Franck in seiner Schrift „Geist und Schrift bei Sebastinn 
Franck" geleistet hatte. Ausdrücklich habe ich hervorgehoben (S. 21), 
Karlstadts Theologie sei „an der spät-mittelalterlichen Mystik 
orientiert^. Auch die bedenklichen Seiten seiner Mystik sind nirgends 
verschwiegen worden. Vgl. S. 37: „In bedenklicher Konsequenz 8ch%t 
er (Karlstadt) die Brücke von der Negation des Kreatürlichen zur Position 
des Göttlichen."* S. 48: ^Darüber kann kein Zweifel sein, daß, was Karl- 
stadt als Vorbereitung für die Versöhnung mit Gott fordert, das Sich- 
selbst-gelassen , in Wahrheit die Sunmie all dessen umschließt, was all 
Frucht aus der inneren Erneuerung hervorsprießt. Voraussetzung und Er- 
gebnis des Heilsprozesses fließen ineinander. ~ usf. 

Auf der andern Seite mußte ich freilich jene Auffassungsweise ab- 
lehnen, die — wie ich mich ausdrückte (II, 74) — ^aus einer Wiederkehr 
gewisser, der spätmittelalterlichen Mystik geläufiger Begriffe und Gedanken- 
gänge'* bei Karlstadt „ohne weiteres auf eine Gemeinsamkeit des inneren 
Typus ^ schließt. Karlstadt hatte zu der Zeit, als er sich mystischen Ge- 
dankengängen zuwandte, bereits eine große Vergangenheit hinter sich. 
Noch ehe er von mystischen Anschauungen tiefer beeinflußt war, hatte er 
eich von der katholischen Kirchenlehre losgerungen, hatte den katholischen 
Kultus bekämpft und während Luthers Abwesenheit auf der Wartburg das 
gesamte Wittenberger Kirchenwesen im evangelischen Sinne reformiert. 
Wenn er darnach — auf ^ reformatorischer Bewußtseinshöhe* stehend 
(vgl. meinen Karlstadt II, 74) — sich gelegentlich in mystischen Gefuhl»- 
reihen bewegt, geschah dies, wie sich psychologisch von selbst versteht, 
nicht in blinder Übernahme katholisch-mystischer Anschauungselemente. 
In diesem Sinne konstatiere ich „das Fehlen des kontinuierlichen Zusammen- 
hanges seiner Anschauungen mit der Mystik des Mittelalters "". 

Und das Fazit, das sich aus seiner religiösen Anschauung ergab, war 
naturgemäß angesichts seiner inneren und äußeren Erlebnisse völlig ver- 
schieden von dem der katholischen Mystiker. Mit nichten ist seine Mystik, 



Nachrichten und Notizen II. 123 

ie H. verkehrteirweise behauptet, identisch mit der sog. voluntaristischen 
[ystik des Mittelalters. Diese mündet — nach K. Müller, auf den H. mich 
cifinerksam macht — in Quietismus aus. Dagegen habe ich bereits in 
leinem Buche für Karlstadt konstatiert (II, 75): „Ziel des in mystischen 
ategorien sich abspielenden religiösen Prozesses ist ihm nicht die meta- 
hysische Verflüchtigung des Individuums, sondern die fundamentale Willens- 
meneruug'* — und zwar eine Willensemeuerung, die sich in kraftvoller 
ttlicher Betätigung in der Welt durchsetzt. Daraus ergibt sich auch, 
orauf meine Warnung vor der seit Ritschi üblichen üniformierung 
&r mystischen FrOmmigkeitserscheinungen zielt. Hermelink hat sie — wie 
lies, was ich über die Karlstadtsche Mystik sage — mißverstanden oder 
berhaupt nicht verstanden. Ich warne davor, die Mystik in dem Sinne 
tlifonn zu beurteilen, daß man sie lediglich als katholischen Frömmig- 
Bitstypus gelten lassen will. 

Grund verkehrt und schief ist auch H.s Wiedergabe meiner Ausführungen 

Der Karlstadts Stellung zu den sittlichen Werken. Hätte er sorgfältig in 

einem Buche nachgelesen, so würde er gefunden haben, daß Karlstadt 

ie Werkheiligkeit nicht minder scharf bekämpft hat als Luther. (Vgl. 

B. II, 296.) 

Vollends die religiöse Belehrung, die H. den Lesern der Historischen 
ierteViahrschrift als „Nichttheologen" zuteil werden läßt, ist denkbar irre- 
i]irend. Bei Luther soll „das religiöse Erlebnis*' das Primäre gewesen 
dn; Karlstadt und die übrigen hätten ursprünglich keine religiösen Er- 
bnisse gehabt, sondern sich durch die äußeren Gebote der Schrift he- 
hren lassen; autonom — heteronom: für jeden Kenner des Reformations- 
iitalters ein den Tatsachen widersprechender, haarsträubender Schematismus. 

2. Das puritanisch gefärbte Laienchristentum, als welches die religiöse 
iimmnng zunächst der Wittenberger und dann weiter Kreise namentlich 
!r süddeutschen Bevölkerung sich kund tut, soll überhaupt nicht evan- 
wüschen Ursprungs, sondern, getreu dem Rezept, alles, was sich nicht ge- 
ra mit Luthers Anschauungen decke, sei mittelalterlich und katholisch — 
if die Propaganda der Franziskaner am Ausgange des Mittelalters zurück- 
ifÜhren sein! Eine Behauptung, die sich höchst sonderbar ausninmit an- 
Michts der präzisen Charakteristik, die ich von dem laienchristlichen Pu- 
kanismus der Wittenberger (1521/22) gegeben habe. Seine Symptome 
ad: Kampf gegen Messe, Abendmahl sub una si^ecie, Zölibat und 
önchtum (die Bekämpfung des Zölibats und Mönchtums franziskanischen 
reprongs!), Bilderverehrung, kirchliche Kultgebräuche, lateinische Sprache 
1 Gk>ttesdienst, fromme Bettelei (auch ihre Beseitigung von den Fran- 
skanem befürwortet!!), Tmuksucht, Unsittlichkeit — kurz, alles quellen- 
äßig belegte Züge, die dem späteren kalvinischen Puritanismus aufs in- 
gste wesensverwandt sind. Die Behauptung H.s bedarf im einzelneu 
cht der Widerlegung, obgleich ich nicht zweifle, daß er bei allen Städten, 
X die ich das Vorhandensein des laienchristlichen Puritanismus konsta- 
nt habe, in den QueUen nach Franziskanerklöstem fahnden wird. 

Gleich darauf fuhrt übrigens H. „die erste und wichtigste Tat des auto^ 
)men Laienchristentums ^, die Aufrichtung eines gemeinen Kastens, auf 



124 Nachrichten und Notizen I. 

die Anregung der Schrift Luthers „An den chriBtlichen Adel deutscher 
Nation** zurück. Somit liegen wohl auch ihrer Entstehung „franziskaniBche' 
Einflüsse zugrunde? — Wenn ich die Briefstelle des ülscenius an Capito 
(30. Nov. 1621: videas fiscum consilio D. Martini per magistratum erectum 
opibus in dies augeri, de quibus pauperes iuvari solent) auf einen ge- 
legentlichen Rat Luthers beziehe, so hatte ich für diese Annahme Gründe: 
Luther befand sich damals seit Monaten auf der Wartburg, konnte also die 
Neuordnung der Armenpflege in Wittenberg nicht selbst in die Hand nehmen. 

H. führt weiterhin an, daß manche Bestimmungen in der von mir auf- 
gefundenen Wittenberger Beutelordnung, der ältesten evangelischen 
Armenordnung, sich schon in katholischen Armeuordnungen früherer Zeit 
nachweisen ließen. Diese Übereinstimmungen waren auch mir aufgefallen. 
Die schwierige Frage nach der Abhängigkeit der einzelnen Armeuordnungen 
voneinander erschien mir indessen noch nicht spruchreif, und ich begnügte 
mich deshalb (I, 388 f.) mit einer Wiedergabe des Inhalts der Wittenberger 
Beutelordnung. Ich habe nirgends die technischen Einzelbestimmungei 
der Beutelordnung als besondere Merkmale des laienchristlichen Puritanit- 
mus der Wittenberger hervorgehoben. 

Endlich der Vorwurf H.s, meine Betrachtung, die sich an die — von 
der Beutelordnung wohl zu unterscheidende — „Ordnung der Stadt Witten- 
berg'' vom 24. Januar 1522 anschließt (I, 381, HÜschlich behauptet H., sie 
stände hinter der Beutelordnung), „erinnere an eine bedenkliche Sorte von 
Klassengeschichtschreibung*". An dieser Stelle hat H. meinen Worten einen 
ganz andern Sinn als den von mir gemeinten untergelegt und sich bei dem 
Zitat meiner Ausführungen der Weglassung der entscheidenden Worte 
schuldig gemacht, die ihm das rechte Verständnis der Stelle hätten eröffnen 
können. Es ist mir nicht eingefallen, die Besoldung der lutherischen Pa- 
storen und die Förderung des Schulwesens, namentlich des höheren, als 
„häßliche Züge"^ landesherrlicher Konfiskationen hinzustellen. H. übersieht, 
daß, wo ich davon handle, von den Auswüchsen der landesherrlichen 
Konfiskationen gar nicht mehr die Rede ist, sondern von einem objektiven 
Vergleich der Zwecke, denen die erste Wittenberger Säkularisation und die 
späteren lutherischen dienen. Dieser neue Passus beginnt mit den von H. 
weggelassenen Worten (Karlstadt I, 381) : „Und wie weit ward ihr Umkreis 
(nämlich der der gemeinnützigen Zwecke) ausgemessen I"" Ich konstatiere le- 
diglich, daß die verfügbaren Mittel in Wittenberg 1522 mehr als später 
bei den lutherischen Säkularisationen den niederen Klassen zugute kamen 
und halte an dieser Auffassung fest, trotz H.s Bemängelungen (vgl. die 
Bestimmung der Wittenberger Ordnung, daß armen Handwerkern zinslose 
Darlehn gegeben werden sollen). * 

' In früheren KoUektaneen von mir (etwa aus der Zeit der Abfassung 
meinen Buches) finde ich über Säkularisationen folgende Notiz: „Mancher 
Mißbrauch, aber in vielen Fällen das durch die Säkularisation gewonnene 
Geld ausschließlich zu Kulturzwecken (Besoldung der Geistlichen, 
Schulen usw.) verwandt. H. darf sich also über meine Auffassung and 
Beurteilung der Besoldung der Geistlichen usw. beruhigen. 



Nachrichten und Notizen I. 125 

3. An den Schluß seiner BeBprechnng setzt H. eine Reihe von Einzel- 
iasstellungen, durch die er die Glaubwürdigkeit meiner Forschungsergeb- 
lisse zu erschüttern sucht. In einem Werke wie dem meinigen von mehr 
üs 1100 Seiten, das fast ausschließlich neuen Boden bearbeitet, versteht 
M sich Ton selbst, daß Korrekturen und Ergänzungen im einzelnen ange- 
jahrt werden können, ohne daß dadurch im mindesten ein Maßstab für 
Wert oder Unwert der ganzen Arbeit gewonnen würde. Worüber ich mich 
j^wundert habe, ist, daß man in den bisherigen ca. 80 Besprechungen so 
irenig tatsächliche Berichtigungen meiner Angaben hat beibringen können.^ 

Das Schlimmste aber ist, daß selbst diese nebensächlichen Ausstellungen 
fci.s vollkommen unberechtigt sind. 

Angesichts ihrer Geringfügigkeit gehe ich auf diese Einwände H.s nur 
kurz ein. Ich bestreite mit aller Entschiedenheit, daß meine Darstellung 
ier Orlamünder Angelegenheiten — wie H. ohne Angabe von Gründen be- 
laaptet — n^öllig unzutreffend'^ sei. Weiterhin soll bei mir ein „Mißver- 
itändnis*' des Wortes „Predigt«mt" vorliegen, das „der Unkenntnis der 
kanonistischen Terminologie'* — bei mir „eine Fehlerquelle besonderer Art** 
— entspringe. Das Mißverständnis ist Hermelink passiert, weil er die 
(iuellenstellen nicht eingesehen hat. Dort findet sich sein „kiinonistischer'' 
Begriff „Predigtamt" gar nicht. Ich gebrauche das Wort — wie jedermann 
ersichtlich — in dem jetzt üblichen Sinne für „öffentliche Predigttätigkeit" 
[Karlstadt I, 406. 412). 

„Schief sollen meine Angaben „über die akademische Laufbahn Karl- 
stadts'' sein. Sie sind absolut einwandfrei und stimmen genau mit der 
allgemein anerkannten herkömmlichen Annahme (vgl. z. B. Eöstlin-Eawerau, 
Luther I, 87) überein. H.s Deutung des Wortes galli könnte sich, wenn 
sie richtig sein sollte, nicht gegen mich, sondern nur gegen Kaufmann, 
Geschichte der Universitäten II, 284 richten, auf den ich, auf eine eigene 
Erklamng verzichtend, verwiesen habe. Der Einwand, der Sententiar habe 
die Pflicht, nicht das Recht gehabt, über die beiden ersten Bücher der 
Sentenzen des Lombardus zu lesen, muß als Wortklauberei zurückgewiesen 
werden. Weiß H. nicht, daß — wenn sein Vorwurf gegen mich zuträfe — 
■cblechterdings sämtliche bisherigen Angaben über die akademischen Kar- 
rieren aller Männer der Reformationszeit „schief" wären? 

Von zwei Lappalien abgesehen, in denen ich Hermelink gleichfalls 
nicht recht zu geben vermag, bin ich in meiner Antikritik auf alle Aus- 
stellungen eingegangen, die er in seiner Besprechung an meinem Werke 
gemacht hat. Die Hinfälligkeit seiner Einwendungen ist erwiesen worden, 
und gleichwohl wagt H. zu behaupten: durch das ganze Buch ließe sich 

' In diesem Urteil hat mich eher noch bestärkt das inzwischen heraus- 
gekommene, 240 S. starke Buch K. Müllers, „Luther und Karlstadt. 
Stücke aus ihrem gegenseitigen Verhältnis untersucht", obgleich er sich 
von Anfang bis zu Ende die Bekämpfung meines „Karlstadt" zur Aufgabe 
macht. Die Hinfölligkeit fast aller Einwendungen K. Müllers, der aus- 
schließlich mit meinem Quellenmaterial arbeitet, werde ich demnächst in 
einer eignen Erwiderungsschrift erweisen. 



126 Nachrichten und Notiun I. 

„eine Unzahl (!) von Ungenauigkeiten , halbwahren Behauptungen uad 
schiefen Schlüssen neben einigen bösen Schnitsern nachweisen'^. Und 
am Schluß rekapituliert er nochmals: ^ünd so ließe sich noch an eiiwr 
ganzen Reihe von Beispielen, abg^ehen von jeder theologischen Konko- 
verse, nachweisen, daß der Verfasser sein Werk zu breit angelegt und n 
rasch abgeschlossen hat. Die zahlreichen Fehler H) erfordern gründ- 
liche und umfangreiche Berichtigungen*'. 

Ich überlasse die sittliche Beurteilung des Vorgehens H.8 dem Leier 
und bedaure meinerseits nur, daß sich dieser Ausbrach der rabies theolo- 
gica in die Historische Vierteljahrschrift verirrt hat, deren Charakter in 
so ausgeprägtem Maße der der wissenschaftlichen Sachlichkeit ist. 

Leipzig. Hermann Bärge. 

Antwort des Referenten. 

Ich habe folgende tatsächliche Berichtigungen beizufügen: 

1) K. Müller kam erst 2 Jahre nach Beendigung meines Studiums nack 
Tübingen; ich hatte leider nie Gelegenheit bei ihm zu hOren oder seinai 
Übungen anzuwohnen, ho daß ich als sein Schüler nicht gelten kann. Da- 
gegen hat A. Hegler während meines ganzen Studiums tief auf mich ein- 
gewirkt und unter seinem Kinfluß hat sich meine Auffassung des Spiri- 
tualismus in der Zeit vor und während der Reformation gebildet. 

2) Der von B. beanstandete Ausdruck „Werkheiligkeit" wäre von mir 
besser im Anschluß au Bd. I. 351 mit „Heiligung des Wandels*' er- 
setzt worden. 

3) Gegen die Verwahrung, daß B. absolut nicht immer in neue Be- 
wunderung über die Originalität K.s verfallen sei, bitte ich ü, 21 — 94 selbst 
nachzulesen. Z. B. S. 25: „Wer denkt bei diesen Worten nicht an Kants 
kategorischen Imperativ?'' (nach einem Gedanken, der bei jedem mittel- 
alterlichen Mystiker, wenn nicht bei jedem mittelalterlichen Menschen sich 
findet: Das ist ein Zeichen des göttlichen Willens, daß er unserer Natur 
sauer und herb ist. „Welcher sich selber nicht also zu einem Kreuz htX, 
der ist nit in Erfahrung göttlichen Willens*'). S. 41: „Vor Franck empfand 
K., daß dieser Einwurf gegen die Prädestinationslehre nahe läge** (der 
Einwurf der Unbarmherzigkeit Gottes wird von Augustin ab in der ge- 
samten Scholastik besprochen). S. 78: K. ist der Reihe der religiösen 
Denker zuzuzählen, die schon im Beformationszeitalter die „Qottförmigkeit* 
zur obersten religiösen Instanz erhoben haben; ein Gedanke, welchem nach 
Diltiiey die Zukunft gehörte und welchen Kant imd Schleiermacher zum 
Siege geführt hätten. (Der Gedanke der forma dei ist ein Gemeingut der 
mittelalterlichen Mystik.) U. s. f. 

4) Daß K. nicht erst „auf reformatorischer Bewußtseinshöhe** der Mystik 
sich zuwandte, als er „eine große Vergangenheit hinter sich hatte**, sondern 
mindestens schon im Jahre 1519, das spricht B. selbst in seinem Buche 
aus I 147 und 148. 

5) Bei Vertretern der voluntaristischen Mystik ist der Quietismus ebenso 
wie bei K. in der Regel nur ein Durchgangspunkt (vgl. H, 58 und 56 f.); 
und es gehen entsprechend dem unausrottbaren Tätigkeitsdrang der mensch- 



Nachrichten und Notizen I. 127 

liehen Natur stetB positive aus den Geboten der Schrift entnommene Willens- 
fordenmgen zur Seite (11 68 vgl. 60V Die Abhängigkeit K.s von t^einen 
mystischen Vorgängern in extenso zu zeigen ist hier nicht möglich, soll 
aber noch geschehen. 

6) Die Begriffe „autonom^^ und „heteronom'' sind selbstverständlich int 
der Reformationszeit nicht bekannt. Ich war genötigt , sie im Verhältnis- 
ZQ lefonnatorischen Formen der Religiosität zu erörtern, da B. an ver- 
Khiedenen Stellen seines Buchs das von ihm entdeckte „puritanische Laien- 
Christentum" im Gegensatz zu Luther als ,,autonom*' gewachsenes rühmt 
IX. B. 1,886; ü, 186). 

7) Die 4 Zwischensätze mit den Franziskanern sind bloße Spiegel- 
fechterei. Kam es mir doch darauf an, neben den bekannten Ein- 
flüBseu humanistischer und lutherischer Schriften (insbes. An den Adel) 
gewisse Eigentümlichkeiten der „autonomen" „puritanischen Laienbewegung*^- 
duich die spätmittelalterliche Verbreitung gewisser Gedanken des franzis> 
kuuBchen Spiritualismus und Kommunismus unter dem Bürgertum zu. 
erklären. 

8) Als Grund, warum Luther bei der Neuordnung der Armenpflege io 
Wittenberg nur einen „gelegentlichen Rat** gegeben habe, wird jetzt seine 
Abwesenheit auf der Wartburg angeführt. Früher hieß es, daß der gut 
demokratische Geist dieser kommunalpolitischen Reformen mit Luthers- 
GttingBchätzung des Herrn Omnes nicht zusammenstimmen könne (I, 886). 
Ich habe in meiner Kritik nachzuweisen versucht, daß die „technischen 
Einzelbestimmungen** aus mittelalterlichen Ordnungen (vgl. dazu die erste 
Erwähnung der Opferkästen, wobei schon ein Laie als Verwalter des Geldes 
mitwirkt in der Bulle vom 27/80. Dez. 1199. Potthast 1046), und die lei- 
toiden Gesichtepunkte von Luther (bes. Schrift an den Adel) stammen. Daß 
die Einwirkung Luthers von der Wartburg her eine mehr als „gelegentliche** 
^beweist die Entdeckung von Nik. Müller in Berlin, welcher schon vor 
Bttge zwei Exemplare der Beutelordnung aufgefunden hat: In dem voil 
B. nenentdeckten und publizierten Exemplar (II, 669—61) sind die Rand- 
bemenomgen (S. 661 Z. 22—27) von Luther selbst einkorrigiert. Das zweite 
Exemplar, das B. nicht vorlag, ist fast ganz von Luther geschrieben. 
IHe kommunale Ordnung des Armenwesens wird also nicht mehr als 
nSjmptomatische Kundgebung** für „die religiöse Eigenart des frühpro- 
(tttantischen Gemeindechristentums** im Gegensatz zu Luther in Anspruch 
genommen werden können. 

9) Ich besprach in meiner Kritik die Wittenberger Ordnung vom 
^. Jan. 1622 und die ungefähr gleichzeitige Beutelordnung in einem Atem 
■Tgl. diese Vierteljahrschr. 1907 S. 446) und kam dann (S. 447) auf eine 
ndaran anschließende Betrachtung** zu sprechen, die sich aber nur an die 
ewtere Ordnung anschließt. Das rechtfertigt die beiden Parenthesen, wo 
mir mangelnde Unterscheidungsfähigkeit und fälschliche Behauptung nach- 
gesagt wird. 

10) Ich bitte den in Frage stehenden Abschnitt (I, 381) der durch B.s 
£xegese etwas erträglicher wird, selbst zu lesen. Sachlich ist zu bemerken, 
daß auch später fast in allen Gebieten des Luthertums den Säkularisationen 



128 Nachrichten und Notizen L 

der großen Klöster die Bildung von ,,gemeinen Kästen" für „Wohlfahrti- 
z wecke der ganzen Gemeinde** zur Seite geht und daß femer die Be- 
stimmung, armen Handwerkern zinslose Darlehen zu geben ans Luthen 
Sermon vom Wucher 1519 (W. A. VI, 47) stammt. Der Unterschied zwischea 
den späteren ,,lutheri8chen Säkularisationen** und jener des frühprotestan- 
tischen Gemeindechristentums dürfte also kein solch prinzipieller und mar- 
kanter sein. Daß einzelne Landesherren inMer Praxis zu weit gingen, igt 
bekannt und von den lutherischen Theologen am meisten beklagt worden. 

11) Zur Orlamünder Angelegenheit bitte ich nun K. Müller, Luther 
imd Karlstadt S. 187 ff. zu lesen und dann zu entscheiden, ob ich in meiner 
Kritik auch ein Wort zu schroff geurteilt habe. 

12) Bei dem Mißverständnis bezüglich des „Predigtamts** handelt ei 
sich nicht um den Gebrauch des Wortes, sondern um die Sache, daß K. 
nicht Prädikant an der Pfarrkirche war und deshalb auch nicht das kano- 
nische Recht hatte, dort zu predigen, daß er ans diesem Grunde die 
„öffentliche Predigttätigkeit** „ohne Berufung** (I, 407) ausübte. 

13) Neben Köstlin-Kawerau 1, 87 sollten die von Muther edierten Sta- 
tuten von Wittenberg nicht allzufern liegen. Kaufmann 11, 284 beschreibt 
den „üahnenkampf'*, den zweiten Gang der Doktordisputation, ganz richtig 
als Toumier der älteren Magister oder Doktoren, an welchem der Nen- 
promovierte nicht teilnimmt. Auf ihn kann sich B. nicht berufen, wenn er 
in widersprechender Weise in der Anmerkung galli mit „Respondenten** 
(d. h. Sekundanten des Disputierenden) erklärt und im Text schreibt; „Ali 
Kampfhähne traten K. entgegen** usw. 

Ich habe in meiner Besprechung den riesenhaften Fleiß B.b bei Be- 
schaffimg des Materials und die Energie der Darstellung betont, ich h»ht 
am Schluß gesagt, daß sein Buch die Karlstadtforschung in ungeahnter 
Weise angeregt habe und daß es für alle Zeit dem Forscher onentbehdich 
sei. Ich habe aber auch zahlreiche Fehler darin gefunden, und zwar nicht 
nur mit der theologischen Brille. Wer glaubt nicht ohne weiteres, da8 
ein Theologe einseitig und ungerecht ist? Ich bitte davon abzusehen und 
unbefangen zu prüfen. Nachdem ich durch deutliche Warnung xxut Vor- 
sicht meiner Pflicht genügt, muß das Buch von B. der Nachprüfung 
seitens der Fachgenossen überlassen werden. Als ich meine Rezension 
schrieb, wußte ich von K. Müller nur, daß er an der Kritik des 2. Bandet 
für die Eist. Zeitschr. arbeite. Inzwischen ist aus der Arbeit ein Buch 
entstanden, das nur mit einzelnen Teilen der Schrift von Bärge sich aus- 
einandersetzt. Ich habe die Redaktion dieser Yierteljahrschrifb gebeten, 
die Besprechung von K. Müller nicht mir zu übergeben, damit eine tertia 
pars zu Worte komme. 

Leipzig. H. Herme link. 



129 



Nachrichten nnd Notizen n. 

Winckler, Hugo, Religionsgeschichtler und geschichtlicher Orient. Eine 
Prüfung der Voraussetzungen der „religionsgeschichÜichen*^ Betrachtung 
des Alten Testaments und der Wellhausenschen Schule. Leipzig, Hin- 
richs, 1906. 68 S. 
Wincklers Schrift ist veranlaßt durch das Buch E. Martis über die 
Beligion des Alten Testaments unter den Religionen des Vorderen Orients. 
Marti ging im wesentlichen von den Voraussetzungen der sog. Wellhausen- 
schen Schule aus. Zu den Ergebnissen der neuesten Forschungen auf dem 
^biete der altorientalischen Geschichte, wie wir sie vor allem Assjriologen 
verdanken, nahm er eine gebrochene Stellung ein. Dieses Verhalten kriti- 
siert Winckler (er betrachtet es, wohl nicht ganz mit Recht, als typisch 
ffir die alttestamentliche Wissenschaft der Gegenwart). Es kann keinem 
Zweifel unterliegen, daß Winckler oft ins Schwarze trifft. Daß die israeli- 
tische Religion nicht aus einer Nomadenreligion herauswuchs, daß nicht 
erst Arnos den Monotheismus schuf, daß überhaupt der Unterschied zvnschen 
den älteren und den jüngeren Propheten (Elias, Elisa — Amos, Hosea usw.) 
nicht allzu stark betont werden darf, scheint mir aus den jüngsten alt- 
orientaÜBchen Forschungen mit Sicherheit hervorzugehen. Winckler würde 
seiner Sache einen guten Dienst leisten, wenn er diese festen Ergebnisse 
von den Hypothesen und Vermutungen schärfer trennen würde, als bisher. 
Ich möchte zu dem Unsicheren vor allem die Annahme rechnen, daß das 
Astrale eine über Mesopotamien hinausgreifende Bedeutung gehabt hat. 
Auch dadurch verscherzt sich Winckler einen Teil seiner Wirkung, daß er 
durch seine große Belesenheit sich verführen läßt, auch über Dinge zu 
reden, die seinem eigentlichen Arbeitsgebiete femer liegen. Ägyptische 
Verhältnisse zu beurteilen, sollte billig Ägyptologen überlassen bleiben. 
ZvL S. 86 muß der Eirchenhistoriker anmerken, daß nicht das Christentum 
die Sklaverei aus der Welt geschafft hat usw. Aber das kann uns nicht 
hindern, Wincklers Verdienste um die Erforschung des alten Orients voll 
anzuerkennen. 

Eine Bemerkung kann ich bei der Anzeige von Wincklers Schrift 
nicht unterdrücken. Man redet so gern von den Einflüssen des alten 
Orients auf die europäische Kultur. Aber ebenso stark stand das Abend- 
land im Mittelalter unter morgenländischen Einwirkungen. Augustin 
sprach punisch: er hatte eine Punierin zur Mutter. Punische Elemente 
treten in seiner Weltanschauung des öfteren zutage (z.B. de civ. dei 1,80). 
Und was bedeutet Augustin für das Mittelalter! Noch Bedeutsameres lernen 
wir aus der literarischen Geschichte des Aristoteles. Das Mittelalter erhielt 
Aristoteles von den Arabern, natürlich nicht den reinen Aristoteles, sondern 
einen arabisierten. Von dem arabischen Aristoteles führt allem Anscheine 
nach eine direkte Linie zu Spinoza. Das sind sehr wichtige Zusammen- 
hänge, die dringend erheischen, einmal von Orientalisten untersucht zu werden. 
Halle a. S. J. Leipoldt. 

Hiator. Vierteljahraohrifl. 1908. 1. 9 



130 Nachrichten und Notizen II. 

Les annales de Flodoard publikes d'apr^s les mannscrits, avec une 
introduction et des notes par Ph. Lauer. Paris, A. Picard et fils 1906. 
LXYUI, 807 S. 8^. (als Bestandteil der Collection de teztes pour serrir 
ä r^tude et a Tenseignement de Thistoire). 
Man kennt Wattenbachs uneingeschränktes Lob der Annalen Flodoards 
von Reims, deren Nachrichtenfülle ^ Wahrheitsliebe und Zuverlässigkeit de 
in die vorderste Reihe der historiographischen Aufzeichnungen aus dem 
10. Jahrhundert stellen. Um so erfreulicher ist es daher, von einer neuen 
handlichen Ausgabe Bericht erstatten zu können, die wir dem FleiBe 
von Ph. Lauer als dem zu ihr Berufensten verdanken. Yoraufgeschickt 
werden dem Texte eine Biographie des Autors, eine Übersicht über die 
früheren Editionen und über die Handschriften seines Werks, von denen 
vier durch kleine Faksimiles veranschaulicht sind. Besondere Hervorhebung 
verdienen außer dem Versuch einer Filiation der Codices die Ausführungen 
über die Überreste griechischer Zählung, die sich am vollständigsten in der 
Handschrift von Montpellier finden. In früheren Arbeiten, die L. Traube 
bereits verwerten konnte (vgl. Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen 
V, S. 459), hatte Lauer aus der eigentümlichen Erscheinung, daß der 
Jahresabschnitt 925 mit den griechischen Buchstaben für die Zahl 33 ver- 
sehen ist, die Folgerung gezogen, die Annalen seien unvollständig erhalten, 
ihr e^ter Teil von 893 bis 918 verloren gegangen. Lauer ist geneigt, in 
diesen Zahlen den Hinweis auf einen Synchronismus der Jahre 985 ff. mit 
den Jahren 6438 ff. nach der Ära der byzantinischen Kirche zu erblicken, 
während Traube in ihnen nur eine Art von Paragraphierung erblickte. 
Ihm gegenüber erinnert Lauer daran, daß die griechischen Buchstaben z. B. 
für 33 deshalb zwischen die Berichte für 925 und 926 der christlichen Äia 
gesetzt worden sein mögen, weil das Jahr 6438 byzantinischer Ära, be- 
ginnend mit dem 21. März oder 1. April, sich noch ins Jahr 986 hinein 
erstreckte, während die christliche Zählung das Jahr 925 mit dem Weih- 
nachtsfest 924 heutiger Rechnung anfangen und zum gleichen Feste 926 
sich erstrecken ließ. — Der Herrichtung des Textes, seiner Ausstattung mit 
Varianten und sachlichen Anmerkungen hat Lauer besondere Sorgfalt an- 
gedeihen lassen; ich vermisse aber den ständig wiederkehrenden Hinweis 
am Rande der einzelnen Seiten auf die entsprechende Seitenzahl in der 
bisher gebräuchlichsten Ausgabe (MG. SS. III, 368 ff.): ältere, nach ihr ge- 
stellte Zitate würden sich dann mit noch weniger Mühe in Lauers Edition 
auffinden lassen. Beigefügt ist außer einem zuverlässigen Register mit 
teilweise recht ausführlichen Artikeln eine Reihe von Anhängen, unter 
ihnen S. 170 ff. die Visionen der Flothilde von angeblich 940, S. 177 ff. 
Flodoards Epitaphien der römischen Päpste von 898 bis 989, S. 181 ff. 
Auszüge aus seiner Historia ecclesiae Remensis und S. 193 ff. solche aus 
der Chronik Hugos von Flavigny. Vielleicht hätte es sich gelohnt, die 
Akten des Ingelheimer Konzils von 948 in ihrer ganzen Ausdehnung in 
wiederholen, um durch sie die Berichte Flodoards und Hugos von Flavignj 
über diese Versammlung (S. 107 ff. und S. 206 ff.) zu ergänzen und zu er- 
läutern, aber auch ihre Prüfung an der Hand der offiziellen Aufzeichnung 
herbeizuführen; in den Auszügen aus Flodoards Geschichte der Reimaer 



Nachrichten und Notizen II. 131 

Kirche ist gerade die Denkschrift des Erzbischofs Artald von Reims über- 
gangen (IV c. 35, MG. SS. XIII, 586 = MG. Const. I, 8) und wie sie wäre 
Üe Zosammenstellung der Canones (MG. Const. I, 13) nicht weniger will- 
kommen gewesen. Das Verdienst der Ausgabe wird damit nicht gemindert, 
inchließt sie doch ein Werk der leichteren Benutzung, das längst wert 
gewesen wäre, von der schweren Umhüllung im Foliobande der Mon. Germ. 
>efreit zu werden; der Einwurf, Flodoard gehöre als Franzose nicht zu den 
teriptores rerum Germanicarum, wird durch den Inhalt seiner Annalen ent- 
cAftet imd auch dadurch, daß in dieser Sammlung, zu schweigen von italie- 
lischen, dänischen und selbst polnischen Stücken, Abbos drei Bücher de hello 
'uisiaco und Richers Historiarum libri quattuor aufgenommen worden sind. 
Berlin. A. Werminghoff. 

Crnst Seraphim, Geschichte von Livland. L: Das livländische Mittelalter 
und die Zeit der Reformation (bis 1582). Aus: Allgemeine Staaten- 
geschichte 3. Abt. Deutsche Landesgeschichten hrsg. v. A. Tille. Vn. Band. 
Gotha 1906. F. A. Perthes. 293 S. 
Za Schiemanns bekanntem großen Werk (in der Onckenschen Samm- 
img) und seiner eigenen, mit Aug. Seraphim zusammen bearbeiteten „Liv- 
ftndischen Geschichte** (8 Bde. Reval.) fügt S. hier eine neue Darstellung, 
lie 2 Bände umfassen soll. Der 1., vorliegende, behandelt die Zeit der 
Selbständigkeit Livlands — der Name immer im alten Sinne für die drei 
jandschaften Estland, Livland und Kurland zusammen gebraucht — , der 
t. soll die polnische, schwedische und russische Zeit bringen. Der Versuch, 
Q diesem nicht zu großen Umfange die livländische Geschichte zu behan- 
leln, ist gewiß dankenswert, und der Rechtfertigung des Herausgebers im 
Torwort, diesen Band in die Sammlung der deutschen Landesgeschichten 
aufgenommen zu haben, bedurfte es nicht. Eine Geschichte der Ostsee- 
»rovinzen ist von vornherein des Interesses sicher, stehen diese Landschaften 
loch so mitten inne in der Geschichte des Ostens überhaupt, daß ihre Ge- 
ichichte sehr wenig von Partikular- oder Lokalgeschichte an sich trägt. 
\, hat sein Buch auch geschickt disponiert und stellt nach einer dankens- 
rerten Übersicht über Quellen und bisherige Darstellungen die einzelnen 
Phasen klar dar: die großen gegeneinandergehenden Tendenzen (Konföde- 
ation zwischen Orden, Erzbistum und Städten oder zentralistische Ordens- 
lenschaft?) werden gut deutlich, wie die Verwicklung in die Gesamtpolitik 
le« Ordens und der Hanse, in die litauisch- polnische, schwedische und 
Qoskowitische Politik. Die eigenartig landsmannschaftliche Begründung 
ler Faktionen im Orden (Westfalen im livländischen, Rheinländer im preußi- 
chen Zweige) tritt trefilich heraus, wie der Mangel an wirklich großen 
Führern im livländischen Ordenszweige. Freilich bleibt eine Reihe Wünsche 
»ffen: die Darstellung könnte ein gut Teil belebter und lebensvoller sein. 
ferner ist die innere Entwicklung zu stiefmütterlich behandelt: die kurzen 
Bemerkungen zur Agrargeschichte genügen nicht, über die städtischen Ver- 
assungen hörte man auch gern mehr, und die Frage nach der inneren 
)rgaiiisation und Tätigkeit des Ordens ist, wie allerdings meist bei Be- 
landlung dieser Dinge, ganz unberücksichtigt geblieben. Auch über die 

9* 



132 Nachrichten und Notizen II. 

Stellung des livländischen Zweiges zum preußischen Orden und über die 
Entwicklung der Stände, namentlich im Erzstift Riga, kann wohl noch 
mehr gesagt werden. (Den großen Estenaufstand von 184S als Glied der 
Volksbewegungen des 14. Jahrhunderts zu betrachten und neben Morgarten, 
die Bewegungen der Handwerker gegen den Rat, die Ditmancben und die 
Jacquerie zu stellen, wie S. 99 f. geschieht, geht wohl nicht an; S. 100 nennt 
ja in dem Zitat aus den Verhandlungen von Weißenstein das alleinige 
Motiv: „und wäre noch ein Deutscher vorhanden, auch nur eine Elle 
hoch, er sollte auch sterben/*) Die Druckkorrektur hätte sorgfältiger sein 
können, besonders in den Zahlen. Daß das Buch übrigens außerordentlich 
schlecht geheftet war, sei für den Verlag nur nebenbei bemerkt. 

Posen. Otto Hötzsch. 

Alfred Fischel, Studien zur österreichischen Reichsgeschichte. Wien 
1906. Vm und 342 S. 8«. 

Drei ihrem Wesen und ihrer Bedeutung nach grundverschiedene Themen 
werden unter dem obigen Titel in einem Buche aneinandergefügt, und du 
einigende Band ist der wissenschaftliche Interessenkreis des Autors, dem 
wir schon so manche wichtige und zeitgemäße Untersuchung und Publi- 
kation zur „Geschichte des öffentlichen Rechts in Österreich** danken. Die 
erste der drei Abhandlungen betrifft „Mährens staatsrechtliches Yerhältiiii 
zum Deutschen Reiche und zu Böhmen im Mittelalter*^ (S. 1 — 136) und ist 
durchaus kritisch-polemischer Natur. Mit voller Kenntnis der älteren nnd 
neueren historischen und rechtshistorischen Literatur wird diese schwielige 
Frage untersucht und zwar für die ganze mittelalterliche Periode von 822 
bis 1490. Wie das viel erörterte Hausgesetz Herzog Bretislaws (Seniorats- 
erbfolge) vom Jahre 1055, so erHLhrt der wichtige böhmisch-mährische V6^ 
trag vom 6. Dezember 1197, der bislang mehr oder weniger bestimmt all 
das Grab der 1182 erlangten Reichsunmittelbarkeit Mährens angesehen 
wurde, eine andere Deutung im Sinne der fortdauernden Beichiunmittel- 
barkeit; und diese Auffassung wird dann teils aus den faktischen Verii&li- 
nissen, teils aus den wichtigen Urkunden Kaiser Karls IV. über Mähreni 
Verhältnis zum Reich und zu Böhmen aus den Jahren 1848/9 erhärtet 
Fast ebenso wichtig wie für Mähren erscheinen die Ausführungen für die 
Klärung des Verhältnisses Böhmens zum Reiche. 

Im Gegensatz zu dieser Studie, die aus viel durchfurchtem Boden gans 
neue kräftige Halme zu ziehen versteht, ist der zweite Aufsatz „Christian 
Julius von Schierendorff, ein Vorläufer des liberalen Zentralismus unter 
Josef I. und Karl VI.'' (S. 137—806) in gewissem Sinne fruchtbares Neuland. 
Der Name Christian Julius von Schierendorff war bisher in der österreichi- 
schen Rechts- und Staatsgeschichte so gut wie unbekannt. Das große ht- 
teresse, das diese Persönlichkeit beanspruchen darf, erkannte zwar schon 
Bidermann (Geschichte der österreichischen Gesamtstaatsidee, U, 88 ff.), aber 
da ihm Name, Stellung und Geschichte derselben unbekannt blieb, konnte 
er sie nicht recht fassen und deutete vieles irrig. 

Fischel schildert zuerst den Lebensgang von Christians älterem 
Bruder Georg Friedrich; beide sind im deutschböhmischen Städtchen Dnp- 



Nachrichten und Notizen IL 133 

pan, der eine 1644, der andere 1661 geboren. Der ältere war seit 1679 
königlicher Prokurator (Fiskal) im Markgraftum Mähren, verlor aber seine 
Stellung zufolge der Feindschaft des Jesuitenordens, die er sich im Amte 
mgezogen hatte, im Jahre 1692. Mit Christian, der schon in Brann bei 
Sun lebte, begab er sich nach Polen, und nun tritt der jüngere Bruder in 
den Vordergrund, indem er bei König Friedrich August I. Dienste nimmt 
und dessen polnischer Resident am Wiener Hofe wird. Unter Kaiser Josef I. 
ward er dann aber Sekret&r der Wiener Hofkammer, avancierte 1720 zum 
wirklichen Hofkammerrat und starb 21. September 1726. Trotz seiner nicht 
allzu bedeutsamen Stellung hat er Gelegenheit gefunden, die mannigfachsten 
Denkschriften auszuarbeiten, die ihn nicht nur als einen hervorragenden 
Kenner aller staatspolitischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des da- 
maligen Österreichs erkennen lassen, sondern als begeisterten Vertreter 
einer politischen Richtung, die ihn — nach Fischel — gleichsam zu einem 
Schmerling des 18. Jahrh. stempelt. Seine offiziellen politischen Gutachten 
und Denkschriften liegen vor in einer von ihm hergestellten Sammlung, 
die den Titel führt: „Parerga sive otia Schierendortfiana'^ (Hs. im n. 0. 
Landesarchiv) ; eine mehr planmäßig angelegte Arbeit, ein „einheitlich 
nationalökonomisches Werk" ist sein „Syntagma politico-camerale de qua- 
druplici genere oeconomiae, scilicet rurali, cameraii, militari et universali 
ad statum regiminis domus augustae directum" (Hs. in der Hofbibliothek); 
nenn starke Aktenfaszikel „Hofrat Schierendorffscher Reichsakten" erliegen 
im gemeinsamen k. u. k. Finanzarchiv; und viele staatswirtschaftliche Auf- 
riUae scheinen verloren gegangen zu sein. Auf allen Gebieten des Staats- 
wesens, auf dem der Finanzen, der Volkswirtschaft, der Justiz, des Kommerz- 
Wesens hat er reformatorische Ideen entwickelt, in der Frage der Verbesse- 
rung der Lage des Bauernstandes oder aber der Errichtung eines Staats- 
archivs hat er Vorschläge und Pläne gemacht, die später von glücklicheren 
Nachfolgern auch mit Erfolg durchgeführt wurden. Der Grundgedanke 
seiner Staatsreform betrifil die Schaffung einer „Generalconvention deren 
Herren von Bohaimb, Mähren und gesammten österreichiächen Erblande", 
einer Art konstituierenden gesamtösterreichischen Reichstags, durch den die 
jj^wifcla brennende Frage der habsburgi sehen Sukzession nebst verschiedenen 
liberalen Reformen auf allen Gebieten des Staatswesens einer Lösung hätte 
zugeführt werden sollen. Das darauf bezügliche Gutachten aus den „Parerga", 
dann den Vorschlag behufs Beseitigung der Bauernaufstände und noch drei an- 
dere Denkschriften gibt F. im vollen Wortlaut im Anhang und regt mit Recht 
die voUständige Herausgabe der Werke dieses österreichischen Staatsmannes an. 

Der dritte und letzte Aufsatz in Fischeis Buch betrifft: „Die Kodifi- 
kaÜonsgeschichte des § 18 der a. G. 0. und die Gerichtssprache in Böhmen 
und Mähren" (S. 807 — 342), dessen Besprechung nicht in den Rahmen 
unserer Zs. gehört. 

Brunn. B. Bretholz. 

Dr. Max Kemmerich, Die frühmittelalterliche Poi-trätmalcrei in Deutsch- 
land bis zur Mitte des Xm. Jahrhunderts, in-4^, 167 S. mit 38 Text- 
abbildungen. München 1907, Georg D. W. Callwey. 



134 Nachrichten und Notizen U. 

Gestützt auf ein umfangreiches, im Anhang übersichtlich geordnete! 
Material, tut der Verfasser einen guten Schritt über ähnliche Arbeiten ¥on 
Marquet de Vasselot, A. Lebmann, C. Cornelius u. a. hinaus. Die Be- 
schränkung der eigentlichen Untersuchung auf die wichtigsten Porträt- 
gruppen (Karl d. K., Otto III. , Heinrich II. usw.) , ihre Basierung auf feste 
Prinzipien beweist, daß der Verfasser ernstlich bemüht ist, zu unzweidea- 
tigen, dauernd wertvollen Resultaten zu gelangen. Aber jene Prinzipien 
sind nicht einwandfrei. Im allgemeinen richtig ist die Kritik der Portrit- 
absicht (Unterschied zwischen Bildnis und Porträt; dispensierende Wirkung 
der lilumlichen Entfernung vom Darzustellenden); der Mafistab für die 
Porträt fähigk ei t ist anfechtbar. Als die einzig sichere Methode wird 
proklamiert: die Vergleichung des gesamten zeitgenössischen Porträt- 
materials. Dagegen wird die Vergleichung mit dem herrschenden Figoren- 
typus als „das unsicherste Verfahren" grundsätzlich abgelehnt — dabei 
aber für Otto HI. (S. 74), Heinrich H. (S. 77; S. 84 für die Nase; S. 88) 
und die Porträts in Pürgg (S. 123) doch, als ausschlaggebend für das MaS 
der Individualisierung, angestellt. Hätte der Verfasser sie öfter durch- 
geführt (vor allem bei Karl d. K. und den Heinrichsbildem in Cimel. 60), 
so würde er vieles als typische Form erkannt haben, was ihm nun all 
individuelles Porträtmerkmal gilt. Ja, er wäre vielleicht ganz vor dem 
Bedenklichsten bewahrt geblieben: dem Zählen der „Merkmale*'. „Die 
größere oder geringere Ähnlichkeit ist abhängig von der Zahl — und der 
Wichtigkeit — der übereinstimmenden Merkmale'*; „die Zahl der indivi- 
duellen Porträtmerkmale muß in steter Zunahme begriffen sein'* — wie 
schwankend dieser ästhetisch und historisch gleich fragwürdige Maßstab 
ist, muß der Verfasser selbst allerorten zugeben und die naturgemäß ge- 
ringe Zahl der „Merkmale" bei dem jugendlich-bartlosen Gesicht Ottos III. 
wirft ihn über den Haufen. Ein Porträt ist eben nicht eine Summation 
einzelner Teilformen — und neben Gleichheit und Ähnlichkeit (vgl. S. 1) 
gibt es noch ein Drittes: die Analogie. — Wie hat der Künstler bei der 
Darstellung einer bestimmten Pei*son seine Darstellungsformel gemodelt 
und auf welchen objektiven Bestand der Vorbilder deutet diese Abwandlung? 
Das ist die Frage, nach der einzig das Maß der mittelalterlichen Porträt^ 
absieht und -fähigkeit bestimmt werden kann; und der Vergleich mehrerer 
Darstellungen kann nur nutzbringend sein, wenn er geschieht zwischen den 
in jedem Fall herausdestillierten individuellen Zeichen — also an zweiter 
Stelle. 

Es ist noch nötig, ein Mißverständnis des Verfassers aufzuklären. Er 
verwirft die Hypothese eines „Herrschertypus" unter Hinweis darauf, daß 
das Ma. überhaupt keinen „Typus" ausgebildet habe. Gewiß, einen ein- 
deutigen Typus finden wir schwerlich, aber umso mehr mehrdeutige Typen. 
Also: Otto in. ist sicherlich kaum ein Herschertypus — aber er muß des- 
halb noch nicht Porträt, er kann ein Christustypus sein: vgl. die Christus- 
köpfe der „Vögeschule", z. B. den auf Abb. 17. 

Ehe die dankenswerten Untersuchungen des Verfassers für den Historiker 
nutzbar werden können, muß eingehendste stilgeschichtliche Kritik helfend 
eintreten. Zudem ist eine grundsätzliche Beschränkung auf die Denkmäler 



Nachrichten und Notizen II. 135 

»iner Kunstart unzweckmäßig und durch die umfassendere Methode 
ironners schon üherholt. 

Die Abbildungen sind nach Auswahl und Ausführung gleich gut — aber 
ramm im Text? Hier, wo alles auf die Vergleichung ankommt! 

Leipzig. Yitzthum. 

)ietrich Schäfer, Die Hanse. Monographien zur Weltgeschichte. Bd. 19. 

Mit 99 Abbildungen. Bielefeld und Leipzig, Yelhagen und Elasing, 

1903. 1S9 S. 

Die reichen und wertvollen Ergebnisse hansischer Geschichtsforschung 
iinem weiteren Kreise zugänglich zu machen, ist bisher noch wenig ge- 
ichehen. Man darf sagen, daß schon lange ein dringendes Bedürfnis nach 
dner allgemeinen, das Wesentliche aus dem nachgerade unübersehbaren 
)aellen- und Einzelstudienmateriale heraushebenden Darstellung besteht, 
etzt ist es Ton einem der ältesten und bewährtesten Hanseforscher in 
Lankenswertester Weise befriedigt worden. Wie man es bei Schäfer ge- 
rohnt ist, wird auf die Form, d. h. sowohl auf eine anschauliche Gruppie- 
ong des Materials, wie auf eine lebhafte und anregende Darstellung be- 
onderes Gewicht gelegt. Der Verfasser ist dabei nicht nur Referent, 
ondem indem er längst Bekanntes wiederum vorträgt, erfreut er den 
jeser durch die Aufstellung neuer Zusammenhänge. Innere und äußere 
veschichte des niederdeutschen Städtebundes werden dabei in gleicher 
Yeise berücksichtigt. Abschnitte, wie 'das mittelalterliche deutsche Reich 
eefremd', 'der „deutsche^^ Kaufmann', die Schilderung des inneren han- 
ischen Handelsbetriebes, der Kriegführung und Diplomatie der Städte, der 
hansiBchen Cberlegenheit' überhaupt, die Beurteilung der Episode Wullen- 
rerer und namentlich die Würdigung der allgemeinen Ursachen des 
Niedergangs verdienen besondere Beachtung. Das beigegebene Abbildungs- 
naterial unterscheidet sich vorteilhaft von den oft willkürlich ausgewählten 
ind schlecht reproduzierten Bildern in parallelen Werken. Den deutschen 
tenutzem werden die Darstellungen aus Wisby, Falsterbo, Bergen u. a. 
besonders willkommen sein. 

Bonn. Hashagen. 

>r. Moritz Hartmann, Geschichte der Handwerkerverbände der Stadt 

Hildesheim im Mittelalter [Beiträge für die Geschichte Niedersachsens 

und Westfalens. 1. Jahrg. 1. Heft]. Hildesheim 1905. 1,80 M. 

Die Darstellung beschränkt sich auf die Altstadt Hildesheim und bricht 

ementsprechend mit dem Jahr 1583, dem Zeitpunkt der Vereinigung von 

Jteiadt und Neustadt ab. Sie unterrichtet kurz über die Entstehung und 

!ntwicklung des alten Hildesheims, vornehmlich in gewerblicher Hinsicht, 

nd zeigt dann, wie die einzelnen Gewerbeverbände der Reihe nach zuerst 

rknndlich erscheinen, seit wann geschriebene Satzungen für sie nachweisbar 

ind, und welche äußere Wandlungen sie im Laufe der Zeit erfuhren. Die 

"rage nach dem Ursprung der ältesten Verbände, worüber die Quellen 

eine Auskunft geben, führt zu einer Erörterung der Handwerksverfassung 

es bischöflichen Fronhofes. Mit ihm haben die städtischen Handwerker- 

erbände nichts zu tun. Ihre Entstehung möchte H. vielmehr im Anschluß 



136 Nachrichten und Notizen JI. 

an Philipp! und Keutgen auf die obrigkeitliche Austeilung der Markt- 
verkaufsstände zurückfuhren, womit auch die Tatsache zuBammenhängen 
soll, daß gewisse Handwerksämter dem Bischof und nicht, wie die andern, 
dem Rat unterstehen. Doch ist nicht recht einzusehen, weshalb das allge- 
meine Recht obrigkeitlicher Gewerbepolizei gerade aus einer ganz speziellen 
Äußerung der Polizeigewalt, nämlich der Regelung der Yerkaufstände ab- 
geleitet werden müßte. Die Ratsfähigkeit der Handwerker steht in Hüdes- 
heim schon vom Beginn der städtischen Selbstherrschaft aufler Zweifel 
Die Verfassungskämpfe im 14. und in der ersten Hälfte des 15. Jahrhundert» 
drehen sich daher hier nicht darum, die Handwerker in den Rat ein- 
zuführen, sondern wollen nur das Zusammenwirken von Ämtern, Gilden, 
Gemeinde und Rat in allgemein befriedigender Weise ordnen. — Soweit der 
erste, die äußere Geschichte behandelnde Teil. Der zweite schildert 
das innere Leben, und zwar 1) die Verfassung, 2) die wirtschafbliche 
Bedeutung, 8) die kirchlich-religiöse Seite der Handwerkerverbände. Diese 
Schilderung baut sich auf Nachrichten vom 14. bis Ende des 16. Jahrhunderts 
auf. Die große Frage, ob und inwiefern das Zunftwesen in dieser Zeit 
seinen Charakter verändert habe, bleibt unerörtert. Als Zustandsschilderong 
wird daher jetzt wohl die Dissertation von Tuckermann über „Das Gewerbe 
der Stadt Hildesheim** vorzuziehen sein, die in der Hauptsache nur Nach- 
richten vom Ende des 14. bis Mitte des 15. Jahrhunderts verwertet. Doch 
behalten die z. T. recht interessanten Mitteilungen H.s aus dem 16. Jahr- 
hundert daneben ihren Wert. Über einige Versehen und Zusätze vgl. 
Techen, Hansische Geschichtsbll. 1906, 377 ff. 

Berlin. Paul Sander. 

Die Metzer Chronik des Jaique Dex (Jacques D'Esch) über die Kaiser 
und Könige aus dem Luxemburger Hause. Herausgegeben von Dr. Georg 
Wolfram. [Quellen zur lothringischen Geschichte. Herausgegeben von der 
Gesellschaft für lothringische Geschichte und Altertumsktmde. Band IV.] 
Metz, Veriag von G. Scriba. 1906. XCV und 534 S. 4». 
Die Chronik, welche uns Wolfram hier in trefflicher Ausgabe mit er^ 
schöpfender Einleitung zum ersten Male vorlegt, ist eine eigenartige, aus 
drei recht verschiedenen Teilen bestehende Kompilation des 15. Jahrhunderts 
zur Geschichte der Luxemburger Kaiser von Heinrich VH. bis Siegmund* 
Alle drei Teile stammen aus Metz, und Metzer Ereignisse stehen daher 
auch im allgemeinen im Vordergrund des Interesses; aber doch nie so, 
daß nicht daneben immer wieder auch für die allgemeine Geschichte etwas 
abfiele. Am meisten Anteilnahme wird in dieser Hinsicht gewiß der erste 
Teil finden, ein Heldenepos auf den Römerzug Heinrichs VIL, das 
Wolfram bereits im Lothringischen Jahrbuch VI unter dem Titel ^Les 
vcBux de Täpervier*" herausgegeben hat. Der Verfasser dieses, auch lite- 
rarisch recht wertvollen französischen Gedichtes war ein Zeitgenosse, der 
auf Grund mündlicher Mitteilungen arbeitete, vielleicht Simon von Manrille,. 
Schatzmeister der Metzer Kathedrale, den Wolfram als den Dichter wahr- 
scheinlich machen will. Das Epos gibt eine hübsche Schilderung von den 
Hauptteilnehmern am Zug, die es bei einer Rundtafel vereinigt sein läßt» 



Nachrichten und Notizen II. 137 

ad greift außerdem besonders ausfährlich drei Szenen heraus: die Ereig- 
iBse vor Brescia, die Vorgänge in Rom und den Tod des Kaisers. Eine- 
rfifiing des mancherlei Neues bietenden Inhalts hat ihn im allgemeinen 
JB recht verläßlich erwiesen. — Den zweiten Teil bildet eine Reihe von 
edichten über den sogenannten Yierherrenkrieg, d. h. über den Krieg 
»hanns von Böhmen, Balduins von Trier, Friedrichs IV. von Lothringen 
id Eduards I. von Bar gegen die Stadt Metz 1324 — 26. Auch sie sind in 
anzösischer (nur eines in lateinischer) Sprache gleichzeitig verfaßt, lite- 
krisch allerdings erheblich weniger wert. Wol&am glaubt, daß sie schon 
unals gesammelt wurden, und zwar vielleicht von Jean de la Cour, dem 
itglied einer angesehenen Metzer Familie, der im Krieg selbst eine her- 
>nagende Rolle gespielt hat. Größere historische Bedeutung hat nur daa 
"Bte, längste von ihnen, während die zwölf kleineren mehr in die poli- 
sehe Stimmung einfuhren als positive Nachrichten bieten. Übrigens sind 
e faat alle schon 1875 von E. de Bouteiller, La guerre de Metz en 1824, 
edruckt worden. — Den jüngsten Teil schließlich bildet die ^anzösische 
rosachronik, in welche die beiden ersten Teile eingestreut sind. Sie be- 
innt mit der Thronbesteigung Heinrichs VU. und bringt, keinebwegs in 
zeng chronologischer Folge, Nachrichten bis 1436 (darüber hinaus fand 
^ nur S. 346 f. und 446 kurze Notizen zu 1437—38); die Form ist mehr 
ie einer Materialsammlung als die einer ausgearbeiteten Darstellung. Den 
'erfiELsser der Prosachronik und Kompilator des ganzen Werkes weist Wolfram 
1 dem Metzer Bürger Jaique Dex nach, der von 1871— 14ö5 lebte und im 
Uldtischen Dienst bei verschiedenen Gelegenheiten (namentlich 1433 — 34 
1 Basel) ein bemerkenswertes diplomatisches Geschick entfaltet hat. Über 
ie späteren Luxemburger standen ihm recht gute Nachrichten zu Gebote^ 
sine hübschen Angaben über die Hussitenkriege, das Basler Konzil und 
iegmunds Kaiserkrönung seien hier besonders hervorgehoben. Das Werk 
cheint später von seinem Verfasser nochmals überarbeitet worden zu sein 
nd in dieser Gestalt um 1650 dem Historiker Praillou bei der Abfassung 
einer Metzer Chronik vorgelegen zu haben. 

Den französischen Gredichten ist eine neu&anzösische Übersetzung von 
tonnardot beigegeben, der auch das dankenswerte Glossar angefertigt 
lal Das Register ist von Müsebeck im allgemeinen sorgfältig ausge- 
rbeitet worden. Warum aber wurde aus S. 29 Anm. 2 gerade Papst 
tonifiaz VHI. , nicht auch die Könige Adolf, Eduard I. , Philipp IV . aufge- 
xnnmen? Philipp von Frankreich S. 8 ist Philipp VI., nicht IV. — S. 253 
toht eine Anmerkung, von der nicht eräichtlich ist, zu welcher Stelle im 
*ext sie gehört. R. Holtzmann. 

faring, Joh., Diözesansynoden und Domherren -Generalkapitel des Stifts 
Hildesheim bis zum Anfang des XVU. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur 
geistlichen VeHassungsgeschichte des Bistums Hildesheim. (Quellen und 
Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens. Band XX.) Hannover und 
Leipzig, Hahnsche Buchhandlung, 1905. 2,80 Mk. 
Eine sorgfältige, systematische, vielleicht etwas zu weitschweifige 

drehenrechtliche Untersuchung über die beiden im Titel genannten Themen, 



138 Nachrichten und Notizen II. 

weiche unter sich nur einen lockeren Zusammenhang haben. In der Er- 
ledigung der Rechtsgeschäfte haben die Generalkapitel die bischöfUchen 
Synoden abgelöst. Von Interesse ist der Nachweis, wie* die Macht der 
Generalkapitel sich infolge der bischöflichen Wahlkapitulationen vom Jihre 
1331 ab ungemein gekräftigt hat. Gegenüber Doebner (and ihm folgend 
Bertram), welcher die ältere Sammlung der Hildesheimer Synodalgtataten 
ins Jahr 1478 setzt, dürfte der Verf., der sie dem 14. Jahrh. zuschreibt, 
Recht behalten, obwohl manche Einzelheiten der Beweisführung wegen da 
Formelhaftigkeit des Materials nicht gerade stringent sind. 

Keussen 

Die Matrikeln der Universität Tübingen, im Auftrage der Württem- 
bergischen Kommission für Landesgeschichte herausgegreben von Heinr. 
Hermelink Erster Band: Die Matrikeln von 1477—1600. Stuttgart, 
W. Kohlhammer, 1906. 760 SS. gr. 8^ 

Im Jahre 1877 hat Rud. Roth im Anhang zu den von ihm heraos- 
gegebenen Urkunden zur Geschichte der Universität Tübingen aus den 
Jahren 1476—1650 die beiden ersten bis 1545 reichenden Matrikeln der 
Universität beigefügt, durch Anmerkungen erläutert und durch ein Register 
erschlossen. Nunmehr bat Heinr. Hermelink die vollständige Herausgabe 
der Matrikel in Angriff genommen. Der I. Band dieser Edition, die Ma- 
trikel 1477—1600, liegt vor. Daß das von Roth veröffentlichte Bruchstück 
an dieser Stelle wieder zum Abdruck gelangte, ist selbstverständlich, zomal 
H. die Erläuterungen nicht nur aus den Fakultätsbüchem , sondern aach 
aus zahlreichen anderen Quellen um ein vielfaches vermehrt hat, nament- 
lich durch Nachrichten über den späteren Lebensgang der Immatrikulierten. 
Vom Jahre 1545 an tritt eine Einschränkung der Anmerkungen ein, indem 
nur bei den Theologen behufs Erleichterung der Frequenzstatistik die Zeit 
der ersten Anstellung angegeben wird. Der ausstehende U. Band wird den 
Abschluß der Ausgabe, Einleitung und Register bringen, hoffentlich auch 
statistische Beigaben, zu denen das beigebrachte Erläuterungsmaterial förm- 
lich auffordert. Die Edition der Tübinger Matrikeln ist als ein wertvoller 
Beitrag zur schwäbischen Gelehrtengeschichte freudig zu begrüßen, zumal 
im Vorwort ein biographischer Appendix in Aussicht gestellt wird. 
Köln. Herm. Keussen. 

G. Grosch, Das spätmittelalterliche Niedergericht auf dem platten 
Lande am Mittelrhein (Untersuchungen zur deutschen Staats- und Rechte- 
geschichte, herausgegeben von 0. Gierke, Heft 84, Breslau, Marcus, 1906, 
98 S. S'*. 3 Mk.) will „eine rechts- und verfassungsgeschichtliche Unter- 
suchung auf Grund der Weistümer** geben. Der Stoff, den die Sammlungoi 
von Grimm und Loersch (die Weistümer der Rheinprovinz) bieten, ist in 
vier Abschnitten recht geschickt zur Darstellung gebracht. An einen Über- 
blick über die speziell in den Bereich der Untersuchung gezogenen Nieder- 
gerichtsherrschaften (Abschn. I) schließen sich (Abschn. II) Auseinander- 
setzungen über das Verhältnis der Niedergerichte zu den Hochgerichten, 
zur Grundherrschaft und zur niederen Vogtei. Von den Bezügen aus der 
Niedervogtei und dem Verhältnis der „Herrschaft'* zu den „Untertanen'* 



Nachrichten und Notizen II. 139 

Abschnitt lU; auf die Gerichtsorganisation (Dingvogt, Schöffen, 
usw.) geht Abschn. lY des näheren ein. Als wesentliches, wenn 
ht gerade neues Ergebnis der jedenfalls nützlichen Arbeit ist die 
ing zu betrachten (S. 63, vgl. die Übersicht S. 96 f.), „daß Nieder- 
nnd Grundherrschaft sich im Mittelrheingebiet während des spä- 
ttelalters durchkreuzen, daß Niedergerichtsherrschaft, Niedenrogtei 
idberrschaft auf dem platten Lande als besondere Gewalten neben- 
bestehen", und femer (S. 81, vgl. S. 79 n. 2), daß Niedergerichts- 
t „nicht identisch mit Leibherrschaft^ ist und „nicht Unfreiheit 
bfreiheit der Banem*" begründet. Den Entwicklungsgang in größe- 
imen darzulegen, hinderte den Verfasser die selbstgewählte Be- 
ug nach Zeit und Quellen; der Überblick in der Einführung ist 
ft und nicht durchweg zutreffend. Jede Untersuchung, die irgend- 
Grundherrschaft zu tun hat, sollte von den alten Yillikationen 
, deren lokal verschiedene Umgestaltung oder Auflösung maß- 
iuf die späteren agrarischen Zustände eingewirkt hat. Für die 
gen zwischen Grundherrschafb und Gerichtsorganisation kommen 
einander durchkreuzende Verhältnisse in Betracht, immuner und 
uner Besitz, weltlicher oder geistlicher Stand des Eigentümers, 
er Grafen, Vögte und Meier, daß zur Lösung der Frage nach Ent- 
der Gerichtsbarkeit, die Grundherrn über Leute übten, welche 
B Hintersassen waren, die aus Weistümern des späten Mittelalters 
fende Kunde nicht ausreichen kann. 
:h. G. Caro. 

documentorum inquisitionis haereticae pravitatis Neer- 
Lcae. 3. Band. 1906. 

Fredericqs Corpus documentorum inquisitionis h. pr. Neer- 
ist für das Mittelalter ein dritter Band erschienen, der zweite, der 
e enthält. Der größere Teil der Stücke war schon bekannt, teils 
n Chroniken oder Sammelwerken, teils in Ausgaben gedruckt, 
hen Bd. 2 und 3 erschienen sind. Die neuen Stücke geben Nach- 
her Ketzer und Ketzereien, über einzelne Inquisitoren, über Exe- 
usw. Hierbei haben namentlich die Stadtrechnungen vieles ge- 
iTon den einzelnen Ketzereien sind namentlich über die Geißler, 
knger hussitischer Sätze und die Vauderie einige neue Quellen 
j. Von der .,verlorenen" Bulle Johanns XXII. In agro dominico 
e ketzerischen Begharden und Beghinen hätte nicht gesprochen 
firfen. Fredericq ist dabei dem alten trefflichen Mosheim gefolgt. 
3ger hat längst nachgewiesen, daß es die Bulle gegen Meister 
\t (Geschiebte der Mystik 1, 478 ff. Vgl. auch Denifle im Archiv 
en- und Literaturgeschichte des Mittelalters 2, 636 ff.). Der Band 
' den Quellen noch eine Anzahl wertvoller Listen und Register, 
iste aller Ketzer und Ketzereien, die in den 3 Bänden vorkommen, 
srzeichnis aller Inquisitoren, 3) ein chronologisches Verzeichnis 
llenstücke und 4) ein allgemeines Register Ton über 200 Seiten. 
Igen. Karl Müller. 



140 NachrichteD und Notizen II. 

Fürsten-Bildnisse ans dem Hause Wettin. Herausgegeben vom KgL 
Sächsischen Altertumsyerein, bearbeitet von Jean Louis SponeeL 
Mit 100 Tafeln in Lichtdruck und 74 Abbildungen im Texte. Dresden^ 
Verlag und Druck von Wilhelm Baensch 1906. Fol. In Leinwandmappe 
35 M., in eleg. Liebhaber- Ledermappe 50 M. 

Diese schon im Frühjahr 1901 in Angriff genommene I^iblikation ent* 
hält zwar weder eine vollständige Sammlung von Reproduktionen noch ein 
bloßes Verzeichnis aller vorhandenen Bildnisse der Wettiner; das hinderte 
nicht nur die Menge und Übersichtlichkeit des wohl über ganz Earopt 
verstreuten Materials, sondern leider auch wenigstens bei der Frage, ob die 
durch vortreffliche Porträts verewigten unehelichen Söhne Augusts det 
Starken aufzunehmen seien oder nicht, die Rücksicht, die der Auftraggeber, 
der Kgl. Sächsische Altertumsverein, auf seinen Protektor, den inzwischen 
verstorbenen König Georg, nehmen zu müssen glaubte; gleichwohl ist man 
ihm, dem Bearbeiter, dem Verleger und der Firma Emil Stengel & Co.,. 
welche die Lichtdrucktafeln herstellte, für die aufgewandte Mühe zu großem 
Dank verpflichtet und das trotz glänzender Ausstattung doch preiswerte 
Werk eine ¥richtige Quelle für weitere Studien. 

Zunächst selbstverständlich für die Erforschung der äußeren und inneren 
Familieneigentümlichkeiten der Wettiner; freilich ist das bei der geringen 
Ähnlichkeit der mittelalterlichen Porträts erst für die neueren Jahrhunderte 
möglich, und eine tiefere Erkenntnis, wenn man sich auf einen Vergleich 
der Bildnisse beschränkt, einfach ausgeschlossen; die Frage, inwiefern be- 
sonders der Charakter des Vaters im Sohne wiederkehrt, kann nur mit 
Zuhilfenahme der Urkunden und Akten gelöst werden. Auch in der äußeren 
Erscheinung der Wettiner tritt m. E. mehr ein Wandel als Gleichförmigkeit 
zutage ; selbst die unschöne Nase, welche die Gemahlin Johann Georgs lU. 
ihren Söhnen vererbte, hat sich nur bis zur dritten Generation erhalten; 
wie sollten auch die Frauen, die dem Geschlecht immer aufs neue fremdes 
Blut zuführten, Gestalt und Wesen der Kinder unbeeinflußt gelassen habend 
Wie in allen Familien, so sind auch bei den Wettinern die Züge des Groß- 
vaters in denen des Enkels noch leicht zu erkennen; mit jeder weiteren 
Nachkommenschaft aber verflüchtigt sich die Ähnlichkeit mehr und mehr, 
und gerade diese äußere wie innere Umbildung ist für den Historiker m. E. 
das Interessanteste und das zu lösende Problem. 

Weit größeren Gewinn als die Genealogie wird die Kunstgeschicbt» 
aus dem vorliegenden Werke ziehen; es ibt eine vortreffliche Vorarbeit 
nicht nur für die Darstellung der Entwicklung der Plastik, der Malerei, 
des Kunsthandwerks und des Kostüms in Sachsen vom Ausgang des 12. bis 
zum 19. Jahrhundert, sondern auch der Porträtkunst im allgemeinen. 
Sponsel selbst hat sich darauf beschränkt, die 216 reproduzierten Bildnisse 
in einem gesonderten Texte ausführlich zu beschreiben, über ihren Standort 
und die Zeit ihrer Entstehung, ihren Schöpfer und die dargestellten Per- 
sonen Auskunft zu erteilen und auf andere nicht mitanfgenommene Könnt' 
werke hinzuweisen; der geringe ihm vom Verleger zur Verfügung gestellte 
Raum gestattete ihm nicht, das ganze Ergebnis seiner Studien hier vonn- 
legen; hoffentlich tut er es in einem besonderen Aufsatz oder andere 



Nachrichten und Notizen II. 141 

Forscher auf den einzebien genannten Gebieten. Es selbst zu versuchen 
ist nicht meines Amtes und ein ausführliches Referat über die Bedeutung 
der Sponselschen Publikation für die Kunstgeschichte in dieser Zeitschrift 
wohl auch nicht am Platze; wer sich darüber unterrichten ¥rill, den ver- 
weise ich auf Ernst Devrients Besprechung des Werkes im 27. Bande des 
N^euen Archivs für sächsische Geschichte und Altertumskunde S. 152^166. 
Nur das sei hier noch bemerkt, daß die älteren Wettiner bis 1485 durch 
Grabfiguren fast vollständig vertreten sind, die Emestiner bloß bis 1647 
imd von den Albertinem nur die Kurfürsten und Könige mit ihren nächsten 
Verwandten; Ölbilder, Miniaturen, Pastelle, Kupferstiche, Kreidezeich- 
nungen, Lithographien, Bronze« und Marmorbüsten, Grabplatten und Grab- 
statuen, die ihre Züge festhalten, sind teils auf besonderen Tafeln, teils im 
Text wiedergegeben; unberücksichtigt blieben Münzen und Medaillen. 

Wie Hubert Ermisch, der zu dem vorliegenden Werke die Anregung 
^geben hat, in der Wissenschaftlichen Beilage (Nr. 4) der Leipziger Zeitung 
[1906) mitteilt, soll es in absehbarer Zeit durch eine Fortsetzung ergänzt 
and ein möglichst vollständiges Verzeichnis aller vorhandenen Bildnisse der 
Wettiner beigefügt werden; hoffentlich fehlen in jener dann nicht die Porträts 
des Marschalls Moritz von Sachsen, des Chevalier de Saxe und des Grafen 
Bntowski, in diesem diejenigen Bilder, welche die Wettiner fremden 
Fürsten oder Privatpersonen zum Geschenk gemacht haben; auch unter 
ihnen befinden sich wahrscheinlich Kunstwerke ersten Ranges, was ich auf 
Grund meiner Studien über August den Starken wenigstens für diesen 
Wettiner annehmen zu dürfen glaube. 

Berlin. Paul Haake. 

Erich Schmidt, Deutsche Volkskunde im Zeitalter des Humanismus und 
der Reformation (Historische Studien Heft XLVH), Berlin, Ehering 1904. 
163 S. 8 Mk. 

Die Arbeit, eine Berliner Dissertation, ist Hermann Oncken zugeeignet. 
Dieser hat wohl den Verfasser auf den volkskundlichen Stoff bei Sebastian 
Fnuick und weiterhin auf dessen sonst fast unbekannten humanistischen 
Vor^nger Johannes Bohemus Aubanus (d. i. aus Aub in Franken) hinge- 
wiesen. Aus monographischen Studien über diesen, die denn auch sauber 
durchgeführt sind, scheint die Arbeit erwachsen zu sein. Doch steckt sich 
der Verf. höhere Ziele, indem er den beiden Kapiteln über Bohemus und 
Frank eine Vor- und Nachgeschichte volkskundlicher Interessen im früheren 
und späteren Humanismus beifügt. Naturgemäß wird hier noch mancherlei 
vermißt, so z. B. eine Erwähnung der Limburger Chronik aus dem spä- 
teren Mittelalter, aus dem Frühhumanismus die Schilderung des Fichtel- 
gebirges und seiner Bewohner bei Matthias von Kemnat, die Beschreibung 
der Schweiz von Bonstetten, die durch ihre selbständigen Zusätze so merk- 
würdige Übersetzung des Spiegels menschlichen Lebens des Rodericus von 
Zomora durch Steinhöwel, dann Aventins berühmte Charakteristik der 
Bayern u. a. m. Anderes ist zwar gestreift, aber nicht in rechtes Licht ge- 
setzt, so (S. 131) der Einfluß der Predigtliteratur, dann der der Auffindung 
des Taciias, der erst im Schlußwort zu seinem Rechte kommt. — Als Er- 



142 Nachrichten und Notizen U. 

gebnis der Arbeit dürfen wir mit dem Verf. ansehen, daß auch Bohemut 
die Volkskunde nicht als ein selbständiges Wissenschaftsgebiet bearbeitci 
und daß sie auch bei Franck nur Mittel zum Zweck ist. — Das S. 89 ge* 
nannte öttingen ist Alt-Otting am Inn, das S. 108 genannte Kissingen iik 
Kissing bei Augsburg. Die S. 64 genannten Inschriftensammlungen Chn- 
stoph Scheurls und Hartmann Schedels haben keinen Zusammenhang mik 
der Volkskunde; das S. 123 mit Fragezeichen versehene, „zerhafüg" dürftt 
sich durch Z. 11 y. u. [legen Kosten an Wohlleben und Essen] erkl&tea. 
Ob man in dem S. 136 aus Münsters Cosmographei genannten Egidim 
Schudus sogleich den berühmten Schweizer Chronisten erkennt, ist mir 
fraglich (s. a. d. Register s. v.). Ihm und schwerlich Münster gehören dod 
wohl auch die S. 138 erwähnten Notizen über den Wirtschaftsbetrieb der 
Alpenbewohner. 

München. Dr. Paul Joachimsen. 

W. van Guliks Schrift „Johannes Gropper (1603— 1569). Ein Bei- 
trag zur Kirchengeschichte Deutschlands, besonders der Rheinlande, im 
16. Jahrhundert** (Pastor, Erll. u. Ergzz. zu Janssens Gesch. d. d. Volkes V, 
1. 2) — Freiburg, Herder 1906. 278 S. — macht sich ihre Aufgabe allsa 
leicht. Sie gibt im wesentlichen nur die äußeren Lebensumstände ihres 
Helden nebst oberflächlicher Besprechung seiner Schriften, schildert aber 
weder seinen inneren Entwicklungsgang noch würdigt sie Groppers Wirk- 
samkeit auf dem Grunde seiner Zeit, überhaupt ist die Abhandlung un- 
fertig und läßt die erforderliche Durcharbeitung nur allzusehr vermissen, 
wie das äußerlich schon in dem unbehilflichen, holperigen Stil zu- 
tage tritt; sehr viel läßt auch das Register zu wünschen übrig. Für den 
Standpunkt des Verf. ist S. 60 bezeichnend, wo die zunehmende Hin- 
neigung des Erzbischofs Hermann von Köln und seiner Umgebung zum 
Protestantismus schlechtweg als „fortschreitende Korruption" bezeichnet 
wird. Unter diesen Umständen liegt der wissenschaftliche Wert der Schrift 
im Grunde nur in den reichhaltigen „archivalischen Beilagen" aus deutschen 
und italienischen Archiven. W. F. 

Joseph Greving, Johann Eck als junger Gelehrter. Eine literar- und 
dogmengeschichtliche Untersuchung über seinen Chrysopassns praedesti- 
nationis aus dem Jahre 1614. (= Reformationsgeschichtliche Studien u. 
Texte. Herausgegeben von Dr. Joseph Greving, Privatdozent in Bonn. 
- Heft 1.) Münster i. W., Aschendorff, 1906. XIV, 173 S. M. 4,26. 
Nachdem Emser in Kawerau, Cochlaeus in Spahn ihre Biographen ge- 
funden haben, darf eine neue Biographie des dritten im Bunde, Johann 
Ecks, nicht mehr lange ausbleiben. Die Eckbiographie, die Wiedemann 
1866 hat erscheinen lassen, befriedigt schon längst nicht mehr. Das beste 
daran ist die Bibliographie^ obwohl auch sie jetzt nicht mehr genagt. Und 
ferner hat W. das Verdienst, die äußeren Lebensschicksale Ecks im großen 
und ganzen richtig und mit einer gewissen Vollständigkeit dargestellt za 
haben. Schlechterdings ungenügend aber sind die wenigen Seiten (391 bii 
400), auf denen W. Ecks „theologisches System" darstellt; er hat gar nicht 
den Versuch gemacht. Eck in die dogmengeschichtliche Entwicklung ein- 



Nachrichten und Notizen II. 143 

zngliedem. Seit Jahren arbeitet nun schon Dr. Joseph Greving in Bonn 
an einer neuen Eckbiographie. Mit welcher Gründlichkeit und Gewissenhaftig- 
keit er sie vorbereitet, bezeugt das vorliegende Buch. Wir fürchten nur, daß, 
wenn er auch anderen Einzelschriften Ecks solche eingehende Monographien 
widmen will, er eine zusammenfassende Biographie und Charakteristik diese» 
gelehrten, gewandten und unermüdlichen Polemikers immer weiter wird 
hinausschieben müssen. — Sehr richtig ist es, daß er in Ecks Theologie 
zwei Perioden unterscheidet, die durch die Leipziger Disputation von 151^ 
gegeneinander abgegrenzt werden, und nun erst einmal seine Theologie^ 
soweit sie noch nicht durch die Polemik gegen die Reformatoren beeinflußt 
ist, darstellt. Dazu bot sicli ihm Ecks erstes selbständiges theologische» 
Werk dar, das den wunderlichen Titel „Chrysopassus" führt. Es ist im 
November 1514 in Augsburg erschienen — der Verfasser war damals 28 
Jahre alt — und geht auf Vorlesungen über die Prädestination zurück, die 
Eck 1512 in Ingolstadt gehalten hat. Gr. beschreibt zuerst das Äußere des 
kleinen Folianten, gibt dann eine gedrängte Inhaltsübersicht, schildert so- 
dann die Entstehungsgeschichte des Buches, Ecks erstaunliche Literatur- 
kenntnis, seine wissenschaftliche Arbeitsweise und geistige Richtung und 
stellt endlich klar und übersichtlich zusammen, was Eck im Chrysopassus 
von der Vorherbestimmung, dem Verhältnis der göttlichen Gnade zur 
menschlichen Freiheit und von der Verdienstlichkeit der guten Werke 
lehrte — alles Punkte, über die später erregte Debatten mit den Reforma- 
toren stattfanden. 

Das Buch eröffnet eine Sammlung von Arbeiten, die Gr. unter dem 
Titel „Reformationsgeschichtliche Studien und Texte" herausgeben will. 
Viele tüchtige katholische Gelehrte haben ihre Unterstützung zugesagt. 
Wir begrüßen dieses Unternehmen, das dem Prospekt zufolge „in ehrlichem 
Streben nach der vollen Wahrheit imd unter aufrichtiger Achtung der 
fremden Überzeugung nach besten Kräften an der Klärung des Bildes jener 
Zeit^ arbeiten wiU, mit aufrichtiger Freude und lebhaftem Interesse. 

0. Giemen (Zwickau i. S.). 

Abbot Gasqnet 0. S. B.: Henry VILI. and the English Monasteries. London 
1906. XL u. 496 S. 

Wie starke Nachfrage auch in der englisch sprechenden Welt nach ka- 
tholischer Geschichtsliteratur vorhanden ist, wird in überraschender Weise 
durch die Tatsache beleuchtet, daß ein Spezialwerk wie das vorliegende 
nach sieben Jahren in zweiter billiger Volksausgabe erscheint und im 
ganzen sechs Auflagen binnen achtzehn Jahren erlebt hat. Da die aus 
zwei in einen Band zusammengezogene Volksausgabe doch nur unwesent- 
liche Kürzungen aufweist und den Charakter des Buches unverändert läßt, 
genügt hier eine kurze erinnernde Charakteristik des so erfolgreich aufge- 
tretenen Werkes. G.s Buch hat in der Geschichtschreibung der englischen 
Reformation im kleinen eine ähnliche Rolle gespielt wie Janssens Geschichtä- 
werk in der der deutschen: beide haben die bis dahin zu leicht genommene 
Pflicht des „Audiatur et altera pars'' zum Leitmotiv genommen und so 
durch den Widerspruch zur herkömmlichen Auffassung revidierend auf die 



144 Kachrichten und Notizen 11. 

Forschung gewirkt. * Janssen, das ungleich größere Talent, hat sich die 
größere Aufgabe gestellt; 6. hat seine bescheidenere mit gewisseDhafteiem 
Streben nach Gerechtigkeit erfüllt. Als englischem Ordensmanne kam ei 
ihm Yor allem darauf an, die einseitigen Angaben der bezahlten Agenten 
Cromwells zu prüfen, ihnen gegenüberzustellen, was sich in sittlicher und 
namentlich in sozialer Hinsicht Gutes über das klösterliche England sagw 
ließ, was also das Volk, besonders das arme, an den Klöstern verlor, 
andrerseits die Habgier und rohe Willkür des Säkularisationswerkes durch 
eine Fülle sorgfältig gesammelten Beweismaterials im einzelnen zu belegen. 
Hat deshalb die Forschung G. zu danken für Erschließung eines reichen 
Materials, das mit ehrlichem Streben nach Unparteilichkeit verarbeite 
wird, so muß sie doch das von ihm gezeichnete Bild der englischen Klösta 
:Aus den vorreformatorischen Yisitationsberichten , aus der satirischen Lite- 
ratur und andern Quellen der Zeit ergänzen, um die yon G. zu eifrig ge- 
•tilgten Schatten aufs neue, freilich nicht im Stil der „comperta monastica'. 
in «das Bild wieder einzutragen. Nicht diese als Reaktion begreifliche und 
«ogar nützliche Einseitigkeit des Verf. ist die Hauptschwäche des Buchet, 
sondern das lu starke Haften am Einzelnen und Gleichartigen und der 
Mangel an geschichtlichem Weitblick, der die Dinge in größerem Zn- 
sammenhang erfaßt. 

Rom. A. 0. Meyer. 

Adolf Hasenclever, Die kurpfälzische Politik in den Zeiten des schmal- 
kaldischen Krieges (Januar 1546 bis Januar 1547). Heidelberger AbhaDd- 
lungen zur mittleren und neueren Geschichte. 10. Heft. XVI, 179 S. 
Auf dem lange vernachlässigten Gebiet der pfälzischen Geschichte 
«des 16. Jahrhunderts herrscht seit einigen Jahren wieder regeres Leben, 
welches freilich zum Teil durch den heißen Kampf um die Heidelberger 
Schloßruine wachgerufen ist. In der Zeitschrift für die Geschichte dei 
Oberrheins hat Bossert über die ersten Jahrzehnte der pfälzischen Reform»- 
tionsgeschichte viel neues Licht verbreitet, für die letzten Jahre Friedrichs ü. 
und für die kurze Regierungszeit Ottheinrichs hat H. Rott wertvolle Bei- 
träge geliefert. Während aber diese und ähnliche Arbeiten die Eorchen- 
geschichte einerseits, die pfälzischen Kunstbestrebungen andererseits in den 
Vordergrund stellen, hat H. in der kurpfälzischen Politik während des 
schmalkaldischen Krieges ein weniger dankbares Thema gewählt; denn orst 
seit sich die Pf älzer mit Kurfürst Ottheinrich und Friedrich HI. entschieden 
auf die Seite der Protestanten stellten, hatte ihre Politik den nötigen Rück- 
halt, um einigen Einfluß ausüben zu können; vorher war ihre Macht m 
gering, der Kurfürst zu willenlos und zu unentschieden, um in einer lo 
kritischen Zeit wie 1546 etwas anderes als eine sehr traurige Rolle spielen 
zu können. H. schildert ausfuhrlich und anschaulich das unsichere Hin- 
und Herschwanken Friedrichs U. von einer Partei zur anderen, bis «um 
„gänzlichen Fiasko der kurpfälzischen Politik'^, der Begegnung mit dem 



* In der Einleitung zu seinem neueren Werk „The Eve of the Refo^ 
mation*' ^London 1900) stellt G. sich selbbt mit Janssen in Parallele. 



Nachrichten und Notizen 11 . 145 

Kaiser in Schwäbi8ch-Hall. Bei den mannigfachen Wandlungen bleibt frei- 
lich trotz des umfassenden neuen Materials, das H. aus zahlreichen Archiven 
beibringt, manche Einzelheit im Dunkeln, und wir kennen nicht einmal die 
L'nterwerfüngsbedingungen, welche vom Kaiser der Heidelberger Regierung 
uiferlegt wurden. Einige Aktenstücke, hauptsächlich über die Beratung 
las Kurfürsten mit Grafen, Herren und Ritterschaft im April 1546, sind 
)eigegeben, ebenso ein Namensregister, das aber besser an den Schluß 
ÜB an den Anfang der Schrift gestellt worden wUre. V. Ernst. 

?. O. V. Tome. Ptol^m^e Gallio Cardinal de Cöme. £tude sur la cour de 
Rome, sur la secr^tairerie pontificale et sur la politique des papes au 
XVI«. siecle. XXXVH. 288S. 8^ Helsingfors 1907. Diss. Univ. Helsingfors; 
auch Picard & fils Paris. Mit Portr. Gallios. 
Nach einer gemeinfaßlichen Einleitung gibt Verf. in eingehender Dar- 
itellung Aufschlüsse über die Entwickelung der päpstlichen kurialen Ord- 
inng um die Mitte des 16. Jahrh. Neben den Kardinalnepoten wurde ein 
Jecretarius Domesticus als unmittelbares Organ des päpstlichen Willens 
mgestellt. Th. t. Sickel (Römische Berichte I) und Susta (Die rö- 
nische Curie und das Concil von Trient) gaben früher über jenes 
Amt einige Notizen, welche Verf. auf genaue Untersuchungen im Vatika- 
nischen Archiv gestützt vervollständigt und ausführt. Gallio, seit 1565 
Kardinal von Como, gab erstens dem Amte eine hohe Bedeutung. 
Verf. zeichnet seine Karriere als secretarius domesticus Pius IV., als 
nirnekgeschobener Kardinal Pius V. und als Kardinalsekretär und mäch- 
dger Minister Gregorius XIH. Im Jahre 1564 beförderte er die Absichten 
ies französischen Hofes. 1569 wirkte er für die Anerkennung des Herzogs 
[Toemo I. von Toskana als Großherzog; von 1572 an betrachtete man ihn 
ili Stütze der spanischen Partei. Übrigens wird die Persönlichkeit Gallios 
rerii&ltnismäßig wenig besprochen; die Entwickelung der päpstlichen Orga- 
Dilation steht immer im Vordergrunde. 

Im Kap. V gibt Verf. eine vielleicht etwas episodisch gruppierte Zu- 
Bimmenfassung der päpstlichen Politik in der Zeit Gregorius XIII. Er be- 
buidelt u. a. die Unterhandlungen, welche 1578 — 80 bezüglich der portu- 
pesiachen Thronfolge geführt wurden. M. Philippson meint (Ein Mini- 
lierium unter Philipp IL), der Papst habe dem König Heinrich von 
Portugal Vollmacht über die Legitimität des Priors von Crato zu urteilen 
l^egeben, nachmals aber dem König die Entscheidung entzogen und jede 
solche Tendenz Heinrichs von vornherein für ungültig erklärt. Verf., der 
Irenes zur Beleuchtung des Konfliktes aus der Korrespondenz Gallios und 
uideren Akten des Vatikanischen Archivs holte, glaubt daß die Hand- 
hmgsweise des Papstes mehr folgerichtig gewesen ist und betont die in 
Rom verbreitete Meinung (Appendice no. 22), daß der erste Brief des 
Papetes durch den portugiesischen Botschafter, der mit der Expedition be- 
auftragt wurde, vorfälscht worden wäre. Die Sache ist nicht ganz klar, 
aber die Darstellung des Verf. ist sehr beachtenswert. 

Unter den im „Appendice** gegebenen Aktenstücken berühren Nr. 16—18 
den Friedensschluß Venedigs mit den Türken von 1573. Verf. berichtigt 

HUtor. Yierte^jalinohrift 1908. 1. 10 



146 Nachrichten und Notizen 11. 

frühere Mitteilungen über das Benehmen des Papstes gegen den venetia- 
nischen Botschafter, der ihm den Friedensschluß ankündigte. 

M. G. Schybergson. 

Burggraf Fabian zu Dohna, Selbstbiogp-aphie nebst Aktenstücken zur 
Geschichte der Sukzession der Kurfürsten Ton Brandenburg in Preofien. 
Hrsg. von C. Krollmann. Leipzig, Duncker u. Humblot, 1905. LXVIH 
204 S. 6 M. 

Die Selbstbiographie des Burggrafen Fabian zu Dohna, deren Original- 
manuskript sich im fürstlich Dohnaschen Hausarchiv in Schlobitten be- 
findet, war den Historikern nicht ganz unbekannt; denn neben H. G. Schmidl, 
der sie für seine Lebensbeschreibung Fabians (1897) benutzt hat, ist sie 
neuerdings von Friedrich von Bezold für den dritten Band seiner monu- 
mentalen Briefe und Akten des Pfalzgrafen Johann Casimir herangezogen 
worden. Die hier gegebenen Bruchstücke ließen den Wunsch als gerecht- 
fertigt erscheinen, diese ebensowohl für die Geschichte des Zeitalters der 
Gegenreformation wie für die Geschichte Brandenburg-Preußens wichtige 
Quelle in vollem Umfange abgedruckt zu sehen. Diese Aufgabe zu lösen, 
war niemand besser berufen als der Hüter des Schatzes selbst, der Hans- 
archivar zu Schlobitten. Krollmann hat sich als der Sache völlig ge- 
wachsen gezeigt, die vorliegende Ausgabe, eine Publikation des Vereins 
für Geschichte von Ost- und Westpreußen, entspricht durchaus den An- 
forderungen der Wissenschaft; sie ist mit großer Sorgfialt gemacht, Lücka 
im Manuskripte sind besonnen und vorsichtig ergänzt, Archivalien ans 
Königsberg und Schlobitten wurden für die Anmerkungen verweitet, die 
Literatur ist umfassend berücksichtigt worden. So ist eine tüchtige Lei- 
stung zustande gekommen, die mit Dank anerkannt werden muß. An der 
Hand dieser Selbstbiographie läßt sich erst richtig übersehen, welch ge- 
vvichtige und einflußreiche Stellung Dohna in den politischen und kriege- 
rischen Wirren jener Zeit eingenommen hat, er, dem Männer, wie Johann 
Casimir von der Pfalz und Heinrich IV. von Frankreich, rückhaltloses Ver- 
trauen geschenkt haben, auf dem Schlachtfelde ¥rie im diplomatischen Ge- 
triebe hat er in gleicher Weise Gelegenheit gefunden, seine hervorragende 
Tüchtigkeit zu bewähren. — Der Ausgabe selbst schließt sich ein Anhang 
von 3 Nummern an : Nr. 1 enthält eine gedrängte, aber gute DarsteUung dee 
Feldzuges der deutschen Protestanten im Jahre 1587, an dem Dohna so 
wesentlich beteiligt war, dadurch wird eine größere Lücke der Handschrift in 
passender Weise ergänzt. Nr. 2 bietet Quellen und zeitgenössische Literatur 
über denselben Feldzug aus dem Hausarchive und der Bibliothek zu Schlobitten, 
worunter besonders das Memorial des Burggrafen für den französischen 
Historiker de Thou zu erwähnen ist. Nr. 3 endlich bringt den Schreib- 
kalender Dohnas auf das Jahr 1589; dadurch wird nicht nur die Biographie 
für dieses Jahr ergänzt, sondern dieser Kalender gewährt auch, wie KroU- 
mann sehr richtig bemerkt, einen Einblick in die Entstehung des ge- 
samten Textes: offenbar hat Dohna solche Kalenderaufzeichnungen beim 
Diktat seiner Erinnerungen zugrunde gelegt. Die Nachrichten der Bio- 
graphie über die letzten Jahre Dohnas, sowie über seine Beteiligung an 



Nachrichten und Notizen II. 147 

den preußischen Angelegenheiten überhaupt sind verhältnismäßig dürftig. 
Krollmann hat dem durch eine längere Einleitung abzuhelfen gesucht, 
welche mit dem Jahre 1589 einsetzt und augenscheinlich aus voller Be- 
hemchong des Stofifes heraus geschrieben ist, und durch die Beigabe einer 
Anzahl von Aktenstücken zur Geschichte der kurbrandenburgischen Suk- 
zession in Preußen. Vom politischen wie kulturhistorischen Standpunkte 
aas am interessantesten ist darunter wohl die an letzter Stelle abgedruckte 
Denkschrift Dohnas über seine Amtsniederlegung. Der Burggraf entwirft 
darin eine höchst anschauliche Schilderung der greulichen Mißwirtschaft, 
welche damals in Ökonomischer und sonstiger Hinsicht am Eönigsberger 
Hofe geherrscht hat, bemerkenswerterweise bestätigen die Akten das von 
Dohna gezeichnete Bild in wesentlichen Punkten. Das Personenverzeichnis 
zum Schluß ist erwünscht und nach Stichproben zu urteilen zuverlässig. 
Weimar. J. Trefftz. 

Jean - Fran^ois Sarasin's Leben und Werke, seine Zeit und GeseUschafb. 
Kritischer Beitrag zur französischen Literatur- und Kulturgeschichte des 
XYII. Jahrhunderts. Unter Benutzung ungedruckter Quellen von Dr. 
Albert Mennung. I. Band. Mit einer Heliogravüre Sarasins. XXXI 
und 486 Seiten. II. Band. XIX und 606 Seiten. Halle a. S., Max 
Niemejer. 1902—6. Preis: 26 Mark. 

In der Vorrede zum I. Bande, in den ganz vortrefflichen und insbeson- 
dere für den Historiker höchst wertvollen allgemeinen Abschnitten über das 
französische Geistesleben des 17. Jahrhunderts, welche Mennung einfügt, 
um für die Wirksamkeit seines Helden den richtigen Hintergrund zu finden, 
ferner aber da und dort in Text und Anmerkungen, läßt er durchblicken, 
daß and wie er eifrigst bemüht war, auf Grund eigenster, beinahe durch- 
weg durch Autopsie gewonnener Einsicht unser Wissen und urteil vom 
'si^de de Louis quatorze' sozusagen auf dessen engerem Boden zu be- 
reichem, zu korrigieren, teilweise, und zwar überall genau motiviert, neu 
und selbständig zu begründen. Sogar der kritischste Vertreter objektiv - 
historischer Richtung dürfte, Einzelheiten nachprüfend, einräumen, daß 
Mennung nirgends blind zerstört, keine gültige Ansicht über kulturelle 
Verhältnisse jener so vielfach und verschiedenartig behandelten Periode 
voreilig über den Haufen wirft, vielmehr, gemäß einem bei ihm vorwal- 
tenden gesund konservativen Zuge, mit Vorsicht aufzubauen und bisherige 
Anschauungen zu ersetzen sucht. 

Der Stoff der Mennungschen Forschung und Darstellung bringt es mit 
sieh, daß wir an diesem Orte die so sorgsame Methode der ersteren einer-, 
die allgemeine Bedeutung der zweiten andererseits betonen, aber es den 
neuphilologischen und literarhistorischen Fachorganen überlassen, auf die 
erstaunliche Fülle der Funde in biographischer und den erheblichen Wert 
der Neuaufstellungen in literaturgeschichtlicher Hinsicht einzugehen, so 
wie es sofort z. B. ausführlich Ph. Aug. Becker in der Zeitscbr. f. franz. 
8pr. u. Lit. XXIV, 2, S. 165 — 77, für Band I besorgt hat — in demselben 
Journal also, vro (XXlV, 1, 276 — 356) Mennungs nebenher entstandene nah 
verwandte, übrigens (vgl. z. B. S. 287, 303, 313, 317) dem Historiker für 

10* 



148 Nachrichten und Notizen II. 

die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts, besonders die Fronde-Bewegung, 
wichtige Abhandlung „Der Sonettenstreit und seine Quellen. Eine liten- 
rische Episode aus den Tagen des Preziösentums*^ steht. Leider hat nun 
auch die A. Mennungs Fleiß und Ergebnissen im „Literarischen Zentralblatf* 
(Bd. 54, 1874), durch eine feine Kenneriu neufranzösischer Literatur und Kultur, 
M. J. M(inckwitz), gezollte Anerkennung die Aufmerksamkeit der Historiker 
ersichtlich nur wenig erregt. Kristallisiert sich nun freilich auch die 
Entwicklung der vorgetragenen Tatsachen um die wesentlichen Lebeni- 
momente aus dem staatsbürgerlichen ¥rie schriftstellerischen Dasein dei 
Dichters Jean-Fran9ois Sarasin (1611 — 64), dieses bislang arg zu kurz ge- 
kommenen und bis zu einem gewissen Grade verkannten Mitgliedes des 
damaligen Pariser Literaten- und Schöngeisterkreises, so erw&chst doch aoi 
der sauber herausgearbeiteten pragmatischen (restaltimg dieses Lebens- und 
Charakterporträts ein großzügiges Gemälde romanischer Bildung, vornehm- 
lich poetischer Kunst, französischer Literatur akademischen Anstrichs und 
französischer Politik, wie solche dazumal mit den Schwingungen der 
geistigen Evolution aufs engste verknüpft war. Nicht zuletzt aber ver- 
dient Sarasin einen Platz in den Reihen der Geschichtschreiber selbst, und 
zwar mit seinem „kleinen Meisterwerk ** — wie es Mennungs ausführliche 
Behandlung und Quellenuntersuchung (II 208) nennt — „La Conspiration 
de Valstein'^, der leider Bruchstück verbliebenen, aber bis in die neueste 
Zeit 1654 oft neugedruckten Darstellung Albrecht von Wallensteins, die 
vielfach, auch von Ranke (3. Ausg. S. 295) glänzende Lobsprüche geemtet 
hat. Indem wir diese vielfältigen Beziehungen zu den Kriegs- und 
sonstigen, innerstaatlichen Konflikten des offiziellen Frankreich unter Lud- 
wig XIII. und XIV. sowie zu den gesellschaftlichen und anderweitigen 
Kulturzuständen jener umwälzerischen Epoche (besonders im 2. Bande) bei 
dieser Gelegenheit nachdrücklichst hervorheben, sprechen wir ungescheat 
den Eindruck aus, daß wir in deutscher Sprache zu Albert Mennungs 
musterhaftem Buche über „Le cel^bre Sarrasin" (so der kundige Bussj- 
Rabutin) und sein Zeitalter kein einziges gleichwertiges Seitenstück über 
eine vergleichbare französiche Persönlichkeit besitzen. 

München. Ludwig FränkeL 

Am 12. Oktober 1907 fand in Metz die Sitzung der hifitorischea 
Kommission zur Herausgabe Lothringischer Geschichtsqnellen statt 
I. Der ständige Sekretär, Dr. Wolfram, berichtet über die Herausgabe der 
Lothringer Chroniken. Im Druck erschienen ist die Chronik des Jacques 
d'Esch (Jaique Dex) über die Kaiser und Könige aus dem Luxemburger 
Hause, herausgegeben als Band lY der „Quellen zur lothringischen Ge- 
schichte" von Archivdirektor Dr. Wolfram (Metz, Verlag von G. Soriba 1906) 
J)**- XXXIV, 533. — Ferner wurde die Bearbeitung der Chroniken von 
St. Eucaire und der Schöffenmeister in Angriff genommen und die Abschrift 
der Chronik des Philipp von Vigneulles fortgesetzt. Der Publikation der 
letzteren muß indessen die der Chronik des Praillon vorausgehen, deren 
Manuskript sich in der Stadtbibliothek in Epinal befindet. IL Prof. Dr. 
Wichmann berichtet über den Stand seiner Veröffentlichung der Metzer 



Nachrichten und Notizen U. 149 

insrollen. Der Druck kann sofort beginnen. Außer der Teztabschrift 
lie sechs Register im Manuskript fertig, welche umfassen: Metz-Stadt 
Land, Flurnamen, Personennamen, Stand und Grewerbe und Glossar, 
tung und Kartenwerk werden während des Druckes fertiggestellt, 
robe der beizugebenden Karten legt Referent eine Karte vor, welche 
nmd der Rollen graphisch den Besitzstand der Metzer Bürgerschaft 
itz und weiterer Umgebung (in roter Farbe) und die Herkunft der 
r Bürger (durch Bezeichnung der betr. Geburtsorte mit schwarzer 
) darstellt. Femer soll eine Karte von Metz und Umgebung unter 
ndelegung des heutigen Bebauungszustandes mit Eintragungen der alten 

und Straßenbezeichnungen der Rollen versehen werden. Referent 
^ vor, die Rollen nicht als Schreins-, sondern richtiger und treffender 
innrollen zu bezeichnen , da sie von den Kölner Schreinsrollen inhalt- 
iresentlich abweichen. Die sofortige Drucklegung des Werkes, das 
)ände umfassen dürfte, ¥rird beschlossen. III. Eine ergänzende Publi- 
i zu der vorigen dürfte die der Metzer Amansurkunden aus dem 
>hrh. bilden. Bibliothekar Bonnardot in Yerdun hat vor 80 Jahren 

deren Sammlung begonnen, und Proben davon werden in der Sitzung 
egt. Damach hat Bonnardot bisher in erster Linie als Linguist ge- 
elt, und zwar nur die aitfranzösischen Urkunden. Da sich der Gelehrte 
lätzlich mit der Herausgabe der Urkunden einverstanden erklärt hat, 
r nunmehr das Werk nach der historischen Seite durch Hinzufügung 
iflher übergangenen lateinischen Urkunden vervollständigen. lY. Mit 
Druck des im Manuskript vollendeten Wörterbuchs der deutsch- 
igischen Mundarten von Prof. FoUmann-Metz kann begonnen werden. 

wird die ergänzende Herausgabe eines Wörterbuchs des Patois 

1 durch Prof. Z^qzon-Metz unter die Publikation der Kommission 
lommen. V. Der 3. Band der „Vatikanischen Urkunden und Regesten 
e«chichte Lothringens'', gesammelt von Dr. Sauerland, kann voraus- 
eh, da bis jetzt 600 Nummern vorliegen, und der Gelehrte etwa 200 
-e Urkunden bis Juni nächsten Jahres in Aussicht gestellt hat, im 
ben Jahre veröffentlicht werden. Dieser Band würde bis 1410 reichen. 
Is neue Publikation werden folgende in Aussicht genommen. 1) Die 
rs de dol^ances, d. h. die Beschwerdeschriften, welche 1789 von jeder 
neu Ortschaft, jedem Baillage und jedem Stande an die National- 
omlung eingereicht wurden. Die Bearbeitung dieser Cahiers von 
ügen nach dem Muster der gleichen französischen Publikation ist von 
lerren Abb^ Lesprand und Abb^ Dorveaux im Manuskript bis zur 
idong des 3. Bandes gefördert worden. Da vom Bezirkstag von 
ngen eine Subvention zur Verfügung gestellt wurde, ist der Druck 
3 in Angriff genommen. 2) Die Chronik des Jean de Bayon, wichtig 
1 für die Reichsgeschichte, als auch für die der Klöster Etival, 
es und Moyen-Moutiers und das Haus Dagsburg. Die Publikation 
zunächst zurückgestellt, da eist das Handschriftenverhältnis untersucht 
n muß. Eine Handschrift ist neuerdings aus der Bibliothek in Nancy 
nt geworden. Abschriften befinden sich auf der Nationalbibliothek 
Hb. 3) Herausgabe der Protokolle des Metzer Domkapitels. Durch 



150 Nachrichten und Notisen II. 

Vereinbarung mit dem Metzer Dombauverein soll die Veröfifentliohung aof 
gemeinsame Kosten erfolgen. Die Protokolle, z. T. im Bezirksarchiv, zam 
kleineren Teil im Archiv des Domkapitels, sind äußerst wichtig einmal far 
die Baugeschichte der Kathedrale, sowie für die der inneren Auastattoiif 
(Kanzel, Orgel, Fenster, Kirchengeräte etc.), aber anderseits auch für die 
politische Geschichte des Domkapitels und der Stadt Metz. Z. B. finden 
sich darin ausführliche Berichte von der Ankunft und dem Empfang de» 
Kaisers Karl Y. in Metz, die Vorbereitung dazu etc. Die Publikation wird 
Professor Dr. Grimme-Metz übernehmen. VII. Für die Herausgabe der 
wichtigen „Regesten der Metzer Bi8chöfe^\ mit welcher der ehemalige 
Stadtbibliothekar Abb^ Paulus betraut war, die seit dem V^Teggange des- 
selben aber liegen geblieben ist, glaubt Professor Breßlau einen geeigneten 
Ersatz in absehbarer Zeit in Aussicht stellen zu können. Vm. An Stelle 
des ausgeschiedenen Abb^ Paulus wird Professor Dr. Bour-Metz als Mit- 
glied gewählt. 

Die Vollversammlung der Kommission fQr neuere Geschiehte Öster* 

reiclis fand am 31. Oktober 1907 im Institut für österreichische Geschichts- 
forschung in Wien unter dem Vorsitze Se. Durchlaucht des Fürsten Frani 
von und zu Liechtenstein statt. Publikationen: Im Berichtsjahre 19067 
wurde das von Thomas Fellner hinterlassene Werk „Die österreichische 
Zentral Verwaltung. 1. Abteilun$r: Von Maximilian I. bis zur Vereinigung- 
der österreichischen und böhmischen Hofkanzlei (1749)*^ bearbeitet and 
vollendet von Heinrich Kretschmajr, ausgegeben; die Abteilung umfaßt 
einen Band historischer Darstellung und zwei Aktenbände (Wien, Holz- 
hausen 1907). In der Abteilung „Staatsverti^ge** hat A. F. Pribram die 
Arbeiten für den zweiten Band der österreichisch-englischen Verträge, deren 
erster Band, bis 1748 reichend, im Voijahre erschienen ist (Innsbruckt 
Wagner) bereits weit gefördert. Dr. Heinrich R. v. Srbik hat für die mit 
den vereinigten Niederlanden geschlossenen Verträge das Wiener Material 
bis 1725 größtenteils gesammelt imd die Einzeleinleitungen bis 1690 vollendet 
Dr. Roderich Gooß hat die Bearbeitung der Konventionen mit Siebenbürgea 
bis 1690 vollendet; es wurde beschlossen, in einem Anhange die bis 1711 mit 
Apaffy n., Tökölj und Rakoczy vereinbarten Verträge zu veröffentlichen 
und zu erläutern, eine Arbeit, die längstens in einem Jahre abgeschlossen 
sein ¥rird. Leider sah sich Sektionsrat Dr. Schlitter genötigt, die Be- 
arbeitung der österreichisch -französischen Verträge wegen dringender ander- 
weitiger Arbeiten zu unterbrechen. Dr. Ludwig Bittner hat einen zweiten 
bis 1847 reichenden Band des „Chronolog. Verzeichnisses der österr. Staats- 
verträge'' fertiggestellt, der demnächst zum Drucke gelangen wird. Für , 
die Ausgabe der Korrespondenz Ferdinands I. hat Mitarbeiter Dr. Wilhelm 
Bauer die Forschungen im Wiener Staatsarchive fortgesetzt, und die Texte 
fast aller Briefe bis 1526, mit welchem Jahre der erste Band voraussicht- 
lich abschließen wird, druckfertig hergestellt; er hofft, bis zum Herbit 
1908 auch die erklärende Bearbeitung zu vollenden; Dr. Karl Goll ist für 
diese Ausgabe mit der Abschrift der noch ausständigen Briefe Marias sfr 
Ferdinand beschäftigt. Dr. Viktor Bibl hat für die Korrespondenz Maxi- 



Nachrichten und Notizen 11. 151 

milians 11. in der Zeit vom 6. Oktober bis 14. Dezember 1906 die Staats- 
archive za Florenz, Modena, Turin und Genua und das Gonzagaarchiv in 
Mantua durchforscht und hierauf die Arbeiten im Haus-, Hof- und Staats- 
archive wieder aufgenommen; er hofft bis zum nächsten Frühjahre das 
Wiener Material erledigen und sich dann der Durchsicht der auswärtigen 
Archive zuwenden zu können. Nach Vollendung der ersten Abteilung der 
^österr. Zentralverwaltung^* hat Prof Heinrich Eretschmayr die Vorarbeiten 
für die zweite bis 1848 reichende Abteilung begonnen; die Arbeiten für 
diese Bände werden etwa vier Jahre in Anspruch nehmen. Ein zweites 
Heft der ,,Archiyalien zur neueren Geschichte Österreichs^^ ist in Vor- 
bereitung; für die beiden denmächst folgenden Hefte (2. und 3.) ist die 
Veröffentlichung weiterer Berichte über böhmische und mährische Privat- 
archive in Aussicht genommen; hiermit dürfte der erste Band abgeschlossen 
und dann an die Publikation der nieder- und oberösterreichischen Archiv- 
berichte geschritten werden. 

Die von der Stadt Frankfnrt a« M. im Jahre 1906 ins Leben gerufene 
-and lediglich ans städtischen Mitteln dotierte Historische Kommission, 
bettehend aus den Herren Stadtrat Dr. Julius Ziehen, Archivdirektor Pro- 
fessor Dr. Rudolf Jung und Akademie-Professor Dr. Georg Küntzel, hat für 
die nächsten Jahre folgende Veröffentlichungen in ihren Arbeitsplan auf- 
gtsnommen: Die Neubearbeitung des 1906 erschienenen Werkes von Jung 
fiber das Stadtarchiv (Übersicht über seine Bestände und Geschichte seiner 
Entstehung) durch den Verfasser, eine Bibliographie zur Geschichte der 
Stadt Frankfurt a. M. von Bibliothekar H. Lafrenz — in beiden Arbeiten 
soll das geschriebene und gedruckte Material zur städtischen Geschichte 
sosammengesteUt werden; die Herausgabe der von Dr. Gottlieb Schnapper- 
Arndt unvollendet hinterlassenen Beiträge zur Geschichte des Geldverkehrs, 
der Preise und der Lebenshaltung in Frankfurt a. M. vom Ausgang des 
Mittelalters bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts durch Dr. K. Bräuer; 
eine Darstellung des lokalen Fettmilchaufstandes 1612 — 1616 im Zusammen- 
bange mit den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bewegungen der 
Zeit durch Dr. F. Bothe; die Änderung der Verfassung und Reorganisation 
der Verwaltung im 18. Jahrhundert, welche die Grundlage des kommunalen 
Lebens für die letzte reichsstädtische und die ganze freistädtische Zeit ge- 
«chaffen hat, durch Bibliothekar Dr. P. Hohenemser; die Geschichte der 
freistädtischen Zeit 1814—1866 bezw. 1868 durch Professor Dr. Schwemer. 
Diese Arbeiten größeren ümfanges sollen einzelne besonders wichtige 
Epochen der städtischen Geschichte, die bisher noch gar nicht oder nur 
lugenügend behandelt worden sind, in zusammenhängender Darstellung 
unter Veröffentlichung des vrichtigsten Aktenmaterials darstellen; ihre 
gründliche Erforschung ist insbesondere darum ein dringendes Bedürfnis, 
weil eine Gesamtgeschichte der Stadt ohne diese sehr ausgedehnten Einzel- 
forschungen nicht geschrieben werden kann. Diese noch fehlende wissen- 
schaftliche Darstellung der gesamten Geschichte der Stadt wird die Haupt- 
arbeit für das fernere Programm der Veröffentlichungen der Kommission 
bilden, für welche unter anderm auch die Neubearbeitung der Gwinner- 



152 Nachrichten und Notizen 11. 

sehen Kunstgeschichte, eine Geschichte des Frankfurter Rechtes, eine 
Frankfurter Biographie in Aussicht genommen sind. — Die Fortsetzung 
der Neubearheitung des Böhmerschen Urkundenbuches von 1341 ab bleibt 
der Dr. Böhmerschen Nachlaßadministration vorbehalten. Von Veröffent- 
lichungen von Urkunden und Akten aus dem Archiv der Stadt wird die 
Kommission zunächst die Handwerkerordnungen und Akten des Mittelalten 
und 16 Jahrhunderts bis zum Fettmilchaufstande unter Leitung von Pro- 
fessor Dr. Bücher bearbeiten lassen und herausgeben; über die Heransgabe 
der Verfassungs- und Verwaltungsakten des Mittelalters steht die Beschluß- 
fassung noch aus. 

Personalien« Ernennungen und Bef5rdemn|^en. Universitäten und 
Technische Hochschulen: Der o. Prof. der deutschen Rechts- und österreichi- 
schen Reichsgeschichte Dr. J. v. Voltelini in Innsbruck wurde als Nach- 
folger 0. V. Zallingers nach Wien, der o. Prof. der Archäologie Dr. Hein- 
rich Bulle in Erlangen nach Würzburg und 'der ao. Prof. der Volkswirt- 
schaftslehre Dr. Bernhard Harms in Jena als Ordinarius nach Tübingen 
berufen. 

Der Honorarprofessor für Geschichte Dr. Jakob Wille und der ao. 
Prof. der deutschen Literaturgeschichte Dr. Max Freiherr v. Waldberg, 
beide in Heidelberg, wurden zu o. Honorarprofessoren ernannt. 

Der Privatdozent der Geschichte Dr. Richard Scholz in Leipzig 
wurde zum ao. Professor ernannt. 

Es habilitierten sich: Dr. Friedrich Michael Schiele (Kirchen- 
geschichte) in Tübingen und Dr. Bernhard Patzak (Kunstgeschichte) 
in Breslau. 

Mtiseen: Der Direktor des Historischen Museums in Frankfurt a. M. 
Dr. Otto Lau ff er wurde zum Direktor des Museums für Hamburgische 
Geschichte nach Hamburg berufen. 

Todesfälle. Am 12. Januar starb in Leipzig der ao. Professor der 
Statistik und Direktor des Statistischen Amtes Dr. Ernst Hasse im 
Alter von 62 Jahren. Er war der Verfasser der Geschichte der Leipziger 
Messen (1885) und eines unvollendet gebliebenen Werkes Dentscbe 
Politik, von dem in den Jahren 1905 bis 1907 der 1. Band und das 
1. Heft des 2. Bandes erschienen. 

Am 6. Febr. starb in Düsseldorf im Alter von 54 Jahren der rheinische 
Geschichtsforscher Gymnasialdirektor Dr. Julius Asbach. 

Am 12. Febr. starb im Alter von 71 Jahren der o. Honorarprofessor 
Dr. Elard Hugo Meyer in Heidelberg, bekannt durch seine Arbeiten auf 
dem Gebiete der Volkskunde und der Mythologie. Von seinen Werken 
heben wir hervor: Indogermanische Mythen, 2 Bde. (1887), Deutsche Volki- 
kunde (1898), Germanische Mythologie (in den Lehrbüchern der germa- 
nistischen Philologie Bd. 1) und Mythologie der Germanen (1903). Auch 
war er der Bearbeiter der 3. Auflage von Adolf Wuttkes Buch Der deutsche 
Volksaberglaube. 



153 



Neuere Arbeiten über das Verhältiiis 

DB Staat nnd Eirche in DentscUand während des 

späteren Mittelalters. 

Von 

Albert Werminghoff. 

Als im Jahre 1443 König KsltI VII. von Frankreich den 
rschlag machte, durch einen Kongreß allein der weltlichen 
Atsgewalten das Schisma zwischen Eugen IV. (1431 — 1447) 
i Felix V. (1439—1449) zu beseitigen, begrüßte ihn Enea 
?io mit den Worten: ,Jch sehe keinen Geistlichen, der für 
se oder jene Partei das Märtyrertum auf sich nehmen wollte. 
X alle haben den Glauben, den unsere Fürsten haben; wenn 

Götzenbilder anbeten, würden auch wir sie anbeten und nicht 
r den Papst^ sondern auch Christus verleugnen, wenn die welt- 
ie Gewalt dazu drängte."* Vorweggenommen erscheint hier 
\ Ergebnis einer wirrenreichen Entwicklung, die der Formel: 
ius regio eius religio schließlich zu ihrem Recht verhelfen sollte, 
gedeutet zugleich jene Gestaltung der Beziehungen zwischen 
At und Kirche auf deutschem Boden, die der — in Wahrheit 
Butreffende' — Satz: l}ux Cliviae papa est in ierris suis um- 
ireiben will. 

Nur in der fränkischen Periode der deutschen Geschichte 
ren die Beziehungen zwischen Staat und Kirche in der Weise 
regelt gewesen, daß man von einer Staats- oder Landeskirche 
echen darf. Anders in den Zeiten der Ottonen und Salier. 

gab Reichskirchen in stattlicher Zahl, einander in ihrem Ver- 
Itnis zum Königtum als ihrem kirchlichen und weltlichen Gebieter 
ichgeordnete Anstalten, — aber kein anderes Band als eben 
se halb öffentlich-, halb privatrechtliche Herrschaft des Reichs- 

> G. Voigt, Enea Silvio de' Piccolomini I (Berlin 1856), S. 329. 
• Vgl. Bothert: Jahrbuch des Vereins für die evangelische Kirchen- 
chichte Westfalens Vni (1906), S. 170 S. 

Hifltor. Yierteljahnchrift. 1908. 2. 11 



154 Albert Werminghoff. 

Oberhaupts einigte sie zu einem in sich selbst konsolidierten 
kirchlichen Geftige innerhalb der allgemeinen Kirche.^ Unter 
schweren Kämpfen wurde dem Königtum die kirchliche Herr- 
schaft über seine Reichskirchen entxi£|senL_ An seine Stelle trat 
das erstarkende Papsttum, dessen hierokratisches System irgend- 
welche nationale Ausg^estaltung^ des kirchlichen Wesens in DeuCscC- 
land nicht dulden durfte, da es sonst dem Grundsatz der Univer- 
salität und Einheit untreu geworden wäre. Wohl schien in der 
Zeit der Reformkonzilien auch fiir Deutschland ein Weg sich zu 
zeigen, auf dem seine Kirchenverfassung zu nationaler Y§r?eU)- 
ständigung hätte geführt werden können; während aber Frank- 
reich, in Anlehnung an die von England gegenüber dem Papst- 
tum beobachtete selbständige Haltung, die Basler Dekrete sich 
aneignete, die der Autonomie der gallikanischen Kirche forder- 
lich waren, gebrach es in Deutschland an einer alle Reichsglieder 
umspannenden Gewalt, die solches auf sich genommen hätte. In 
territorialer Zersplitterung suchte das Landesfürstentum, seiner 
bisherigen Stellung gegenüber der kirchlichen Ordnung getreu, 
den Ertrag langwierigen Strebens für sich einzuheimsen, um 
die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts bereits lagen jene An- 
sätze von Landeskirchen vor, deren dogmatische und reichsrecht- 
liche Begründung wie Anerkennung erst das Zeitalter der Re- 
formation gebracht hat. 

I. 

Drei verschiedene und doch gleichzeitig wirkende Triebkräfte 
dieser Entwicklung lassen sich aufdecken: das Wachstum der 
papalen Allgewalt zum Schaden der ihr untergeordneten Listanzen, 
die Zurückdrängung des Königtums von der advocatia ecdesiaCj 
die Erstarkung der territorialen Fürstenmacht. Es gilt sie zu 
würdigen, so wenig Neues im Einzelnen zunächst angemerkt 
werden kann. 

Man weiß, wie lebhaft seit der Eröffnung des vatikanischen 
Archivs die Durchforschung seiner Bestände eingesetzt hat. Voll 
Staunens und, sagen wir's ruhig, voll geheimen Grauens stehen 
wir vor jener Unzahl von Veröffentlichimgen aus päpstlichen 
Registerbänden und kurialen Aktenmassen, die den Einfluß Roms 

^ Vgl. meinen Aufsatz in der Deutschen Monatsschrift hrg. von 
0. Hoetzach VI (1907), S. 339 ff. 



[euere Arbeiten üb. d. Verhältnis von Staat n. Kirche in Deutschland. 155 

»uf die kirchliche Yerfassnng und Yerwaltimg in Deutschland zu 
'eranschaulichen bestimmt sind.^ Noch fehlt eine Gesamtwürdigung 
[er Starke und der Grenzen der päpstlichen Herrschaft — J. Hallers 
;roß angelegtes Werk harrt der Vollendung* — , immerhin wird 
chon heute zu sagen sein: die päpstliche Herrschaft über Deutsch- 
emdy auf das allein unser Blick sich richtet^ war unvermeidlich^ 
obald sie dank einer folgerechten theoretischen Begründung dem 
Itatthalter Christi auf Erden allein anvertraut worden war. Jed- 
reder Absolutismus hat die Neigung zur Zentralisation. Im 
^apste vereinigte sich das Recht der Gesetzgebung mit der obersten 
drchlichen Gerichtsbarkeit, mit der Befugnis zur Besetzung aller 
irchlichen Ämter imd zu ihrer Überwachung — , genau wie 
Tapoleon I. seinem Bechtsbuch Geltung zu verschaffen wußte, 
rie er die aus den alten Provinzen in die neuen versetzten Be- 
mten gerade durch die Einfügung in eine ihnen ursprünglich 
rem de Umgebung in doppelter Abhängigkeit von sich erhielt. 
Kesem Absolutismus entsprach ein Fiskalismus, der die Steuer- 
raft des kirchlichen Gesamtkörpers an um so mehr Stellen 
acken mußte, je unregelmäßiger die Gefälle an die päpstliche 
[ammer abgeführt wurden. Allenthalben hatte er die Mittel zur 
lufrechterhaltung des papalen Regiments aufzubringen^ — , imd 
ieder werden zum Vergleich und zum Beweis seiner Natur- 
otwendigkeit die Maßnahmen Napoleons I. herangezogen werden 
ürfen, vornehmlich die Kontributionen und vielleicht auch die 
on ihm angeordnete Kontinentalsperre, die durch die Erschwerung 
es festländischen Verkehrs und damit durch die Belastimg der 
rationalvermögen ein Mittel war des Kampfes gegen England 
m die Weltherrschaft. Der Organismus der Papstkirche konnte 
or bestehen, erhob er ihren Lenker über alle Repräsentanten 



> Vgl. 6. Bonrgin: Le hibliographe moderne IX (1907), S. 251 ff. 
l Wehimann: Tilles Deutsche Geschichtablätter YIII (1907), S. 93 ff. (s. auch 
. Kaiser: Historische Zeitschrift 99, 1907, S. 224 f.). 

' J. Haller, Papsttum und Eirchenreform I. Berlin 1903. 

' H. K. Schäfer hat in einem mir unzugänglichen Vortrag (Wissen- 
;haftliche Beilage der Germania 1907 n. 43) nach dem Bericht in der 
iitorischen Zeitschrift 100 (1908), S. 435 ausgeführt, „daß die Ansprüche 
91 Kardinäle und des Dominium temporale im 14. Jahrhundert zwar den 
aushalt des Papsttums zu sehr heiastet hätten, daß er im übrigen aber, 
ich in der avignonesischen Zeit, eine musterhaft geführte fürstliche Groß- 
irwaltong gewesen sei.*' 

11* 



156 Albert Werminghoff. 

kirchlichen Wesens. Ihm gebührte die plenüudo potestaiis, die 
Bewahrung der kirchlichen Gerechtsamen in scrinio pectoris^ das 
Eigentum an dem weithin zerstreuten kirchlichen Vermögen, um 
darüber nach Belieben und Bedarf zu verfügen.^ Sein Reich galt 
zwar als nicht von dieser Welt, aber es war auf dieser Welt, 
und seiner Bedeutung entsprachen der Glanz der Kurie mit ihrem 
yielgeschäftigen Treiben, die Gewalt der Legaten imd der delegierten 
Richter, das Heer von Mönchen mancherlei Ordens. Noch war 
dies Imperium der Päpste trotz aller heimlichen und offenen 
Opposition getragen von einer Art Patriotismus religiöser Natur — , 
auch das Reich Napoleons konnte jener legendenreichen Gloire 
nicht entraten. Die Kirche war noch immer die Vermittlerin 
des Seelenheils selbst für solche, die ihre Diener schmähten; be- 
gierig suchte man ihrer Heilsmittel sich zu bemächtigen, obwohl 
bemerkt wurde, daß die Besucher Roms im „goldenen^ Jahre 1350 
nach ihrer Rückkehr „ein gut teil böser^^ geworden waren, als sie 
vordem sich erwiesen hatten.^ Mochte der Aufenthalt der Kurie 
in Avignon zahlreiche Traditionen zerstören, die an Rom allein 
sich knüpften, mochte die Gewalt des Papsttums über die Geister 
zu ermatten anfangen, immer noch erfüllte das Verlangen nach 
Einheit der Kirche weite Kreise; „die heilige Kirche selbst ist 
Gott teurer als der Himmel, denn die Kirche ist nicht da um 
des Himmels willen, sondern um der Kirche willen der Himmel.^'' 



^ Vgl. H. Finke, Papsttum und Untergang des Templerordens I 
(Münster i. W. 1907) , S. 48 : „Sancta sanctio utiliara prospiciens res eccUtie 
fieri concessü obnoxias in operibus pietatis^ kündigt Bonifaz VIII. als seinen 
und der Kirche Grundsatz au''; s. ebd. I, S. 102. 

* Limburger Chronik des Tilemann Elhen von Wolf hagen z. J. 1350, 
MG. D. Chroniken IV, 34; über den Chronisten selbst vgl. E. Schani: 
Neues Archiv XXXII (1907), S. 722 ff. Vgl. Burkard Zinks Chronik z. J. 1398 
über den auf Betreiben des Herzogs von Bayern in München verkündeten 
Ablaß: (Man 8oll wissen), daß die benedicier groß und viel gelts auflegten, 
darnach ufid der man reich oder arm was, und darnach sie statt funden an 
den leuten. es war alles nur umb das geld zu tuen, man sagt furwar, daß 
von Pfingsten biß auf Jacobi kain tag nie kam, es wurd ain Augspurger metz 
voller Eegefispurger da gelassen und gegeben, dann iedennann uh>U gen himl 
(Deutsche Städtechroniken V, 45). 

* Nach J. Bryce, Das heilige römische Reich, übers, von A. Winckler 
(Leipzig 1873), S. 397 Anm. 4 heißt es im sog. Briefe der vier Universitäten 
an Wenzel und Urban VI.: Ipsa enim eccksia sancta Deo charior est quam 
coelum. Nam non ecclesia propter coelum, sed propter ecclesiam coelum. 



Neuere Arbeiten üb. d. Verhältnis von Staat u. Kirche in Deutechland. 157 

Eben darum war auch ein einziger Papst imentbehrlicli als Inkar- 
nation gleichsam der sichtbaren Kirche. Kein Zweifel jedoch, 
die Überspannimg seines absolutistischen Prinzips mußte das 
hierokratische System einer inneren Erisis zuführen. Wie, wenn 
ein Schisma die Einheit des EardinalkoUegiums und der Kurie 
zerriß, wenn keiner der Päpste geneigt war, grundsätzlich jene 
Gewalt wie raumlich so sachlich einzuschränken, die größere und 
glücklichere Vorgänger, ein Innocenz III., Gregor IX. oder 
Johann XXII., ausgeübt hatten? Schlimmer noch mußte sich 
während eines Schisma die Lage der Kirche gestalten, wenn anders 
es statthaft ist, diese als eine vom Papsttum trennbare Organi- 
sation zu ihm in eine Art von Gegensatz zu bringen. Die lokal 
umgrenzten kirchlichen Verbände der Provinzen und Diözesen 
waren durch stets weitergehende Exemtionen durchbrochen worden.^ 
Erzbischöfe und Bischöfe sahen sich dauernd in der regelmäßigen 
Erfüllung der ihnen obliegenden Aufgaben behindert. Dom- 
kapitel und Klosterkonvente erfuhren durch Provisionen und 
Reservationen, Exspectanzen und Kommenden, daß ihr Wahlrecht 
doch sehr fadenscheinig geworden war.^ Die niedere Säkular- 
geistlichkeit litt unter dem Wettbewerb ausländischer Kurtisanen, 
unter den Privilegien der verwöhnten Bettelmönche. Das Ein- 
kommen des hohen imd niederen Klerus wurde geschmälert durch 
Abgaben und Gebühren aller Art, durch Zehnten und Steuern, 
deren Erhebungsdauer und Höhe der Papst bestimmte. Die 
Widerstandskraft der Geistlichkeit, die keine nationalkirchliche 
Oi^anisation umschloß, konnte nur gering sein, sobald der welt- 
liche Staat Anteilnahme forderte an ihrer Betätigung, die seit 
langem sich gewöhnt hatte auch rein irdischen Dingen sich zu- 
zukehren. Nur ein einseitig moralisches Werturteil wird den 
Staat verdammen, wenn er die Befugnisse imd das Gebahren der 
Kirche und ihrer Diener einzuschränken, abzugrenzen sich an- 
schickte. Wer hätte ihm die Rolle des bescheidenen Zuschauers 
zuweisen dürfen, in einer Zeit, da die kirchlichen Kreise selbst 
unhaltbare Zustände, die Notwendigkeit einer Reform an Haupt 
und Gliedern aufdeckten? Sein Interesse selbst hieß ihn die 
Notlage eines Papsttums ausbeuten, das mühsam genug des Basler 

* VgL A. Hüfoer: Archiv für katholisches Kirchenrecht LXXXYl (1906), 
S. 302 ff. 629 ff. LXXXVII (1907), S. 71 ff. 270 ff. 462 ff. 699 ff. 

* Vgl. z. B. J. P. Kirsch: Römische Quartalschrift XXII (1907), S; 67 ff. 



158 Albert Werminghoff. 

Rnmpfkonzils sich entledigte und überdies bereit war^ gegen die 
Leistung der Oboedienz von Seiten der Fürsten diesen die episko- 
pale Opposition auszuliefern^ die auf die verwundbarste Stelle des 
kirchlichen Gesamtkörpers, die ständige Geldnot der Eurie^ ihre An- 
griffe gerichtet hatte. Im elften Jahrhundert hatte das Papsttum 
mit den deutschen Fürsten sich verbündet, um die Herrschaft de« 
Kaisers zu schmälern. Jetzt war der Gegner^ wider den es zu 
rüsten galt, ein anderer geworden, zumal er auch weltlich das 
Laienfürstentum einzuengen oder doch zu belästigen imstande war. 
Das deutsche Königtum war nicht mehr zu fürchten. 

Seit dem zwölften Jahrhundert war es auf die weltliche Herr- 
schaft über das Reichskirchengut, also über die weltlichen Be- 
sitzungen der erzbischöflichen und bischöflichen Kirchen sowie 
der Reichsabteien, beschränkt worden^, auf die Rechte desPatronats 
weiterhin gegenüber den niederen Reichskirchen, deren räumliche 
Zerstreuung ihr Ausscheiden aus der Verbindung mit dem Reichs- 
oberhaupt beförderte.^ Nur das Recht zur Erteilung der sog. 
ersten Bitten nach der Krönung, femer zur Erteilung der sog. 
Panisbriefe^ war ihm seitdem zugewachsen, und selbst bei Geltend- 
machung dieser Befugnisse stieß es auf Widerspruch, auf Nicht- 
achtung seiner Befehle, ganz abgesehen davon, daß es auch sie 
nach altem Brauche patrimonial verwendete und damit zersplitterte. 
Zufrieden mit einer dürftigen Anteilnahme an der Besetzung der 
Reichskirchen ließ es zu, daß Männer, die nicht einmal der 
deutschen Sprache mächtig waren, deutsche Reichsfürsten wurden; 
Bischof Gerhard IV. von Konstanz (f 1318) war „ein Welscher 
aus Avignon, der schwäbische Sitte nicht kannte", Poto von 
Münster (f 1381) „ein Böhme von Geburt, unkundig des Brauchs 



^ Außer dem Wormser Konkordat von 1122 stellen die Urkunden 
Philipps von Schwaben von 1208, Ottos IV. von 1209 und Friedrichs ü. 
von 1213 (MG. Const. II, 9. 37. 58. 60) Epochen der Zurückdrängong von 
der kirchlichen Herrschaft dar. 

' Vgl. H. Niese, Die Verwaltung des Reichsgates im 13. Jahrhundert 
(Innsbruck 1905), S. 67 ff. G. Eallen, Die oberschwäbischen PfrOnden des 
Bistums Konstanz und ihre Besetzung (Stuttgart 1907), S. 149 ff. Weitere 
Untersuchungen wären als Fortsetzungen der Arbeit von H. Geffcken (Die 
Krone und das niedere Reichskirchengut unter Kaiser Friedrich 11. Jena 1890j 
willkommen. 

• G. Müller (Cistercienserchronik XVm, 1906, S. 366 ff.) hat das Thema 
in keiner Weise erschöpft. 



Neuere Arbeiten üb. d. Verhältnis von Staat a. Kirche in Deutschland. 159 

der Einheimischen und ihrer Sprache."^ Weit entfernt, der 
finanziellen Ausbeutung des deutschen Klerus durch Reichsgesetz 
Schranken zu ziehen, war das Königtum gelegentlich geneigt, den 
Ertrag von Steuern, die der Papst ausschrieb, in die eigene Kasse 
zu leiten^; nur von Zeit zu Zeit konnte es die allgemeine und 
unmittelbare Besteuerung der Reichsangehörigen insgesamt, also 
auch der Geistlichen, durch die Ordnungen des „gemeinen Pfennigs" 
(seit 1427) durchsetzen. • Dem Königtum fehlte der Rückhalt 



^ Vgl. A. Cartellieri, Regesten zur Geschichte der Bischöfe von Eon- 
stanz EL (Innsbruck 1905), S. 68 n. 3452. Oobelinus Person, Cosmidromius VI c. 72 
herausg. von M. Jansen (Münster i. W. 1900), S. 73 f.; s. auch Annalen des 
historischen Vereins für den Niederrhein XL VII (1888), S. 134. 

' Vgl. z. B. für Rudolf von Habsburg 1275 die Jahrbücher von Basel 
(MG. SS. XVn, 198), 1285 ff. die Chronik EUenhards (ebd. XVH, 129 f.) und 
MG. Const. m, 368. 869. 697 ff. (s. auch ebd. S.488 und K. Wenck, Philipp 
der Schöne usw., Marburg 1905, S. 65 Anm. 5), fOr Alb recht I. 1303 die 
Fortsetzung der Cronica minor (Monumenta Erphesfurtensia ed. 0. Holder- 
Egger, Hannover und Leipzig 1899, S. 695), für Heinrich VII. 1310 MG. 
Const. IV, 339, für Karl IV. 1346 Böhmer-Huber, Regesta imperii Vm 
S. 603 n. 7, 1366 ff. ebd. S. 510 n. 66 und J. P. Kirsch, Die päpstlichen 
Kollektorien in Deutschland während des 14. Jahrhunderts (Paderborn 1894), 
S. XX f., 1366 ff. ebd. S. XXI und das Chronicon Moguntinum ed. C. Hegel 
(Hannover 1886), S. 17. 20, für Wenzel 1391 Deutsche Reichstagsakten U, 
S. 372 n. 218, für Ruprecht 1402 f. M. Jansen, Papst Bonifaz IX. und seine 
Beziehungen zur deutschen Kirche (Freiburg i. Br. 1904), S. 188 ff., für 
Sigmund 1418 f. H. Kaiser: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 
N.F. XVI (1901), m. 88 ff. XVH (1902), m. 69 ff. und A. Nuglisch: Jahrbücher 
fOr Nationalökonomie und Statistik 3. Folge XXI (1901), S. 166. f. Es ist also 
unrichtig, wenn V. von Kraus (Deutsche Geschichte im Ausgange des Mittel- 
alters I, Stuttgart 1905, S. 295) es als „fast unerhört'' bezeichnet, daß 
Friedrich HI. 1152 vom Papst die Erlaubnis erhielt, vom Klerus und den 
geistlichen Stiftungen des deutschen Reiches einen Zehnten zu erheben; 
über Besteuerungen des Klerus durch die Landesherren vgl. die weiter unten 
verzeichneten Werke von R. von Srbik S 131 ff., bes. S. 144 Anm. 8 und 
R. Lossen S. 118 ff. — Jedenfalls wäre eine zusammenhängende Untersuchung 
über die von den Päpsten ausgeschriebenen und den Königen überwiesenen 
Zehnten erwünscht; die Zusammenstellxmg bei J. Horix, Concordata nationis 
Germanicae integra I (Frankfurt und Leipzig 1771), S. 186 ff. ist nicht mehr 
ausreichend, ebensowenig die Notizen bei Ph. Woker, Das kirchliche Finanz- 
wesen der Päpste (Nördlingen 1878), S. 46 ff. und das Werk von A. Gottlob 
(Die Kreuzzugssteuem des 13. Jahrhunderts. Heiligenstadt 1892) verdiente 
eine Fortsetzung. G. Phillips, Kirchenrecht I (Regensburg 1864), S. 640 ff. 
bietet nichts zur Frage. 

' Ich möchte mir vorbehalten, auf diese Ordnungen später einzugehen; 



160 Albert Werminghoff 

am Klerus, wie er einst Friedrich Barbarossa im Kampfe mit 
Alexander UL gestärkt hatte. Die Wahl durch geistliche und 
weltliche Kurfürsten begründete nur ein Anrecht auf die könig- 
liche Würde, und diese, behaftet mit den traditionellen, zeitweilig 
freilich aussetzenden Tendenzen auf den Besitz des Imperium, 
mußte die Forderung des Papstes dulden, daß er zur Prüfung 
des Wahlhergangs, zur Approbation des Gewählten und folge- 
richtig selbst seiner Verwerfung befugt sei; die Doktrin der Kurie 
stellte ja selbst das Wahlrecht der Kurfürsten als ein Gnaden- 
geschenk des Papstes hin. Gleich den Gegenkönigen wider 
Friedrich IL war auch Karl IV. ein Pfaffenkönig; die Goldene 
Bulle Yon 1356 schob, wie K. Zeumer dargetan hat, den An- 
spruch des Papstes auf Verwesung des Reiches während der 
Thronerledigung, wenigstens soweit Deutschland in Betracht kam, 
bei Seite, sie enthielt andererseits keine Bestimmung, mit welcher 
das Bestehen eines päpstlichen Approbationsrechts geradezu un- 
vereinbar gewesen wäre, ließ also völlig freien Raum für die 
Betätigung kurialer Ansprüche.^ Die oft angeführte Erklärung 
des Rhenser Kurvereins vom Jahre 1338 war von vorübergehen- 
der Wirkung in einem Kampfe, der wie kein anderer das Amt 
des deutschen Königs auf gleiche Stufe mit den kirchlichen Be- 
amtungen gestellt hatte ^, gleich als ob durch den Weihegrad des 
Diakons, der dem König rein äußerlich beigelegt wurde, auch er zu 
kanonischem Gehorsam gegenüber dem obersten Bischof der Kirche 
verpflichtet worden wäre. Kein König von Frankreich hätte solche 
grundsätzliche Schmälerung seines Ansehens, seiner auf sich selbst 
beruhenden Gewalt auch nur von ferne geduldet.' Dieser Gegen- 



die Schrift von E. Gothein (Der gemeine Pfennig auf dem Reichstage von 
Worms. Breslau 1877) greift auf ältere Reichsgesetze nicht zurück. 

* K. Zeumer, Die Goldene Bulle Kaiser Karls IV. (Weimar 1908), I, 
S. 192 ff. 

' Vgl. J. Schwalm, Die Appellation König Ludwigs des Baiem von 1324. 
Weimar 1906. 

' Vgl. Philipps des Schönen Fluch über seine Söhne vom Jahre 1802^ 
wenn sie zugäben, die Herrschaft Frankreichs von einem Anderen zo 
haben als von Gott, dazu seine Verwahrung gegen Heinrichs VH. Ansprüche 
auf Oberhoheit 1312: Noiorie . . . et generalittr predictUur ah wamibus d 
uhi^Aty quod a tempore Christi citra regnum Francie solum regem 9uum 
suh ipso Jhesu Christo . . . habuit, nuUum temporalem superiarem cognaseent 
aut hahens quocunque imperatore regnante. Sic tenuerurU progenitares nostri, 



Neuere Arbeiten üb. d. Verhältnis von Staat u. Kirche in Deutschland. 161 

satz allein aber ruft noch andere Erinnerungen wach. Der 
französische König war das Haupt einer Nation, die in schweren 
Kämpfen um ihre Selbständigkeit. sich zu behaupten gewußt hatte. 
Es war ihm geglückt, das Papsttum von seinem Mutterboden, von 
Rom, in die „babylonische Gefimgenschaft^' nach Avignon zu fahren. 
Er hatte das Oberhaupt der Kirche seinen Praktiken dienstbar 
gemacht, die alle auf Stabilierung des französischen Übergewichts 
in Westeuropa hinzielten. Noch nannte sich der deutsche König 
„alleiniger und rechter Vogt, Beschirmer und Handhaber der 
römischen Kirche, des Papstes und des christlichen Glaubens^^ 
aber seine Schirmvogtei war ein Ehrenamt ohne Verdienst und 
Lohn, keine Basis für eine zielbewußte kirchliche Politik. So 
konnte in dieser nur die Persönlichkeit des Herrschers den Aus- 
schlag geben. Als im Jahre 1378 das Schisma ausgebrochen 
war, trug ein Wenzel die Krone. Nach des schwachen Ruprecht 
Tod trat der päpstlichen „Dreiheit" im deutschen Reiche die 
Dreizahl von Königen ebenbürtig zur Seite. Erst die Not der 
Zeit ließ das Andenken an das ehemalige Recht der Kaiser, ein 



nas eeiam et universi regnkole tenemus et nostri- successores tenebunt imper" 
petttum Domino concedente^ nee vestra propter hoc in admiracionetn ex- 
edlencia provocetur (E. Wenck, Philipp der Schöne von Frankreich, seine 
Persönlichkeit nnd das urteil der Zeitgenossen, Marburg 1905, S. 49 u. 72). 
H. Finke, Papsttnm und Untergang des Templerordens 1, S. 94. 97. 110, 
an letiter Stelle der Hinweis auf einen Brief von 130S (a. a. 0. II, S. 123), 
daß Philipp „König, Papst und Kaiser" sei (s. auch meine Geschichte der 
KirchenverfasBung Deutschlands I, S. 250 Anm. 1). P. Scheffer- Boichorst^ 
Gesammelte Schriften I (Berlin 1903), S. 294 f. P. Foumier (Le rojaume d'Arle& 
et de Vienne 1138—1378, Paris 1891, S. 602) vermutet, an dem unfreund- 
lichen Verhalten ELarls V. von Frankreich gegenüber Karl 17. i. J. 1377—78 
sei der Wunsch schuld gewesen, daß der Kaiser auf französischem Boden 
nicht gewisse Zeremonien ausführe ^ie z. B. die Lesung der Weihnachts- 
messe: Exiit edictum usw., bei der das Tragen des Schwertes an universale 
Machtansprüche h&tte erinnern können. (Freundlicher Hinweis von Herrn 
Dr. A. Ho^eister in Berlin). — Für England vgl. M. Lenz, König Sigis- 
mund und Heinrich Y. von England (Berlin 1874), S. 89 Anm. 8. Banke^ 
Sämtliche Werke I, S. 86 Anm. 1. A. 0. Meyer: Quellen und Forschungen 
ins italienischen Archiven und Bibliotheken X (1907), S. 231 f. — Um so 
stärker ist der Gegensatz der imperialen Doktrin noch des 15. und 16. Jahr- 
bonderts mit ihrer Aufrechterhaltung der universalen Postulate; vgl. außer 
Bänke (a.a.O. I, S. 35 ff.) H. Haupt, Ein oberrheinischer Revolutionär aus 
dem Zeitalter Kaiser Maximilians L (Westdeutsche Zeitschrift, Ergänzungs- 
heft Vm. 1893), 8. 147. 156 f. 



162 Albert Werminghoff. 

allgemeines Konzil einzuberufen, wieder wach werden. Noch ein- 
mal schien eine Umkehr zum Besseren möglich, als Sigmund 
Konstanz als Versammlungsort durchsetzte und „kraft seiner 
kaiserlichen Rechte^^ die Einladungsschreiben ergehen ließ. Viel- 
fach bewährte er sich in der Folge als kluger Vermittler im 
Streite der Parteien; zerfallen aber mit der französischen Nation, 
mußte er die Wahl des neuen Papstes zulassen, ehe die Frage 
der Kirchenreform erledigt war. Das Konkordat Martins V. 
(1417—1431) mit der deutschen Nation vom 15. April (2. Mai) 1418 
war ein rein innerkirchliches Abkommen, das den Namen dei 
Königs nicht einmal nannte.^ Nicht ungünstig auch war Sig- 
munds Position zu Beginn des dritten Reformkonzils und während 
der ersten Jahre seiner Verhandlungen, aber er ließ sich schrecken 
durch den steigenden Radikalismus der Basler Beschlüsse. Seine 
rastlosen Versuche der Vermittlung zwischen Papst und Synode 
scheiterten. Während die pragmatische Sanktion von Boui^ 
durch ein Edikt Karls VII. vom 7. Juli 1438 verkündigt wurdet 
verlief die Neutralitätspolitik der deutschen Kurfürsten im Sande.* 
Sie verfiel dem Fluche der Halbheit und Unfruchtbarkeit, weil, 
trotz der Mainzer Acceptation^ vom 26. März 1439 die Haltung 

^ Über das Datum der Eintragung des Konkordats in das Register 
der päpstlichen Kanzlei (15. April) nnd seiner Publikation in audientk 
contradictarum (2. Mai) vgl. B. Hübler, die Konstanzer Reformation nnd die 
Konkordate von 1418 (Leipzig 1867), S. 69. — Über den BegriflP „Deutsch« 
Nation** vgl. den Exkurs S. 184 ff. 

* Vgl. N. Valois, Histoire de la pragmatique sanction de Bourges so« 
Charles VII. Paris 1906. 

' Die neueste Darstellung der Neutralitätsperiode bei V. von Kram, 
Deutsche Geschichte im Ausgange des Mittelalters 1 (Stuttgart und Berlin 1906), 
S. 38 ff. 82 ff. 177 ff. befriedigt nicht. Besser gelungen ist die von J. Loserth, 
Geschichte des späteren Mittelalters (München und Berlin 1903), S. 516 fi 
Am klarsten und ausgezeichnet durch die Angabe der sehr zerstreuten Drack» 
der einschlägigen Dokumente ist die Übersicht von C. Mirbt: Herzog-Hanob 
Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche X (8. Aul 
Leipzig 1901), S. 707 ff. — Der Fortsetzung der Deutschen Reichstagsaktea 
für die Jahre 1438 bis 1448 werden zahlreiche neue Aufschlüsse sn ent- 
nehmen sein. 

* Wichtig im Sinne unserer späteren Ausführungen ist aus dem In- 
strument das Bekenntnis, man nähme die Basler Dekrete an, salvis tamtit 
in qutbusdam ex eis declarationihus , modificationibits et limitationihus noän 
Germanice nationi ac cuilibet nostrum singulariter in suis provinciis, di/oef' 
sibus seu territariis congruentibus et accommodi$^ f actis et fiendiSt sitis kc$ 



ort oportunis exprimendis ac per sticrum concüium decretandis 
Der, Corpus iuris ecclesiastici catholicorum novioris I, Salisburgi 
7 in § 2 des Prooemium) ; vgl. S. 186 f. und H. Werner: Neues Archiv 
1907), S. .728 ff. und in der noch zu zitierenden Ausgabe der Re- 
in des Kaisers Sigmund (Berlin 1908), S. XXIUff. 
3ie KurfOrsten beschlossen 1445 zum ersten, das unser Herr der 
konig zu wege bringe eyn gemeyn versamlung der Germanischen 
oder ein concüium nationale. Item . . . das u. gn. hr. der Bomische 
. die £0 und stad der angemelten versamelung vßschrihe vnd ver- 



: « 



e ernst Johann ÄAJLl. — es gewagt hatte die üirzbischöte 
irfürsten von Trier und Köln als ketzerische Anhänger des 
Konzils ihres Amtes zu entheben. Welche Gestalt wohl hätte 
.gmatische Sanktion^ die man nach dem Vorbild Frankreichs 
lutschland forderte, angenommen? Was hatte der inuner 
iftauchende Plan eines Konzils an einem dritten Orte ge- 
das die kirchlichen Streitigkeiten aus der Welt schaffen ; j 

Oder war es aussichtsreicher gewesen, daß ein Reichstag 
nkfurt im Sommer 1445 den König anging, ein deutsches 
eJkonzil zu berufen? Wie wenig klar doch war man über 
rfrage, wer zu einem solchen geladen werden sollte! Eine 
rsnkimg auf die deutsche Nation allein trat jedenfalls in 
eschlusse der Kurfürsten nicht zutage.^ Kurz, bereits im 
r 1446 war Friedrich III. für seine Oboedienz von Eugen IV. 
itgehenden Zugeständnissen belohnt worden, eine Oboedienz, 



• I 






164 Albert Werminghoff. 

die er als österreichischer LandesfÜrst leistete und die ihn letsEthin 
auch als König verpflichtete.^ Der Bund der Kurfürsten war ge- 
sprengt. Die sog. Fürstenkonkordate vom 5. und 7. Februar 1447 
drängten die noch im Vorjahre erhobenen Forderungen zurücL Sie 
wurden die Vorläufer für Friedrichs III. Befehl vom 21. August 1447, 
den am 6. Mai 1447 gewählten neuen Papst Nicolaus V. (1447— 
1455) allgemein anzuerkennen, endlich des Wiener Konkordiii 
vom 17. Februar (19. März) 1448, der endgültigen Vereinbarung 
zwischen dem apostolischen Stuhl und der deutschen Nation.' 
Entkleidet wurde hier das Konstanzer Konkordat von 1418 seines 
Charakters eines Vertrags von nur befristeter Dauer zwischen 
Papst und konziliarer Partei. Gegen einzelne Einräumungen von 
Seiten Nicolaus V. ward preisgegeben, was zu Basel erreicht worden 
war. Eine umfassende Regelung des Verhältnisses zwischen Reid 
und Kurie, eine Verfassungsurkimde für eine deutsche Kirche 
war das Konkordat nicht, und niemals wurde es als Beichsgeseii 
verkündet. Heftigen Tadel hat das Dokument auf Friedrichs IE 
Andenken gehäuft — , sicherlich allzuheftigen; denn man ve^ 
gesse nicht: seine Persönlichkeit, seine Stellung im Reiche mA 
dessen Wirmisse waren nicht dazu angetan, ihn eine deutsche Kirche 
mit weitgehender Selbständigkeit gegenüber Rom selbst nur ins 

> Vgl. A. Bachmann, a. a. 0. S. 161 ff. R. von Srbik, Die BeziehTingei 
Yon Staat und Kirche in Österreich während des Mittelalters (Innsbruck 1901), 
bes. S. 34 f. 

* Ich verzeichne in Kürze je einen Druck der wichtigsten Dokumenli 
Ton 1438 bis 1448, um damit den Hinweis auf andere im Text nicht g^ 
nannte zu verbinden. 1. Neutralitätserklärung der deutschen Kurfärsten 14S8 
März 17; W. Altmann, Die Wahl Albrechts II. zum rOmischen Köqig« 
(Berlin 1886), S. 90. — 2. Das Mainzer Acceptationsinstrument 1489 M&n M; 
C. Gärtner, Corpus iuris ecclesiastici cathoHcorum novioris I (Salisbnrgi 1797X 
S. 5. — 3. Absetzung der beiden Kurfiirsten 1446 Januar 24; J. Husen, 
Westfalen und Rheinland im 15. Jahrhimdert I (Leipzig 1888), S. 177. — 

4. Die sog. Concordata principum Francofurtensia 1446 Oct.; Gärtner, a.ik 
0. I, S. 89. — 5. Die sog. Concordata principum 1447 Februar 6 und T; 
Gärtner, a. a. 0. I, S. 107 ff. (in anderer Reihenfolge bei F. Walter, Fonlil 
iuris ecclesiastici antiqui et hodierni, Bonn 1862, S. 100 ff.). — 6. Friedrichs IH 
Befehl 1447 August 21; J. J. Müller, Reichstagstheatrum I (Jena 171S), 

5. 356. — 7. Das Wiener Konkordat 1448 Februar 17; K. Zeumer, Quelkn- 
Sammlung zur Geschichte der deutschen Reichsverfassung in Mittelalter vai 
Neuzeit (Leipzig 1904), S. 221. — 8. Ratifikation durch Nicolaus V. 14^ 
März 19; Neue und vollständigere Sammlung der Reichsabschiede I (Fnnk* 
fürt 1747), S. 181. 



aere Arbeiten üb. d. Yerhältiiis von Staat n. Kirche in Deutschland. 165 

Ige fsissen za lassen. Auch Friedrich stand im Bannkreis jenes 
Titorialen Partikolarismus, der seit langem^ des Reiches un- 
achtet, von sich aus die Erbschaft der Zentralgewalt hinsieht- 
h der kirchlichen Verfassung und Verwaltung auf deutschem 
»den unter sich yerteilt, seine Anteile klug gemehrt und ge- 
itigt hatte. 

Die deutsche Geschichte des späteren Mittelalters entbehrt 
r nationalen Erinnerungen, wie sie sich fCLr den Franzosen an 
) Schlacht bei Bouvines imd das Auftreten der Jungfrau von 
4&U1S, für den Engländer an die Verbriefang der Magna charta 
flpfen. Wer nur auf die Politik der Könige aus yerschiedenen 
losem blickt, wird leicht über den Werkeltag im Leben imseres 
ilks den Stab brechen imd der Kaiserzeit seine romantische Be- 
inderung nicht vorenthalten. In Wahrheit verdienen das drei- 
Imte, vierzehnte und fünfzehnte Jahrhundert ein günstigeres ür- 
1 als das landläufige. In ihnen wandte sich das deutsche Volk, 
nfidet vielleicht von den Anstrengungen um den Besitz des 
iperium, der eigenen Heimat zu. Seine Fürsten — und neben 
Den die Städte — begannen sich einzurichten in ihren Terri- 
rien, den Zufluchtsstätten gleichsam für die staatenbildende Kraft, 
3 im Ringen der Könige um die Kaiserkrone Allzugroßes ver- 
blich gewagt hatte. Nicht in friedlicher Arbeit vollzog sich 
» Einkehr, aber in zähem Ringen, in Kämpfen und Waffenstill- 
inden, auf dem Wege des Rechts und der gewaltsamen Usur- 
tion ward sie bewerkstelligt, — und dieser Gesichtspunkt allein 
rmag alle jene Erscheinungen des öffentlichen Lebens zu er- 
Iren, die dem oberflächlichen Beschauer so zwecklos, so un- 
rmittelt und sprunghaft erscheinen. Man mag sie nüchtern 
bellen, diese Zeit der Einkehr, aber sie war unermüdlich im 
orwärtsschreiten trotz aller Rückschläge; sie war natürlich als 
ne Reaktion gegen den hochgespannten Idealismus des hohen- 
aufischen Zeitalters, der um seiner universalen Ziele willen von 
nr Heimat sich abgekehrt hatte. Darin beruht ja die Bedeutung 
riedrichs U. für Deutschland, daß er das Königtum den Platz 
iomen ließ vor dem aufstrebenden territorialen Fürstentum geist- 
idher und weltlicher Art, vor jenen domini terrae, die seitdem 
mr noch als einziges rechtliches Band das der Belehnimg ver- 
nittels des Szepters oder der Fahne, schließlich der Fahne allein 
in das Reichsoberhaupt fesselte. Ihre Stellung an sich ermutigte 



166 Albert Werminghoff. 

sie, ihre Macht nach oben und nach unten zu ei'weitem. Sie 
waren zu stark an Zahl, als daß sie leicht fQr die Zwecke der 
Reichspolitik hätten vereinigt und gemeinsam in Tätigkeit ge- 
setzt werden können. Das einzelne Mitglied aber des Fürstoh 
standes richtete, in begreiflicher Selbstsucht und Selbstbeschnn- 
kung, sein Augenmerk auf die Vermehrung seiner Hausmachi 
Für sie mühte der Fürst sich ab, oft getragen von den Sjm- 
pathien seiner Unterthanen, die ihn mit ehrendem Beinamen 
schmückten, während ihn das deutsche Volk seinen Königen mi 
Friedrich I. versagte. Das landesherrliche Gebiet bedurfte der 
Abrundung, der engen Verknüpfung an seinen Inhaber und desaea 
Geschlecht; es sollte sich abschließen wie gegenüber der könig- 
lichen Gewalt so gegenüber dem Besitz des Nachbars. Seine 
Verfassung und Verwaltung wollte der Fürst von sich aus be- 
stimmen, wie oft er gleich den Ständen seines TerriioriumB sidi 
zu fügen hatte. Er bedurfte zu solchem Zwecke vielgestaltiger 
Befugnisse, weltlicher und kirchlicher, die beide dem Streben nadi 
Machterweiterung dienstbar wären. Nur weltliche und kirchliehe 
Gewalt, unlösbar mit dem Besitz der Landesherrlichkeit verbunden, 
war geeignet, jene Renaissance des Staatsgedankens auf deutschem 
Boden zu wecken, die sich ihre Stellung eroberte im Ringen alltf 
Gegensätze im Leben des Volkes. 

Dem Laienfürsten fehlte von Haus aus das Recht, auch in 
kirchliche Dinge sich einzumischen; die Betonung des Gottes» 
gnadentums gewährte es an sich nicht. Die Gerechtsame jedodi 
des Patronats an seinen ehemaligen Eigenkirchen innerhalb dei 
Territoriums, die in seinen Händen nutzbringender als von seitaa 
des Königtums verwaltete Vogtei über die im Landgebiet be- 
legenen kirchlichen Anstalten, ihr Gut und ihre Diener , — sie 
waren Vorbedingungen für eine immer weitergreifende Anteil- 
nahme am kirchlichen Wesen des Landes. Nicht als sei je ge- 
plant worden, den weltlichen Charakter des Regiments abzustreifen: 
ein Besitz an kirchlichen Machtelementen mußte schon deshalb 
locken, weil er manchen lästigen Zwist mit dem benachbarten 
Erzbischof oder Bischof unmöglich machte oder doch ihm ent- 
gegenzutreten gestattete. Die geistlichen Reichsfürsten standen 
nach Reichsrecht in ihren Beziehungen zum König dea weltlichen 
gleich, dank ihrer kirchlichen Gewalt aber geboten sie auch über 
den Klerus derjenigen Teile ihrer Provinzen und Diözesen, deren 



lere Arbeiten üb. d. Yerli&ltnis von Staat u. Kirche in Deutschland. 167 

Itliche Herrschaft einem weltlichen Reichsfürsten zustand, über 
laikalen Hintersassen ihrer weltlichen Fürstengenossen^ sobald 
igen der kirchlichen Gerichtsbarkeit und des Kultus innerhalb 
er kirchlichen Verwaltungsbezirke in Betracht kamen.' Wenn 
Bischof die Geistlichen seines Sprengeis ohne Rücksicht auf 
weltlichen Abgrenzungen und Herrschaftsyerhältnisse he- 
uerte, wenn er die Laien in seinem Sprengel vor sein, seiner 
shidiakone oder Officiale geistliches Gericht forderte ^ einerlei 
lehem weltlichen Herrn sie unterstellt waren^ wenn er seine kirch- 
lie Steuerhoheit und Gerichtsbarkeit handhabte mit irdischen 
tteln, zu irdischen Zwecken^, — immer weckte er die Begehrlich- 
it des weltlichen Fürsten, der die Geistlichkeit seines Gebiets an- 
len sollte als unerreichbar für seine Forderungen und kein Recht 
ben gegenüber den laikalen Untertanen des Bischofs, der seine 
richte lahmgelegt sah durch die große Zahl der dem geistlichen 
shterspruch Yorbehaltenen Fälle. Laien- und Pfaffenfürsten 
Igen aus denselben adligen Familien hervor. Mancher Bischof 
rdankte seine Stellung nur der Fürsprache, dem politischen Liter- 
le seines Verwandten im weltlichen Stande. Das Bestreben des 
iflofärsten, dem Geistlichen nahe-, wenn nicht gleichzukommen 
Mitteln des Einflusses, die ihn ausrüsteten mit weiteren Attri- 
ten der Unabhängigkeit von ausländischen Gewalten kirchlicher 
itur, war begreiflich genug. „Ich selbst will Papst, Erzbischof, 
Bchofy Archidiakon und Dekan in meinem Lande sein'', dieser 
isspruch des Herzogs Rudolfs IV. von Österreich (f 1365), des 
thebers des Privilegium maius und des Begründers der Wiener 
ndversitäty kennzeichnet die Lage gleich jenem stolzen Worte der 
erzöge von Bayern aus dem Jahre 1367: „Unsere Lande sind frei; 
ipst, Kaiser und König haben in ihnen nichts zu gebieten'^ Nur 
L Deutschland, nicht auch in Frankreich eignete dem geistlichen 
'üntentum eine so große Bedeutung im Leben des Reichs, eine 

* Vgl. z. B. die Eintragung im Ausgabenverzeichnis des Fxauenklosteis 
It Stephan zu Straßbrng (1276—1297) z. J. 1284: (Die Äbtissin) dedit domino 
fiteopo X libras ad communem collectam, quam ipse episcopus habuit contra 
Wi« derum, quando debeUavit advocatos dictos de Wassilicheim; z. J. 1292: 
^ . . . qnscapo XU libras denariorum Ärgent ad communem collectam, 
|M» mpotuit Omnibus clauatris et clericis per totam dyecesin Ärgentinensem 
P^ m, quod destruxit ccLstrum et oppidum Serimirsheim domino de Bircheim 
I^WentEcke: Zeitschria für die Geschichte des Oberrbeins NF. XXIU, 1908, 
8.121. 123 f.). 



168 Albert Werminghoff. 

flolche Anteilnahme an seiner Verwaltung und Politik, und auf 
der anderen Seite vielleicht auch reizte es das weltliche Fürsten- 
tum, eine Stellung zu erringen ähnlich derjenigen, die seit den 
Zeiten der Reform das französische Königtum gegenüber der Kirche 
seines Landes sich geschaffen hatte. 

In die Wagschale fällt schließlich die weite Ausdehnung der 
Betätigungen, deren sich die kirchlichen Oberen annahmen, mit 
anderen Worten ihre Verweltlichung, die auch ihrer Untei^ebenen 
sich bemächtigt hatte. Der hohe wie der niedere Klerus war über- 
bürdet mit Geschäften, die keineswegs insgesamt sich ungezwungen 
mit dem Zwecke der Kirche vereinigen ließen. Die moralische 
Qualität sodann des Klerus mußte um so tiefer sinken, als das 
Beispiel der Kurie und ihrer Schützlinge, die sie auf deutsche 
Pfründen anwies, in immer weitere Kreise wirkte. Gering genug 
war der Eifer in der Erfüllung der geistlichen Pflichten, in 
der Beobachtung der kirchenrechtlichen Normen für die Zu- 
lassung zu den einzelnen Ämtern. Ein Mann wie jener Abt 
Mangold der Reichenau — er ließ im Jahre 1366 fünf Fischer 
fangen, die in seine Gewässer gefahren waren, und densdbm 
vischem druckt der gaistlich vater mit sinen aigenen fingern ire 
äugen uß und schickt sie also blind gen Costentz^ — starb als 
Bischof von Konstanz (1385). Erzbischof Johann von Mainz 
(t 1419) trat selbst da, wo er als Geistlicher zu erscheinen hatte, 
mit bewaffnetem Gefolge auf. Bischof Simon von Paderborn (f 
1389) celebrierte während seines neunjährigen Regiments kaum 
zweimal die Messe.^ Domherren, die sich sträubten, die Tonsur anzu- 
nehmen oder die höheren Weihen nachzusuchen, waren in den oft 
allein aus Adeligen bestehenden Kapiteln keine Seltenheit, — 
der Zustände im verarmenden Pfarrklerus wie in der Regular- 
geistlichkeit gar nicht zu gedenken.^ Auch der kirchliche Obere 
war dank seiner Einordnung in den Reichslehnsverband der 

^ Ph. Ruppert, Die Chroniken der Stadt Eonstanz (Konstanz 1891), 
S. 69 f. im Abdrack der Chronik Dachers. 

' Gobelinus Person, Cosnudromius YIc. 82 ed. Jansen S. 127 (s. ebd. 
S. 67 und 72). 

' Vgl. von neueren Arbeiten die von J. Hashagen: Westdeutsche Zeit- 
schrift XXIII (1904), S. 102 ff. (s. auch ebd. XXVI, 1907, S. 260 ff.), L. Pfleger: 
ffistorisches Jahrbuch XXIX (1908), S. 96ff., H. K. Schafer: Römische 
Quartalschrift XX (1906), S. 123 ff., H. Werner: Tilles Deutsche Geschichts- 
blätter Vm (1907), S. 201 ff. 



euere Arbeiten üb. d. Verhältnis von Staat u. Kirche in Deutschland. 169 

"rager ursprünglich nur von Laien geübter Rechte geworden, 
eit dem dreizehnten Jahrhundert handhabte eine immer größere 
iahl von Erzbischöfen, Bischöfen und Reichsäbten den Blutbann, 
hne zu befürchten hierdurch an ihrem geistlichen Charakter 
Schaden zu erleiden; die alte Anschauung, die das — freilich yiel 
päter geprägte — Rechtssprichwort in die Formel kleidete: 
icdesia non süit sanffninenij war aufgegeben. Sie alle waren verstrickt 
1 die irdischen Sorgen und Nöte ihrer Familien, ihrer Gebiete, des 
^ichs und auch ihrer kirchlichen Hantierung; bezeichnend genug 
leicht der Fürstenspiegel für einen Bischof von Münster, den in der 
weiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts Levold von Northof 
siner Chronik einfügte, auf weite Strecken dem für den Gh*afen von 
er Mark. Des Reichs geschieht hier keine Erwähnung, wohl aber 
er romischen Kurie, deren Wohlgefallen sich der Bischof erringen 
3lly da er ihr Stellung und Würde verdankt. Sein Land und seine 
fechte soll er mit Hilfe seiner Verwandten und Untertanen, 
lit weltlichem und geistlichem Schwert verteidigen.^ Mit bewaff- 
eter Hand, aber auch mit Bann und Interdikt wußte der deutsche 
orchenfurst zu kämpfen, Friedensschlüsse zu erzwingen und end- 
ich das Gebiet seiner Kirche zu verteidigen oder zu erweitem.* 
Ver immer der Verfasser der sog. Reformation Kaiser Sigmunds 
ein mag', jedenfalls hat er die Bischöfe seiner Zeit richtig ge- 
childert: „Die Bischöfe stiften jetzt Krieg, machen MißheUung 
nd schätzen die Kirchen wider Gott und Recht^; sie führen 



^ Levold von Northof, Chronik der Grafen von der Mark, herausg. von 
u Troß (Hamm 1869), S. 228 ff. vgl. mit S. 8 ff.; über die Chronik vgl, 
ir. Levison: Neues Archiv XXXII (1907), S. 385 ff. — Den streitbaren Näch- 
tiger des Bischofs von Münster, Christoph Bernhard von Galen (f 1678), 
kellt ein Spottbild seiner Zeit dar als zur einen Hälfte gerüstet wie ein 
[zieger, zur anderen gekleidet wie ein Geistlicher; vgl. B. Erdmannsdörffer, 
)eatBche Geschichte vom westfälischen Frieden I (Berlin 1892), S. 849. 

* Der Verfasser des Soester Kriegstagebuches urteilt z. J. 1441, Erz- 
tuchof Dietrich von Köln (f 1468) habe nicht gehandelt als ein geistlich 
biicftop, dan ein Heiden, ketter und Turk (Deutsche Städtechroniken XXI, 16 f.). 

» Vgl. zuletzt H. Werner: Tilles Deutsche Geschichtsblätter VIT (1906), 
B.Ulff., Neues Archiv XXXH (1907), S. 728 ff. und die Einleitung seiner 
Ausgabe (Berlin 1908) S. LI ff., die zu Unrecht den Augsburger Stadt- 
■dffeiber Valentin Eber namhaft macht; s. C. Koehne: Neues Archiv XXXI 
IW06), 8. 214 ff. 

* Vgl. z. B. über die Schicksale der Greistlichen während einer Fehde 
^^ Oberen die Schilderung des Chronicon Moguntinum z. J. 1401 (ed. Hegel 

Hiitor. YierMlJfthnchrift. 1908. S. 12 



170 Albert Werminghoff, 

auch weltliche Gewalt und wissen, daß es wider Gott ist**; und 
wenn er fordert, daß die Bischöfe kein Schloß, keine Veste, keine 
Stadt haben sollen, sondern „auf der Hauptkirche des Bistums 
sitzen und ein recht geistlich Leben führen sollen, damit alle 
Pfaffen auf sie zu sehen hätten*', so begründet er diese Ein- 
schärfung der Residenzpflicht, diesen Vorschlag einer Säkulari- 
sation der geistlichen Fürstentümer damit, daß die Priester Ton 
den Bischöfen hart gehalten und oft besteuert werden um solcher 
Dinge willen, an denen die Bischöfe schuldiger sind als sie; „wie 
Laien unpriesterlich streiten sie und wollen alle Sachen aus- 
richten mit Kriegen wie weltliche Herren, obwohl sie doch Frieden 
stiften sollten, würden weltliche Herren es tun"^. Auch sie 
fesselte und beschäftigte das Ringen nach Einfluß, Macht und Be- 
sitz; es war die Kehrseite ihrer Abdrängung von den kirchlichen 
Aufgaben ihres Amts durch die papale Allgewalt, durch ihre 
Stellung im Reiche. Man ist nicht verwundert, immer wieder von 
Verschuldung der kirchlichen Gebiete zu hören; um die Mitte des 
fünfzehnten Jahrhunderts mußte der Bischof Gottfried IV. von 
Würzburg (f 1455) einem nach Nürnberg einberufenen Reichstag 
(1444) fernbleiben, weil es ihm au Mitteln gebrach, um die 

S. 81): Eodem tempore . . . Johannes de Ncissaw archiepiscopus Moguntinenm 
langgravium {de Hassia) diffidavit propter multa dampna, que ecclesie Ma- 
guntine contra iusticiam intulit. Que diffidacio per multa tempora et longa 
duravtt, et uterque clericos sihi inobedientes cepit, exactionavit et d^redavä 
et carceribus mancipavit. Et sie quod antiquitus dictum est tarn verificatur 
et verificatum est quod vulgariter sonat: 'man sol die pfaffen slahen^; non 
tarnen manualiter et realiter occisi sunt, sed in rebtis stiis; cuius causa es 
parte domini Maguntini fuit, quod clerus in Hassia et Uiuringia mandatit 
suis noluit obtemperare, sed magis voluit dissentire; nam contra ipstum appd- 
lationem interposuerunt, quam eciam prosequebantur, et peticioni sue annuere 
noluerunt , videlicet dare procurationes ab ipso petitas. Vgl. auch H. Finke, 
Acta Aragonensia U (Berlin und Leipzig 1908), S. 856 n. 586 und die Be- 
merkung des Enea Silvio in seiner Geschichte Kaiser Friedrichs III. üben. 
Ton Th. llgen IE (Leipzig 1890), S. 246. — Jedenfalls hatte jener Bischof 
Wedigo Ton HaTclberg (f 1487) seine Vorläufer, der auf Vorhaltungen, dft0 
seine Fehden Kirchen und Kapellen zerstörten, geantwortet haben soll: B 
kann se wedder consecreren, wenn se violeret sind (A. F. Riedel, Codex diplo- 
maticus Brandenburgensis A I, Berlin 1838, S. 290). Den Hinweis auf dieieD 
Gemütsmenschen verdanke ich Herrn Dr. Fr. Curschmann in Greifswald. 

^ H. Werner, Die Reformation des Kaisers Sigmund (lU. Ergänzungsbeft 
des Archivs für Kulturgeschichte herausg. von G. Steinhausen. Berlin 1908), 
S. 29 (vgl S. 03. 83). 



Neuere Arbeiten üb. d. Verhältnis von Staat u. Kirche in Deutschland. 171 

Kosten des Wartens auf den König auf sich zu nehmen, den 
Papst um Erlaß der geforderten Bestätigungssumme von 23000 
Gulden ersuchen, endlich bekennen, daß seine jährlichen Einkünfte 
die Summe von zehn rheinischen Gulden nicht überstiegen.^ 

Fassen wir die bisherigen Erörterungen zusammen: das Er- 
starken des Papsttums und seine Bedrängnis im Zeitalter des 
Schisma, die Stellung und Betätigung des deutschen Königtums 
im Reiche, die Voraussetzungen für die Steigerung und Befestigung 
der Macht weltlicher Landesherren — , alles schuf und forderte 
jenes Eindringen der Landesherrlichkeit in das Gebiet des kirch- 
Uchen Rechts, das ein notwendiges Ferment der Landeshoheit zu 
werden bestimmt war. Es trat in Erscheinung in den Ansätzen 
des Landeskirchentums auf deutschem Boden, ohne deren Siärkung 
im sechzehnten Jahrhundert die Fortschritte und Niederlagen der 
Reformation undenkbar sind. Das Laienfürstentum des ausgehen- 
den Mittelalters hat den Grund gelegt für die Abschließimg seiner 
Gebiete auch in kirchlicher Hinsicht; ein sehr kühner Vergleich 
mag an das Merkantilsystem des sechzehnten bis achtzehnten 
Jahrhunderts erinnern, das sein Ziel erblickte in der Schaffung 
einer „geschlossenen Staatswirtschaft^^ 

n. 

Die Übersicht über die Voraussetzungen einer mannigfaltigen, 
bald langsamen, bald raschen Entwicklung sollte bereits die Schwie- 
rigkeiten andeuten, die einer jeden zusammenfassenden Würdigung 
ib^r Ergebnisse sich entgegenstellen. Diese Schwierigkeiten wer- 
den nicht hervorgerufen durch die Unterschiede der landesherrlichen 



^ Vgl. H. Knapp, Die Würzbnrger Zentgerichts - Reformation 1447 
(Mumheim [1908]), S. 6 Anm. 7: Media stM exposuit querulanter, qualiter 
omrna et singula oppida, casira, possessiones caeterique fructus, reddüus, in- 
(wiliw et proüentus ac cwn ratione dicta (?) suae eccJesiae Herhipolemis spec- 
^^1^ et pertinentia per praedecessores suos impignorata et alienata existunt, 
^ guod vix annuatim de omnibus et aingulis oppidis, castris et fructibus 
jntdidii deeem florenos Bhenenses percipere possit seu txilecU. Vgl. ebd. 
8- 45 ff. den sogen. Rnndyertrag zwischen Bischof Johann U. (1411 — 1440), 
^mkftpitel and Ritterschaft yon 1435, dessen Namen davon herrührt, daß 
^ ^^ pergamen gar rtmd getcest, domit man vikr grafen, kern, rittet %md 
^y hiee^ tiwtj^ hast herwtnb anhenken mögen (ebd. S. 74 Anm. 21). H. Ejiapp, 
^ Zenten des Hochstifts Wtirzbnrg II (Berlin 1907), S. 85 ff. 



172 Albert Werminghotf. 

Territorien nach Lage und Umfang, durch ihre größere oder ge- 
ringere Zersplitterung, durch die Zahl und den Charakter der 
kirchlichen Yerwaltungsinstanzen und Anstalten, mit denen eine 
Auseinandersetzung erfolgte, endlich nicht durch die Abschätzung 
der Rechte, die der Staat dem kirchlichen Wesen gegenüber errang, 
der Stellung, in der die Kirche sich behauptete. Die Schwierig- 
keiten werden in Wirklichkeit auf folgende Momente zurück- 
geführt werden müssen. In die Beeinflussung des kirchlichen 
Organismus durch die landesherrliche Gewalt spielt die wechsel- 
voUe Geschichte der Territorien selbst hinein; die Anspannung 
der staatlichen Kräfte erzeugte naturgemäß Versuche der kirch- 
lichen, die alte Position zu wahren oder zum mindesten dem An- 
griff mit Widerstand oder gar mit Vorstoßen zu begegnen. Nicht 
zu vergessen auch ist die Frage nach dem Rechtsgrund des staat- 
lichen Eingreifens in kirchliche Angelegenheiten. Nicht immer 
vermag sie restlos beantwortet zu werden. An Benutzung gün- 
stiger Gelegenheiten, an offensichtlichen Usurpationen hat es 
ebenso wenig gefehlt wie an rechtsförmlichen Anerkennungen 
staatlicher Maßnahmen imd schließlich staatlicher Befugnisse durch 
die Organe der Kirche, vor allem das Papsttum selbst. Zu allem 
die Gefahr einer nicht genügend allseitigen Wertung der neuen 
Bildungen nach ihrem Einfluß auf die innere Umgestaltung der 
Kirche überhaupt. Auf vielen Gebieten, die sie bisher als ihre 
eigensten Domänen angesehen hatte, mußte sie jetzt eine Neben- 
buhlerschaft des Staates hier dulden, dort anerkennen. Noch be- 
wahrte sie am Schluß des Mittelalters die Entscheidimg über den 
Glauben, der ihr Wesen ausmachte — , aber schon hatten die 
populären Strömungen im Königreich Böhmen, die Erfolge des 
Hussitismus und die Kämpfe der gemäßigteren Galixtiner Bresche 
gelegt in die Alleinherrschaft der katholischen Lehre; im Jahre 
1485 sicherte der Landtag zu Kuttenberg wie die katholische so 
die calixtinische Kirche in ihrem Besitzstande. 

Um allen Schwierigkeiten zu entgehen, möchte man geneigt 
sein, die Geschichte eines einzigen Gebiets in den Mittelpunkt 
der Schilderung zu stellen und je nach Gelegenheit die Geschichte 
anderer nachzuholen. Ein solches Bemühen aber schüfe neue Üo- 
gelegenheiten. Welches deutsche Territorium des späteren Mittel- 
alters war ein derartiger Mikrokosmus deutschen Lebens, daß 68 
angesehen werden dürfte als eine Yereinigungsstätte aller jener 



Neuere Arbeiten üb. d. Verhältnis von Staat u. Kirche in Deutschland. 173 

Bestrebungen? Wenngleich noch immer ein frommer Wunsch, 
aber doch möglich ist eine allgemeine Verfassungsgeschichte des 
Reichs, obwohl die Kraft seiner Einrichtungen vielfach geschwächt 
erscheint. Eine allgemeine Verfassungsgeschichte der deutschen 
Territorien insgesamt dagegen ist unmöglich; jedweder Versuch 
einer solchen würde sich auflösen in eine Sammlung von Einzel- 
notizen, die keiner von ihnen den ihr nach Zeit, Art und Eigen- 
art gebührenden Platz einzuräumen imstande wäre. Das Problem 
alsdann der Regelung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche 
ist bedingt durch die Beurteilung der handelnden Persönlichkeiten. 
Diese gilt es zu würdigen nach ihrem individuellen Charakter, 
ihren wandelbaren Interessen, ihrer Folge Wirkung wie auf ihre 
Umgebung so auf die Zukunft, nach ihrer Abhängigkeit von einer 
stärkeren oder schwächeren Tradition. Staat und Kirche endlich 
Bind Organisationen des Rechts. Ihr gegenseitiges Verhältnis ist 
im letzten Gfmnde, um der Verschiedeiäheiten der sie aufbauenden 
Prinzipien willen, inkommensurabel. Sie schließen Kompromisse 
miteinander, weil ihre Wirksamkeit den nämlichen Objekten 
— hier den Untertanen des Staates, dort den Angehörigen der 
Kirche — dienen soll, und trotzdem ist dauernder Friede un- 
denkbar: sie bedürfen der Reibungen,, der Kämpfe, um in diesen 
je nach ihrem Wesen sich zu entfalten. Siege und Niederlagen 
bezeichnen den Weg ihrer Geschichte, ihrer gegenseitigen Be- 
ziehungen. Staatliche und kirchliche, irdische und geistliche 
Interessen ringen miteinander, und die Anziehimgskraft des Pro- 
blems ruht nicht zuletzt darin, daß die Auseinandersetzungen 
zwischen Staat und Kirche auf deutschem Boden während des 
ipateren Mittelalters beeinflußt erscheinen vom Prozesse lang- 
fluner, allmählicher Sonderung der germanischen Nationalität von 
dem Kosmopolitismus der römischen Kirche. 

Die Ausgestaltung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche 
in firankischer Zeit und in der Periode der Ottonen und Salier 
Wetet, im großen und ganzen betrachtet, der Erkenntnis keinerlei 
Hindernisse mehr; wir vermögen sie bestimmt zu umschreiben, 
^vun aber mehr sie zu ergänzen oder auf neue Grundlagen zu 
»Wien. Anders in der Folgezeit, deren Aufhellung recht eigent- 
lich erst in Angriff genommen ist, nachdem vor Jahren bereits 
E. Friedberg auf den reichen Ertrag hier einsetzender histo- 
^ber und rechtshistorischer üntersuchimgen aufmerksam ge- 



174 Albert WermiDghoflf. 

macht hatte.^ Seine Mahnung hat gerade in den letzten Jahren 
reife Frucht gezeitigt. Nicht alle einschlägigen Arbeiten sollen 
hier aufgezählt werden'; heute genüge der Hinweis, daß der 
'Aufgabe, die R. von Srbik und ihn teilweise berichtigend 
H. Krabbo für Österreich zu lösen unternahmen', B. Hemiig 
sich für Brandenburg uuterzog*, H. von Schubert für 
Schleswig-Holstein^ und R. Lossen für das Gebiet der 
rheinischen Pfalz®; es genüge femer der Hinweis auf die Ver- 
öffentlichungen von F. Geß und 0. Redlich, von denen die eine der 
Entwicklung in Sachsen', die andere der in Jülich und Berg* 
sich zuwandte. Nicht als ob alle diese Schriften ihren Stoff in 

^ E. Friedberg, Die Grenzen zwischen Staat und Kirche I. Tü- 
bingen 1872. 

' Vgl. meine Geschichte der Eirchenverfassung Deutschlands im Mittel- 
alter I (Hannover und Leipzig 1906), S. 247; Meisters Grundriß der Ge- 
schichtswissenschaft II (Leipzig 1907), Abt. 6, S. 40 f. 

' H. R. von Srbik, Die Beziehungen von Staat und Kirche in Öster- 
reich während des Mittelalters. Innsbruck 1904 (vgl. dazu J. Loseith: Gdt- 
tingische Gelehrte Anzeigen 1904, S. 770 ff.). — H. Krabbo: Archiv für 
österreichische Geschichte XCIII (1908), S. 1 ff. 

* B. Uennig, Die Kirchenpolitik der älteren Hohenzollem in der 
Mark Brandenburg und die päpstlichen Privilegien des Jahres 1447. Leipzig 
1906 (vgl. dazu U. Stutz: Deutsche Literaturzeitung 1907, Sp. 1221 ff. G.Ton 
Below: Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1907, S. 616 f.). B. Hennig: 
Forschungen zur Brandenburgisch-Preußischen Geschichte XIX (1906), S. 391 ff. 

— Vgl. auch 0. Hintze: Historische Zeitschrift 97 (1906), S. 67 ff. H. Krabbo, 
Die ostdeutschen Bistümer, besonders ihre Besetzung unter Kaiser Friedrich E 
Berlin 1906. H. Spangenberg, Hof- und Zentralverwaltung der Mark 
Brandenburg im Mittelalter (Leipzig 1908), S. 41 f. 374 ff. 

^ H. von Schubert, Kirchengeschichte Schleswig -Holsteins I (Kiel 
1907), S. 217 ff. 

^ R. Lossen, Staat und Kirche in der Pfalz im Ausgang des Mittel- 
alters. Münster i. W. 1907 (vgl. dazu ü. Stutz: Zeitschrift der Savigny- 
Stiftung für Rechtsgeschichte, Germ. Abt. XXVIII, 1907, S. 678 ff.). 

^ F. Geß, Akten und Briefe zur Kirchenpolitik Herzog Georgs tob 
Sachsen I. Leipzig 1906 (vgl. dazu G. Wolf: Neue Jahrbücher für daa 
klassische Altertum usw. XVII. XVIII, 1906, S. 413 ff.). 

^ 0. R. Redlich, Jülich -Bergische Kirchenpolitik am Ausgange dei 
Mittelalters und in der Reformationszeit I. Bonn 1907 (vgl. dazu J. Hashagen: 
Westdeutsche Zeitschrift XXVI, 1907, S. 260 ff. E.Pauls: Zeitschrift des 
Aachener Geschichtsvereins XXIX, 1907, S. 344 ff.). Unzugänglich war mir 
Schiele, Die Reformation des Klosters Schlüchtern. Tübingen 1907 (vgl 
dazu E. Friedberg: Deutsche Zeitschrift für Kirchenrecht XVIH, 1908, S.84f.). 

— Nicht verzeichnet sind zerstreute kleinere Publikationen. 



»uere Arbeiten üb. d. Verhältnis von Staat u Kirche in Deutschland. 175 

iformig gleichbleibender Anordnung zu bewältigen suchten. Im 
igenteil; gerade die Vielseitigkeit ihrer Darlegungen entspricht 
r Vielseitigkeit des Themas, und dieses dem Leser zu klarer 
ischauung vermitteln macht mannigfaltige Wege zur Pflicht, 
3 der VeröflFentlichung von Quellen, der Untersuchung, der 
hilderung.^ Während F. Geß und 0. Redlich bemüht sind, in 
drängten Einleitungen zum Inhalt weitschichtiger Akten des 
^hzehnten Jahrhunderts hinzuführen, haben R. von Srbik, 
Hennig und R. Lossen Untersuchungen dargeboten, für die 
Hennig überdies erst durch diplomatische Forschung festen 
»den bereiten mußte , während R. Lossen sie durch Mitteilung 
sher unbekannter Materialien stützte und belebte; im Rahmen 
ler territorialen Kirchengeschichte hat H. von Schubert den Stoff 
meistern gewußt. Ein Werturteil im Einzelnen sei unterlassen; 
ir einige Punkte sollen zur Sprache kommen, da sie Gelegen- 
iit bieten, die Anfänge des Landeskirchentums auf deutschem 
öden richtiger zu erkennen, als es vordem möglich war. 

Gerade in der scharfen Betonung der Tatsache, daß während 
es späteren Mittelalters das Landeskirchentum sich erst vor- 
»ereitet hat, noch nicht aber jene Bildungen sich aufdecken 
ASsen, „die zwar auf einem Bekenntnis beruhen, welches all- 
gemeine Gültigkeit in Anspruch nimmt, aber ihre Autorität doch 
nicht über ihre provinziellen Gebiete ausdehnen können"^ — , 
hierin möchte das grundsätzlich wichtigste Ergebnis der auf- 
gezahlten Schriften zu erblicken sein; das oft gehörte Schlagwort 
▼on Landeskirchen vor der Reformation ist endgültig als unstatt- 
haft erwiesen. Li immer deutlicheren Umrissen femer erscheint 
das Bestreben einer Reihe von Landesherren, wohlgemerkt also 
nicht aller, nach kirchlicher Abschließung ihrer Territorien durch 
Landesbistümer, deren Besetzung oder gar deren Errichtung sie 
sich angelegen sein ließen. Es ging in Brandenburg Hand in 
Hand mit der Mediatisierung ursprünglich reichsunmittelbarer Bis- 
tümer, während die Pfalzgrafen bei Rhein sich begnügten, die 
Domkapitel von Speyer und Worms durch Angehörige des pfäl- 
zischen Adels gebildet zu sehen, auf diesem Wege aber auch die 

* Vgl. auch A. Bares, Der Mißbrauch der geistlichen Amtsgewalt I 
(München 1906), S. 30 ff. und dazu E. Eichmann: Historisches Jahrbuch XXIX 
(1908), 8. 100 ff. 

« Ranke, Englische Geschichte III (Sämtliche Werke XVI), S. 288. 



t 



176 Albert Werminghoff. 

Biscbofswahlen zu beeinflussen. Bischöfe und Domherren wurden 
als Kanzler oder Räte in den Dienst der weltlichen Machthaber 
gezogen, und die Einfügung des Klerus in den Kreis der Land- 
stände verkettete ihn mit den Interessen der Territorien. Hohe 
und niedere Geistliche begannen überall das Walten des welt- 
lichen Regiments zu verspüren. Viele von ihnen verdankten den 
ersten Bitten oder dem Patronat der Fürsten ihre Pfründen in 
einem Domkapitel, in einem Stift oder Kloster, an einer Pfarrkirche 
oder an einem Altar. Das Vermögen der kirchlichen Anstalten 
wurde immer mehr vom Landesherm bevogtet^ aber auch zu auße^ 
ordentlichen Leistimgen herangezogen, sobald die Not des Landes 
sie heischte. Frühzeitig genug bannten landesherrliche Amortisations- 
gesetze den übermäßigen Neuerwerb an Gütern seitens des Klerus 
in enge Grenzen. Landesherrliche Verordnungen traten seiner Be- 
teiligung an oft wucherischen Geldgeschäften, am Handel überhaupt 
entgegen. Die Lebensführung der Geistlichen wurde durch den Staat 
\md durch staatliche Vorschriften überwacht und reformiert; tot 
allem in Sachsen wurde die RegulargeisÜichkeit darüber belehri^ 
daß der Kampf wider ihre Zuchtlosigkeit nicht mehr eine nur 
innerkirchliche Angelegenheit sei, sondern daß auch der weltliche 
Arm ihn zu führen sich anschicke. Genossenschaften wie die Kalande 
in Brandenburg verspürten den Druck und die Ansprüche des i 
Landesherm auf ihr Vermögen. Die Berufstätigkeit der Geist- 
lichen wurde beaufsichtigt, an ihre rein kirchlichen Aufgaben er- 
innert. Kirchliche Einrichtungen wie Ablaß und Jubiläum wurden 
benutzt zur Füllung der landesherrlichen Kassen; der Wunde^ 
glaube der Massen an das heilige Blut zu Wilsnack war dem 
Brandenburger Kurfürsten willkommen, um den Anordnungen des 
Magdeburger Erzbischofs entgegenzutreten. Weidliche Mühe be- 
reitete vornehmlich die geistliche Gerichtsbarkeit, der Umfang 
ihrer Berechtigungen, die Verweltlichung ihres Verfahrens, ihrer 
Strafzumessungen und Urteilsvollstreckungen, unter denen die 
laikale Bevölkerung im Übermaß gelitten hatte. Gerade in der 
Abschätzung aber ihrer sei es usurpatorischefi, sei es rechtsform- 
lieh begründeten Beeinflussung durch die Staatsgewalt tritt die 
Verschiedenheit der territorialen Neuerungen deutlich entgegen. 
Mit gutem Grunde betont U. Stutz, daß die geistliche Gerichte- 
barkeit zumeist dort bekämpft wurde, wo auswärtige, d. h. dem 
Territorium nicht völlig eingegliederte kirchliche Instanzen sie 



euere Arbeiten üb. d. VerhältDis von Staat u. Kirche in Deutschland. 177 

uidhabien, daß sie in letzter Linie als eine politische Gefahr 
igesehen, befehdet und abzuwehren versucht wurde. Alle oben- 
rwähnten Arbeiten haben der geistlichen Gerichtsbarkeit ihr 
ugenmerk zugekehrt. Die Tendenz ihrer Einschränkung liegt 
ilenthalben zutage, ihre Mittel jedoch und ihre Ergebnisse sind 
> mannigfaltig, daß es nur möglich ist, auf die Schriften selbst 
Q Terweisen, um nicht durch die Heraushebung nur eines Terri- 
>riums dieses als typisch für alle übrigen erscheinen zu lassen. 
tie Vielgestaltigkeit auch der kirchlichen Organisationen auf 
eutschem Boden — sie ist weit größer, als man gemeinhin an- 
immt — warnt nicht zum mindesten, die Abgrenzungen zwischen 
taat und Kirche auf dem Gebiet der Jurisdiktion im engeren 
inne als gleichartig in allen Gebieten sich yorzustellen. Ihre 
«sultate waren andere in Brandenburg, andere in Österreich, 
idere in Jülich und Berg, andere in der Pfalz. 

Immerhin hieße es die Aufgabe eines Berichts überschreiten, 
^ide das Thema nach allen Seiten hin durch Beispiele erläutert; 
I mag damit sein Bewenden haben, daß wir die neuen Ordnungen 
I ihren allgemeinsten Umrissen zu verdeutlichen trachteten, 
lin Moment bedarf gleichwohl noch der Hervorhebung, die Diver- 
enz der Begründung für das Vorgehen der staatlichen Autorität, 
[ancherlei Hebel waren dafür am Werke. Hier wurde es gerecht- 
^rtigt durch Übelstände und Mißbräuche, durch den Glauben an 
ie Erfüllung einer landesherrlichen Pflicht, durch die augenblick- 
.che Situation — , also durch rein tatsächliche Umstände. Ander- 
ste stützte es sich auf Befugnisse der Landesgewalt als solcher 
- man denke an Patronat imd Yogtei — , auf Abmachungen mit 
en kirchlichen Instanzen, auf mehr oder minder mühsam erwor- 
bene Priyilegierung von Seiten des päpstlichen Stuhls — , also 
.uf rechtsformliche Sicherheiten. Während Jülich -Berg und die 
%Qz sich mit der Kirche auseinandersetzten mehr vermittels Aus- 
lutzung der gegebenen Lage der Dinge, waren es namentlich 
Jrandenburg und Österreich, die durch umfassende Verbriefungen 
ies Papstes für ihre Kirchenpolitik einen unanfechtbaren Rechts- 
»oden errangen und behaupteten; die päpstlichen Kanzleibeamten 
latten sicherlich keine nur achtstündigen Arbeitstage hinter sich, 
tifl für den Kurfürsten von Brandenburg am 5. Februar 1447 im 
{uizen siebzehn, am 10. September 1447 fünfzehn Urkunden 
ertiggesteilt waren, und zu jenen kamen noch zwei vom 2. Januar, 



i 



178 Albert Werminghoff. 

eine vom 7. Februar, zu diesen noch zwei vom 23. November 1447 
hinzu. 

Die Betonung dieses Unterschieds ist alles andere eher denn 
müßig. Auf ihm beruhte die Ausdehnung des landesherrlichen 
Kirchenregiments nach oben und nach unten, die Steigerung der 
landesherrlichen Gewalt selbst. Er erklärt historisch die Ver- 
schiedenheit im Maße der Betätigungen der Landesfürsten gegen- 
über den Kirchen und ihren Oberen wie Dienern. Diese erscheinen 
wirksamer, vom Zufall der Macht oder der Persönlichkeit unab- 
hängiger in Brandenburg und Osterreich; sie sind mannigfachen 
Schwankungen hinsichtlich ihrer Ziele wie ihrer Nachhaltigkeit 
unterworfen in Jülich -Berg und in der Pfalz. Dort verwächst 
das landesherrliche Kirchenregiment weit inniger mit der Landes- 
hoheit selbst als hier, wo es mehr dem freien Spiel der Kräfte 
anheimgegeben ist. Der tatsächliche Erfolg war überall der gleiche. 
Mochte das Papsttum noch immer als das einigende und einzige 
Oberhaupt der Kirche, als letzter Quell kirchlicher Berechtigungen 
angesehen werden, mochte man es vorziehen, den Umfang kirch- 
licher Befugnisse durch Brief und Siegel festlegen zu lassen, mochte 
man in die politische Gefolgschaft des Papstes eintreten oder nicht 
— jedenfalls hatte der Staat sich Platz erobert inmitten des 
Verfassungs- und Verwaltungssystems der Kirche auf deutschem 
Boden, dem Hypothekengläubiger vergleichbar, der den Schuldner 
durch immer neue Darlehen zu guter Letzt aus seinem Eigentum 
verdrängt. Dieses System konnte nicht mehr nach allen Seiten 
hin mit gleicher Kraft, mit den Tendenzen der VereinheitKchung 
sich auswirken. Der Staat selbst hatte kirchliche Befugnisse ge- 
wonnen, die eine Vereinheitlichung der kirchlichen Verwaltung 
innerhalb der Territorien zum mindesten anbahnten, und auf sie 
zu verzichten konnte ihm nicht zugemutet werden, als die römisch- 
katholische Kirche im Kampf mit dem Protestantismus sich an- 
schickte, die Summe ihrer Lehre, ihrer Ansprüche, ihrer mittel- 
alterlichen Gerechtsamen in eine veränderte Welt hinüberzuretten. 

Weittragend sind die Ergebnisse aller jener Arbeiten, und 
doch, wir bedürfen noch mehrerer von ihrer Art, freilich nicht 
so sehr für die weltlichen Territorien, obwohl eine Untersuchung 
über Böhmen^ oder ein innerdeutsches Territorium wie etwa 

* Die Ausführungen von A. Bachmann (Geschichte Böhmens II, Gotb* 
1906, S. eoflf. 873 ff. 673 ff.) geben nützliche Fingerzeige. 



mere Arbeiten üb. d. Verhältnia von Staat u. Kirche in Deutschland. 1 79 

raunschweig willkommen wäre, sondern für die geistlichen 
jrritorien. Unsere Fordemng wird auf den ersten Blick er- 
iunen. Wie darf man von Beziehungen zwischen Staat und 
Tche reden in Gebieten, in denen beide Lebensordnungen in 
lem und demselben Geistlichen ihre Spitze finden, die einen 
^gensatz zwischen beiden gar nicht kennen? Gewiß, in den 
-zbischöfen und Bischöfen des alten Reiches yereinigten sicli 
rchliche und weltliche Befugnisse. Jene eigneten ihnen als den 
ätem der Provinzen imd der Diözesen, diese handhabten sie als 
3rtreter ihrer Anstalten gegenüber deren Land und ihren Hinter- 
ssen. Sie waren — gleich den Reichsäbten, denen es aber an 
rchlicher Leitungsgewalt über einen Bezirk gebrach — Reichs- 
rsten und deshalb Lihaber der Landesherrlichkeit über das Gut 
rer Kirchen. Sie waren — im Gegensatz zu den Reichsäbten — 
rager einer kirchlichen Würde innerhalb der hierarchischen 
Liederung der Gesamtkirche, Inhaber einer Leitungsgewalt kirch- 
sher Natur gegenüber einem ihrem Rang entsprechenden Ver- 
altungssprengel. Deshalb kann man sehr wohl fragen, ob und 
ieweit die Landesherrlichkeit der Erzbischöfe und Bischöfe Ein- 
nß hatte auf die Geistlichkeit, auf das kirchliche Wesen ihrer 
lebiete, ihrer Territorien. Wohlverstanden nur dieser allein; denn 
s ist an der Zeit, einmal mit allem Nachdruck auf die verschie- 
lene Bedeutung einerseits von Kirchenprovinz und Diözese, anderer- 
seits von erzbischöflichem und bischöflichem Gebiet oder Land 
aafmerksam zu machen.^ Um so berechtigter ist unsere Forderung, 

^ Wie häufig begegnet man doch der Bezeichnung ,,Erzdiöze8e'\ wo 
die Kirchenprovinz oder, damit gleichbedeutend, der Metropolitansprengel 
gemeint ist. Erzdiözese ist eben die Diözese, die verwaltet wird von einem 
Enbischof als ihrem Bischof; gemeinschaftlich mit anderen Diözesen bildet 
lie die Eirchenprovinz des Erzbischofs. — J. U. 6. J. Ebers, Das Devolutions- 
tvcht (Stuttgart 1906), S. 87 nennt die Diözese „das der bischöflichen 
JuiUdiktion unterworfene Territorium, welches aus einer Reihe lokaler, 
Klbitändiger Bezirke mit eigenen Kirchen und Klerus besteht'S das Bistum 
dagegen den größten dieser lokalen Organismen, „bestehend aus bischöf- 
^chen Eigenkirchen, Klöstern, Oratorien, später auch aus den vom König 
^äiehenen öffentlichen Rechten : Zöllen, Münzrecht usw., auf dessen Lände- 
i^ien sich Nießbraucher, Prekaristen, Benefiziare, Zinsleute, Kolonen und 
^wen befinden; außerdem sind noch viele dem Inhaber des Bistums, dem 
°>9chof, durch Kommendation und Vassallität verbunden*'. Ich möchte mir ^ 
^^ Dutinktion nicht zu eigen machen, sondern stelle gegenüber: Diözese 
i^iicliöflicher Sprengel oder Bezirk, Bistum) und Territorium (Gebiet, Land) 



180 Albert Werminghoff. 

als nirgends die kirchlichen Verwaltungsbezirke der Provinzen 
und Diözesen mit den Gebieten der erzbischöflichen oder bischöf- 
lichen Kirchen sich deckten; jeder Blick auf eine historische 
Karte etwa der Kölner Kirchenprovinz und des Gebietes der 
Kölner Kirche^, der Straßburger Diözese und des Gebietes der 
Straßburger Kirche gewährt darüber Aufschluß. Wenn das lai- 
kale Fürstentum die Gewalt interterritorialer wie exterritorialer 
kirchlicher Leitungsinstanzen einengte, sollten diese ihrerseits, so- 
weit sie Reichsfürsten waren, nicht auch bestrebt gewesen sein, 
den Klerus ihrer Gebiete sicherzustellen vor der Gewalt auswar 
tiger Erzbischöfe und Bischöfe, jenen Klerus, der an sie als seine 
weltliche, nicht aber zugleich seine kirchliche Obrigkeit gebunden 
war? Das Gebiet des Bischofs von Straßburg unterstand weltlich 
seinem Regiment allein, kirchlich aber seiner eigenen Leitung; 
daneben der des Bischofs von Konstanz und des Bischofs tod 
Basel; für ihn lag es nahe, das kirchliche Wesen auch derjenigen 
Gebietsteile zu beeinflussen, die für ihn als Inhaber kirchUcher 
Jurisdiktionsbefugnisse unerreichbar waren. Man wende nicht ein, 
diese Verhältnisse seien nicht als innerlieh verschiedenen Ursprungs 
und Wesens empfunden worden. Wer zugibt, daß mit gutem 

der bischöflichen Kirche (des Bischofs), Erzdiözese (erzbischöflicher Sprengel 
oder Bezirk) und Territorium usw. der erzbischöflichen Kirche (des Eb- 
bischofs; s. oben), endlich Kirchenprovinz (Metropolitansprengel, Eizbistom) 
des Erzbischofs, der als ihr kirchlicher Leiter kein der KirchenproTinz ali 
solcher gehöriges Territorium verwaltet. Die Bezeichnungen Stift und Erutift 
möchte ich lieber vermeiden, da sie Anlaß geben könnten zur Verwechslung 
mit den Kollegiatstiftem. Vergleichbar dieser häufigen Verwiming ist die 
andere, daß man von Domstiftem spricht, wo es sich nur um Stifter handelt, 
von Stiftern, wo Klöster gemeint sind. Immerhin ist sie, weil schon in 
Mittelalter vorkommend, entschuldbarer als die gerügte. 

^ Der Wahlort Rhense am Rhein z. B. gehörte zum Gebiet des Köber 
Erzbischofs, unterstand aber kirchlich dem Trierer als dem Ordinarius seiner 
Erzdiözese; ebenso die Städte Andernach und Linz; vgl. C. Vairentnpp« 
Hermann von Wied und sein Reformationsversuch in Köln (Leipzig 1878)* 
S. 166. — Nur im Staate des Deutschen Ordens war jedem der Bistümer 
(im heutigen Ostpreußen also jedem der Bistümer Culm, Ermeland, Pome- 
sanien und Samland) ein Drittel des Bodens, über den sich ihre kirchlicbe 
Verwaltung erstreckte, zu Eigentum als Gebiet oder Land zugeteilt worden; 
jedes dieser Gebiete bildete, im Großen und Ganzen betrachtet, einen in 
sich geschlossenen, zusammenhängenden Distrikt. Die Vorliebe für schema^ 
tische Gliederung, wie Kolonisationsgebiete im Gegensatz zum Mutterlftoda 
sie regelmäßig aufweisen (vgl. die Stadtpläne!), tritt auch hier entgegen. 



s Arbeiten üb. d. Verhältnis von Staat a. Kirche in Deutschland. 181 

le von einer Eirchenpolitik der deutschen geistlichen Reiche- 
rn gesprochen werden darf*, wer femer damit einverstanden 
aß der Zuwachs an kirchlichen Rechten zu Händen der lai- 

Reichsfiirsten sich untersuchen und werten läßt, räumt zu- 
I ein^ daß Gleiches zu gelten habe von der Machtsteigerung 
ürzbischöfe und Bischöfe als der Inhaber weltlicher Gebiete. 
$ Schilderung der geistlichen Gebiete im alten deutschen 
L vergißt zu betonen, daß sie die löblichen Eigenschaften der 
Ibarkeit und grundsätzlich auch der Unveräußerlichkeit be- 
. Wie aber ihr Umfang tatsächlich sich mehrte oder min- 
j ebenso auch der Komplex der landesherrlichen Befugnisse 

Besitzer. Oft genug wird der Stände in geistlichen Terri- 
1 gedacht. Gehörten zu ihnen solche, die allein der kirchlichen 
ingsgewalt des Erzbischofs oder Bischofs unterworfen waren, 

nicht vielmehr nur solche, die in ihnen die Landesfürsten 
ckten? Über die Zulassung zu den Ständetagen entschied nicht 
Zugehörigkeit zur Diözese, sondern die Zugehörigkeit zum 
et der Diözese, und dieser Satz gilt von den weltlichen wie 



* Vgl. z. B. die Einleitungen von J. Hansen zu „Westfalen und Ehein- 
im 15. Jahrhundert" I und II (Publikationen ans den Preußischen Staats- 
Ten XXXIV. XLU). Leipzig 1888 und 1890, die Einleitung Redlichs 
oben yerzeichneten Werke und F. Stentrup, Erzbischof Dietrich IL von 
(t 1463) und sein Versuch der Inkorporation Paderborns. Münster i. W. 

— Soviel ich sehen kann, beginnt erst mit der zweiten Hälfte des 
ahrhunderts die Häufung von mehreren Bistümern in der Hand eines 
^ Mannes — man denke z. B. an Albrecht von Magdeburg und Mainz 
46) — , auch sie bei der Herkunft der Bischöfe ein Zeichen des vor- 
enden weltlichen Reichsfürstentums, das dadurch seine Einflußsphären 
98erte, wohl kaum ein Mittel der Kirche, um der Laienmacht ent- 
untreten durch Schaffung kirchlicher Personalunionen , eher ein solches 
Ciiehenzucht gegen die adligen Domkapitel (vgl. bei Kanke, Sämtliche 
:e I, S. 48 Anm. 1 den Ausspruch des Enea Silvio: Si episcopum potentan 
mhir, virgam correctianis timent). Eine Statistik aller dieser Fälle, die 
icb die. beinahe dauernde Verbindung der Bistümer mit bestimmten 
if&ntlichen Familien, die Gleichzeitigkeit von Bischöfen aus derselben 
lie auf verschiedenen Bischofsstühlen ins Auge faßte, wäre sehr will- 
aen. Aus dem 18. Jahrhundert ist mir nur Eonrad von Hildesheim 
^ttrzbnrg (t 1202) bekannt (vgl. A. Hauck, Kirchengeschichte Deutsch- 

IV, Leipzig 1908, S. 706 Anm. 4); über Balduins von Trier (f 1354) 
log in Mainz und Speier vgl. K. Löhnert, Personal- und Amtsdaten der 
«Erzbischöfe des 10.— 16. Jahrhunderte (Greifswald 1908), S. 46 ff. 



182 Albert Werminghoff. 

den geistlichen Ständen in den geistlichen Reichf&rstentümern.^ 
Ist alles dies begründet^ so erscheint die oben aufgestellte Forde- 
rung zum mindesten als der Erwägung wert — , ihre Erfüllung 
freilich setzt ein dreifaches voraus: einmal ausgiebige Urkunden- 
und Regestenwerke mit möglichst weiter zeitlicher Erstreckung 
sodann genaue Abgrenzungen der Territorien und der Sprengel 
der geistlichen Reichs- und Kirchenfiirsten, wenn möglich mit 
Hülfe von Karten gleichen Maßstabs ^ endlich sorgfaltige Er- 
forschung und Yergleichung des kirchlichen imd territorialen 
Abgaben- und Steuerwesens. Hinsichtlich der ersten und zweiten 
dieser Voraussetzungen sind, namentlich im Rheinland, nützliche 
Vorarbeiten bereits gemacht; hinsichtlich der letzterwähnten kann 
nur gesagt werden, daß auf diesem Gebiete noch so gut wie aUes 
zu tun ist, sieht man ab von den bisher für die Diözesen Eon- 
stanz und Brandenburg vorliegenden Forschungen.' Der Lolm 
solcher Untersuchungen dürfte nicht gering zu schätzen sein. Sie 
würden die Eigenart der geistlichen Territorien in ein helleres 
Licht rücken und vielleicht auch erklären, wie es möglich war 
durch den geistlichen Vorbehalt vom Jahre 1555 den katholischen 
Kirchenfürsten im Reiche ihre weltlichen Herrschaften, ihre Reich»- 
lehen, d. h. eben ihre Gebiete, zu erhalten.^ Dies aber ist der 
Punkt, an dem die hier erhofften Arbeiten mit denen über die 
weltlichen Territorien zusammentreffen. Die protestantischen 
Reichsfürsten des sechzehnten Jahrhunderts konnten dort vo^ 
nehmlich zu Säkularisationen schreiten, wo sie die kirchliche 6e- 

^ Vgl. H. Spangenberg, Hof- und Zentralverwaltnng der Mark Branden- 
burg S. 106 ff. 

' In dieser Hinsicht lassen es die Karten bei 6. Drojsen (Allgemeiner 
historischer Handatlas. Bielefeld und Leipzig 1886) an sich fehlen; S. 30/31 
und S. 84/35 ist Deutschland im 14. bzw. im 16. Jahrhundert dargestellt im 
Maßstab Ton 1 : 3400000, S. 33 die kirchliche Einteilung um 1600 im Maß- 
stab von 1 : 9000000. Das Gleiche gilt von anderen historischen Atlanten, 
auch dem von K. Heussi und H. Midert, Atlas zur Kirchengeschichte (Tü- 
bingen 1905), Nr. VUIa (Kirchliche Einteilung Mitteleuropas vom Ende dei 
12. Jahrhunderts bis zur Reformation, 1 : 5500000) und Nr. Xa (Deutschland 
1565, 1:5000000). 

* A. Ott, Die Abgaben an den Bischof bzw. Archidiakon in der Diö- 
zese Konstanz bis zum 14. Jahrhundert. Freiburg i. Br. 1907. F. Cursch- 
ifiann« Die Diözese Brandenburg (Leipzig 1906), S. 300 ff. 

* Vgl. die Bemerkungen von St. Putter, Historische Entwickelnng der 
heutigen Staatsverfassung des Teutschen Reichs I (Götiingen 1786), S. 4i5£ 



(teuere Arbeiten üb. d. Yerhältiiis von Staat u. Kirche in Deutschland. 183 

«ralt der Bischöfe bereits starken Einschränkungen unterworfen 
hatten; sie mußten Halt machen vor den reichsunmitt^lbar ge- 
bliebenen Gebieten der Erzbischöfe und Bischöfe^ deren Landes- 
hoheit in ihrem ganzen Umfang als ein Komplex weltlicher und 
kirchlicher Gerechtsame der laikalen ähnlich geworden war.^ 

Wir halten inne, um nicht des Einbruchs in das Gebiet der 
neueren Geschichte beschuldigt zu werden; in erster Linie gelten 
unsere Gedanken und Anregungen dem deutschen Mittelalter. 
N^och wahrte an seinem Ende die universale Kirche gegenüber 
den Territorien des römischen Reichs und der deutschen Nation 
ihre Einheit auf dem Gebiete der Lehre und des Glaubens^ ihre 
rechtliche Ordnung aber in Verfassung und Verwaltung hatte 
nicht mehr die Kj-aft zur Alleinherrschaft, zur Behauptimg aller 
ihrer Befugnisse kirchlicher Natur durch ihre Organe. Oftmals 
ist ihr Reich verglichen worden mit dem der altrömischen Kaiser, 
deren Erben die Papste wurden. Diesem gleicht es auch darin, 
daß, wie die Wanderzüge der Germanenstamme die Kaiser zu 
Landabtretungen nötigten, das Erstarken der Nationen und ihre 
auf die Befreiung, Verselbstandigung und Vormachtstellung des 
welthchen Staates gerichteten Tendenzen die Kirche zwangen, 
Sondergebiete von sich abzutrennen, über die nicht sie aUein 
mehr schalten und walten konnte. Noch schien der Bau der Kirche, 



' Ich sehe hier ab vom Gebiete des Deutschen Ordens, weil es nicht 
eigentlich zum Deutschen Reich gehörte. — Eine Andeutung des im Texte 
erwähnten Gegensatzes findet sich bereits bei S. Pufendorf in seiner Schrift 
De statu imperii Germanici c. 2 § 10 (ich benutze die Ausgabe: Lipsiae 
1708, S. 123 fP.): Ccieterum cum quandam ipeorum (eceUsicutieorum) opes secu- 
larium principum ditiows superarent aut saUem aequarent, non exiguum 
eaedem detrimentum passae sunt occasione reformaiae per magnam Germaniae 
patiem religionis, abreptis bonis sctcris, quorum possessio conventione Passes 
mensi et pace Augustana ac post per paeem Wei^tphalicam confirmata. Nam 
per circulum utrumque Saxonicum paucissima scicerdotihus remansere. Princi- 
pünis superioris Germaniae, si ducem Wurtenbergicum excipias^ parcior praeda. 
Causam adsignaveris , quod Scuconibus minor e Carolo V. Caesare metus quam 
igtis, quos vicinia suarum ditionum aut praesentia praemebat. Quin et di- 
spersae magis isto tractu sacerdotum ditiones et validiorum intercursu jprtn- 
eijpMin debilitatae. Per superiorem Germaniam et Westphaliam contiguas 
magis et ad auxüia invieem feretida magis accommodas posuere sedes et 
inprimis totum Bhenum, qua parte laetissima est Germania, obsederant, nisi 
tarn decoram seriem eleetoris Palatini terrae interrumperent. Vgl. auch 
K. Müller, Kirchengeschichte U, 1 (Tübingen und Leipzig 1902), S. 423. 



184 Albert Werminghoff. 

dem gotischen Dome mit seiner Lockemng und Verbindung der 
einzelnen Glieder ähnlich, auf festen Fels gegründet, — er zer- 
barst, als nach dem mühsam beigelegten Zwiespalt in der obersten 
Leitung der im Glauben des deutschen Volkes entfacht wurde. 

Exkurs: Der Begriff „Deutsche Nation" in Urkunden des 
15. Jahrhunderts. 

Das Konstanzer Konkordat (capitulu concordata) vom Jahre 
1418 bezeichnet sich als vereinbart inter satidissimum in Christo 
patretn et dominum nostrum dominum Martinum divina Providentia 
papam V. et reverendos patres praelatos necnon egre^ibs et circum- 
spectos viros ambasiatores, procuratores, doctores ceterosque venerabilm 
nationem Germanicam ingepierali Constantiensi concüio rcpraesentarUes 
et facientes} Wir fragen nach der Bedeutung und der Geschichte 
des BegriiFs „Deutsche Nation'^ 

Zum ersten Male bezeugt ist die Gliederung eines Konzils 
nach den Nationen seiner Mitglieder auf dem zu Lyon, das 
Gregor X. (1271—1276) im Jahre 1274 veranstaltete.* Daß auch 
das Konstanzer Konzil (1414 — 1418) sie aufwies*, ist bekannt 
wie zugleich die Tatsache, daß diese Gliederung ihr Vorbild hatte 
in derjenigen der Studenten und Lehrer auf den italienischen 

^ B. Hübler, Die Gonstanzer RefonnatioD und die Concordate von 1418 
(Leipzig 1867), S. 164. In den Konkordaten der französischen und der eng- 
lischen Nation kehren die Worte: inter-fiationem, in generali-facientes wieder, 
das Wort Germanicam ist ersetzt durch Gallicanam bezw. Anglicamm; 
a. a. 0. S. 194. 207. — Es mag daran erinnert werden, daß, wie B. Hübler 
(a. a. 0. S. 164 Anm. 2) bemerkt, der Name Concordatum {Concordata) im 
14. Jahrhundert für alle Arten von Verträgen gebraucht wurde, im Anfang 
des 15. Jahrhunderts er üblich war speziell für Vereinbarungen zwischen 
kirchlichen Machtfaktoren (wie eben in der Konstanzer cnpitula concordata 
von 1418 zwischen Papst Martin V. und den nationalen KonzilsfraktioDeD), 
daß erst seit Mitte des 15. Jahrhunderts der Ausdruck Konkordat techuBch 
für Vereinbarungen zwischen Staat und Kirche vorkommt (in den Wiener, 
früher Aschaffen burger genannten concordata von 1448 zwischen König 
Friedrich III. und Papst Nicolaus V.); die Konkordate des 19. Jahrhunderte 
bezeichnen sich regelmäßig als conventiones , ohne daß hierdurch eine 
Wesensverschiedenheit zum Ausdruck gelangte. 

• Vgl. A. Hauck: Historische Vierteljahrschrift 1907, S. 473. 

» Vgl. P. Hinschius, Kirchenrecht IH (Berlin 1883), S. 873 ff. F. Stohr, 
Die Organisation und Geschäftsordnung des Pisaner und Konstanzer Konsili 
(Schwerin 1891), S. 52 ff. 



raere Arbeiten üb. d. Verhältnis von Staat n. Kirche in Dentschland. 185 

Liversitaten, bei der Pariser Artistenfakultät, späterhin auch in 
ag und Leipzig.^ Die Deutsche Nation auf dem Konstanzer 
mzil war, wie B. Hübler nachgewiesen hat*, eine freie Ver- 
ligung, zu der sich der deutsche Klerus auf der Grundlage ge- 
^insamer Interessen mit den ungarischen, polnischen, dänischen, 
iwedischen und norwegischen Prälaten zusammenschloß. Sie 
kT von Haus aus eine parlamentarische Fraktion, aber si» wurde 
erkannt offiziell als Vertreterin der kirchlichen und staatlichen 
teressen jener Völker, deren Gesandte oder Angehörige sie 
.deten.' Im Gegensatz zu den übrigen Nationen des Konzils, 
r englischen, französischen, spanischen und italienischen, war 
3 deutsche nicht landsmannschaftlich einheitlich. Sie umspannte 
jht nur die Vertreter der auf dem Boden des Deutschen Reichs 
stehenden kirchlichen Verbände und Anstalten. Die Verwen- 
ng aber der Bezeichnung war bequem, weil sie in Kürze Deutsch- 
id und seine Nachbarländer, in erster Linie die kirchlichen 
rganisationen hier wie dort zu umschreiben gestattete.^ Jeden- 
Us war die ,J)eutsche Nation'^ ein zufälliges Gebilde der Kon- 
inzer Konzilsverfassung und Geschäftsordnung. Sie entbehrte 
r Dauer über das Konzil hinaus; sie löste sich auf mit diesem, 
an weiß, jenes Konkordat war vereinbart auf fünf Jahre; lapso . . . 
inquennio qtmdibet ecdesia et persona . . . liberam facuUatem 



^ Vgl. 6. Kaufmann, Die Geschichte der dentschen Universitäten II 
tattgart 1806), S. 60 f. 

' B. Habler, a. a. 0. S. 316 fiP.; ygl. auch C. Mirbt: Realencyklopädie 
r protestantische Theologie und Kirche X (3. Aufl. Leipzig 1901), S. 705. 

' Vgl. die Protestatio nationis Germanicae von 1417 September: Ve- 
rae patemüates (d. h. die Mitglieder des Konzils) . . . requisiverunt inter 
ienu orbis nationes in religione Christiana et divini ctdtiM, ut speratj Deo 
mtam, patienUm et humilem nationem Germanicam per Dei gratiam non 
vigis impotentem, aed praeter imperialem monarchiam octo regna inclyta, 
hioatiM^ marchionatus et alios principatas, potentatus et comitatus latissimos 
ipotentissimos dominiaque et communia proxima inconfracta viribus parante 
Domino eontinentem (H. von der Hardt, Magnum Constantiense concilium lY, 
^luikfurt und Leipzig 1699, S. 1419; vgl. auch unten S. 187 f. Anm. 3e). Immer- 
'^ ist zu betonen, daß hier bereits durchschimmert jene Bedeutung der 
il^eutschen Nation** als eines rechtlich geordneten Gesamtkörpers, die später 
ue als einer konziliaren Fraktion verdrängt hat. 

* Vgl. Hübler, a. a. 0. S. 177 : . . . Martinus V..,ad spiritualem profectum 
^^^Mi Christiani de consensu ae hemplacito nati&nis Germanice »tatuit . . . , 
' 179: in aliis coUegiatis ecelesiis eiusdem ncUianis, 

HiMor. Vierteljabnehrift. 1908. 8. 13 



186 Albert Werminghoff. 

habeat utendi quolibet iure suo,^ Kein Wort verlautet darüber, 
daß nach Ablauf jener Frist die ^^eutsche Nation^ noch bestehen 
werde^ daß sie dann Gelegenheit haben sollte^ entweder auf einer 
Erneuerung des Konkordats oder seiner Abänderung zu bestehen. 
Fester erscheint der Begriff der natio Germanica im Mainzer 
Acceptationsinstrument vom Jahre 1439. Nos oratores Romam 
regii^ so heißt es hier*, prifwipes dedores hie presentes aHarum- 
que dedorum sacri imperii et Älmanie metrapoHtanorum absentium 
oratores decreta sacri Basiliensis concilii acceptamus . . . scdvis tarnen 
in quibusdam ex eis dedaraiionihuSy modificaHonibus et limitaJtum- 
bus nostre Germanice naiioni ac cuüibet nostrum singulariter m 
suis provinciiSf dyocesibus seu territoriis conffruentibtis et accomtMdis^ 
f actis et fiendis, suis loco et tempore oportunis exprimendis ac per 
sacrum concUium decretandis] . . . stare vdumus in priaribus no^ 
et nationis nostre Germanicne protestatianibus pridem fadis. In 
den letzten Worten ist eine Anspielung auf die NeutraliütB- 
erklärung vom 17. März 1438 offensichtlich*, sechs Monate sollte 
diese in Kraft bleiben; würde aber dann eine Einigung zwischen 
Papst und Konzil nicht erreicht sein, so wollen die sechs Kiur- 
fürsten cum ipso principe nostro (d. h. dem zu wählenden Konig) 
ac pontificibuSy prelatis ac divini et humani iuris peritis zu Rate 
gehen dy quod ratio didaverit, cui parti favendum et obtemperandm 
sitj id ipsum omnes unanimi consensu et sincero corde cum omnibu$ 
pontificibus et prelatis ac rdigiosis principibus, comitibus, baronibnSj 
satrapibus et optimatibus sacri Romani imperii constantius amplec- 
temur.^ Man sieht, die Wendung „Deutsche Nation" ist im 
Jahre 1438 vermieden und hat einer recht umständlichen Um- 
schreibung Platz machen müssen. Alle jene hier genannten geist- 
lichen und weltlichen Gewalten bilden, in den Augen der 1439 
zu Mainz Versammelten, die „Deutsche Nation^'. Denn nicht 
kann 1439 gemeint sein die „Deutsche Nation" auf dem Baaler 



> Hübler, a. a. 0. S. 193; vgl. ebd. S. 206 f. 324 f. 

' C. G&rtner, Corpus iuris ecclesiastici catholicomm novioris I (Saüfl- 
burgi 1797)^ S. 7 § 2 des Prooemium ; s. oben S. 162 Anm. 4. 

' W. Altmann, Die Wahl Albrechts II. zum römischen KOnige (BerliB 
1886), 8. 90. Im Neutralitätsvertrag vom 20. März 1438 findet sich der Sati: 
80 getruwefi wir, das aüe anderen fursten, geigüiche und weUliche, jfons 
Deutsch landes sich von uns in solicher eynunge nu^t sdmden solUn noeft 
wollen (ebd. 8. 92). 



nere Arbeiten üb. d. Verhältiiis von Staat u. Kirche in Deutschland. 187 

)nzil^ die — ähnlich wie früher in Eonstanz — eine freie laDds- 
umschaftliche Vereinigung war behufs Vorbereitung der auf 
m Konzil zu behandelnden Gegenstande, die als solche keinerlei 
itscheidung hatte für die Abstimmungen des Konzils.^ Für 
B Mainzer Acceptationsinstrument wird die naMo Germanica 
bildet Yom König, den Kurfürsten und Erzbischöfen, soweit die 
zieren zugleich deutsche ReichsfÜrsten sind und sofern sie ihre 
OTinzen wie auch die in diesen yereinigten Diözesen vertreten.* 
»r Begriff ,,Deutsche Nation^^ also hat sich in seiner Erstreckung 
f das Deutsche Reich als auf einen Verband weltlicher Gebiete 
d kirchlicher Verwaltungsbezirke verengert. Er hat sich zu- 
eich durch die Einbeziehung der berufenen Organe der welt- 
hen und kirchlichen Organisation ausgedehnt. Er ist eben des- 
Ib unabhängig geworden von zeitlicher Befristung. König, 
irf&rsten und Erzbischöfe handeln für das Reich, fQr ihre 
irritorien, Provinzen und die Diözesen. Die ncdio Germanica 
steht nach ihrer Auffassung für alle Zeiten. 

Die Erörterungen und Verhandlungen der folgenden Jahre 
ben sich der Wendung ,J)eutsche Nation" immer wieder be- 
mt.' Ihr Begriff wird niemals genau umschrieben, aber er 

^ Vgl. Hinschius, a. a. 0. lU, S. 392 Anm. 7. — Zahlreiche Belege 
d Teizeichnet z. B. Deutsche Reichstagsakten XI (Grotha 1898), S. 616. 
[ (1901), S. LXIIflF. und 836. 

* Vgl. § 1 des Epilogus der Mainzer Acceptation (Gärtner I, S. 69 f.): 
damini Eomanorum regis oratores . . . nomine regia ac pro eo et tota Ala- 
$mia euncUsque suis principibus et sübditis ecclesiasticis et secülarüms 
useunque stcUus, gradus, conditionis seu preeminentie fuerint, deinde archi- 
seopus MagunUniM pro se, ecclesia et cunetis conprovincicUibtu et clero suis 
. . . marchione Brandenburgensi . , ., cuius ad hoc se speciale habere man- 
ium asseruü, dominus arcfiiepiscopus Coloniensis pro se ac ecclesia sua, domini 
archiepiscopi Treverensis pro ipso ac ecclesia Treverensi et clero suis, 
4ne daminorum SaUshurgensis et Magdehurgensis archiepiscoporum oratores, 
basiatores et procuratores . . . pro eisdem dominis ac ecclesiis, provinciis et 
'O suis . . . prefati sacri Basüiensis concüii decreta soUempniter acceptarunt, 
salvis tarnen in qutbusdam ex eis modificoHonihus, declarationibus et limi- 
ianihus ipsis et Gennanice nationi et cuüihet eorum singulariter in suis 
mnciis^ dioeesibus seu territoriis congruentibus et accommodis, f actis et 
idis . . . per sacrum Basiliense concüium . . . decretandis (vgl. oben S. 162 
m. 4, S. 186 Anm. 2). Nach § 2 des Epilogus (a. a. O. S. 60) erklären 
lannte Gesandte den Beitritt des Erzbischofs von Bremen nomine eiusdem 
tttnt archiepiscopi et suffraganeorum suorum. 

' Im Folgenden sind nur einige Beispiele angemerkt, a) Eugen IV. 

18* 



188 Albert Wenninghoff. 

wird je länger je mehr gebraucht im Sinne des Mainzer k- 
stmments vom Jahre 1439^ in einer dentschen Übersetzung frei- 

1446 Juli 22 (Gärtner, a. a. 0. I, S. 89): Nuneios nostros cum plena potfstaU 
legatorum de UUere per totam natümem Germanicam duximus destinandas. — 
b) Eugen IV. 1447 Februar 6 (a. a. 0. I, S. 197): Konstanz, Straßbuig, Mainz, 
Worms und Trier sind loca nationis Germanicae. — c) Eugen IV. 1447 
Februar 5 (a. a.O. I, S. 108 f.): Spricht von der tranquiüitas et commaditat... 
ficUionis Germanicae, quam apostolica sedes singulari affectione prosequitur; 
er will einen Legaten schicken ad partes Germaniae^ qui mediantibus regt, 
archiepiscopo (Maguntinensi) et marchione (Brandenburgensi) praefatis ac 
aliis eitudem nationis principibus et praelatis, cum quibus fuerit opus, super 
observantia et modificatione decretorum huiusmodi . . . treuere valeat et finaUter 
concordare. — d) Eugen IV. 1447 Februar 6 (a. a. 0. I, S. 106 f.): Spricht 
davon, daß Friedrich m, die Kurfürsten von Mainz und Brandenburg, sacri 
imperii electores, dliique nonnuüi praekUi et principes nationis Oermanicae 
pro bono pacis et concordiae et ad toUenda scandala nationis praefatae sich 
an ihn gewandt haben wegen Zurücknahme der Sentenzen gegen die Erz- 
bischöfe und Kurfürsten von Köln und Trier. — e) Eugen IV. 1447 Febnuir 7 
(a. a. 0. I, S. 112 f. 116 f.): Spricht von nonnuJli principes tarn ectiesiattiei 
quam saeculares 'fMtionis Germanicae; teilt mit, daß der König, der Mark- 
graf von Brandenburg, die Erzbischöfe von Mainz, Magdeburg, Salzburg, 
Bremen ac quidam alii praelati et principes dictae nationis . . . dMaM 
oboedientiam . . . praestiterint ; erwähnt omnes et singulas praefatae nationu 
aut alterius in ea beneficia vel officia obtinentes personas ecclesiastieas et 
saeculares^ etiamsi regalis, archiepiscopalis, episcopalis vel aUerius dignitatis 
fuerint; spricht von den singuli metropolitani eiusdem nationis. — Die Be- 
lege b — e sind den sog. Fürstenkonkordaten entnommen und hier mit C. Mirbt 
(Realencyklopädie usw. X', S. 709) aufgezählt in der Reihenfolge ihres Ab- 
drucks bei F. Walter, Fontes iuris ecclesiastici antiqui et hodiemi (Bonn 
1862), S. 100 ff. In a und b wird der BegrifiP natio Germanica in geo- 
graphischem Sinne angewandt wie z. T. auch unter c (s. auch die nächste 
Anm.). Geographisch-ethnographisch ist auch die Umschreibung in der Rede 
Enea Silvios zu Born, 1447 Februar (Gärtner I, S. *j9). Er spricht von der 
nobilissima et latissima fiatio Germanica, quae a& Älpibus Italiae usqtte 
in Oceanum et a Bheni fluente usque in Tartarorum barbariem protensa M 
splendidas urbes in se contitiet, tot latissimas provincias, tot omp/Miia 
regna, tot venerandas eccksias, tot potentes principes, tot populos, tot linguat 
diversas (s. auch oben S. 186 Anm. S). Dann aber heißt es maximi prindpii 
(Friedrichs III.) . . . suorumque principum ac nationis Germanicae debitam . . • 
recipies (der Papst) oboedientiam. Hier also dieselbe Bedeutung wie oben 
unter c— e. — f) Nicolaus V. 1447 Mfixz 28 (a. a. 0. I, S. 119): Sein Vo^ 
ganger hat Einiges festgesetzt auf Bitten des Königs, des Erzbischofs von 
Mainz, des Markgrafen von Brandenburg wmnullorumque aliorum nationit 
eiusdem . . . pro commodo, statu et utilitate nationis Germanicae dusque prae- 
latortim, ecclesiarum ac ecclesiasticarum personarum, Anderes gewährt den 
praelatis, baronibus et singularibus personis dictae nationis. 



Neuere Arbeiten üb. d. Verhältnis von Staat n. Kirche in Deutschland. 189 

lieh auch in einem zunächst geographischen Sinne \ in einer 
anderen mit nachdrücklicher Betonung der durch die Sprache be- 
dingten deutschen Nationalitat.' Immerhin entzieht eben dieser 
häufige Gebrauch den Begriff allen Zufällen der kirchenpolitischen 
oder allgemein politischen Konstellation. Er fügt ihn ein in den Wort- 
schatz des deutschen Reichsrechts. Zeugnis hierfür ist das Wiener 
Konkordat (cancordata) vom Jahre 1448^ vereinbart inter sancHssimum 
in Christo patrem ac dominum nostrum dominum Nicolaum divina 
Providentia papam quintum apostolicamque sedem ac nationem Alor 
manicam sandissimi domini nostri et sedis eorundem nominibus 
per reverendissimum in Christo pairem ac dominum dominum Johannem 
sacrosancte Romane ecclesie cardinalem legatum ad nationem Ger- 
manicam de UUere missum^ plena in ea parte cmctoritate et potestate 

^ Die Kurfürsten sprechen in ihrem Briefe von 1446 M&rz 21 (Gärtner 
I, S. 81) von den metropoUien und andern fürsten, geistlichen und weltlichen, 
DuUscher Lande. Vgl. außer der yoraufgeh enden Anmerkung (a, b, c und e) 
auch J. Horix, Ad concordata nationis G^rmanicae integra documentorum 
fasciculus I (Frankfurt und Leipzig 1776), S. 196: concilium . . . hoc tempore 
tongregatum est in urhe Basüiensi nacionis Germanice, S. 449 : in concüio Con- 
stanciensi nticionis Germanice. 

* Die Kurfürsten schreiben 1446 October 6, in den sog. Concordata 
principum Francofurtensia (Gärtner 1, S. 90), sie hätten den Papst aufge- 
fordert, daß sein heiligkeit die alte beschujerung abstellen und Germanischen 
getsunge nach der form der ufgenommen decret, nach noihdurft, unterscheid 
und gelegenheit Deutschen geistiges versehen tooüe, daruf nun seine heiligkeit 
hat lassen antworten, daß er keine heschwerung in Germanische nation ein- 
geführt habe. — Der Ausdruck Gravamina nationis Crermanicae ist älter, 
als Th. Kolde (Realencyklopädie VIl*, Leipzig 1899, S. 74) annimmt. Er 
begegnet bereits im Abschied des zweiten Nürnberger Reichstags von 1438: 
. . . conferre super gravaminibtu irrogatis per curiam Bomanam Germanice 
naeioni (A. Bachmann: Archiv für österreichische Geschichte LXXV, Wien 
1889, S. 209), im Bericht der kursächsischen Räte über den Mainzer Reichs- 
tag 1489 : . . . traetabatur materia gravaminum, quibus per Italicam nacionem 
Germanica nacio hucusque miserabiliter gravata est (ebd. S. 213), in den 
Avisamenta für den Mainzer Reichstag 1441: in materia declarationis ani- 
morum super facto dissensionis in ecclesia Bei exortae per dominos electores 
facienda et de cautione facienda nationi Germanicae de sublevatione grava- 
minum eiusdem nationis (Gärtner I, S.64). Vgl. auch Eugen lY. 1447 Februar 6: 
Spricht von den durch Albrecht IT. acceptierten Basler Decreten, ex quorum 
observantia natio ipsa Alamanica ex pluribus gravaminibus dicitur relevari 
(a. a. 0. I, 8. 108 f.). Enea Silvio fordert 1447 Februar, ut nationi Germanicae 
super gravaminibus opportune provideatur, ut posthac sifie gravamine natio sit 
(a. a. 0. I, S. 101. 103) und zählt dann die Gravamina im Einzelnen auf. 



190 Albert Werminghoff. 

munüum, et pro ipsa natione Alanianica per gloriosissimum princi- 
pem ac dominum nostrum Fridericum Eomanorum regem seinper 
augustum etc. plurimorum sacri Romani imperii dectarum aliorum- 
que eiusdem nationis tarn ecdesiasticorum quam secularium princi- 
pum consensibus accedentibus.^ Das Konkordat gebraucht die 
WeQdungen natio Älamanica und ncMo Germanica ohne Unter- 
schied; Per Iwc auteni, heißt es am Schluß*, quod in concordoHs 
huiusmodi sive quibusvis aliis eorum occasione conficiendis litteris 
propter competentiorem descriptiotiem Alamania specialis appellatur 
natio, ipsa censeri n<m dehet a Germanica natione distincta seu 
quomodolibet separata. Das Konkordat ist abgeschlossen zwischen 
dem apostolischen Stuhle und der deutschen Nation; für jenen 
handelt der Papst, für diese der König, der als Beauftragter der 
meisten Kurfürsten und anderer Reichsfürsten, weltlicher und 
geistlicher, erscheint. Diese nur hatten zu Aschaffenburg im 
Juli 1447 der urkundlichen Festlegung des Konkordats zugestimmt^, 
aber noch nicht haben alle Reichsfürsten es getan; es weist hin 
auf die Desorganisation des Reichsverbands, daß kein allgemein 
verbindlicher Reichstagsbeschluß yoraufgegangen war, kein solcher 
das Konkordat als Reichsgesetz verkündete, sondern spätere Ver- 
handlungen die noch ferngebliebenen Fürsten zum Beitritt be- 
stimmten.^ Fest steht aber der Begriff der „Deutschen Nation.^^ 



^ E. Zeumer, Quellensammluiig zur Geschichte der deutschen Beichi- 
verfasBung in Mittelalter und Neuzeit (Leipzig 1904), S. 221. 

* Ebd. S. 224. Dieselbe Schlußformel findet sich auch in der Be- 
stätigungsurkunde Nicolaus' V. von 1448 März 19, doch heißt es hier: proptor 
campe ndiosiarem descripHonem Alamannia speciaUter appellatur^ natio ipm . . - 
(Koch-Senckenberg, Neue und vollständigere Sammlung der Reichsabschiede I, 
Frankfurt 1747, S. 184). 

» Vgl. C. J.Hefele, Conciliengeschichte VII (Freiburg i. Br. 1874), S.629. 

* Vgl. P. HinschiuB, a. a. 0. lU, S. 139 f. J. Loserth, Geschichte dei 
späteren Mittelalters (München und Berlin 1908), S. 529. 

^ Man könnte geneigt sein, in der Wendung des Wiener Konkordsti: 
sacri Romani imperii electorum aliorumque eiusdem nationis tarn eceksior 
sticorum quam sectüarium principum die Worte: sacri Eomani imperii ini* 
eiusdem fiationis zu verbinden, also vom hl. Römischen Reich deutscher 
Nation zu sprechen. Richtig ist allein, daß die Kurfürsten und Fürsten 9^ 
zur deutschen Nation gehörig bezeichnet werden, nicht aber das Beich 
als solches, da es auch andere als deutschsprachliche Gebiete umspsimi 
Die Bezeichnung: Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation kann i<^ 
aus dem 16. Jahrhundert nicht belegen; auch J. Bryce (Das heilige römiflch« 



euere Arbeiten üb. d. Verhältnis von Staat n. Kirche in Deutschland. 19 1 

Ir umfaßt die Gesamtheit der weltlichen Gebiete, mögen sie von 
eltlichen oder geistlichen Reichsfürsten — und den Reichsstädten 
- verwaltet werden, und dazu die Gesamtheit der kirchlichen 
erwaltungsbezirke, einerlei ob Provinzen oder Diözesen, die sich 
iif deutschem Boden finden. Weltliche Gebiete und kirchliche 
erwaltungsbezirke haben sich beide vereint zum BegriflF der 
eutschen Nation. In ihm und durch ihn treten sie auf als eine 
1 dauernder Zusammengehörigkeit bestimmte Einheit, die sich 
ngleich des Gegensatzes gegenüber anderen Nationen bewußt ist. ^ 
line intensivere Ausgestaltung des Begriffs war fortan nicht mehr 
löglich. Er war ein solcher des Staats- und des Kirchenrechts 
eworden, des letzteren deshalb, weil die der deutschen Nation 
om apostolischen Stuhle gewährten Zugeständnisse für die Ord- 
ung des kirchliehen Wesens auf deutschem Boden ein Sonder- 



leich, übers. Yon A. Winckler, Leipzig 1873, S. 231) hat den Satz, „in 
ieser Epoche*', d. h. um die Wende des 15. und 16. Jahrhunderts, sei 
4Etionis Teutonicae dem einfachen scunim imperium Bamnnum hinzugefügt 
rorden, nicht durch eine Quellenstelle begründet. Der Ewige Landfrieden 
on 1495 spricht von einem Frieden durch das Heilig Reich und Teutseh 
Vo^on {K. Zeumer, a. a. 0. S. 225), die Reichskammergerichtsordnxing von 
.495 vom Landtfrieden durch dcu Römische Reych utid Teutsche Nacion, auss 
im Reich Teutscher Nacion (ebd. S. 228); die Wahlkapitulation Earla V. 
Fon 1519 (ebd. S. 251 ff.) enthält folgende Wendungen: § 1 dem Heiligen 
Biich zu Em und umb der Cristenheit und Deutscher Nacion, auch gemains 
NiKtz willen, § 4 die Teutseh Nation, das Heilig Römisch Reiche und die 
Churfürsten, § 12 ausserhalb des Reiches Deutscher Nation, § 15 ausserhalb 
Ttvtscher Nation, § 18 Teutseh Nation und das heilig Reich, und endlich 
^Mgegnet, soweit ich sehen kann, zum ersten Male überhaupt, in § 33 in 
dm Heiligen Römischen Reich DeutscJier Nation, 

^ Vgl. den Abschied zwischen geistlichen Kurfürsten, „mit waß mittel 
^ Rom. Reich wieder auffzubringen wäre^^ etc. von 1453 : . . . dauon kumpt 
oveft, daß das Romische rych, der keyser, die fürsten und alle Dutsche naeio 
** iur zyt by aUen atidem nacion vor die mynste geacht werden; da die 
^Mitc^ anderer nacion lande mid gtU zu gebruichen plagen, da wird vnssere 
^^oeio nu von den andern vndergangen, gesmehet vnd angefertiget vnd an allen 
^"^ verdruckt, . . . u/nd desta mynner nit vur allen andern nacion wirt vnsere 
••«cw mee dan eyniche andere mit sweren tegelichen lesten beswert vnd geslagen 
^ darumb dunckt mich noit sin, eynen weg zugedenken das rych vffzu- 
^1»^ vnd zu ordineren die Sachen des rychs, . . . zum ersten in unser 
^^'^t dan keyn bequemelicher weg ist dan das rych zu erwecken, dadurch 
^ nacio billich vber andere nacion ist (Ranke, Sämtliche Werke VI, 
^•11); 8. auch R. Smend: Neues Archiv XXXII (1907), S. 748 ff. 



1 92 Albert WermiDghoff. Neuere Arbeiten üb. d. Yerh&ltnis ▼. Staat n. Kirche. 

recht schufen, das es schied von dem in anderen Ländern, das es 
gleichwohl nicht trennte von der Zugehörigkeit zur allgemeinen 
römischen Kirche. Damit ist keine Reichs- oder Nationalkirche 
geschaffen, jedoch eine Privilegierung der kirchlichen Verbände 
in Deutschland gegeben, die dem Auseinanderfallen des kirch- 
lichen Weltreichs der Päpste einigermaßen Rechnung tragt. Diese 
Privilegierung ging nicht allzuweit, aber den Begriff „Deutsche 
Nation^' hat sie der Zukunft als Erbe hinterlassen und mit ihm 
die Anklage ihrer Beschwerden über den Druck durch die römische 
Kurie. 



193 



Die älteste Evangelische Armenordnung. 

Von 

Hermann Bärge. 

Vorbemerkung. Karl Müller hat in seiner Schrift Rüther 
Karlstadt, Stücke aus ihrem gegenseitigen Verhältnis^' (1907) ^ 
r die älteste evangelische Armenordnung, die sogenannte 
ittenberger Beutelordnung" vom Jahre 1522, Hypothesen und 
lanptungen aufgestellt, gegen die ich entschieden Widerspruch 
Brheben habe. Ich habe dazu im besonderen Anlaß, weil ich die 
ttenberger Beutelordnung aufgefunden, zuerst publiziert (Andreas 
lenstein von Karlstadt, 1905, Band 2, 559 ff.) und in meinem 
rlstadt (Band 1, 382 ff.) eingeordnet hatte. Zu Unrecht bean- 
uckt sie Karl Müller für Luther und ordnet sie als dessen 
jentum den Vorgängen im November 1521 ein (Luther und 
rlstadt S. 33 ff.). Wird nicht gegen diese Annahme Widerspruch 
loben, so ist zu besorgen, daß Karl Müllers Darstellung des 
chverhalts alsbald in die Lutherbiographieen und reformations- 
schichtlichen Darstellungen übernommen wird. 

Der folgende Aufsatz stellt ungeachtet seiner Kürze sachlich 
i Abgerundetes dar. Indessen leugne ich nicht, daß ich ihm 
ch in einem weiteren Sinne Bedeutung beigelegt zu sehen 
insche. Karl Müller hat in seinem „Luther und Karlstadt'' die 
^bnisse meines Karlstadt zu bestreiten und meine Arbeits- 
lise als unwissenschaftlich hinzustellen gesucht. Eine noch- 
%e eingehende Prüfung des Quellenmaterials ergab, daß — 
li einer nebensächlichen Partie am Schluß seines Werkes ab- 
sehen (Exkurs 9) — schlechterdings alle seine gegen mich 

^ Eine Besprechung der Schrift MuUers wird demnächst ein an der 
^^ik unbeteiligter Gelehrter in dieser Zeitschrift veröffentlichen. 

Die Redaktion, 



194 Hermann Bärge. 

gerichteten Aufstellungen hinfallig sind. Die vorliegende Ab- 
handlung bildet ein Teilstück der Gesamtauseinandersetzung, die 
ich demnächst mit Karl Müller zu führen beabsichtige. 



Die kirchliche Reform Bewegung, die in Wittenberg während 
Luthers Abwesenheit auf der Wartburg einsetzte, gipfelte und kam 
in gewissem Sinne zum Abschluß in der ,, Ordnung der Stadt 
Wittenberg" vom 24. Januar 1522.^) Der RÄt der Stadt erließ sie 
auf Grund der Beratungen, die er mit einem aus Universitätsprofessoren 
und Mitgliedern des Kapitels des Allerheiligenstifts zusammen- 
gesetzten Ausschuß gepflogen hatte. Die „Ordnung" regelt das ge- 
samte katholische Kirchenwesen in Wittenberg neu nach Maßgabe 
der die Gemeinde und ihre Führer beseelenden evangelischen Übe^ 
Zeugungen. Mit bemerkenswerter Entschiedenheit wird einmal 
aus den gottesdienstlichen Handlungen ausgeschieden, was zq 
dem evangelischen Bewußtsein in unversöhnlichem Widerspruch 
steht, und werden andrerseits aus der Neugestaltung des Gottes- 
dienstes und kirchlichen Lebens die praktischen Konsequenzen 
gezogen, die sich für die kirchlichen Besitz Verhältnisse mit Not- 
wendigkeit ergeben. So sind in der Ordnung neben den rein 
kirchlichen Bestimmungen eine Fülle von tief einschneidenden 
Reformen vorgesehen, die direkt oder indirekt mit der Umgestaltung 
des katholischen Gottesdienstes und der Beseitigung der werk- 
heiligen Institutionen in Zusammenhang stehen. 

Die Messe wird nach dem Vorbild reformiert, das Karlstadt 
in seiner ersten evangelischen Weihnachtsmesse (1521) gegeben 
hatte (Lietzmann Nr. 14). Die Bilder und Altäre (bis auf drei) 
sollen aus der Pfarrkirche beseitigt werden (13). Die Zinse der 
Bruderschaften und Ge werke kommen in Wegfall, desgleichen 
die Einnahmen aus Yigilien und gestifteten Messen (1; 12): 
sie werden einem zu errichtenden gemeinen Kasten zuge- 
schlagen. Als Pauschalentschädigung für die ausfallenden Ein* 



* Über die alten und neuen Drucke der Ordnung vgl. Bärge, Karl- 
stadt 1, 378 Anm. und K. Müller, Luther und Earlstadt S. 49 Anm. 1. — 
Ich zitiere im folgenden nach H. Lietzmann, die Wittenberger uod 
Leisniger Kastenordnung. Kleine Texte für theologische Vorlesungen vn^ 
Übungen Nr. 21 (1907), S. 4 bis 6. 



Die älteste evangelische Armenordnung. 195 

ahmen wird jedem einzelnen Priester die Summe von sechs Qulden 
Ihrlich gewährt (12). Dagegen fallen die geistlichen Lehen 
rat nach dem Tode ihrer Inhaber dem gemeinen Kasten zu (2). 
Fnzüchtige Personen werden aus der Stadt vertrieben (15). 
LQen Bettlern wird der Aufenthalt in der Stadt verboten (3). 
Lach den Mönchen ist das Betteln fortan untersagt; die Eloster- 
isassen sollen ein Inventar ihres Besitzes aufnehmen (5^ 6). Aus 
en Mitteln des gemeinen Kastens sollen Arme unterstützt werden 
11), insbesondere sollen davon arme Handwerker Kapitalien aus- 
;eliehen bekommen (9), Waisen Aussteuern (10), begabte Söhne 
imer Eltern Beiträge für ihr Studium erhalten (17). 

Bezüglich der angeführten Bestimmungen über die Ein- 
iehung der kirchlichen Einnahmen der Priester konstruiert nun 
^arl Müller (S. 52 f.) einen — schon an sich bei der Kürze 
les Textes der „Ordnung'^ wenig wahrscheinlichen — Wider- 
ipruch. Die eine Stelle setze die sofortige Einziehung der 
^se voraus (Lietzmann 12: „Item die Priester, die wir 
retzund haben, dieweyl ir zinß auch in den gemainen kästen 
^ogen seint'^ usw.), die andre besage, daß die geistlichen 
jehen erst nach dem Ableben ihrer Inhaber eingezogen 
Verden sollen (Lietzmann 2). Müller entscheidet sich dafür, 
laß nur die letztere Bestimmung als maßgebend anzusehen sei. 
)ie sechs Gulden (vgl. oben; Lietzmann 12) könnten somit nur 
^tschädigung für ausfallende Oblationen bedeuten. K. Müller 
)emerkt dazu (S. 53, Anm. 1): „An allen diesen Fragen geht 
Bärge vorüber. . . . Die Unklarheit in der städtischen Ordnung 
lat er nicht beachtet, und seine Darstellung S. 379 zeigt, daß 
5r die Verhältnisse nicht versteht." Indessen die ünklar- 
leit besteht bei K. Müller, nicht bei mir oder in der Ordnung. 
Diese unterscheidet deutlich zwischen den Zinsen der Priester 
ond den Zinsen der geistlichen Lehen, zwei verschiedenen 
Dingen, die in der Ordnung verschieden behandelt werden. Es 
ist nicht richtig, wenn K. Müller gegen meine auf dem Texte 
der Stadtordnung fußende Darstellung S. 54, Anm. einwenden zu 
können glaubt: „Die Priester haben doch alle und vor allem 
«in geistliches Lehen.'' Nachforschungen im Wittenberger Rats- 
^iv bestätigten die Unmöglichkeit dieser Annahme. Zu den 
•ofort einzuziehenden Zinsen der Priester gehören vor allem 
die Einkünfte der Bruderschaft»- und Gewerkspfafifen, von denen 



196 Hermann Bärge. 

schon der Eingang der Stadtordnung mit besagt, daß sie so- 
gleich „sollen znhauffen geschlagen and in ain gemainen kästen 
gepracht werden/' Diese Einkünfte waren nicht auf geistliche 
Lehen begründet, vielmehr besoldeten die Bruderschaften und 
Gewerke ihre Pfaffen von sich aus, teils von den Zinsen ihrer 
Vermögen, teils von jährlichen Umlagen. Dies bestätigt z. 6. 
die „Stiftung der Steinmetzen und Maurer*' zu Wittenberg vom 
Jahre 1497, im Wittenberger Ratsarchiv Band B© 6. Vgl 
femer die Bestimmung dieser Stiftung: „Item wen eyn Brwder 
stirbet, so sali der Güster vff dem Thwme (— dem Dome, der 
Schloßkirche) eyn Vigilien bethen vnnd eyn Szelemeße halden, 
davon sollen ym die Zechmeister 1 gülden geben/' Auch hä 
solchen einmaligen, durch Todesfall hervorgerufenen Vigilien und 
Seelmessen handelt es sich doch nicht um Einnahmen aus 
„geistlichen Lehn^! Vielmehr kommen diese Einkünfte natürlich 
sofort in Wegfall, weil solche Totenmessen nicht mehr ab- 
gehalten werden sollen. Zu den sofort einzuziehenden Zinsen 
sind femer zu rechnen die Präsentzen oder Anwesenheitsgelder. 
Wir entnehmen einem späteren Schriftstück aus dem Jahre 1533 
(Wittenberger Ratsarchiv Bd. Bo 4, Blatt 193b), daß der Bat 
der Priester- Brüderschaft jährlich „20 silberne Schock" gezahlt 
hat, „davon denen Lectoribus Evangelii, Pfarrer, Caplan etc. ihre 
Präsentz . . . gegeben worden.'' Auch hier Einnahmen, die 
nicht aus geistlichen Lehen fließen. Femer verloren sofort mit 
dem Wegfall der spezifisch frommen Handlungen diejenigen 
Oeistlichen ihre Einkünfte, die in Stellvertretung der Inhaber von 
geistlichen Lehen diese Handlungen ausgeübt hatten und dafttr 
von den Lehnsinhabem besoldet worden waren. Vgl. über solche 
Verhältnisse z. B. die Schenkungsurkunde der Herzogin Siliola 
vom Jahre 1423 im Wittenberger Ratsarchiv Bd. Bo 6 u. s.£ 
— Die Zinse der geistlichen Lehen, die als solche in den 
Akten auch meist aufgeführt werden, sind Einkünfte aus privaten 
Stiftungen, mit denen die Verpflichtung regelmäßiger Abhaltung 
von Messen verbunden ist und die vom Rate der Stadt Witten- 
berg bestimmten Priestern zugewiesen werden. Die Ordnung vom 
Jahre 1533 (Wittenberger Ratsarchiv B«*, Bl. 188b) unter- 
scheidet ausdrücklich zwischen den Einkommen der „Lehen, 
Oommenden, Stiftung, auch der Hospital." Nur bezüglich 
der geistlichen Lehen wird also in unserer Ordnung he- 



Die älteste evangelische Armenordnung. 197 

Lmmty daß sie erst nach dem Tode ihrer Inhaber eingezogen 
Brden.^ 

Natürlich war zur Durchführung der einzelnen Bestimmungen 
n- ^Ordnung'^ ein gewisser Zeitraum erforderlich. Einiges ließ 
ch rasch imd ohne umfassende Vorbereitungen erledigen ^ so 
.6 Abnahme der Bilder aus den Kirchen. Sie erfolgte — unter 
xzessen der aufgeregten Volksmenge — sehr bald. Auch die 
i der Ordnung gegen die unsittlichen Personen getroffenen 
[aßnahmen (Lietzmann Nr. 15) wurden schnell durchgeführt.' 
roßere Umstände wird es schon verursacht haben, die Zinse, 
ie dem gemeinen Kasten zufielen, einzuziehen und das Verbot 
es Betteins praktisch durchzuführen. Das letztere erstreckte 
ich — wie wir sahen — auch auf die Bettelorden. Denn die 
Ordnung der Stadt Wittenberg^ bestimmte, es solle keinem 
[önch in der Stadt zu betteln gestattet werden, sondern sie 
lochten sich von den Zinsen, die sie besäßen, und dazu mit 
irer Hände Arbeit ernähren (Lietzmann 5). Der Bat setzte Mitt- 
isten, d. i. den 30. März des Jahres 1522, als Endtermin fest, 
is zu welchem die Insassen des Franziskaner- und Augustiner- 
losters die Inventarisation ihres Besitzes vollendet und die 
[löster verlassen haben sollten.^ 

Vollends die Neuregelung des Armenwesens auf evangelischer 
frundlage bedingte eine Menge spezieller Vorschriften und Maß- 
ahmen. Wenn es in der Ordnung der Stadt Wittenberg heißt, 
iejenigen, welche wegen Krankheii^ oder anderer Ursachen arbeits- 
infähig wären, sollten aus dem gemeinen Kasten unterstützt 
rerden (Lietzmann 3), so war damit doch nur ganz im aU- 
^meinen ein Grundsatz für die neue Form der Armenpflege 
mf gestellt worden. Die Organisation der Armenunterstützung 
im einzelnen blieb besonderer Regelung vorbehalten. 



^ Nach 0. Oppermann, das kursächsische Amt Wittenberg (1897) 
S- 105 f. gab es an der Pfarrkirche 6 Altarlehen and 23 kleinere Pfründen. 
In aller Kürze hatte ich den Sachverhalt bereits richtig dargestellt in 
oeinem Karlstadt 1, 879. 

' Vgl. den Bericht in Zeitschrift für Kirchengeschichte Bd. 22, S. 122: 
M gemein franwen sin vertriben.^* 

* Zeitschrift f. Kirchengesch. 22, 122. — Die Bestimmung wurde nicht 
^^fahrt, weil inzwischen Luther von der Wartburg nach Wittenberg 
tniückkehrte. 



198 Hermann Bärge. 

In welcher Weise sie erfolgte, darüber belehrt uns die — 
mit der „Ordnung der Stadt Wittenberg" nicht zu verwechselnde 
— „Ordnung des gemeinen Beutels zu Wittenberg.*'* 
Es gelang mir diese älteste evangelische Armenordnong im Bats- 
archiv zu Wittenberg aufzuspüren. In meinem Earlstadt 2, 559 ff 
ist sie — wie schon oben erwähnt — zum Abdruck gebracht 
worden. * 

Die Hauptbestimmungen der Beutelordnung sind folgende. 
Die Gelder für die Armenpflege, ,,80 eingenommen, testiert und 
sonst erbettelt sind", werden in einen Kasten getan, der drei&di 
verschlossen ist. Eine regelmäßige Einnahmequelle für Armen- 
gelder bilden die Erträgnisse der während des Gottesdienstes 
vorgenommenen Sammlungen, die später „Säckelgeld^^ oder „Beutel- 
geld" genannt wurden.* Die Tafel, die bislang nur an hohen 
Festen zugimsten des Spitals herumgetragen wurde, soU jetit 
in jedem Gottesdienste herumgehen, und ihr Ertrag für alle 
gebrechlichen und notdürftigen Personen in der Gemeinde be- 
stimmt sein. 

Vier Vorsteher aus den vier Stadtvierteln haben die Unte^ 
stützungsbedürftigen zu ermitteln. Zusammen mit dem Bürga> 
meister, drei Räten und dem Pfarrer verwalten sie den gemeinen 
Kasten oder Beutel. Reicht die Zahl der Vorsteher nicht ans, 
so können die drei Räte und der Pfarrer neue Pfleger hinzn 
wählen. Über die Verwendung der Gelder wird am Sonntag 
nach der Predigt im Hause des Bürgermeisters beraten. Sind 
Mittel genug vorhanden^, so soll man, falls die Preise ßr 
Getreide billig sind, für Zeiten der Teurung einen Vorrat Ton 



^ Im folgenden bezeichne ich sie kurz abi Bentelordnnng, die 
Ordnung der Stadt Wittenberg als Stadtordnung. 

' Soeben ersehe ich aus Hermelinks Ausführungen (diese Zeitschzift 
Jahrg. 1908, S. 127), daß schon Yor meiner Veröffentlichung NikoUni 
Müller diese Beutelordnung aufgefunden habe. Indessen hatte er tob 
diesem Funde in der Öffentlichkeit keinerlei Mitteilung gemacht. Übrigens 
hatte ich die Beutelordnung schon im Jahre 1900 in Händen. 

' Vgl. darüber W. Schmidt, die Kirchen- und Schulyisitation im 
sächsischen Eurkreise Yom Jahre 1556 II (Halle 1906), S. SO ff. 

* Daraus, daß ich bei meiner Inhaltsangabe (Karlstadt 1, 884) diesen 
Bedingungssatz wegließ, macht K. Müller S. 35, Anm. 1 mir einen Vo^ 
wurf! Aber es yersteht sich doch von selbst, daß man Korn nur kaufen 
kann, wenn man Geld hat. 



Die älteste evang^liBche ArmenordnuDg. 199 

Eom^ desgleichen im Sommer einen solchen von Holz für den 
Winter anschaffen. In „sterblichen Zeiten" sind die erkrankten 
Armen ,^an einem sonderlichen Ort", getrennt von anderen Leuten 
onterzubringen.^ — 

Dieser — schon in meinem Karlstadt 1, 382 ff. und 498 ff. 
ganz ähnlich dargelegte — Sachverhalt ist nun von Karl 
Müller, S. 202 bis 208 aufs entschiedenste bestritten worden. 
Darum ist eine genaue kritische Auseinandersetzung über das 
Verhältnis, in dem Stadtordnung und Beutelordnung zueinander 
stehen, unerläßlich. K. Müller behauptet nämlich: nicht sei 
die Beutelordnung später als die Stadtordnung erlassen, sondern 
jene sei dieser vorhergegangen. Bereits vor Ende November 
1521 habe auf unmittelbare Veranlassung Luthers der Rat die 
Beutelordnung beschlossen; die Ordnung der Stadt Wittenberg 
(24. Jan. 1522) hätte, soweit sie vom Armenwesen handle, die 
schon seit Monaten durchgeführten Bestimmungen der Beutel- 
ordnung nur ergänzt und weiter ausgebaut. 

Die Kontroverse ist insofern von allgemeinerem Interesse, 
als ihr die Frage zugrunde liegt: ob Luther oder Karlstadt 
das Verdienst gebühre, die Beutelordnung veranlaßt und damit 
die Aj-menpflege in Wittenberg den evangelischen Überzeugungen 
angepaßt zu haben. Freilich wird man gut tun, bei Untersuchung 
der Streitfrage rivalisierende Ansprüche der beiden vorerst völlig 
auszuscheiden und lediglich auf der Grundlage sachlicher Quellen- 
kritik sich das Urteil zu bilden. 

AJs mir die Beutelordnung zu Gesicht kam, leuchtete mir 
alsbald ein, daß aus ihrem Text, angesichts der zeitlichen Farb- 
losigkeit der Bestimmungen, ein einigermaßen sicherer chrono- 
logischer Anhalt nicht zu gewinnen sei. Wohl ergab sich aus 
dem gegen die Jakobsbrüder gerichteten Verbot, in der Stadt zu 
betteln, daß die Beutelordnung in eine ziemlich frühe Zeit fallen 
müsse. Aber auch damit war ein Hinweis auf bestimmte Vor- 



' Es scheint mir sehr wohl möglich, daß für diesen Zweck der Neu- 
bau von besonderen Gebäuden ins Auge gefaßt wird, da man bei Durch- 
fahrung so weitgehender hygienischer Maßnahmen mit den bisher verfüg- 
baren Bäumen (im Spital usw.) kaum ausgekommen sein würde (gegen 
K. Müller S. 35, Anm. 1). — Ziim Inhalt der Beutelordnung Tgl. übrigens 
ichon Bärge, Earlstadt 1, 382 ff. Karl Müller, Luther und Earlstadt, 
S. 83 ff. (an falscher Stelle eingeordnet). 



200 Hermann Barg^. 

gänge, denen sie sich einordnen ließe^ nicht gegeben. Darum 
mußte im vorliegenden Falle davon abgesehen werden , durch 
Interpretation des Inhalts der Beutelordnung ihre Entstehungszeit 
festzustellen. 

Leider hat sich Karl Müller doch dazu verleiten lassen, 
ganz vornehmlich aus inneren Indizien heraus — durch Ver- 
gleich der Beutelordnung mit der Ordnung der Stadt Witten- 
berg — seine Aufstellungen begründen zu wollen. Es läßt sich 
leicht erweisen, daß man auf diesem Wege zu einleuchtenden Er- 
gebnissen überhaupt nicht gelangt K. Müller glaubt zwar, indem 
er die Bestimmungen beider Ordnungen zusammenhält, darlegen 
zu können: der einfachere Zuschnitt der Beutelordnung mache die 
Annahme notwendig, sie als eine Vorläufer in der Stadtordnong 
anzusehen; aber in Wahrheit läßt sich jedem einzelnen seiner 
Argumente ein andres entgegenstellen, durch das auch der um- 
gekehrte Sachverhalt plausibel gemacht werden kann. 

Karl Müller betont (S. 203): in der Stadtordnung seien 
fünf Einnahmequellen dem gemeinen Kasten zugeführt (Zinse 
der Gotteshäuser, der Bruderschaften, der Gewerke, der Priester- 
lehen, jährliche Beiträge der Bürger) und sechs Verwendungs- 
zwecke der neu gewonnenen Gelder genannt (Armenpflege, Dw^ 
lehen an Handwerker, Aussteuer für Waisen, Pensionen fär 
Priester, Darlehen an Bürger und Einwohner, Stipendien fQr 
Schüler und Lehrlinge). In der Beutelordnung dagegen sei 
nur von dem „Gelde, das eingenommen, testiert oder sonst er- 
bettelt" die Rede, und als Zweck, für den es verwendet werden 
solle, werde nur genannt die Unterstützung würdiger und beson- 
ders bedürftiger Armer, der armen Hausleute, sowie Fürsorge- 
maßregeln in Fällen allgemeiner Not und Teurung. Die Beutel- 
ordnung stelle also inhaltlich und damit auch zeitUch eine Vor- 
stufe zur Stadtordnung dar. — Indessen ebenso gut kann man 
auch umgekehrt argumentieren: die Stadtordnung mit ihrer 
Fülle von aufgestellten Gesichtspunkten bedeutet einen vor- 
läufigen, gleichsam programmatischen Erlaß. Die Beutel- 
ordnung regelt im Anschluß an die grundsätzlichen Be- 
stimmungen der Stadtordnung eine einzelne Materie: die Ver- 
wendungsart der für Zwecke der regelmäßigen Armenpflege 
bestimmten Gelder, weshalb in ihr beispielsweise von den Da^ 
lehen an Handwerker, Aussteuer für Waisen usw. nicht die Rede 



Die älteste evangelische Armenordnung. 201 

»ein braucht Ebenso war es überflüssig, nachdem durch die 
Itordnung die Einziehung der Zinse der Gotteshäuser, Bruder- 
kften und Gewerke, sowie der geistlichen Lehen nach dem 
dben ihrer Inhaber einmal beschlossen war, sie nochmals in 
Beutelordnung aufzuzählen.^ Somit ist die Beutelordnung als 
! Alisführungsbestimmung der Stadtordnung später als diese 
nsetzen. 

Karl Müller führt aus (S. 204): Die Beutelordnung ver- 
e nur den Jakobsbrüdern, Terminierem und andern Land- 
ichem das Betteln, den einheimischen Bettel dagegen suche sie 

innen heraus zu bekämpfen, verbiete ihn nicht schlechthin. 

Stadtordnung tue dies und schließe insonderheit alle 
telnden Mönche' aus, sie sei viel eingehender und radikaler 

die Beutelordnung. „Wäre die Beutelordnung eine spezielle 
itimmung zur Ausführung der Stadtordnung, so wäre nicht 
Busehen, warum in der Beutelordnung diese Verordnung un- 
Istandiger wiederholt wurde." — Indessen ebenso gut kann der 
istand, daß die Bettelmönche in der Beutelordnung nicht er> 
int werden, als Argument dafür angeführt werden, daß sie 
ter als die Stadtordnung erlassen ist. Auf Grund der Stadt- 
nung war, wie wir sahen, vom Rate die Räumung des Witten- 
ger Franziskaner- und Augustinerklosters bis spätestens zum 
März angeordnet worden.^ Die Aufhebung der Niederlassungen 
1 Bettelmönchen in Wittenberg schien unmittelbar bevor- 
stehen. Deshalb hatte es keinen Zweck, in der Beutelordnung 
ßhmals die bettelnden Mönche besonders namhaft zu machen. 

Karl Müller macht geltend (S. 204): wenn die Stadtord- 
mg über die technische Verwaltung der Gelder sehr viel kürzer 



* Dies alles fällt mit unter das ,,Geld, so eingenommen, testiert oder 
lut erbettelt"* ist. Zudem werden die in der Stadtordnung erwähnten 
»tr&ge der Bürger zur Armenpflege (Lietzmann 11) in der Beutelordnung 
lum als Torhanden vorausgesetzt. Bärge 2, 561, Zeile 5. 

' Belanglos ist, daß die in der Stadtordnung genannten fahrenden 
hüler. Stationierer und Eirchenbitter in der Beutelordnung nicht noch 
unal ausdrücklich namhaft gemacht sind. Sie sind daselbst (Karlstadt 
(60 Zeile 38) in der zusammenfassenden Aufzählung „Jacobs Bruder, Ter- 
iten(?) ynd andere Streicher*' mit eingeschlossen. 

• Zeitschrift f. Kirchengeechichte 22, 121 f.: „Der Rott zu Wittemburg 
t den barfussem vnd augustinem gsagt, Sj sollen die closter vor mit 
lien (» 30. März) rumen.** 

Hiitor. ViertdjAhnclirill. 1908. 2. 14 



202 Hermann Bärge. 

sei, 80 habe das eben den Ghnind, daß die Organisation des ge- 
meinen Beutels schon durch die Beutelordnung geschaffen ge- 
wesen sei und von der Stadtordnung im wesentlichen yorans- 
gesetzt werde. — Indessen umgekehrt läBt sich ebenso gut sagen: 
da in der Stadtordnung die Neuregelung des Armenwesens zn- 
nächst nur in Aussicht genommen ist, konnten darin auch keine 
Einzelbestimmungen ihren Platz finden. Erst als man daran ging; 
die Grundsätze der Stadtordnung durchzuführen, machten sich 
technische Sondervorkehrungen, wie sie in der Beutelordnung 
namentlich über die Verwendung der im Gottesdienst gesammelten 
Gelder niedergelegt sind, nötig — weshalb die Beutelordnung 
später als die Stadtordnung anzusetzen ist 

Endlich ist Karl Müller ein Versehen imtergelaufen. Die 
Beutelordnung beginnt mit den Worten: ^^rstlich soll ein käst 

mit dreyen Schlosseln wol bewarth in die pfamkirchen ge- 

satzt^' werden. Darauf heißt es weiter: ^^Zum Andern sol die 
ander Taffell, welche zuuor allein dem hospital zugut in der 
Pfarrkirchen vmbgetragen, hinfürder für alle gebrechlich nottorf- 
tige perßon in der gemein gebraucht werden.*' Die Worte ^e 
ander Taffell'' yeranlassen Karl Müller zu den gewagtesten Kon- 
struktionen (S. 205 ff.). Sie offenbarten, meint er, daß im Gottes- 
dienste zwei „Tafeln" herumgetragen wurden. „Von der einen 
ist nicht weiter die Rede: jedermann weiß offenbar, was ihre Be- 
stimmung ist." Hier glaubt nun K. Müller einsetzen and den 
Beweis führen zu können, daß die Beutelordnung zeitlich frflher 
als die durch die Stadtordnung herbeigeführte allgemeine Kirchen- 
reform in Wittenberg liegen müsse. S. 205 heißt es- bei ihm: 
,,Vor allem aber kommt nun in Betracht, daß, wie ich glaube 
zeigen zu können, die Beutelordnung die bisherigen mittel- 
alterlichen Einrichtungen^ an einem bedeutsamen Punkt 
noch als unversehrt voraussetzt, nämlich in der Art, wie die 
Gaben in der Kirche eingesammelt, und bei den Zwecken, für 
die sie bisher verwendet worden sind." Das argamentam 
ex silentio Karl Müllers besteht nämlich darin, daß die erste 
Tafel, von der in der Beutelordnung nicht die Rede ist, weil 
jedermann ihre Bestimmung kenne, dazu gedient haben soll, die 
für die Priester — bei Messen, Predigten, Vigilien, Leichen- 



^ Dies und daa Folgende von mir gespeirt 



Die älteste evangelische Kirchenordnung. 203 

e^ngDissen — bestimmten Oblationen an&unehmen. Der Wort- 
uit der Beutelordnung mache den Schluß notwendige daß bei 
irem Erlaß beide Tafeln noch herumgetragen wurden — was 
ach Erlaß der Stadtordnung sachlich undenkbar wäre. — In- 
essen muß diese Illusion zerstört werden. Karl Müller kennt 
icht den pleonastischen Gebrauch des Wortes f^dei^', VgL 
I. Paul, Deutsches Wörterbuch (1897) S. 17: „Wohl unter 
ranzösischem Einfluß erscheint 'ander' bei der Gegenüberstellung 
erschiedener Klassen Yon Gegenständen, die schon durch yer- 
chiedene Bezeichnungen in Gegensatz gestellt sind.^ So bei 
roethe: „wir Gelehrten achten euch andern Mädchen so — 
o wie Monaden." Ganz entsprechend hier: „Erstlich soll ein 
:ast usw. . . . zum andern sol die ander Taffell" usw. Somit 
rird nur eine Tafel im Gottesdienste herumgetragen.^ 

Natürlich soll damit nicht bezweifelt werden, daß vor Er- 
a£ der Beutelordnung neben der hier erwähnten Tafel auf 
indem Tafeln wohl auch die Spenden für die Priester ein- 
;esammelt wurden. Eine spätere Stelle der Beutelordnung scheint 
luf diesen Brauch hinzudeuten. Vgl. die Worte (imter Berück- 
ichtigung der von Karl Müller S. 206 Anm. 1 gemachten Kon- 
ektur): „Zum dritten mag dieselbig Taffei wochlich in der pfam- 
urchen, ßo vfft das Volck in irer andacht versamlet, vmbgetragen 
v^erden, vngeachtet das zuvern der selben das bitten vnnd fordern 
Jlein an hochzceitlichen festen neben andern Taffein ge- 
itatteth" [seil. war]. Indessen für seine These kann K. Müller 
huch aus dieser Stelle kein Kapital schlagen. Sie besagt nichts 
klfl folgendes: während bislang die Tafel für die Armen nur an 
lohen Festen (wie der Eingang der Beutelordnung ergibt, bis zu 
leren Erlaß „allein dem Hospital zugute'') neben den andern 
Tafeln, die für die den Priestern dargebrachten Spenden bestimmt 
9;ewe8en sein mögen, umhergetragen wurde, soll dies jetzt allsonn- 

* Selbst wenn übrigens „die ander Taffell" — was mir bei Nicht- 
erwähnung der ersten wie gesagt als sprachliche Unmöglichkeit erscheint 
[Tgl. auch die folgende Anmerkung) — die „zweite Tafel" bedeuten sollte, 
wüide damit gar nichts dafOr bewiesen sein, daß die erste Tafel (für die 
Oblationen) bei Erlaß der Beutelordnung noch herumgetragen worden wäre. 
El würde damit dann nur gesagt sein, daß die Armengelder auf jener Tafel, 
deren Erträgnisse bislang fOr das Hospital bestinmit waren, gesammelt 
werden sollten, nicht auf der (inzwischen durch die Stadtordnung außer 
Kraft gesetzten) Tafel für die Oblationen. 

14* 



204 Hermann Bärge. 

täglich geschehen. Aus dieser Stelle ergibt sich aber mit nichten, 
daß auch nach Erlaß der Beutelordnung noch die Tafeln fär die 
Priester herumgegangen sind. Die eben angeführte Quellenstelle 
läßt vielmehr durchaus die Interpretation als naturgemäß er- 
scheinen: die Tafel herumgetragen früher neben andern Tafeln 
nur an hohen Festen — jetzt allein (ohne die andern Tafeln) bei 
jedem Gottesdienste.^ 

Ja, man kann gerade in der durch die Stadtordnung er- 
folgten Beseitigung der Oblationen den Anlaß zu der Be- 
stimmung der Beutelordnung sehen, daß nun, wo die Gläubigen 
nicht mehr den Priestern Gaben zu spenden brauchten, die Tafel 
allwöchentlich, bei jedem Gottesdienste herumgehen konnte. 
Somit kann die Stelle auch als Argument dafür verwandt werden^ 
daß die Beutelordnung erst nach der Stadtordnung erlassen ist. 

So vermag Karl Müller aus inneren Indizien heraus nicht 
zwingend die Richtigkeit einer Ansicht zu erweisen, die er 
dahin ausspricht: „Liegen also die beiden Ordnungen überhaupt 
zeitlich einander nahe, so muß die Beutelordnung älter 
sein als die Stadtordnung.'' (S. 204.) 

Ich möchte nicht mißverstanden werden. Nicht das war in 
meiner bisherigen Argumentation die Absicht, bezüglich der 
gegen Karl Müller ins Feld geführten Gründe zu behaupten, sie 
besäßen absolute Beweiskraft für die Annahme, daß die Beutel- 
ordnung zeitlich später liegen müsse als die Stadtordnung. 
Ich wollte nur dartun, daß — sofern die Texte der Ordnungen 
allein zum Vergleich herangezogen werden — die Kontroverse 
notwendig in ein non liquet ausmünden müßte. 

Worauf alles ankommt, ist, daß zunächst auf Grund äußerer 
Quellenzeugnisse und einwandfreier Schlüsse die zeitlichen Grenzen 
festgestellt werden, innerhalb deren der Erlaß der Beutelordnung 
fallen muß. Bereits in meinem Karlstadt (1, 498 ff.) gelang ei 
mir, den terminus ante quem sicher zu bestimmen. Ich wies 

» „dieselbig Tafel" — „neben andern Tafeln" — diese Worte e^ 
geben, daß mindestens drei Tafeln während des Gottesdienstes henun- 
getragen worden sein müßten. Damit wird anfs neue klar, daß an der 
vorher angeführten Stelle nicht, wie Karl Müller annimmt, von „«wei 
Tafeln'' die Rede ist, nnd daß „die ander Tafel'' nicht „die zweite Talel'' 
heißen kann. Bei drei bzw. mehr Tafeln wftre der Ausdruck ^die vider 
Tafel" überhaupt unmöglich. 



Die älteste evangelische Armenordnung. 205 

rt nach, daß eine gedruckte Kitzinger Ordnung vom Jahre 
23 — abgesehen von der Gleichartigkeit der sachlichen An- 
inung — eine Reihe höchst charakteristischer wörtlicher 
)ereinstimmungen mit der Wittenberger habe. Weiterhin wurden 
he Beziehungen zwischen Earlstadt und maßgebenden Persönlich- 
iten der Stadt Kitzingen nachgewiesen. Dem Kastner in 
tzingen, Konrad Gutmann, widmete Karlstadt im Jahre 1521 
le seiner Schriften (Vorrede vom 24. Juni, erschienen November 
•21). Der evangelische Prediger in Kitzingen, Christof Hof- 
ann, war 1521 Karlstadts Schüler und blieb mit ihm in 
ieflichem Verkehr, zum Verdruß Luthers, der ihn davor in 
aem erhaltenen Briefe warnt (Enders 4, 50 f.). Es ergibt 
jh, daß Hofmaun oder Gutmann von Karlstadt die Witten- 
>i^r Beutelordnung übersandt worden ist, und daß diese nicht 
äter angesetzt werden darf, als in den Anfang 1522, da wir in 
r Zeit nach Luthers Rückkehr von der Wartburg zunächst nichts 
3hr von einer Reform des Armenwesens in Wittenberg hören. 

Es muß befremden, daß Karl Müller diese ganze in meinem 
irlstadt dargelegte Beweisführung in seinem Buche mit keinem 
orte erwähnt, trotzdem daß er ihr Resultat — den Nach- 
iis, daß unsre Beutelordnung nicht später als in das Jahr 1522 
11t — zum Ausgangspunkt seiner eignen Untersuchungen nimmt. 
-Bt nach dieser Vonmtersuchung sind wir überhaupt berechtigt, 
itgenössische Quellenzeugnisse, in denen vom gemeinen Beutel 
Wittenberg die Rede ist, zu unsrer „Ordnung des gemeinen 
mtels'^ in Beziehung zu setzen. 

Prüfen wir nun diese direkten Quellenzeugnisse in ihrer zeit- 
ihen Aufeinanderfolge. 

Zunächst kommt in Betracht die Äußerung des Wittenberger 
tadenten ülscenius im Schreiben an Capito vom 30. November 
521 (bei Hartfelder, Melanchthoniana paedagogica S. 120): 
^ideas fiscum consilio d. Martini per magistratum erectum opibus 
n dies augeri, de quibus pauperes iuvari solent. Nam quae 
)lim pro aris vigiliis instituendis profuderant, hodie illi immittunt. 
^tif Grund dieser Äußerung erklärt Karl Müller kategorisch: 
«e bewiese deutlich, daß bereits vor Ende November 1521 der 
^i auf direkte Veranlassung Luthers die Beutelordnung erlassen 
kabe oder, wie er sich ausdrückt (S. 207), „daß der gemeine 
^tel von Luther stammt." 



206 Hermann Bärge. 

Indessen ist diese Deutung, wie wir sogleich sehen werden, 
unhaltbar, weil zu späteren klaren Zeugnissen in Widerspruch 
stehend. Suchen wir dem Sinne der Stelle, ohne im mindesten 
die ihr zukommende Bedeutung abschwächen zu wollen, näheir 
zu kommen. 

Was hat es zunächst mit dem consilium Lutheri für 
eine Bewandtnis? Befremden muß es, daß wir von ihm in den 
gleichzeitigen Briefäußerungen Luthers nichts hören. Während 
uns für die Zeit von Mitte Januar bis Ende Februar 1522 alle 
Briefe Luthers verloren gegangen sind, scheint seine Korrespondenz 
mit den Wittenbergem von der Wartburg aus in den Monaten 
September 1621 bis Januar 1622 ziemlich vollständig erhalten 
zu sein. Ihr entnehmen wir zugleich, daß Luther, als er einmal 
etwas vom Rate zu Wittenberg wünschte, sein Anliegen bei 
Spalatin vortrug.^ Von einem die Armenpflege betreffenden Rate 
Luthers hören wir, wie gesagt, nichts. Auch Karl Müller 
kann „bisher nicht genau feststellen", wann Luther „bei dem 
Rat Yon Wittenberg Maßregeln hat anregen lassen", die eine 
geordnete Armenpflege ermöglichten (S. 33). 

Indessen bin ich in der Lage, den Rat Luthers, an den 
Ulscenius bei jener Briefstelle denkt, verbo tenus mitzuteilen, 
und er steht noch dazu in einer keineswegs unbekannten Schrift 
Luthers. Er hat folgenden Wortlaut: „Es ist wol der grossen 
not eyne, das alle betteley abthan wurden in aller Christenheit, 
Es solt yhe niemand unter den Christen betteln gähn, es were 
auch eine lejchte Ordnung drob zu machen, wen wir 
den mut und ernst datzu theten, nemlich das ein yglich stad 
yhr arm leut vorsorgt und keynen frembden betler zu- 
liesse, sie hiessen wie sie weiten, es weren walbruder- oder 
bettel Orden . . . Szo muste da sein ein vorweszer odder Vor- 
mund, der alle die armen kennet, und was yhn not were dem 
Rad odder pfarrer ansagt, odder wie das aufiis beste mocht 
verordnet werden."^ Diese Stelle steht — in der Schrift „an den 

' Vgl. den Wunsch, der Rat möge Melanchthon als Prediger ▼e^ 
wenden, im Brief vom 9. September bei Enders 3, 280 f. Insbesoodeie 
S. 231 : Poteris haec per Lucam (Kranach) et Christianum (Beyer) in sen»^ 
pulchre agere. Karl Müller, S. 37. 

• W. A. 6, 450. — G. Kaweran weist W. A. 12, 2 Anm. 2 darauf 
hin, daß ähnliche Forderungen schon Geiler von Kaisersberg aufgestellt hatte- 



Die älteste evangelische Armenordniing. 207 

iristlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes 
»serung^ August 1520. Und Karl Müller tut ihrer eingehend 
rwähnung auf derselben Seite (33), wo er erklärt, den „Rat 
ithers^' nicht nachweisen zu können! Man wird gut tun, sich 
i Erläuterung des consilium Lutheri an die angeführte Äußerung 
der Schrift an den Adel zu halten, statt an eine verloren ge- 
kngene Ermahnung Luthers zu denken, zumal da die Annahme, 
A der Reformator gesetzgeberische Maßnahmen des Rates in 
'ittenberg von der Wartburg her veranlaßt und dirigiert haben 
Ute, in sich durchaus unwahrscheinlich ist. 

Außerdem fügt sich diese meine Ansicht vortreff- 
ch der von Karl Müller vorgetragenenen Gesamtauf- 
,S8ung ein. Aller Orten spuken in seiner Darstellung der 
''ittenberger Vorgänge von 1521/22 Einflüsse früherer Schriften 
dthers, namentlich der an den Adel. Die These Karl Müllers, 
B ob die Reformen in Wittenberg nur eine planmäßige Yer- 
irklichung früherer Lutherscher Programmpunkte darstellten, 
uß zurückgewiesen werden, weil sie der besonderen Eigenart 
5r handelnden Personen und der Vorgänge in Wittenberg nicht 
echnung trägt, und weil überhaupt eine ein ganzes Gemein- 
esen ergreifende Bewegung sich nicht auf literarische Remi- 
iszenzen zurückführen läßt. Aber allerdings gebe ich zu, daß 
ei unserer Quellenstelle eine solche Reminiszenz vorliegt. 
)er Student Ulscenius hat Luthers Ausspruch über die Armen- 
)flege in der Schrift an den Adel noch im Gedächtnis und 
)ringt die Nachricht, daß der Rat die Armenpflege auf neue 
ßnmdlagen stellt, damit in Verbindung. 

So scheidet freilich Luther als persönlicher Be- 
rater des Wittenberger Rates in der Zeit, da die Beutel- 
Ordnung erlassen worden ist, aus. Denn die Schrift an 
i^n Adel liegt IV4 Jahr zurück. Immerhin bleibt bestehen, 
^ Yor Ende 1521 ein „Fiskus" errichtet worden ist, aus dem 
^'e Armen unterstützt werden. An sich könnten die Worte 
fiscuB per raagistratum erectus (wörtlich: „eine vom Rate er- 
dichtete Kasse") gewiß die Annahme ermöglichen, daß der 
pmeine Beutel damit gemeint und somit schon vor Ende No- 
vember 1521 die Beutelordnung erlassen worden sei. Aber da 
^ bei dieser Annahme — wie sogleich erwiesen werden wird 
"* in die schwersten sachlichen Widersprüche verwickelt würden. 



208 Hermann Bärge. 

fragt sich, ob eine zwanglose andre Erklärung möglich sei. Da 
muß zunächst gesagt sein, daß ein fiscus, eine Easse^ noch nicht 
ein „gemeiner Beutel oder Kasten"^ ist, und daß vollends eine 
Beutelordnung in der ganzen Stelle nicht erwähnt ist. Selbst 
wenn schon damals der Rat praktisch Neuerungen in der Armen- 
pflege vorgenommen hätte, die den Bestimmungen der Beutel- 
ordnung homogen waren, wäre damit für deren Entstehungszeit 
noch nichts erwiesen. Das zeigt der Schluß der Briefstelle des 
XJlscenius. Ihm entnehmen wir (vgl. die Worte nam quae olim 
pro aris vigiliis instituendis profuderant, hodie iUi (seil, fisco) 
immittunt), daß in der Praxis schon seit Ende November 1521 
die für Priester bei Vigilien dargebrachten Oblationeu Zwecken 
der Armenpflege zugeführt wurden. Und doch wird diese Materie 
erst in der „Ordnung der Stadt Wittenberg'' vom 24. Januar 1522 
endgültig geregelt.' — 

Daß schon geraume Zeit vor Erlaß der Stadtr und Beutel- 
Ordnung der Rat seine Aufmerksamkeit der Armenpflege gewidmet 
hat, ist an sich natürlich nicht zu bestreiten. Auch sonst wurde 
bereits November 1521 in Erwägung gezogen, ob man Stiftungen, 
denen werkheilige Intentionen zugrunde lagen, nicht Zwecken 
der allgemeinen Armenpflege zuführen könnte. So schreiben 
die katholischen Stiftsherm am 4. November 1521 an Kurfürst 
Friedrich^: „Es ist auch am nechstvergangenem tag in vnßerm 
Kapitel vorgeschlagen, das es villeicht gut were vnd e. k£ g. 
nicht zu Widder, das die Zcinfe ethwan ern Vrbans felligen 
Vicarei armen leuthen zugewendt wurden/' Aber dasselbe 
Schreiben offenbart, daß am 4. November 1521 — also etwa 
zu der Zeit, für die sie K. Müller ansetzt — die Beutelordnung 
noch nicht in Kraft getreten war. Denn bezüglich von Bruder- 
schaftsgeldem, deren Einziehung der Rat vom Allerheiligenstift 
gefordert hatte, äußern die Stiftsherm die Besorgnis (ebenda): 
„Meynen villeicht, solcher bruderschafit einkummen in das 



' Der lateinische Ausdruck dafür ist cista. 

' Folgte man Karl Müllers Spuren, so müßte aus der Stelle — um ihrei 
Schlußsatzes willen — auch gefolgert werden, daß die „Ordnung der Stadt 
Wittenberg'' vom 24. Januar 1522 bereits vor Ende November 1621 in Kraft 
gewesen sei! — Wie die Briefäußerung des ülscenius zu deuten ist, wird 
unten erklärt werden. 

' Bärge, Karlstadt 2, 549, Z. 10 ff. 



Die älteste evangelische ArmenordDung. 209 

hofpital zu ordnen, welchs von gnaden gote, wo ihm recht 
uorgestanden , fünft nicht arm ist/' In das Hospital — und 
nicht in den gemeinen Beutel, weil es ihn noch nicht gibt.^ 

Unter den Quellenzeugnissen, die Aufschluß geben können 
über das zeitliche Verhältnis der Beutelordnung zur Stadt- 
ordnung, nehmen natürlich diejenigen einen hervorragenden 
Platz ein, die in die Zeit unmittelbar nach dem Erlaß der letz- 
teren, d. h. nach dem 24. Januar 1522, fallen. 

Am Tage nach Erlaß der Stadtordnung, am 25. Januar 
1522, berichtet über die Beschlüsse des vorhergehenden Tages 
der Wittenberger Bürgermeister Christian Beyer an den kurfürst- 
lichen Rat von Einsiedel. Sein Schreiben (C. R. I. 540) gibt 
in gedrängten Worten eine Übersicht über den Inhalt der Stadt- 
ordnung. Die neuen Bestimmungen über die Armenpflege faßt 
er in die Worte zusammen: „Die Armen soll man ver- 
sorgen aus dem gemeinen Beutel." Das Gewicht dieser 
Worte ist so groß, daß sie einer besonderen Erläuterung kaum 
bedürfen. Sie offenbaren, daß erst durch die Stadtordnung 
die Errichtung eines gemeinen Beutels in Aussicht 
genommen worden ist. „Die Armen soll man versorgen aus 
dem gemeinen Beutel" — wie hätte Beyer sich dieser Worte 
bedienen können, wenn schon seit Monaten auf Grund einer bis 
ins einzelne ausgearbeiteten Beutelordnung die Unterstützung der 
Armen aus dem gemeinen Beutel gesetzliche Praxis gewesen 
wäre? Vielmehr besagen die Worte deutlich, daß das bislang 
nur für das Hospital gesammelte Geld künftig der Gesamtheit 
der Armen zugute kommen soll — wie es alsbald in der Beutel- 
ordnung fixiert worden ist. Zugleich ersehen wir aus Beyers 
Bericht, daß man im Rat bereits besprochen hat, wie die Be- 
stimmungen über das Armenwesen im einzelnen durchgeführt 
werden sollen. „In einer j'eglichen GaUe, schreibt Beyer an Ein- 
siedel, soll seyn ein frommer Mann, der auf die Armen Aufsehen 
soll haben.*' Wiederum muß man fragen: was für einen Sinn 
hätten diese Worte in einem Bericht über die Beschlüsse des 



' Gerade der „gemeine Beutel'^ sachte ja die bisher dem Hospital zu- 
fliefienden Einnahmen diesem zu entziehen! Bärge, Earlstadt 2, 560, Z. 3: 
,,Zwm Andern sol die ander Taffell, welche zuuor allein den hofpital 
zngnt in der pfarrkirchen ymbgetragen, hinfurder für alle gebrechlich 
nottarftige perßon in der gemein gebraucht werden.*^ 



210 Hermann Bärge. 

24. Januar, wenn wirklich — wie Karl Müller behauptet — das, 
wovon sie melden, schon seit Monaten Brauch und Übung in 
Wittenberg gewesen wäre? Vielmehr weisen sie in ihrer all- 
gemeinen Fassung auf das hin, was nachher bei der Regelung 
des Armenpflegerwesens durch die Beutelordnung in einzelnen, 
konkreten Bestimmungen angeordnet worden ist. 

Über die Worte: ,,In einer jeglichen Gaffe soll seyn ein 
frommer Mann, der auf die Armen Aufsehen soll haben" urteilfc 
Karl Müller (S. 56 Anm.): ,,6anz klar ist dieser kurze Bericht 
freilich nicht." Er ist — wie der Wortlaut ergibt — so klar 
wie nur denkbar. Karl Müller vermag dies freilich deshalb nicht 
zuzugestehen, weil er sonst gleichzeitig zugeben müßte, daß hier 
eine Regelung des Armenvorsteherwesens erst angekündigt 
wird, somit die Beutelordnung noch nicht in Kraft gewesen 
sein kann. 

Auch die folgenden Worte in Beyers Bericht sind „ganz 
klar": „keinen offenbai*en Sünder zu dulden, sondern dieselben 
von der Universität und Rath zu strafen." Damit ist stichwort- 
artig der Inhalt der sittenpolizeilichen Bestimmung der Stadt- 
ordnung wiedergegeben. (Vorgehen gegen Dirnen und ihre Mit- 
schuldigen. Lietzmann Nr. 15). 

K. Müller verfallt nun, um den klaren Wortsinn mit seinen 
sachlichen Konsequenzen nicht einräumen zu müssen, auf einen 
eigenartigen Ausweg. Er macht nämlich den die sittenpolizei- 
lichen Maßregeln betreffenden Satz („keinen offenbaren Sünder 
zu dulden, sondern dieselben zu strafen") von dem vorhergehenden, 
auf die Regelung der Armenpflege hinweisenden abhängig» 
insbesondere von den Worten „Aufsehen haben." Da muß denn 
der merkwürdige Satz — formell ein mixtum compositum — 
herauskommen: „In einer jeglichen Gaffe soll seyn ein frommer 
Mann, der auf die Armen Aufsehen soll haben, keinen offen- 
baren Sünder zu dulden, sondern dieselben von der Universität 
imd Rath zu strafen." Somit müßte sich sachlich ergeben, daB 
in Wittenberg nur die armen Leute der Unzucht ergeben waren 
— eine Ansicht, die wohl auch bei größter grundsätzlicher Ab- 
neigung gegen das autonome Laienchristentum der Masse un- 
haltbar ist. Und man denke an die groteske Konstruktion, die 
bei dem Versuch K. Müllers die beiden voneinander unabhängigen 
Sätze zusammenzuschweißen, herauskommt: „ein frommer Mann 



Die älteste evangelische Armenordnung. 211 

huf die Armen Aufsehen haben , die Sünder von der Uni- 
ät und Rath zu strafen^M Das alles hält K. Müller nicht 
m Versuch zu wagen und der Meinung S. 56, Anm. 1 Aus- 

zu geben, daß „der Infinitiv ^zu strafen' abhangig sei von 
hen haben'." — In Wahrheit handelt es sich bei der Auf- 
über die Armen und der Handhabung der Sittenpolizei um 
getrennte Dinge. Allerdings bin auch ich mit Karl Müller 
[einung, daß die letztere gleichzeitig von den Armenpflegem 
usgeübt worden ist. Wenigstens bestimmt die spätere Ver- 
ing vom Jahre 1533 betreffs der Pflichten der Kasten- 
3her folgendes (handschriftlich im Wittenberger Rats- 
iv Band Bc4, Bl. 189b): „Auf Ärgemüß und Untugend 
ich und offenlich achtung geben und die zu weiterer Straff 
Pfarrer oder Predigern angeben.'* Aber darum bleibt doch 
len, daß sowohl die Neuordnung der Armenpflege — wie 
ann bald darauf in der Beutelordnung spezialisiert worden 
- als auch die der Sittenpolizei durch die Stadtordnung 
alig in Angriff genommen worden ist. 

[st schon nach Beyers Worten ein Zweifel darüber kaum 
ich, daß die Beutelordnung zeitlich später fällt als die Stadt- 
ing, so schafft vollends darüber Klarheit Karlstadts Schrift: 
Abtuhung der Bilder*', deren Vorrede vom 27. Januar 1522, 
irei Tage nach Erlaß der Stadtordnung, datiert ist. Zunächst 
man überhaupt fragen, welchen Zweck es gehabt hätte, daß 
tadt im ganzen zweiten Teile der Schrift ausführlich gegen 
tettelwesen angekämpft hätte, wenn dieses bereits im No- 
er 1521 — wie K. Müller meint — durch so nachdrück- 
Bestimmungen, wie sie die Beutelordnung enthält, beseitigt 
sen wäre! Daß den Zeugnissen dieser Schrift um der Zeit 
Erscheinens willen großes Gewicht beizumessen ist, gibt 
Müller selbst zu (S. 202). Gegen Ende kommt Karlstadt 
lie über Beseitigung des Bettels im Rate gepflogenen Ver- 
imigen zu sprechen. Bl. (SiiJ heißt es: „AUhie hett man 
1 loblichen weeg vnd mittel furgeschlagen, wan got sein 
geben hett, soliche weeg vnd mittel tzu volbrengen. Vnd 

disse mittel furgenomen, das man eynen gemeinen 
tel oder Kasten solt aufrichten vnd dar eyn das eynkomen 
bmderschafften brengen.'' Der Sinn der Worte ist deutlich: 
hat Mittel und Wege zur Neuregelung des ünterstützungs- 



212 Uennanii Bärge. 

Wesens vorgeschlagen und hat sich die Mittel vorgenonunen, 
daB man einen gemeinen Beutel aufrichten soll. Die Einrichtoog 
eines gemeinen Kastens ist — wie die Stadtordnung ergibt — 
geplant bzw. beschlossen, aber noch nicht durchgeführt. Das 
Wort „solt*^ verbietet die Annahme, daß schon seit Monaten ein 
gemeiner Beutel oder Kasten nebst einer die Einzelheiten der 
Armenpflege regelnden Beutelordnung besteht. 

Hier liegt ein Mißverständnis Müllers vor. Auf Orund der Stelle 
hatte ich schon in meinem Karlstadt 1, 498 den Zusammenhang 
richtig erkannt und daselbst geschrieben: ,,Am Schluß seiner Schrift 
fordert Karlstadt die Errichtung eines 'gemeinen Beutell oder 
Kasten' (Bl. (Siu). Es ist klar: die ... Beutelordnung stellt die 
Ausführung des letzteren Karlstadtschen Vorschlags^ dar." Karl 
Müller bemerkt dazu: „Gerade das Gegenteil ist 'klar'.* 
Zunächst: in der Stadtordnung besteht ja schon ein gemeiner 
Kasten. Und vor allem: Karlstadt selbst in seiner Schrift 
'fordert' nicht die Errichtung, sondern setzt sie unzweideutig 
als beschlossen voraus." Zum Beleg dafür führt er die 
obigen Worte an: „und seint diese mittel furgenommen', das man 
einen gemeinen beutel oder kästen solt aufrichten und darein das 
einkomen aller bruderschaften brengen." 

Abgesehen von meinen obigen Ausführungen weise ich dem 
gegenüber auf die Besorgnis Karlstadts hin, daß infolge der 
Ängstlichkeit des Magistrats die Aufrichtung eines gemeinen 
Beutels unterbleiben werde. Wie Karlstadt mit Bedauern in 
seiner Schrift feststellt, daß der Beschluß der Stadtordnung über 
die Wegnahme der Bilder in den Kirchen noch nicht ausgef&hrt 
ist (Bl. 5J): „Aber es ist noch kein execution geschehen"), so be- 
sorgt er ähnliches betreflfs der Reform des Armenwesens. Vgl 
seine Worte (Siub: „Dan ich forcht, das auch in diesem not- 
durflFtigen vnd Christlichem artickel nit werd gescheen, das 

^ „Karlstadtscher yorschlag** bedeutet natürlich nichts andereB &1> 
den Vorschlag Karlstadts, den Beschluß der Stadtordnung betr. des gemeisea 
Kastens auch wirklich rasch durchzuführen. 

^ Dies und das Folgende von Karl Müller gesperrt. 

^ „seint dise mittel furgenommen*' kann nicht bedeuten (wegen ä» 
folgenden „das man . . . solt aufrichten'*), daß die Mittel durchgefShit sisd. 
Vielmehr muß der Ausdruck mit der vorhergehenden Wendung zusamneD- 
genommen werden: „Allhie hat man ejnen lob liehen weeg vnd mittel fo^' 
geschlagen**, „seint furgenommen" = man hat sich vorgenommen. 



Die älteste evangelische Armenordnung. 213 

schlössen ist ynd solt gescheen, so wir anders Christen ge- 
ilt vnd seyn wollen. Ich hab das in meyn gethan/^ 

Es geht natürlich nicht an, diese Worte nur auf die Eiix- 
hirng der Bmderschaffcsgelder und geistlichen Lehen oder etwa 
r auf das Einkommen der steinernen Kirchen zu beziehen, 
9sen Einziehung für den gemeinen Kasten Karlstadt unmittel- 
r vorher wünscht. Die Worte sind vielmehr nicht zu lösen 
n dem obigen Satze: „Und seind disse mittel furgenommen, das 
m eynen gemeinen Beutel oder Kasten solt aufrichten." Jeder 
reifel darüber wird genommen durch die Worte, die Karlstadt 
jier Besorgnis hinzufügt: „Sie werden ire belonung sonder 
»reyffel bitterlich empffahen vnd fülen, ßo diesen beyden ar- 
ckeln endkegen seyn."^ 

Man wird nach diesen Worten ermessen können, was es mit 
irl Müllers von ihm selbst unterstrichenem Ausspruch für eine 
»wandtnis hat, Karlstadt fordere nicht die Errichtung eines 
meinen Kasten, sondern setze sie unzweideutig als beschlossen 
»raus. Die Errichtung eines gemeinen Kastens ist wohl be- 
blossen worden — aber erst durch die Stadtordnung vom 
[. Januar 1522, nicht schon vor Ende 1521. Und vor allem 
gibt unsere Stelle, daß ungeachtet des Beschlusses der Stadt- 
"dnung die Einrichtung des gemeinen Kastens noch nicht in 
iren Einzelheiten geregelt und durchgeführt ist (Karlstadt: „ich 
>rcht, das nit werd gescheen, das beschlossen ist'^. 

Auf Grrund des festgestellten Sachverhalts sind wir nun im- 
lande, die Äußerung des Ulscenius vom 30. November 1621 
ichtig zu interpretieren: Videas fiscum consilio d. Martini per 
nagistratum erectum opibus in dies augeri, de quibus pauperes 
iuTari solent. Schon damals hat der Rat eine Kasse angelegt, 
Mittel bereitgestellt für Zwecke der Armenunterstützung. Aber 
Tom Erlaß einer Beutelordnung vor Ende November 1521 kann 
ücht die Rede sein. Das „solent" zeigt, daß es sich um einen 
gewohnheitsmäßigen Brauch handelt, in der Weise, wie ich be- 
reits die Stelle Karlstadt 1, 382 Anm. 161 richtig gedeutet hatte: 
rh dringenden Fällen hatte der Rat schon früher Armenunter- 

^ Die beiden Artikel sind natürlich die Beseitigung der Bilder aus 
den Kirchen und die Aufrichtung eines gemeinen Kastens, bzw. Beseitigung 
^««Bettehis. YgL den Titel der Schrift Earlstadts: „Von Abtuhnng der 
Bilder und daß kein Bettler unter den Christen sein boII.'' 



214 Hermann Bärge. 

Stützung gewährt/^ Planmäßig und in den Einzelheiten wurde 
erst durch die Beutelordnung nach Erlaß der Stadtordnung das 
Armenwesen neu geregelt. 

Da jetzt feststeht, daß die Beutelordnung später fällt als die 
Stadtordnung, gewinnen natürlich auch die eingangs der Aasein- 
andersetzung angeführten Argumente, die zunächst nur Karl 
Müllers Aufstellungen als nicht zwingend erweisen sollten, sach- 
liche Bedeutung und dienen dazu, eine Reihe von Einzelheiten 
der Beutelordnung aufzuklären. 

Die Beutelordnung ist in Kraft getreten. Earlstadts 
Befürchtung hat sich also als irrig erwiesen. Dies beweist der 
Umstand, daß in einem in die Zeit zwischen 16. Februar und 
6. März fallenden Bericht über Vorgänge in Wittenberg^ die 
Durchführung der Beutelordnung vorausgesetzt wird. Daselbst 
heißt es: „Der ratt hat XIIIJ' menner gesetzt oder geordnet, die 
sollen alle arme leut^' usw. Die folgenden Worte sind verderbt, 

^ Der schon obenerwähnte, von mir Z. f. Kirchengesch. Bd. 22, 121 ff. 
ab^druckte Bericht. Dazu die verbessernden Lesarten Karlstadt 1, S75£ 
Anm. 146. 

' Bei dieser Gelegenheit sei auf folgendes hingewiesen. Eine irrige 
Lesung der Zahl (VIIIJ statt XIUJ) in Z. f Kirchengesch. 22, 122 war von 
mir in meinem Karlstadt 1, 876 berichtigt worden. Karlstadt 1, 600 drackte 
der Drucker für das dem Original genau entsprechende jIlLJ (« 14) CDU (= 104) 
[C für j:], und es blieb dies stehen, trotzdem ich es noch in der letzten Kor- 
rektur verbesserte, weshalb ich übrigens nachträglich beim Verleger vorstellig 
wurde. Dieser Druckfehler wurde verbessert in den Berichtigungen un 
Schluß des zweiten Bandes. Karlstadt 2, 617: „1, 600 Zeile 5 von nnfteii 
ist zu lesen XIIIJ menner statt CIIIJ menner.^^ Somit ist in meinem Buche 
alles in Ordnung: allenthalben rede ich von 14 Männern. — Auf Gmod 
dieses Sachverhalts baut Karl Müller S. 204 Anm. 2 folgende Notiz zusammen: 
„Z. K. G. stand VIIIJ; 1, 375 korrigiert Bärge nach dem Original XIIU; 
1, 600 aber steht ClUJ, was 2, 617 wieder in XIIIJ hergestellt wird." Wohin 
soll es kommen, wenn Autoren ihren literarischen Gegnern nicht nur ani 
Druckfehlem — für diese habe ich ohnedies schwer genug büßen müssen —, 
sondern gar aus Druckfehlerberichtigungen schwere Vorwürfe machen? 
Druckfehlerberichtigungen sollten unter allen Umständen respektiert werden 
Was würde Karl Miiller dazu sagen, wenn ich ihm vorwürfe: das eine Hsl 
(S. 26 Anm. 4) ließe er den Studenten das Abendmahl ohne Kelch gereicht 
werden, und an anderer Stelle (S. XI, Anm. 1) sage er von demselben V(ff- 
gang, es sei „mit dem Kelch" geschehen — wo in Wahrheit die eine 
Stelle die Berichtigung der andern gibt ? Und dabei handelt es sich bei 
Karl Müller nicht einmal bloß um die Berichtigung eines Dmckfahlerit 
sondern um Richtigstellung eines lapsus calami. 



Die älteste evangelische Aimenordnung. 215 

ch geht aus ilmen hervor, daß an die Bestimmung der Stadt- 
InuDg gedacht ist, den Geistlichen solle für den Ausfall ihrer 
unahmen 6 Gulden Entschädigung gewährt werden. Um dieses 
zten Zusatzes willen meint Karl Müller (S. 204), es sei „vor 
em", „verfehlt, wenn Bärge 1, 500^ in dem Bericht eine Be- 
ihung auf die Beutelordnung findet. Nachdem Müller von der 
itschädigung für die Priester gehandelt hat, schließt er: „Nun 
er ist ja unter allen Umständen klar, daß hier nicht auf die 
ntelordnung, sondern auf die Stadtordnung hingewiesen ist. 
am die Entschädigung der Priester mit 6 fl. ist nicht in der 
jutelordnung, sondern in der Stadtordnung vorgesehen." 

Diese Sätze sind nur geeignet, Verwirrung zu stiften. Als 
* je die Beziehung anf die Stadtordnung hinsichtlich der 
Qgabe über die 6 Gulden Entschädigung von mir bestritten 
)rden wäre. In den ersten Worten der Notiz aber: „Der 
tt hat 14 menner gesetzt oder geordnet, die sollen alle arme 
if ' . . . kann eine Beziehung auf die Stadtordnung nicht an- 
nommen werden, da sie eine derartige Bestimmung gar nicht 
thält. Wohl aber ist die Einsetzung von Armenpflegern in 
r Beutelordnung ausdrücklich vorgesehen und. beschrieben.^ 
isere SteUe zeigt somit — obschon der Schluß des Satzes 
üt, bzw. verderbt ist — , daß die Beutelordnung durchgeführt 
)rden ist. 

Interessant ist auch der Zusammenhang, in dem diese Stelle 
Bht (Z. f Kirchengesch. 22, 122). Der Verfasser erzählt nach- 
oander davon: daß der Rat den Mönchen Mittfasten als Termin 
r die Räumung der Klöster bestimmt, daß er die gemeinen 
rauen vertrieben, daß er 14 Männer als Armenpfleger eingesetzt, 
iß er die finanzielle Entschädigung der Priester geregelt hat — 
kuter Maßnahmen, durch die die Beschlüsse der Stadtordnung 
Faktisch durchgeführt werden. Daß die Beutelordnung eine 
Usführungsbestimmung der in der Stadtordnung betreffs 
Neuregelung des Armenwesens aufgestellten allgemeinen Grund- 
ttbe ist, hatte ich bereits Earlstadt 1, 382 behauptet: „Das Ganze 
BÖl. der Stadtordnung) trägt mehr den Charakter einer program- 

^ Auch wenn übrigens die Stelle auf die Stadtordnung, nicht auf die 
Ntelordnung ginge, wurde damit doch nur wieder aufe neue der Beweis 
^'^^nudit worden sein, daß die Armenpflege nicht schon Nov. 1521 geregelt 
forden sein kann. 



216 Hermann Bärge. 

matischen Kundgebung. Jeder einzelne Punkt erforderte^ (kB 
zahlreiche^ den tatsächlichen Verhältnissen angepaßte SondermaB- 
nahmen ausgearbeitet wurden. Und der Rat war gewillt, die 
Regelung der Verhältnisse im einzelnen nach Maßgabe der in der 
^Ordnung' aufgestellten Gesichtspunkte in die Hand zu nehmen. 
Hierfür bietet eine auf uns gekommene 'Ordnung des gemeinen 
Beutels' einen wertvollen Beleg.'^ Diese Auffassung erhält somit 
eine neue Bestätigung. 

Auch daß 14 Armenpfleger eingesetzt wurden^ ist^ obschon 
die Zahl Schwierigkeiten bereitet, mit den Bestimmungen der 
Beutelordnung in Einklang zu bringen. Karl Müller vermag für 
die Zahl 14 keine Erklärung zu geben und bemerkt dazu (S. 204 
Anm. 2): „In Beutelordnung wie Stadtordnung sind nur 4 Männer 
über den gemeinen Kasten gesetzt." Diese Angabe ist un- 
richtig. Die Stadtordnung bestimmt, daß zwei vom Rate und 
zwei von der Gemeinde zur Einziehung der bislang kirchlichen 
Zinse eingesetzt werden und erwähnt dann noch einmal: es sollten 
die Armen und Kranken „durch die Verordneten zimlicher Weise 
versehen werden" (Lietzmann Nr. 1, 3). 

Dagegen ist in der Beutelordnung vorgesehen, daß „alzeit der 
regierende Bürgermeister vier redliche wohlhabende und getreue 
Bürger von der Gemeinde, die man aus den vier Viertek der 
Stadt erwählen soll", bestimme. Und unmittelbar darauf ist 
noch von drei Räten die Rede, denen das Armen wesen mit unter- 
steht. Die vier aus der Gemeinde haben dem Bürgermeister, den 
drei Räten und dem Pfarrer Rechenschaft abzulegen über Ein- 
nahmen und Ausgaben. Somit handelt es sich zunächst in der 
Beutelordnung um neun Männer, die an der Verwaltung des ge- 
meinen Beutels beteiligt sind, nicht, wie Karl Müller behauptet, 
um vier.^ 



^ Karl Müller schreibt S. 54 (über die BeBtimmaiigeii der Stadt- 
ordnung): „Die Einnahmen des gemeinen Kastens stehen unter der Yer 
waltung von vier Männern, von denen der Rat die eine, die Bürgerschaft 
die andere Hälfte bestimmt/^ Er erkennt nicht, daß er mit diesem Sati^ 
seine eigene Behauptung untergräbt, die Beutelordnung sei schon vor End* 
November 1521 erlassen worden. Gewiß ist es richtig, daß die Stadt- 
ordnung nur vier Ven^'alter des gemeinen Kastens vorsieht (die vom Rate 
xmd von der Gemeinde zusammengerechnet). Die Beutelordnung aber hat 
— bei der gleichen Berechnung — deren neun oder wenigstens, wenn wir 
den Bürgermeister und den Pfarrer nicht dazu rechnen, sieben. Dieie 



Die älteste evangelische Armenordnang. 217 

Mit den ,,14 Männern^' obiger Stelle sind nun offenbar, wie 
r Zusatz „die sollen alle arme leuf* beweist, nur Pfleger ge- 
eint, die sich der Armen im einzelnen annehmen — während 
m Bürgermeister und den drei Räten offenbar in erster Linie 
9 Verrechnung bzw. Kontrolle der Einnahmen und Ausgaben 
»lag. Wie nun die Zahl 14 herauskommen könnte, dafür bietet 
1 Satz in der Beutelordnung einen Hinweis. Es heißt darin 
larlstadt 2, 560 Zeile 35 f.): „Wo es auch in der drei Räte und 
« Pfarrers Erdenken sein wird, andere Vorsteher zu setzen, 
an sollen sie auch Macht haben." Die Räte und der Pfarrer 
rhalten also das Recht, im Bedarfsfalle noch andere Armenpfleger 
inzuznwählen. Und da sich die vier Pfleger aus den vier Vierteln 
icht als ausreichend erwiesen für eine differenzierte Armenpflege, 
!t ihre Zahl sehr bald nach Erlaß der Beutelordnung auf 14 er- 
Loht worden. An der Höhe der Zahl 14 darf man keinen An- 
tfcoB nehmen. Sieht doch die Leisniger Kastenordnung Tom J. 1523 
Eb die kleine Stadt Leisnig auch nicht weniger als „zehen fur- 
mnnden oder fursteher^* vor (Lietzmann a. a. 0. S. 15). 

Es erübrigt noch auf eine Quellenstelle einzugehen, die 
Karl Müller S. 207 zugunsten seiner Behauptung ins Feld führt.^ 
Emser schreibt in seiner Schrift: „Wider den falsch genannten 
Ecclesiasten und wahrhaftigen Erzketzer Martinum Luther'^ (1523) 
BL[^J von Luther: „Dann wiewol er der sach einen guten 
flcheyn gemacht vnd beuolhen ein kästen aufftzurichten, darejn 
jederman legen solt, was er armen lewten geben wolt, das man 
ne da von erhalten mocht, So ist doch die lusantz heimlich vber 

I^erenz ist sehr gat erklärbar bei der Annahme, daß die Beutelordnong 
*P&ter f&llt als die Stadtordnung. Es hat sich dann eben herausgestellt, 
^ die ursprünglich vorgesehenen vier Verwalter des gemeinen Kastens 
lucht ausreichten, und ihre Zahl erhöht werden mußte. Umgekehrt aber 
bleibt es absolut unverständlich, daß — wie es die Konsequenz der Karl 
l'ölleiBchen Ansicht sein würde — ursprünglich, bei Erlaß der Beutel- 
ordnong (vor Ende November 1521) neun bzw. sieben Leute den gemeinen 
^tttel Ten»'alten sollten, dann aber — als, wie es nach Karl Müllers Ansicht 
^ Fall ist, eine so wesentliche Erweiterung der Einnahmen und Ver- 
wendungszwecke des gemeinen Beutels durch die Stadtordnung vom 24. Ja- 
Ättar 1522 eintrat — gleichzeitig die Zahl der Verwalter von 9 auf 4 zu- 
'^'luiiengeBchnimpft sein soll. 

* Mit dem Folgenden wird zugleich berichtigt, was ich Karlstadt l,396f 
«'"•geführt habe. 

Hlitor. Vicrtoljfthnohrift. 1908. 8. 15 



218 Hermann Bärge. 

die Priester gegangenn, das man ein vrsacb bet^ denselben ire 
zins zu nbemen^ das man destobesser yrsacb bet, inen ire zins 
zu wegem." Karl Müller bemerkt dazu: ,^ier ist ganz klar: 
Lutber bat zunäebst einen gemeinen Kasten für die Armenpflege 
erricbten lassen, in den freiwillige Gaben eingelegt wurden. Her- 
nacb aber bat man in diesen Kasten aucb die Zinsen der Prie8te^ 
leben gezogen. Es leucbtet ein . . .: erst die Beutelordnung, dann 
die städtiscbe Ordnung vom Januar.^' 

Indessen ist es Karl Müller entgangen, daß Emser an 
dieser Stelle gar nicbt die Wittenberger Verhältnisse im Auge 
bat, sondern — von der Leisniger Kastenordnung de« 
Jabres 1523 spricbt. Die Stelle ist geradezu ein, bisber über- 
sebener, Beleg dafür, daß die von Lutber mit einem Yorworfce 
versebene Leisniger Kastenordnung vor Emsers Scbrifb er- 
schienen ist. 

Bekaimtlicb begaben sieb am 25. Januar 1523 Deputierte 
der Stadt Leisnig mit dem Entwürfe der Ordnung zu Lutha 
(Enders 4, 69), der ibn am 29. Januar guthieß (Enders 4, 70). 
Bald darauf ist die Ordnung mit dem Vorworte Luthers von diesem 
selbst im Druck herausgegeben worden. 

Die Vorrede zu Emsers Schrift ist datiert vom 3. Januar 1523. 
Man weiß, daß in jener Zeit die Vorreden zuerst von den Autoren 
niedergeschrieben zu werden pflegten. So ist die Vorrede lu 
Karlstadts Erläuterungen über Augustins de spiritu et litera datiert 
vom 18. November 1517, erscbienen ist die Scbrift erst 1519. 
Freys und Bärge, Die gedruckten Scbriften des Andreas Boden- 
stein von Karlstadt, Zentralblatt für Bibliothekswesen 1904, S. 320. 
Vgl. ebenda Nr. 10. 15. 50 (Vorrede vom 24. Juni, im Druck 
vollendet erst Oktober oder November) usw. Ehe Emser bis 
zum 15. Bogen seiner umfangreichen Scbrift, auf welchem die 
von Karl Müller angezogene Stelle steht, vorgedrungen war, war 
inzwischen die kurze Leisniger Kastenordnung mit Lutbers Vor 
rede im Druck erschienen. 

Die Beziehung auf Lutbers Vorrede ist ganz unver- 
kennbar. Denn Emser folgt in seinen Worten durchaus der 
Anordnung Lutbers. Dieser sagt zuerst, es sei das Beste, „dtf 
man alles ander lasse zum gemeynen gutt eyns gemejnen kastenfl 
gelangen, daraus man nacb Cbristlicber liebe gebe und leyb^ 
allen, die ym lande durfftig sind". Darnach fährt er forti 



Die älteste eyangelisclie Axmenordnang. 219 

ySölche wejße gehöret auch auff die Bisthuni; stiffte und capitel^ 
lie land und stedte und ander gutter unter sich haben, denn 
»ölche bischoffe und stiffte sind widder Bischoffe noch stiffte. Es 
lind ym grund der warhejt welltliche herm mit eym gejstlichen 
lamen, darumb sollt man sie welltliche herm machen, odder die 
jQtter den armen erben und freunden und dem gemeynen 
tasten austeylen" (W. A. 12, 13 f.). — Somit zerfällt auch 
lies letzte „Beweisstück^^ Müllers in nichts. 

Übrigens weist auf die Leisniger Kastenordnung auch der 
Anfang der Ausführungen Emsers über den Bettel hin: „Luter 
[lat etzlich vberredt, das sie die armen betler abgethan ynd 
rie irer alten freyheit beraubt haben." Vgl. damit Leisniger 
Eastenordnung (W. A. 12, 23): „Keine betteler unnd bettleryn 
sollen ynn unnserm kirchspiell ynn der stadt noch dorffem, ge- 
lidden werden."^ 

Wie hätte auch Emser von der Wittenberger Beutelordnuug, 
die Yor der Yon mir Torgenommenen Publikation nie im Druck 
enehienen ist und in den Akten des Wittenberger Ratsarchivs 
schlummerte, so genaue Kenntnis erhalten sollen? 

Es bleibt also dabei: erst die „Ordnung der Stadt Witten- 
berg^' vom 24. Januar 1522 und dann als eine ihrer Ausführungs- 
bestimmungen die „Beutelordnung'', die zugleich die älteste evan- 
gelische Armenordnung darstellt. 

Wir wenden uns endlich noch der Frage zu, inwieweit Karl- 
Btadt persönlich ein Anteil am Zustandekommen der Wittenberger 
Beutelordnung beizumessen ist. Einmal deuten die Beziehungen 
zwischen ihm und führenden Persönlichkeiten in Kitzingen darauf 
Un, daß er den Kitzingem die Wittenberger Beutelordnung über- 
lädt hat. Femer ist festzuhalten: die Stadtordnung war das Er- 
gebnis gemeinsamer Beratungen des Rates und Ausschusses.^ Im 
Ausschuß aber spielte Karlstadt eine führende Rolle. Daß er 
den größten Eifer entfaltet hat, gerade die Neuordnung des 



^ Auf die hier erwähnten Bettlerinnen, von denen in den Witten- 
^er Ordnungen überhaupt nicht die Rede ist, weist Emser Bl. O hin an 
^ Stelle, wo er sich damit einverstanden erklärt, daß man ,,etzliche halb 
•IteWeyber, die den lenten noch wol dinen oder sich mit spynnen emeren 
»onnen, das betein vorbiette". 

» Vgl. Beyer an Einsiedel 26. Jan. 1622 (C. R. I. 540): ,Jch laß euch 
^sen, daß sich die Universität mit dem Rat vereinigt hat'* usw. 

15* 



220 Hermann Bärge. 

Armenwesens durchzusetzen , hat er selbst an der bereits in an- 
derem Zusammenhange angeführten Stelle seiner Schrift: „Von 
Abtuhung der Bildei^^ gesagt (Bl. Ssb): ^^Ich forcht, das ouck 
in disem notdurfftigem und Christlichem artickell nit werd ge- 
scheen, ßo wir anders Christen genent und seyn wollen. Ich 
hab das meyn gethan.^ Somit ist die Beutelordnung zum 
guten Teil die Frucht des persönlichen Wirkens Earlstadts. 



Über die Schicksale der ältesten Wittenberger Armenordnung 
fließen die Quellen verhältnismäßig dürftig. Aber als zweifellos 
darf gelten y daß sie in Kraft geblieben ist auch nach LuÜiers 
Rückkehr Ton der Wartburg. Dafür bietet folgender Umstand 
einen Beleg: Luther selbst hat in das im Wittenberger Ratsarchir 
befindliche Exemplar der Beutelordnung einige — übrigens sadi- 
lieh unwesentliche — kritische Randbemerkungen eingetragen: 
der Kasten solle außerhalb der Kirche stehen um des heiligen 
geistlichen Rechts willen; der Prediger solle das Volk oft dazu 
ermahnen y Almosen zu spenden, daran werde alles liegen.^ Ffir 
Karl Müllers Annahme, die Ordnong stamme als ganzes Ton 
Luther und sei im November 1521 entstanden, läßt sich ans 
diesen Randglossen Luthers natürlich nichts gewinnen. Vielmehr 
leuchtet ein, daß Luther zu einer von ihm selbst verfaßten Ord- 
nung keine Randglossen hätte zu machen brauchen. Und wie 
sollte es sich bei der Annahme Karl Müllers erklären, daß der 
Text der Ordnung selbst, zu dem diese Bemerkungen gemacht 
sind, von einer andern Hand geschrieben ist als von der Luthers? 
Wollte man konjizieren, Luther habe den ersten Entwurf der 
Beutelordnung auf Grund seiner persönlichen Angaben einen 
andern machen lassen, um dann sein Gutachten dazu zu geben, 
80 entsteht die Frage: wer hätte auf der Wartburg, wo Luther 
während der Zeit, da nach Karl Müller die Beutelordnung ent- 
standen sein soll, weilte, die so verantwortungsvolle Ausarbeiinng 
dieses Schriftstücks für Luther übernehmen sollen? Etwa der 



^ Daß diese Notizen von einer andern Hand als der Text der Benttl- 
Ordnung herrührten, hatte ich bereits bei ihrem Abdruck bemerkt. ^^ 
Earlstadt 2, 561 Z. 22ff. Nikolaus Muller erkannte — wie Hermelink 
in dieser Zeitschrift Jg. 1908 S. 127 mitteilt — , daß Luther die Bemerkung«^ 
geschrieben habe. 



Die älteste evangelische Armenordnung. 221 

dann Oswald in Eisenach; den Luther zu diesem Zwecke 
erst auf die Wartburg hätte zitieren müssen? Dagegen er- 
sieh eine naturgemäße Erklärung für die Ton Luther hinzu- 
zten Randbemerkungen durch die Annahme: daß Luther nach 
r Rückkehr nach Wittenberg die Beutelordnung zur Begut- 
ng vorgelegt erhielt und sie — von den geringfügigen Be- 
iingen abgesehen , die er dazu machte — für gut be- 
n hat 

ins Hermelinks Mitteilungen (a. a. 0.), die mir erst nach 
ndung meiner Abhandlung zugingen, ergibt sich übrigens 
r, daß Nikolaus Müller noch ein zweites Exemplar der 
»lordnung, das mir nicht vorlagt gefunden hat, und daß 
I ,,fast ganz von Luther geschrieben'^ ist. Solange als über 
genauen Wortlaut und vor allem den Fundort dieses Exem- 
nichts bekannt ist, läßt sich darüber Bestimmtes nicht sagen. 
Tatsache als solche, daß Luther ein Exemplar der Beutel- 
ing selbst geschrieben hat, vermag natürlich nicht meine 
chen Aufstellungen zu erschüttern. Er kann sehr gut zur 
a Liformation Abschrift von der Beutelordnung genommen 
L Noch wahrscheinlicher ist, daß er sie auf Anfragen einem 
ürtigen Freunde abgeschrieben und zugeschickt hat, det im 
iluß an die in Wittenberg vorgenommene Regelung der 
npflege das Armen wesen seiner Stadt analog neu zu ordnen 
chte — so wie Karlstadt dem Kitzinger Freunde offenbar 
Text der Ordnung zugesandt hatte (vgl. oben). So fielen 
bereits früher die Übereinstimmungen der Magdeburger 
mordnung mit der Wittenberger auf, und ich schrieb darüber 
itadt 2, 189 f.: „Die im Sommer des Jahres 1524 von der 
leburger Bürgerschaft beschlossene 'Ordnung des gemeinen 
ins* weist mit der Wittenberger Beutelordnung vom Jahre 
in allen wichtigen Punkten Übereinstimmungen auf. Dieser 
nen einzelne Abschnitte der Magdeburger unmittelbar ent- 
inen zu sein: das Gebot, Kästen in den Kirchen aufzustellen, 
^h&mte Arme au&uspüren, desgleichen die regelmäßigen Zu- 
aenkünfte der Pfleger." Hier z. B. liegt die Vermutung nahe, 
Amsdorf, der seit Juni 1524 zunächst vorübergehend, dann 
rnd in Magdeburg weilte, den Text der Wittenberger Beutel- 
tmg sich durch die Vermittlung des ihm eng befreundeten 
ler verschafft hat. 



222 Hermann Bärge. 

Eine Bestimmung der Beutelordnung lautet, es solle, wenn 
die Mittel dazu vorhanden seien, von den Einkünften des ge- 
meinen Kastens Korn für die Armen gekauft werden. Ein Schreiben 
Kurfürst Friedrichs an den Rat von Wittenberg aus Lochau vom 
18. März (Sonnabend nach ßeminiscere) 1525^ offenbart, daß dieser 
Bestimmung gemäß vom Rate gehandelt worden ist. Die „arme 
Gemeine" von Wittenberg hatte darum gebeten, daß „sye mit 
körn irer Notturf t nach" vom Kurfürsten versehen werde. End- 
lich entschloß sich der Rat dazu, ihm diese Bitte vorzutragen, da 
auch die Bauern keinen Überfluß an Korn hätten und in Not 
wären, weshalb der Rat um den „gewonlichen kauf dem Armat 
zu gut auf Darleihen eines gemeinen Beutels" Korn nicht 
zu sich zu bringen vermöchte.* 

In der Folgezeit wurde die Zahl der Armenpfleger beträchtlich 
vermindert. Bei dem ersten Aufwallen des Eifers für die nene 
öffentliche Regelung der Armenpflege glaubte man, ohne eine 
stattliche Zahl von Vorstehern des gemeinen Kastens nicht aus- 
kommen zu können. 14 Pfleger gab es — wie wir sahen — 
kurz nach Erlaß der Beutelordnung in Wittenberg , 10 worden 
in der Kastenordnung Luthers für Leisnig vorgesehen I Aus einer 
genauen Abrechnung der Einnahmen und Ausgaben des gemeinen 
Kastens, die im Jahre 1528 durch die vom Kurfürsten Johann 
verordneten Visitatoren Martin Luther, den Rentmeister Hans 
von Taubenheim, den Hauptmann Hans Metsch und den Licen- 
tiaten der Rechte Benedikt Pauli für das folgende Jahr verankBt 
wurde, ersehen wir indessen, daß man damals nur noch sechs 
Vorsteher des gemeinen Kastens hatte.^ Und die Ausgaben ffir" 
die Armen machen einen verhältnismäßig sehr geringen Bruchteil 
der Gesamteinnahmen des gemeinen Kastens aus. Letztere be- 



^ Das (nicht eigenhändige) Original dieses Schreibens fand ich io 
Wittenberger Ratsarchiv Bd. Bc 67 Bl. 9 u. 10. 

' Der Kurfürst sagte in seinem Schreiben zu, wöchentlich ein Fuder 
Korn auf den Markt bringen und dies den Scheffel mindestens um tva^ 
Groschen billiger verkaufen zu lassen, als der übliche Marktpreis betis^ 

' Diese erste genaue Verrechnung der Einnahmen und Ausgaben des 
gemeinen Kastens findet sich im Wittenberger Ratsarchiv Bd. 6^4 
Bl 159 bis 172. Die Namen der sechs Kastenvorsteher sind: BUsio* 
Mattheus, Cunrad Weyße, Thies Richter, Andres Lehmann, Kun« Kmgk 
und Merten Hansendorff. * 



Die älteste evangelische Armenordnung. 223 

ßfen sich auf 693 Schock Groschen, 13 Groschen und 11 Pfennige, 
ayon wurden nur 21 Schock 5 Groschen 5 Pfennige 1 Heller 
isgegeben an Geldern für die regelmäßige Armenpflege, die all- 
»nntaglich den Bedürftigen ausgezahlt wurden. Hinzu kommen 
Schock 2 Groschen 7 Pfennige für Speisung der Armen und 
ranken im Spital zum heiligen Kreuz. Weit größere Summen 
forderte die aus dem gemeinen Kasten erfolgte Besoldung der 
ädtischen Kirchen- und Schuldiener. Es erhalten (Blatt 169) 
B jährliches Gehalt der Stadtpfarrer Bugenhagen 70 Schock 
roschen, jeder der drei Kapläne Johann Mantel; Georg Rorer 
ad Sebastian Fröschel 24 Schock 30 Groschen, der Schulmeister 
ohann KalckofiFer 11 Schock 30 Groschen, dessen Geselle 8 Schock 
5 Groschen, Michel der Küster 7 Schock 15 Groschen, der 
[ädchenschullehrer Jakob Eysen 3 Schock 30 Groschen, der 
itadtschreiber Urban Balduin 5 Schock 15 Groschen und dessen 
^echt 1 Schock 44 Groschen. 

Zu einem Abschluß — wie es scheint für längere Zeit — 
^langten die den gemeinen Kasten zu Wittenberg betreffenden 
Bestimmungen durch eine Verordnung aus dem Jahre 1533.^ 
b ihr wird bestimmt, „es solle auch zu Wittenberg alleweg ein 
gemeiner Kasten sein für kranke, arme Leute und daraus die 
Kirchen- und Schuldiener, desgleichen die Gebäude erhalten 
werden."* Zu seinen Vorstehern sollen verordnet werden sechs 
»fromme, gottesfürchtige, wohl besessene Bürger*', zwei des Rats 
(statt der drei in der Beutelordnung vom Jahre 1522 vor- 
gesehenen) und vier von der Gemeinde (die gleiche Zahl wie in 
der Beutelordnung). 

Von diesen Vorstehern sollen die Gelder des gemeinen 
Kastens in einem Inventarium verrechnet werden; einmal im 

* Visitations-Matricul 1528—1533, aufgerichtet 1533, im Witten- 
*>erger Ratsarchi? Bd. B^^, Bl. 178 bis 198. Dies Schriftstück iat von 
Biir Belbständig aufgefunden worden, aber nachträglich erfuhr ich, daß es 
^ta früher Nikolaus Müller in Händen gehabt habe. Im Jahre 1900 
hierließ ich die Veröffentlichung dieser wichtigen Archivfnnde darum, 
^^ Xik. Müller in einem Briefe an mich ihre Publikation als unmittelbar 
Vorstehend in Aussicht stellte. Seitdem sind acht Jahre verflossen, und' 
^e Publikation ist noch nicht erschienen. Nunmehr glaubte ich diese 
«^tteiliuigen der Wissenschaft nicht länger vorenthalten zu dürfen. 

' Diese Ansfühnmgen über den gemeinen Kasten stehen Bl. 188 
^d 189. 



224 Hermann Bärge. 

Jahre erfolgt die Generalabrechnaug vor dem Rate, in Oegen- 
wart des Pfarrers. Die Amtsdauer der Vorsteher betragt iwd 
Jahre. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, „sich derjenigen, die 
des Kastens Hülfe begehren, Lebenswandels und ünTermögeni 
zu versehen oder sich fleißig zu erkundigen, damit der Kirchen 
Güter nicht Müßiggängern und willig Armen, sondern denjenigen 
ausgeteilt werden, die recht arm sind.'' Ihnen soUen von dem 
Bettelgeld, das in der Kirche eingenommen und an Schulden ein- 
gemahnt wird, jede Woche zu ihrem Unterhalt ein oder zwei 
Groschen gegeben werden. Solche, die sich gern mit einem 
Handwerk ernähren möchten, können leihweise 2, 3 bis 4 Schock 
Groschen erhalten. Von den sittenpolizeilichen Befugnissen, die 
den Armenpflegem mit übertragen werden, war schon oben die 
Rede. — Übrigens ist der Betrag des allsonntaglich in der Kirche 
gesammelten Beutelgeldes in dem Zeitraum von 1528 bis 1533 
aufßUig gering. Er beläuft sich pro Jahr auf im Durchschnitt 
30 Gulden — ein Beweis dafür, daß aus dem Kampfe gegen die 
Werkheiligkeit eine Abnahme der karitativen Gesinnung als nicht 
eben erfreuliche Begleiterscheinung resultierte. 



Wir fassen zum Schluß die Ergebnisse unserer Untersuchung 
zusammen! Die Legende von der auf direkte Veranlassung Luthers 
vor Ende November 1521 in Wittenberg erlassenen Beutelordnung 
ist nunmehr hoffentlich endgültig abgetan. Luther hat in der 
großen Zeit seines Wirkens zuerst die Bekämpfung des Bettel- 
wesens und die Neuordnung der Armenpflege programmatisch 
gefordert. Er hat damit mächtige Impulse für die Erstarkung 
einer christlich -sozialen Gesinnung gegeben. Daß aber die 
Programmforderungen Luthers, insbesondere auch die bezüglich 
des Armenwesens, zuerst in die Tat umgesetzt und im einzelnen 
durchgeführt wurden, ist das Ergebnis jener frühprotestantischen 
laienchristlichen Bewegung in Wittenberg, die — von Lutherischen 
Gedanken ausgehend — alsbald sich selbständig in einer dem 
späteren kalvinistischen Puritanismus analogen Weise ent&ltete. 
Wer freilich für den Unterschied zwischen programmatischen 
Forderungen und gesetzgeberischen Maßnahmen kein Verständnis 
besitzt, wird nicht begreifen können, daß in den kirchlichen 



Die älteste eyangelische Armenordnang. 225 

Reformen, die in Wittenberg durchgefQhrt wurden, sich histo- 
rische Vorgänge Ton großer Bedeutung und Eigenart abspielten. 
Für den Forscher werden die Wittenberger Vorgange der Jahre 
1521/'22 als allererste Versuche, die seit vielen Jahrhunderten 
eingewurzelten katholisch kirchlichen Institutionen dem evange- 
lischen Empfinden gemäß, auf der Grundlage eines autonomen. 
Gemeindechristentums, umzugestalten oder zu beseitigen, fortan 
immer ein wichtiger Gegenstand der historischen Betrachtung 
bleiben. 



226 



Kleine Mitteilnngeii. 

Zur Signorie Heinrichs YII. in Genua. 

Im Tnriner Staatsarchiv sind bisher unbekannte Stücke der 
Registratur Heinrichs VII. aufgefunden worden, welche das ohnehin 
schon recht reichhaltige Quellenmaterial für seine Beziehungen zu 
Genua neuerdings vermehren. Y. Samanek hat in den MitteiloDgen 
des Instituts für österreichische Geschichtsforschung B. 27 (1906) 
S. 237 ff. und S. 560 ff. die Stücke, die jetzt auch in M. G. Constitu- 
tiones B. 4 T. 1 S. 679 ff., nro. 703 ff., Aufnahme gefunden haben, 
teilweise ediert und unter einem meines Erachtens nicht ganz glück- 
lich gewählten Gesichtspunkte zu verwerten gesucht. „Die verfassungs- 
rechtliche Stellung Genuas 1311 — 1313", die er sehr umständlich 
behandelt, trat schon aus den bisher bekannten Quellen mit ge- 
nügender Deutlichkeit zutage so daß sich zwar Ergänzungen bei- 
fügen lassen, aber nicht eine völlig neue Auffassung der Verhältnisse 
begründet werden kann. 

Nach der Krönung Heinrichs VII. in Mailand (1311, 6. Jan.) 
ließ die Kommune Genua durch bevollmächtigte Gesandte dem rö- 
mischen König, gleichwie früher seinen Vorgängern, den Treueid 
leisten; sie hat jedoch nicht auf die ihr nach den älteren Privilegien 
(und dem Konstanzer Frieden) zuständigen Regalien verzichtet, wie 
das die meisten der lombardischen Städte taten. Die bisherige Ve^ 
fassung in ihrer letzten, erst kurz zuvor geschaffenen Form blieb 
bestehen, bis Heinrich VII. persönlich in der Stadt eingetroffen war 
(1311, 21. Okt.). Nun hatte sich aber die Unmöglichkeit heraus- 
gestellt, unter der bestehenden Staatsform den Parteizwist hintanzu- 
halten, wie denn tatsächlich nach dem Tode Heinrichs VII. ein lang- 
jähriger, wilder Bürgerkrieg entbrannte. So kreierte die Kommune 
kraft ihres oft genug geübten Rechts eine neue Staatsform, dadurch 
daß sie dem König die Herrschaft in Stadt und Gebiet übertrugt 
allerdings weder unumschränkt noch für immer; auch das Kapitaneat 
Buccanigras und die Doppelkapitaneate waren zeitlich begrenzt ge- 
wesen. Der König ließ naturgemäß die ihm übertragene Gewalt 
durch einen Stellvertreter (Vikar) üben, schon weil er nicht dauernd 
anwesend sein konnte. Die Regalien in Stadt und Gebiet sind von 
der Kommune damals so wenig wie früher resigniert worden. Hein- 
rich Vn. verweigerte die Bestätigung der betreffenden Privilegiert 



Kleine Mitteilungen. 227 

zu mancherlei Erörterungen Anlaß gab, indessen überwog gegen- 
r den Diflferenzen das dringende Bedürfnis, Ruhe und Ordnung 
sichern. 
Diese Auffassung der Vorgänge lag meiner Darstellung in „Genua 
die Mächte am Mittelmeer" B. 2 S. 396 flf. zugrunde; sie be- 
te hauptsächlich auf folgenden Aktenstücken in urkundlicher Form: 
Ablegung des Treueids in Mailand, 1311, 28. Jan., Dönniges 1, 37 
,70. 2. Bevollmächtigung eines Vertreters der Kommune zur 
legung des Treueids in Genua, 1311, 13. Nov., Dönniges 2, 166, 
». 33 b. 3. Annahme der Signorie durch Heinrich VII. vor ver- 
omeltem Parlament auf dem S. Lorenzoplatz, 1311, 22. Nov., mit 
erierter Vollmacht des Vertreters der Konmiune, der die Übergabe 
Uzog, vom gleichen Datum, Liber iurium reip. Gen. 2, 453 ff. 
0. 166. 4. Kassierung des (1309) zwischen Genua und dem König 
n Neapel geschlossenen Bündnisses, Lib. iur. 2, 450, uro. 165. 
I treten nach der Veröffentlichung von Samanek 1. c. S. 608 ff. hinzu: 
i) Das Protokoll über Ablegung des Treueids in Genua durch den 
2. bevollmächtigten Vertreter vor versammeltem Parlament auf der 
lazza Sarzano, 1311, 14. Nov. Das Eidesformular ist weitläufiger 
)faßt als das in 1., enthält jedoch keine „verfassungsrechtlich" be- 
mtsame Zufügung und entspricht fast wörtlich z. B. dem am 26. Dez. 
UO durch einen Vertreter von Bergamo beschworenen, Arch. stör, 
omb. S. 3 B. 19, 1903, S. 195 f. 2b) Protokoll über die im Par- 
ment an den König ergangenen Aufforderungen, die Signorie zu über- 
)limen, 1311, 14. Nov. Der Vorgang wird in 3. kurz, aber zu- 
Bffend erwähnt. 2 c) „receptio dominii Janue", 1311, 21. Nov. 
ieses Protokoll betreffs Übernahme der Signorie durch Heinrich VII. 
or dem Volksabt, den Gubernatoren und vielen Bürgern im erz- 
isehöflichen Palast zu Genua stimmt mutatis mutandis wörtlich 
Iwreiii mit der Beurkundung der endgültigen Handlung in 3., der 
lecnnda receptio dominii Janue''. Demnach ist das neue Material 
icht imstande, tiefere Einblicke in den Zusammenhang der Gescheh- 
isse zu gewähren, als das längst bekannte. Es liefert das bisher 
icht genau zu ermittelnde Datum für die Ablegung des Treueides 
i Genua und spezielle Nachrichten über die Vorgänge, die der Hand- 
iBg folgten; es zeigt auch, daß die Übernahme der Herrschaft in 
^ei Akten stattfand; aber die neuen Urkunden tragen gleich den 
Iten rein offiziellen Charakter; sie geben weder über Motive der 
Midelnden Persönlichkeiten, noch über die juristischen Erörterungen 
ei den Vorberatungen irgendwelche unerwarteten Aufschlüsse, 
onach hatte Samanek kein Recht zu der Behauptung (S. 262 n. 3), 
aß meine Darstellung ihre Unterlage verliere. 



228 ^- Caro. 

Zum Ausgangspunkt seiner Erörterungen nimmt Samanek (8. 252 £) 
die Ansichten von Publizisten des 18. Jahrhunderts, ,,da in neuerer 
Zeit niemand mehr diese Materie behandelt hat^. Die umfangreiche 
Literatur über den Römerzug Heinrichs VII. existiert also für ihn 
nicht; auch verabsäumt er es, die Untersuchungen von 8alzer, Über 
die Anfänge der Signorie in Oberitalien (Hist. Studien, hrsg. v. Eberiog 
H. 14, 1900), zum Vergleich heranzuziehen, und doch lassen seine 
Ausführungen an Einsicht in das Wesen italienischer Institutionen zu 
wünschen übrig. Er begnügt sich nicht mit dem Nachweis, daß 
Anzianen, die in Genua zuerst 1257 als Beirat fGbr den Volkshanpt- 
mann Buccanigra eingesetzt wurden, nach dem Sturz Buccanigras t(hi 
1262 bis 1270 nicht vorkonmien, sondern verlangt noch (S. 273 n. 2) 
den Nachweis, daß sie abgeschafft wurden, wobei er außer acht laßt, 
daß eine förmliche Abschaffung überflüssig war, weil mit Aufhebung 
der Volksgesellschaft und Beseitigung ihres Hauptmanns dessen Bat 
ohne weiteres von selbst wegfiel. Das argumentum ex silentio ist 
hier schlechthin durchschlagend. Beim Eintreffen Heinrichs YH in 
Genua gab es ebenfalls keine Anzianen, jedoch wurde seinem Vikar 
wieder eine Batsbehörde dieses Namens zur Seite gesetzt, während das 
Regierungskolleg der Gubei*natoren wegfiel. Die Befugnisse dieses 
Anzianenrats gehen aus der von Samanek edierten „Verfassongs^ 
instruktion för den königlichen Vikar" (S. 61 8 ff.) hervor, in der sich 
auch nähere Angaben über die Prüfung der dem Bat vorzulegenden 
Propositionen finden. Alle Petitionen sollen von einer wöchentlich 
wechselnden Kommission begutachtet und nur mit deren Zustimmung 
dem Rat vorgelegt werden. Ähnliche Einrichtungen haben bereits 
früher bestanden und sind wohl zu imterscheiden von einer Prüfung 
der auf Beschluß des (großen) Konsils hin ausgestellten oder auszu- 
stellenden Urkunden. In seinem Bestreben, Übergänge nachzuweisen, 
hat Samanek S. 291 ff. die Geschäftsordnung nicht ausreichend klar 
gestellt. 

Was den ursächlichen Zusammenhang der Geschehnisse anbetiÜftr 
so erhält meine auf Albertinus Mussatus gestützte Ansicht, dat 
Heinrich Vll. bei seinem Einzug in Genua nicht entschlossen war die 
Signorie an sich zu ziehen, durch die von Samanek beigebrachten 
Urkunden eine vortreffliche Bestätigung, wenn sie deren überhaupt 
noch bedurft hätte. Durch die Verhandlungen zu Mailand war die 
Stellung Genuas in dem neueingerichteten lombardischen Staatswesen 
geregelt worden. Das Abkommen umzustoßen, lag fCbr Heinrich VII. 
um so weniger Anlaß vor, als eine Beschleunigung des Zuges nadi 
Rom zur Kaiserkrönung wohl ratsam erschien. Nun bestürmten ih» 
jedoch in Genua die untereinander verfeindeten Häupter der 6hi- 



Kleine Mitteilangen. 229 

inen, Bernabos Doria und Opicinus Spinula, mit ihren gegenseitigen 
dagen. Es ist keine leere Redensart, wenn in der receptio do- 
li gesagt wird, daß Nobiles und Populären den König baten, er 
^e Frieden stiften, sonst würden nach seinem Weggange so heftige 
apfe ausbrechen, daß der Untergang der Stadt zu befürchten stände, 
sachlich hat das Eingreifen Heinrichs VIL einen Bürgerkrieg ver- 
lert, wie die Ereignisse nach seinem Tode zeigen, und es ergibt 
. daraus allein schon die Berechtigung seiniBS Vorgehens. Den 
kapfei bildeten das Stadtregiment und die Hut der Kastelle; der 
xlenstifter mußte beides in die Hand nehmen. Nichts anderes pro- 
ierten der Guelfe Wilhelm Fiesco und der Ghibelline Opicinus 
nula im Parlament am 14. November, und die Differenz in ihren 
»n beweist, daß es kein abgekartetes Spiel war. Über die Not- 
idigkeit der Friedenstiftung waren die Genuesen aller Parteien 
ig, nicht so über ihre Form. Daher fanden noch weitere Verhand- 
gen statt, deren Ergebnis in der receptio dominii vorliegt. Dem 
nig wäre es wohl angenehmer gewesen, wenn er sich in die Schwie- 
le Angelegenheit nicht hätte einzulassen brauchen; aber er wollte 
nen Herrscherpflichten genüge tun, und nur auf die Sache kam es 
n an, in Formfragen zeigte er sich nachgiebig. Der innere Wider- 
nich, den Samanek (S. 560 n. l) meiner Darstellung (2, 396 — 406) 
m Vorwurf macht, ist nicht vorhanden. Weder hat es der König 
it hartnäckiger Bosheit darauf angelegt, die Stadt ihrer „Freiheit^^ 
i berauben, noch haben die Genuesen ihm gegeben, was sie früher 
inreigerten. Nur die Regierungsform wurde geändert. Der fremde 
^ore sollte erreichen, was Podesta's, Kapitäne und Gubematoren 
^t zustande brachten, die Herstellung von Buhe und Ordnung. 

Wenn der Angabe im Memoriale des Ventura (vgl. 2, 403 n. 1) 
lauben zu schenken wäre, ist die Übergabe der Signorie infolge eines 
nschen dem König und den genuesischen Gesandten zu Mailand ge- 
flossenen Vertrages erfolgt. Indessen haben sich mir beim Vergleich 
it anderen piemontesischen Chroniken Bedenken gegen die formale 
chtiieit dieses Denkbuchs eines angeblichen Bürgers von Asti auf- 
i^ngt, und die Nachricht stimmt nicht zu den besser bezeugten 
^tsachen. Nirgends findet sich eine Berufung auf den Vertrag, der 
«h nach dem Einzüge des Königs in Genua sofort hätte in Wirk- 
nikeit treten müssen. Diese Frage hat Samanek (S. 258) kaum 
«treift. 

Eine Untersuchung der Beziehungen Genuas zu Heinrich VII. 
Ehrend der Zeit seiner Signorie würde wohl noch mancherlei zutage 
fdern. Für den Krieg gegen König Robert bewilligten die Grenuesen 
'IQ Kaiser die von ihm gewünschten 25 Galeren (Dönniges 1, 9 9 ff.); 



230 G. Caro. 

nach Villani 1. 9 c. 51 erschienen jedoch viel mehr, nämlich 70 ge- 
nuesische Galeren bei Portopisano. Die Nachricht ist durchaus nicht 
zu verwerfen; Lamha Doria, den Villani 1. c. als Admiral nennt, ist 
wirklich am 14. Mai 1313 zum Admiral gewählt worden (Dönniges 
1, 103). Demnach wäre anzunehmen, daß außer den 25, auf Kosten 
der Kommune gerüsteten Galeren noch andere am Zuge sich betei- 
ligten, die vom Kaiser bezahlt wurden. Für deren Armierung hätte 
der Reichsviceadmiral Bemabos Doria (Dönniges 1, 113 f.) zu sorgen 
gehabt. Zu den erforderlichen Geldsummen wird eine Ausmünzung 
von Goldflorenen mit Florentiner Gepräge beigetragen haben, die 
Heinrich VII. dem Opicinus Spinula und dessen Schwiegersohn, dem 
Markgrafen Theodor von Montferrat, zugestand (Villani 1. 9 c. 49, 
vgl. Olivieri, Monete e medaglie degli Spinola, Genua 1860, S. 61 f.) 
Da Villani ausdrücklich von Falschmünzerei spricht, wurden aller 
Wahrscheinlichkeit nach die Florenen an Gewicht oder Feingehalt 
minderwertig ausgebracht; in den daraus fließenden Gewinn mochten 
sich Verleiher und Empfänger des Privilegs teilen. Sollte diese Ver- 
mutung zutreffen, so hätte der Kaiser ein finanzpolitisches Meisterstück 
geleistet. Die rebellischen Florentiner mußten mit Geld, dessen Wert 
durch das dem ihrigen nachgebildete Gepräge bestinunt wurde, bei der 
Bekriegung des eigenen Verbündeten helfen. 

Unbedingte Überlegenheit zur See war wie nichts anderes ge- 
eignet, den schnellen und durchschlagenden Erfolg des Zuges nadi 
Neapel herbeizuführen, den Heinrich VII. brauchte, um sich mit dem 
Papst abfinden zu können; denn Ansichten über die wahre Gesinnung 
Clemens V., wie er sie in seinen letzten Gesprächen mit Nicolaus von 
Butrinto (ed. Heyck S. 85 f.) äußerte, beruhten nicht auf Selbst- 
täuschung. Die Aktion der Kurie war auffällig lahm: Der Papst 
untersagte, das Königreich Neapel anzugreifen, obgleich er kaum 
glauben mochte, daß für den Zweck eine Flotte gerüstet werde (Beg. 
Clemens V. B. 8 nro. 10021). Die verpönte Absicht bestand in der 
Tat nicht; der Kaiser wollte vielmehr das rechtmäßig gefUlte Todes- 
urteil an dem Hochverräter, König Robert, vollstrecken. Dies hat der 
Papst nicht verboten; die genuesischen Galeren konnten ruhig aus- 
laufen. Weil das Verbot bei seiner mangelhaften Fassung nicht ge- 
nügte, fühlte sich der Papst veranlaßt, es durch eine Deklaration z^ 
erläutern (6. Sept. Reg. nro. 10051), die wiederum nicht einwandfrei, z^ 
spät kam. Die genuesische Flotte war bereits in See gegangen. Ehe ihr 
der Wille des Papstes bekannt werden konnte, hätte sie den König 
Robert abgefangen, wenn er wirklich, wie das Gerücht ging (Villani 
1. 9 c. 53), vor den herannahenden deutschen Landheeren sein Heil in 
der Flucht übers Meer suchen wollte. Es wäre dann nicht einmal das 



Kleine Mitteilungen. 231 

fipstliche Verbot, das der Kirche gehörige Reich zu betreten, verletzt 
rorden, ebensowenig wie durch eine Blockade der Küsten zur ünter- 
tützung von Aufstanden, und, was die Hauptsache ist, die Exekution 
es Urteils blieb erlaubt. Übrigens nahm die Deklaration bereits auf 
ie schwere Erkrankung des Kaisers Rücksicht, gewährte ihm mit ver- 
üllten Worten Absolution und verlangte, er solle nach seiner Ge- 
esung so bald wie möglich an den Hof des Papstes kommen. Als 
riedlicher Pilger hätte der Kaiser die Provence nicht durchziehen 
önuen; er mußte Heer und Flotte mitbringen. Sollte etwa der An- 
griff auf ein Gebiet Roberts abgelenkt werden, gegen dessen Betreten 
ler Papst keinen Einspruch erheben durfte? 

Man wird in den Vermutungen über die Absichten Clemens V. 
licht zu weit gehen dürfen. Stets schwankend, hatte er schwerlich 
bereits einen festen EntschluB gefaßt. Nur so viel steht fest, daß 
Ton einer entschiedenen Feindseligkeit gegen den Kaiser nicht die 
Bede sein kann. Verbote wie das vom 12. Juni zu erlassen, als 
Grundlage für weiteres Vorgehen, gehörte zum diplomatischen Apparat 
der Kurie. Es ist kaum denkbar, daß der Papst über die juristischen 
Mängel des Prozesses sich einer Täuschung hingab. Von der fran- 
zösischen Partei an der Kurie gedrängt, verfügte er eine halbe Maß- 
regel, die wirkungslos war und es auch sein sollte. Der Kaiser be- 
hielt tatsächlich freie Hand. Ohne Zweifel trieb Heinrich VII. ein 
gewagtes Spiel; wenn er verlor, traf ihn der Bann; aber die Chancen 
des Gewinnens waren erhebliche. Seine großzügige Politik entbehrte 
nicht der realen Unterlagen. Der Zug gegen Neapel, mit größter 
Umsicht vorbereitet, bot die besten Aussichten auf Erfolg, und nicht 
nm wenigsten deswegen, weil der Kaiser an den Genuesen Verbündete 
hatte, die ihm Kriegsschiffe in beliebiger Anzahl zur Verfögung 
stellten. Die maritime Politik Heinrichs VH, verdient wohl mehr 
Beachtung, als sie bisher gefunden hat. 

Zürich. G. Caro. 



232 



Kritiken. 

Moritz Engel^ Wirklichkeit und Dichtung. Aufschlüsse in 
und zu 1. Mose 2 — 4; 6, 1 — 14; 9, 18 — 27; 11 und 12, 1—6. 
Ein Lehenswerk. Mit zwei Karten. Dresden 1907. VerUg 
und Druck von Wilhelm Baensch. 
Der verstorbene Verfasser, nach dem Vorwort des Herausgebers 
Rechtsanwalt, ein begeisterter Verehrer der Bibel, ein redlicher Sucher 
der Wahrheit, offenbar ein vielseitig gebildeter Mann, schriftstellerisch 
gewandt, wenn ihm auch die Gabe des schlagenden, knappen Aus- 
drucks nicht gegeben war, hat wie so mancher andere unter unseren 
Gebildeten zeit seines Lebens über die biblische Urgeschichte nach- 
gedacht. Speziell die Paradiesessage hatte es ihm angetan; be- 
greiflich genug, birgt doch diese Erzählung unter durchsichtig er 
scheinenden Bildern einen Tiefsinn, der immer wieder die ErklSrer, 
Fachleute und Laien, angelockt hat. unbefriedigt von den Erklärungs- 
versuchen, die er kannte, — imd er war in der theologischen Literator 
für einen Laien gut belesen — hat er schließlich einen eigenen ge- 
wagt, der ihm als des Rätsels Lösung erschien, und der nun, Ton 
pietätvoller Freundeshand veröffentlicht, vorliegt. De mortms nil nisi 
bene. Wir freuen uns des schönen Eifers für die Wissenschaft, der 
den Verstorbenen erfüllt hat, und wir könnten ihn beneiden um die 
Sicherheit, mit der er seine Thesen vorträgt. Auch findet sich in 
seinem Werke die eine oder die andere feine Bemerkung, die freilich 
nicht immer so neu ist, wie der Verfasser, dem doch eben nicht 
die ganze Literatur zur Verfügung stand, geglaubt hat So hat 
er z. B. die eigentümliche Spannung, die zwischen der Schöpfongs- 
erzählung, 1. Mose 2 und der darauf folgenden Paradiesesgeschichte 
besteht, gut auseinandergesetzt, ohne freilich die einfache Lösung 
dieser Schwierigkeit zu finden, daß es sich nämlich um zwei verschiedene 
Stoffe handelt, welche in unserem jahvistischen Sagenbuche zusammen- 
gestellt worden sind. Trotzdem würde der Unterzeichnete die Veröffent- 
lichung dieses Werkes nicht angeraten haben, und er fühlt sich ve^ 
pflichtet, bei aller Ehrerbietung gegen einen Verstorbenen, diese seine 
Stellung kurz zu begründen. Zunächst hat sich der Verfasser getäuscht 
über die Tragweite seiner hebräischen Sprachkenntnis, die gewiß för einen 
Laien recht anerkennenswert, für einen Forscher aber nicht zulänj^ 
war. In den in Transskription mitgeteilten hebräischen Worten finden 



Kritiken. 233 

ehr viele Versehen, besonders die Vokalisation betreffend; der 
r ersieht an einigen Beispielen, daß es sich nicht in allen diesen 
um Druckfehler handeln kann, z. B. wenn der Verfasser 
;h und nächäsh für dasselbe Wort hält S. 125 f. usw. usw. War 
jrfasser im Hebräischen Autodidakt oder hat er darin seiner Zeit 
schlechten Unterricht genossen? An nicht wenigen Stellen rächt 
iese mangelhafte Sprachkenntnis dadurch, daß der Verfasser .den 
verfehlt S. 17, vor allem aber hätte er keine Konjekturen 

sollen S. 41 usw. Ferner ist ihm die moderne Forschung doch 
lur zum Teil bekannt; sonst würde er eine solche Behauptung 
aufgestellt haben wie diese, daß der biblische Kanon um das 
194 (!) unter Esra festgelegt worden sei S. 86. Besonders aber 
iT offenbar geistvolle und phantasiebegabte Verfasser sich in die 
be eines streng historischen Verständnisses einer so alten Ur- 

nicht recht finden können; er hat es nicht gelernt, daß hier 
lodemen Gedanken, so einleuchtend sie auch der Gegenwart zu 
cheinen, zu schweigen haben, daß es nur darauf ankonmit, die 
de selbst in ihrer Schlichtheit, in ihrer tiefsinnigen Eandlichkeit 
leden zu bringen. Es ist das der Fehler, der fast aller dilettantischen 
ceit auf dem Gebiete der Bibelforschung wie eine Erbsünde anhaftet. 

auch der Verfasser trotz seines reichen Wissens in der Bibel- 
ischaft ein Dilettant geblieben, reich an Modernisierungen und an 
istischen Kombinationen. Einige wenige Beispiele mögen das ver- 
inlichen. In die Anschauung des Erzählers, wonach die Paradieses- 
ge ein Tier und doch klug und gottfeindlich ist, hat er sich 
zu finden gewußt, und sieht darin einen Heilgott, der durch 
i Fluch in einen Gott des Todes verwandelt werde S. 110. In 
arabel des Jesaias vom Weinberg (Jes. 5) oder in dem Worte 
en Vätern, die Herlinge essen (Jer. 31, 29 Ez. 18, 2), findet er 
inngen auf die Paradiesesgeschichte S. 89. 151. Die Säule 
L im salomonischen Tempel soll den Namen „Jahve" getragen 

S. 177. Er versucht, durch mancherlei Vers Versetzungen die 
ichten in Ordnung zu bringen, wobei er sich nicht klar ge- 

hat, daß durch solche Mittel die Geschichten beliebig umge- 
fc werden können. Er scheut nicht davor zurück, neben einem 
ischen noch einen esoterischen Sinn der Paradiesessage zu suchen 
usw. Der Kenner wird es darum verstehen, wenn ich im 
sse dieser Zeitschrift darauf verzichte, die Thesen, auf die der 
«er besonderen Wert gelegt hat, auszuführen und zu wider- 

Erwähnt sei nur, daß die Behauptung des Verfassers, das 
ies sei ursprünglich die Oase Ruchebe bei Damaskus, schon ein- 
laran scheitert, daß von den vier ausdrücklich im 1. Mose 2 ge- 

ior. yUrto\jahnchrifl 1908. S. 16 



234 Kritiken. 

nannten Flußnamen zwei uns völlig deutlich sind, P^ath = Euphrat 
und Chiddeqel = Tigris. Doch genug! Dem Verfasser ist dies Werk 
Freude und Hoffnung gewesen; ein freundliches Geschick hat es 
verhindert, daß er die Enttäuschung erlebte, die ihm eine streng 
wissenschaftliche Kritik notwendig hätte bereiten müssen. 

Hermann Gunkel 

Albrecht Frhr. TOn Notthaflft, Die Legende von der Altertums- 
Sjphilis. Medizinische und textkritische Untersuchungen. Leipzig, 
W. Engehnann 1907. VIII, 230 S. gr. 8®. 
Die von dem Verfasser mit großer Literatur- und Sachkenntnis 
behandelte Frage ist kulturgeschichtlich von unverkennbarer Bedeutung 
und genießt neuerdings vrieder besonderes Interesse. Ich möchte dafür 
freilich nicht gerade die Tatsache geltend machen, daß Rosenbaums 
jetzt gänzlich veraltetes Werk „Geschichte der Lustseuche im Alto^ 
turne" immer noch unverändert zu erscheinen fortfährt (l. Aufl. 1839; 
7. Aufl. 1904) und sein Lesepublikum findet, denn aus Fachleuten 
setzt sich das wahrscheinlich nur zum kleinsten Teile zusammen. 
Aber je mehr z. B. der biographische Forschungszweig der Patho- 
graphie darauf geführt hat, den schweren Folgen der Sjphiliserkranktuig, 
wie der Paralyse, nachzugehen und je genauer anderseits die Grund- 
lagen der medizinischen Wissenschaft bis ins Altertum hinauf verfolgt 
werden, desto näher scheint das Problem der Geschichte dieser Krank- 
heit seiner Lösung zu kommen. In den letzten Jahren sind nament- 
lich durch I. Bloch wesentliche Fortschritte auf diesem Wege gemacht 
worden, nun tritt das vorliegende Buch ergänzend ein und beleuchtet 
die Sache mit solcher Umsicht, daß dem Ref. über die Richtigkeit 
der Hauptthese kein Zweifel geblieben ist. Die Syphilis hat in der 
Alten Welt während des Altertums und Mittelalters nicht existiert; 
ihre neuerdings von Schaudinn und F. Hofhnann gefundene Erregerin, 
die Spirochaeta pallida, stammt aus Amerika und ist im Frühjahr 1493 
zuerst durch die Schiffe des Columbus herübergebracht worden. Wie 
sich die Seuche während der folgenden Jahre in weit furchtbarerer 
Form als in ihrem Mutterlande über Spanien, Frankreich imd, gefördert 
durch Karls YIII. Kriegszug, über ganz Italien ausbreitete, sodann 
auch die übrigen Länder Europas ergriff und durch die Handels- 
beziehungen nach Indien, China, Japan usw. verschleppt wurde, dtf 
ist ein sehr trauriges Kapitel in der Geschichte des Zeitaltert der 
Entdeckungen. Welche Vorstellung, daß die Verbindung der beiden 
Hemisphären in schicksalsschwerer Stunde mit so schrecklichem Opfer 
an Volksgesundheit erkauft werden mußte, mit jenem Elend, das noch 
jetzt die schwere Sorge jedes Sozialhygienikers bildet! 



Kritiken. 235 

Es ist unglaublich, welche Krankheitserscheinungen man früher 
alle für syphilitisch ausgegeben hat, indem man die Seuche schon im 
alten Babylon, bei den Ägyptern, Syrern, Skythen und besonders bei 
den Israeliten, Griechen und Römern nachweisen wollte. Nichts davon 
erweist sich als stichhaltig. Krankheiten der Geschlechtsorgane gab 
es natürlich von mancherlei Art, in den Zeiten tiefsten sittlichen Ver- 
falls namentlich daneben auch solche, die durch unnatürliche Aus- 
schweifungen verursacht waren. Der Verf. hat vielleicht mit allzu- 
großer Ausführlichkeit aus der fachwissenschaftlichen und sonstigen 
Literatur des Altertums massenhafte Belegstellen dafür beigebracht; 
ein philologischer Bearbeiter würde geglaubt haben, manches davon 
ohne weiteres beiseite lassen zu dürfen, weil an einen Zusanmienhang 
mit dem Thema ernstlich gar nicht zu denken ist. Aber worauf es 
ankommt, der Komplex der bezeichnenden Symptome der Syphilis in 
ihren verschiedenen Stadien, fehlt im Altertum und überhaupt in 
allen Berichten vor 1493. Fr. Marx in Bonn hat soeben in einem 
Artikel von C. Binz „Über venerische Krankheiten im Altertum" 
(Zentralbl. f. innere Medizin 1907 Nr. 46) die Ansicht vertreten, daß 
die Römer überhaupt keine durch den natürlichen Geschlechtsverkehr 
entstandene Ansteckimgskrankheit gekannt und gehabt hätten (scharf 
angefochten von K. Sudhoff, Archiv f. Gesch. d. Medizin 1908 S. 380 f.), 
und ich stehe nicht an, wenigstens was die Syphilis betrifft, dasselbe 
nach meiner Kenntnis auch von den Griechen zu behaupten. Schon 
im 17. Jahrhimdert war die Lehre vom amerikanischen Ursprung der 
Syphilis ziemlich allgemein angenommen. Nach einem großen Rück- 
schlag der Folgezeit wird man heutzutage auf Grund vertiefter medi- 
zinischer und historischer Einsicht auf jenen Standpimkt zurückkehren 
müssen. 

Leipzig. J. IIb erg. 

U. Bolkestein^ De colonatu Romano eiusque origine. Amster- 
dam 1906. 8<*. 192 S. 
Diese tüchtige Dissertation zerfällt in drei Abschnitte: im ersten 
(8. 1 — 81) wird die Rechtsstellung der Kolonen in der nachdiokleti- 
«nischen Zeit behandelt, im zweiten (S. 82 — 118) die Existenz freier 
Kleinbauern und die Ausdehnung der Kleinpächterwirtschaft im rö- 
mischen Gutsbetrieb gegenüber dem Sklaventum in den früheren Jahr- 
hunderten erörtert, während der dritte Abschnitt (S. 119 — 178) dem 
Ursprung des Kolonats gewidmet ist. Der Verf. hat sich bemüht 
s&mtliche Quellen, literarische wie inschriftliche, die für die Materie 
^ Betracht kommen, heranzuziehen und möglichst selbst reden zu 
^<^88en. Auch die neuere Literatur über den Kolonat ist in großem 



236 Kritiken. 

Umfang berücksichtigt (s. das Literatunrerzeiclinis im Appendix 11 
S. 188 — 192); nur weniges ist ihm entgangen, darunter leider 
Mitteis' Untersuchung zur (Jeschichte der Erbpacht im Altertum 
(XX. Bd. der Abh. der Sachs. Ges. d. Wiss. 1901), wo die Polemik 
gegen Schultens Herleitung der domanialen Emphjteuse aus dem 
Okkupationsrecht oder, wie Mitteis unter Anwendung des germa- 
nistischen Namens sagt, aus dem Bifanksrecht der Kolonen (S. 126 ff.) 
schon vorweggenonunen ist (vgl. Mitteis S. 6 und S. 30 A. 3). tJhet- 
haupt bringt die Arbeit nichts wesentlich Neues, aber der Verf. erweist 
sich den Quellen gegenüber methodisch, und zwar nach der juristischen 
wie der historischen Seite, geschult und zeigt ein gesundes urteil 
gegenüber den Hypothesen der Neueren. Aus dem ersten Abschnitt 
hebe ich als wertvoll die Erörterungen über die verschiedenen Be- 
zeichnimgen und Arten von Kolonen hervor (die Resultate sind zu* 
sanmiengefaßt S. 6 2 f.) samt der Bekämpfung der zuletzt von Seeck 
am eingehendsten vertretenen Ansicht von der Entst^himg des Kolo- 
nates aus dem Inquilinat und des letzteren Herübemahme aus dem 
Ausland, S. 40 ff., dazu im 3. Abschn. S. 140, doch vgl. auch S. 148/9 
Anm. 5, wo bezüglich Dig. XXX 112 eine befriedigende Lösung nicht 
gefunden wird. Im zweiten Abschnitt, in welchem zunächst die Üher- 
Schätzung des Sklavenelementes in der Landwirtschaft seitens der 
Nationalökonomen (Rodbertus-Bücher) im Anschluß an Monmisen, Ei 
Meyer und Schulten bekämpft wird, berührt sich B. mehrfach mit 
der gleichzeitig (1906) als fünftes Beiheft unserer Zeitschrift „Elio'* 
erschienenen Arbeit von H. Gummerus, Der römische Gutsbetrieb 
als wirtschaftlicher Organismus nach den Werken des Cato, Vano 
und Columella. Auch zu dem^ was der dritte Abschnitt bringt, ist 
Gummerus noch manchmal heranzuziehen, so G. S. 62 f. zu B.'s Be- 
merkung auf S. 122 über die obaerati Varros oder G. S. 11 f und 961 
zu S. 142 mit Anm. 5. Die schiefe Literpretation von Columella I 7. 1 
und n 9. 17 auf S. 144 bzw. 145 ist auch nach Gummerus S. 85t 
und 83 f. (vgl. schon A. Pemice, Parerga, Zeitschrift der Sav. Stiftg-i 
Rom. Abt. 1898 S. 91 A. 1 u. 4) zu berichtigen. 

Was des Verf 's Ansicht über den Ursprung des Kolonats angeht, 
so gelten ihm richtig als erste Ursachen für die Herabdrückung der 
Kolonen und ihre zunächst faktische Gebundenheit an die Scholle die 
immer stärkere Anwendung der Teilpacht an Stelle eines festen Pacht- 
zinses in Geld, die damit verbundenen Frohnden der Kolonen, endlich 
und vor allem die Regelung dieses Verhältnisses nicht mehr dardi 
einen Pachtkontrakt, sondern durch das Domanialstatut (lex salttis)* 
Diese Entwicklung aber erklärt sich in letzter Linie aus der Leviterxo^ 
(penuria colonorum) in der römischen Landwirtschaft, vrie sie aus d^ 



Kritiken. 237 

Abnahme der Geburten und der Abwanderung in die Städte, nament- 
lich in die Großstädte mit ihrer Armenversorgung, sich ergab. Dieser 
Itfangel an Arbeitskräften auf dem Land ist es schließlich auch ge- 
wesen, der den Übergang von der faktischen zu der rechtlichen Ge- 
bundenheit der Kolonen herbeigefährt hat, und zwar nach dem Jahre 
247 (Cod. lust. IV 65. 11) und vor 332 (Cod. Theod. V. 9. l). Die 
Bindung lag einerseits im Interesse der Possessoren, deren größter der 
Kaiser selbst war, weil dadurch das zur Bewirtschaftung nötige 
Menschenmaterial den Gütern erhalten blieb, andererseits im Interesse 
des Fiskus mit Rücksicht auf die Steuer- und Bekrutengewinnung. 
Die von Fustel de Coulanges aufgestellte und von Schulten über- 
nommene Ansicht, daß von den kaiserlichen Domänen der Kolonat 
seinen Ausgangspunkt genommen habe, insofern hier das privatrecht- 
liche Eontraktverhältnis am frühesten öffentlichrechtlich aufgefaßt 
worden sei, findet in den Quellen keinen Anhalt. Dagegen hat die 
auch von Schulten geäußerte Vermutung viel für sich, daß die Tat- 
sache der Exemtion der Latifundien aus dem Munizipalverbande und 
die quasimunizipale Entwicklung der eximierten Territorien von 
großer Bedeutung sind. Wie die lex saltus inuner mehr ein Abbild 
der lex municipalis und der Possessor ein Quasimagistrat wurde, fand 
schließlich eine Fesselimg der Kolonen an ihre origo statt, d. h. sie 
wTurden wie die Kurialen und Corporati der Städte „originarii". In 
dem Schlußkapitel steckt manche feine Beobachtung, die zudem 
durch Analogien aus anderen Zeiten trefflich illustriert wird, schade 
nur, daß die ganze Arbeit in einem schauderhaften Latein abgefaßt 
ist, wofür allerdings der Verf. schon im Vorwort um Verzeihung 
bittet 

Tübingen. E. Kornemann. 

Albert Krieger, Topographisches Wörterbuch des Groß- 

herzogtumsBaden. Herausgegeben von der Badischen Historischen 

Kommission. Zweite durchgesehene und stark vermehrte Auflage. 

IL Band. Heidelberg, Carl Winter. 1905. 1590 Spalten. 8®. 

Seit einigen Jahren wird, wie in Hessen (wo allerdings eine 

ünterbrechimg eingetreten ist), Posen und Weslpreußen, auch im 

Königreich Sachsen eifrig an einem Historischen Ortsverzeichnisse ge- 

^beitet. Drei Herren sind damit beschäftigt, den Stoff aus den 

ArchiTalien des Dresdner Hauptstaatsarchivs und der vorhandenen 

l^teratur, sowie gelegentlich auch aus auswärtigen Archiven zusammen- 

^tragen. Obwohl diese drei im Akten- und ürkundenlesen geübten 

Herren fast jeden Tag einige Stunden dem Unternehmen widmen, ist 

doch nur erst für einen kleinen Teil des Landes das Material leidlich 



238 Kritiken. 

vollständig gesammelt.^ Hat man, wie Ref., Gelegenheit, diese mühsame 
Arbeit täglich zu beobachten, so staunt man immer wieder von neuem, 
wenn man Kriegers nunmehr bereits in zweiter Auflage fertiges 
Topographisches Wörterbuch von Baden zur Hand nimmt. Die größten 
Opfer an Zeit, Kraft und Geduld forderte ja natürlich die erste Be- 
arbeitung; aber auch die zweite Auflage hat offensichtlich viel Mühe 
gemacht, da überall nicht nur die verbessernde, sondern auch reichlich 
ergänzende Hand des Herausgebers zu spüren ist, wie schon bei der 
Besprechung des I. Bandes der zweiten Auflage in dieser Zeitschrift 
Vn (1904) S. 530—532 rühmend anerkannt wurde. Um nicht 
weniger als 183 Seiten ist dieser zweite Band, der in 1560 Spalten 
oder 780 Seiten (gegen 597 in der ersten Auflage) die Orte Laber- 
berg bis Zwingenburg (bz. Zwimfabrik) bebandelt, gewachsen, wobei 
die Spalten 1569 — 1568 mit den „Nachträgen und Berichtigungen" 
und das „Verzeichnis der nichtbadischen Orte, die in dem Buche vor- 
kommen", in Spalte 1569 — 1590 nicht mitgerechnet sind! 

Natürlich bedeutet auch diese zweite Auflage, der eine dritte 
kaum so bald folgen dürfte, noch keinen endgültigen Abschluß. Ein 
Werk von dem Charakter des vorliegenden wird überhaupt niemals 
fertig. Namentlich aus den Urkunden- und Aktenschfttzen der ver 
schiedenen badischen Archive, die, wie der Verfasser betont, nur in be- 
grenztem Maße verwertet werden konnten, werden sich im Laufe der 
Zeit noch viele schätzbare Ergänzungen ergeben, neben älteren Namens- 
formen auch wichtige Notizen zur Geschichte der einzelnen Orte. 
Immerhin ist doch der Stoff im großen und ganzen beisammen, so 
daß eine Fülle wissenschaftlicher Fragen verhältnismäßig leicht und 
viel sicherer, als irgend anderswo, gelöst werden kaim. Mehrere 
solche Fragen hat bereits Julius Miedel in seiner ausführlichen Be- 
sprechung der „Neuauflage von Kriegers Topographischem Wörterbuch 
des Großherzogtums Baden" (Alemannia, N. F. Vü S. 299—309 nnd 
Vm S. 129 — 152; vgl. dazu auch Münchener Allgem. Zeitung vom 
28. März 1906) aufgeworfen und teilweise sogar selbst zu beantworten 
versucht. Er weist z. B. auf die Gewässernamen hin, die bisher 
fast ausschließlich für vorgermanisch galten, dies aber doch wohl 
nur insoweit sind, als größere Flüsse in Betracht kommen, während 
wir es bei „den vielen kleinen Bächen und Bächlein, ofb in einem 
Gelände, bis zu dem bis gegen das Jahr 1000 vielleicht noch kaum 

^ Vgl. über den Stand der Arbeiten Sommer 1907 A. M ei che, D» 
Historische OrtsverzeichniB für das Königreich Sachsen, S. 68 ff. der der 
X. Versammlung deutscher Historiker zu Dresden von der Egl. SächsischeD 
Kommission f. G^sch. überreichten Schriffc: „Die historisch-geographiscfaen 
Arbeiten im Königreich Sachsen.** Leipzig, B. G. Teubner, 1907. 



Kritiken. 239 

aand Yorgedrungen war, die zu benennen überhaupt kein Be- 
rfhis bestand^^, offenbar mit deutschen Benennungen zu tun haben, 
[an stelle sie", meint Miedel, „alle zusammen, trage sie in 
le Kartenskizze ein, prüfe, nach welchen Gesichtspunkten die er- 
irbaren benannt sind und welche und bis zu welcher Größe sie 
N2L deutsch erscheinen; so müßte doch für ein Land einmal ein ver- 
ssigeres Ergebnis zutage kommen über diese Namengattung". Miedel 
iist femer unter Anführung zahlreicher Beispiele auf die örtlichen Be- 
nnungen hin, die einzelnen Bäumen und Baumgruppen ihre Ent- 
dhung verdanken und gleichzeitig über den Pflanzenwuchs in ältesten 
;iten Aufschluß gebend weiter auf die Slawensiedlungen, die, 
Le das in dem badischen Ortsverzeichnisse niedergelegte Material 
tweißt, noch tiefer westlich in das Badische hineinreichten, als bisher 
igenommen worden war, und auf die etwa 60 namentlich aufge- 
iirten Walchen — d.h. welschen Orte, die, auch in Baden, wie 
iderwärts, z. B. in dem bajrrischen Alpenvorlande, erkennen lamen, 
laß die keltoromanische Bevölkerung sich nach Besetzung des Gebiets 
arch die germanischen Eroberer in die abgelegeneren und weniger 
iganglichen Bergdistrikte zurückzog, wo sie sich eine Zeitlang noch 
rliielt, bis sie völlig in jenen aufging." Eine zusammenhängende 
Betrachtung dagegen der auf römische Siedlungen hinweisenden 
heiler orte und der Ortsnameii mit den Endungen -ingen und 
heim spart sich Miedel fELr eine andere Gelegenheit auf; daftir bietet 
r noch, außer einer Anzahl von Namenserklärungen, die Krieger 
Blbst nicht hat und auch 0. Heilig in seinem auf Krieger beruhen- 
en Buche „Ortsnamen des Großherzogtums Baden" (Karlsruhe, Fr. 
hitsch, 1906) vermissen läßt, eine sehr beachtenswerte Zusammen- 
telluQg der badischen „Flurnamen, die auf das einstige Vorhanden- 
Bin von Wohnplätzen hinweisen und eine Erinnerung an frühere An- 
iedlungen enthalten". 

Diesen von Miedel genannten Aufgaben ließe sich noch eine 
&nze Reihe ähnlicher an die Seite stellen. Hier sei nur darauf 
ingewiesen, daß es auch sehr verdienstvoll wäre, wenn jemand die 
>^hen Wüstungen (Ödungen, ausgegangenen Ortschaften) in der 
Veiae untersuchte, wie es der Aufsatz „Wüstungsverzeichnisse" in 
«n J3eutschen Geschichtsblättem VI (1905) S. 1—15 fordert. Man 
cbreibe alle wüst gewordenen Ortschaften heraus, sowohl diejenigen, 
^ yoUkommen und dauernd vom Erdboden verschwunden sind, als 



* Mit schönem Erfolge verwertete neuerdings in dieser Beziehung das 
TopographiBche Wörterbuch von Baden J. Hoops in seinem 1905 erschie- 
Werke „Waldbämne und Kulturpflanzen im germanischen Altertum.'^ 



240 Kritiken. 

auch diejenigeD, die bis auf einzelne Gebäude (Vorwerke, Mühlen nsw.) 
eingegangen oder später wieder, sei es in der Gestalt von ganzen 
Dörfern oder auch nur von einzelnen Gehöften aufgebaut worden sind^ 
gruppiere sie nach Jahrhunderten und vermerke, ob und in welchen 
Kriegen sie zerstört, ob sie in friedlichen Zeiten wegen ungünstiger 
Lageverhältnisse von den Bewohnern verlassen^ von benachbarten Städten 
oder größeren Dörfern aufgesaugt, von Großgrundbesitzern ausgekauft 
worden sind u. dgl. mehr? Vergleichsweise ziehe man immer die Zahl 
der jeweils bestehenden Ortschaften heran! Eine solche kritische Be- 
trachtung der Wüstungen, die Lage, Entstehungszeit, Verhältnis zn 
den überhaupt vorhandenen Siedlangen und ähnliche beachtenswerte 
Umstände berücksichtigt, würde nicht nur wichtige Ergebnisse für die 
Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte des badischen Landes liefern, 
sondern überhaupt von allgemeiner Bedeutung sein: Es würde sich 
zeigen, ob die Beobachtungen über Ortschaftsverlust, negative Sied- 
lungsperioden usw., wie sie Schlüter und Grund für andere Gebiete 
gemacht haben, auch für Baden zutreffen, also allgemeineren W@rt 
besitzen. So benützt, wird das treffliche Kriegersche Wörterbuch ewt 
seine ganze Nützlichkeit erweisen. Mehr und mehr wird man e^ 
kennen, daß Historische Ortslexika nicht bloß dazu da sind, die rein 
lokale Ortsforschung zu fördern und auf sichere Grundlage zu stellen, 
sondern daß sie auch noch weit höheren Zwecken dienen, nämlich die 
zuverlässigen Mittel darzubieten für die Behandlimg allgemeiner 
siedlungs- und wirtschaftsgeschichtlichen Probleme. 

Dresden. H. Beschorner. 

Onstay Schnfirer, Franz von Assisi. Die Vertiefung des 
religiösen Lebens im Abendlande zur Zeit der Ereuzzfige. 
München, Kirchheim 1905. 136 S. mit 73 Abb. (Weltgeschichte 
in Charakterbildern, herausg. von Kampers, Merkle und Spahn.) 
Das Buch Schnürers hat eine grundsätzliche Bedeutung innerhalb 
der von katholischer Seite geschriebenen Franziskus -Biographien: es 
bricht mit der noch immer stark verbreiteten legendenhaften Auf- 
fassung. Nicht in den neueren Einzelforschungen katholischer Ge- 
lehrten, wohl aber in allen zusammenfassenden Biographien herrschte 
das Bestreben noch vor, Kompromisse mit der Legende und der au» 
ihr sich ableitenden kirchlichen Überlieferung zu schließen. Schntlrer 
läßt uns von seinem Bekenntnis nur selten etwas spüren; sein Buch 
ist für die gesamte Franziskus -Forschung eine förderliche Leistung- 
Schnürer verstärkt mit seiner Auffassung die Stellung derjenigen, di§ 
sich in Deutschland gegen Sabatier gewandt haben — auch fllr ih» 
ist Franz weder ein modemer Subjektivist noch ein von der Kur»* 



{ 



Kritiken. 241 

terdrückter, sondern das Wesen des Heiligen wird als mittelalter- 
1 religiös und als aller organisatorischen Fähigkeiten ermangelnd 
riß richtig erfaßt; die Tragik seines Ausgangs wird aus ihm selber 
begründen versucht. Vielleicht geht Schnürer zu weit, wenn er 
' Kurie beim Konflikte Franzens mit den Ordensministem nur eine 
rmittlungstätigkeit zuschreibt. Die Kurie und vor allem Kardinal 
^lin stimmte doch wohl mit den Ministem überein, und Hugolins 
rsönlichkeit war doch zu viel Wille, um nur vermitteln zu können, 
yidsohn hat jetzt im 4. Bande seiner Forschungen zur Geschichte 
1 Florenz auch positive Anhaltspunkte gebracht, daß Franz und 
Lgolin zusammen gewirkt haben. Das wird nicht nur bei der 
Qndung der Tertiariergemeinschaft (wie Davidsohn zeigt) der Fall 
nresen sein, sondern ebenso bei der ganzen Neuorganisation des 
dens. Karl Wenck hat ebenfalls jetzt („Franz v. Assisi^^ in den 
«ligiösen Erziehern^ Bd. I) unsre Kenntnis Hugolins und ebenso die 
andlongen der Franziskanischen Gemeinschaft derart vertieft, daß 
in das Eingreifen der Kurie sine ira et studio abschätzen kann. 
ie weit sich in alle freundschaftliche Hilfe Hugolins die in ihm 
»gende überlegene Diplomatie mit einmischte, ist eine elastisch zu 
lantwortende Frage, bei deren Entscheidung ich, wie die von Sabatier 
igenommene Unterdrückung Franzens, so doch auch die von Schnürer 
llza sehr betonte Zurückhaltung ausschließen möchte. — Franzens 
inere Wandlung vom Weltleben zur religiösen Persönlichkeit ist von 
khnürer, wie mir scheint, nicht genugsam überzeugend dargestellt; man 
uoin die allgemeine und die besondere Reaktion seines Gemütes gegen 
ien Materialismus der Zeit wie gegen die UnausgefüUtheit seines 
eigenen Innern wohl noch eindringlicher erfassen. Dagegen hat 
Schnürer Franzens Verhältnis zur Natur und zur italienischen Kultur 
der Folgezeit, wenn auch nur kurz, so doch mit der Kritik bestimmt, 
die gegenüber viel zu weit gehenden Anschauungen notwendig ist. 
Die Renaissance selber freilich charakterisiert Schnürer (S. 132) nach 
genügend zusammengestellten Merkmalen — so kann man diese 
Knltorbewegung und die von ihr ausgehenden — tatsächlich doch 
wßerordentlichen — geschichtlichen Wirkungen nicht verständlich 
"wehen, indem man ihre negativen Seiten hervorkehrt. Die Gegen- 
^^t>er8teUung des Mittelalters (,^ier größte Selbständigkeit im Denken 
^d Fühlen") und der Renaissance („dort gesuchte Abhängigkeit, 
^t nur in der Form, sondern auch im Denken und Fühlen") könnte 
obie größere Versündigung am geschichtlichen Tatbestand, als 
°^ürer sie mit seiner Charakteristik begeht, auch umgekehrt ge- 
8^W werden. Man konnte annehmen, daß seit Friedrich Schneider, 
'f- X. Kraus und L. Pastor (wenn man seine Zweiteilung in Christ- 



242 Kritiken. 

liehe und heidnische Renaissance, diesen letzten Trihut an eine ver- 
fahrend Auffassung, abzieht!) jenes Nicht verstehen der Renaissance 
endgültig beseitigt wäre. Schnürer unterschätzt jedoch von neuem die 
positiven Seiten der Renaissance-Kultur, und so weiß man nicht, wie 
er ihre geschichtlichen Wirkungen erklären will. Man darf eben nicht 
von Filelfo und Valla ausgehen, sondern man muß an Leon Battista 
Alberti, an Pico, an Leonardo und Michelangelo denken. Da ist 
Heidentum und Christentum eng verschränkt und mehr, als die 
mittelalterliche Kultur hatte bieten können. 

An zwei Stellen hat Schnürer der Legende noch Zugeständnisse 
gemacht. Bei Erzählung des Vorgangs in S. Damiano läßt er den 
Leser im Zweifel, ob er oder nur die Legende den Grekreuzigten des 
Altarbildes zu Franz sprechen läßt. Gerade dieses Legenden wunder 
ist eines der am leichtesten in seinem Werden zu erkennenden, so 
daß man die klare Auflösung der Legende an diesem Punkte toh 
Schnürer erwarten durfte. Und dann die Stigmatisation I Schnürer 
hat sich mit erfreulicher Vorsicht ausgedi*ückt, aber dennoch dem 
Leser die Möglichkeit des Wunders nahe gelegt. Der geschichtliche 
Tatbestand liegt heute wohl völlig klar: Franz hat bei seinem Tode 
die Wundmale an seinem Körper getragen. Über die Entstehung 
der Wundmale aber gibt es — und darin ist Seh. nicht ganz genau — 
keinen gesicherten Tatbestand; vor allem wissen wir nichts Einwand- 
freies von Franzens eigener Meinung über den Vorfall. Von der Tatsache 
der Stigmen am Körper des Sterbenden gibt e? 7u ihrer Entstehimg 
hin nur Vermutungen, zu denen die Angaben Bruder Leos den Weg 
weisen; aber diese Angaben sind nicht Tatsachen, sondern Gegen- 
stände der historischen Kritik. Man kann, sie kritisierend, wie es 
jüngst Hampe getan hat, zu dem Schlüsse kommen, daß der Alverno 
als Ort und der Herbst 1224 als Zeitpunkt der Stigmatisation ganx 
aufzugeben ist; man kann aber auch, wie ich gegen Hampe doch 
meine, das Zeugnis Leos höher einschätzen. Für das „Wunder^^ ist 
damit nichts gewonnen; selbst die Annahme, daß die Stigmen seit 
jenem Alvemoaufenthalt bei Franz vorhanden waren, läßt die Frage 
nach der Entstehung noch offen. Eine wissenschaftliche Antwort 
kann dann nur auf Autosuggestion oder auf Selbstbeibringung -^ 
natürlich nicht um die Außenwelt zu täuschen (woran Franz ebenso 
wenig gedacht hat wie an die künftige Verwertung des „Wunders") 
sondern um das Leiden des Herrn ganz nachzuempfinden — hin- 
zielen. Jedenfalls ist die medizinische Seite der Frage heute nodi 
nicht erledigt. Schnürer hat aber, was mit Dank festgestellt sei, dem 
hergebrachten Wunderglauben in Sachen der Stigmen durch seine 
Zurückhaltung entgegengearbeitet. 



Kritiken. 243 

Dem Bache Schnürers seien viele Leser gewünscht! Je eher, 
allem in katholischen Kreisen, völlig veraltete Biographien durch 
ernsthafte Schriften verdrängt werden, um so eher wird Franz 
i Assisi seinen allgemein anerkannten historischen Ehrenplatz er- 
ten. Vielleicht darf man noch den Wunsch äußern, daß Schnürer 
zebe Ausdrücke sündhaften Theologendeutsches ausmerze: der Oe- 
uch von Worten wie „Verdemütigung", „Selbstverdemütigung", 
chorte" sollte mit strengen Kirchenstrafen belegt werden. 
Tübingen. Walter Goetz. 

Zfircher Stadtbficher des XIY. und XV. Jahrhunderts. Auf 
Veranlassung der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich heraus- 
gegeben mit geschichtlichen Anmerkungen von Hans Nabholz. m. 
Leipzig, S. Hirzel 1906. XV und 340 S. 

Mit diesem Bande gelangt die wertvolle Ausgabe der Zürcher 
Itbücher zum versprochenen Abschluß. Der Text wurde auch 
imal mit textkritischen Anmerkungen von E. Baer geliefert, der 
Ausgeber der früheren Bände (vgl. diese Zeitschrift Bd. IV S. 268 f. 

V S. 272) H. Zeller-Werdmüller ist jedoch leider inzwischen 
torben; doch hat er noch die Titel der einzelnen Ratsbeschlüsse 
. einen Teil der historischen Anmerkungen, dankenswerte Beigaben, 

früher beisteuern können. Fertiggestellt ist das Ganze durch den 
Titel genannten jetzigen Züricher Staatsarchivar, eine Arbeit, zu 

auch die Herrichtung der ausfährlichen Register gehört. Diese, 

Personen- und Ortsregister von 41, ein Sachregister von 32, 
l ein Glossar von 6 Seiten, seien allen Forschem besonders 
»fohlen. 

Was den Inhalt betri£Pt, so handelt es sich wie im vorigen Bande 

swei zeitlich nebeneinander laufende Beschlußbücher des großen 
. des kleinen Rats (Buch IV und Vb des Originals). Mit einiger 
lelmäßigkeit geführt sind sie jedoch (von 1429) nur bis zum 
re 1436, d. h. bis zum Ausbruch des „alten Zürichkrieges^^ Von 
schließen sich noch unregelmäßige Einträge bis 1549 an, die in 

vorliegenden Ausgabe beim großen Rate etwa ein Drittel, beim 
nen etwa die Hälfte seines Buches füllen. Aber auch während 
ersten achteinhalb Jahre sind die Geschäfte keineswegs vollständig 
leichnet worden; sondern einmal wurden, wie früher, Ratsbeschlüsse, 

die nicht zurückzukommen war, nicht aufgenommen, sodann aber 

der Stadtschreiber Graf alle einer reichsfreundlichen Politik nicht 
istigen Erkenntnisse unterdrückt. Übrigens ist später ein anderes 
(tem eingeführt worden: in Ratsmanualen, fdr den Gebrauch 

Stadtschreibers, und in Ratsbüchern, zu öffentlichem Zeugnis, 



244 Kritiken. 

zeichnete man die Ratsbeschlüsse in laufenden Geschäften auf, während 
für Satzungen und Vorordnungen, die fOr die Dauer bestimmt waren, 
Satzungs- und Rechtsbücher angelegt wurden. 

Reich an Ergebnissen für die politische Geschichte ist der Ertrag 
trotz der bewegten Zeitläufte nicht; eher noch für die Verwaltung der 
Herrschaftsgebiete. Überhaupt steht der Inhalt dieses Bandes an 
Interesse oder Mannigfaltigkeit wohl hinter dem der früheren ein 
wenig zurück. Interessant sind indes unter anderem umfangreiche 
Ordnungen über die Abgrenzung der Befugnisse der verschiedenen 
Zünfte. Auch fOr die Handelsgeschichte fUllt mancherlei ab, z. B. 
Sustordnungen; insbesondere gibt der jährliche amtliche Ansatz des 
Weinpreises bis weit in das 16. Jahrhundert hinein ein Bild von den 
gewaltigen Schwankungen, denen der Markt in einem Mittel täglichen 
Bedarfs damals unterworfen war. Einen großen Raum nahmen ferner 
ein die Eide der Räte, der Gemeinde, des Bürgermeisters, der Zunft- 
meister gegen die Stadt und gegen ihre Zunft, der Zünfte, der neuen 
Bürger, der Landsassen und Eigenleute und einer großen Zahl von 
Beamten aller Art. Dann gibt es mancherlei Gebührenordnungen, 
und um schließlich noch ein paar Einzelheiten hervorzuheben: eine 
Angabe der zur Blutrache berechtigten Verwandtschaftsgrade (noch 
1448!); Abkunft mit Schaff hausen über das auf der Rheinbrücke 
durch Zürich abgehaltene Landgericht; Erlaubnis an die Abtei Sel- 
denau, ihren Wein mit altem, also falschem Maß zu schenken; An- 
lage von Kriegsmagazinen und Kassen in den Zürcher Herrschafts- 
gebieten; Ablösung von der Geistlichkeit schuldigen Zinsen zu 57o; 
eine Verfügung über die Hinterlassenschaft einer grundbesitzenden 
Diebin. Mancherlei Mühe machten der Stadt die Juden; mehr noch 
auswärtige Judenhetzer. — Unrichtig ist das Regest Nr. 25 S. 142: 
das Kloster Einsiedeln erklärt sich vielmehr trotz der Intrigen von 
Schwyz bereit, die verlangten reisigen Pferde und Saumrosse zu stellen. 
Erwünscht wäre bei dieser wie bei allen stadtrechtlichen Veröffent- 
lichungen ein Stadt- und Gebietsplan: doch wollen wir angesichts der 
schönen Gabe, die uns geboten ist, nicht undankbar sein. 

Zum Schluß aber noch eins! Es wird nachgerade zur Plage, 
das schlechte Papier, auf dem wissenschaftliche Bücher neuerdings 
gedruckt werden. Der Autor ist natürlich schuldlos, um so mehr, als 
das Papier der Korrekturbogen häufig besser ist. Der Verleger ist 
wohl auch zu entschuldigen, da das Papier meist gut aussieht. Aber 
die Druckerei muß wissen, daß bei wissenschaftlichen Werken für 
das Papier erstes Erfordernis ist, daß man mit Tinte darauf schrei- 
ben kann. 

Jena. F. Keutgen. 



Kritiken. 245 

Bruno Hennig^ Die Kircbenpolitik der älteren Hohenzollern 
in der Mark Brandenburg und die päpstlichen Privilege 
des Jahres 1447. (Veröflfentlichungen des Vereins für Geschichte 
der Mark Brandenburg.) Leipzig. 1906. 268 S. 
Wer die Literatur über die Geschichte der Mark Brandenburg 
im Mittelalter kennt, wird jeden Versuch, durch eindringliche Unter- 
suchung des Quellenstofifes, der Forschung hier einen festen Grund 
zu bereiten, mit Freuden begrüßen. Der Verfasser des vorliegenden 
Buches nennt als Untertitel seiner Arbeit „die päpstlichen Privilege 
des Jahres 1447". Es handelt sich um eine Gruppe von 35 Ur- 
kunden — 18 von Eugen IV., 17 von Nicolaus V. ausgestellt — , 
durch die Kurfürst Friedrich IT. von Brandenburg für sich, seine 
Familie, seine Räte und sein Land weitgehende päpstliche Gnaden- 
beweise erwarb. Zum großen Teile waren die Privilege bereits seit 
langem bekannt und auch in Riedels Codex diplomaticus Branden- 
burgensis gedruckt. Aber gerade infolge der unbeschreiblich leicht- 
fertigen Editionsweise dieses Herausgebers — ich kann mich H.s bedingt 
günstigem Urteil über Riedel (S. 2 Anm. 2) keineswegs anschließen — 
war es bisher nicht möglich die Bedeutung dieses Urkundenkomplexes 
in seinem vollen Umfange zu erfassen. Um die, in den beiden hohen- 
zoUemschen Familienarchiven erhaltenen, Originale hat er sich über- 
haupt nicht gekümmert. Es genügte ihm einiges, was er in älteren 
Drucken fand und ein Manuskript unbekannter Herkunft, das Auszüge 
aus den päpstlichen Registern enthielt. So kam die größte Ver- 
wirrung in die Veröfifentlichung; denn die gedruckten Vorlagen hatten 
die Daten z. T. falsch aufgelöst, in den Abschriften aus dem vatika- 
nischen Archive waren die im Register fehlenden Daten willkürlich 
ergänzt. Das Ergebnis war, daß die, alle ins Jahr 1447 gehörigen 
Urkunden bei Riedel, soweit sie nicht überhaupt fehlen, teils unter 
richtigen, teils unter falschen Tagesdaten, über drei Jahre — 1446, 
1447, 1448 — verteilt, erscheinen. 

Ordnung in die verwirrte Überlieferung hat zuerst Robert Arnold 
gebracht, als er, im Verlaufe seiner Vorarbeiten für das Repertorium 
Germanicum, eine Sanmilung der Urkimden Eugens IV. für die branden- 
burgischen Fürsten und ihr Haus veröffentlichte (Quellen u. Forsch. 
au8 ital. Arch. n. Bib]. I 1898). Seine Arbeit hat Hennig für die 
Privilege Nicolaus V. fortgesetzt und für seine Untersuchungen auch 
die Originalurkunden beider Päpste, die Arnold in Rom naturgemäß 
nicht zur Verfügung standen, verwertet. Die Ergebnisse dieser 
Forschungen sind in dem diplomatischen Teile des Buches nieder- 
gelegt, den der Verf. seiner Arbeit als eine Art Anhang beigegeben 
hat; sachlich bildet er eher eine Einleitung. 



246 Kritiken. 

Auf der so gewonnenen Grundlage hat der Verfasser eine um- 
fangreiche Darstellung aufgebaut, die zu zeigen bezweckt, wie die 
Privilege von 1447 auf die brandenburgische Kirche in allen ihren 
Teilen eingewirkt haben. In fEbif Kapiteln handelt er von den 
KoUegiat- und Domstiften, der Besetzung der Bistümer Brandenburg^ 
Havelberg und Lebus, den Kaianden, den Klöstern und schließlich 
der geistlichen Gerichtsbarkeit. Überall werden eingehend die Ver- 
hältnisse vor 1447 dargestellt und die Entwicklung unter dem Ein- 
flüsse der Privilege bis zum Ende des Jahrhunderts und weiter ver- 
folgt. Mit ersichtlicher Vorliebe hat der Verfasser das letzte Kapitel 
bearbeitet, und es ist ihm auch vortrefflich gelungen aus dem kargen 
Material heraus die Verhandlungen und Konflikte zu schildern, die 
sich aus dem Bestreben, die Grenzen zwischen geistlicher und welt- 
licher Gerichtsbarkeit festzusetzen, ergaben. Deutlich tritt hier der 
Unterschied zutage zwischen den inneren Gebieten der Mark, für 
die ein Ausgleich mit den einheimischen Bischöfen schnell und leicht 
gelang, und den Grenzländem, deren außerhalb der Landesgrenzen 
sitzende Diözesanherren, sich alle Zugeständnisse erst nach langem 
Kampfe abringen ließen. Mancherlei Einzelzüge zur Bereicherung des 
Bildes hätten sich für diesen Abschnitt wohl noch aus den Hand- 
schriften der Königlichen Bibliothek in Berlin gewinnen lassen, aus 
denen Wattenbach bereits s. Z. Verschiedenes mitgeteilt hat (Sitzungs- 
berichte der Berliner Akademie, Jahrg. 1882 und 1883). Wenn ich 
mich nicht irre, so stammen die Bände, die ich vor Jahren in den 
Händen hatte, mindestens zum Teil aus dem bischöflich branden- 
burgischen Offizialate. Sie enthalten wenigstens Bruchstücke von 
Akten des geistlichen Gerichtes, die der Verfasser bisher in der Mark 
vermißt hat (vgl. S. 168 Anm. 1). 

Die Privilege von 1447 sind der Preis, den die Kurie dem Kur- 
tiirsten von Brandenburg für seinen Übertritt aus der bisherigen 
Neutralität zur römischen Observanz zahlte und sie gab reichlich. 
Kurfürst Friedrich H. erhielt das Präsentationsrecht oder Verleihnngs- 
recht für die Bischofsstühle von Brandenburg, Havelberg und Lebus 
und eine Beihe von bedeutenden Pfründen, darunter sämtliche Dom- 
herrnstellen in Brandenburg und Havelberg, einen erheblichen Teil der 
Kalandseinkünfte in seinen Ländern, maßgebenden Einfluß auf die 
Verwaltung des Vermögens der Nonnenklöster. Als Landesherr besaß 
er damit das Verfügungsrecht über einen beträchtlichen Teil des 
Kirchenvermögens in seinem Territorium. Er bedurfte dieser Ein- 
künfte um seine Räte, die Mitglieder der in der Bildung begriffenen 
neuen Beamtenschaft, zu versorgen. Nimmt man hinzu, daß die 
päpstlichen Privilege gleichzeitig die geistliche Gerichtsbarkeit erheb- 



Kritiken. 247 

ich zugunsten der landesherrlichen beschränkten, so kann kein Zweifel 
sin, daß, wurden auch nicht alle Bestimmungen der Vertrage sofort 
usgefnhrt, um die Mittie des 15. Jahrhunderts der Wille des Mark- 
rafen ausschlaggebend in der brandenburgischen Kirche war. 

Von der Höhe des Erfolges der landesherrlichen Kirchenpolitik, 
ie das Jahr 1447 bezeichnet, lohnt es sich wohl zwei Jahrhunderte 
cLckwftrts zu blicken. Es zeigt sich dann, daß Friedrich II. fast 
berall der Vollender dessen war, was die askanischen Markgrafen des 
3. Jahrhimderts vorbereitet hatten. Sie haben bereits die Bischofs- 
bühle in ihren Ländern mit ergebenen Dienern zu besetzen verstanden, 
ie erwarben das Präsentationsrecht für die Propsteien (= Archi- 
iakonate) der Neuen Lande des Bistums Brandenburg, um durch 
lese Stellen ihre geistlichen Hof- und Kanzleibeamten zu besolden, 
lie kannten auch die Schwierigkeiten, die den Landesherren daraus 
rwuchsen, wenn Bischöfe, die außerhalb ihres Territoriums saßen, 
iber Teile der Mark als Diözesanherren geboten. Rechts der Elbe 
achten sie daher immer Landes- und Bistumsgrenzen in Überein- 
timmung zu bringen, für die Altmark ist der Plan eines eigenen 
üstums Stendal erwogen worden. 

Den klaren Willen die Kirche ihrer Länder der Gewalt des 
Itaates zu unterwerfen, haben also die Askanier bereits gehabt. Aber 
ie konnten ihre Pläne nicht zur Vollendung bringen, zum guten Teil 
ieshalb, weil das Papstum den märkischen Bischöfen zur Seite trat. 
Srst mit Hilfe des Papstes hat Friedrich II. seine staatskirchlichen 
line durchgeführt. Von dem Zustande, der damals geschaffen wurde, 
rar es — was die Organisation angeht — zur Landeskirche der 
ieformationszeit nur noch ein Schritt. 

Greifswald. F. Curschmann. 

iuellen zur Geschichte des kirchlichen Unterrichts in der 
evangelischen Kirche Deutschlands zwischen 1530 und 1600. 
Eingeleitet, herausgegeben und zusammenfassend dargestellt von 
Joh. Michael Reu, Professor der Theologie am lutherischen 
Wartburgseminar zu Dubuque la. Zweiter Teil: Quellen zur Ge- 
schichte des biblischen Unterrichts. Mit einer Anzahl Reproduk- 
tionen alter Holzschnitte. Druck und Verlag von 0. Bertelsmann 
in Gütersloh. CXXH und 804 S. gr. 8^ 
Dem ersten Bande (von mir in dieser Zeitschr. 9. Jahrg. S. 550 ff. 
•»gezeigt) hat Reu nicht die unmittelbare Fortsetzung, welche die 
Büttel- und norddeutschen Katechismen enthalten soll, folgen lassen, 
•ondem wie er das schon damals in der Vorrede angekündigt hatte, 
«machst die Quellen des biblischen Religionsunterrichts vorweg- 



248 Kritiken. 

genommen. Obgleich im 16. Jahrhundert dieser hinter dem Katechismus- 
Unterricht an Wichtigkeit zurücksteht, so wird doch den praktischen 
Theologen der vorliegende Band nicht weniger willkommen sein als 
sein Vorgänger. Denn ein großer Teil der von Reu durchmessenen 
(rebiete ist unangebautes Land. Femer ist der Inhalt des jetziges 
Bandes ein weit vielseitigerer. Wie ich bei meiner Anzeige des ersten 
und zweiten Bandes von Cohrs evangelischen Katechismusversuchen 
(in dieser Zeitschrift IV, 536 flf.) hervorgehoben habe, gingen alle^ 
dings auch im Katechismusunterricht anfangs die Wege weit ausein- 
ander. Indessen bildeten sich hier verhältnismäßig rasch, teils durch 
Luthers Beispiel, teils durch die übereinstinmienden Bedürfnisse eine 
Reihe gleichmäßiger oder ähnlicher Züge aus. Die Art und Weise, 
wie dagegen der heranwachsenden Jugend die Bibelkenntnis vermittelt 
wurde, war eine sehr verschiedene. Man konnte da an die sonntSg^ 
liehen Evangelien und Episteln anknüpfen, man konnte zu den einzelnen 
Hauptstücken und deren Bestandteilen die geeigneten Bibelsprüche 
zusammenstellen oder man konnte auch den historischen Verlauf des 
alten und neuen Testaments in Geschichtserzählungen zergliedern; 
endlich ist auch der Versuch gemacht worden, offenbar nach dem 
Beispiele der Humanisten Lebensbeschreibungen einzelner Männer und 
Frauen zu geben. 

Bei dieser bunten Mannigfaltigkeit mußte Reu seinen Stoff anders 
anordnen als im ersten Bande. An eine geographische Scheidung, wie 
sie sich bei den Katechismen als naturgemäße Folge verwandter ört- 
licher und territorialer Bedürfnisse ergab, war jetzt nicht mehr zu denken. 
Reu sah sich statt dessen veranlaßt, nach der stofflichen und metho- 
dischen Behandlungsweise einzelne Kategorien zu bilden und die zu 
denselben gehörigen literarischen Erscheinungen chronologisch anein- 
anderzureihen. Auf solche Art behandelt er zunächst die Quellen des 
biblischen Geschichtsunterrichts, dann die Sammlungen der Bibel- 
sprüche, die Erläuterungen der sonntäglichen Perikopen und endlich 
die Einführungen in das Bibelstudium. Hierbei korrespondiert stets 
ein Abschnitt der historischbibliographischen Einleitung und der Aus- 
züge aus dem Quellenmaterial. 

Für den Profanhistoriker, dem das von Reu durchforschte Gebiet 
immer ein Nachbarland bleibt, ergibt sich freilich aus dieser Dispo* 
sition ein empfindlicher Nachteil. In den seltensten Fällen haben ^ 
Theologen des 16. Jahrhunderts sich auf eine der vier gemachten 
Kategorien beschränkt. Alsdann muß aber der Leser sich das Mate- 
rial, nach welchem er die Autoren beurteilen will, an verschiedenen 
Orten zusammensuchen, und wer nicht praktischer Theolog ist, de» 
wird es doch vor allem auf die persönliche Würdigung der eiBzelnö» 



£[ritiken. 249 

hriftsteller und ihrer Betfttigung ankommen, zumal einige dieser 
Inner nach ihrer individuellen Eigenart sonst wenig bekannt sind. 
ich ans der chronologischen Anordnung ergeben sich manche ün- 
q^uemlichkeiten. Jene ist n&mlich nicht streng durchführbar. Manche 
hrifb ist erst aUmählich entstanden oder sie hat eine größere Anzahl 
iflagen erlebt. Natürlich mußte aber Reu das Werk znsammen- 
ngend besprechen. — Da befolgt er denn den Grundsatz, daß er 
r die Einreihung die Zeit des ersten Erscheinens oder der ersten 
mr maßgebend sein Iftßt. So kann es geschehen, daß z. B. die noch 
i 17. Jahrhundert viel benutzte biblische Geschichte Castellios beim 
Jbre 1543 eingereiht wird. Hier wird zunächst ihre Bedeutung bis 
m Ende des 16. Jahrhunderts gewürdigt und dann greift Reu wieder 
if das Jahr 1544 zurück, wo die biblische Geschichte Gaspare 
mschios erschienen ist. 

Ich möchte durch diese Bemerkungen nicht die Wertschätzung 
Br außerordentlich mühsamen und verdienstvollen Arbeit Reus be- 
inträchtigen. Denn ich glaube, daß jede andere Disposition gleich- 
üls ihre Mängel gehabt hätte, und daß vielleicht die Ansprüche des 
fiaktischen Theologen und Bibliographen, an den sich die Veröffent- 
Lchtmg zunächst richtet, von denjenigen der Historiker einigermaßen 
ibweichen. Da aber ein Schlußband aussteht, welcher ähnlich wie 
üe zweite Hälfte des vierten Bandes von Cohrs Unternehmen noch- 
mals eine Verarbeitung des gesamten Stoflfes bringen soll, so wäre 
liier vielleicht Gelegenheit zum Ausgleich geboten. 

Zum Schlüsse darf die Zuversicht ausgesprochen werden, daß 
twtz der Schwierigkeiten, mit welchen der Herausgeber infolge der 
tiumüchen Entfernung seines Wohnortes zu kämpfen hat, das ver- 
dienstvolle Werk in seinem bisherigen raschen Tempo fortschreitet. 

Freiberg i. B. Gustav Wolf. 

Acta Bomsslca. Die Behördenorganisation und die allge- 
meine Staatsverwaltung Preußens im 18. Jahrhundert. 
Achter Band. Akten vom 21. Mai 1748 bis 1. August 1750, 
bearbeitet von G. Schmoller und 0. Hintze. Berlin 1906. 
Der von Prof. Hintze redigierte Band enthält aus einem Zeit- 
ftum von etwas mehr als zwei Jahren und zwei Monaten Akten in 
422 Nummern, welche gleich den der vorhergehenden Bände ^ ein 
überaus reichhaltiges Material zur Verwaltungsgeschiehte des preußi- 
schen Staates darbieten, das nicht nur vermöge des allgemeinen Zu- 
sammenhanges, sondern durch die zahlreichen, charakteristischen Beiträge 
^ Kenntnis Friedrichs des Großen insbesondere für jeden Historiker 

^ Siehe die Besprechungen im 7. Bde. dieser Zeitschrift. 

Hiitor. Viarteljahnchrift. 1908 S. 17 



250 Kritiken. 

von unschätzbarem Wert« sind. Unter den mitgeteilten Akten sind 
an erster Stelle diejenigen über die Justizreform geeignet, unsere 
Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Besonders hervorroheben 
sind die Verhandlungen über die Abgrenzung von Justiz und Ve^ 
waltnng, welche das Prinzip der Oewaltenteilimg vom Standpunkte 
des praktischen Bedürfnisses beleuchten. Die Bemerkungen Coccejis' 
über den Bericht der Magdeburgschen Kammer (Nr. 57) sind auch f9r 
die Gegenwart von aktueller Bedeutung. Und den Klagen der Ve^ 
waltungsbehörden , daß die verwaltungsgerichtliche Kontrolle ihre 
Autorität untergrabe, könnte man auch heute noch die Worte Coccejis' 
entgegensetzen: „so wenig die Regierung ihre Autorität deswegen ?e^ 
liert, weil sie mit ökonomischem und Polizeisachen nichts zu tun bat, 
so wenig verliert sie die Kammer, wenn sie keine Justizsachen zn 
entscheiden hat. Jedes Kollegium hat seine Schranken^\ Über die 
individuellen Schwierigkeiten der Durchführung der Reform in den 
verschiedenen Provinzen geben zahlreiche Akten Aufschluß. Aber 
wenigstens hat es dem Werke an Anerkennung nicht gefehlt. Wie die 
Prägung einer goldenen Medaille zum Andenken an die Justizreform 
(Nr. 21) ihre Wertschätzung im Inlande, so erweist die Berück- 
sichtigung derselben bei den Maria -Theresianischen Reformen in 
Österreich und bei der Justizreform in Gotha (Brief Coccejis' an 
Eichel S. 135 Anmkg. 3) ihre Würdigung im Auslande. Daß die 
Akten dieses Bandes für die Charakteristik der Persönlichkeit Coccejis' 
geradezu grundlegend sind, leuchtet von selbst ein. Die Notwendig- 
keit^ im Kampfe mit den mannigfachen Widersachern sein Werk zu 
verteidigen, bietet dem ausgezeichneten Manne wiederholt Gelegenheit 
zu bemerkenswerten Äußerungen. 

Für die Geschichte des preußischen Staatsdienstes auch außer- 
halb der Behördenorganisation und des Beamtentums von seiner per- 
sönlichen Seite bringen eine große Reihe von Akten auch dieses Bandes 
belangreiche Beiträge. Nr. 89 enthält die Beamtentabellen von vielen 
Kammerbezirken nach den Kassenetats der Kammern, aus denen man 
entnehmen kann, wie entsprechend dem umfassenden Wirkungskreise 
dieser Behörden ein zahlreiches und reich differenziertes Beamten- 
personal vonnöten ist. Für eine Reihe von Behörden werden auch 
die Besoldungsetats publiziert. Schließlich sei hervorgehoben, daß 
die Akten zur inneren Entwicklung der Provinzen, der Stände, de« 
Städtewesens mannigfache Beziehungen aufweisen, und daß auch airf 
die materielle Verwaltung des Staates helle Streiflichter fallen. 

Ein 138 Seiten umfassendes trefflich gearbeitetes alphabetisches 
Register sichert dem Werke eine erhöhte praktische Brauchbarkeit 

Wien. Gustav Seidler. 



Kritiken. 251 

Denkwürdigkeiten des Markgrafen Wilhelm YOn Baden. 

Herausgegeben von der badischen historischen Kommission. Be- 
arbeitet von Karl Obser. Erster Band 1792 — 1818. Mit einem 
Portrat und 2 Karten. Heidelberg 1906 (Carl Winters Univer- 
sitätsbuchhandlung). XXm und 560 Seiten. 
Während in Frankreich die Memoirenpublikation, besonders seit 
bwa einem Jahrzehnt, geradezu sportmäßig betrieben wird, ist man 
ei uns zulande viel zurückhaltender. Was ist in Paris nicht alles 
^bon an sogenannten Denkwürdigkeiten berühmter und auch ganz 
onkler Männer und Frauen aus der Revolutionszeit und dem Empire 
eröffentlicht worden! Wo nur sich irgend Tagebücher, Briefe und 
hnliches vorfand, haben betriebsame Leute Memoiren daraus fabriziert, 
lie noch immer ihr Publikum zu finden scheinen. Und noch ist 
Lein Ende abzusehen! Die Franzosen haben nun einmal eine ganz 
eigene Vorliebe für persönliche Bekenntnisse und fragen gar nicht 
viel nach Bedeutung und geschichtlichem Werte, wenn sich die Sache 
nur gut liest. 

Bei uns ist das wesentlich anders oder war bisher wenigstens so. 
Wir haben oft keine Ahnung, was noch alles von wichtigen Lebens- 
berichten in den geheimen Schreinen unserer Familien- und Staats- 
archive steckt, und sind inuner erstaunt, wenn derlei Aufzeichnungen 
in den Tag kommen. Geschieht es gar in so vornehmer und wissen- 
schaftlicher Form wie bei dem Buche, von dem wir hier reden wollen, 
dum freut sich nicht nur der Liebhaber solcher Lektüre, sondern auch 
der Forscher, der über seinen Urkunden und Akten auch die privaten 
Aufzeichnungen führender Männer gern und mit Vorteil liest, ja 
ihrer gar nicht entraten kann. 

Mit Dank begrüßen wir jetzt die Herausgabe der Denkwürdig- 
keiten eines jungen fürstlichen Generals und Diplomaten aus der Zeit 
des Rheinbunds und des Wiener Kongresses, des Markgrafen Wilhelm 
▼on Baden, mit denen uns im Auftrage der badischen historischen 
Kommission Geh. Archivrat Karl Obser in Karlsruhe, der Direktor des 
i^adischen General-Landesarchivs, beschenkt hat. 

Das Buch ist der Forschung zunächst um deswillen willkonunen, 
^eil es da einsetzt (wenigstens in der Hauptsache), wo die „Politische 
Korrespondenz" von Badens großem Markgrafen und erstem Großherzog 
Karl Friedrich endet. In gewisser Hinsicht können also diese Denk- 
^^gkeiten jene Aktenpublikation fortsetzend ergänzen. 

Markgraf Wilhelm ist der zweiten Ehe Karl Friedrichs mit 
L^ Karoline Freün (Jeyer von Geyersberg, Reichsgräfin von Hoch- 
^% als zweiter Sohn entsprossen. Der umstand, daß diese Ehe 
Nächst nicht als voll ebenbürtig angesehen wurde, war der Anlaß 

17* 



252 Kritiken. 

mancher Unannehmlichkeiten und Zurtlcksetzangen für Wilhebn and 
seine Geschwister, die sich vorläufig mit dem Titel Grafen von Hoch- 
berg begnügen mußten. Das Schicksal hat es indessen gewollt, daß 
die gesamte männliche Nachkommenschaft Karl Friedrichs aus erster 
Ehe mit Karoline Luise von Hessen-Darmstadt ausstarb und doch 
schließlich die Hochberger zur Nachfolge berufen wurden (der 1907 
verstorbene Ghroßherzog Friedrich ist der Sohn von Wilhelms älterem 
Bruder Leopold). Das sollte aber nicht ohne langwierige diplomatische 
Kämpfe abgehen, wobei das Dasein des badischen Staates überhaupt, 
wie er in der Rheinbundszeit geschaffen worden war, geraume Zeit 
stark bedroht war. 

Markgraf Wilhelm ist nicht nur ein tüchtiger Soldat und Hee^ 
fahrer gewesen, sondern er hat auch — was erst durch seine Me- 
moiren recht bekannt wird — im wesentlichen den Kampf für die 
Anerkennung des Erbrechts seiner Geschwister und die Zukunft seines 
Staates durchgeführt. So bieten uns denn seine Denkwürdigkeiten 
nicht nur die Erzählung seiner Feldzüge, sondern auch eine Geschichte 
der diplomatischen Verhandlungen über die badische Frage. 

Der Verfasser ist geboren am 8. April 1792. Seine ersten 
Erinnerungen sind die mancherlei Wechselfälle der französischen Be- 
volutionskriege, durch die das badische Land stets in Mitleidenschaft 
gezogen war. Mehr als einmal mußte der Hof flüchten. Im übrigen 
ging es recht einfach und schlicht im Schlosse des fronmien Kirl 
Friedrich zu, wo Lavater und Jung-Stilling gern gehörte geistlidie 
Berater waren und gelegentlich Dr. Gall Vorlesungen über seine 
Schädellehre hielt. Da waltete auch der Leibarzt des Fürsten Dr. 
Schrickel, im Nebenamt Goldmacher, der für 10 000 fl. Silberbanen 
aus der Kasse seines Herrn veri)ulverte und die fürchterlichsten 
Geistergeschichten zum Besten gab, was aber seinem Ansehen nicht 
geschadet zu haben scheint. 

Als er noch nicht 14 Jahre alt war, lernte der Knabe den Mann 
kennen, der für fast ein Jahrzehnt seine Geschicke bestinunen sollte. 
Im Januar 1806, nach dem Feldzug von Austerlitz, wo die Badener 
zum ersten Male für den fremden Imperator hatten zu Felde ziehen 
müssen, erschien Napoleon in Karlsruhe. Er hatte soeben in München 
seinen Stiefsohn Eugen Beauhamais mit der bayrischen Prinzessin 
Auguste verheiratet, die mit dem badischen Kurprinzen Karl, de» 
Enkel Karl Friedrichs, verlobt gewesen war. Ihm hatte er zum Br 
satzc Stephanie Beauhamais bestimmt. Diesen neuen Bund zu stifteOi 
war der Allgewaltige gekommen. Ein Machtwort von ihm genügt* 
zu lösen und zu binden. Wie da alles schon vorher vor ihm ritter** 
Und bebte, mancher sich schon Mut angetrunken hatte, und schließU^^'^ 



Kritiken. 253 

jeder eine der bekannten recht witzlosen Bosheiten aus kaiserlichem 
Munde zu hören bekam, das muß man in diesen Memoiren selbst 
nachlesen (S. 34 ff.), unauslöschlich hat sich dem jungen scharfen 
Beobachter das Bild des Kaisers in die Seele geprägt, wie er „mit 
seinem blassen Antlitz und seinem schönen Profil*' bei Tisch ihm 
gegenüber saß. 

Schonungslos griff der harte Mann auch weiterhin in das Innere 
des fürstlichen Familienlebens ein. Ein Befehl von ihm stürzte im 
Jahre 1808 den Markgrafen Ludwig, den jüngsten Sohn Karl Friedrichs 
aus erster Ehe, den späteren dritten Großherzog, den er preußischer 
Gesinnung zieh. Selbst in der Einsamkeit seiner Güter fühlte dieser 
sich nicht sicher; immer schwebte dem Geängstigten das Schicksal 
des Herzogs von Enghien vor Augen. 

Kaum 17 Jahre alt, geht der junge Hochberg mit in den Feld- 
zug von 1809, und zwar als Adjutant Massenas, in dessen Korps die 
Badener eingereiht waren. Er hat dabei die inneren Zustande der 
französischen Armee, die ^absucht und Geldmacherei der Marschälle, 
worin gerade Massena Großes leistete (S. 65 und 74), aber auch 
dessen ünerschrockenheit aus nächster Nähe kennen gelernt. Auch 
wie Bulletins gemacht werden, ersah er an einem praktischen Beispiele 
(S. 67). Von Pfaffenhofen, wo der erste Schuß fiel, überbrachte er 
dem Kaiser die Meldung von der Eröffnung der Feindseligkeiten. In 
allen Gefechten des Feldzugs von Regensburg war er mit dabei, nach 
dem Treffen von Ebersberg stand er zum ersten Male vor Napoleon 
in der Musterung. 

„Der Marschall hatte mir befohlen, mich auf den rechten Flügel 
der badischen Truppen zu stellen. Als der Kaiser erschien, nannte 
er ihm meinen Namen und lobte mein Benehmen. Der Kaiser sagte, 
ich sei sehr gewachsen, und erinnerte sich, daß er mich vor einigen 
Tagen in der Schlacht bei Eckmühl mehrmals verschickt habe. Er 
fügte hinzu, er kenne mich gut. ... Es war ein interessanter Augen- 
blick, den Kaiser bei der Mustertmg zu beobachten. Er erkundigte 
sich nach allem, sah gleich, wo es fehlte; kurz, es entging ihm nichts. 
Bei einem leichten Infanterieregiment frug er den Oberst: 'Qui est 
le plus brave?' Dieser stellte ihm einen kleinen Voltigeur vor, 
worauf der Kaiser zu letzterem sagte: ^Je le fais baron avec 5000 
livres de rente.' Außerdem nahm er eine Menge Beförderungen vor. 
Daß dies alles den Enthusiasmus steigerte, braucht nicht erwähnt zu 
werden." (S. 81.) 

Besonders anschaulich ist die Schilderung der Schlachten von 
Aspem, nach der er das Kreuz der Ehrenlegion erhielt, imd Wagram. 
Unter den schmeichelhaftesten Ausdrücken der Anerkennung, die ihm 



254 Kritiken. 

der Marschall auch schriftlich mitgah, wurde der junge Adjutant 
nach dem Frieden in die Heimat entlassen. 

Das Jahr 1811 führte Hochberg wieder vor die Augen des Herrn 
der Welt. Kaum war die Nachricht von der Geburt des Königs von 
Rom eingetroffen, da mußte er sich schleunigst nach Paris aufinachen, 
um die Glückwünsche des badischen Hofes zu überbringen, „damit 
nicht etwa ein württembergischer Abgesandter ihm zuvorläme^ 
Dieser Eifer blieb nicht unbelohnt. Der Kaiser hatte die Gnade, dem 
Badener die 'grandes entrees' zu erteilen, „die darin bestanden, daß 
man morgens beim lever und abends beim coucher des Kaisers zu 
Hof gehen durfte. . . . Wenn sich die zu den grandes entrees berech- 
tigten Personen in den großen Appartements versammelt hatten, schrie 
plötzlich ein huissier: TEmpereurl, hierauf stürzte alles durcheinander, 
ohne die anwesenden Könige besonders zu beachten, gegen die Türe 
des Kabinetts, in welchem der Kaiser sich aufhielt. Es galt so 
schnell wie möglich in dasselbe zu gelangen, um in die vorderste 
Beihe zu kommen und vom Kaiser bemerkt zu werden. Da ich mich 
nicht so aufdrängen wollte und konnte, wie dies andere taten, so 
streckte mir der Gouverneur von Paris, General Hulin, ein überanB 
großer und stattlicher Mann, der dies bemerkt hatte, rückwUrts eine 
Hand hin und zog mich so in das Kabinett des Kaisers.^^ (S. 116.) 

Das größte Erlebnis, zugleich auch das anziehendste Kapitel des 
Yeif assers, ist der Feldzug von 1812, ein ganz meisterliches Stück voll 
packender Szenen. Ich hebe nur hervor: den Einmarsch in RuBland 
(S. 150), das Leben in Smolensk (S. 152), den Eindruck der Nach- 
richt vom Brande von Moskau (S. 154), die Ankunft der flüchtenden 
Großen Armee (S. 169), die erschütternde Darstellung der Kampfe 
an der Beresina (S. 172ff.), den Übergang (S. 187), den Dienst bei 
der Arriere- Garde (S. 188 ff.), das Todesbiwak (S. 200), der Zng 
über die Schneefelder Littauens (S. 206 ff.). Wer das gelesen hat, 
vergißt es sein Leben nicht wieder. 

Als Brigadegeneral führte Graf Hochberg seine Badener nach 
Rußland, etwa 7000 Mann, das gewöhnliche Kontingent Badens flbr 
Napoleon. (Weitere 2000 kämpften in Spanien.) Sie gehörten zu der 
Bescrvearmee, die nur bis Smolensk kam, und zwar zum IX. Korpi 
Victor. Bis zur Beresina waren sie noch kaum ernstlich ins Fenff 
gekommen. Mit einer Heldentat verschwanden die tapferen Badener 
vom Felde der Ehre. Sie wurden buchstäblich geopfert, indem sie 
zuerst auf dem westlichen Ufer des Jammerflusses und dann wiedff 
auf dem östlichen den Übergang und Rückzug der Trümmer der 
Großen Armee decken mußten. Was dann vom Korps Victor noch 
übrig war — es waren fast ausschließlich kiur noch Rheinbündler — i 



Kritiken. 255 

ad seinen Untergang bei der Arriere-Garde, bis Hocbberg am 
Dezember seinem Marschall melden mußte, daß er nichts mehr zu 
mmandieren habe. Es war in Oschmjana, wo d^r Kaiser vor 
ei Tagen die Armee verlassen hatte. Am Tage zuvor war der 
jShrige junge Mann selber dem Tode nahe gewesen. GlÄcklich 
•eichte er am 13. Dezember nachts 12 Uhr im Schlitten die prenßi- 
le Grenze. In einem Dorfe bei Marienwerder hat er zum letzten 
Je seine ^Brigade' gemustert Hn einer Scheuer' I „Feldwebel Becker 
nd dabei auf dem rechten Flügel, mit seinem lahmen Kapitän 
1 Beck auf dem Rücken.^' Das Schlußbild vom russischen Feldzug 
do 12! 

Das Aufgebot von 1812 war also vernichtet. Für den Feldzug 
a 1813 forderte der Imperator ein neues von der gleichen Zahl, 
t der zweiten Brigade, die ganz neu errichtet werden mußte und 
lachst noch wenig kriegsfertig war, marschierte Hochberg am 
August ab. Er sollte wiederum das Kommando über das ganze 
»ntingent führen. Schon unterwegs erkannte er, mit welchem Wider- 
Uen diesmal die jungen französischen Rekruten zu Felde zogen, 
ele brachten sich auf dem Marsche selber Verwundungen an den 
luden bei, um sich so dem Dienste zu entziehen. „Überall mangelte 
ßhtlich jene Zuversicht, die sonst in der französischen Armee so vor- 
arrechend war" (S. 235). Und überall der Schrecken vor den Kosaken! 

Hochberg hat also nur an dem Herbstfeldzug von 1813 teil- 
mommen. Er erhielt Leipzig zum Standquartier unter dem Ober- 
efehl des Marschalls Arrighi, Herzogs von Padua, und als Aufgabe, 
ie rückwärtigen Verbindungen bis Weißenfels, die von der über- 
Jgenen Kavallerie der Verbündeten dauernd bedroht waren, zu decken. 
hi französische Heer war schon wieder fast in einem Zustande wie 
a Bußland. „Täglich kamen nun Transporte Verwundeter und 
kranker, die von der Armee zurückgeschickt wurden. Unbarmherzig 
nirde mit ihnen verfahren; man warf sie auf die Straße, ohne für 
Ire Verpflegung zu sorgen. Der Abgang bei der Armee war unge- 
ener. Alles, was fort konnte, lief davon. General Margaron schrieb 
or öfters, ^qu'il avait fait une bonne evacuation', was so viel hieß 
Is, er habe einige hundert Mann Ncrvenfieberkranke aus dem Spital 
atlassen, welche dann sehen mußten, wie sie weiterkamen. Die Land- 
fcraße von Leipzig bis Weißenfels war mit solchen Unglücklichen be- 
^kt, welchen die Ejraft fehlte, sich weiterzuschleppen, und die in den 
ttaßengräben zum Teil ihr elendiges Dasein endeten" (S. 243).^ 

Und wie in Rußland schienen auch die Badener wieder bestimmt, 



* Vgl. auch Beiheft z. Mil. Wochenblatt 1906 Nr. 402. Anm. 24. 



256 Kritiken. 

für die letzten Entscheidungskämpfe aufgespart zu werden. Wie an 
der Beresina sollten sie auch bei Leipzig am 19. Oktober den Rüd[- 
zug des geschlagenen Heeres decken. Durch das Verhalten seiner 
französischen Vorgesetzten wurde Hochberg indessen rechtzeitig diese 
ihre Absicht klar, die Badener „zugunsten ihrer eigenen Armee auf- 
zuopfern und für den Fall, daß ein Wechsel der Verhaltnisse eintrete, 
unschädlich zu machen" (S. 252). Was sollte er aber tun? Sollte 
er, wie die Sachsen und ein Teil der Württemberger in offener Feld- 
schlacht zu den bisherigen Gegnern übergehen, oder, wie Prinz Emil 
mit seinen Hessen und Poniatowski mit den Polen, seine Leute wiedemm 
für die Franzosen aufopfern? Da faßt der 21 jährige Jüngling allein 
und mitten im Kampfgetünmiel eine außerordentlich kluge Entscheidung. 
£r beschließt, den noch vorhandenen Rest der beiden badischen 
Brigaden zu retten und sie dem Lande für die ungewisse Zukunft ni 
erhalten, ohne zu dem Feinde überzugehen. Er versammelt, als die 
Stadt nicht länger behauptet werden kann, seine Truppen auf dem 
Marktplatze um sich, läßt sie Gewehr bei Fuß nehmen und ergibt 
sich den einrückenden Verbündeten. Er hat damit allerdings nicht 
verhindern können, daß das Verhalten der Badener als Übertritt zun 
Feinde gedeutet wurde. 

Die Badener blieben zunächst in preußischer Gefangenschaft, bii 
endlich am 20. November der Großherzog, der ausdrücklich das Be- 
nehmen des Grafen in Leipzig billigte, zur Koalition überging. 

Interessant sind die Andeutungen des fürstlichen Verfassers über 
die Stinmiung, die er nun zu Hause vorfand: „Dem französichen 
Wesen war man im ganzen abhold, allein die Leute getrauten sich 
nicht recht, ihre Gesinnungen laut werden zu lassen, teils aus Furcht 
vor einem Umschwung des Waffenglücks, teils aus Scheu vor der 
Großherzogin. ^ So geschah denn, was nicht unterlassen werden konnte, 
aber ohne Enthusiasmus für die sogenannte deutsche Sache" (8. 273). 
Auch Max von Schenkendorf, der damals in Karlsruhe weilte, beklagte 
„die völlige Armut an irgendeiner begeisternden vaterländischen oder 
auch nur politischen Idee^\ Übrigens ist es in allen sfid- und mittel' 
deutschen Staaten nicht viel anders gewesen, wenigstens was die lei- 
tenden Kreise betrifft. Die Jugend dagegen, besonders die studentische} 
war allenthalben Feuer und Flamme für den Kampf gegen Napoleofl* 

Über die Feldzüge von 1814 und 15 genügen einige Bemerkungen- 
Graf Hochberg war in ihnen nur auf einem Nebenkriegsschauplat« 
tätig, was sich aber aus der Lage seines Landes erklärt Er leitet* 
die Belagerung der französischen Festungen im Elsaß ^ die, wie be- 



Stephanie Beauharnais. 



Kritiken. 25T 

sonders Straßbarg, eine drohende Gefahr für das badener Land waren. 
Während er aber 1814 die Badener wie 1812 und 13 anführte, be- 
fehligte er 1815 im österreichischen Heeresverband, da ihm der Groß- 
berzog Karl diesmal den Oberbefehl vorenthalten hatte. 

Dazwischen fällt dann seine Tätigkeit anf dem Wiener Kongreß, 
es folgt eine Sendung nach Berlin und Petersburg und der Kongreß 
von Aachen. Das Ergebnis dieser Unterhandlungen ist oben schon 
bezeichnet worden. Bayern machte die größten Anstrengungen, auch 
die rechtsrheinische Pfalz wiederzugewinnen und veranlaßte deshalb 
auch Österreich, den Breisgau mit dem vormals österreichischen Frei- 
bürg zurückzuverlangen. Der schwache und unentschlossene Groß- 
herzog ließ sich zunächst alles gefallen, und da das Erbrecht der 
Hochberger nicht anerkannt war, wäre Baden zweifellos wieder zer- 
stückelt worden. Allein es gelang Wilhelm von Hochberg in letzter 
Stunde, die Pläne Bayerns zu vereiteln. Der Großherzog entschloß 
sich endlich, Einsprache zu erheben, die Hochberger zu Markgrafen 
von Baden zu ernennen, die Anerkennung ihrer Erbfolge zu verlangen 
und den badischen Staat als untrennbare Einheit zu erklären. Das 
geschah durch das Hausgesetz vom 4. Oktober 1817 und die Ver- 
fassung vom 22. August 1818. Dahinter aber stand als treibende 
Kraft Markgraf Wilhelm, der es auch auf sich genommen hatte, die 
Zustimmung der Mächte zu holen. Schon in Wien hatte er durch 
sein freimütiges und mannhaftes Auftreten den Freiherm von Stein 
aus einem Gegner zu einem treuhelfenden Freimde gemacht und, was 
noch wichtiger war, in Petersburg den Kaiser Alexander zu einem 
Vorkämpfer der badischen Sache gewonnen. 

Mit dem wenige Monate später (8. Dezember 1818) eingetretenen 
Tode Großherzog Karls schließt der bisher allein vorliegende erste Band 
der Denkwürdigkeiten. Zwei weitere Bände stehen noch aus. Der 
zweite wird bis zum Tode des Großherzogs Ludwig (1830) führen. Der 
dritte, der die Regierung Leopolds umfassen sollte, ist aber mit dem 
Jahre 1847 abgebrochen. Der Tod hat dem Verfasser, der erst 1851 
mit der Niederschrift des Werkes begonnen hatte, im Jahre 1859 die 
fleißige Feder aus der Hand genommen. Besonders haben wir also 
zu bedauern, daß er nicht bis zur Darstellung der badischen Revo- 
lution gekoDomen ist. 

Was den Wert dieser Memoiren außerordentlich erhöht, ist ihre 
große Zuverlässigkeit. Sie beruhen nämlich auf Tagebüchern, die in 
52 Oktavheften vom 16. Lebensjahre an fast lückenlos vorliegen; nur 
ein Heft ist 1812 in Rußland verloren gegangen. Sie sind nach der 
Angabe des Herausgebers mit peinlicher Gewissenhaftigkeit geführt 
Daneben hat es der Verfasser nicht versäumt, auch andere band- 



258 * Kritiken. 

schriftliche Quellen, wie Regimentsjouraale, Feldzugsakten, auch Druck- 
werke zu benutzen. 

Daß wir es hiernach mit einem historisch hoch bedeutsamen Weike 
zu tun haben, bedarf keiner Hervorhebung mehr. Man hat durchaus 
den Eindruck einer männlich wahrhaften und ehrlichen Persönlichkeit, 
die nichts zu verschleiem und zu verhehlen hat. 

Der Herausgeber hat die Einzelheiten, soweit irgend möglich, 
nachgeprüft und, wo nötig, in Anmerkungen berichtigt. Ein durchweg 
vertrauenerweckendes Personen Verzeichnis, von Karl Sopp angelegt, 
tmd zwei Übersichtskarten der Feldztige von 1809 und 1812 erhöhen 
noch die Brauchbarkeit der trefflichen Ausgabe. 

Mainz. Chr. Waas. 

Ernst YOn Meier, Französische Einflüsse auf die Staats- 
und Rechtsentwicklung Preußens im XIX. Jahrhundert 
Erster Band. Prolegomena. Leipzig, Duncker & Humblot 1907. 
Vni und 242 S. 
Wenn man lediglich auf den Austausch von Rechtsideen und 
Rechtsformen sehen will, so ist Frankreich gegenüber unsere Handels- 
bilanz sehr entschieden passiv. Am Anfang freilich steht in unseres 
Haben ein großer Posten von dem Eroberungszug des franlrischeB 
Rechtes her. Aber von da an sind wir die Empfangenden. Das trat 
im letzten Jahrhundert besonders stark hervor. Süddeutschland lehte 
fast ganz von französischen Vorbildern. Aber auch Preußen ist nickt 
unzugänglich gewesen. Der Nachweis wird allerdings sehr in die 
Einzelheiten führen und nicht leicht in ein systematisches Gesamtbild 
zu bringen sein. Doch sind gerade für das Staatsrecht auch gewisse 
allgemeinere Prinzipien und Grundanschauungen auf solche Weise Toa 
den westlichen Nachbarn übernommen worden. Ihnen gilt dieser erste 
Band: Prolegomena. Sie behandeln wesentlich nur die naturrechtliche 
Lehre von der Volkssouveränität und die Treimung der Gewaltei. 
Wir wären geneigt, hier sofort noch einiges andere anzuschlieBeiL 
Aber der Verfasser hat gewiß gute Gründe, solches alles der besor 
deren Darstellung vorzubehalten, die er uns in zwei weiteren Bände» 
in Aussicht stellt. 

So sind denn die Prolegomena, die hier vorliegen, nichts anderes 
als ein Stück Allgemeines Staatsrecht. Ein sehr anziehendes vd 
lesenswertes Stück, das versteht sich bei diesem Verfasser von selbst 
Der erste Abschnitt gibt „Die politischen Ideen vornehmlich des 
17. und 18. Jahrhunderts". Da kommt denn eben das NaturrecW 
zur Darstellung mit seiner unvermeidlichen Volkssouveranität, dart 
die Gewaltentrennung. Rousseau spielt selbstverständlich eine groß* 



Kritiken. 259 

<)lle. Ich darf vielleicht bemerken, daß seine merkwürdige Lehre 
om Gesetz S. 54 nicht ganz klar wiedergegeben ist. Dort ist gesagt, 
aß die Gesetzgebung nach ihm „nicht nur Gesetze im materiellen, 
3ndem auch im formellen Sinne in sich begreift". In Wirklichkeit 
»t das Gesetz bei Rousseau notwendig Gesetz im formellen und im 
lateriellen Sinn zugleich: eine bindende allgemeine Regel, aufgestellt 
on der höchsten Gewalt. „Alors la matiere sur laquelle on statue 
st generale, comme la volonte qui] statue. C'est cet acte que 
appelle une loi" (L. II eh. VI). Man versteht ja leicht, daß das 
twas anderes ist, als der Verfasser zu sagen scheint. 

Der zweite Abschnitt bringt dann „die Verwirklichung dieser 
deen", und zwar nacheinander in vier Kapiteln: Die beiden eng- , 
Lschen Revolutionen, die Verfassungen der Vereinigten Staaten von 
Lmerika, die französische Revolution, der Napoleonismus. Die Schil- 
lemng der Konsulatsverfassung (S. 173 ff.) hat wegen der großen 
Dichtigkeit dieser Verfassung für Frankreich ihre Bedeutung; inwie- 
weit daraus für Preußen sich Anknüpfungen ergeben, müssen wir erst 
«hen; so ganz auf der Hand liegend ist die Sache nicht. Zu dieser 
^hilderung möchte ich aber bemerken, daß das Verhältnis zwischen 
Fribunat und gesetzgebendem Körper wohl nicht richtig bezeichnet 
Ist, wenn dem ersteren „gewissermaßen die Funktion einer ersten 
Kammer" zugeschrieben wird (S. 190). Das Verhältnis ist vielmehr 
das zwischen Staatsanwaltschaft und Gericht: das Tribunat plädiert 
über die Gesetzesvorlage gegen die Leute des Ersten Konsuls, der 
gesetzgebende Körper hört stumm zu und entscheidet ja oder nein. 
Die Bedeutung des Staatsrates scheint mir S. 190 keineswegs aus- 
t«ichend gewürdigt zu sein. Das geflügelte Wort: agir est le fait 
ffun seul, deliberer le fait de plusieurs, bezieht sich weniger auf die 
Vertretungskörper: conseil general, d'arrondissement, municipal, als auf 
das conseil de prefecture, das als Beschlußbehörde und Verwaltungs- 
gericht neben den Präfekten gestellt ist und das der Verfasser hier 
JUcht erwähnt (S. 194). , indirekte Steuern" S. 194 Zeile 5 ist nur ein 
Dnickfehler für „direkte Steuern". Der Maire ist kein Staatsbeamter 
(8. 194). Er ist immer in erster Linie chef de Tassociation communale, 
^enn auch mit staatlichen Geschäften dazu betraut, auf alle Fälle hat er 
^in nnbesoldetes freiwilliges Ehrenamt. Das ist doch nicht zu übersehen« 

Eechtswissenschaftlich vielleicht weniger bedeutsam, aber für die 
^gemeine politische Beurteilung voll von lehrreichen Tatsachen ist, 
^Wtt das fünfte Kapitel über das Musterkönigreich Westfalen bringt 
^d das sechste über die Aufnahme der französischen Revolution in 
der deutschen Literatur. 

Leipzig. Otto Mayer. 



260 Kritiken. 

Wintterlin Friedr., Geschichte der Behördenorganisation in Wüittem- 
borg. Zweiter Band. Die Organisationen König Wilhelms' l 
bis zum Verwaltungsedikt vom 1. März 1822. Stuttgart 1906.* 
Der erste Abschnitt behandelt den äußeren Hergang, der nm 
Zustandekommen der Behördenorganisation in der in Frage stehendoi 
Zeit ftihrte, sowie die politischen Gegensätze, die sich hierbei gettend 
machten. Die letzteren waren dieselben Gegensätze, welche zwischai 
den Anhängern der altständischen Ideen und den des konstitutionelki 
Systems der Trennung der Gewalten nach französischem Vorbild ia 
bezug auf die zu vereinbarende Staatsverfassung im allgemeinen be* 
standen. Und so wie die Verfassungsurkunde vom 25. September 1819 
den Sieg des konstitutionellen Staatsgedankens für die Dauer be- 
siegelte, so konnten folgerichtig auch bei der Organisation der Be 
hörden die Bedenken der Partei des alten Rechtes nicht berücksichtigt 
vyrerden. Die Regierung hatte in den künftigen Verfassungsstaat nidil 
mit einer nach den Ideen des alten Patrimonialstaates eingerichtettt 
Behördenorganisation eintreten können und wollen. 

Der zweite Abschnitt hat die Ministerien, den Geheimen Bit, 
jdie Zentral- und Kreisstellen zum Gegenstande. Was zunächst dii 
Organisation der Ministerien und des Geheimen Rates betrifft, N 
handelte es sich hierbei um die prinzipielle Frage, ob ein bnreaa- 
kratisch organisiertes Ministerialsystem nach französischem VoHäU 
^oder eine Kollegialbehörde nach den überkommenen Traditionen dei 
alten Rechtes an der Spitze der Verwaltung des Staates stehen sollii» 
Die vom König Friedrich verfügte Beseitigung des KoUegialsjstani 
war auf so heftigen Widerstand gestoßen, daß dieser sich nock 
wenige Monate vor seinem Tode veranlaßt sah, in der EönigL Ver 
Ordnung vom 15. Juli 1816, welche die Grundlage für alle spätem 
organisatorischen Bestimmungen einschließlich der VerfassxmgsurkniA 
von 1819 bildet^, den Bedenken der Gegner Rücksicht zu trag«. 
König Wilhelm kam einige Tage nach seiner Thronbesteigung da 
Wünschen der Partei des alten Rechtes noch weiter entgegen, indm 
er durch Verordnung vom 8. Nov. 1816 das Staatsministerium it 
einen Geheimen Rat umwandelte. Allein schon das V. Edikt VCA 
18. Nov. 1817, welches ganz nach v. Malchus' Entwurf erkM« 
wurde, beseitigt die Wirkungen dieser Maßregel, indem der Geheim 
Rat in zwei Abteilungen gegliedert wurde, von denen die erstem ihr« 
Wesen nach einen Ministerkonseil bildete, dessen Mitglieder «»• 
schließlich die für ihre Ressorts verantwortlichen Minister sein sollt«! 



* Vgl. die Besprechung des ersten Bandes im Bd. 10 dieBer Zeit' 
Bchrift Seite 121. 



Kritiken. 261 

während dessen zweite Abteilung ihrer Torzüglichen Bestimmung nach 
als ein Staatsrat gedacht war, dem allerdings in verwaltungsgericht- 
liehen, sowie in manchen anderen Angelegenheiten auch ein Dezernat 
nikam. Die Verfassung vom 25. Sept. 1819 hob die Trennung des 
iJeheimen Rates in die zwei Sektionen wohl wieder auf, wies jedoch 
demselben im wesentlichen die Stellung einer bloß beratenden 
Staatsbehörde zu, wahrend die Minister allein für die vollziehende 
Gewalt verantwortlich gemacht wurden. Nur wurde für diese be- 
ratende Behörde eine größere Anzahl von Mitgliedern gewünscht, die 
mcht Departementschefs waren, eine Einrichtung, die in der Folge 
namentlich durch v. Mo hl angegriffen wurde. 

Noch viel dringender als die Wiederherstellxmg des Geheimen 
Batskollegioms verlangte die Partei des alten Rechtes unter den Ständen 
und namentlich unter dem höheren Beamtentum die Errichtung von 
Zentralkollegien in den Ministerien nach dem Vorbild der altvrürttem- 
belgischen Kollegien auf Grund des Erbvergleiches von 1750. Nach 
mehrfachen Vorschlagen und Gutachten, unter denen wieder die Aus- 
fthnmgen von v. Malchus sehr bemerkenswert sind, normiert das 
bereits im vorhergehenden zitierte, masgebende V. Edikt vom 18. Nov. 
1817 den Bestand eines Oberregierungs-, bzw. eines Oberfinanz- 
kollegiums im Ministerium des Innern, bzw. der Finanzen, sowie eine 
Beihe von diesen Ministerien untergeordneten Zentralstellen. Eine 
selbständige Entscheidungsgewalt, auch gegen den Minister, sollte 
jedoch den Ministerialkollegien nicht zustehen, der Minister vielmehr 
Bor gehalten sein, über die Gründe seiner abweisenden Verfügungen 
in der ersten Abteilung des Geheimen Rates Vortrag zu machen. Die 
Verfassungsarkunde von 1819 enthielt hierüber keine Bestinunung, 
md auch die Verhandlungen der Kammer der Abgeordneten in den 
Jahren 1820 nnd 1821 bewirkten keine namentliche Änderung dieses 
Zmtandes. 

Hinsichtlich der Organisation der einzelnen Ministerien ergaben 
ticb die größten Schwierigkeiten bei der Finanzverwaltung, da hier 
tberall anstatt der Einführung modemer parlamentai*ischer Kontrolle 
Beteiligung der Stände an der Verwaltung nach der Weise des Patri- 
ttonialstaates zu setzen versucht wurde. Nur mit Mühe und nicht 
^Uständig, so insbesondere nicht bei der Verwaltung der Staats- 
*diiild, konnte sich eine den neuen Grundsätzen entsprechende Or- 
ganisation durchsetzen. Die an sich sehr lehrreiche Entwicklung der 
Administrativjustiz gewinnt dadurch ein erhöhtes Interesse, daß 
Württemberg von allen deutschen Staaten am frühesten den um- 
&88endsten Rechtsschutz auf dem Gebiete des öffentlichen Rechtes 
«Aielt. Auch für die VerwaltungsstraQustiz wurden hier in Erinnerung 



262 Kritiken. 

an die alte Landesordnung schon anläßlich der ersten Yerfassungskämpfe 
gesetzliche Grundlagen gefordert, welche in dem Gesetze betreffend 
die Strafrekurse vom 26. Juni 1821 ihre Verwirklichung fanden. 

Der dritte Abschnitt ist den Bezirksbehörden und der Gemeinde- 
vertreterschaft gewidmet und zeigt uns den Geschäftskreis des Obe^ 
amtmannes und seines Oberamtsaktuars auf Grund der neuen Orgim- 
•sation nach Trennung der Justiz und Verwaltung, sowie das Becht 
der Gemeinde als Selbstverwaltungskörper. Die Gemeindeverfassnng 
ist auf die Existenz einer weiteren Gemeindevertretung, des Bürger- 
ausschusses und eines aus lebenslänglichen Mitgliedern bestehenden 
Magistrats (Gemeinderats) begründet Dem letzteren blieb viel vcm 
dem Charakter der alt württembergischen Ortsobrigkeit erhalten, & 
ist keineswegs das Vollzugsorgan der Beschlüsse der Gemeindedepn- 
tierten, wie der Magistrat nach der preußischen Städteordnung to& 
1808. Die Hauptaufgabe des Bürgerausschusses liegt in der Eon- 
trolle; Gemeinderat und Bürgerauschiiß stehen sich gegenüber, wie 
Regierung und Stände. Die staatliche Oberaufsichtsgewalt über die 
Gemeindevermögensverwaltung blieb in relativ ausgedehntem M&fle 
aufrecht, und die altwürttembergische Einrichtung der Vogt- und 
Büggerichte wurde zu diesem Ende zu neuem Leben erweckt. Mit 
Rücksicht auf dieses Aufsichtsrecht des Staates wurde auch bei der 
Orts- und Landespolizei anfangs kein erheblicher Wert auf die ünte^ 
Scheidung zwischen dem eigenen und dem übertragenen Wirkungskreis 
gelegt. Li den letzteren wurde aus den Einrichtungen der Patri- 
monialzeit auch die Umlage und der Einzug der direkten Staats- 
steuern übernommen. 

Zum Ersätze dafür, daß die Stadt- und Dorfgerichte des altes 
Rechtes nicht wiederhergestellt wurden, wurde auf Ortsvorstoher und 
Gemeinderat die Aufgaben eines Friedensgerichtes nach französischem 
Vorbild übertragen. Auch die Geschäfte der freiwilligen Gericht»- 
barkeit wurden den Gemeinden überlassen, wobei der Gerichtsnottf 
als gesetzeskundiges Mitglied des Gemeinderates fungierte. Die Ve^ 
wultung der Stiftungen wurden einem Stift ungsrat, der ans dem 
Gemeinderat und den Ortsgeistlichen bestand, mit einem Kirchen- 
konvent als engerem Ausschuß und einem bestellten Stiftungs- 
pfleger unter der Oberaufsicht der Regierung übertragen. 

Die zu einem Oberamtsbezirk vereinigten Gemeinden bilden eifl« 
geschlossene Amtskörperschaft mit einer aus Vertretern der ein- 
zelnen Gemeinden zusammengesetzten Amtsversammlung alsB^ 
präsentativorgan. Für die Rechtspflege des ganzen Oberamtsbezirke« 
ist das Oberamtsgericht bestellt, welches gegenüber der Ortsobrig- 
keit die zweite Instanz bildet. 



Kxitiken. 263 

In den Verhandlungen der konstituierenden Versammlung von 
19 wurde das Selbstverwaltungsrecht der Korporationen in dem 
prochenen Umfange anerkannt und fand seinen Ausdruck in den 
65 und 66 der Verfassungsurkunde. Und auch in den Verhand- 
gen der Kammer der Abgeordneten in den Jahren 1820 und 1821 
^te sich immer mehr eine weitgehende Übereinstimmung der Re- 
mng und Volksvertretung in der Organisation von Bezirksbehörden 
i Gemeinden. Ein Rückblick auf die schließliche Gestaltung und 
rgleiche mit der badischen und bayrischen Organisation jener Zeit 
3en das ganze Organisationswerk plastisch hervortreten. Mit einer 
rzen Darstellung der Bezirksbehörden der Finanzverwaltung schließt 
- inhaltsreiche Abschnitt. 

Der vierte und letzte Abschnitt gibt eine Übersicht über die 
twicklung des Staatsdienerrechtes, woran sich eine Betrachtung 
er das gegenseitige Verhältnis der Organisationen König Friedrichs 
d König Wilhelms schließt, die zu dem Ergebnis kommt, daß 
ürttemberg seinen beiden ersten Königen eine Behördenorganisation 
rdankt, die den Bedürfnissen einer konstitutionellen Monarchie mehr, 
) irgendeine andere ihrer Zeit entsprach. 

Wien. Gustav Seidler. 

eorg Kfintzel^ Thiers und Bismarck, Kardinal Bernis. Zwei 
Beiträge zur Kritik französischer Memoiren. 153 S. 8®. Bonn, 
F. Cohen 1905. 
Eüntzel stellt zunächst fest, daß Thiers seine Lebenserinnerungen erst 
iedergeschrieben hat, nachdem er seine Demission gegeben und sich damit 
ron der ungeheueren Last der Präsidentschaft befreit hatte, 24. Mai 
L872. Auch die Abschnitte über die Rundreise, die Waflfenstillstands- 
rtrbandlung und die Friedenspräliminarien sind zwar auf Grund 
^chzeitiger tagebuchartiger Aufzeichnungen hergestellt, aber sie sind 
loch nicht in der ursprünglichen Form erhalten, sondern in einer 
fiteren Überarbeitung. Thiers hat über manche Vorgänge wiederholt 
achtet und dabei sind nicht unerhebliche Änderungen zu beob- 
^ten. Küntzel stellt S. 3 3 ff. interessante Beispiele zusammen, 
oamentlich solche, in denen Thiers Verhandlungen von Diplomaten in 
fcekter Rede wiedergibt. 

„Diese Wiedergabe in direkter Rede ist seine bevorzugte literarische 
Künstform, um die Vorgänge lebhaft und anschaulich zu gestalten, 
l^iese Reden treffen in ihrem hauptsächlichen Lihalt auch die Sache, 
^^ siud sie eben spätere und willkürliche Paraphrasierungen eines 
^01 Verfasser vorschwebenden Gedankens und dürfen auf wörtliche 
"istorische Richtigkeit keinen Anspruch erheben." Li Schilderungen, 



264 Kritiken. 

die nur wenige Wochen nacheinander entworfen sind, l&ßt Thiers 
dieselben Personen über dieselben Dinge ganz verschiedene Reden 
halten. Eüntzel glaubt hier diese Naivität entschuldigen zu können, 
aber er zeigt denn doch auf den folgenden Seiten, daß diese freie 
Behandlung des Stoffes auch zu nicht unerheblichen sachlichen Un- 
genauigkeiten Anlaß gegeben hat. Seine Kritik ist gründlich und 
überzeugend. Thiers verliert im ganzen doch recht, und nicht bloB 
unter dem Gesichtspunkte der Zuverlässigkeit, sondern auch als Be- 
obachter und als Diplomat. Von seiner Schilderung der Verhandlung 
mit Bismarck sagt Küntzel S. 101 ff. „So kommt es denn dahin, dift 
uns in den Souvenirs Bismarck wieder und wieder eigentlich als der 
Unterliegende geschildert wird . . . Und diesem oft erschütterten, Te^ 
legenen, außer Fassung gebrachten, erschöpften, besiegten Bismarck 
gegenüber bewundert man Thiers als den Staatsmann . . . vor dessen „ton 
calme mais decide^^ Bismarck neue Instruktionen einholend einlenkt . . . 
Den Eindruck einer imponierenden historischen Figur, den Favre mit 
ergreifender unparteiischer Offenheit und literarischer Meisterhand 
wiedergegeben hat, hat Thiers bei seiner übertriebenen Selbstschltnug 
in seinen Denkwürdigkeiten doch nicht hervorzurufen vermocht oder 
sich bemüht." 

Der zweite Teil des Buchs bietet eine mit leichten Zusätzen ver- 
sehene Abhandlung, die 1902 in den „Forschungen zur Branden- 
burgischen und Preußischen Geschichte" erschienen war, über die 
Memoires et lettres du cardinal de Bemis. Der Kardinal Bemifl war 
ein Günstling der Pompadour und in den Monaten vom September 
1755 an hatte er entscheidenden Einfluß auf die äußere Politik 
Frankreichs. Seiner Darstellung ist meist übergroßes Vertrauen ent- 
gegengebracht, wenn auch einzelne Abschnitte als irreführend und 
falsch nachgewiesen sind. Eüntzel hat — wie mir scheint — tffl* 
widerleglich nachgewiesen, daß Bernis ganz unzuverlässig ist, dafi die 
Memoiren nur seiner eigenen Rechtfertigung und Verherrlidnuig 
dienen. Vor allem gilt es ihm, sein Werk, die Allianz Frankreidii 
mit Österreichs vor der Nachwelt zu rechtfertigen und die Verant- 
wortung für das Unheil, „das Frankreich in der österreichischeB 
Gefolgschaft erlitt, von sich auf andere Schulteni abzuwälzen^. 

Breslau. G. Kaufmann. 



265 



Nachrichten und Notizen L 

Preisanssehreiben. Der Deutsche Yerein für YerBichemiigswisBen- 
&ft beabsichtigt, die Bearbeitung der (beschichte der privaten wie der 
alen Versicherung in Deutschland in die Wege zu leiten und hat daher 

Beschluß gefaßt, zum Zwecke der Erlangung einschlägiger Mono- 
phien mehrere Preisausschreiben zu erlassen. Zunächst werden hiermit 
i Preise in Höhe von je 2600 Mark ausgesetzt für die Abfassung 
. einer Geschichte der Lebensversicherung in Deutschland, 
. einer Greschichte der Feuerversicherung in Deutschland. 

Die Arbeiten müssen streng wissenschaftlich unter Zuhilfenahme archi- 
iseher Studien ausgeführt sein. Die Manuskripte sind in Schreibmaschinen- 
rift auf einseitig beschriebenen Blättern zu liefern und, ohne sonstige 
inzeichnung des Verfassers, lediglich mit einem Kennwort versehen an das 
leralsekretariat des Deutschen Vereins für Versicherungs -Wissenschaft, 
ün W. 50, Pragerstraße 26 bis spätestens zum 30. Juni 1910 einzureichen. 
i mit demselben Kennwort versehener Briefamschlag, in dem sich der 
me des Verfassers befindet, ist beizufügen. Das Ergebnis des Preis- 
»chreibens soll möglichst noch im Jahre 1910 verkündet werden. Die 
nsgekrönten Schriften gehen in das Eigentum des Vereins über, der fär 
« Veröffentlichung Sorge trägt. Für den Fall, daß mehrere Arbeiten, 
igehen, behält der Verein sich vor, auch die nicht preisgekrönten zu er- 
irben und zu veröffentlichen. 

Über die Fonehnngen zur Oesehichte der nenhoehdentgcheii Sehrift- 
traehe berichtete Prof. Dr. Burdach in der öffentlichen Sitzung der 
adiner Akademie vom 28. Jan. 1908 über den gegenwärtigen Stand seiner 
rbeiten folgendes: Abteilung II. Texte und Untersuchungen zur Vor- 
Mchichte des deutschen Humanismus. Band I. Der Briefwechsel des Cola 
iRienzo: der Text dieser neuen kritischen, mit Hilfe des Hm. Dr. Piur 
borgten Ausgabe befindet sich im Druck; der als besonderer, zweiter Teil 
scheinende Kommentar ist im wesentlichen abgeschlossen und kann so- 
feich nach der Drucklegung des Textes in den Druck gehen. Band 2. 
^ Petrarcas ältestem deutschen Schülerkreis: eine Publikation früh- 
QQuuiistiBcher lateinischer Denkmäler aus der Handschrift 609 der Olmützer 
^politankapitel-Bibliothek wird noch im Laufe dieses Jahres in den 
^uck gegeben werden. Band 8. Briefwechsel Petrarcas und anderer ita- 
Biüscher Humanisten des XIV. Jahrhunderts mit deutschen Zeitgenossen: 
'^tför sind die Vorarbeiten zum größeren Teil beendet. Das Erscheinen 
^ Bandes ist nach dem Rienzobande geplant. Band 4. Privatbriefe Kaiser 

HiMor. Tittttljalinolirift 1908. i. 18 



266 Nachrichten und Notizen I. 

Karls IV. und seines Kanzlers Johann von Neumarkt: die Arbeit an diesem 
Bande, in dem alle rhetorisch bedeutenden Briefe der berühmten Summi 
Cancellariae Karoli IV. zum ersten Male in kritischer Gestalt und yiele 
Briefe Johanns von Neumarkt aus anderen Sammlungen ans Lacht treten, 
befindet sich in einem weit vorgerückten Stadium. — Abteilung DI. Die 
deutsche Prosaliteratur im Zeitalter der Luxemburger. Band 1 . Der Ackermann 
aus Böhmen: der Text dieses vom Referenten im Verein mit Hm. Dr. Aloii 
Bemt (Leitmeritz) herausgegebenen Werkes (s. Sitzungsberichte 1907, S. 81 f.) 
ist druckfertig. — Abteilung IV. Texte und Untersuchungen zur (reschichte 
der ostmitteldeutschen Kanzleisprache. Band 1. (Ein schlesisch- böhmisch« 
Formelbuch in lateinischer und deutscher Sprache aus der Wende des 
XIV. Jahrhunderts) ist im wesentlichen druckfertig. Band 2. (Aus den An- 
langen der schlesischen Kanzleisprache) ist der Text im wesentlichen 
druckfertig. 

Am 8. Juni 1907 fand in Marburg die zehnte JahiesverBammlung 
der Hi8tori8chen Kommission fttr Hessen und Waldeek statt. Dem bei 
dieser Gelegenheit erstatteten Jahresbericht ist über den Stand der wissen- 
schaftlichen Publikationen folgendes zu entnehmen: Die Bearbeitung des 
Fuldaer ürkundenbuchs ist aus den Händen des Prof. Dr. Tangl in Beriii 
in die Hände des Privatdozenten Dr. E. Stengel in Marburg übeargegangen. 
Prof Dr. Glagau hat leider auf die Fortführung der Landtagsakten Ter- 
ziehten müssen, sodaß ein anderweitiger Bearbeiter dafür zu gewinnen ist 
Prof Dr. Diemar hat den Druck des Textes der Chroniken von Gerstenbeig 
abgeschlossen, sodaß nur noch Einleitung und Register fehlen; Dr. Jöigei 
wird das Manuskript der Klüppelschen Chronik demnächst vorlegen. 
Dr. Grotefend hat mit dem Druck der ersten Abteilung der Landgrafm- 
regesten begonnen, die bis zum Tode des Landgrafen Heinrichs L (1S06) 
hinabreichen und im nächsten Betrieb^jahr erscheinen soll. In demselben 
Jahre soll mit der Drucklegimg des Urkundenbuches der Wetterauer Reichs- 
städte durch Dr. Wiese begonnen werden. Die Fortsetzung des Friedberger 
Urkundenbuches wird von Oberlehrer Dr. Dreher in Angriff genommen. 
Das Münzwerk wurde von Dr. Buchenau weiter gefördert; ebenso die 
Quellen zur Geschichte des geistigen und kirchlichen Lebens in Hessen on^ 
Waldeck von Prof Köhler. Dr. Huyskens wird mit dem Druck der Quellei 
zur Geschichte der Landschaft an der Werra schon im Herbst begimseo. 
Oberlehrer Becker ist noch mit der Bearbeitung von Sfcorios JahrbÜdiea 
der Grafschaft Hanau von 1600—1620 beschäftigt Stadtarchivar Dr. Gond- 
lach in Kiel hat die Bearbeitung des Dienerbuches bis auf die Euileitnng 
fast fertig gestellt. Dr. Dersch hofft das Manuskript der Beitiftge sor 
Vorgeschichte der Reformation in Hessen bis zur nächsten JahresvAisunB* 
lung vorzulegen. Auf Antrag von Archivrat Dr. Küch wurde ArchivassisteDt 
Dr. ELuetsch mit der Herausgabe eines Werkes betraut, welches die ]mm>* 
sehen, fuldischen, hanauischen und waldeckischen Lehen und ihre Inhibff 
verzeichnen doli. Von den Grundkarten wird demnächst das seobite nsd 
letzte Blatt erscheinen, in Erwägung gezogen soll die Liventansation der 
in Hessen und Waldeck vorhandenen kleinen Archive werden. 



Nachrichten und Notizen I. 267 

Am 8. und 9. November 1907 fand in Karlsruhe die 26. Plenar- 
sitzung der Badischen Historischen Kommission statt. Nachstehende 
Übersicht zeigt den Stand der einzelnen Unternehmungen der Kommission. 
Die von Dr. K. Rieder bearbeiteten Römischen Quellen zur Konstanzer 
Bistumsgeschichte sind, mit Ausnahme der Einleitung, im Druck fertig- 
gestellt und werden zu Beginn des Jahres 1908 ausgegeben werden. Die 
Fortfuhrung der Regesten der Bischöfe von Konstanz durch Dr. Rieder ist 
in Aussicht genommen. Das von Archivassessor Frankhauser bearbeitete 
Register zum IE. Bande der Regesten der Markgrafen von Baden ist er- 
schienen. Für den Y. Band, der die Regesten des Markgrafen Christof I. 
bringen soll, hat Geh. Archivrat Dr. Krieger weiteres Material gesanmielt. 
Der Fortfuhrung der Regesten der Pfalzgrafen am Rhein widmete sich 
Dr. jur. Graf von Obemdorff, unter Leitung von Professor Dr. Wille; für 
seine Geschichte der rheinischen Pfalz stattete letzterer dem Münchener 
Reichsarchiv einen Besuch ab und fand daselbst wertvolle Korrespondenzen. 
Die Bearbeitung des Nachtragbandes zur Politischen Korrespondenz Karl 
Friedrichs von Baden wurde vom Archivdirektor Dr. Obser unter Heran« 
Ziehung eines Hilfsarbeiters so weit gefördert, daß im Laufe des nächsten 
Jahres der Rest der noch zu erledigenden Abschriften gefertigt werden 
kann. Für die Herausgabe der Korrespondenz des Fürstabts Martin 
Gerbert von St. Blasien war Professor Dr. Pfeilschifber tätig. Von den 
Grundkarten des Großherzogtums Baden werden nach Mitteilung des Ober- 
regierungarats Lange noch in diesem Jahre zwei Sektionen zur Ausgabe 
gelangen; drei weitere sollen im Laufe des nächsten Jahres folgen. Vom 
Oberbadischen Geschlechterbuch, bearbeitet von Oberstleutnant a. D. 
J. Kindler von Knoblooh, ist die zweite Lieferung des dritten Bandes er- 
schienen; die dritte Lieferung dieses Bandes ist im nächsten Jahre zu er- 
warten. Den Abschluß des Manuskripts für den zweiten Band seiner 
Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes vermag Geh. Hofrat Professor Dr. 
Gothein für 1908 noch nicht in Aussicht zu stellen. Von den Oberrhei- 
nischen Stadtrechten befindet sich in der unter Leitung von Geh. Rat 
Professor Dr. Schröder stehenden fi^nkischen Abteilung das 8. Heft mit 
den Stadtrechten von Grrünsfeld, Neidenau, Osterburken, Unteröwisheim und 
Besigheim in Vorbereitung. In der unter Leitung von Greh. Hofrat Pro- 
fessor Dr. von Below stehenden schwäbischen Abteilung ist die Ausgabe 
des Überlinger Stadtrechts, bearbeitet von Dr. Geier, noch vor Ablauf des 
Jahres zu erwarten. Das Neuenburger Stadtrecht bereitet Rechtspraktikant 
Merk vor. Das Konstanzer Stadtrecht soll 1908 durch Professor Dr. Beyerle 
in Göttingen in Angriff genommen werden. Für die Sammlung der Siegel 
und Wappen der badischen Gemeinden war Zeichner Held tätig. Es wurden 
die Siegel für insgesamt 94 Orte angefertigt. Das dritte Heft der badischen 
Städtesiegel befindet sich in Vorbereitung. Der Bearbeiter der Münz- xmd 
Geldgeschichte der im Großherzogtum Baden vereinigten Territorien, 
Dr. Cahn in Frankfurt a. M. legte einen Teil des Manuskripts für das erste 
Heft vor. Mit der Bearbeitung des zweiten Bandes der Denkwürdigkeiten 
des Markgrafen Wilhelm von Baden hat Archivdirektor Dr. Obser begonnen. 
Vom Briefwechsel der Gebrüder Blarer, mit dessen Herausgabe Archivar 

18* 



268 Nachrichten und Notizen 1. 

Dr. Schieß in St. Gallen beauftragt ist, befindet sich der erst« Band unter 
der Presse. Die Pfleger der Kommission waren unter Leitung der Ober- 
pfleger Professor Dr. Roder, Stadtarchivrat Professor Dr. Albert, UniTersitftti- 
bibliothekar Professor Dr. Pfaff, Archivdirektor Dr. Obser nnd Professor 
Dr. Walter für die Ordnung und Verzeichnung der Archivalien von Ge- 
meinden, Pfarreien, Gmndherrschaften usw. tätig. Die Gemeindearchife 
des Landes sind sämtlich verzeichnet. Von den Pfarrarchiven fehlen noeh 
zwei. Die Verzeichnung der grundherrlichen Archive nähert sich dem Ab- 
schluß. Die Ordnung der Gemeindearchive wurde in sechs Amtsbesirkeii 
weiter- bezw. durchgeführt. Von der Zeitschrift für die Geschichte dei 
Oberrheins ist der 22. Band, unter Redaktion von Archivdirektor Dr. Obser 
und Professor Dr. Wiegand, erschienen. In Verbindung damit wurde 
Heft 29 der Mitteilungen der Badischen Historischen Kommission ausge- 
geben. Das Neujahrsblatt für 1907 „Der Breisgau unter Maria Therens 
und Josef n.'\ bearbeitet von Professor Dr. Gothein, ist im Januar erschienen. 
Als Neujahrsblatt für 190^ hat Universitätsbibliothekar Professpr Dr. P£iff 
in Freiburg eine Darstellung des Minnesangs in Baden übernonunen. 

Dem neunten Bericht der Historischeu Landeskommission fir 

Steiermark über die dritte Geschäftsperiode 1903 — 1907 entnehmen wir 
über den Stand der wissenschaftlichen Arbeiten folgendes. Es wnrdei 
veröffentlicht L Forschungen: V/2. Joh. Loserth, Salzburg und Steier- I 
mark im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts. VI/1. Joh. Loserth, Genes- 
logische Studien zur Geschichte des steirischen Uradels I VI/2. Ant. v. Panti, 
Die Innerberger Hauptgewerkschaft 1626—1783. Vl/3. Fritz Byloff, d» 
Land- und peinliche Gerichtsordnung Erzherzog Karls H. für Steiermark 
vom 24. Dezember 1574; ihre Geschichte und Quellen. Tl. Veröffent- 
lichungen: XVII. Albert Starzer, Die landesfürstlichen Lehen in Steie^ 
mark von 1421—1646. XVIII. Alois Lang, Beiträge zur Kirchengeschichie 
der Steiermark und ihrer Nachbarländer aus römischen Archiven. XIX. Ant 
V. Pantz^ Beiträge zur Geschichte der Innerberger Hauptgewerkschafl ^ 
XX. Ant. Meli, Regesten zur Geschichte der Familien Teufenbach. XXL ] 
Ant. Meli, Das Archiv der steirischen Stände. XXTT. Joh. Loserth, Dtf 
Archiv des Hauses Stubenberg. XXIII. Ant. Meli, Archive und Archi»- 
schütz in Steiermark. XXIV. Joh. Loserth, Bericht über die ErgebniiM 
einer Studienreise in die Archive von Linz und Stejregg. 

In Vorbereitung befindliche Arbeiten sind die der Herren Dr. Bitto« 
(Geschichte des Bergbaues und Hüttenwesens in Steiermark), A. v. Jabch 
(Geschichte der Landstände der drei Lande Steiermark, Kärnten und Kaxul 
F. Ilwof (Landtagswesen unter Maria Theresia und Josef H.), A. Meli (tt« 
steirischen Landgerichts- und Burgfriedsbeschreibungen), J. Peisker (6«* 
schichte der Siedelungen in Steiermark) und A. Weiss (Mittelalteriicta 
Geschichte der Diözese Seckau). Die Studien des Herrn Dr. Franz Freihen« 
V. Mensi „Ober die Geschichte der direkten Steuern in Steiermark" »^ 
jene A. v. Wretschkos (Innsbruck) über die „Steirischen LandeshanpÜente' 
befinden sich in stetem Fortgange. Hofrat v. Luschin erklärte sich bereif 
die Bearbeitung einer „Geschichte des steirischen Münz- and Geldweisii 



Nachrichten und Notizen I. 269 

im Mittelalter" zu ühemehmen. Professor Otto von Zwiedineck-Südenhorst 
(Karlsrahe) wurde mit der Untersuchung über „Die Wirtschaftspolitik der 
Steiermark vom 15. bis 17. Jahrhundert^^ betraut. Soweit der Einblick in 
die in Betracht kommenden publizierten Materialien ein Urteil gestattet, 
würden behyfs einer solchen Darstellung der inneren Wirtschaftspolitik 
Steiermarks vom 15. bis zum 17. Jahrhundert vor allem die Landtags- 
handlungen und die landesherrlichen Verordnungen mit den einschlägigen, 
die Vorbereitung und Durchführung betreffenden Aktenbeständen, für die 
Untersuchung der äußeren Wirtschaftspolitik aber außer diesen Materialien 
auch die Verhandlungsakten über Zoll- und Mautwesen im Verkehr mit 
anderen Territorien, insbesondere auch mit Venedig, heranzuziehen sein. 
Der Kustos des Münzen- und Antikenkabinetts am Joanneum, Dr. Richard 
Meli, gedenkt das Urkundenwesen in Steiermark zu untersuchen und die 
Ergebnisse in einer Anzahl kleinerer Aufsätze unter dem Titel „Studien 
zur Greschichte des Urkundenwesens in Steiermark^ niederzulegen. Er be- 
absichtigt von den Begriffen der „öffentlichen'' und der „Privat'^-Urkunde 
auszugehen und dieselben nach Erwägung der vorhandenen Begriffs- 
bestimmungen in diplomatischem und juristischem Sinne festzulegen. Daran 
soll sich zunächst eine Untersuchung über das Aufkommen der Siegel- 
urkunde und die Übergangsformen von der traditio zu letzteren anschließen. 
Dr. Viktor Thiel, Leiter des k. k. Statthalterei-Archives in Graz, legte ein 
ausführliches Programm über die Durchführung der Veröffentlichung von 
„Begesten zur Geschichte des landesfürstlichen Behördenwesens in Steier- 
mark, I, 1564 — 1625** vor. (L Organisation der laudesfürstlichen Hofhaltung 
und Verwaltung. 1564—1625. — U. Organisation der landesfürstlichen Ver- 
waltung. 1625 — 1709 [1749].) Die Wiedergabe der Quellen soll prinzipiell 
in Form von Regesten erfolgen; doch wird in allen Fällen, in welchen der 
Wortlaut der Oberlieferung von Bedeutung erscheint, eine teilweise oder 
vollständige Wiedergabe der Stücke nicht zu vermeiden sein. Das von 
A. Meli und V. Thiel vorbereitete Inventar der „Urbare und urbarialen 
Aufzeichnungen des landesfürstlichen Kammergutes in Steiermark. Nach 
den Beständen des steiermärkischen Landesarchives und des k. k. Statt- 
halterei-Archives in Graz'' wird im Laufe der ersten Monate des nächsten 
Jahres als XXV. Heft der „Veröffentlichungen'* herausgegeben werden. 
Als neues Unternehmen wird geplant eine Herausgabe von Quellen zur 
iteirischen Verfassungs- imd Verwaltungsgeschichte und zwar zunächst die 
Herausgabe der steirischen Landtagsakten. 

Archiv-Inventarisierungen. Auf dem Gebiete der archivalischen Vor- 
arbeiten wurde während der dritten Geschäfbsperiode der Landeskommission 
das Hauptaugenmerk auf die Ordnung und die Inventarisierung von Privat- 
Archiven gerichtet, während jene der Bestände des steiermärkischen Landes- 
archivs, welche für Einzelforschungen herangezogen werden mußten, vom 
Landesarchiv in eigenem Wirkungskreis besorgt wurden. Darüber geben 
die Jahresberichte des Landesarchivs (in den Gesamtberichten des steier- 
märkischen Landesmuseums am Joanneum) für die Jahre 1903 — 1907 genaue 
Aufschlüsse. Die Regesten zur Geschichte der Familien von Teufenbach 
gab A. Meli im XXI. Heft der „Veröffentlichungen^ heraus. Die Sammlung 



270 Nachrichten nnd Notizen I. 

von Urkunden- und Aktenauszügen zur Geschichte der Herren und Fm- 
herren von Pranckh (zusammengestellt von Oherst von Fackenhnber) 
wurde durchgesehen und teilweise redigiert. AbgeschlosBen ist die 
Durchsicht des fürstlich Schwarzenbergschen Archivs auf Schloß Mma 
bezüglich der auf das Haus der steirischen Familie Liechtenstein sich 
beziehenden Urkunden. Es liegt eine Sammlung von über 600 Urkunden- 
regesten vor, welche unter der Leitung J. Loserths der Hilfsarbeiter J. Stowt 
abgefaßt hat. Gleichfalls abgeschlossen ist die Liventarisierung der Be- 
stände des gräflich Herbersteinschen Archivs zu Graz (die Familien Eggen- 
berg und Herberstein betreffend). Ebenso durch J. Loserth die Inven- 
tarisierung des Archivs des Hauses Stubenberg, deren Ergebnis im 
XXn. Heft der „Veröffentlichungen'' niedergelegt ist. Desgleichen wurde 
die Inventarisierung der restlichen Bestände des alten Familien- nnd 
Herrschafbsarchivs der Herren, Freiherren und Grafen von Saurau in An- 
griff genommen. 

Personalien. Ernennungen und Beförderungen. Akademien: I>er 
0. Prof. der Rechtswissenschaft in Berlin Dr. Heinrich Brunner wurde 
zum auswärtigen Mitglied der Kgl. Akademie der Wissenschaften in Stock- 
holm ernannt. 

Universitäten und Technische Hochschulen: Der o. Prof. der deutschen 
Rechtsgeschichte Dr. H. Schreuer in Münster wurde nach Bonn und tt 
seine Stelle der o. Prof. Dr. Rudolf His in Königsberg berufen. Dv 
o. Prof. der Volkswirtschaftslehre Dr. Karl Diehl in Königsberg wurde 
nach Freiburg i. B. berufen. Der ao. Prof. des Kirchenrechts Dr. Knrl 
Böckenhoff an der katholisch-theologischen Fakultät in Straßburg wurde 
zum Ordinarius befördert. Der Professor der Staats Wissenschaften an der 
Posener Akademie Dr. Leopold von Wiese und Kaiserswaldau wurde 
an die Technische Hochschule in Hannover berufen. 

Der geistliche Rat Dr. J. Jungnitz in Breslau wurde zum o. Honoru* 
Professor der katholisch-theologischen Fakultät daselbst ernannt. 

Die Privatdozenten Dr. W. Kaufmann (Völkerrecht) in Berlin und 
Dr. Albert Hesse (Statistik und Finanzwissenschaft) in Halle wurden so 
ao. Professoren ernannt. 

Es habilitierten sich: Dr. Kurt Jahn (Neuere Literatur- und Kulta^ 
geschichte) in Halle, Dr. K. Haff (Deutsche Rechtsgeschichte) in Wün- 
bürg, Dr. C. Enders (Neuere deutsche Literaturgeschichte) in Bonn« Dr. 
Arnold Oskar Meyer (Mittlere und neuere Geschichte) und Dr. Manfred 
Laubert (Mittlere und neuere Geschichte), beide in Breslau. 

Archive, Bibliotheken und Museen: Der Direktor des Kgl. Kupferstieh- 
kabinetts Prof. Dr. J. Sponsel in Dresden wurde zum Direktor des Grünen 
Gewölbes, des Münzkabinettes und des Historischen Museunui emanni 

Der üniversitätsbibliothekar Dr. Oskar Maßlow in Bonn wurde nnn 
Oberbibliothekar befördert. 

Die Archivare Dr. H. v. Petersdorff am Staatsarchiv in Stet^ 
Dr. J. Kaufmann am Staatsarchiv in Danzig und Dr. G. Kupke •> 
Staatsarchiv zu Posen wurden zu Archivräten, die Archivaasistenten Or. 



Nachrichten and Notizen I. 271 

Grotefend und K. Enetsch in Marbuig, A. Egger b in Wiesbaden 
L M. Foltz in Danzig zu Archivaren ernannt. Der Archivassistent Dr. 
Reibstein in Düsseldorf wurde an das Staatsarchiv in Osnabrück 
setzt. 

TodesfUle. Kürzlich starb in Dresden im 74. Lebensjahr der Ehren- 
i»r der Leipziger Philosophischen Fakultät General d. Inf. z. D. Exzellenz 
rt V. Raab, erster Vorsitzender des KgL Sächsischen Altertumsvereins 
Dresden. Wir verdanken ihm eine Reihe von Studien und Arbeiten 
aentlich zur vogÜändischen Geschichte, so vor allem die Regesten zur 
8- und Familiengeschichte des Yogtlandes 2 Bde.; das Amt Pausa bis 

Erwerbung durch Kurfürst August von Sachsen 1669; das Amt Plauen 
Anfang des 16. Jahrhunderts und Schloß und Amt Yogtsberg bis Mitte 

16. Jahrhunderts. 

Am *21. Januar starb der Präfekt der Vatikanischen Bibliothek Dr. 
anz Ehrle, Ehrendoktor der Universitäten von Oxford, Münster und 
nbridge. Er war der langjährige Herausgeber des Archivs für Literatur- 
l Kirchengeschichte. Von seinen größeren Arbeiten seien hier nur er- 
tmt: Beiträge zur Geschichte und Reform der Armenpflege (1881); 
itoria bibliothecae Romanorum Pontificum tum Bonifatianae tum Avenio- 
ins tom. L (1890); Gli A£&eschi del Pinturicchio nell Appartamento 
rgia del Palazzo Apostolico Vaticano riprodotti (1897 mit E. Stevenson 
lg.); und die Ausgabe der Chronica Actitatorum des Martin de Alpartil 
. 1. (1906). 

Am 21. Januar starb Archivrat Dr. Louis Erhardt in Berlin, das 
igjährige Mitglied des Redaktionsausschusses der Historischen Zeitschrift, 
in Forschungsgebiet war die Frühgeschichte der europäischen Völker, 
tn seinen Schriften nennen wir: Kelten, Beiger und Germanen (1878); 
teste Germanische Staatenbildung (1879) und Entstehung der homerischen 
Mlichte (1894). Auch wir brachten im Jahrgang 1906 unserer Zeitschrift 
len Aufsatz aus seiner Feder: Die Einwanderung der Germanen in 
mtschland und die Ursitze der Indogermanen. 



Nea eingegangene Bflcher, soweit sie nicht in der Bibliographie zur 
ntschen Geschichte verzeichnet werden. Besprechung bleibt vorbehalten, 
enderson, B. W., Civil War and Rebellion in the Roman Empire 

A. D. 69—70. London, Macmillan and Co., 1908. 8 s. 6 d. 
eich, E., General history of westem nations from 6000 B. C. to 1900 A. D. 

I Antiquity Vol. I— H. London, Macmillan and Co., 1908. 16 s. 
abelon, E., La th^orie f^odale de la monnaie. (Extr. des M^m. de TAc. 

des Inscr. et Belles-Lettres tom. 38, 1). Paris, Klinckbieck, 1908. 8 fr. 
eliile, L., Le livre de Jean de Stavelot sur Saint Benoit. (Tirö des Not. 

et Extr. des mss. de la Bibl. Nat. tom. 39). Paris, Klincksieck, 1908. 2 fr. 
rou, M , Recueil des actes de Philippe I" roi de France (1069—1108) 

Paris, Klincksieck, 1908. SO fr. 
*gg«tt, Stuart, Raihroad Reorganization. Boston and New York, 

Hooghton Mifflin and Co., 1908. 2 $. 



272 Nachrichten und Notizen L 

SchybergBon, M. G., Henrik Gabriel Porthan D. I. Helsingfors 1908. 
Dittberner, W., Ibsos. Ein Beitrag zur Geschichte Alexanders des Großen. 

Beriin, G. Nanck, 1908. 3,60 M. 
Henning, W., Die Erinnerungen des Grafen Chaptal an Napoleon L 

Berlin, G. Nauck, 1908. 2,40 M. 
Grisar, H., Die römische Kapelle Sancta Sanctonun und ihr SchAii. 

Freiburg i. B., Herder, 1908. 10 M. 
Bastide, Gh., Bayle est-il Tautenr de Tavis auz r^fugi^s. Fontenay-anx- 

roses, 1908. 
Muckle, F., Henri de Saint-Simon. Jena, Fiecher, 1908. 8 M. 
Dahlgren, E. W., Yoyages fran9ai8 k destination de la Mer du Sud aviiit 

Bougainville (1696 — 1749). (Eztr. des Nouvelles Archives des MisaioDi 

Scientifiques 1. 14). Paris 1907. 
Macchioro, Y., Llmpero Romano neir etä dei Severi. (Eetr. dalla Bi? . 

di Stör. Ant.) Padova 1908. 
Moeller, E. y., Aymar du Rivail. Der erste Rechtshistoriker. (Hist. Stu- 
dien H. 66). Berlin, Ehering, 1907. 
Senn, F., L'Institution des Yidamies en France. Paris, Rouasean, 1907, 
Sägmüller, J. B., Die Bischofswahl bei Gratian. Köln 1908. 1,20 M. 
Gagnat, Les deux camps de la Legion HI* Auguste ä Lamb^ d'$ip^ 

les fouilles r^centes. (Extr. des M^m. de TAc. des Inscr. tom. 88,1) 

Paris, Elincksieck, 1908. 4 fir. 
Langlois, Ch. Y., Les papiers de Guillaume de Nogaret et de GuillaoiM 

de Plaisians au tr^sor des chartes. (Extr. des Not. et Extr. des mss. di 

la Bibl. Nat. tom. 39). Paris, Elincksieck, 1908. 2 fr. 
Halphen, L., et F. Lot, Recueil des actes de Lothaire et de Louii V. 

rois de France (964—987). Paris, Elincksieck, 1908. 16 fr. 
Heimelt, H. F., Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von OtImbl 

Bd. 1—2. Leipzig, Inselverlag, 1908. 12 M. 
Courteault, P., Blaise de Monluc historien. Paris, Picard, 1908. 1S& 



273 



Nachrichten und Notizen IL 

roten feit. Die Wertschätzung in der Geschichte. Eine kritische 
9uchung. Leipzig 1903, Veit & Co. VII und 227 S. 
h die Schuld des Ref. gelangt dies Buch hier verspätet zur An- 
>a inzwischen Grotenfelt in neuer Form das gleiche Thema be- 
hat (in seiner Schrift: „Geschichtliche Wertmaßstäbe in der Ge- 
•hilosophie bei Historikern und im Volksbewußtsein", Lpz. 1906, 
ibner) und zu diesen seinen neuen Äußerungen bereits namhafte 
(vgl. Eucken, Deutsche Literaturzeitung 1905, Nr. 46, Sp. 2762 f.; 
La notion de Waleur' en histoire, im Oktoberheft des Jahrgangs 1905 
e de synthäse historique; Ritschi, Theologische Literaturzeitung 1905, 
p. 525 f.) das Wort ergriffen haben, so hat es keinen Zweck, jetzt 
'ührlich bei dem ersten Buch zu verweilen. Das Verhältnis zwischen 
en Schriften will G. so aufgefaßt wissen, daß die zweite den Ge- 
uig der ersten weiter führt: während diese aus methodologischen 
)unkten die Frage erörtert, inwiefern eine Wertschätzung in der 
te unvermeidlich sei, behandelt die andere das Problem der ge- 
;hen Wertschätzung sachlich und inhaltlich. In der allgemeinen 
daß die Geschichte durch Wertgesichtspunkte abgegrenzt wird, 
leute weitaus die meisten Philosophen und Historiker G. beistimmen, 
der Auffassung im einzelnen gehen die Ansichten dann vielfach 
der. Dies zeigen z. B. neuerdings die Erörterungen von Rickerts 
ang „Geschichtsphilosophie" in der Festschrift für Euno Fischer 
ilosophie im Beginn des 20. Jahrhunderts", 2. Bd., S. 51 ff.), von 
bers „Kritischen Studien auf dem Gebiet der kulturwissenschaft- 
ogik" (Archiv für Sozialwissenschaft, Bd. 22, S. 143 ff.) und von 
heisen-Eöhlers Untersuchungen „über die Grenzen der naturwissen- 
ben Begriffsbildung** (in Jahrgang 1906 und 1907 des Archivs für 
ische Philosophie). ^ Rickerts Abhandlung ist soeben in neuer Auf- 
jhienen und hat auf die jüngsten Erörterungen über unser Problem 
enommen, welcher Umstand ims auch bestimmt, jetzt nicht näher 
Inhalt von G.s Buch einzugehen. 

len Artikeln, die X^nopol in der Deutschen Literaturzeitung 1906, 
-85 über den „Wertbegriff in der Geschichte" veröffentlicht hat, 
ch ein kleiner, aber verhängnisvoller Druckfehler, den aufzudecken 
}erflüssig ist, weil sonst die Stellung Rickerts in der Literatur- 
te unserer Frage ganz unrichtig bestimmt wird. Sp. 2188 (Nr. 35) 



gl. auch Deutsche Literaturzeitung 1907, Nr. 26, Sp. 1619 ff. 
r. TierteJ^almohrifk. 1908. 2. 19 



274 Nachrichten und Notizen II. 

liest man: „Was von Rickert nicht bemerkt wurde, ist, daß die Sache sich 
ganz anders in den Wissenschaften des Individuellen Terh&lt, da bei ihnen 
der inhaltliche Teil desto mehr zunimmt, je allgemeiner der Begriff wird.' 
Statt „von Rickert** muß es heißen: „vor Rickert". — Bei dieser Gelegen- 
heit sei auf den prächtigen Kommentar hingewiesen, den Rickert, die 
Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung S. 469 ff. zu Bankei 
Ausführungen über die Frage des Fortschritts in der Geschichte liefert.^ 

Nachschrift. Während des Druckes der vorstehenden Anzeige ist die 
2. Auflage von X^nopol's „Principes fondamentauz de Thistoire" unter dem 
Titel „La th^orie de Thistoire*' (Paris 1908) veröffentlicht worden. 

Freiburg i. B. G. v. Below. 

0. Böckel, Psychologie der Volksdichtung. 432 S. 8". Leipiig, 
B. G. Teubner 1906. Pr. 8 M. 

Daß das vorliegende Buch eine der bedeutenderen Leistungen auf dem 
Gebiete der Volksdichtung ist, unterliegt keinem Zweifel. Gewiß läßt neh 
an dem Werke mancherlei aussetzen: es ist eigentlich keine Psychologie 
der Volksdichtung, sondern handelt nur vom Wesen und Wandel des Volks- 
liedes, sein Verf. steht noch vielfach auf Herderschem Standpunkt, die wich- 
tigen Probleme über den Stil des Volksliedes werden kaum gestreift, Grenien 
zwischen der lyrischen und epischen Volksdichtung und ihrer Vortragsweiie 
werden nicht gezogen, verschiedene Auffassungen lassen sich schwerlich 
halten. Trotz alledem muß man anerkennen, daß das Volkslied noch nur- 
gends von so vielen Seiten und auf Grund eines gleich umfangreichen Mt- 
terials von der Volkspoesie aller Völker beleuchtet worden ist. Über die 
Bedeutung des Buches für die Volkskunde habe ich mich andernorts wo- 
gesprochei^; in einer historischen Zeitschrift ziemt es sich, einen Teil 
herauszugreifen, der die Bedeutung des Volksliedes für die Geschichte kkr 
legen soll. 

Der 18. Abschnitt handelt über das Verhältnis der Geschichte m 
Volksdichtung. Hier ist B. neue, selbständige Bahnen gewandelt, die wie 
ich vielleicht mancher andere nicht mit gehen mag. Er verhält sich dem 
Volksliede gegenüber als historische Quelle durchaus skeptisch, er spricbt 
dem Volke überhaupt allen geschichtlichen Sinn ab und meint, daß ^tf 
Volkslied für die Geschichte gar keine Bedeutung habe, da der Volkstradi- 
tion der Begriff der Kontinuität fehle, da die Ereignisse und Personen von 
Mythe, Sage und Legende erstickt und nicht selten Taten auf andere Pe^ 
sonen übertragen würden. Wenn auch in diesen Behauptungen ein Schein 
von Wahrheit liegt, so enthalten sie doch auch viel Unrichtiges. Zunächst: 
was versteht B. unter „geschichtlichem Sinn?'' Mag man die Worte als Sinn 
für geschichtliche Ereignisse oder als Sinn für geschichtliche Überlieferung 
auffassen, weder in dem einen noch in dem andern Falle kann ich B. recht 
geben. Für chronologische Zusammenhänge fehlt dem Volke der Sinn, iber 
nicht für geschichtliche Ereignisse, für geschichtliche Überlieferung. W* 



* Zu Grotenfelt S. 170 vgl. Histor. Ztschr. 99, S. 143 ff. und Gott. Gel Ani. 
1907, S. 408 ff., zu S. 209 Anm. 1 vgl. Ztschr. f. Sozialwissenschaft 1904, S. äOfilT. 



Nachrichten nnd Notizen 11. 275 

taae Anffasrang des Verh&ltnisseB von der Yolksdichtnng znr Geschichte 
Turzelt m. E. in der nicht ganz richtigen Anffassnng, die B. vom Volkslied 
n allgemeinen hat. Dieses ist seinem Ursprung nach der Reflex eines na- 
irlichen Gemüts, der durch die umgebende Natur oder Ereignisse, die das 
femüt bewegen, hervorgerufen worden ist. Denn jedes Volkslied kann nur 
iner Seele entquollen sein, nicht einer Gruppe von Individuen; darüber 
ind sich heute alle Forscher einig. Verfolgen wir von diesem Standpunkte 
US das geschichtliche Volkslied, so werden alle Angriffspunkte B.^s auf seinen 
eschichtlichen Wert verständlich. Ein historisches Volkslied entsteht fast 
urchweg unter dem direkten Eindrucke des geschichtlichen Ereignisses, 
(er Verf. hat an diesem teilgenommen, wie wir es oft aus den Schluß- 
krophen dieser Lieder hören. Er hat das Lied gesungen, die Genossen der 
emeinsamen Tat haben es ihm nachgesungen, und so ist sein Lied zum 
Tolkslied geworden. Nicht der Drang, historische Ereignisse zu besingen, 
ondem die Stimmung, die sein Laueres beherrscht, hat ihn zum Liede ge- 
rieben, die Stimmung, die ihm mit seinen Genossen gemeinsam gewesen 
sk, nnd durch die allein seine Worte auf au&ahmefähigen Boden fallen 
counten. Aus dieser Stimmung heraus, aber nicht aus Parteigetriebe, er- 
dftrt sich die Auffassung und Schilderung der Ereignisse. Besitzen wir 
ilso geschichtliche Volkslieder von Teilnehmern an den besungenen Ereig- 
nissen — und deren haben wir eine stattliche Anzahl — , so sind diese eine 
ganz vorzügliche geschichtliche Quelle, die uns ein lebendigeres Bild gibt 
als der oft sehr retouchierte Bericht der Chronisten. — Die Teilnehmer der 
Sieignisse sterben dahin, das Lied erhält sich. Ein folgendes Geschlecht 
«lerbt das Lied, Leute, die keinen Anteil an den Ereignissen und deshalb 
auch kein seelisches Interesse an diesen und an dem Liede gehabt haben. 
Erst unter diesen tritt der Wandel ein, dem auch lyrische Volkslieder unter- 
'voifen sind: jetzt erst ranken sich oft, aber nicht immer, Mythen, Sagen 
Md Legenden an den geschichtlichen Kern, und zuweilen werden die Taten 
eines verstorbenen Helden auf einen lebenden übertragen, von dessen Ruhm 
nun gehört hat. Also nur durch die Überlieferung kann das historische 
lÄed seinen geschichtlichen Wert verlieren, nicht aber darf man ihm diesen, 
^ et B. tut, von Haus aus absprechen. 

Leipzig. E. Mogk. 

-Alfred Philippson, Das Mittelmeergebiet, seine geographische und kul- 

tarelle Eigenart. Zweite Auflage. Mit 6 Figuren im Text, 18 Ansichten 

imd 10 Karten auf 15 Tafeln. Leipzig, B. G. Teubner 1907. X, 261 SS. 

Es ist kennzeichnend für einen pflichttreuen und mit voller Seele seinem 

«cnife ergebenen akademischen Lehrer, wenn die Gelegenheit eines Ferien- 

^^nof für Lehrerinnen (1900) ihm zum Anlaß wird für die Ausgestaltung 

^es dem besonderen Zwecke angepaßten und doch allgemeiner wichtigen 

^^ettstücks der Länderkxmde, das — gemeinverständlich und doch auf 

Jokern geistigen Niveau gehalten — mit durchschlagendem Erfolge an die 

Deutlichkeit treten kann und nach drei Jahren bereits eine zweite Auf- 

*^ erlebt. Verlockend war die Aufgabe, ein in vollem Gleichmaß ab- 

C'^^tunmtes Gesamtbild des Mittelmeergebietes, seiner Lage, des Baues, 

19 • 



276 Nachrichten und Notizen 11. 

seiner Meeresräume (physikalisch und biologisch), seiner Küsten, des Eümaa, 
der Oberflächengestalt und Bevölkerung der Länder, der Pflanzenwelt^ Faani 
und namentlich des Menschenlebens in vielseitiger Gestalt und Betätigung 
zu entwerfen. Aber sie gewinnt in der Hand dieses Schülers Ferdinands 
T. Richthofen, der seinen Meister mit der Widmnng dieses Werkes seiner 
dankbaren Verehrung versicherte, einen eigenen Beiz durch die vom erd- 
geschichtlichen Standpunkt beherrschte Fassung. Die Entstehung der 
Formen der Landoberfläche tritt in den Vordergrund; ihre Gliederung durch 
Faltungen und Brüche wird in so planvollem Zusammenhange verfolgt, daß 
für den Lernenden das Mittelmeergebiet zu einer Beispielsammlung der 
wichtigsten Erscheinungen der Geomorphologie wird. Aber unmittelbir 
gepaart mit der Oberflächengestalt gelangt ihre kulturgeographische Wirkung 
zur Würdigung, und hier liegt für den Historiker der besondere Wert diesei 
Buches. Nicht der alte abgegriflPene Hausrat halbwahrer Gemeinplätze über 
dies weltgeschichtlich fesselndste Gebiet, auch nicht die in manchen ht- 
rühmten Werken g^gen diese Gemeinplätze sich kehrende negative and 
schließlich unproduktive Kritik kommt hier zum Vorschein, sondern die 
aus lebensvoller eigener Anschauung erwachsene, von den frischen Augeo 
einer in aufmerksamer Beobachtung der Gegenwart erfahrenen und dock 
wirklich historisch gebildeten Forschers selbständig geübte Würdigung der 
Wirkungen der Landesnatur. 

Es liegt in dem wohlerwogenen Plane des Ganzen, wenn auf Quellen- 
und Litteratumachweise im Allgemeinen grundsätzlich verzichtet wird. Nor 
an einer Stelle mehren sich die Verweisungen etwas, bei der Beruhnmg 
der Frage einer Klimaänderimg der Mittelmeerländer in historischer Zeit 
Philippson neigt für den größten Teil des Mitteimeeres — nur seinen Süd- 
osten, die Nachbarschaft der syrischen und arabinchen Wüste nimmt er 
aus — zum Glauben an die Beständigkeit des Klimas seit dem Altextum. 
Ihn beunruhigt dabei nur Nissens Nachweis einer Verfrühung der Emteieü 
Italiens seit dem Altertum um einen Monat; das wäre allerdings ein schwo- 
wiegender Einwurf, wenn er sicher begrründet wäre. Wie zweifelhaft du 
aber ist, haben doch Olcks Nachprüfungen (N. Jhb. f. Phil. 136, 466-476) 
gezeigt. Vgl. auch Tommasi-Crudeli, Riflessioni sul clima di Roma antiet 
(Bull. Ist. Arch. E, 2, 1887). Die vortreffliche Ausstattung des Werkes mit 
wohlerwogenen Kartenskizzen und lehrreichen Abbildungen wird VerbreiftoDg 
und Wirkung des vortrefflichen Buches erhöhen. 

Leipzig. J. Parts eh. 

Fustel de Coulanges, Der antike Staat, übers, von Paul Weiß; nu* 
einem Begleitwort von Heinrich Schenk 1. Berlin u. Leipzig 1907- 
Fustel de Coulanges war einer der bedeutendsten und geistvollste 
historischen Denker Frankreichs, dessen Verdienst, soviel ich sehe, ^ 
Deutschland nicht immer nach Gebühr eingeschätzt ist; dies gilt besondeit 
für seine in den ^Nouvelles Eecherches sur quelques probUmes d^Mttotf* 
herausgegebenen Untersuchungen über das Eigentumsrecht bei den Griech®* 
Sein bekanntestes Werk ist die ^Cite antique\ welches seit 1864 in nicW 
weniger als 18 Auflagen erschien. Jetzt, recht yerspätet, hat ei ^ 



Nachrichten nnd Notizen IL 277 

deutsche Übersetzung erlebt, die sich ganz angenehm liest; wer den eigen- 
tümlichen Reiz, welchen Fustels Stil ausübt, auf sich wirken lassen will, 
wird fireilich lieber zum Original greifen. Die Bedeutung von Fustels ge- 
dankenreichem Buch besteht darin, daß er sich bemüht, die religiöse Grund- 
lage des antiken, griechischen und römischen, Staats aufzudecken; die 
Religion ist nach ihm das bildende Prinzip, sowohl für die Entstehung der 
Familie wie des Staats, und er sucht die Grundsätze des antiken Rechts 
und die Entwickelung der Gemeinde vorzüglich unter diesem Gesichts- 
punkte zu begreifen. Gegenüber der früheren rein politischen Auffassung 
ergibt dies einen entschiedenen Fortschritt; Fustel ist auch der Erste ge- 
wesen, welcher die Bedeutung des Toten- und Ahnenkultus erkannte — 
wie fruchtbar diese Einsicht wurde, ersieht man aus Erwin Rohdes klas- 
sischem Werk 'Psyche'. Es ist aber nicht zu leugnen, daß Fustel seine 
Ideen mit einer sozusagen grandiosen Einseitigkeit durchgeführt und ein 
einziges Prinzip der Erklärung für Erscheinungen bevorzugt hat, für welche 
noch viele andere Momente in Betracht kommen; so sehr es zu wünschen 
ist, daß alle kritisch urteilenden Freunde des Altertums sein Buch nicht 
imbeachtet lassen, so ist es mir doch zweifelhaft, ob es sich bei seiner 
ausgeprägten Eigenart als Lektüre für ein größeres Publikum eignet. Wie 
Terschieden von ihm man jetzt über die Entstehung des Staates denkt, 
dafor sind die jüngsten Ausführungen Eduard Meyers in den Sitzungs- 
Berichten der Berliner Akademie von 1907 der beste Beweis. Trotzdem 
ist zu betonen, daß Fustel de Goulanges mit seinem Werk Bedeutendes für 
ein vertieftes Verständnis des antiken öffentlichen Lebens geleistet hat. 
Prag. Heinrich Swoboda. 

Paul Legendre, ^tudes Tironiennes, Paris 1907 (Biblioth^que des 
Hiotes-ftudea, Heft 166) bespricht und ediert einen sehr stark mit Tironischen 
Noten durchsetzten Kommentar zur VI. Ekloge Virgils aus dem Cod. 13 der 
Bibliothek zu Chartres, dessen eine Seite in einem schönen Lichtdruck- 
Faksimile wiedergegeben wird. Von allgemeinerem Interesse und bedeu- 
tendem Nutzen ist die Zusammenstellung von Handschriften mit Tironischen 
Noten (S.51 — 67), die er in Lexica, Psalterhandschriften, Fragmente, Glossen 
^d BÜbentachygraphische Aufiseichnungen scheidet. Relative Vollständig- 
keit iat hier mit anerkeunenswertem Sammelfleiß erstrebt, aber so wenig 
^nreicht, wie bei der daran sich schließenden Aufzählung der den Tiro- 
^hen Noten gewidmeten Spezialliteratur. 

In diesem Zusammenhang sei auf die kurze Mitteilung von Ferd. Rueß, 
Ludwig Traubes Exzerpte über Tironische Noten, Arch. f. Stenographie 68, 
1907, 289 — 292 verwiesen, die bei dem regen und in den letzten Jahren 
*^eh noch steigernden Interesse, das Traube diesem Sondergebiete entgegen- 
i^bte, durch die Dürftigkeit der Nachlese enttäuscht, durch den Hinweis 
^ ein „Verzeichnis von Tironischen Handschriften^*, das Traube hinterließ 
(S. %^i\ aber hochgespannte Erwartungen erregt, die so lange unerfüllt bleiben 
Gössen, als sich Rueß nicht auch zur Veröffentlichung dieses Verzeichnisses 
^^hließt, um die er hierdurch im Interesse der Sache freundlich gebeten sei. 

Beriin. M. TangL 



278 Nachrichten und Notizen ü. 

Marguerite Bondois, La translation des Saints Marcellin et Pierre. 
Paris, Champion 1907. (XVI und 116 S.) 

Das Büchlein ist als 160. Heft der ßiblioth^ne de T^cole des haates 
ätudes erschienen und bezeichnet sich als eine Studie über Einhard and 
sein politisches Leben von 827 bis 834. Die Verfasserin hat sich mit großer 
Gründlichkeit in die Quellen vertieft, hat es sich aber auch nicht versagen 
können, mit ihrer Gelehrsamkeit ein wenig überflüssigen Prunk zu treiben. 
Davon zeugt nicht nur das 6 Seiten lange Verzeichnis der benutzten Quellen 
und Hilfsmittel, sondern auch die Breite der Darstellung und die Menge 
der Anmerkungen, welche da, wo sie Bekanntes vortriLgt, unnötig erscheint, 
während man zuweilen gerade da, wo sie eine eigene Meinung aufstellt, 
eine genauere Begründung oder den Wortlaut der entsprechenden Quelle 
vermißt. Da sie, wie zahlreiche falsch angegebene Seitenzahlen beweisen, 
mein Schriftchen über Einhard nicht dauernd zur Hand gehabt hat, ist es 
ihr mitunter auch begegnet, daß sie eine Ansicht als die meinige bek&mpit, 
die ich nicht vertreten habe, oder etwas als eigene Beobachtung gibt, wai 
ich auch schon gesagt habe. In Betreff der Kirchen von Seligenstadt htt 
sie Hampe und mich völlig mißverstanden. 

Mit Dank anzuerkennen ist der Nachweis, daß die Passio martyram 
Marcellini et Petri in Versen nicht von Einhard verfaßt sein kaim, weil die 
römische Tradition, auf der sie beruht, erst nach der Mitte des 9. Jahrfa. 
entstanden ist. Dankenswert ist auch der Hinweis, daß die beiden entai 
Bücher der Translatio, für sich betrachtet, schon im Jahre 828 verfaßt lo 
sein scheinen, und daß das dritte und vierte 880/31 geschrieben, die vier 
letzten Kapitel aber erst 834 hinzugefügt sind; doch wird die dieser Auf- 
fassung entgegenstehende Stelle des 1. Kapitels dadurch, daß man ne 
ignoriert, nicht aus der Welt geschafft. Richtig ist auch, daß die Zuge- 
hörigkeit des Briefes 71, in welchem Einhard um seine Entlassung aus den 
Hofdienste bittet, zum Jahre 830 nicht sicher erweislich ist; daß er ab« 
durchaus später geschrieben sein müsse, und daß Einhard die Briefe 19-81 
im Jahre 832 im Namen des Kaisers geschrieben habe, darf man nicbi 
einfach als selbstverständlich annehmen. 

Berlin. F. Kurze. 

Die Stadtrechte von Freiburg im Cechtland und Arconciel- 
lllens, herausgegeben von Richard Zehntbauer. Innshracki 
Wagnersche üniversitätsbuchhandlung 1906. XXXV und 169 S. 
Der Inhalt der kürzlich aufgefundenen Handfeste von Arcondel-IU«* 
vom 1. Juni 1271 stammt wie derjenige mehrerer um dieselbe Zeit eniitaD- 
dener Stadtrechte fast vollständig aus Freiburg im Uechtland. Die Ab- 
weichungen von der dortigen Handfeste von 1249 sind vorwiegend redak- 
tioneller Art. Zehntbauers Edition des Freiburger Stadtrechts tritt ^ 
Vorgängern gegenüber sehr anspruchsvoll auf; trotzdem ist festgeitelH 
worden , daß seine Texte sehr mangelhaft sind , siehe Stutz , Zeitschiift ^ 
Rechtsgeschichte, Germ. Abt. XXVIU S. 568. Durch größere Über- ! 
sichtlichkeit und bessere Interpunktion zeichnet sich die neue Edition 
des Freiburger Rechts immerhin auch vor Lehrs „La Handfeste de FO" 



Nachrichten und Notizen IL 279 

3iirg dans rUechtland^ aus. Verweisungen auf Lehrs Artikeleinteilung 
ären mit Racksicht auf die von diesem gebotenen Übersetzungen und Er- 
.uterungen erwünscht gewesen. In art. 158 des Rechts Ton Arconciel- 
lens, dem einzigen, der in der Freiburger Handfeste fehlt, ist, wie schon 
m anderer Seite bemerkt worden ist, das Wort emmigos aus einungos 
itstellt. Diese uniones (einungri) sind Statuten, nicht „Bündnisse **. Offen- 
IT stammt auch dieser Artikel, den die Aarberger Handfeste in anderer 
usung enth&lt, aus Freiburg. Der Herausgeber fügt noch andere die 
errschaft Arconciel-Illens betreffende Urkunden bei. Mit dem Orts-, Per- 
»nen- und Sachregister (S. 147 — 154) wären die in den Fußnoten gegebenen 
Torterklärungen besser Terschmolzen worden. 

Die Einleitung unterrichtet uns eingehend über die Handschriften, die 
oreditionen und über die Ortsgeschichte von Arconciel und lUens. Diese 
siden Burgen und kleinen Ortschaften liegen oberhalb Freiburgs an der 
kane einander gegenüber. Bei ersterer Burg ist ein noch 1386 be- 
«hendes Städtchen entstanden, welches aber schon vor 1441 von den 
•e wohnern verlassen wurde. 

Die Einleitung hätte starke Kürzungen vertragen; z. B. sind die meisten 
rörtlichen Zitate überflüssig. Dagegen hat Zehntbauer die Yerschieden- 
leiten der beiden Stadtrechtstezte nicht hinreichend erklärt. Es ist ihm 
ntgangen, daß derjenige von Arconciel-Illens vielfach mit Freiburger 
Tochterrechten, besonders dem von Büren, mehr als mit der Freiburger 
Huidfeste übereinstimmt. 

Die Stadtrechte von Arconciel-Illens, Büren, Burgdorf, Erlach und Thun, 
wahrscheinlich auch dasjenige Aarbergs, gehen nicht oder wenigstens nicht 
UBücliließlich auf den Text der Freiburger Handfeste zurück, obwohl sie 
Amtlich nach 1249 gegeben sind und eine dieser Handfeste sehr ähnliche 
Textgestaltung aufweisen. Ich führe nur das wichtigste Argument an. 
Dm Recht von Arconciel-Illens wiederholt art. 68 und 102 der Freiburger 
Handfeste nach art. 151 bzw. 146, ebenso an gleicher Stelle das Recht von 
^n. Dagegen enthalten die Handfesten von Thun, Burgdorf und Erlach 
^ese Artikel nur einmal und zwar an den zuletzt genannten Stellen. In 
der Handfeste von Thun, der diejenige Burgdorfs an den betreffenden Stellen 
teilweise entspricht, weicht noch die Reihenfolge einer größeren Zahl an- 
^r Artikel, die meist das Gewerberecht betreffen, von der Freiburger 
Handfeste ab; vergleiche auch die Tabelle bei Lehr a. a. 0. S. 11 ff. Durch- 
weg ist die Thuner Anordnung als die ursprüngliche zu erkennen, die Frei- 
^er aber durch das Bestreben hervorgerufen, inhaltlich zusammengehörige 
^itikel zusammenzustellen. Wahrscheinlich ist das Rätsel so zu lösen, daß 
^e ältere Handschrift des Stadtrechts neben der sachlich wenig ab- 
gehenden Handfeste in Freibarg weiter benutzt wurde und, später nach 
^r Handfeste korrigiert, als Vorlage für die Tochterrechte diente. Aus der 
*odage scheint der unzutreffende Ausdruck volumen im Eingang der Frei- 
^^r Handfeste zu stammen. 

Ober-Stephansdorf. Heinrich von Loesch. 



280 Nachrichten nnd Notizen IL 

Rudolf Brieger, Die Herrschaft Rappoltstein , ihre Entstehung und 
Entwicklung. (Beiträge zur Landes- und Yolkeskunde von Elsafi- 
Lothringen, Heft XXXl.) Straßburg, J. H. Ed. Heits 1907. 
78 Seiten. 

In der Erörterung über die Bestimmungen des Westfälischen Friedent, 
die die Abtretungen des Reiches an Frankreich betreffen, spielt die Fra^ 
nach der staatsrechtlichen Stellung der Herrschaft Rappoltstein eine er- 
hebliche Rolle; denn davon, ob Rappoltstein als Reichsstand oder aber ah 
österreichischer Landstand angesehen wird, hängt die Beantwortong der 
Frage ab, ob die Herrschaft 1648 abgetreten worden ist oder nicht Die 
Ansichten der Forscher gehen auseinander; es lohnte sich also der Mähe, 
das Verhältnis der Herrschaft zum Reiche und zu Osterreich einmal grand- 
lich zu prüfen, und das hat Brieger untemonmien. Zu diesem Zwecke 
hat er auf Grund der Quellen, besonders auf Grund des von dem leidem 
früh verstorbenen Karl Albrecht herausgegebenen Rappoltsteinischen 
Urkundenbuchs, und gestützt auf die, wenn auch ungleich gearbeitete, so 
doch im ganzen sehr brauchbare im elsaß-lothringischen Ministerium be- 
arbeitete Ortsbeschreibung des Reichslandes Elsaß-Lothringen, die sämt- 
lichen Rappoltsteinischen Güter auf die Art ihrer Erwerbung und die Be- 
schaffenheit des Herrschaftsyerhältnisses hin untersucht, eine recht müh^ 
YoUe Arbeit, die, wenn auch manche Ausstellungen zu machen sind, im 
ganzen mit Erfolg durchgeführt worden ist. Das Ergebnis ist, daß sack 
die Rappoltsteinischen Herrschaftsrechte, die teilweise sogar die hohe 
Gerichtsbarkeit umfaßten, verschiedenartigster Entstehung und Qnalittt 
gewesen sind, und daß die territoriale Grewalt, wo sie sich ausbildete, sieh 
auf Grund hoheitlicher, nicht grundherrlicher Rechte entwickelt hat Der 
größte Teil Rappoltsteins ist zweifellos stets im Verbände der den Habi- 
burgem zustehenden Landgrafschaft gewesen und deshalb 1648 mit dieier 
an Frankreich abgetreten worden. Trotzdem waren die Rappoltsteiner im 
16. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, wie Albiecht 
und ähnlich auch Reuß behauptet haben, „reichsfrei, reichsunmittelbar 
und reichsständisch'', weil in dieser Zeit das persönliche StandesveiiiSltDi« 
für die Teilnahme am Reichstage noch maßgebend war. Erst um die IGtte 
des 16. Jahrh. gelang es dem Hause Habsburg auf Grund seiner landgiif- 
lichen Rechte, die Rappoltsteiner endgiltig zu einem österreichischen Land- 
stande herabzudrücken. Diese Tatsache Ton neuem, und zwar unnmstdfilieh 
festgestellt zu haben, ist das Verdienst der Arbeit, dem gegenüber die 
kleineren Mängel nicht allzuschwer ins Gewicht fallen. Es sind ninüieh 
nicht nur einige nicht ganz unwesentliche Druckfehler stehen gebliebeOt 
sondern der Verfasser hat auch bei der Feststellung der örtlichkeiten, die 
doch in lokalgeschichtlichen Untersuchungen von erheblicher Wichtigk««* 
ist, nicht immer das Richtige getroffen. Eine Stelle bei Renß, L'Alsaoe to 
17^ siöcle, I, S. 499 (ils se räsignärent ä ^changer) und der mittelhoch- 
deutsche Text der Teilungsurkunde von 1298 („ane" ist hier mehrfiuh •* 
„ohne", „ginhalp waldes" bedeutet Jenseits der Vogesen") ist von ih» 
mißverstanden worden. 

E. V. Borriei. 



u 



Nachrichten und Notizen U. 281 

Beres, AI., Der Mißbrauch der geistlichen Amtsgewalt. Eine historisch- 
dogrmatische Untersuchung über die durch das Wesen des Staats be- 
dingten Grenzen der kirchlichen Gewali. München 1907. 
Von diesem in fünf Bücher eingeteilten Werke liegt hier das erste 
Buch Tor (86 Druckseiten). Der Verfasser will vor allen Dingen das unter 
den Bezeichnungen recursus ad principem oder appellatio ab abusu be- 
kannte Institut historisch und dogmatisch ergründen. Das vorliegende erste 
Buch bietet ,,Die Grundlagen der Beschwerde wegen kirchlichen Amtsmiß- 
brauches im mittelalterlichen Deutschland^*. — Wir besaßen bisher über 
diesen Gegenstand vor allem die grundlegenden Arbeiten von Friedberg, 
dem es allerdings darin hauptsächlich darauf angekommen war, das Insti- 
tut im Rahmen der allgemeinen kirchenpolitischen Entwicklung zu werten. 
Schon aus diesem Grunde und wegen der Fülle des inzwischen zutage ge- 
tretenen Quellenmaterials und der rechtshistorischen Einzeluntersuchungen 
(zur Literaturangabe S. 11, Anm. 2 ist nachzutragen: Cagnac, De Tappel 
comme d'abus dans Tancien droit fran9ais. Paris 1906) ergibt sich die Dank- 
barkeit erneuter Behandlung. Anerkennenswert ist, daß der Verf. im Gegen- 
sätze zu der Schrift von Eichmann das positive Bechtsmaterial nicht bloß 
für sich isoliert vortragen, sondern „durch eine systematisch-kritische Dar- 
stellung des Zusammenhanges mit dem jeweiligen geltenden Gesamtrecht 
und durch Herausschälung der geschichtlichen Entwicklungstendenz^' dem 
lusiorischen und legislativen Stoff gerecht werden will. Das ist sehr 
dankenswert, stellt aber auch eine so große Aufgabe an den Verfasser, daß 
es abzuwarten bleibt, in welchem Umfange sie von ihm gelöst werden 
wird. Wenn der Verf. den Ausdruck recursus oder appellatio ab abusu bloß 
bei Verletzung kirchlicher Normen, den Ausdruck recursus ad principem 
digegen allgemein für beide Fälle des Rekurses angewendet sehen will, so 
ist damit, zumal gegenüber der geltenden Praxis, nicht viel gewonnen. Auf 
Einzelheiten, die zu Beanstandungen Anlaß gäben, soll hier nicht einge- 
gangen werden. Der Verf. hat seine Aufgabe mit wissenschaftlichem Ernst 
uigepackt und nach der ersten Probe seines Fleißes und seiner Gelehrsam- 
^t kann den folgenden Lieferungen, auf welche eine Gesamt-Übersicht be- 
reits verweist, mit Interesse entgegengesehen werden. 

E. Schling. 

K- Hoede, Die sächsischen Bolande. Beiträge aus Zerbster Quellen zur 
Erkenntnis der Gerichtswahrzeichen. Mit Abb. im Text und einer 
Heliogravüre. Zerbst, E. Luppe (E. Boremski) 1906. 105 S. 
So eifrig in den letzten Jahren die Frage nach der ursprünglichen Be- 
deutung der Rolandssäulen behandelt worden ist — man denke an Sello, 
^ Platen, an Bietschel, Heck und Stein, an Heldmann und Jostes — , daß 
^e vorliegende Schrift sich ihren Vorgängerinnen in jeder Hinsicht eben- 
bürtig anschlösse, wird man nicht behaupten dürfen. Bedenken erweckt 
^ Anordnung, die es dem Verfasser erlaubt vom Boland und manch* 
^i^deren Dingen zu reden, des weiteren die Methode der Darlegungen, die 
^elfach Behauptungen aufstellen anstatt Beweise zu erbringen. Wir wollen 
deshalb den etwas krausen Inhalt des Büchleins nicht vor dem Leser aus- 



282 Nachrichten und Notizen IL 

breiten; es genüge der Hinweis auf einige der Hauptsätze, die H. einfügt 
zwischen einer ausführlichen Geschichte des Zerbster Rolands und nament- 
lich seiner Wiederherstellung in den vierziger Jahren (fte 19. Jahrhunderti 
und andererseits mehreren Kapiteln über die Beziehungen der Rolande znr 
Gerichtsbarkeit, ihren Formenreichtum, ihre Heimat und Herkunft. „Die 
Rolande sind*^, so heißt es S. 73 f., „Malzeichen der echten Dingstatt der 
Sachsen gewesen.'' „Roland ist ein Deckname des alten sächsischen Ge- 
richtsbildes.'' „In der Bremer Schild Umschrift heifit stede nicht ^Stadt\ 
sondern 'Stätte' (Dingstatt). '^ „In ihrer Gestaltung sind die Rolande deo 
Siegelbildem der Fehmgrafen ähnlich.*' „Sinnbilder, Inschriften und Be- 
ziehungen zur Stadtgeschichte offenbaren die Rolande als Wahrzeichen der 
Gerichtsbarkeit.'' „Mit den Steinrolanden ist die Entwicklung der säch- 
sischen Malzeichen abgeschlossen. Sie waren fast überall Wahrzeichen 
städtischer Freiheiten geworden." „Das letzte Ziel der Rolandforsehmig 
liegt auf mythologischem Gebiet." Man sieht, H. sucht die Anschauungen 
Rietschels zu verbinden mit denen Platens, als sei nicht des letzteren my- 
thologische Erklärung ebenso einstimmig abgelehnt worden wie die Königs- 
bildertheorie Sellos; die Hypothesen von Heldmann und Jostes werden 
kurzerhand bei Seite geschoben, ohne daß sich der Verfasser sonderliche 
Mühe gegeben hätte, ihnen gerecht zu werden. Die Rolandforschung bedarf 
der Unterstützung durch die lokale Geschichtschreibung, aber diese würde 
ihre Beiträge ergebnisreicher gestalten, breitete sie nur Material aus, sobald 
sie nicht gleichzeitig versteht, es zu sichten und zu gruppieren. Kein 
Zweifel, H.s Schrift ist eingegeben von warmer Begeisterung für den Gegen- 
stand, und nur deshalb urteilen wir so hart über sie, weil auch und gerade 
in der Beschränkung sich der Meister hätte offenbaren können. Am beeten 
freilich wäre es nachgerade, käme das Rolandproblem einmal für längere 
Zeit zur Ruhe — , nur dürfte wenig Aussicht dafür vorhanden sein, da seit- 
her wieder die absonderliche Hypothese von F. E. Mann auf dem Flu 
erschienen ist, nach welcher die Rolandsbilder den Helden in durchaai 
epischer Auffassung darstellen, als Knappen bei der Ritterweihe; sie seien 
errichtet worden, um als Vorbilder (warum nicht als Reklamebilder?) ßr 
junge Fürsten und Herren zu dienen, die der Deutsche Orden zu Ereiu- 
fahrten nach Preußen gewinnen wollte (Beilage zum Jahresbericht dee 
Friedrich -Wilhelms -Gymnasiums zu Posen 1906). Sollte der Kreis der 
möglichen Deutungen noch nicht erschöpft sein, nachdem man jüngst im 
aufgeklärten Berlin den Roland als die Figur des Donnergottes bezeichnet 
hat? Wir fürchten, leider nicht. 

Königsberg i. Pr. A. Werminghoff. 

Das zweite Stralsundische Stadtbuch (1810—1842). Herausgegeben 
vom Rügisch-Pommerschen Geschichtsverein zu Greifswald und Stralsund. 
Im Anschluß an den von Chr. Reuter, P. Lietz und 0. Wehner veröffent- 
lichten ersten Teil bearbeitet von Robert Ebeling, Stadtarchivar m 
Stralsund. Stralsund, Kgl. Regierungsbuchdruckerei, 1908. VIII, Wl S. 
Das älteste Stralsunder Stadtbuch, herausgegeben 1870 von F. Fabricini, 

war 1270—1310 für städtische Geschäfte aller Art geführt worden. D»b"i 



I 



Nachrichten und Notizen 11. 283 

nnter dem Stadtschreiber Joh. KusBelin legte man besondere Bücher an für 
das Rechnungswesen, für die Yerfestungen (herausg. von 0. Francke 1876: 
Hans. Geschichtsqnellen I.) und eins für das Übrige. Dieses zweite allge- 
meine Stadtbnch zerfällt wieder in einen Liber de hereditatnm obligacione 
(Nr. 1 — 1644: heransg. 1896 wie oben, jedoch jetzt wiederholt), den Liber 
de hereditatum resignacione (Nr. 1646 — 3614) und den Liber de arbitrio 
consulum et eorum specialibus negociis (Nr. 8616—3721). Der Inhalt dieses 
letzten Teiles ist zu mannigfaltig, als daß hier näher darauf eingegangen 
werden könnte. Durchsieht man dagegen die häufig durch viele Nummern 
hintereinander gleichförmigen Eintragungen der ersten beiden Abteilungen, 
80 kann man die Frage nicht unterdrücken, ob nicht der Versuch gemacht 
werden könnte, dergleichen sofort in tabellarischer Form zu veröffentlichen, 
nur die von der Durthschnittsform abweichenden Eintragungen aber im 
Wortlaut. Doch mögen die Schwierigkeiten wohl recht große sein. Jeden- 
falls hat der Herausgeber alles getan, den Stoff durch ein Personen- und 
Ortsregister, ein topographisches Register, eins der Stände und Gewerbe 
und ein Sach- und Wortregister der Benutzung möglichst zugänglich zu 
machen. Übrigens sind auch die beiden ersten Abteilungen nicht nur für 
die Rechtsgeschichte von Belang, sondern auch für die Geschichte des 
Städtebaus und mancher anderen Verhältnisse. Die Sprache ist mit ver- 
schwindenden Ausnahmen Latein. Dem Herausgeber, den Stralsunder Be- 
hörden und dem Rüg^sch-Pommerschen Geschichtsverein ist die Geschichts- 
wissenschaft für das Werk zu aufrichtigem Dank verpflichtet. Eine 
aasfohrliche Besprechung hat mit gewohnter Gründlichkeit und Sach- 
iLenntnis der leider inzwischen verstorbene Karl Koppmann geliefert: 
Hans. Geschichtsblätter 1904 S. 166 — 168, die auch einige Verbesserungen 
liefert. 

Jena. F. Keutgen. 

Liz. Dr. Heinrich Hermelink, Privatdozent in Leipzig, Die theologische 
Fakultät in Tübingen vor der Reformation, 1477—1534. Tübingen 1906 
iJ. C. B. Mohr). 

Die gehaltvolle Schrift Hermelinks, die aus des Verfassers Arbeiten zur 
Mtion der Tübinger üniversitätsmatrikeln erwachsen ist, verbindet infolge- 
<iesgen mit der Beherrschung der allgemeinen Fragen ein gründliches Stu- 
<Üiuii der lokalen Verhältnisse und ihrer Quellen. Der erste Abschnitt, der 
^e änßere Geschichte der Fakultät bis zur Reformation behandelt, gibt zu- 
^hst eine kurze Skizze der nicht ganz einfachen Gründungsgeschichte 
<ier Universität, um dadurch die Beziehungen der Theologen zum Georgenstift 
^d zur Pfarrei verständlich zu machen, und geht dann weiter zur Schil- 
derung der inneren Organisation der Fakultät, des Studiengangs und ihres 
Verhältnisses zu den übrigen Fakultäten. Von der Erwägung aus, daß die 
Geologischen Fakultäten mit ihrem ausgesprochen kirchlichen Charakter 
^ Rahmen der mittelalterlichen Universitäten keine Sonderstellung ein- 
'^^en, gelangt dann H. dazu, die Stellung der Universitäten zu Staat und 
^ehe gründlich zu untersuchen, mit dem Ergebnis, daß im Gegensatz zu 
Oeorg Kaufmann, aber wie mir scheint mit zureichenden Gründen, die 



284 Nachrichten und Notizen IL 

Universitäten wieder mehr als kirchliche Anstalten in Ansprach genommen 
werden. * 

Der zweite Abschnitt, „die in Tübingen gelehrte Theologie", handelt 
auf gnind der über die einzelnen Lehrer noch festzustellenden Personalien, 
ihrer Schriften und sonstiger Zeugnisse von den am Ende des Mittelalten 
ringenden Richtungen, via modema, via antiqua, Humanismus. An der 
Hand des von einer einzelnen Universität gebotenen Materials eifahien 
unsere bisherigen Kenntnisse von diesen Dingen mannigfache Berichtigong 
und Vertiefung; der Hinweis auf die Wege, die von da zu den Reforma- 
toren weiterführen, macht diese Untersuchungen noch ganz besonders wert- 
voll. Mag es dabei auch auf dem noch wenig geebneten Wege nach MaS- 
gäbe der vorhandenen Quellen nicht immer zu völlig abschließenden £^ 
gebnissen kommen, so ist die Schrift doch schon infolge der Schärfe, mü 
der die Fragestellungen erfaßt sind, und infolge der Kraft, mit der an iknr 
Lösung gearbeitet wird, ein sehr verdienstlicher Beitrag zur Kenntnis der 
vorreformatorischen Theologie, die, wie der Streit um Denifle gezeigt h^ 
eine derartige Förderung durch einzelne Monographien sehr wohl braucben 
kann. 

Stuttgart. Viktor Ernsi 

Das dritte Heft der Mitteilungen des K. u. K. Heeresmnseami 
in Wien (C. Konegen, 1907) bringt Beiträge zur Geschichte der Lands- 
knechte von W. Erben. Unter Hinweis auf den bekannten unkritisebei 
Charakter der Hauptquellen, der Werke des Feldgerichtsschultheiß« 
Fronsperger, die zudem erst der Mitte des 16. Jahrhunderts angehören, 
betont er mit Recht die Notwendigkeit, die Quellen der Entstehungsieii 
der Truppe zu sammeln, über welche er bereits lehrreiche Untersuchmigen 
angestellt hat. ' An solchen Quellen bietet er fünf Kriegsordnungen tob 
1499 bis 1522 in sorgfältiger Edition aus dem Münchener Reichsazchir 
und den Bibliotheken zu Karlsruhe und Gotha. Taktische Ausbildung nnd 
gewisse disciplinarische imd ethische Forderungen treten uns bereitB ils 
etwas Festgewordenes in starker Übereinstimmung entgegen. — Einen in- 
direkten Beitrag zur Geschichte des Söldnertums gibt F. Berger in einer 
Episode der Tiroler Landesverteidigung 1610. Das Landesaufgebot för da 
Venedigerkrieg hatte nach dem abgedruckten Bericht der Musterungi- 
kommission ein so wenig befriedigendes Resultat ergeben, daß Maximilitf 
die Geldablösung vorzog. — Die Erinnerungen eines österreichischen Of- 
fiziers aus dem mexikanischen Feldzuge 1864 — 67 werden als unmitfa^ 
barstes Zeugnis über wenig bekannte Ereignisse manchem von IntereiM 
sein, besonders durch die unterrichtende Einleitung von Ottokar Weber. 

G. Liebe. 

^ Vgl. dazu wieder Kaufmanns Äußerung, Deutsche Literaturzeitonj^ 
1906 Sp. 2818. 

' Mitteilungen des Instituts f. österr. Geschichtsforschung, Erg^nznn^ 
band VI, vgl« auch Laux, Ursprung der Landsknechte in Zeitechr. ^ 
Kulturgesch. 1901. 



Nachrichten und Notizen H. 285 

lalkoff, Ablaß und Reliquienverehrang an der Schloßkirche zu 
ienberg unter Friedrich dem Weisen. Gotha 1907. Friedrich An- 
B Perthes Aktiengesellschaft. S^. V und 116 S. 
kdem J. Eöstlin vor anderthalb Jahrzehnten seine Festschrift „Fried- 
r Weise und die Schloßkirche zu Wittenberg" herausgab, ist eine 
euen einschlagenden Stoffs yeröffentlicht worden. Erinnert sei nur 
3chultes Fugger in Rom (Leipzig 1904). Auch der bewährte Ver- 
es vorliegenden prächtigen Heftchens hat aus dem Ergebnisse seiner 
ngen über Luthers römischen Prozeß manches beigesteuert. Hier 
sht er durch eine Reihe wertvoller Aktenstücke, die aus dem immer 
ergiebigen Weimar und aus Rom stammen. Von ersteren sei die 
) erwähnt, die Propst Henning Goede, Dechant Lorenz Schlamau und 
pitel zu Wittenberg an den Kurfürsten richteten, als er sie auf- 
, an einen seiner Räte eine beträchtliche Auslese von Reliquien ab- 
i; von den römischen Urkunden u. a. das Begleitschreiben zu dem 
hen Licentiatorium für den kaiserlichen Hoftheologen und Großalmo- 
?edro Ruiz de la Mota, als dieser bei Gelegenheit des zweimaligen 
Alts Karls Y. in Köln für spanische Kirchen etwas von den über- 

Reliquienschätzen der rheinischen Metropole zu erlangen suchte, 
sonderer Wichtigkeit aber ist die gründliche und methodisch fes- 
Behandlung, die der Verfasser der neuerdings verschieden beurteilten 
} des Kurfürsien zur Reliquienverehrung, wie zur alten Kirche einer- 
id der von Luther veranlaßten Reformbewegung andererseits zuteil 

läßt. Nachdem in der Einleitung ein Überblick über die oft sehr 
lende Erörterung der Frage geboten worden ist, werden die einzelnen 
!n und Wendepunkte sorgföltig besprochen. Herausgehoben seien 
ipiele die Ausführungen über den „Gegensatz zwischen der erstarken- 
rritorialhoheit und der kirchlichen Gerichtsbarkeit", die fromme Ge- 
angst und das Pflichtbewußtsein des Landesherm (S. 46 ff.) und seine 
!rte Anschauung von der Bedeutung der Reliquien (S. 60). Verfasser 

zu dem Schlüsse (S. 92 f.): „Sein (des Kurfürsten) Eintreten für 

Sache, das seinen weltgeschichtlichen Folgen nach nie unterschätzt 

konnte, war also nicht nur weit planmäßiger, entschiedener, um- 
er und mutiger, als neuerdings angenommen wurde, sondern auch 

tiefer begründet und sein Verhältnis zu Luther trotz aller äußeren Zu- 
tang persönlicher, als es selbst scharfblickenden Gegnern erscheinen 

Und so sollte man femer nicht zögern, ihn allgemein anzuerkennen 
i ersten überzeugten Lutheraner, den Erstling der Laienwelt, den 
der evangelischen Gemeinde**. Von Interesse ist hier die Bestätigung 
ichauungen, wie sie G. Kawerau 1881 in der Theologischen Literatur- 

(Sp. 617 ff.) ausgesprochen hatte. Bemerkt sei, daß auf die kur- 
:hen Theologen imd Räte, auch auf das herzogliche Sachsen, manches 
cht fällt, 
pzig. Georg Müller. 

Im Bauer. Die Anfönge Ferdinands L Wien und Leipzig, Brau- 
er 1907. Xn, 264 S. (M 6 = Kr. 7,20.) 



286 Nachrichten und Notizen IL 

Der Bedeutung Ferdinands I. als des Stammvaters der deutschen Linie 
des Hauses Habsburg und des Begründers der österreichischen Monarchie 
ist die Geschichtsforschung bisher noch bei weitem nicht gerecht geworden. 
Augenscheinlich hat die 'rüdes indigestaque moles' des Buchholtzschen 6e- 
sohichtswerkes lange Zeit abschreckend gewirkt. Doch yerheifit uns nun 
die kürzlich gebildete „Kommission für die Neuere Geschichte Österreichs' 
als Grundlage fiir die dokumentarische Geschichte Ferdinands dessen Brief- 
wechsel vorzulegen. Noch ehe aber von diesem etwas erschienen ist, yer- 
öffentlicht der Gelehrte, der die Herausgabe besorgt, Wilhelm Bauer in 
Wien, eine Nebenfrucht seiner Arbeit in einer kritischen Darstellung dtf 
Jugendgeschichte Ferdinands, die zugleich als Einleitung zur Herausgabe 
des Briefwechsels dient, indem sie die Periode behandelt, in der der junge 
Fürst noch wesentlich passiv erscheint und einen selbständigen politischen 
Briefwechsel kaum unterhält. Es handelt sich um die eigentlichen Kinder- 
jähre, die Ferdinand in der treuen Hut seines mütterlichen Großvaters Ter* 
lebte, wie um die nächstfolgende Zeit, wo der ältere Bruder Slarl es ist, 
der, die von der Umgebimg Ferdinands wider ihn gesponnenen Ranke 
schnell zerreißend, das Geschick des jüngeren bestimmt, ihn zunächst m 
Spanien entfernt, dann aber, nachdem Ferdinand es abgelehnt hat, sich bei 
der Kaiserwahl im deutschen Reiche gegen Karl brauchen zu lassen, dem 
Bruder die Vertretung der dynastischen Interessen im Osten, zugleich mit 
der Stellvertretung im Reiche, überweist. Damit ende# die wesentlich pai- 
sive Zeit Ferdinands, dessen Geschichte Verf. aber „in Umrissen** noch bii 
in das Jahr 1526 verfolgt, d. h. bis zur schließlichen Auseinandersetzung mit 
dem Kaiser und bis an die Schwelle der Ereignisse, die den jimgen Fürsten 
endgiltig vom Westen abziehen und ihm im Osten die bedeutsamste Lebens- 
aufgabe stellen sollten. 

Es ergeben sich hier bereits die springenden Punkte der Darstellung: 
die an die Person des jungen Prinzen fast von seiner Geburt an geknäpften 
europäischen Kombinationen, sodann die Auseinandersetzung mit Karl T. 
und endlich die Anfänge selbständiger Staatsverwaltung. Bauer ist bemSht 
gewesen, aus den habsburgischen Akten der Archive von Wien, Brüssel nnd 
Lille sowie mit sorgfUltiger Heranziehung der gedruckten Literatur die Ge- 
schichte des Erzherzogs nach diesen drei Richtungen hin aufzuklären. )üt 
besonderer Ausführlichkeit ist er den durch die Verhandlungen und Ve^ 
träge von Köln, Worms und Brüssel bezeichneten einzelnen Stadien der Aoe- 
einandersetzung zwischen den beiden habsburgischen Brüdern nachgegangen, 
hat auch eine Anzahl vdchtiger Dokumente über diesen Gegenstand als 
Anhang der Darstellung beigegeben. In dem Abschnitt über Ferdinands 
Regierungsanfänge in Osterreich ist besonders der Charakter und das Trei- 
ben seines vornehmsten Beraters, des habsüchtigen Spaniers Gabriel Sala- 
manca, dem indeß bis zu einem gevnssen Grade der einsichtige Bemard 
Gieß, Bischof von Trient, das Gegengewicht hält, anschaulich geschildert. 
Ein einheitliches Bild des Erzherzogs selbst wird uns noch nicht gezeichnet: 
Verf. gibt einzelne Züge, die noch kein ganz harmonisches Gesamtbild dar- 
stellen: in der Tat ist der Charakter Ferdinands an dem Punkt, wo ihn die 
Darstellung verläßt, noch kein fertiger, wenn auch die Gnmdzüge, die am 



Nachrichten und Notizen II. 287 

dem jüngeren Habsburger einen zwar nicht bedeutenden oder gar ge- 
en, wohl aber gewissenhaften, einsichtsvollen nnd nicht unbegabten 
Bten zeigen, schon feststehen. Friedens bürg. 

)Berved Smith, Luther's Table Talk. A Critical Study. (Studies in 
Bistorj, Economics and Public Law, edited by the Faculty of Political 
Science of Columbia üniversity. Vol. XXVI., Nr. 2.) New -York 1907. 
Eine ausfuhrliche, anschauliche nnd klare Darstellung, die uns über 
äußerst verwickelte Überlieferung der Tischreden Luthers eine vortreff- 
e Übersicht gibt, bei den Handschriften im wesentlichen auf der Grund - 
e, die ich in der Einleitung zu meiner Veröffentlichung von Luthers 
cbieden in der Mathesischen Sammlung (1903) gelegt habe. Nachdem 
ith dann noch die gedruckten Tischredensammlungen und ihre über- 
nmgen, englische und französische, besprochen hat, gibt er eine Anzahl 
»r Urteile über die Stellung der Tischreden in der Literatur und ihren 
chichtlichen Wert, besonders für die Beurteilung Luthers. Verdienstlich 
auch der Appendix, der die ganze Literatur der Tischredenforschung 
mlich vollständig verzeichnet. Für jeden, der sich über diese Fragen 
entieren oder auf diesem Gebiete mitarbeiten will, wird Smiths Buch 
. gaier Führer sein. Auf Einzelheiten einzugehen, ist hier nicht der 
liz. Nur zwei Punkte möchte ich hervorheben, in denen ich mitschuldig 
1. Der von Schlaginhaufen als Luthers Tischgenosse genannte Corvinus 
nicht — wie Preger und mit ihm ich und Smith angenommen haben — 
r hessische Theologe Antonius Corvinus, sondern der aus Halle nach 
ittenberg geflüchtete Ratsherr Ludwig Rabe. Und die Lobsprüche, die 
r alle der von Preger veröffentlichten Handschrift mit Schlaginhaufens 
ichschriften erteilt haben, müssen sehr eingeschränkt werden. Ich habe 
terdessen die von der Tischredenforschung bisher ganz vernachlässigten 
•ndschriftenbände Georg Rörers in Jena durchgesehen. Für Dietrich und 
ktheuus ergeben sie nicht riel neues, für Schlaginhaufen aber bietet Rörer 
Tielen Stellen einen ganz anderen und zwar zweifellos besseren Text, als 
i ihn Pregers Veröffentlichung hat. Ich werde gelegentlich an einer 
deren Stelle hierauf zurückkommen, da ich Rörers Abschriften auch bei 
iner Biographie von Luthers Frau Katharina von Bora (1906) noch nicht 
bit geprüft hatte. Ernst Kroker. 

!rn, Arthur, Deutsche Hofordnungen des 16. und 17. Jahrhunderts. 
Zweiter Band. Braunschweig, Anhalt, Sachsen, Hessen, Hanau, Baden, 
Württemberg, Pfalz (Bayern), Brandenburg -Ansbach. (Denkmäler der 
deutschen Kulturgeschichte, herausg. von G. Steinhausen. 2. Abt. Ord- 
nungen. 2. Bd.) Berlin, Weidmann 1907. XVI und 264 S. 8«. * 
Dem Abdrucke dieser Ordnungen ist ein allgemein orientierendes Vor- 
rt vorangestellt. Wer etwa glauben würde, aus ihnen Nennenswertes 
die territoriale Behördenorganisation zu erfahren, wird sich enttäuscht 



* Der 1. Band der Hofordnungen umfaßte lediglich solche norddeutscher 
Titorien. 



288 Nachrichten und Notizen II. 

finden. Man denkt unwillkürlich, daß die zwei großen Hofordnungei 
König Ferdinands L von 1627 und 1637 Vorlagen gewesen sein mfißtes; 
dies ist aber keineswegs der Fall. Die österreichischen Ordnungen regdi 
Hof- und Behördenagenden, die Stücke dieser Sammlung beziehen sich 
nahezu ausschließlich auf jene, über die Organisation der „Hofstaaten' 
hinaus ergeben sich dabei kulturhistorisch bemerkenswerte Beiträge ver- 
schiedener Art, vornehmlich zur Geschichte von Küche und Keller; die 
Tischordnungen enthalten Bestimmungen, die auf ein sehr ungezwungene! 
Gebaren der Tischgäste schließen lassen. In den Ordnungen König Fer 
dinands fehlen solche Anweisungen; bei der königlichen Tafel, in Wien 
herrschte wohl ein besserer Ton als an den Fürstenhöfen. 

In den Abdrucken ist die alte Orthographie ziemlich treu beibehalten; 
man hätte sie vielleicht mehr der heutigen annähern können. Warum 
tragen die Stücke keine Nummern? Im Register wären zwischen gleich- 
bedeutenden Ausdrücken Verweisungen herzustellen gewesen (FuttermarschiD 
und Marstaller, Hofmarschall und Marschall). Im übrigen kann der sorg- 
fältigen Edition nur aufrichtige Anerkennung gezollt werden. 

H. Kretschmajr. 

Visitationsberichte der Diözese Breslau. Archidiakonat Glogao. 
Erster Teil. Herausgegeben von J. Jungnitz. Breslau, G. P. Aderholi' 
Buchhandlung 1907. 4^ XUI und 768 S. Auch unter dem Titel: Ve^ 
öffentlichungen aus dem fürstbischöflichen Diözesan- Archive zu Bredas. 
Dritter Band. 
Rüstig schreitet das höchst beachtenswerte Werk vorwärts. Der ror- 
liegende Band ist dem Kardinal Kopp, durch dessen Munifizenz das Breslaoer 
Diözesanarchiv gegründet ist und erhalten wird, auch die vorliegende Ve^ 
öffentlichung ermöglicht wurde, zum fünfundzwanzigjährigen Biechoft- 
Jubiläum gewidmet. Das älteste Stück des Bandes stammt aus dem Jalire 
1640 und ist ein „Verzeichnuß aller Pfarreten Einkommen im Fürstenthimb 
Sagan dem Herrn Verweser eingestellet von der Sächsischen Regiemng', 
das zur Geschichte des Kirchenvermögens wertvolles Material enth&li Bi 
der Herausgeber eine Erklärung, wie Sachsen zur Veranstaltung der Vin« 
tation kommt, nicht gibt, sei folgendes bemerkt: Sagan war 1472 duck 
Kauf an die Wettiner gekommen. Vgl. Böttiger -Flathe, Geschichte vot 
Sachsen. 'I. Band. S. 401. Über das weitere Schicksal vgl. ebenda 8. 43^ 
661. 623. II, 426. Über diese Visitation und Einführung der Reformatäoe 
durch Herzog Heinrich vgl. G. Müller, Verfassungs- und Verwaltnngi- 
geschichte der sächsischen Landeskirche in den Beiträgen zur sächsiecba 
Kirchengeschichte. 9. Heft. S. 16. Über den Schutz, den Herzog Geoif 
dem Kloster zu Sagan und dessen Besitzern zu teil werden ließ, vgl. ebenda 
S. 42. Nachdem das Gebiet 1648 gegen das ursprünglich böhmische Lehea 
Eilenburg eingetauscht worden war, wurde erst 1680 wieder eine Viatati« 
in Sagan gehalten, über die also nur eine Übersicht von wenigen Zeilei 
im vorliegenden Bande zum Abdrucke gelangt, wie der ganze Bericht-' 
vielleicht Extrakt für den Bischof oder Synodus? — über das Archidiakooat 
Glogau nur 22 Seiten umfaßt. Beinahe ein Jahrhundert vergeht, ehe wiedff 



Nachrichten und Notizen II. 289 

en ausziehen. Dreimal hintereinander walten sie ihres Amtes: 
79, 1687/88. Von sämtlichen drei Visitationen gelangen eingehende 
zum Abdruck. Sie sind durchaus lateinisch abgefaßt, deutsch 
Stiftungsurkunden, z. B. einer Kapelle S. 128, einer interessanten 
tung, deren Kapital bei der Stadt Görlitz steht S. 148, Inventarien- 
üsse S. 182, Einkommensübersichten S. 183 u. a. m. Der Inhalt des 
steht den früheren an Vielseitigkeit nicht nach. Hervorgehoben 
9 Angaben über die nationalen Verhältnisse in den einzelnen Gre- 
über die konfessionellen Gegensätze sonst und jetzt, über Armen- 
nkenpflege u. a. m. Nach der kirchlichen Seite interessieren die 
tgen über Vorbildung der Geistlichen, über ihre Leistungen und 
e gottesdienstlichen Handlungen. So heißt es S. 386: Baptizat 
CO idiomate ex antiquo rituali cum admissione trium patrinorum; 
, ut deinceps novum ritum a superioribus praescriptum servet. Von 
er Ausgiebigkeit sind die Notizen über die Schulen; Lehrer, Unter- 
3hülerzahl, Schulzucht und Einkommen werden genau geschildert, 
fg^schichte Schlesiens werden charakteristische Beiträge geliefert: 
äuem, G^xtner, Häusler erscheinen in ihrer Zahl, Steuerpflicht, 
ligkeit; Vergleiche dazu bieten die Angaben über die landwirt- 
be Tätigkeit der Geistlichen, z. B. S. 368. So ist auch dieser Band 
;htige Fundstätte für Kirchen-, Schul-, Wirtschafts- und Kultur- 
te. Der Herausgeber hat eine sachliche Zusammenstellung des 
m Schlüsse seiner Veröffentlichung in Aussicht gestellt, 
tzig. Georg Müller. 

;, Frankreich und Brandenburg in den Jahren 1679 bis 1684. 
;ig, Duncker u. Humblot 1907. XLV und 380 S. 7,20 M. 

Urteil der historischen Forschung über die äußere Politik des 
Kurfürsten nach dem Frieden von St. Germain hat verschieden ge- 
während beispielsweise von den älteren Forschem Droysen ihre 
itigkeit verneint, Ranke die Beantwortung dieser Frage vorsichtig 
issen hat, ist sie von Fester neuerdings entschieden bejaht worden, 
iese Politik des Anschlusses an Frankreich für den größten Rechen- 
d politischen Leben des Großen Kurfürsten erklärt. Obwohl er in 

Punkten ihm beipflichtet, hat Fehling sich durch Festers Verdikt 
3 brandenburgische Politik in der Periode der Reunionen nicht 
fen lassen, er vermag das Festersche Grundprinzip, die Notwendig- 

Gegensatzes zwischen Frankreich und Brandenburg-Preußen, nicht 
)nnen, ihm steht nicht der Gegensatz zwischen Berlin und Paris, 

der zwischen Berlin und Wien voran, durch ihren gemeinsamen 
tz gegen Österreich seien Frankreich und Brandenburg aufeinander 
Ben gewesen. Aus dieser Ansicht heraus gereicht s. E. der Versuch, 
le mit Frankreich sein Lebenswerk zu krönen, der politischen Ein- 
« Kurfürsten nicht zur Unehre. Nach seinem Urteil (S. 84) stellt 

brandenburgische Politik nach St. Germain dar als eine Politik 
bungen und Entwürfe, großgedacht im Sinne der Zukunft Branden- 
sußens, getragen von dem phantasievollen Ehrgeiz eines herrischen 

r. VierteljAhnchrifk. 1908. S. 20 



290 Nachrichten und Notizen II. 

und zugleich menschlich sympathischen Fürsten; eine Politik in Absicht 
und Anlage ebenso ausgreifend und kühn, wie gehemmt, verkümmert und 
verfälscht in der Ausführung; vielversprechend und doch ohne den gehofftea 
Ertrag; endlich Enttäuschung und Ernüchterung. Fehling unterscheidet 
dabei drei verschiedene Perioden, die eingehend charakterisiert werden 
(S. 803/304). Um seine Meinung zu begründen, gibt er eine bis in die 
kleinsten Details gehende Schilderung der Politik des Kurfürsten, ausgehaid 
von den Verträgen vom 25. Oktober 1679 und 11. Januar 1681 bis mm 
20jährigen Stillstand vom 15. August 1684. Die Arbeit beruht auf den 
Materialien des Archivs des Pariser auswärtigen Amtes, welche der Ver- 
fasser im Auf trage der Kommission für Herausgabe der Urkunden und 
Aktenstücke zur Geschichte des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Branden- 
burg zu bearbeiten hatte. Er stützt sich in allererster Linie auf die Be- 
richte des französischen Gesandten am Berliner Hofe, des Grafen Reb^nte, 
die er für außerordentlich wertvoll und zum Verständnis der Politik det * 
Kurfürsten in der Periode der Reunionen ganz unentbehrlich erklärt < 
Darin wird dem Verfasser beizupflichten sein, andere Forscher beurteilen ^ 
freilich die Reb^nacschen Berichte wesentlich weniger günstig, mit der 
neusten Schrift in dieser Richtung, der Arbeit von Pag^s, will sich der 
Verfasser noch kritisch auseinandersetzen. 

Anerkannt muß werden, mit welcher Sorgfalt Fehling bemüht gewesm 
ist, an der Hand jener Berichte auch den kleinsten Schwankungen der 
daran so überreichen Politik des Kurfürsten nachzugehen, andererseits fauui 
nicht geleugnet werden, daß dadurch die Darstellung etwas Ermüdendei 
bekommt, wozu die reichliche Wiedergabe von Aktenexzerpten einiges bei- 
trugt. Das Bild, das vor unseren Blicken entrollt wird, ist nach Anncht 
des Ref. doch ein recht trübes, diese leidenschaftlich ungestüme, wechselnde 
Politik, die skrupellos in der Wahl ihrer Mittel bald diesem, bald jenem 
Ziele nachjagt, um am Ende nichts zu erreichen, schneidet kläglich ftb 
gegenüber der energischen, großzügigen Staatskunst eines Ludwig XlV^ ^ 
von Erfolg zu Erfolg schreitet. Freilich darf dabei nicht vergessen werden, 
daß dahinter die imposanten Mittel des französischen Staates standen, 
denen Friedrich Wilhelm nichts entfernt Ähnliches entgegenzusetzen hfttte. 
Einige der wichtigsten Materialien werden im Anhange abgedruckt, danmter 
der interessante Bericht Reb^nacs über den ersten Eindruck vom Falto 
Straßburgs auf den Kurfürsten vom 15. Oktober 1681 und ein Gntachi» 
von Paul Fuchs aus dem Ende 1682. 

Weimar. J. Trefft«. 



A. Skalweit, Die ostpreußische Domänenverwaltung unter Friedrich Wil- 
helm I. und das Retabi issement Litauens. Leipzig 1906, Duncker i 
Humblot. (Schmollers Forschungen XXV, 3). 367 S. 8,20 M. 
Diese vortreffliche Arbeit, aus der Schule 0. Hintzes hervorgegangö'i 
ruht fast ausschließlich auf archivalischem Material und vermag so i^ 
Thema wirklich grundlegend zu behandeln. Auch die Disposition ist ^ 
schickt getroffen: erst werden die Pläne und Werkzeuge der Verwaltonft 



Nachrichten und Notizen II. 291 

und dann ihre Gegenstände, die domaniale Großgutswirtschaft, die Amts- 
untertanen, das Retablissement besprochen. 24 wichtigere Aktenstücke sind 
beigefügt. Allgemein wird am meisten II, 3: Das Retablissement interes- 
sieren, mit dem sich ja die bekannte große Salzburger Einwanderung yon 
1782 verbindet. Aber der preußische Verwaltungshistoriker wird bes. Teil I 
mit Dank entgegennehmen, der die Kenntnis vom Beamtenstaat Friedrich 
Wilhelms I. wieder um ein Stück erweitert und wertvolle Beiträge zur 
Charakteristik des Königs selbst bringt. Ich glaube auch, daß der 
Verf. in der Beurteilung des ganzen Retablissementswerked das richtige 
trifft. Zu der Bemerkung S. 30, Anm. 1 über das Edikt vom 13. August 
1713 ist aber heranzuziehen, was Hintze dazu sagt (Hist. Zeitschrift 86, 
405); danach wäre das urteil Sk.s doch zu modifizieren. S. 6 muß es statt 
Bodo, Dodo heißen. Im ganzen ein ausgezeichneter neuer Beitrag zur 
preußischen Geschichte im 18. Jahrb., der für die weitere Mitarbeit des 
Yerf. an den 'Acta Borussica' das Beste erwarten läßt. 

Posen. 0. Hotz seh. 

Alexander Franz, Die Kolonisation des Mississippitales bis zum Aus- 
gange der französischen Herrschaft. Leipzig, Georg Wigand 1906. 8^. 
Man kann nicht behaupten, daß der Gegenstand des vorliegenden Buches 
ein unbebautes Gelände sei; englische, französische und amerikanische 
Forscher haben ihn bis in die neueste Zeit vielfach unter verschiedenen 
Gesichtspunkten behandelt, und tatsächlich Neues vermag der Verf. kaum 
beizubringen. Vielleicht hat er geglaubt, deutschen Lesern den Stoff in 
deatscher Sprache näher bringen zu sollen. Dazu aber ist sein Buch zu 
schwer ausgefallen. Eine Abhandlung von solchem Umfange, die weder 
durch den behandelten Gegenstand das Interesse weiter Kreise beanspruchen, 
noch durch eine glänzende Darstellung den Leser mit sich fortreißen kann, 
^ in der Hauptsache auch in Deutschland nur von denen gelesen, denen 
der Stoff aus fremdsprachlichen Darstellungen nicht unbekannt ist. In 
Bezug auf das, was unmittelbar mit seinem Thema zusammenhängt, be- 
kundet der Verf. ein sorgfältiges Verarbeiten der Quellen, die ihm in 
^beträchtlichem Umfange bekannt und zugänglich gewesen sind. Dagegen 
>ind seine allgemeinen historischen Kenntnisse offenbar nicht tiefgründig 
^ug, um ihn bei der Beurteilung des Zusammenhanges zwischen seinem 
Gegenstand und der jeweiligen politischen Gesamtlage immer vor falschen 
urteilen zu schützen. Auch die dem Buche beigegebenen Anmerkungen 
^künden nur, daß der Verf. die historische Methode nicht beherrscht. 

K. Haebler. 

« 

Die aus einigen Aufdätzen erwachsene Arbeit von Ch. Schmidt, Les 
■ources de Thistoire de France depuis 1789 aux Archives Nationales, Paris 
1^07, 288 S. 8*., stellt einen jedem auswärtigen Benutzer des Nationalarchivs, 
^erdort über die Zeiten nach 1789 Studien vornehmen will, gewiß hoch- 
^ülkonunenen Leitfaden durch ein Labyrinth dar. Sie wendet sich vor- 
>^^lich an Verfasser von Monographien über einzelne Departements und 



292 Nachrichten und Notizen II. 

Städte von 1789 — 1856, die ihre Lokalstudien in Paris ergänzen wollen ~ 
und nach Schmidt müssen, wenn anders sie Brauchbares leisten wolleD. 
Akten, die jünger sind als 60 Jahre, bleiben unter allen Umständen udxq- 
gänglich und daher auch in dem vorliegenden Werke nnbesprochen. Di- 
gegen macht der Verf. einige, übrigens unvollständige, Bemerkungen über 
den einschlägigen Bestand des Archivs aus den Zeiten unmittelbar tot 
1789, die wiederum zeigen, wie dürftig dieser ist. Schmidt will übrigeu 
die dem Benutzer zugänglichen Inventarien keineswegs überflüssig machen, 
sondern sie lediglich ergänzen, bekanntlich eine sehr notwendige Arbeit, 
die hier nach den nicht zugänglichen Verzeichnissen in, wie es scheint, 
sehr befriedigender Weise geleistet wird.' Auf manchen Gebieten der innenn 
Greschichte Frankreichs erfährt der Historiker von dem kundigen Beamt« 
des Archivs mühelos, ob in diesem etwas ihn interessierendes vorhanden iit, 
wie viele Fascikel in Frage konmien, und wie sie bezeichnet sind. Dabei iit 
freilich zu wünschen, daß der Abdruck der bisher unzugänglichen VerzeichniM 
das eigene Suchen des Benutzers nur erleichtere, nicht aber als überflünig | 
erscheinen lasse. Diesem Abdruck hat der Verf. ebenfalls wichtige Seiten 
vorausgeschickt, in denen er in behaglicher Breite Winke für die Benatzon; 
des Archivs gibt, den Arbeitssaal be8chreit)t, die bescheidene Bibliothek 
(auch einige ihrer Lücken) schildert usw. Dabei vermissen wir etwas, wie 
uns scheint, besonders erwähnenswertes : daß nämlich nicht nur jeder hm- 
zösische Bürger, sondern auch jeder Ausländer ohne weitere Legitimstion 
das Nationalarchiv benutzen darf, eine in Deutschland zu wenig bekannte 
Weitherzigkeit, die diese Anstalt auszeichnet. Tadelnswert erscheint dem 
Ref eine Bemerkung über einen ihm besonders am Herzen liegenden 6^ 
genstand. Schmidt sagt (S. 28) von den 1787 geschaffenen ProvinzialTer- 
Sammlungen : „Man weiß in Wirklichkeit noch nicht genau, w^as diese Ver- 
sammlungen gewesen sind , noch was sie getan haben.'' Dabei zitiert er 
nur das Werk von Lavergne über sie. Das verrät einerseits Unkenntnii 
der Literatur; denn es kommen, außer den umfangreichen, gednicktea 
Sitzungsprotokollen dieser Versammlungen, noch mindestens vier weitere 
äußerst wichtige moderne Bücher über sie in Betracht. Den Titel des einen 
kann Schmidt auf dem Umschlag zu seinem eigenen Büchlein finden! Wir 
wissen in Wirklichkeit (übrigens auch gerade aus Lavergne!) sehr viel von 
diesen Versammlungen und ihren Leistungen. Anderseits macht Schmidt 
mit dieser Bemerkung eine Unart seiner (der Aulardschen) Schale mit, der 
einmal energisch entgegengetreten werden sollte. Von Erscheinnngen, die 
dieser Richtung nicht genehm sind — in diesem Falle von den Leistungeo 
der Provinzialvorsammlungen — wird einfach behauptet, man wisse noch 
nicht genug über sie, um irgend ein Urteil abzugeben. Vor allem wird «rf 
diese Weise in Bezug auf die wirtschaftlichen Verhältnisse während der 
Revolutionszeit operiert. In Wirklichkeit wissen wir aus tausend Quellen 
ganz genau die Hauptsache hierüber, daß nämlich die Revolution eine Un- 
summe von Zerstörungen auf diesem Gebiet und von wirtschaftlichem Elend 
im Gefolge gehabt hat. Wie die Dinge im einzelnen lagen, das freihci 
bleibt aufzuklären. 

Hamburg. A. Wahl 



Naclirichten und Notizen ü. 293 

Igen Stamm, Konstantin Frantz* Schi'itlen und Leben. I. 1817—1866. 
291 S. Heidelberger Abhandlungen. 19. Heft. Heidelberg, Karl Winter. 
Das Buch stellt den Lebensgang von Konstantin Frantz dar, der, 1814 
Sohn eines Pfarrers im ehemaligen Fürstentum Halberstadt geboren, 
^referierender Literat** im Dienste des Ministeriums Eichhorn stand, 
1 ManteufFel beschäftigt wurde, 1863 als Kanzler des Preußischen General- 
asulates nach Spanien entsendet ward, aber bald nach seiner Heimkehr 
•56) aus dem preußischen Staatsdienste schied, um sich als erbitterter 
g^er Bismarcks ganz publizistischer Tätigkeit zu widmen. Er ist 1891 
Blasewitz bei Dresden gestorben. Es muß gesagt werden, daß Stamm 
t seinem fleißigen Buche der Geschichte des politischen Werdens des 
itflchen Volkes im vorigen Jahrhundert einen sehr nützlichen Dienst 
itet, wenn er mir auch die Eigenart seines Helden zu überschätzen 
leint. Frantz ist durchaus ein Typ der politischen Romantik, die auch 
L ihm mit dem Legitimismus verschwistert erscheint. Hauptsächlich 
rch Schelling angeregt, fordert er geniales Philosophieren. Die Philosophie 
i ihm ihrem Lihalte nach mit der Religion identisch. Die geniale An- 
hauung sagt ihm, daß die Erde ursprünglich der absolute Mittelpunkt 
SS Universums gewesen ist. In der Politik ist F. ein Gegner der liberalen 
DBchauungen; als würdigste Vertretung des Volkes schwebt ihm unter 
em Einfluß des platonischen Ideals eine vom Könige vollzogene Auslese 
er Trefflichsten vor. Die Polen soll Preußen in ihrem Befreiungskampfe 
nterstützen, um mit ihrer Hilfe dem russischen Panslawismus einen Damm 
ntgegenzusetzen. Das Gefühl für preußische Ehre muß wie bei manchen 
•ndem legitimistischen Politikern vor der Doktrin schweigen. Zeitweilig 
nachen sich auch realpolitische Anwandlungen bemerklich. Sehr gegen 
^rantz^ Ehrlichkeit spricht ein Pasquill: „Bismarckianismus und Friedericia- 
nsmus** (München 1873, Druck und Verlag d. Lit. Instituts von Dr. M. Huttier), 
A dem Bismarck dem großen HohenzoUemkönig als ein Dämon des Verderbens 
{egenübergestellt wird. Den Thymos, den blinden Willen, der in Bismarck wie 
^in Geist des Unheils waltet, hatte aber F. zwei Jahrzehnte zuvor unter der 
5«talt Napoleons IH. als den Erretter der Welt begrüßt! Auf die erwähnte 
Broschüre möchte ich den Verfasser für die Fortsetzung seiner Arbeit hinweisen. 
Spremberg (Niederlausitz). Rudolf Goette. 

'.Jung, Julius Ficker (1826 — 1902). Ein Beitrag zur deutschen Gelehrten- 
geschichte. Innsbruck, Wagner 1907. XIV und 672 S. 
Die gelehrte Welt kennt Julius Ficker, den großen Forscher. Die 
^^Mchichts- und Rechtswissenschaft hat seine bahnbrechenden Werke zu 
würdigen gelernt und wird es noch weiter lernen; denn der zweite Band 
^6« Reichsfürstenstandes, den Paul Puntschart zur Herausgabe vorbereitet, 
^d neue Anregungen bringen und die Bedeutung der „Untersuchungen 
*u Erbenfolge der ostgermanischen Rechte*^ wird erst die Zukunft lehren. 
Nun i^t uns aber J. Jung ein Buch geschenkt, das uns auch Fickers Leben 
^d Werden, seine Persönlichkeit und seine Stellung zu den Fragen der 
^^t, sein Wirken als Lehrer, die Entstehung seiner Werke schildert. Jung 
nennt dies Buch einen Beitrag zur deutschen Gelehrtengeschichte, aber es 



294 Nachrichten und Notizen II. 

ist noch mehr, es ist auch ein Beitrag zur Zeitgeschichte. Den Westfalen, 
der seit dem Jahre 1852 in Österreich seine zweite Heimat fand, hier an der 
Universitätsreform in seiner Wissenschaft wirksamsten Anteil nahm und 
eine historische Schale begründete, der als Großdeutscher den Streit mit 
Sybel ausfocht, aber keineswegs die Ziele der klerikalen Partei in Oster- 
reich teilte, der im Krieg von ^866 gegen die Garibaldiner zog, lernen wir 
in ausführlicher und anschaulicher Darstellung kennen. Die Bilder aus der 
Jugendzeit in Münster, aus dem Studentenleben in Bonn, aus Fickers po> 
li tischen Lehijahren in Berlin und in Frankfiirt (1848 und 1849), wo er die 
folgenreiche Freundschaft Böhmers gewann, seine Privatdozentur in Bonn, 
das sind wertvolle Kapitel von allgemeinerem Interesse, da Jung aufier der 
reichen Korrespondenz und den Tagebüchern Fickers auch zahlreiches an- 
dere, oft entlegene biographische und zeitgeschichtliche Material heran- 
zog und mit feinem Spürsinn den verschiedensten Beziehungen nachging. 
Die Abschnitte aber, in denen Fickers Lehrtätigkeit in Innsbruck seit 1852, 
die Einrichtung des historischen Unterrichts, die Ausbildung der entea j 
Schülergenerationen, endlich die Beziehungen zum Unterrichtsminister Grafen 
Leo Thun geschildert werden, Zeiten, die Ficker selbst als schönste seines 
Lebens wert hielt, bilden auch einen Mittelpunkt der Biographie. Ii 
dankenswerter Weise teilt Jung viele Stellen ans Berichten und Briefen 
Fickers wörtlich mit. ^ So wird erst recht deutlich, mit welcher Sicherbei 
und Klarheit der junge Professor seine Aufgabe erfaßte und löste. Ei« 
mag jeder Geschichtslehrer noch heute lernen. Die Dokumente aber, welche 
die Beziehungen Fickers zum Grafen Thun beleuchten, geben ein zum Neid 
herausforderndes Bild eines idealen Verhältnisses zwischen Professor und 
Minister gleich ehrenvoll für beide. 

Wie für die früheren Werke Fickers so bringt Jung auch für die 
großen Arbeiten seit der Mitte der sechziger Jahre, die Forschungen lor 
Beichs- und Rechtsgeschichte Italiens, die Stauferregesten, die Beitr&ge lor 
Urkundenlehre eine Menge von Detailbeiträgen zur Genesis dieser Werke 
und hebt mit Nachdruck die hohe wissenschaftliche und methodische B^ 
deutung von Fickers Charakteristik Friedrichs II. in der Einleitung der 
Stauferregesten hervor. Ein ungemein wertvolles Kapitel (S. 511—641) 
hat dann H. v. Voltelini beigesteuert, der es übernahm, die Untersuchnngen 
Fickers zum germanischen Eherecht und zur Erbenfolge der ostgermanischea 
Rechte zu analysieren und zu würdigen. Die zwei letzten Jahrzehnte sein» 
Lebens haben Ficker diese Probleme beschäftigt, hier erhalten wir wo 
ersten Male einen klaren Überblick über diese ganze riesige Arbeitsleistno^- 

Es sollte und konnte an dieser Stelle die Fülle reichen und neoea 
Stoffes nur angedeutet werden, die in dem Buche steckt. Ein eigenai^ 
Wert scheint mir darin gelegen zu sein , daß hier einmal einer jener ehe» 
maligen Großdeutschen gewürdigt wird, die „für die Regeneration dff 
(österreichischen) Monarchie nicht nur in politischer, sondern auch in kul- 
tureller Beziehung Hervorragendes geleistet haben*^ (Vorrede S. IX). 
- - Oswald Redlich. 

* Nicht hier , aber an einzelnen anderen Stellen wäre vielleicht mehr 
Zurückhaltung in Anführung von Briefstellen erwünscht gewesen. 



Nachrichten and Notizen 11. 295 

iepel, Heinrich, Prof. in Tübin^n, ünitarismus und Föderalismus im 
Deutschen Reiche. Eine staatsrechtliche und politische Studie. Tübingen, 
J. C. B. Mohr 1907. 126 S. M. 8,60. 

Eine umsichtig und anregend gehaltene Schrift. Ihr Grundgedanke 
Das Reich als Bundesstaat steht und fällt mit dem Monarchismus. 
Straßburg i. E. Rehm. 



▼. Smolka, Erinnerungen an Leo XIII. Gedanken über die weit- 
sreschichtliche Bedeutung seines Pontifikats. Freiburg i. B., Herderscher 
Verlag 1906. 

Die Herdersche Yerlagshandlung hat der Übersetzung dieses ursprüng- 
polnisch geschriebenen Büchleins ein Vorwort vorausgeschickt, worin 
der Krakauer Geschichtsprofessor Smolka als einer der bedeutendsten 
k>riker der Gegenwart vorgestellt wird. Wenn sich Zweifel an der 
biigkeit dieser Empfehlung erheben sollten, so ist in erster Linie das 
legende Büchlein selber daran Schuld. Smolka hat seit 1886 im Auf- 
l der Krakauer Akademie im vatikanischen Archiv gearbeitet; er ist 
urch wiederholt in Beziehungen zu Leo Xm. gekommen. Aber was 
dieser Schrift an solchen direkten Erinnerungen gegeben wird, ist doch 
• eine einzige Audienz bei Leo XIII., in der sich dieser über die Eröfif- 
ig des vatikanischen Archivs in der längst bekannten Weise aussprach, 
r gesamte übrige Inhalt der Schrift ist ein abstoßend kritikloser Pane- 
ricus auf Leo XIH. und auf Pius IX. und zugleich eine Streitschrift 
ier allen Modemismus. Man höre die Urteile Smolkas: die Encyklika 
& 1864 hat dem „Kern der liberalen Doktrinen tödliche Streiche*^ versetzt; 
r Syllabus von 1864 mußte gegeben werden, wenn der Papst seiner 
ifgabe als Statthalter Christi gerecht werden wollte; die Definition der 
{»ilichen Unfehlbarkeit setzte mit Klarheit fest, was in der Kirche „von 
twr" vorhanden war; nur wer sich der dogmatischen Konstitution des 
ükanischen Konzils vom 20. April 1870 (Dei filius) „vorbehaltlos'^ unter- 
iift, ist katholisch; die Wiedererweckung des Thomismus ist die große 
Einigung der Philosophie von allen Irrtümern; die Ungläubigen haben 
!h in staunender Bewunderung vor den Encykliken Leos XIII. geneigt; 
halt der Weltgeschichte ist die Erfüllung des der Kirche geltenden Spruchs: 
e Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen; die letzten beiden 
^pste waren Größen ersten Ranges, und der jetzige Papst hat ebenfalls 
avits gezeigt, daß er ein „sacerdos magnus'^ ist. Man sieht, in dem einen 
' Smolka ganz modern: das Neueste kritiklos zu bewundem. Das war 
^^eit die Eigenschaft der ohne geschichtlichen und überhaupt ohne 
kSitab denkenden und schreibenden Leute. Man kann das alles einem 
iv gläubigren Manne und Polen verzeihen. Daß aber eine deutsche 
^Ugsbuchhandlung einen solchen Geist zu den bedeutendsten Historikern 
f Gegenwart rechnet, zeugt entweder von unverzeihlicher Urteilslosigkeit 
BT von schonungsloser Reklame. 
Tübingen. Walter Goetz. 



296 Nachrichten nnd Notizen n. 

Personalien« Emennnni^en und Befördemngen. Akademien: 6eL 
Regierungsrat Prof. Dr. Heinrich Brunn er in Berlin wurde zum korrespon- 
dierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Bologna und Hofrii 
Prof. Dr. L. Pastor, Direktor des österreichischen historischen Institotes in 
Rom, zum Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschafben in Krakau gewaidt 

Der ao. Prof. der alten Geschichte Dr. Adolf Schulten in Erlangen 
wurde zum o. Mitglied des deutschen archäologischen Institutes ernannt. 

Universitäten und Technische Hochschulen: Der o. Prof. der Archäologie 
Dr. Heinrich Bulle in Erlangen wurde nach Würzhurg und der o. Prof. 
der Geschichte Dr. Richard Fester in Kiel als Nachfolger Droysens nach 
Halle berufen. 

Der ao. Prof der Kirch engeschichte in Jena Dr. Hans Lietzmann 
wurde zum Ordinarius befördert. 

Todesfälle. Am 5. April starb in Göttingen Dr. Adolf Wrede. 
Sein Forschungsgebiet war die deutsche Reformationsgeschichte; toi 
größeren Arbeiten, die er veröffentlichte, sei hier nur die „Einfähroi^ 
der Reformation im Lüneburgischen durch Herzog Ernst den Bekennit^ 
genannt, die 1887 als Göttinger Preisschrift erschien. Seine Haupttä^^ 
keit gehörte der Herausgabe der Reichstagsakten Jüngerer Reihe, far die er 
Bd. 2 (1896) bis 4 (1905) bearbeitet hat. 

Am 3. Mai starb in Bonn im Alter yon 71 Jahren der o. Prof. der 
klassischen Philologie Geheimrat Dr. Franz Buecheler. 

Am 6. Juni starb in Greif swald der o. Prof der Geographie Geh. Ee- 
gierungsrat Dr. Rudolf Credner im 67. Lebensjahre. 

Am 11. Juni starb im Alter von 45 Jahren der ao. Prof der Staati* 
Wissenschaften an der Universität Kiel Dr. Georg Adler. 

Berichtigung. 

In der Abhandlung „Die älteste evangelische Armenordnung" im vorig© 
Hefte der Hist. Vierteljahrschr. sind folgende Druckfehler stehengeblieben: 

S. 213 Z. 2 'Ich hai) das in meyn gethan' für 'Ich hab das meyn 
gethan'. S. 220 Z. 5 sind hinter 'gescheen' versehentlich die Worte wag»- 
fallen 'das beschlossen ist vnd solt gescheen'. 

Außerdem bin ich von befreundeter germanistischer Seite darauf m^* 
merksam gemacht worden, daß S. 203 bei Erklärung der Worte 'die and« 
Taffell' an einen pleonastischen Gebrauch des Wortes 'ander' um dei- 
willen nicht zu denken ist, weil diese Deutung auf einem Gallizismus be- 
ruht, der erst seit dem 18. Jahrhundert nachweisbar ist Darum ist f« 
streichen, was von mir S. 203 Z, 6—14 gesagt ist, desgl. S. 204 Anm. 1. - 
An den sachlichen Schlußfolgerungen wird dadurch nichts geändert, w 
mehr tritt in Kraft, was hypothetisch bereits S. 203 Anm. 1 ausgefährt iit 

Hermann Bärge. 



297 



ber die Flugschriften zum Lyoner Konzil von 1245. 

Von 

K. Hampe. 

Die erste große Epoche mittelalterlicher Publizistik, die Zeit 
)S lüTestiturstreites mit seinen Ausläufern bis in die Regierung 
riedrich Barbarossas hinein, darf jetzt als nahezu abschließend 
orchforscht gelten. Es wird noch Jahrzehnte dauern, ehe man 
fts Gleiche Ton den Epochen spätmittelalterlicher Publizistik, 
en Zeiten Philipps des Schönen, Ludwigs des Baiem und der 
Toßen Konzilien wird behaupten können. Indes ist die Forschung 
a doch auf allen Gebieten ernstlich in Angriff genommen, und 
lorch den Editionsbeschluß der Monumenta Germaniae wird sie 
leuen kräftigen Antrieb erhalten. An dem Jahrhundert, das auf 
len Frieden Ton Venedig folgt, ist man in dieser Hinsicht bisher 
vorbeigegangen. In der Tat ist es ja an privater Publizistik 
Derkwürdig arm. Man wird sich die Frage vorzulegen haben, 
^oran das lag. An kirchenpolitischen Kämpfen fehlte es ebenso- 
wenig, wie an publizistischen Talenten, wohl aber an theore- 
ischen Streitfragen, welche die europäische Geistlichkeit, noch 
nuner den einzigen wissenschaftlich interessierten Stand, zu leiden- 
■chaitlicher Parteinahme für oder wider gespalten hätten. Die 
l^fieo politischen Machtfragen beschäftigten mehr die Kanzleien, 
Ja die privaten Federn. Es ist mir nicht ganz imwahrscheinlich, 
^ umfassende handschriftliche Forschungen noch diese oder jene 
•lugschrift des 13. Jahrhunderts zu Tage fördern würden, reich 
W ist die Produktion auf diesem Gebiete gewiß nicht gewesen. 

Trotzdem bedarf es unbedingt einer zusammenfassenden Wür- 
igimg dessen, was die «ausgehende Stauferzeit in offizieller imd 
"ivater Publizistik geleistet hat, der Fortschritte, die hier in 
Heller wie formeller Hinsicht gemacht sind, imd die uns von 
ti Traktaten des Investiturstreites hinleiten zu den Flugschriften 

HUtor. Viarteljahxvchrifl 1908. 8. 21 



298 K. Hampe. 

des späteren Mittelalters. Ich ho£Fe, die Lösung dieser Aufgabe 
in der nächsten Zeit durch Einzelarbeiten von Schülern Y0^ 
bereiten zu helfen, und möchte hier selbst einen kleinen Beitrag 
dazu geben, der mir aus einer kritischen Beschäftigung mit dem 
Buche von Aug. Folz (Kaiser Friedrich II. und Papst Innozenz IV. 
Ihr Kampf in den Jahren 1244 und 1245, Straßburg i/E. 1905) 
erwachsen ist.^ 

Folz behandelt da natürlich auch die wichtigen kaiserfeind- 
lichen Flugschriften, die, wie man bisher allgemein angenommen 
hat, auf dem Konzil von Lyon selbst entstanden sind. Sie sind 
in Winkelmanns Acta imperii inedita gedruckt, und zwar Bd. H 
717 flf. (= A), Bd. I, 568 (= B) und Bd. H, 709 flF. (= C). 
Ich will hier die Ausführungen von Folz, soweit ich mit ihnwi 
übereinstimme, nicht wiederholen. Er weist überzeugend nach, 
daß A den stärksten Einfluß auf die Gestaltung der gegen 
Friedrich IL in Lyon ausgesprochenen Absetzungssentenz gei 
hat. Ebenso richtig ist seine Annahme, daß C nur eine Beilage 
von B ist. Neben den sachlichen Belegen dafür, die sich häufen 
ließen, kommt da auch die unmittelbare Aufeinanderfolge der 
beiden Stücke in der Handschrift des Codex Palatinus 953 in 
Betracht. In den Fragen der Verfasserschaft und Datierung, in 
der Auslegung und Verwertung im Einzelnen aber läßt sich doch 
viel weiter imd mehrfach zu ganz andern Ergebnissen kommen. 

Was die Verfasserschaft betrifft, so ist Folz Vermutung, der 
in Lyon als Redner hervortretende Bischof von Carinola sei der 
Autor dieser Schriften, gewiß ebenso unbegründet, wie der Hin- 
weis Schwalms* auf einen der spanischen Erzbischöfe. Meines 
Erachtens ist man bisher zu ausschließlich von der Voraussetzung 
ausgegangen, daß der Autor in Lyon selbst geweilt haben müsse. 
Das ist mir bei der Umständlichkeit der schriftlichen Aus- 
führungen an Stelle der bequemeren und wirksameren mündlichen 
Agitation an sich schon gar nicht sehr wahrscheinlich, es wird 
aber auch durch den bisher nicht genügend beachteten Wortlaut 
des Eingangs von B unmittelbar widerlegt: „Die Mutter Kirche 
ist bedrängt und gedemütigt, sowohl dort, wo sie im Augenblick 

« 

* Für die sonstige Würdigung dieses Buches verweise ich auf meine 
etwa gleichzeitig mit dieser Abhandlung erscheinende Besprechung a 
der Historischen Zeitschrift. 

* Mon. Germ. Constit. II, 515 N. 1. 



ßl>er die Flogschriften zum Lyooer Konzil yon 1246. 299 

)ilty als auch an ihrem eigentlichen Sitze (Rom). Denn von 
Icher Schmach der Begierde^ Habsucht und von andern Schänd- 
hkeiten wird sie besudelt in jener Gegend^ wo sie in der 
emde dem Herrn dahinwallt\ wie alle Ankömmlinge verkünden*, 
ß die Seele im Herzen der Gläubigen zermartert wird." Der 
itqr ist danach nicht in Lyon zu suchen, sondern erhält seine 
srichte durch Ankömmlinge von dort. 

Indem er aber fortfährt: „Um die Stadt aber hat der Herr 
9 Söhne der Kirche in der Gottlosen Hände geschlossen^'^, 
iem er sich in der beigefügten Schrift C über die Verhältnisse 
L Patrimonium bis in die allerjüngste Vergangenheit hinein auf 
s eingehendste unterrichtet zeigt, ohne hier seine Kenntnis auf 
TL Bericht von Ankömmlingen zurückzuführen, verrät er deut- 
ih, wo wir ihn zu suchen haben: im Patrimonium selber! 

Wer aber wäre über die Ereignisse im Kirchenstaat genauer 
rentiert gewesen, als Kardinaldiakon Rainer von S. Maria in 
osmedin, der dort zum päpstlichen Legaten bestellt war? Auf 
en würde der leidenschaftlich feindselige Ton dieser Schriften 
esser passen, als auf ihn, das Haupt der Kriegspartei imter den 
üurdinälen, den erbittertsten persönlichen Gegner des Kaisers? 
tun hat ja schon Winkelmann aus stilistischen Gründen ange- 
Lommen, daß alle drei Stücke A, B und C mit der Relation über 
?iterbo (Acta imp. I, 546 S, = D) ein und denselben Autor haben, 
^olz schließt sich dieser Annahme mit weiteren Gründen an. 
3 ist nun aber unzweifelhaft von einem Manne geschrieben, der 
i& Dienste Rainers stand („noster dominus Rajnerius'^^, und ich 
mochte hinzufügen: der ganz nach seinen Anweisungen und in 
seinem Geiste schrieb, offenbar ein hochbegabter Kanzlist, dessen 
&di der Kardinal für die Zwecke der Publizistik bediente. Es 
«t weiter zu beachten, daß B, C und D in der bekannten Samm- 
le des Cod. Vatic. Palat. 953 aufeinander folgen und mit andern 
^cken der Korrespondenz Rainers vereinigt sind. 



* „Circa partes, ubi peregrinator a domino*^ vgl. 2. Cor. 5, 6; das 
^<)ouna nach „peregrinatui** ist also za tilgen. 

* „Front omnes predicant adyentantes.^* Vgl. anch, daß die erneuten 
^edensneigungen an der Kurie bezeichnet werden als „rumor ille, qui 
l^rgitur." » Hiob 16, 12. 

* Vgl. ähnlich in A 718 Z. 40: „assumpto domino Reinerio diacono 
^nale". 

21* 



300 K. Hampe. 

Nach allem kann man daher nur noch zwischen den beiden 
Möglichkeiten schwanken , ob jener Eanzlist die Flugschriften A 
und B + C auf eigene Faust oder nach Anweisung Rainers rer- 
faßt habe. Ich entscheide mich für das letztere, denn das Begleit- 
schreiben B kann wohl nur von einem im Range sehr hoch- 
stehenden päpstlichen Parteiganger abgesandt sein. Die Frage 
hängt wesentlich mit von dem Adressat ab. 

Mit dem Herausgeber Winkelmann haben bisher alle For- 
scher, die sich damit beschäftigten, es als selbstverständlich be- 
trachtet, daß das Schreiben allgemein an die Mitglieder des Ljoner 
Konzils gerichtet sei. Diese Annahme setzt aber eine recht ober 
flächliche Lektüre voraus.^ Denn es begegnet der Satz: „Quii 

^ Winkelmanns Ausgabe darf ja überhaupt nur als eine eilige und 
provisorische angesehen werden. Ich notiere einige Fehler. Acta imp. 
I, 569 Z. 7 ist die Emendation ,,unus*^ statt ,,unum^^ zu verwerfen; ebenio 
Z. 16 „oves" st. „aves**, das sich durch Jesaias 46, 11 erklärt. Auch mehre« 
orthographische Änderungen wären nicht nötig gewesen. Z. 14 ist das ein- 
geschobene ,,qua8^^ zu tilgen, und statt dessen in dem sinnlosen „aput^' eine 
Verderbnis zu suchen, die dem Sinne nach aufzulösen ist in ,,que contn" 
oder „que in". Z. 22 möchte ich statt „vero" lesen „ne", da eine Negation 
an dieser Stelle unentbehrlich ist; Z. 24 ist das schlecht passende ^^Doraf 
im Anschluß an Esther 4, 14 (auf welche Stelle mich einer meiner Hörer 
hinwies) wohl zu ändern in „novit**, und Z. 26 wegen der gleichen Be- 
ziehung „pareretur** sicher in „pararetur**. Z. 26 ist vor propositum ein- 
zuschieben „ad" (vgl. Hebr. 12, 1). Z. 29 ist statt „iram** zu le«n 
„terram^* (vgl. Sap. 18, 15). Zu Z. 86. 37 möchte ich annehmen, diB 
in der Hs. die Endungen fehlen, und dann lieber aoftösen: „Antiocbeno 
et Aquilegensi patriarchis non creditur** (oder „credatur**?). Endlich i^ 
gerade bei solchen Stücken wie diesen Flugschriften das Verzeichnen dtf 
zu Grunde liegenden Bibelstellen zum Verständnis geradezu unerläßlich- 
Das gilt in noch höherem Maße von der Flugschrift C, zu deren Text ich 
hier ebenfalls einige Verbesserungen anmerken möchte: Acta Imperü ^ 
S. 709 Z. 27 ist die Lesart „tunsionibus** der Hs. b in den Text zu setien 
statt „visionibus** a; ebenso S. 710 Z. 4 „abrogare** b st. „abnegare^* » (i* 
Vergleich mit der Stelle in A 720, 16); Z. 20: „lutum** st. „luctum", ««*' 
tento** st. „extenso'*, „collo** st. „coUe** (im Anschluß an Jes. 8, 16); Z. J^ 
„satiatus** st. „saliatus**; S. 711 Z. 6 „pravis** b vorzuziehen st. „pronis** •? 
Z. 12: wohl „contendentes** st. „contendens** und „concellanei** st „concw- 
cellanei'*; Z. 13 „decurionum** ist richtig; das „ob decretorum?** der Aj«"* 
ist zu tilgen; Z. 30 „inventorem** ; S. 712 Z. 38 „mendaciis**; Z. 3« An- 
merkung 44 ist zu tilgen; S. 718 Z. 22 das Komma ist zu setzen nach 
„Libanum** st. nach „candidum**; S. 715 Z. 18 „dolorem" st. „dolores** fu« 
Anschluß an Hes. 28, 24); S. 716 Z. 6 statt „et peco** a, „et potio** b nicht 
mit Winkelm. „et peticio** zu lesen, sondern wohl sicher „expoeitio**. ^^ 



über die Flugschriften zum Lyoner Konzil von 1246. 301 

m novit, utmm uterqne vestrum idcirco ad regnum ecclesie 
lerit, ut hoc tempore pararetur'' = „Denn wer weiß, ob ein 
er von Euch Beiden nicht vielleicht deshalb in das Reich der 
'che gekommen ist, um zu dieser Zeit bereitet zu werden/' 
Qächst eine sehr dunkle Stelle, die aber ihre Erklärung findet 
den fast gleichlautenden Worten Esther 4, 14: „Quis novit, 
um idcirco ad regnum veneris, ut in tali tempore parareris^'; 
Luther: „Und wer weiß, ob du um dieser Zeit willen zur 
liglichen Würde gekommen bist?" Mardochai ruft die Worte 
;her prophetisch zu, um sie anzuspornen, daß sie durch ihr 
3rt beim Könige die bedrohten Juden vor der Ausführung des 
rdbefehls errette. So werden auch die Angeredeten zum mann- 
\en Kedekampfe angestachelt, denn vielleicht sind eben sie die 
wählten Büstzeuge, um die Kirche vor ihrem Bedi'änger zu 
lützen. Gerade aber die Abwandelung der BibelsteUe macht 
noch deutlicher, was bisher von niemand beachtet wurde, daß 
ser Schreiben samt der beiliegenden Flugschrift C eben nur an 
ei Empfänger gerichtet ist. 

Wer waren diese Empfänger? Offenbar sehr hochstehende 
^rsönlichkeiten, die sich anschickten, am Konzil teilzunehmen 
id nun gegen Kaiser Friedrich scharf gemacht werden sollten. 
Me Schleuderer der Kirche sollen die Steine bereit finden, und 
enigstens Unkenntnis der kaiserlichen Schandtaten soU ihnen 
icht zur Entschuldigung dienen für Kampfeslauheit. Zusammen 
lit den andern auserwählten Obersten Israels, welche sich frei- 
iUig zu diesem Wortkampf erbieten, sollen sie die geistlichen 
chlachten des Herrn durchfechten als Erwählte des Herrn und 
liferer für Glauben und Freiheit der Kirche.'* 

Zur näheren Bestimmung dieser hochgestellten Persönlich- 
eiten muß ein einziges Sätzchen ausreichen, das an sich wieder 
^el genug ist, nämlich die Anrede: „Ihr aber, auserwählte 
^ogel, die vom Aufgang der heiligen Lehre her zum Schutze 
einer Kirche der Glanz des Vaters gerufen hat."^ Die Stelle 
fk^rt sich durch Hinweis auf Jes. 46, 1 1 : „Ich rufe einen Vogel 
^^ Aufgang." Wenn sie einen vernünftigen Sinn haben soll — 

^ Flugschrift A hebe ich nur hervor S. 719 Z. 1 das sinnstörende „auctori- 
*^", statt dessen „a veritate" zu lesen ist (vgl. Jes. 48, 8). 

* ,,Vos autem, aves electe, quas vocavit ab Oriente doctrine sacre ad 
^^ munimen ecclesie splendor patris." 



302 K. Hampe. 

und die Bibelzitate sind hier alle mit großer Überlegung aus- 
gewählt — , so kann sie nur bedeuten, daß der Papst die beiden 
Angeredeten vom fernen Osten her gerufen hat. 

An den Verhandlungen des ersten Konzils von Lyon nahmen 
nun nur ganz wenige Vertreter des Orients teil; nur ganz zn- 
fallig; also schwerlich auf einen Ruf hiu, der Bischof von Beinit\ 
dagegen in hervorragender Stellung und durch die Gemeinsamkeit 
ihrer Interessen eng aneinander gekettet: der lateinische Kaiser 
Balduin U. und der Patriarch Nikolaus von KonstantinopeL 
Diese Beiden möchte ich denn auch in der Tat für die An- 
geredeten halten, und meine bis soweit noch imsichere Vermutong 
wird dadurch erheblich befestigt, daß eben auf jene Beiden einige 
weitere Stellen passend bezogen werden können. 

Einmal ist für sie die Bezeichnung „aves electe'^ insofern 
geschickt gewählt, als sonst eine Beide umfassende Benennung 
nicht leicht zu finden gewesen wäre. Sodann darf man wohl den 
schon angeführten Worten: „Denn wer weiß, ob ein jeder Ton 
Euch Beiden nicht vielleicht deshalb in das K«ich der Kirche 
gekommen ist, um zu dieser Zeit bereitet zu werden" noch einen 
besonderen Sinn geben. „Ad regnum" bedeutet für Esther aller- 
dings: „an den Königshof und zur königlichen Würde"; in Ver- 
bindung mit „ecclesie" kann man es nur räumlich fassen, und mag 
man es übersetzen: „an den Königssitz der Kirche'* oder, wie ich 
es oben getan habe, allgemeiner: „in das Reich der Kirche" — 
auf jeden Fall sind die Angeredeten von auswärts her in das. 
Gebiet der Kirche gekommen, imd zwar nicht aus Anlaß des 
Konzils von Lyon, sondern schon vorher zu einem anderen Zwecke. 
Vielleicht aber hat ein höherer Ratschluß ihre Herkunft verfügt, 
damit sie nun die Gelegenheit ergreifen, zum Heil der Kirche 
aufzutreten. Alles das paßt vortrefflich für das weltliche \Bi 
geistliche Haupt des lateinischen Kaisertums. Von einem rings 
von Feindesland umgebenen Außenposten sind sie in das eigent- 
liche Reich der Kjrche gekommen, nicht erst des Konzils wegen, 
sondern schon 1243, um die Hilfe des Abendlandes für das latei- 
nische Kaisertum und die lateinische Kirche zu erflehen.' 



* Daß der Patriarch von Antiochia niclit gemeint sein kann, ergibt 
sich aus dem Folgenden von selbst. 

- Auf dem Konzil zu Lyon wurde ihnen denn auch eine reiche Unter- 
stützung von Seiten der Kirche zugestanden, zum Teil vielleicht als Lohn 



Ober die Flugschriften zum Lyoner Konzil von 1246. 303 

äiter kommen folgende Worte in Betracht: „Wahrlich, da Ihr 
schon früher der Mund des Herrn gewesen seid, der Wert 
1 Unwert und Licht von Finsternis scheidet, so seid jetzt nicht 
tme des Zurückweichens/'^ Man darf hier wohl darauf hinweisen, 
l Kaiser Balduin vor einigen Jahren hatte wählen müssen, oh 
Friedrich U. oder Gregor IX. als seinen Oberherrn ansehen 
lle, und sich zu Gunsten des Papstes entschieden hatte ^, 
hrend der Patriarch sich gleichzeitig in die engste Abhängigkeit 
n abendländischen Papsttum begab. ^ War das nicht jene 
leidung von Wert und Unwert, Licht und Finsternis nach dem 
rbilde Gottes gewesen? Seitdem hatte freilich Friedrich II. 
\ Rücksicht auf den neuen Papst dem lateinischen Kaiser 
iges Entgegenkommen gezeigt*, so daß es vielleicht für kirch- 
tie Partei^nger nicht über allen Zweifel erhaben erschien, ob 
Iduin auch jetzt bei der Stange bleiben würde, zumal ein 
iedensschluß zwischen den beiden Häuptern der Christenheit, 
r die Kräfte der Kirche frei machte, in seinem eigensten In- 
resse lag. Hatte der lateinische Kaiser doch auch an den 
•iedensverhandlungen von 1243 und 1244 hervorragenden Anteil 
)liabt^, und es scheint kein Zufall zu sein, daß gerade diese 
erhandlungen in der dem Schreiben beigefügten Flugschrift C 
Jrhaltnismäßig wohlwollend beurteilt werden. Denn während 
idre Friedensvermittler, wie etwa der Patriarch von Antiochia 
M Betrogene oder gar Betrüger mehrfach heftig gescholten 
erden, sind jene Unterhändler „Eiferer für den kirchlichen 
rieden", die noch einen letzten Versuch machen, den ver- 
recherischen Kaiser mit der Kirche auszusöhnen.^ Mit ähnlichen 
LUBgleichsabsichten Balduins mußte man auch jetzt wieder 
Hjhnen. 

Oerade aber um sie zu durchkreuzen, scheint mir unser 
'tttor zu bemerken: Werde jetzt nicht die Gelegenheit zur Ab- 

if üire dem Papste ergebene Haltung in dem Streite mit Friedrich II. 
gl die dankenswerten Zusammenstellungen in dem von J. Haller in ge- 
uider Reaktion gegen zu lobpreisende Besprechungen doch wohl allzu 
'S zerzausten Buche von W. Norden , Das Papsttum und Byzanz , insbes. 
282, 285, 314. 

^ „Sane cum iam pridem fueritis os domini separantis pretiosum a 
^ et lucem a tenehris, ne (Druck: vero) sitis nunc subtractionis filii." 

^ Norden S. 324. 326. » Norden S. 276. * Norden S. 326. 

* Vgl. Reg. Imp. V, 3898. 3423 a. 3432 a. « Vgl. C 712, 18. 



304 K. Hampe. 

Setzung Friedrichs ergriffen, so werde jener mit seinen gewaltigen 
Machtmitteln die Kirche derart zerschmettern, daß sie weder m 
ihrem Sitze (Rom) zurückkehren, noch weiter vorschreiten („ultn 
progredi") könne. Dies Weitervorschreiten in der Richtung 
Lyon-Rom, West- Ost, bedeutet in diesem Zusammenhange doch 
wohl ein Unternehmen zu Gunsten des lateinischen Reiches, f&r 
das die Vernichtung Friedrichs die Voraussetzung bilden soll 

Endlich ist auch die Warnung vor den im Interesse des 
Friedens eifrig tätigen beiden Patriarchen von Antiochia und 
Aquileja^ besonders gut verständlich, wenn sie an den dritten d» 
in Lyon anwesenden Patriarchen, den von Konstantinopel ^ ge- 
richtet ist, der auf dem Konzil seinen Platz mit jenen gemeinsam 
hatte imd leicht von ihnen beeinflußt werden konnte. Andrerseiti 
wissen wir ja aus der Korrespondenz des Kardinals Rainer, wie 
mißtrauisch dieser jene Friedensbestrebungen verfolgte. 

Ich meine, das Zusammenstimmen aller dieser Beziehungen 
erlaubt die Annahme, daß Kaiser Balduin IL und Patriarcli 
Nikolaus von Konstantinopel in der Tat die Empfänger dei 
Schreibens waren. Dann aber muß auch Kardinal Rainer selbst 
nicht blos sein Kanzlist, der Absender sein, wenn er sich aocii 
zur Abfassung jenes Kanzlisten bediente; denn wie sollte eine 
untergeordnetere Persönlichkeit in diesem Tone mit so hohen 
Herren reden! 

Mit dieser Annahme ist ganz gut verträglich, daß die dem 
Schreiben beigefugte Flugschrift C sich in der Form allgemeiner 



^ Bei dieser Gelegenheit sei auf einen Irrtum Fickeis aufinerkflam 
gemacht. In Reg. Imp. V, 8470 a bezieht er den letzten Satz des Begleit- 
schreibens B, in dem von Segnungen Gebannter im Gebiete von Foligno 
und Gubbio und von Meßfeier und andern kirchlichen Kulthandlungen doit 
und in andern interdizierten Gebieten die Rede ist, auf den Patriaicbea 
von Aquileja und folgert daraus Schlüsse auf die Reiseroute desselben, ^ 
sich von dem Kaiser getrennt habe. Folz schließt sich ihm durch die Art 
seiner Übersetzung S. 89 an. Die Worte „ipse autem" und „prenuntim 
Antichristi^' weisen aber ganz sicher auf Friedrich selbst hin. Die SteÜe 
gewinnt dadurch an Bedeutung. Es sind Vergehen Friedrichs, die in der 
beiliegenden Flugschrift übergangen sind, und die hier noch nftcbgebolt 
werden, um zugleich dem Begleitschreiben einen wirkungsvollen Abachlw 
zu geben. Nur gehören sie nicht zum Jahre 1246, wo sie in das kw**'* 
liehe Itinerar nicht passen würden, sondern in eine frühere Zeit, vermutlidi 
zum Jahre 1240, wo Friedrich sich länger eben im Gebiete von Gnbbio ow 
Foligno aufhielt, vgl. Reg. Imp. V, 2741 ff. 



über die FlugBchriften zum Lyon er Konzil Ton 1245. 305 

. die versammelten Konzilsväter wendet, wie etwa aus der An- 
de ,,patres conscripti" (713, 30) allein schon deutlich hervor- 
ht.^ Sie mochte absichtlich in eine Gestalt gebracht sein, um 
igebenenfalls direkt als Rede auf dem Konzil verwendet werden 
können, sie sollte natürlich auch andern Konzils vätern, nicht 
ir den beiden Konstantinopolitanem bekannt werden, und es 
ire immerhin möglich, daß sie, wie diesen, so auch andern zu- 
isandt worden istJ 

Wann ist nun das Schreiben B mit der Flugschrift C als 
3ilage verfaßt und abgesandt worden? Schon Winkelmann ver- 
gt es in den Juli 1245, Folz S. 97 noch genauer zwischen den 
reiten und dritten Yerhandlungstag des Konzils (5. und 17. Juli); 
jnn die „eindringlichen, gegen Schluß immer heftiger werdenden 
uff orderungen, kein Mitleid zu haben mit dem Kaiser, sondern 
m zu vernichten", scheinen ihm in die Tage unmittelbar vor 
8iner Absetzung zu weisen, und eine Stelle, die von den Ver- 
änindungen eines Falschredners spricht, erscheint ihm als eine 
inyerkennbare Anspielung auf das Auftreten des Thaddäus von 
hessa am zweiten Yerhandlungstage. Auf den ersten Blick mag 
üese Behauptung bestechen, einer gründlicheren Prüfung hält sie 
nicht Stand. Schon mit der räumlichen Verlegung der Abfassung 
von Lyon ins Patrimonium wird sie ja überaus unwahrscheinlich. 
Es ist aber auch in beiden Stücken B und C schlechterdings kein 
Moment, das über die erste Woche des Juni hinauswiese. Bis zu 
diesem Zeitpunkt hin sind die einzelnen Phasen der Verhand- 
tangen mit Friedrich, seine Unternehmungen in Mittelitalien in C 
Hut großer Vollständigkeit geschildert. Dann, mit dem Momente, wo 
der Kaiser zusammen mit den friedensfreimdlichen Patriarchen von 
Antiochia und Aquileja auf Verona, „wie er angab" („ut dicebat^^ 
«ich bewegt, auf dem Wege dahin noch einige Schandtaten begeht, 
^d seine zurückbleibenden Mannschaften im Kirchenstaat selbst 
^och bis in den Juni hinein (,,adhuc in iimio^*) mit den Greueln 



* Auch die Anrede „animalia oculata" 718, 35 deutet darauf; ein Schüler 
^es mich auf die Parallelstelle Winkelm. Acta ü, 701, 7. 

* Daß die beiden Schriften A und C so oder so auch andern Konzils- 
"^•uchem bekannt geworden sind, ist begreiflich genug. Eine überein- 
■^iiöinung mit ihnen in einzelnen Punkten, wie etwa in der Rede des 
Bischofs von Carinola (vgl. Folz S. 96), kann daher gar nichts Auffdlliges 
laben. 



306 K. Hampe. 

fortfahren, bricht alles ab. Denn was nun folgt („Ecce quomodo 
aquila" etc. 713, 20 ff.) ist nichts als eine Angleichung der letit- 
geschilderten Ereignisse an biblische Bilder: So ist der Flog des 
Adlers zum Libanon, dem Wohnsitz der Kirche, eben der Einfall 
Friedrichs ins Patrimonium, die beiden Grausamkeit und Untreue 
darstellenden Falkenflügel (vgl. Hosea 13, 14. 15) sind seine au»- 
führenden Organe Peter von Vinea imd Vitalis von Aversa, und 
die Absicht Friedrichs, in Verona seinen Sitz aufzuschlagen („apud 
Veronam vult ponere sedem suam") wird als ein Zeichen dafär 
gedeutet, daß er der Vorläufer des Antichrist ist, denn Verona 
liegt im Norden, um Mitternacht! Und dieser Vergleich wird 
dann ja weiter in grandioser Weise bis ins Einzelne hinein durch- 
geführt; selbst die strenge Abschließung seines sizilischen Reiches 
nach außen und die mit Kostbarkeiten beladenen Wagen seines 
Gefolges müssen dazu herhalten. 

Ich will hier auf diese Einzelheiten des Inhalts nicht näher 
eingehen, obwohl es sich wahrlich lohnen würde, denn einer 
meiner Schüler wird da^^ Thema demnächst ausführlicher be- 
handeln. Hier kommt es nur auf die kritischen Momente zur 
Datierung an, und da vermag ich den Worten „apud Veronam 
vult ponere sedem suam" nicht die Auslegung zu geben, die Foli 
S. 97 ihnen geben möchte. Nicht auf eine bevorstehende Ankunft 
in Verona sollen sie sich beziehen, sondern auf den Beginn der 
Verhandlungen des dortigen Fürstentages. Das ist eine künst- 
liche, gepreßte Deutung. Nein, von der Ankunft Friedrichs in 
Verona (2. Juni^) hat unser Autor zur Zeit der Abfassung der 
Flugschrift offenbar noch nichts erfahren. Diese Nachricht, die 
ja aus feindlichem Gebiet keineswegs mit Eilboten bestellt wurd^ 
brauchte aber sicher länger als eine Woche, um in die Umgegend 
von Rom zu dringen. Bis mindestens zum 10. Juni etwa konnte 
also die Schrift geschrieben werden. 

Und für diesen Zeitpunkt, die erste Hälfte des Juni, bis 
wohin die Erzählung der letzten Ereignisse reicht, sprechen nun 
auch andre Momente. Zunächst ist jetzt der im Konzeptbuche 
Alberts von Passau der Flugschrift C hinzugefügte Vermerk 
„Dat. circa principium iunii" doch keineswegs mit Winkelmanfl 
einfach mehr abzutun durch den Hinweis darauf, daß noch 

^ Bei Folz S. 83 Anm. 3 durch Druckfehler: 2. Juli. 



über die Flugschriften zum Ljoner Konzil von 1246. 307 

isse im Kirchenstaate aus dem Juni erwähnt , und die 
ich in Lyon" vorgenommene Veröffentlichung der Schrift 
cht vor Ende Juni, vielleicht erst Anfang Juli erfolgt sein 
^ Vielmehr, liegt hier wirklich nur eine Vermutung Alberts 
88au vor, was ich nicht bestreiten wiU^ so hat er in diesem 
[urchaus das Richtige getroffen. 

isschlaggebend sind aber erst die beiden, von Folz an- 
nd ganz übersehenen Stellen, in denen es von dem kaiser- 
Gegner heißt: „Er befiehlt (Präsens!), die Straßen scharf 
irren, damit die Kardinäle, Prälaten oder ihre Boten nicht 
onzil kommen können" (C 714, 11) und die Wiederholung 
20): „wie darf mit ihm eine Versöhnung eingeleitet werden, 
^as Konzil der Kirche zu verhindern sucht?" Es ist klar, 
.s nicht zwischen der zweiten und dritten Sitzung des 
I geschrieben sein kann, wohl aber in der ersten Hälfte 
ai, da das Konzil auf den 24. Juni nach Lyon berufen war. 
i nun die Gleichzeitigkeit von B und C wegen ihrer ge- 
laftlichen Absendung und aus inneren Gründen voraus- 
tt ist, so dürfen auch die oben angeführten Worte von dem 
redner" (B 569, 3), die dem Bibeltexte Hiob 16, 9 angepaßt 
licht auf die Konzilsreden des Thaddäus von Suessa bezogen 
. Vielmehr können nur die letzten Friedensunterhandlungen 
m Konzil von März bis Mai 1245 gemeint sein, die vor 
on dem Patriarchen Albert von Antiochia vermittelt wurden, 
elbst (S. 30) hat betont, wie bei diesen Verhandlungen 
h Anfang Mai ein Moment eintrat, in dem Innozenz IV. 
srankend wurde, die Friedenspartei an der Kurie obzusiegen 
r Ausgleich, allerdings auf Grund enormer Zugeständnisse 
ßhs^, vollzogen zu werden schien. Hier liegt die Kxisis, 
zwischen der zweiten und dritten Sitzung des Konzils. 



SVinkelm. Acta 11, 717. 

Die ähnliche Stelle in C 711, 26 ff. bezieht sich auf die Yerhaud- 

Tom Sommer 1243, bei denen die Entscheidung durch ein Konzil 

idrich abgelehnt wurde, vgl. Reg. Imp. V, 3378 a. 

Die Stelle in C 716, 6 ff. ist sicher auf diese Anerbietungen zu be- 

wie auch Folz S. 32 nach dem Vorgange Fickers tut. Ist meine 

iben erwähnte Emendation „expositio" richtig, so handelte es sich 

e schriftliche Erklärung jenes Inhalts, die Friedrich abzugeben 



308 K. Rampe. 

Sobald die Verhandlungen dort einmal begonnen hatten, stand 
der Entschluß der Kurie zur Vernichtung des Kaisers fest, und 
es galt nur noch, das Konzil mitzureißen. Aber kurz vorher 
noch schwebte die große Entscheidung auf des Messers Schneide. 

Und damals ist nun Rainer, das Haupt der Kriegspartei | 
unter den Kardinälen, dessen Femsein von der Kurie man eben ^ 
in dieser Schwankung verspürt, von ernstester Sorge darüber ef- | 
füllt worden, daß selbst die „Brautführer** der Kirche der Stimme 
des Herodes mehr Gehör schenkten, als den Worten Jesu Christi 
(B 568, 37), daß sogar „die, welche das Lager Salomos nm- 
stehen" (B 568, 44), taub seien gegen die Klagen der Mutter 
Kirche und sich von den heuchlerischen Schmeichelworten dei 
Gegners umstricken ließen. Da hat er mit Hülfe der Feder ein« 
begabten Kanzleibeamten noch einmal ein gewaltiges publizisti- 
sches Geschützfeuer losgelassen. Es galt, Zweifel an der Elir- 
lichkeit des Friedensangebotes, an der Möglichkeit irgendwelcher 
Garantien für die Vertragstreue des Kaisers zu erregen durch die 
Schilderung seiner ganzen Vergangenheit imd insbesondere der 
jüngsten, noch während der Friedensverhandlungen begangenen 
Übergriffe in Mittelitalien. Erwägt man diese ganze Tenden» 
Rainers, koste es, was es wolle, die schwebenden Friedensverhand- 
lungen zu stören, so wird man kaum daran zweifeln können, dat 
hier geringfügige Vorkommnisse beim Truppendurchmarsch, die 
bei der allgemeinen Gespanntheit der Lage imd einem feindlichen 
Vorstoß gegen das von der Friedenssicherung ausdrückhch »n»- 
genommene Viterbo kaum zu vermeiden waren, von Rainer mit 
bewußter Absicht maßlos aufgebauscht worden sind.^ Weniger 
die Aufwallungen von Friedrichs leidenschaftlichem Temperament 
haben den Abschluß des Friedens auch jetzt verhindert, als die 
scharfmachenden, verhetzenden Berichte des Kardinals Rainer. 

Vor allem aber haben er und sein publizistischer Gehilfe mit 
glühendem Hasse, wilder Phantasie und doch zugleich auch mei8te^ 
hafter Berechnung ein religiöses Grauen vor Friedrich zu wecket 
und zu steigern versucht, indem sie ihn, anknüpfend an iufc' 
Hingen päpstlicher Manifeste, mit dem ganzen Aufwand ap^ 
kalyptischer Bilder und eschatologischer Vorstellungen schilderten 



^ Mit dieser Auffassung scheint auch die Ansicht des Patriarchen «» 
Antiochia übereinzustimmen, vgl. Winkelmann, Acta imp. l, 565. 



über die Flugschriften zum Lyoner Konzil von 1245. 309 

als den Vorläufer des Antichrist, mit dem kein Friede und Ver- 
gleich möglich sei. Das hat vielleicht mehr als alles andre auf 
die Gemüter der Zeitgenossen gewirkt und noch bis in ferne 
Jahrhunderte seinen Niederschlag gefunden in der Kaisersage. 

Mit solchen Mitteln galt es nun zu wirken auf die Lauen, 
Schwankenden, zum Frieden Geneigten. Bei Kaiser Balduin II. 
war die Gefahr einer solchen Neigung um so größer, als er eben 
auf der Reise nach Lyon im Begriffe stand, eine persönliche 
Unterredung mit Friedrich 11. zu suchen; wie leicht konnte er 
sich von ihm fangen lassen! Am 17. Juni 1245 ist Balduin in 
der Tat von Modena aus auf ganz kurzen Besuch zu Friedrich 
nach Verona gekommen.^ Daß der Patriarch von Konstantinopel 
in seiner Umgebung war, ist zum mindesten nicht unwahrschein- 
lich. Vielleicht hatten die Beiden schon damals die Mahnschrift 
des Kardinal Rainer erhalten, vielleicht auch ging sie ihnen kurz 
darauf bei ihrer Weiterreise nach Lyon oder ihrer dortigen An- 
kunft zu. Von ihrer Beteiligung an den Konzilsverhandlungen 
ist nur bekannt, daß der Patriarch auf der Vorversammlung des 
26. Juni die traurige Lage seiner Kirche schilderte, und daß 
Kaiser Balduin am dritten Sitzungstage, wie es scheint, unter 
denjenigen war, welche für eine Verschiebung der Absetzungs- 
sentenz eintraten.^ Danach hätten Rainers Bemühungen bei ihm 
zwar nicht ihre volle Wirkung ausgeübt, indes ein nachhaltiger 
Wderstand gegen die Absetzung Friedrichs wurde von dieser 
Seite doch auch nicht geübt. Vermutlich aber waren wie schon 
l)enierkt, die beiden Konstantinopolitaner auch nicht die einzigen 
^ter den Konzilsteilnehmem, denen die Flugschrift C zugestellt 
^nirde, zumal sie ohne jenes Begleitschreiben B auch in das 
Konzeptbuch des Dekans Albert von Passau gekommen ist, der 
ebenfalls zu den Teilnehmern des Konzils gehörte (vgl. Folz S. 60). 
Dort allein ist nun die andre Flugschrift A überliefert, über 
die ich einige Bemerkungen hinzufüge. Daß sie von demselben 
Autor, und zwar zu einem früheren Zeitpunkte verfaßt ist, be- 
weist neben vielen andern allein schon eine einzige Stelle. In C 
^ird dem Kaiser nämlich (710, 41) ein vierfaches Majestäts- 
verbrechen zur Last gelegt und auf eine weiter unten folgende 
t Erklärung hingewiesen. S. 715, 22 indes wird der Vorwurf 

\ * Vgrl. Reg. Imp. V, 8476c. « Ebenda 7760 a. 



310 K. Hampe. 

einfach ohne Erläuterung wiederholt. Der Leser kann also un- 
möglich ahnen, worin gerade das Vierfache des MajestatsTerbrecheos 
besteht. Dem Verfasser schwebte offenbar seine frühere Fing- 
Schrift A vor, in der er (720, 3S.) ausführlich auseinandergesetit 
hatte, wie Friedrich einmal durch die Todesandrohung gegen Papft 
und Kardinäle, dann durch die Gefangennahme der Eonzili- 
besucher von 1241, weiter durch die Verursachung des Todes 
Gregors IX. und endlich durch die Schändung der Eucharistie 
ein vierfaches Majestätsverbrechen begangen habe. Er vergaB^ 
das in C zu wiederholen; die Zusammensetzung dieser Vierzahl 
ist aber so künstlich und willkürlich, daß er, ohne daß A roraof- 
gegangen wäre, davon in C gar nicht geredet haben könnte. 
A ist also wohl schon vor Anfang Juni 1245 entstanden.^ Gewiß 
ist auch diese Flugschrift nach Lyon nicht ohne Begleitschreiben 
geschickt worden, da sie eines Briefanfangs und auch eines rechten 
Schlusses entbehrt. Dies Begleitschreiben ist aber von Albert 
von Passau, der bei C ebenso verfuhr, nicht überliefert und daher 
verloren. 

Inhaltlich zeigt A die Eigentümlichkeit, daß die Aufzahlung 
von Friedrichs Vergehungen eigentlich nur bis in das Jahr 1242 
reicht. Die Erzählung scheint noch während der Sedisvakan« 
abzubrechen; von den Ereignissen seit der Wahl Innozenz IV. irf 
keine Rede mehr, obwohl sie gerade Kardinal Rainer nahe genug 
berührten. Man könnte daher fast in Versuchung kommen, die 
Schrift noch den Jahren 1242 oder 1243 zuzuweisen, wenn nicht 
am Schlüsse doch ganz unverkennbar und zum Teil mit denselben 
Worten, die in C wiederholt sind, auf die palästinensischen Niede^ 
lagen des Jahres 1244 angespielt wäre,* Und die Ausplünderung 
der Schrift für die offizielle Absetzungssentenz in Lyon spricht 
andererseits auch dafür, daß sie unmittelbar im Hinblick auf dtf 
Konzil ausgearbeitet und wohl auch an die maßgebende Stelle 
selbst gesandt worden ist, — vermutlich doch, ehe Anfang Mai 
die Schwankung an der Kurie die Möglichkeit — oder im Sinne 
Rainers die Gefahr — einer friedlichen Verständigung zeigte. Denn 
sonst würde darauf wohl nach Art der Flugschrift C reagiert sein. 



^ Hier dürfte die in Alberts Konzeptbuch zugefügte Datierung „D»t 
circa principium iunii^^ in der Tat nicht ganz genau sein. 

* Vielleicht betrachtete man die Relation über Viterbo (D) als B^ 
gänzung und wollte hier das dort Gesagte nicht vdederholen. 



I 



über die Flugschriften zum Lyoner Konzil von 1246. 311 

Wird A danach etwa in den April 1245 zu setzen sein, so 
wird nun auch jene bisher von allen Forschern, selbst von Winkel- 
mann, und so auch von Folz (S. 54) unverstandene Stelle über 
eine vierte lebende Gemahlin Friedrichs 11. in ihrer Bedeutung 
klar. Man hat bisher übersehen, daß sich die Worte über sie 
zum Teil im Futurum bewegen. Sie knüpfen au eine Schilderung 
des Kaisers als eines Ritter Blaubart an, der seine drei Frauen 
im engen Kerker eingesperrt gehalten und nach der Volksmeinung 
sogar durch Gift aus dem Leben zum Tode befördert habe. Die 
folgenden Worte (720, 45) möchte ich so übersetzen: „Eine vierte 
ist, obwohl sie nicht in einen ähnlichen Kerker hat gestoßen 
werden wollen, doch durch die Sucht nach dem hohen Titel imd 
durch den glänzenden Schein der Volksgunst verlockt worden; 
nur allzubald wird sie von Trauer und Schrecken erfüllt werden, 
die nicht die Benetzung himmlischen Taues, noch der Trost des 
Lebens (vgl. Hiob 10, 4) oder lange Jahre einer zur Schau ge- 
tragenen P^ömmigkeit („policronium pompatice pietatis") tilgen 
werden. Denn wenn einmal der Geist der Eifersucht jenen Mann 
ergreift, der für sich das fürchtet, was er selbst andern angetan 
tat, 80 erregt er ihn durch so mannigfachen Verdacht gegen 
seine Gattin, martert ihn mit so beständiger Qual, daß er nicht 
zu einer wenn auch ganz unschuldigen Frau ein freundliches Wort 
zu reden oder sich sanft und heiter zu zeigen vermag, sondern 
er quält sie durch Kerkerhaft, peinigt sie durch Schläge, martert 
sie durch Schreckensworte. So soll nicht einmal die Schlange 
handeln, die, wenn sie aus dem Meere die Murene zur Begattung 
heranlockt, ihr Gift ablegt, wie die Naturforscher berichten.^^ 

Ich glaube, die Beziehung dieser Worte auf Gertrud, die 
Nichte Friedrichs 11. von Osterreich, ist möglich und notwendig. 
Beachtenswert ist von vornherein, daß zu „quarta" nicht das 
Substantiv „uxor** wiederholt ist. Wirkliche Gemahlin war sie 
ja noch nicht, aber da die Heirat so gut wie sicher war, mochte 
die Verlobte immerhin als zukünftige „vierte*^ den übrigen an- 
gereiht werden. Die folgenden Futura deuten an, daß sie das 
Eheleben an der Seite Friedrichs noch nicht kennen gelernt hat. 
^ der Kurie arbeitete man diesem Heiratsplane übrigens schon 
seit mindestens dem 8. Dez. 1244 entgegen.^ Wenn damals vom 



' Reg. Imp. V, 7487. 



312 K. Hampe. 

Papste dem Prinzen Wladislaus von Böhmen ein Dispens zur Ehe 
mit Gertrud erteilt, und trotzdem das Projekt ihrer Heirat mit 
dem Kaiser weiter verfolgt wurde^ so konnte man wohl annehmen, 
Gertrud sei durch die Aussicht auf höheren Rang und EinfloB 
verlockt worden. Etwa im März 1245 scheint der Heiratsvertng 
durch Vermittlung des Patriarchen von Aquileja zum AbschloB 
geführt worden zu sein; schon brachte der Bischof von Bamberg 
dem Herzoge den Königsreif als den ersehnten Preis seiner Zu- 
stimmung, in Verona sollte die Überlieferung der „futura conson 
nostra'^, wie der Kaiser sie selbst in einem Briefe an den Henog 
nennt ^, stattfinden.* 

Da ist bekanntlich noch in allerletzter Stunde an Gertruds 
Weigerung der ganze Plan gescheitert. Einwirkungen der Kirche 
waren daran gewiß nicht unbeteiligt, und vermutlich war uns» 
Flugschrift selbst ein Glied in der Kette dieser Einwirkruga; 
erinnern wir uns nur, daß sie uns gerade in dem KonzeptbudM 
des Dekans Albert von Passau überliefert ist! Über Passau, ai 
dessen Diözese Wien gehörte, pflegte die Kurie damals mit dem 
österreichischen Herzogshofe zu verhandeln.' Noch viel starker 
als ein Hinweis auf den Verlust des ewigen Heils durch den 
Verkehr mit einem gebannten Gatten* wird es auf das Gfemflt 
der Babenbergerin gewirkt haben, wenn sie erfuhr, daß ihr künf- 
tiger Gemahl schon drei Frauen in Kerkerhaft zermürbt und 
schließlich durch Gift beseitigt habe, daß sie selbst mit Sicherheit 
ähnlichen Qualen entgegengehe. Dasselbe B.ezept, wie in der 
Flugschrift C, Grauen vor Friedrich zu erwecken, ward hier in 
etwas anderer, aber ebenso raffinierter imd gewissenloser Wei» 
angewandt. 



^ Reg. Imp. V, 3475. Für die Unsicherheit darüber, wie weit die 
Aktion schon gediehen war, ist beachtenswert Matthäus Paris. M. 6. Sä 
XXVIII, 261: „filia (!) ducis Austrie vel ipsi imperatori copulata vel io 
proximo copulanda matrimonio." 

* Vgl. Reg. Imp. V, 3463a, 347Ö, 3478b, 11448b; A. Fickcr, Henog 
Friedrich II. S. 120 Anm. 3. 

» A. Ficker S. 117. 

* Das sagt übrigens Matth. Paris, doch nicht eigentlich, wie Folz S. 85 
angibt, sondern Gertrud habe gefürchtet, daß den Kaiser infolge der Ex- 
kommunikation die Absetzung treffen würde, was mit unserer nugscbrift* 
stelle, nach der das Streben nach dem kaiserlichen Titel ihr Hanptmoti' 
für das Eingehen auf den Plan war, gut zusammenstimmt. 



über die Flugschriften zum Lyoner Konzil von 1246. 313 

Wurde doch auch ein andres tragisches Ereignis aus dem 
ilienleben Friedrichs hier mit roher Hand hervorgezerrt und 
selbst Schuld gegeben: der Tod seines Erstgeborenen Heinrich 
Februar 1242. Nach der besten uns vorliegenden Nachricht 
Chronicon de rebus Siculis^ hat er sich auf einer Über- 
ung von einem Haftorte zum andern im Gebirge vom Pferd 
irzt \md ist an den Verletzungen bald darauf gestorben. Ob 
lieh Selbstmordabsichten vorlagen, wie hier behauptet wird, 
tite ich danach noch nicht einmal für ausgemacht halten. 
Q da der König nach dem Sturze „quasi mortuus^^ war und 
; darauf starb, so ist doch sehr fraglich, ob er selbst das 
i gestanden hat, oder ob etwa jener vielleicht unfreiwillige 
1 vom Pferde von den Begleitern oder auch Femerstehenden 
als Selbstmord ausgelegt worden ist. Richard von S. Ger- 
lO bezeugt demgegenüber, Heinrich sei natürlichen Todes ge- 
ben. — Es ist nun bekannt, daß von Späteren daraus ein 
rz in den Abgrund gemacht wurde, und eine Legende daran 
nüpfte, die in Conrad Ferdinand Meyers schönem Gedicht 
) letzte poetische Ausgestaltung gefunden hat. ünsre Flug- 
rift aber darf dafür nicht, wie es von Böhmer in den Kegesten 
chehen ist, als ein zeitgenössischer Beleg angeführt werden, 
I die von Folz S. 54 gegebene Übersetzung ist nicht richtig, 
in „desperationis precipitium advocavit'' ist zunächst nur 
llich gemeint, wie wir sagen würden: „Er wurde an den Rand 

Verzweiflung gebracht"*, hier nur aktiver mit dem Hinter- 
anken, daß Selbstmord in der Tat vorliege, zu verstehen. 
Ueicht hat aber gerade dieser bildliche Ausdruck, indem er miß- 
standen wurde, zur Ausgestaltung dieser Legende beigetragen. — 

Doch ich breche hier ab, denn es lag nicht in meiner Ab- 
it, den vollen Inhalt dieser bedeutsamen Flugschriften auszu- 
öpfen oder sie nach ihrem publizistischen Gehalt zu würdigen. 
»Imehr kam es mir einzig darauf an, für eine solche Verwertung 
1 Würdigung eine sichere kritische Grundlage zu schaffen. 

* Vgl. Reg. Imp. V, 4383 n, wo auch die sonstigen Quellenstellen ver- 
einet sind. Dazu Holder-Egger M. G. SS. XXXII, 87. 

' Vgl. ganz ahnlich in der Flugschrift B 709 , 28 ,,in abissum 
»peritionis". 



^tor.ViartoliJahnchrift 190d. 8. 22 



314 



Briefe der Herzogin Elisabeth Gliarlotte von Orltem 
nach Modena, Stockholm nnd Turin. 

Mitgeteilt von 

Hans F. Helmolt. 

,^ch bekomme oft brieffe von Modene von unßer Hertzogii 
von Hanover [Benedicta Henriette]'*, so schreibt Liselotte am 
8. April 1696 an ihre alte Erzieherin, Frau A. K von Harling 
in Hannover; „ainsi je vous advoue, que le peu de temps, qni 
me reste, je Toccape a escrire . . . une [fois la semaine] a I& 
duchesse de Hannover, a Modene'*, so lantet dasselbe Bekenntnii 
in einem Brief an ihren Halbbruder, den Kangrafen Karl Morula 
vom 7. Nov. 1700. Nahe genug lag somit der Oedanke, einmal 
in Modena anzufragen, ob sich nicht dort noch Briefe der Herzogin 
von Orleans befänden. Und richtig! Mit der an ihm bereit! 
andern Forschem gegenüber bewährten Liebenswürdigkeit (tgl 
z. B. Karl Haucks badisches Neujahrsblatt „Rupprecht der Kavaliei'i 
Heidelb. 1906, S. 115 Anm. 60) ging Giovanni Ognibene, Direktor 
des R. Archivio di Stato, auf meine Wünsche ein und sandte mir 
erst 4, dann weitere 23 Kopien zu. Die Originale davon heg« 
in der Cancelleria Estense, Principi esteri, Francia, Busta W; 
zeitlich reichen sie vom Jahre 1672 bis Ende 1720, umfesseß 
also fast den gesamten Zeitraum, den Liselotte als Gktttin Monsieoit 
in Frankreich zugebracht hat (1671—1722). Leider befinden sich 
Briefe an die oben erwähnte, gleichalterige Herzogin Benedicii 
Henriette von Hannover, die als Schwiegermutter des Henogi 
Rinaldo 1696 — 1710 meist zu Modena weilte, gar nicht darunter. 
Das ist sicherlich ein bedauerlicher Verlust, da diese KorrespoB- 



Briefe der Herzogin Eligftbeth Charlotte Ton Orläans. 315 

iz höchst wahrscheinlich in deutscher Sprache geführt worden 
Die erhaltenen Stücke können uns daftlr keineswegs ent- 
Lädigen; inhaltlich reicht ihr Wert an die von Paul Haake 
dieser Zeitschrift III, 3 (vom 1, Sept. 1898, S. 418—428) 
röffenÜichten Briefe an Wilhelmine Emestine Yon der Pfalz 
i weitem nicht heran. Trotzdem erschien es notwendig, le- 
iblich um der Briefschreiberin willen notwendig, sie einmal 
schlössen an einer Stelle zu publizieren, wo sie allen Fach- 
messen zuzüglich sind und nicht so bald der Vergessenheit 
iheimfallen können. Dasselbe gilt in jeder Beziehung auch 
m den gleich zu besprechenden Briefen nach Schweden und 
ÄToyen. 

Für das freundliche Entgegenkommen, womit mir der Herr 
erausgeber dieser Zeitschrift ohne weiteres ihre Spalten zur Ver- 
Igimg gestellt hat, danke ich aufrichtig. 

A. Sachlich ist den Briefen Liselottens nach Modena wenig 
tnzQzufugen. Es sind recht gleichgültige Dinge, die hier zur 
prache kommen: Todesfalle, Geburten, Vermählungen; nur im 
lerletzteu Brief ist ein politisches Ereignis, der Kongreß yon 
unbrai, berührt. Also Äußerungen rein konventioneller Natur, 
olweise (was namentlich die unwahren Gefühlsergüsse anläßlich 
sr Verbindung der total verzogenen Charlotte -Aglae d'Orleans 
it dem Erbprinzen von Modena betrifft) sogar „konventionelle 
ügen der Eulturmenschheit^^ Selbst eine Liselotte hat, wie wir 
18 ja auch aus andern Zeugnissen von ihr wissen, diesem haß- 
chen Zwang ihren Tribut gezollt; zwar mit Unmut, aber eben 
Dch gezollt. Wir sehen sie förmlich ächzen unter dieser höfi- 
ihen Nötigung. Und so mag sie gar nicht so böse gewesen 
an, ab während des Spanischen Erbfolgekriegs — vielleicht mit 
ifolge der Verheiratung der jüngsten Tochter Benedictens an den 
rzherzog, seit 1705 Kaiser Joseph I. — der Draht zwischen 
ersailles und dem vorher so französisch gesinnten Modena derb 
lockert, wenn nicht eine Weile ganz zerrissen war: da hatte 
», obwohl dort 1702 Prinzessin Henriette imd 1708 Prinz 
^ens geboren wurden, doch eine lange Reihe von Jahren 
701, zweite Hälfte, bis Jan. 1717) Ruhe, mit einziger Ausnahme 
f Eondolation anläßlich des frühen Todes der Herzogin Char- 
te Felicitas, ihrer Nichte, im Herbst 1710. Auch vorher schon 
einmal eine größere Lücke in der Korrespondenz (zwischen 

22* 



316 Hans F. Helmolt. 

Nov. 1686 und Sept. 1697) zu verzeichnen. Ich vermute dem 
Grund davon in der Tatsache, daß Ludwig XIV. nach der Ve^ 
mählung des taubstummen Emanuel-Philibert von Savoyen- 
Carignan (Nov. 1684), eines Oheims des Prinzen Eugen, mit 
Angela Catharina, einer Tochter des mailändischen Generals Borso 
von Este Marchese von Scandiano (1605 — 57), den Herzog 
Francesco U. von Modena (1662 — 94) genötigt hatte, einen Ver- 
wandten seines Hauses, der jene dem französischen König uner- 
wünschte Verbindung vermittelt oder befördert hatte, von seinem 
Hofe zu entfernen (vgl. Saint-Simon, Ausg. von 1873, VI, 394£; 
E. Bourgeois: Ez. Spanheim, Relation de la cour de France en 
1690, Paris u. Lyon 1900, S. 222). 

Alles übrige an Beziehungen usw. ergibt sich aus den An- 
merkungen zu den einzelnen Briefen selbst. 

B. Auch die 4 Briefe nach Stockholm sprechen in der Haopi- 
sache für sich selbst. In einer Hinsicht sind sie die „Perle^ der 
vorliegenden Publikation, insofern nämlich, als sie wenigstens mr 
Hälfte deutsch abgefaßt sind und doch etwas Politisch-historisches 
enthalten. Während der einzige Brief an Karl XIL nichts von 
Belang bietet, gewinnt das Verhältnis der Herzogin von OrleMi 
zum Stockholmer Hof an Interesse imd Lebhaftigkeit von dem 
Augenblick an, wo in Friedrich, dem Gatten der Königin Ulrike 
Eleonore, ein naher Verwandter^ den schwedischen Thron teilt 
und dann wirklich besteigt. Fortan spielt auch die seit langem 
strittige Frage der Auszahlung von französischen Subsidien, sof 
die schon Landgraf Karl von Hessen und sein Sohn Friedrich »b 
Erbprinz Anspruch gehabt hatten (vgl. meine „Briefe der He^ 
zogin Elisabeth Charlotte von Orleans", Leipzig 1908, H, S I59f.), 
eine beträchtliche Rolle. Ich habe schon in meinen Erläuterung« 
zu Liselottens Korrespondenz an den lothringischen Hof (j^^' 
buch der Gesellschaft f lothr. Geschichte u. Altertumskunde" 1908) 



» Wilhebn V. von Hessen-Kassel (1602—87) 

^ - " I ^ 

Charlotte (1627—86) Wilhelm VI. (1629—63) 

1650 G. Karl Ludwig v. d. Pfalz, f 1680 | 

Elisabeth Charlotte (1652—1722) Karl (1654—1730) 

Friedrich (1676—1751), 
1700: 1. G. Luise Dorothee v. Preußen, f 1705 
1715: 2. G. übike Eleonore v. Schweden, 1 1^*» 



Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans. 317 

sgeföhrt, daß aktive Politik zu treiben der Herzogia von Or- 
isiB selbst während der Regentschaft ihres Sohnes durchaus 
-ngelegen hat; nur so viel läßt sich behaupten^ daß sie sich 
m als Vermittlerin zwischen berechtigten Interessen naher 
^rwandten und der französischen Regierung hat gebrauchen lassen, 
fcs gilt auch hier. — Zu danken habe ich fQr die Herstellung 
d Vergleichung der Abschriften (nach den Originalen der Samm- 
agen „Gallica" und „Kongl. arkiv. Bref tili Ulrika Eleonora") 
m allezeit hilfsbereiten Herrn Archivrate Dr. Th. Westrin am 
schwed. Reichsarchive. 

C. Daß von dem ziemlich lebhaften Briefwechsel Liselottens 
t dem Hause Savoyen (ihre 1669 geborene Stieftochter Anne- 
uie, die, von der Stiefmutter erzogen, mit herzlicher Liebe an 
3ser hing, hatte 1684 Vittorio Amedeo H. von Savoyen ge- 
iratet) leider nur ganze zwei Briefe erhalten sind, hatte schon 
Oagniere in der Biographie ^Marie-AdeMde de Savoie' (Paris 
197, S. 12) kundgegeben. Meinerseits bedurfte es daher nur der 
»timmten Bitte an das R. Archivio di Stato zu Turin (Kategorie: 
Bttere Principi Forestieri, Francia m"*» 10, 1669 in 1789, fasc. 
722), mir davon Kopien anfertigen zu lassen. Inhaltlich ziem- 
ch bedeutungslos, werden diese beiden letzten Stücke bloß der 
Vollständigkeit wegen mitgeteilt. 

Da die Briefe der Herzogin von Orleans an die Königin 
Jophie Dorothee von Preußen aus den Jahren 1716 — 22, die, 
UBher der Forschung über Liselotte ganzUch unbekannt und ent- 
zogen, im K. Hausarchive zu Charlottenburg ruhten, von mir im 
Ester. Jahrbuche veröffentlicht werden imd alle übrigen Nach- 
Hgen bei andern Archiven ergebnislos waren, so dürfte es mir 
ijdungen sein, das Suchen nach verschollenen Briefen der tüch- 
%eii und liebenswerten Pfalzerin zu einem vorläufigen Abschlüsse 
rBbracht zu haben. Nun kann es sich meines Erachtens nur 
loch um einzelne Stücke handeln, die gelegentlich der Auto- 
^phenhandel zutage fordern wird. Es sollte mich freuen, 
"^enn ich meiner kritischen Liste aller erreichbaren Briefe 
'iselottens (Konr. Haeblers „Sammlung bibliothekswissenschaft- 
cher Arbeiten", 1908) einst recht viele Nachtrage anzugliedern 
ätte. 



318 Hanfi F. Helmolt. 

A« Siebenondzwanzig Briefe naeli Modena. 

1. An Herzoginwitwe Laura Martinozzi von Modena.* 

A Paris ce diz">*. octobre 167S. 
Ma Cousine la parte que tous ayez faitte de M'. le Cardinal DEit' 
vous ayant estä tres sensible vous debuez estre persuad^ que Jen aj M 
extremement touchäe prenant part comme ie tais a tout ce qui pent ettre 
de vos Interests. cest un coup du ciel que Ion ne peut eviter; il fikult s'inn« 
de fermete et de constance pour souskenir une affliction de cette qualiiä. i« 
Bouhetterois fort vous y pouvoir donner quelque soulagement; ie vous asseuit 
que ie le ferois de bon coeur et avec le mesme plaisir que celluy que hj 
de me dire Ma Cousine Vostre tres affectionn^e 

Cousine 

Elisabeth Charlotte. 

2. An den Herzog Francesco IL. von Modena. 

A Fontainebleau ce 15* Novembre 1682. 
Mon Cousin La lettre que vous m*avez escritte au sxget de la naif- 
sance de Monsieur le Duc de Bourgogne' me faisant veoir la Joje que 
vous en avez eü, me fait comprendre que vous estes non seullement antut 
Attache aux Interestz de ce Boyaume^ qae Ton le peu estre, maig que 
vous avez aussy pour ma personne des sentimens si favorables que je ne 
puis ne vous en estre pas fort redevable; obligez moy d'en estre penosd^ 
et de vouloir croire que je suis 

Mon Cousin Vostre bien bonne Cousine 
Elisabeth Charlotte. 

' Bereits gedruckt: meine Auswahl I, nr. 7, S. 6. Laura, 1666 nr- 
mahlt, war 16. Juli 1662 Witwe geworden und ist am 19. Juli 1687 ge- 
storben. Die Mutter der Adressatin war Margareta Mazarini, eine Kasse 
des Kardinals Mazarin. Lauras Tochter Maria Beatrice Eleonora wvde 
21. Nov. 1678 die 2. Gemahlin des Herzogs von York, spätem KOnigi 
Jakob n. von Großbritannien, der seinerseits ein Vetter Karl Ludwigs ron 
der Pfalz und ein Schwager Philipps L von Orleans war. Ein gutes Ve^ 
hältnis zu Modena gehörte zum italienischen Programm Ludwigs XIT.: 
und jener suchte mit französischer Hilfe in den Wiederbesitz von Comftochio 
zu gelangen (vgl. M. Immich, Geschichte des europäischen Staatensysteoi 
von 1660 bis 1789, Münch. 1906, S. 48). 

* Rinaldo, geb. 1618, seit 1641 Kardinal, war ein Bruder von Lanr» 
Schwiegervater Francesco I. von Modena. 

' Louis, geb. 6. Aug. 1682, ältester Sohn des „grand dauphin'' Lonii 
und der Maria Anna von Bayern und 1711/12 selbst Dauphin. Bei der 
Taufe am 6. Jan. 1687 hielt Liselotte den Prinzen zusammen mit dem 
Könige; vgl. ihren Brief an Sophie von Hannover vom 8. Jan. 1687. 

* Vgl. den Schluß von Anm. 1. 



Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orläans. 319 

3. An den Herzog Francesco ü. von Modena. 

A Paris ce 25* Janvier 1684. 
Mon Cousin Quand le S'. Nigrellj vostre Gentilhomme ne m*auroit 
I apprise combien vous avez estä sensible ä la mort de la Beyne^ la 
tre qu^il m'a rendüe de vostre part marque assez la douleor qne vons 
» eüe d*nne perte dont toutte TEorope a est^ tonchde. Elle m*honoroit 
ine si tendre amitiä' qne ce fat pour moy nn coup extrem ement mde; 
Je vous advoüe que la consolation des personnes de vostre merite m*a 
6 d'nn grand secours dans cette foneste conjonctnre. Les sentimens 
pectneoz qne vons conservez ponr sa memoire angmentent TEstime que 
f toigours eüe ponr vons, et m'obligent ä estre avec plus d'affection 
Mon Cousin Vostre tres affectionnäe Cousine 

Elisabeth Charlotte. 

4. An den Kardinal Binaldo d'Este.' 

A Versailles ce 25* Novembre 1686. 
Mon Cousin Vons me ferez plaisir de croire qne j'ay pris toutte la 
rt que j'ay deue^ au contentement que vous avez eü de vostre promotion 
Cardinalat; Je vous asfeure que les honnestetez que vous me faicte en 
;te occasion m'engageront toigours k avoir de pareils sentiments pour 
18 Interestz, Et que j*accepteray volontiers les rencontres qui se pre- 
iteront de vous faire connoistre que je suis 

Mon Cousin Vostre affectionu^e Cousine 

Elisabeth Charlotte. 

5. An den Herzog Binaldo von Modena. 

A S' Cloud ce 18* Septembre 1697. 
Mon Cousin Je vous asseure, que je prens toutte la part que je 
OB, ä la nouvelle, que vous m'aprenez, de Theureux acouchement de ma 



^ Am 30. Juli 1688 war Maria Theresia gestorben. 

' „die gutte Königin hatt mir in aUen mein chagrin die gröste 
sondtschafit von der weit erwießen^^: Liselotte an Sophie von Hannover, 
Aug. 1683. 

' Binaldo, der 1665 geborene jüngste Bruder Alfonsos IV. (H.) von 
>dena, war 2. Sept. Kardinal geworden und bestieg 1694 den durch den 
d seines NeflTen Francesco H. verwaisten Thron (f 1737); seit 28. Nov 
^5/11. Febr. 1696 vermählt mit Charlotte Felicitas von Braunschweig. 
Friedrich V. von der Pfalz (1696—1632) 

Kari Ludwig (1617—80) Eduard (1626-63) 
I G. Anna Gonzaga, f 1684 

«abeth Charlotte (1662—1722) Benedicta Henriette (1662—1730) 

1667 G. Johann Friedrich v. Hannover (1626—79) 

Charlotte Felicitas, Wilhelmine Amalie (1673—1742) 

• 8. HL 1671, t 29. IX. 1710. 1699 G. Joseph (L; 1678—1711) 
« » düe. 



320 Hans F. Helmolt. 

Cousine^; quoy que vous n*ayez pas eü tont a fait vötre Desii acomply; 
II faut esperer, que ce sera pour quelque antre fois ' ; Je le Bouhaitte ponr 
v6tre satisfaction, et que vous soyez persuadä que je suis 

Mon Cousin 

Vötre affectionn^e Conibe 
Elisabeth Charlotte. 

6. An den Herzog Rinaldo von Modena. 

A Versailles ce 29 de Janvier 169S 
Mon Cousin. Vous ne vous trompes pas en Croyant que je prend put 
a ce qui vous reguarde et Madame la Duchesse de modene vostre EspooM, 
je souhaitte que la grosesse' finise heureussement et par un beau prinoe 
dont vous ayes tont deux toutte sorte de satisfaction. je vous snifl trei 
obligee du compliment que vous me faittes snr le manage de madame li 
Duchesse de bourgogne * et je vous prie destre persuades que je suis 

Mon Cousin 

Vostre affectionn^e Coosiiie 
Elisabeth Charlotte. 

7. An Herzogin Charlotte Felicitas von Modena.^ 

A S^ Clou ce mercredy 16 de Juilleet 1698 
madame la duchesse de Savoye ^ ma mandes ma chere niepce qtt 
vous esties accouchee d'un Gar9on', je ne croi pas la reine d*engletme' 
puisse estre plus aisse que je la suis, de cette nonvelle, car j'espere qoe 



^ Charlotte Felicitas von Hannover, seit 11. Febr. 1696 Gremahlin Bi- 
naldos, hatte am 18. Aug. 1697 die Prinzessin Benedicta Emesta Mirift 
(gest. 19. Sept. 1777) geboren. Daß man schon ein Jahr vorher ungeduldig 
darauf gewartet hatte, beweist folgende Stelle aus dem Briefe Liselotteoi 
an Sophie von Hannover vom 15. Juli 1696: „vielleicht weiß der bertsoif 
von Modene, so immer cardinal geweßen, die kunst nicht recht, kindern 
machen met verlöff met verlöff ; imßere hertzogin [Benedicta Henriette, dii 
Schwiegermutter!] solte die sach genawer examiniren'^ 

* Der Wunsch ist in Erfüllung gegangen: am 2. Juli 1698 kim <iff 
Erbprinz Francesco (HI.) Maria zur Welt, der 1720 einer Enkelin Liselottetf 
vermählt worden und am 22. Febr. 1780 gestorben ist (vgl. den Brief v<k> 
1. Dez. 1719). 

» Vgl. Anm. 2. 

* Marie-Adelaide von Savoyen war am 7. Dez. 1697 mit dem Doc de 
Bourgogne vermählt (der Heiratsvertrag bereits am 16. Sept 1696 voll- 
zogen) worden. 

* Bereits gedruckt: meine Auswahl I, nr. 122, S. 182. 

« Anne-Marie d'Orl^ans, seit 1684 Gemahlin Vittorio Amedeoe H 
von Savoien. 

' Francesco (UI.) Maria, geb. 2. Juli 1698 (gest. 22. Febr. 1780). 

* Maria Beatrice von Modena, Gem. Exkönig Jakobs U. von Engl«* 
und Nichte des Herzogs Binaldo; lebte zu Saint-Germain-en-Laye. 



Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans. 321 

k affermera vostre bonhenr qni ne sera jamais si grand et si parfait^ 
je le desire. je souhaitte qne vous voyes les petita enfants du prince 

Tons vient de naistre et qne toutte vostre vie ne soit remplie qne de 

le benediction. je vous prie de tesmoigner bien ma Joye a mouNeur le 
vostre ezpoux' et de croire que vous n^aves point de Tante qui vous 

e plus tendrement que moy. 

8. An den Herzog Rinaldo von Modena. 

a S* cloud ce 23»« juUiet 1698. 

Mon Cousin Jespere que vous serez bien persuadä, que je prens toutte 
part que je dois, k la nouvelle que vous me donnez, de Theureuse 
isance du prince', qu'il a plu a Dieu vous donner; Je souhaitte que 
8 ayez de plus en plus toutte la satisfaction , que vous en esperez; 
que vous soyez persuad^, que je suis Mon Cousin 
Vötre affectionn^e Cousine 

Elisabeth Charlotte. 

[Eigenhändige Nachschrift:] 
n ignorance est Causse que je nay pü lire vostre lettre mon Cousin, Car 
ne say pas un mot d'ittallien, c'est pour quoy je nay pust y respondre 
ma main. mais j*ay taut de Joye de ce que le bon dieu vous a donne 
prince que je ne puis m'empecher de vous en temoigner ma joye moy 
!me et de souhaitter que ce prince vous donne toutte sorte de Joye et 
contentement et de sattisfaction. 

9. An den Herzog Rinaldo von Modena. 

a S* Clou ce mer[cr]edy 26 d'aoust 1699. 
m Cousin. Jespere que madame la Duchesse de hannover' vous ora* 
it mes excusses de ce que je ne vous ay pas fait Eesponce aux deux 
tres que vous m^aves fait Thonneur de m'escrire dont j'ay receüe Tune 
t lab^ Eesignie et lauttre par mons' le marquis Bangoni. par la premiere 
vois que madame la Duchesse de modene est accouch^e heureussement 
one princesse^ je m'en rejouis et je souhaitte qu'elle vous Donne toutte 
rte de Contentement, vous ne vous trompes pas en Croyant que je 
interesse a tout ce qui vous reguarde, bien des raisons m'y obligent: la 
oximite qui est entre madame la duchesse de modene et moy et lestime 
c j'ay pour sa personne et la vostre me feront toi\jours vous assurer 
ec verit^ que je suis 

mon Cousin 

Vostre affectionn^e Cousine 
Elisabeth Charlotte. 



^ Rinaldo, 2. Sept. 1686—21. März 1695 Kardinal, seit 1694 Herzog; 
1- die Anm. zum Briefe vom 25. Nov. 1686. 

* Vgl. Anm. 2 zu Seite 320. 

' Benedicta Henriette, die Schwiegermutter Rinaldos. 

* = aura. 

* Amalia Josepha, geb. 28. Juli 1699 (gest. 5. Juli 1778). 



322 Hans F. Helmolt 

10. An den Herzog Rinaldo von Modena. 

a fontainebleaa ce 8"^ octobre 1699. 
Mon Consin je youa prie D'Estre penuad^ qne jay pris beancoop Di 
pari a la perte que vous avec faict De Madame la Dnchesse De Modeae 
voBtre mere^ je youb asseure, que je vous snis fort oblig^e Des ofies di 
Service que voas me faitie; je soabaitterois avoir oocasion De toiu fm 
connoistore TEstime que Jen fais Et combien je suis 

Mon Cousin 

Vestre[!] affectionn^ Coonne 
Elisabeth Charlotte. 

11. An Herzogin Charlotte Felicitas von Modena.' 

a fontainebleau ce 13 doctobre 1699. 
je vous suis infiniement oblig^e ma chere niepce de la joye, que nous dm 
tesmoignes de Iheureux accouchement de ma fille', et les marqnes dt 
vostre Souvenir ne peuvent jamais que m'estre tres sensible; vous aimait 
auttant que je faits, et ayant pour vous tout les senüments que rou 
pouves desirer. 

12. An den Herzog Rinaldo von Modena. 

a fontainebleau ce 13 d'octobre 1699 
Mon Cousin, je vous suis tres obliges de me marquer en toutte o^ 
casion de prendre tant de part a ce qui me touche et sur tout pressente- 
ment pour Theureux accouchement de ma fille ', je vous prie d'estie pe^ 
suad^e [!] que je ne prend pas moins de, part a ce qui vous reguude et 
que je seres toujours 

mon Cousin 

vostre affectionn^ Coonne 
Elisabeth Charlotte. 

13. An Herzogin Charlotte Felicitas von Modena.* 

a S* Clou ce mercredy 19 de may 1700. 
je vous suis infiniement oblig^e ma chere niepce de la part que voos ne 
tesmoignes prendre a la peine que j*ay eüe de la perte de mon petit iili 
le prince de Loraine^ je souhaitte de tout mon Coeur que vous n*eipiou- 
res* jamais ce que c'est que la perte des enfants, et que les vostre ▼oo 
donne mille et mille Joye et satisfaction. ma fille me mande qu eile cioit 



» Lucrezia Barberina (24. Okt. 1630 geboren), seit 14. Okt 16W 
3. Gemahlin Francescos I. von Modena, war am 24. Aug. 1699 gestorbea. 

' Bereits gedruckt: meine Auswahl I, nr. 183, S. 194 f. 

' Der am 26. Aug. 1699 geborene Prinz Leopold ist schon am 4. Apnl 
1700 gestorben; vgl. den Brief vom 19. Mai 1700. 

^ Bereits gedruckt: meine Auswahl I, nr. 138, S. 208 f. 

' Am 4. April; vgl. Anm. 3. 



6 



= äprouvirez. 



I 



Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orläans. 323 

e pouToir jamais ce^ Consoler de son malheur, cepandant le temps est 
in grand maistre. je Lny feres savoir ma chere niepce comme Tons la 
»laignes dont Elle vous sera tres obb'g^e. yers le mois doctobre nous verons 
i nostre perte sera bien repaiäe; car ce sera vers ce temps la que ma fille 
Mcoachera. ' ne douttes pas ma chere nidpce qne je ne conserve pour voos 
toutte ma vie nne estime tres parfaitte et une amiti^ aussi tendre que vous 
le ponres desirer. 

14. An den Herzog Rinaldo von Modena. 

a Paris ce mercredy 22 de Septembre 1700. 
Mon Cousin j'aj eüe beaucoup de Joye d^aprendre par vostre lettre 
da 1 de ce mois que Madame la Duchesse de modene est heurenssement 
accoach^e d^un second fils'; Car personne ne prend plus de part que moy 
a tont ce qui vous regard n'y vous souhaitte plus de satisfaction et de 
prosperit^. ce' de quoy je vous prie d'estre bien persuades et de me croire 

mon Cousin 

vostre affectionee Cousine 
Elisabeth Charlotte. 

15. An Herzogin Charlotte Felicitas von Modena.^ 

A marly ce mercredy 10 d'aoust 1701. 

Mens' Rangoni m*a dünnes vos deuz aimables lettres ma chere niepce 

je suis tres touch^e de la part que vous aves pris dans mon malheur^ 

<le touttes Tamitie que vous me tesmoignes je vous prie d*estre persuad^e 

^e j'en ay toutte la reconoissance que je dois et qu*on ne peust vous 

Oder n'y honorer plus que je fais. 

Elisabeth Charlotte. 

16. An den Herzog Rinaldo von Modena. 

[VersaülesJ ce 20. aoust 1701 
Mon Cousin, comme je suis persuad^e que vous avez pris beaucoup de 
<rt a la perte que jay faitte de Monsieur ^ Et a la sensible douleur que 
txx resens, vous m'obligerez extremement de croire que je vous en suis 
r± obligee, et que je m'jnteresseray autant quil me sera possible, aux 
Loees qui pouront regarder nos Interests, vous assurant que je suis, 

Mon Cousin, 

Vostre tres affectionn^e Cousine, 
. Elisabeth Charlotte. 

* = se; im nächsten Briefe = c'est. 

* Damals wurde Prinzeß Elisabeth Charlotte geboren; gest. 4. Mai 
711 (vgl. den Brief an Raugräfin Luise vom 14. Mai 1711). 

* Giovanni Pederigo, 1. Sept. 1700 (gest. 13. oder 14. April 1727 
a Wien). 

^ Bereits gedruckt: meine Auswahl I, nr. 153, S. 220. 

* Tod des Gatten am 9. Juni 1701. 

^ Am 9. Juni 1701 war Philipp I. von Orläans gestorben. 



324 Hans F. Helmolt. 

17. An den Herzog Rinaldo von Modena. 

a marly ce mercredj 15 octobre 1710 
Mon Consin je suis tarop vivement touch^e de vostre perte \ pom oe 
V0U8 pas Marqner la part qne j'j prend. Dien senl peust donner de la Coo- 
Bolation dans ces sortes de malhenrs, je le prie de vons assister et tob 
prie de croire quo je suis 

Mon Cousin 

vostre affectionee Counne 
Elisabeth Charlotte. 

18. An den Hersog Rinaldo von Modena. 

a versaiUes ce 1" 9*»~ 1710. 
Mon cousin j'ay appris avec beaucoup de douleur pai la lettre qne 
vous m'av^s escritte le neuf d'octobre la triste nouvelle dont vous me fiitei 
part, ie comprens aisement que la perte d'one princesse aussy accompäl 
que lästoit Madame la Duchesse de Modene ' iointe a toutes les circoDstanoei 
dont vous me marqut^s que la mort a este accompagn^e, doit avoir ati 
pour vous un coup tres sensible, i'y prens d*autant plus de part que wn 
moy mesme pour ma niepce une estime tres particuliere, ie vous prie d'eifett 
bien persuad^e de celle que iay aussy pour vous et que ie suis 

Mon Cousin 

Vostre tres affectionn^e ccuÖBe 
Elisabeth Charlotte. 

19. An den Herzog Rinaldo von Modena. 

a Paris ce 8 Jan'. 1717. 
Mon Cousin, Mons'' Le Comte Guichardy " m'a remis la lettre que tow 
m'av^s fait Thonneur de mescrixe, je ne scaurois assez vous remercier, dei 
termes obligeants daus lesquels eile est con9ue. II m'a dailleurs assoie di 
vostre part des sentiments favorables que vous av^s pour moy, et je id0 
fais aussy un fort grand plaisir de vous tesmoigner la veritable estnl 
avec laquelle je suis 

Mon Cousin 

Yostre bien affectionn^ CoTuine 
Elisabeth Charlotte. 

^ Am 29. Sept. 1710 war Rinaldos Gattin Charlotte Felicitas gestorbei. 

* Vgl. den vorhergehenden Brief. Inzwischen war ein ausfohrliclMr 
Bericht über die letzten Tage der Herzogin Charlotte Felidtaa eingett(^ 
Vgl. Liselotte an Et. Polier, 13. Okt. 1710: „on Ta accouch^ de fbzte,«^ 
apres avoir est^ bien accouch^e, eile est tomb^e en lestargi^ p^thusn 
et est morte." 

' Vermutlich hat der durch den Grafen Guicciardi[ni] überbracW 
Brief die ersten Fühler hinsichtlich einer Verbindung des Erbprinxen f* 
Modena mit einer Enkelin Liselottens enthalten; vgl. den Eingang ^^ 
Briefes vom 1. Dez. 1719. 



Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans. 325 

20. An den Herzog Rinaldo von Modena. 

A S* Clond ce 10 8*>" 1719. 
tfon Coosin, je recois avec beanconp de reconnoissance les Nonvelles 
les que vons me donnäs de vostre Souvenir et dont le Comte de 
ico m*a assur^ de vostre part, je suis anssy fort sensible an compli- 
qne vons me faitte snr la mort de Madame La Dnchesse de Berry^ 
stitte fille et vons prie d'estre bien persuad^ de la Sincerit^ avec la 
je suis 

Mon Cousin, 

Yostre tres affectionnäe Cousine 
Elisabeth Charlotte. 

21. An den Herzog Binaldo von Modena. 

A S' Cloud ce 1.«' x.»»" 1719. 
Mon Cousin, Ayant donn^ mon agr^ment au mariage de ma petitte 
lad.*"* de Valois avec Mons.' Le Prince de Modene Vostre fils, il y-a 
ans, Et en ayant eu la premiere pens^e que j'escrivis a Madame 
ichesse de hannover vostre belle mere, Yous ne scannt douter de la 
|ne j'ay eüe par la lettre qui m*en apprend la conclusion.' j'äspere 
ela sera suivi de tont ce qui peut les rendre heureux. J'ay estä tres 
le a toutes les honnestetäs que yous aväs bien voulu me faire dans 
dccasion. je me suis flatt^e de vostre estime et amiti^, et je souhaitte 
eile alliance en resserre et fortifie les noeuds de plus en plus, je 
de mon cost^ tout ce qui poura despendre de moy pour les entretenir, 
ir vous donner des marques de la sinceritä avec la quelle je suis 
Mon Cousin 

Vostre affectionn^e Cousine 
Elisabeth Charlotte. 

22. An den Prinzen Francesco (III.) von Modena. 

A S* Cloud ce 1*' x.*»" 1719. 
Mon Cousin, j'ay re9u avec des dispositions tres favorables, les pro- 
9ns qui m'ont est^ faittes de vostre mariage avec ma petitte fille 
°* de Valois*, Et iy ay donn^ mon consentement avec beaucoup de 



' Am 21. Juli 1719 war Marie-Louise-£lisabeth d'Orl^ans, die älteste 
in Liselottens, seit 4. Mai 1714 Witwe des Duc Charles -Emanuel 
iny, gestorben. — Über Salviatico vgl. die Briefe an Sophie Dorothee! 
* des unterschriebnen Heiratsvertrags, den der vom Herzog von Orleans 
Modena gesandte Kurier am 26. November überbracht hatte. Die Ver- 
ing der Prinzessin Charlotte- Agla^ d 'Orions mit Francesco (HI.) Maria 
I fand per procurationem (wobei den Bräutigam der Duc de Chartres, 
nzige Bruder der Braut, vertrat) am 12. Febr. 1720, de facto erst am 
ini statt. Der Einzug in Modena erfolgte am 20. Juni 1720; seit 
krz war die Prinzessin, die ihre Reise absichtlich in die Länge zog. 
wegs gewesen. 
> Vgl. den vorhergehenden Brief. Die Ehe verlief äußerst unglücklich. 



326 Hans F. Helmolt. 

joye. Je n'en ay pas moinB de voir que vous y attach^ voatre bonlieaE; 
parceque je ne Bonhaitte rien tant que de contribner a vons rendre henreoL 
j'^spere que me petitte fille respondra comme vous le merit^ aux sentimenli 
avantageuz que vous aväs. et je vous assure que je n'oubliray rien de ei 
qui poura yous faire connoistie la sincere amiiiä avec la quelle je suis 

Mon Cousin 

Yostre affectionn^ Coiuine 
Elisabeth Charlotte. 

23. An den Herzog Rinaldo von Modena. 

A S* Cloud le 27 may ITW. 
Mon Cousin quoique vous mayez disja [!] temoign^ vos sentiments d'ai» 
maniere qui m'a fait un sensible plaisir, touchant le mariage de ma PetH» 
fille avec le Prince vostre fils: J'ay re9u cependant avec une nouvelle joye 
tout ce que vous voulez bien encore me marquer sur ce Bi:get daiu li 
lettre qui m'a est^ rendüe par le Marquis de Rangone\ et tout ce qn'ii 
m'a dit de vostre part. L'alliance qui estoit desja entre vous et moj "■ 
devient en effet encore plus etroite par ce mariage, et je souhaite que nou 
ayons bientost la consolation d'en voir las fruits que vous pouvez deaio: 
Le Marquis de Rangone s'attire de la consideration par luy mesme, et 
venant de vostre parte, il ne pouvoit manquer d'estre re9n agreablement «t 
du Roy' et de mon fils.' Si neantmoins je pouvois luy rendre quelqu« 
bons Offices en cette Cour, vous devez estre persuad^ que je le feroiB avw 
tout le zele et tonte l'affection que vous pouvez attendre de la penonM 
qui est le plus parfaitement 

Mon Cousin 

Vostre tres affectionee Cousine 
Elisabeth Charlotte. 

24. An den Herzog Rinaldo von Modena. 

A S* Cloud ce 6 juilL 1720. 
Mon Cousin Vous m'av^s fait un Sensible plaisir De m'apprendie 



was hauptsächlich der völligen Verzogenheit der Prinzessin (vgl. Liselotte 
an Raugräfin Luise, 26. Mai, 18. Juli und 14. Dez. 1720) zuzuschreibet 
war. „Zu Modena soll es doli zugehen, sollen wie hundt und katzen seiB 
undt sich offt zancken, welches mir kein wunder gibt^': Liselotte an Bm* 
gräfin Luise, 28. Aug. 1720. Auch das Verhältnis des jungen Paaret m* 
Vater und Schwiegervater, der, „hofiPartig undt quintisch^, das BegimeBt 
nicht mit dem unterm 26. Okt. 1720 zum Herzog ernannten Sohne teüit 
wollte (Brief vom 12. Juni 1721), ließ gleich anfangs sehr viel zu wünschet 
übrig; erst am 27. Nov. 1721 hören wir von Liselotte, daß in Modena ^ 
lob der frieden gemacht^^ sei. Die erbprinzliche Residenz war seitdea 
Reggio d'Emilia. Vgl. auch die Briefe an Sophie Dorothee von PreuBeo. 

^ „Gestern kam ein Marqui de de Rangoni her, so sich hir t^ 
envoyes aushalten wirdt": Liselotte an Raugräfin Luise, 7. April 1720. 

* Ludwig XV. 

' Philipp n. von Orleans, 1715 — 23 Regent von Frankreich. 



Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orläans. 327 

heureuBe arriv^ de la princesse ma petitte fi]le^ et de m'assnrer oomme 
QfüB le faittee par la lettre qni vient de m^estre rendue qne tous aväs est^ 
ittfidttement content d'elle, £n sorte qnil paroist par la maniere dont vous 
rona exprimäs, que vons ne ponvi^s rien Souhaitter de mieuz poor le Prince 
roitre file, ce qni me donne une double satisfaction, cest qne je vois par 
ies lettres que la princesse a escritte eile mesme', qne de Son coste eile 
Mi anssy parfaittement contente. n ne reste plns qn'a desirer qne ce con- 
lentement mntnel dnre nne longne Suitte d'ann^es et qne vons ay^ la 
consolation d*en voir les finits par la benediction qne Dien Toudra bien 
donner a cet henrenz mariage. je recenray toigonrs avec joye et avec re- 
connoissance ce que vous aur^s la bont^ de me mander; car vous ne dev^s 
IM douter de Ljnterest que Jay toujours pris et que je dois prendre main- 
tenant plus que jamais a tont ce qni regarde Vostre maison; cest dans 
GM Sentiments que je suis 

Mon Cousin 

Vostre tres aifectionnäe Cousine 
Elisabeth Charlotte. 

25. An den Herzog Rinaldo von Modena. 

A S* Cloud ce 16 7.»»" 1720. 
Mon Cousin, je vous remercie dela peine que vous av^s prise de me 
iBander la maladie de Vostre belle fille.' Je fais bien des voeux pour la 
gnerison et jespere qu'elle sera dautant plus prompte que la rougeolle 
quelle a eue avant De partir djcy, doit Tavoir asfez purg^e pour que la 
P^tte verolle ne soit pas maligne. Je le souhaitte de tont mon coeur et 
qne pour vostre consolation eile ne soit pas marqu^e. je vous prie aussy 
d*e«tre bien persuad^ que je suis veritablement 

Mon Cousin 

Vostre tres affectionnee Cousine 
Elisabeth Charlotte. 

* In Modena, 20. Juni; vgl. die Anm. 2 zu Seite 325. 

' Von Charlotte -Agla^ hatte Liselotte Briefe am 16. März und am 
^* Juni erhalten. 

' „Da bekomme ich eine böße zeittung, einen brieff von hertzog von 
lodene, so mir bericht, dass seine schwiger fraw dochter [Charlotte-Aglaä 
* Valois] die kinderblattem hatt. Dass nimbt mich nicht groß wimdter; 
»yder sie von hir weg ist biß auff die stundt von ihrer kranckheit, ist sie 
16 vor 5 uhr zu bett gangen, gantze nachte in der nachtlufft geblieben, so gar 
i^gesundt in Ittallien sein soUe, undt hatt anff die jetzige frantzosche mode 
^ undt nach[t] undt in allen stundten gefressen; daß kan ja auff die 
^iige kein gutt [tun]. Die kinderblattem seindt drauff nach Modene 
:>imnen undt sie hatt sie auffgefischt, daß ist gar nicht zu verwundem. 
eil hertzog schreibt, daß sie gar kranck gewessen, ehe die kinderblatter 
^iraußkommen; aber nun ist sie so woU, als man in so einen betrübten 
^ndt sein kann'*: Liselotte an Raugräfin Luise, 14. Sept. 1720. 



328 Hans F. Helmolt. 

26. An den Herzog [Francesco DI.] von Modena. 

A S* Cloud Le 25 Septembre 1780. 
Mon Cousin on ne pent estre plus consoläe que je le suis des bonn« 
nouvelles ^ que vous avez bien youlu me Donner de la Princesse ma petite 
fille. Je rends graces au Seigneur aussi bien que vous de ce qu'il a en It 
bont^ d'exaucer nos prieres et De la tirer du danger ou eile a est^. Je 
souhaite de tout mon coeur qu'elle profite de cet avertissement en prenant 
dans la suite toutes les pr^cautions necessaires pour la sant^ , afin de ne 
Yous plus donner ni a moj les aUarmes qu'elle nous a caus^e. Je souhute 
pareillement que la vostre soit toigours tres parfaite et que vous toja 
bien convaincu de Tinterest particulier que je prend a tout ce qoi vom 
regarde et de tous les sentiments avec les quels je suis 

Mon Cousin 

Yostre tres affection^ Consioe 
Klisabeth Charlotte. 

27. An den Herzog Rinaldo von Modena. 

A Paris ce 24 x^ 1720. 
Mon Cousin, Le Marquis de Rangone' Yostre envoy^ extraordiniin, 
avant de partir pour Cambray', m'a donn^ de vostre part des noüTeD« 
marques de vostre souvenir auxquelles je suis fort sensible, je vom pni 
destre bien persuad^ de ma reconnoissance, de la part que je preniei 
tout ce qui vous regarde et de la sincerit^ Avec la quelle je suis 

Mon Cousin 

Vostre tres affectionn^ Cousine 
Elisabeth Charlotte. 

B. Vier Briefe nach Stockholm. 

1. An den König Karl XH. von Schweden. 

A S* Cloud le 25 Juin 1716. 
Monsieur. 
C'est avec baucoup de douleur, que je me vois obligäe de tesmoigner 
a V. Mt6 la part que je prens dans la perte qu'elle vient de faire pari» 



^ ,Jch habe gestern auch 2 brieff von Modene bekommen, eines tob 
hertzog, daß ander vom printzen. Deßen gemahlin ist, gott lob, ao^ 
gefahr, habe also dem printzen mein compliment drüber machen mMn": 
Liselotte an Raugräfin Luise, 25. Sept. 1720. Und am 3. Oktober heißt m: 
„Unßere printzessin von Modene ist gantz außer gefahr. Kindsrblattett 
mögen zeichenen oder nicht zeichenen, so endem sie [einen] doch »Ueiat. 
Sie [Charlotte -Agla^] hatt gar eine groß aquiline, habichsnaß; wirdt<^ 
marquirt, kan es nicht schön stehen.^' 

* Vgl. die Briefe vom 10. Aug. 1701 und vom 27. Mai 1720. 

' Zum Friedenskongresse nach dem Siege der QuadrupelalUam Aber 
Alberonis spanische Politik; vgl. Immichs Europ. Staatensystem, S. 260. 



Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans. 329 

•rt de la Reyne douairiere de Snede*; je la supplie de croixe que je suis 
•p attach^e a ce qui la regarde pour n'avoir pas ressenti dans cette 
casion tont ce que la proximit^ peut inspirer, et que de toutes les 
rsonnea qui B'interessent en ce qui touche V. Mt^ il n'y en a point qui 
Li plus sincerement 

De V. Mtfe 

Vostre tres affectiounee Soeur et Servante 
Elisabeth Charlotte. 

2. An Königin Ulrike Eleonore von Schweden. 

S.* Clou ce 30 d'avril 1719. 
Madame 
On De peut estre plus agreablement surpriae que je la fust la veille de 
lon depart de paris, en recevant des mains de Mons. le Comte de la Marck 
i precieusse lettre que V. M. ma fait Thonneur de m'escrire de Stockholm 
a 28 de decembre 1718. ' j*aj extremement plaint Madame la perte que 
. M. a faitte du Roy son frere, a qnoj j'aj pris d'auttant plus de part, 
ne ce prince estait le plus grand omement de toutte nostre maison Pala- 
ne, estant un heros aussi grand qu'allexandre, de Tadveu de tout le monde. 
nai je n*ay point de peine a comprendre les Begrets de V. M. d'avoir 
»xda un tel frere, qu'elle pouvoit auttant estimer qu'aimer. pour moj 
adame j'ay eue une grande consolation quand j'ay apris que V. M. avoit 
ontes Bur le trosne de ces ancestre, et je souhaitte que Vostre Reigne soit 
soreux et paisible Madame et que Y. M. y ait de longues ann^es un con- 
ntement parfait, et tout ce que son coeur desire. Pour moy qui ne suis 
L8 nee pour des grands evenements, je ne me mesle de rieo, et en laisse 
'US les soins a mon fib; mais puis que V. M. me Tordonne, je ne manqueres 
18, de Luy respressenter c'est que V. M. m'a fait Thonneur de mander et 
anderes tousjours pour gloire de marquer que je seres tousjours toutte 
A vie de 

V. M. 
La tres affectionn^e soeur tante et servante 
Elisabeth Charlotte. 

3. An Königin Ulrike Eleonore von Schweden. 

S.* Clou den 16 maj 1720. 
Madame 
Vor wenig tagen bin ich durch Baron Bielcke, mitt E. M. aller 
iiädiges schreiben vom 24 mertz begnadiget undt gewürdiget 

* Hedwig Eleonore von Holstein-Gottorp, Witwe Karls X. Gustav seit 
^. Febr. 1660, gest. 24. Nov. 1715. 

' „. . . nur noch vorher sagen, daß ich schon eine seh wehre arbeydt 
Hhan, nehmblich einen brieff von der jetzigen königin in Schweden zu 
^ntwortten, so mir der comte de la Marck gebracht undt vergangenen 
itwog geben, alfi ich auß der commedie kam. Solche brieff seindt ver- 
geßliche sach undt ein gezwungen werk, welches natürlichen leutten, wie 
bbin, sehr schwer ahnkompt" (Liselotte an Raugräfin Luise, 80. April 1719). 

Rittor. Yierteljahnchrlft. 1908. 8. 23 



330 Hans F. Helmolt. 

worden \ sage E. M. gchorsambsten danck mir pari za geben wollen, wie 
E. M. meinen hertzlieben neveu' zum König erhoben haben, hirin er- 
weissen E. M. woll dero trewes gnttes undt lob würdiges hertz undt gemühte, 
so von der gantzen weit muss admiriret werden. Ich hatte diesse gatte 
zeittung schon durch meinem herm vettern, dem Landtgraffen von Hessen Cauel 
deß Königs zu Schweden herr vatter erfahren, nicht ohne große freude undt 
vergnügen. I. M. der König zu Schweden haben mir zu allen occasionen w 
viel zeichen dero vetterlichen afi'ection geben daß Ich ihnen, vor allezeit 
sehr verbunden undt verobligirt bin, undt werde all mein leben zu alles 
part nehmen waß E. M. beyderseidts betreffen vdrdt, undt bitte gott den 
allmächtigen, dass Er sie beyde segnen undt benedejen wolle undt mitt 
allem ersinlichen glück xmdt hohen Wohlergehen erfüllen undt ich werde 
all mein leben sein undt bleiben 
E. M. 

La tres affectionee soeur Tante et Servante 
Elisabeth Charlotte. 

P. S. Vor I. M. deß Königs zu Schweden so gar gnädiges ahndenckeo, 
sage Ich demütigsten danck. I. M. werden all mein leben eine trewe Tante 
undt dienerin ahn mir haben. E. M. werden vielleicht verwundert sein daS 
ich dießes schreiben auff frantzosch ahnfange undt ende allein ich habe 
keinen teutschen protocol; Ich schreibe eben so ahn die Königin von Spanien. 

4. An Königin Clrike Eleonore von Schweden.' 

S* Clou den 6 Juni 1720. 
Madame 
E. M. allergnädiges schreiben vom 15 Januari ist mir erst vor 3 tagen 
durch Mons. de Martine überlieffert worden ; weillens aber die teutsche poit 
nur 2 mahl die woch hir geht habe ich nicht eher alß heutte andtwortten 
können, den sie gehet nur freytags undt montags frühe, also weill ich hie 
zu S.^ Clou bin, kau ich nur donnersta[gj8 undt sontags zu Teutschlandt 
schreiben. E. M. seindt mir alzu gnädig sich meiner, alten (undt E. M. so 
gar unützen leyder) gesundtheit zu erkimdigen, die gehet wie die roo 
allen alten weibem wie ich bin, baldt woll baldt übel, aber allezeit ToUer 

^ „Nun kommen hundert leütte herein, unter ander baron Bielck^ 
envoyes von Schweden, so mir ein schreiben von der königin in Schweden 
gebracht. Da muß ich auff andtwortten; daß ist eben nicht so posBirlich*' 
(Liselotte an Raugräfin Luise, 12. Mai 1720, Nachschrift.) 

• Friedrich von Hessen-Kassel, dessen Großvater Wilhelm VI. (1687-631 
ein Bruder von Liselottens Mutter Charlotte war; am 4. April 1720 wb 
König erhoben. 

' Von mir bereits nach der Kopie im K. preuß. Archive zu Marbuig 
gedruckt: Briefe II, 259—261, nr. 560. Dort ist S. 260, Zeile 2 von unten 
das Wörtchen „nicht'* nunmehr zu streichen; es war bereits gedruckt,»» 
die hier vorliegende Kopie aus Stockholm eintraf, ursprünglich hatte »in 
vergeblich nach dem Originale gesucht. 



Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans. 331 

gutten wiUen E. M. meines reepects undt ergebenheit zu Tersichem wie 
ich dan hiemitt thue. 

Mons. de Martine^ ist mein Zeuge daß ich so baldt I. L. mein herr 
vetter der Landtgraif von Hessen Gassel Liebdten, mich ersucht, vor ihm 
bey meinem söhn Liebdten zu solicittiren daß ich nicht manqnirt habe 
ob ich mich zwar sonsten in gar nichts mische, auch kein wordt weiß, 
von alles waß in der regiemng vor geht, den ich thue mir selber die 
justitz zu gedencken daß dieße sachen alle meinem geringen verstandt zu 
hoch sein, ich weiß also nichts von subsidien noch wie oder wem man 
schuldig, waß ich begreiffe ist daß die Cron Franckreich dem letzverstor- 
benen Konig von Schweden S[elige]r schuldig geweßen undt I. M. S:e dieße 
Bchuldt I. L. meinem herm vettern dem Landtgraff erlassen haben, undt ich 
habe stark solicittirt daß selbe mögte bezahlen werden, undt daß schon 
eher der H. generalleutnamt von Leuttem' herkommen, weillen Mons de 
Martine mich drumb ersuchet hatte, ich weiß daß mein söhn einen gutten 
willen hatt E. M. befehl zu volzien; ob aber die gelegenheiten seiner regence 
undt dess Königreichs es zu geben haben, kan ich £. M. nicht sagen den 
wie schon gemelt, so weiß ich von nichts von der regirung, ein alt weib 
wie ich bin hatt nichts mehr zu thun, alß gott fleißig ahnzuruffen umb 
ruhig zu sterben, so lang ich aber leben werde, werde ich sein undt 

bleiben 

E. M. 

La tres affectionnee soeur cousine et servante 
Elisabeth Charlotte. 



C. Zwei Briefe nach Turin. 

1. An den König Vittorio Amedeo H. von Sardinien. 

A Paris ce 10 feu' 1722. 
Monsieur 
Je suis tres sensible a Thonneur que Yostre Majest^ me fait de me 
donner part de la conclusion du mariage du Prince de Picdmont' auec 
1& Princesse de Sulzbach ^, je m^interesse si ueritablement en tout ce qui 
regarde V. M'^ que non seulement je partage auec eile la satisfaction 
quelle a de ce mariage, mais encorre [!] que je souhaitte de tout mon 
coeur quil soit suiui de tous les auantages que Y. M.t^ peut desirer 



* Landgräfl. hessischer Geschäftsträger am französischen Hofe. 
^ Leutrum, General in hessischen Diensten, einäugig. 

' Carlo Emmanuele (HI.), geb. 1701, gest. 1773. 

* Anna Christine Luise, geb. 1704, gest. 1723. Vgl. Liselottens Brief 
^Raugräfin Luise vom 16. Jan. 1721 (Holl. VI, S. 7): „gestern . . . entpfing 
^ch einen brieff von der königin von Sardinien; die bericht mich, dass der 
**6^ht mitt ihrem herm söhn undt der printzes von Sultzbach gantz ge- 



332 Hans F. Helmolt. Briefe der Herzogin Elisabeth Charloüe Ton Orl^au. 

je la snpplie d'en estre bien penuad^e et de la sincerit^ auec la quelle 

je suis 

De V. MtA 

La tres affectionäe soeur bellemere et seruante 

Elisabeth Charlotte. 

2. An den König Vittorio Amedeo IL von Sardinien. 

A Paris ce 2 Auril 1722. 
Monsieur 
Yostre Majest^ me rend iustice lors qu'elle est persuad^ de la pait 
sincere que je prens en tout ce qui l'interesse, jay bien de la joye d'ip- 
prendre que le manage du prince de Piedmont^ est accompli' a la satü- 
faction de Y. M.t«. je souhaitte quil soit soiui de tout ce qui peut le rendre 
heureux et supplie V. M.t^ d'estre bien persuadäe de la sincerit^ anec la 
quelle je suis 

Yostre tres affectionn^e soeur bellemere et seruante 
Elisabeth Charlotte. 

* Carlo Emmanuele (in.); vgl. Anm. 3 zu Seite 88t. 
' Die Hochzeit hatte am 15. Mäi*z stattgefunden. 



I 



333 



Theodor Sickel. 

Umrisse seines Lebens und Schaffens 
Yon 

Wilhelm Erhen. 

Am 21. April 1908 hat in Meran Theodor Sickel seine 
Augen für immer geschlossen^ drei Tage danach standen Schüler 
und Verehrer auf dem neuen evangelischen Friedhof um das 
offene Grab^ das man dem Sohne sächsischer Erde im deutschen 
•Süden zur ewigen Ruhe gegraben. Sickel hatte^ seit er im Jahre 
1901 von der Leitung des österreichischen Listitutes in Rom zu- 
rückgetreten war, den größten Teil seiner Ruhezeit in dem freund- 
lichen Meran verlebt, fem von dem Getriebe der Großstadt, in 
anregendem Verkehr mit ansäßigen Freunden und vorübergehen- 
den Gästen, voll von warmem Anteil an der Entwicklung seiner 
Wissenschaft und doch gerne versenkt in die Erinnerungen des 
eigenen reichen Lebens. Wer in diesen Jahren das Glück hatte, 
mit ihm zu verkehren, dem gewandten Erzähler zu lauschen, an 
seinem gewiegten urteil und seinem allezeit noch arbeits- und 
kampfesfrohen Wesen die Bedürihisse und Fragen der Gegenwart 
zu messen, der empfindet den Hingang dieses Mannes als ernsten 
und schmerzlichen Verlust; sein kraftvolles Leben hat trotz der 
81 Jahre, die ihm beschieden waren, für Freunde und Schüler 
zu früh geendet. Weitere Kreise der Fachgenossen mögen von 
dem Tode des Forschers, der in den letzten vier Jahren nicht 
mehr produktiv hervorgetreten war, nicht in gleichem Maße be- 
troffen worden sein; aber alle die an geschichtlichem Studium 
tieferen Anteil nehmen, werden jetzt und für immer das Bild 
seiner Persönlichkeit sich gerne vor Augen stellen. 

Eine würdige, der wahren Bedeutung gerecht werdende 
Schilderung von Sickels Wesen kann freilich hier nicht ge- 
boten werden. Dazu gehörte die Kenntnis seiner ausgebreiteten 



334 Wühelm Erben. 

EorrespondeDz und auch Einsichtnahme in zahlreiche amtliche 
Schriftstücke seiner Hand, die für Organisation des Lehrbetriebs 
und der geschichtlichen Publikationen von Einfluß geworden sini 
Eine Quelle der einst zu schreibenden Biographie, die Reihe seiner 
VeröfiFentlichungen *, liegt freilich ziemlich klar vor uns ; aber sie 
läßt ihrer Natur nach nur einen Teil des geistigen Lebens e^ 
kennen und sie reicht hier noch weniger als bei anderen 6^ 
lehrtenleben dazu aus, die Persönlichkeit des Schaffenden zu clia- 
rakterisieren. Von erzählenden Darstellungen, in denen die Eigen- 
art des Historikers oft so deutlich zum Ausdruck kommt, hat ja 
Sickel im Laufe seiner langen und fruchtbaren Tätigkeit doch 
nur wenig veröffentlicht. Nicht daß ihm Kraft und Freude zu 
dieser Seite der Produktion gefehlt hätte. Wiederholt zeigte er 
sich in den Anfängen seiner Wirksamkeit als geschickter Dar- 
steller geschichtlicher Vorgänge vor weiterem Hörerkreis; sein 
Aufsatz über „Jeanne d*Arc" (Hist. Ztschr. 4) und jener über 
„Frankreich und Burgund um die Mitte des 15. Jahrhunderts" 
(Wien 1858) sind aus Vorträgen dieser Art hervorgegangen. Auci 
auf dem akademischen Lehrstuhl behandelte er bis 1881 neben 
den historischen Hilfswissenschaften in erzählender Form einzehe 
Abschnitte der mittelalterlichen und der neueren Geschichte. Die 
Erinnerung an jene Vorlesungen lebt in der älteren Generation 
seiner Schüler noch heute fort, aber von allen diesen sorgfältig 
gearbeiteten Kollegienheften ist bisher nichts zur Veröffent- 
lichung gelangt; in seinen Schriften erscheint Sickel nicht so 
sehr als Darsteller, denn als Quellenforscher. Fehlt es also an 
jenen Handhaben für die Erfassung seiner Persönlichkeit, welche 
in der Auffassungsweise des darstellenden Historikers zu liegen 
pflegen, so wirkt hemmend auch die andere Tatsache, daß seine 
Arbeiten sich nicht um einen einheitlichen Mittelpunkt scharen. 
Man vermag wohl einige Arbeitsgruppen zu erkennen, die inhalt- 
lich verbunden sind, aber von der einen zur andern führt keine 
stofiFliche Brücke, ja sie berühren sich so wenig, daß manchem 
Fachgenossen nur eine jener Gruppen zum Bewußtsein kommen 
mag, wenn Sickels Name genannt wird. In dieser eigentümlichen, 

^ Die beste Übersicht gibt Steinacker in dem Bericht des akademischea 
Vereins deutscher Historiker in Wien, 17. und 18. Vereinsjahr (auch »1« 
Sonderabdruck: Theodor v. Sickel, Festworte gesprochen 11. Dezember 1906 
bei der Sickelfeier des Vereines, Wien, Beyer, 1907). 



Theodor Sickel. 335 

forschende Kraft auf mehrere von einander entfernte Gebiete 
"teilenden Ökonomie seiner wissenschaftlichen Arbeit liegt ein 
ärakteristisches Merkmal von Sickels Persönlichkeit; gerade 
jser Sachverhalt aber erschwert, Sickels Leben an der Hand 
ner VeröflFentlichungen zu schildern und zu verstehen. Ihm 
t nicht ein bestimmtes wissenschaftliches Ziel das Leben ge- 
rmt, sondern das Leben selbst mit allen seinen Zufälligkeiten 
.t den wissenschaftlich veranlagten Geist von Arbeit zu Arbeit 
jführt. 

* 

Theodor Sickel stammte, gleichwie Ranke, Mommsen und 
/^attenbach, aus einer evangelischen Pastorenfamilie, und noch 
ärker als bei anderen haben bei ihm Traditionen dieser Her- 
iinft die wissenschaftliche Richtung beeinflußt. Sein Vater Hein- 
ch Friedrich Franz Sickel war zur Zeit, als ihm sein ältester 
ohn geboren wurde, Oberprediger in Aken an der Elbe, wirkte 
um zehn Jahre als Direktor des Lehrerseminars zu Erfurt und 
arb, zum Predigeramt zurückgekehrt, im Jahre 1842, als Theodor 
3en sein fünfzehntes Jahr vollendet hatte, in Homburg am Harz. 
is mag sein, daß von der pädagogischen Tätigkeit des Vaters, der 
or Erlangung der Akener Stellung in Magdeburg als Lehrer ge- 
wirkt hatte, der sich in Aken selbst des Schulwesens emst- 
ch annahm, und dem wir neben anderen Schriften auch ein 
Büchlein über Schulmeisterklugheit verdanken, manches auf die 
^brhafte Art des Sohnes übergegangen ist; sicher haben die Be- 
lebungen und Neigungen des Oberpredigers auf den Knaben und 
üngling Einfluß geübt und ihn auch nach dem Tode des Vaters 
ideitet. Seine Jugend fiel in eine Zeit lebhafter Bewegungen 
^ religiösem Gebiete und gerade in dem kleinen Herzogtum 
^xAalt-Cöthen, dessen Grenzen von dem preußischen Aken in halb- 
^diger Wanderung zu erreichen sind, gingen die Wogen da- 
mals hoch. Herzog Friedrich Ferdinand war samt seiner Ge- 
mahlin Julie zum katholischen Bekenntnis übergetreten, und von 
^steni 1826 bis zum Tode des Herzogs lebte an seinem Hof zu 
'öthen jener aus Hildesheim herbeigeholte Jesuitenpater Peter 
*^kx, der nachmals in Österreich und von 1853 bis 1884 als 
^öeral des Jesuitenordens für die Ausbreitung und Macht des 
^JJiischen Systems zu wirken Gelegenheit hatte. Die Vorgange 



336 Wilhelm Erben. 

am Cöthenschen Hofe erregten in dem protestantischen Lande 
großen Unwillen, Lebrecht Uhlich, der die Pfarre Diebzig Terwi, 
trat so lebhaffc gegen seinen Landesherm auf, daß er sich in 
Herzogtum unmöglich machte und auf preußischem Gebiet Schuti 
suchen mußte. In jener aufgeregten Zeit sind sowohl UUieli 
als Beckx in das Haus des Oberpredigers von Aken gekommen; 
noch in seinen alten Tagen hat sich Theodor Sickel in Born 
scherzend seiner alten Beziehungen zum einstigen Jesuitengenenl 
gerühmt. Verständnis und Rücksicht für Andersdenkende hatte 
auch sein Vater ihm stets empfohlen und wohl auch bei jenem 
Zusammentreflfen mit Beckx bewiesen, im Herzen aber stand 
Franz Sickel auf Uhlichs Seite, und er ist mit ihm auch weiter 
in Beziehung geblieben, üblich wurde der Begründer der bm 
protestantischen Gemeinden, und Franz Sickel war unter den entai 
Vertretern der Richtung, die. sich die „Lichtfreunde" nanntöi; 
nur der frühe Tod hat ihn daran gehindert eine größere BoII» 
in diesen und den später in den Vordergrund tretenden poUtisches 
Bewegungen zu spielen. 

Auf den Sohn aber wirkten die Beziehungen des Vatoi 
weiter: einer der Oheime, der sich auf einen Wunsch des 8te^ 
benden Vaters berief, bestand darauf, daß Theodor sich dem 
geistlichen Stande widme: so bezog dieser 1845 die UnivenitÖ 
Halle und hörte dort durch drei Semester Vorlesungen an der 
theologischen Fakultät, an welcher seit 1826 August Tholuckam 
meisten hervorragte. Tholuck war im Widerspruch zur FakulÖ 
nach Halle berufen worden und vertrat dort mit Entschiedenheit 
die antirationalistische Schule, bekämpfte auch gerade im Jalu* 
1846 durch gemeinfaßlich geschriebene Gespräche die Ansichtöi 
der Lichtfreunde. Der junge Sickel ließ es sich aber nicht neh- 
men, mit den Freunden seines Vaters zu verkehren; zum große» 
Ärgernis maßgebender Hallenser Kreise nahm er an den Vtf" 
Sammlungen der Lichtfreunde zu Cöthen teil. Äußerlich noch 
Theologe, aber der herrschenden Richtung entfremdet, ging ^t 
um Neander zu hören, nach Berlin; dort ist sein Entschluß »ch 
von der Theologie loszusagen, zur Reife gelangt und wieder durck 
einen Freund seines Vaters verwirklicht worden, nämlich durc» 
Karl Lachmann, der 1815 mit Franz Sickel und so viel anderen 
Göttinger Studenten in der Duderstädtischen Legion nach Fiäd^- 
reich gezogen und mit dem älteren Sickel bis zu dessen Tod i^ 



Theodor Sickel. 337 

en Beziehangen geblieben war.^ Als der juDge Sickel sich 
1 vorstellte, begrüßte Lachmann herzlich den Sohn des Freunde» 
1 war gern bereit bei der Familie seine Lossagung von der 
Bologie zu yermitteln. 

So rasch und entschieden die Trennung erfolgte, ganz er- 
)iiislos waren Sickels theologische Semester doch nicht. Er 
; von ihnen und gewiß auch vom Vaterhaus her sich jenes 
relÄndnis für theologische Fragen und für die Theologen selbst 
vahrt, das ihm bei geschichtlichen Untersuchungen und sogar 

Umgang mit dem römischen Klerus zugute kam. Und der 
iteil, den er selbst an dem Streit um dogmatische und um 
ie Behandlung der Religion genommen hatte, spielt wohl auch 
seine Arbeiten zur Reformationsgeschichte hinein. Mitten in 
tt Anfangen seiner Wiener Lehrtätigkeit, die ihn so stark für 
8 Mittelalter in Anspruch nahm, fand er im Februar und 
irz 1860 Zeit, die Geschichte der Reformation in einer Reihe 
ientlicher Vorträge zu behandeln. Mächtig mögen in dem Vor- 
LgBsaal zu Döbling die Worte des jungen Professors erklungen 
in, der aus dem Protestantenpatent vom 1. September 1859 und 
8 der ganzen jüngsten Wendung der österreichischen Politik die 
3&ang auf dauernden konfessionellen Frieden und zunehmende 
raft des deutschen Einheitsgedankens schöpfte. ,Jndem der Hi- 
)riker," so ungefähr schloß er seine Betrachtung, „vorurteilsfrei 
Üfend herantritt an die Zeugnisse der Vergangenheit, indem er 
e historische Betrachtung der vom Parteistandpunkt entgegen- 
izt, 80 lehrt er anerkennende Achtung auch vor dem Glauben 
ler politischen Programm des andern, so macht er in den Herzen 
Wim der Versöhnlichkeit der Gesinnung, deren wir Deutsche 
le bedürfen um mit freudiger Lust nach dem gemeinsamen Ziel 
itionaler Einigung zu streben."* Nicht alles was Sickel und 
ine Hörer damals hofften, hat sich erfüllt, aber dem Interesse 
i der Reformationszeit blieb der ehemalige Theologe, der sich 
ich als Presbyter in den Dienst der Wiener evangelischen Ge- 
meinde stellte, trotz seiner ganz anderen Fragen zugewandten 
^beit treu. So kam es, daß er acht Jahre später, als von neuem 
^e bessere Zeit für Österreich anbrach, mit seinen reformations- 

* Vgl. M. Hertz, Karl Lachmann (Berlin 1861), S. 22 ff. 

* Nach dem MannBkripte Sickels mit freundlicher Erlanhnis des gegen- 
seitigen Besitzers, Professor A. Köcher in Hannover. 



3;i8 Wilhelm Erben. 

geschichtlichen Kenntnissen der freiheitlichen Politik des Bü^ge^ 
ministeriums in den Verhandlungen über das Ehegesetz dienen 
konnte. Bei dem harten Kampf, der im Mära 1868 im öster- 
reichischen Herrenhaus um dessentwillen geführt wurde, war toi 
Gegnern und Freunden der Reform auf die Beschlüsse des Tri- 
dentinums und auf die kirchenpolitische Haltung Ferdinands L 
bezug genommen worden. Damit hing es zusammen, daß Sickel 
beauftragt und bald auch in weitestem Maß ermächtigt wurde, 
die im Wiener Staatsarchiv befindlichen Akten, die jenes Konzü 
berühren, einzusehen. So entstanden in den Jahren 1869 bii 
1871 seine „Beiträge zur Geschichte des Naumburger Fürstea- 
tages", sein Buch „Zur Geschichte des Konzils von Trient" und 
seine Untersuchung über „Das Reformationslibell des Kaiseit 
Ferdinand I." Es waren äußere Umstände, die Eröffiiung d« 
vatikanischen Archivs, Erfahrungen die man dort machte, und die 
Notwendigkeit eigene Arbeitspläne mit denen des preußischen 
historischen Instituts in guten Einklang zu bringen, welche be- 
wirkten, daß Sickel zwanzig Jahre darnach als Leiter des Isti- 
tuto Austriaco in Rom nochmals auf das Thema des Trienter 
Konzils zurückgriff. Aber auch sein altes Interesse an diesem 
wichtigen Ereignis war dabei im Spiel, und mit erstaunlichef 
Kraft arbeitete sich der greise Forscher nochmals in die Quell» 
der Konzilgeschichte ein, veröffentlichte in den „Römischen Be- 
richten" (1895 bis 1901) seine Ergebnisse in lehrreichster Form 
und erlebte 1904 die Freude, eine neue Reihe bedeutsamer Quellen, 
welche das Verhältnis der römischen Kurie zum Konzil unter 
Pius IV. beleuchten, eröffnen zu können. Es ist Sickels eigenste! 
Verdienst, daß er unter den mannigfachen, zum Teil von anderer 
Seite in Bearbeitung genommenen Quellen zur Geschichte dei 
Tridentinums gerade die Korrespondenz der Konzilslegaten mit 
dem Papst und seinem Nepoten, Carlo Borromeo, auswählte und ito 
Herausgabe ermöglichte. Sickel wußte, daß nirgends so gut wie hiff 
die Frage nach der Freiheit des Konzils zu lösen sei, jene KardiDsl- 
frage, die schon die Zeitgenossen beschäftigt hatte und die auch tob 
den Geschichtsforschern immer wieder berührt worden war. K« 
klassische Vorrede, in welcher er diese Gedanken darlegt, ist seine 
letzte wissenschaftliche Tat geblieben, in mehr als einer HinsicM 
ein großes Vermächtnis und Denkmal seines Lebens. Dem Triöitcr 
Konzil galt seine letzte wissenschaftliche Liebe; hier befähigte 



Theodor Sickel. 339 

ihn die eigenen Erfahrungen seiner Jugendzeit, die Traditionen 
des Vaterhauses und die Aufmerksamkeit, mit der er aus diesen 
Ursachen religiöse Entwicklungen verfolgt hatte, zu klarer Wert- 
schätzung der Ereignisse. Ranke meinte, als er 1836 zum ersten- 
mal seine Geschichte der Fäpste abschloß, der Katholizismus könne 
im Ernste nicht mehr an die Eroberung der Welt denken und 
das Konzil von Trient, das diesem Ziel dienen sollte, habe so 
sehr an Interesse eingebüßt, daß sich kaum mehr ein Historiker 
finden würde, der es der Mühe wert hielte, die wahre Geschichte 
jener Versammlung zu schreiben. Die Ereignisse scheinen ihm 
in jener Hinsicht Unrecht zu geben, und so ist es ein Glück, daß 
an der Erforschung des auch für unsere Tage noch nicht bedeu- 
tungslosen Ereignisses nicht bloß strengkatholische Forscher teil- 
nehmen; es müssen hieran auch solche mitwirken, welche, wie es 
Sickel in jener Vorrede sagt, ,jede Zumutung, daß die uns jetzt 
ermöglichte archivalische Forschung zu einem bestimmten Ziele 
fahren solle, im vorhinein mit der Erklärung zu beantworten 
haben, daß es für uns nur ein Gesetz und nur eine Verpflichtung 
gibt, immlich die mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln der 
Forschung zu ergründen, wie es in der Vergangenheit eigentlich 
gewesen ist, und dies zu verkünden, unbekümmert darum, ob es 
ans oder anderen fromme oder schade, gefalle oder mißfalle.*' 



Zu persönlicher Berührung mit Ranke, an dessen berühmte 
Worte sich Sickel an dieser Stelle, am Ende seines wissenschaft- 
lichen Wirkens so deutlich anschließt, würde sich ihm gleich zu 
Beginn, als er sich von Lachmann geführt von der Theologie 
lossagte, Gelegenheit geboten haben. Aber der neu zur philoso- 
phischen Fakultät übertretende Student versäumte den Anschluß 
^ die bedeutenden Lehrer der Geschichte, die damals in Berlin 
^tig waren. Weder Ranke noch Raumer vermochten ihn anzu- 
ziehen; von den Berliner Professoren scheint der Kirchenhistoriker 
^^eander auf ihn doch den stärksten Eindruck gemacht zu haben. 

Zum Abschluß seiner Studien nach Halle zurückkehrend, fand 
^f an Heinrich Leo einen Führer, der ihm zunächst die Richtung 
auf das spätere Mittelalter gab und ihm sogar ein kleines Sti- 
pendium zur Fortsetzung seiner Studien zu verschaffen wußte. 
Ob sich im übrigen hier das Verhältnis von Lehrer und Schüler 



340 Wühelm Erben. 

so gestaltete, daß von stärkerem Einfluß gesprochen werden konnii^ 
muß dahingestellt bleiben. Leos politische, freiheitlichen Best»* 
bungen auf staatlichem und kirchlichem Gebiet ziemlich abgeneigte 
Stellung war kaum geeignet, den Jüngling zu fesseln; in dieaei 
Hinsicht würde ihm Max Duncker wohl näher gestanden habei 
diesem aber ließ seine politische Tätigkeit in jenen Jahren hm 
zu engerer Fühlungnahme mit einem nur kurze Zeit in Hab 
weilenden Hörer kommen. Daß Leos ungestüme Art die Wab- 
heit zu suchen und zu vertreten auf gleiche Eigenschaften ii 
Sickels Wesen gewirkt habe, bleibt immerhin mögUch, und» 
sollte, wenn von Leos lehrender Tätigkeit gesprochen wird, dieM 
einen Schülers nicht ganz vergessen werden. Spricht man alwr 
von Sickels Lehrern, so darf auch Leos Einwirkung nicht üb» 
schätzt werden; was er wurde, verdankt er keinem der deutschfli 
Historiker jener Tage, sondern der Schule des Lebens. Gmk 
die entscheidenden Jahre seiner wissenschaftlichen Entwicklang 
hat er nicht auf deutschem Boden durchgemacht.^ 

Daß es so kam, daran haben die Ereignisse von 1848 mJ 
ihre Folgen einen unzweifelhaften, wenn auch noch nicht genn 
zu ermessenden Anteil. Sickel, der schon als Theologe das skS' 
dentische Leben tüchtig mitgemacht und die Berliner Maraerag- 
nisse von 1848 aus nächster Nähe mitangesehen hatte, nahmaad 
1849 an den politischen Bewegungen teil: dafür traf ihn dii 
Strafe der Ausweisung aus Berlin, die ihm zugleich für die nadurii 
Zeit jede Aussicht, im preußischen Staatsdienst verwendet A 
werden, raubte. Sickel hat im Sommer 1852 einen VerwiA 
gemacht die Aufhebung der Strafe zu erwirken, sein Ansadui 
wurde abgelehnt. Noch im Herbst 1855, als er sich um die fr 
laubnis bewarb, im Wiener Staatsarchiv zu arbeiten, mußte er 
peinlichster Weise die Folgen seiner einstigen Teilnahme an po* 
litischen Vereinen fühlen: es war in Wien aufgefallen, daß dtf 
junge Forscher preußischer Untertan, aber von Frankreich nÄ 
wissenschaftlichen Aufträgen versehen war; deshalb richtete d» 
österreichische Regierung, ehe Sickel die erbetene Erlaubnis 9- 
teilt wurde, eine Anfrage über den Gesuchs teUer nach Berii^ 

* Über die Lehr- und Wandeqahre Sickels vgl. Bretholz in der Oitait 
Kundschau 9, 282 ff.; ich benutze mit freundlicher Erlaubnis Ton Bretlwh 
außerdem auch einige Stücke aus Sickels Nachlaß , welche über diese Zen 
Aufschluß geben. 



Theodor Sickel. 341 

und von dort langte ein Bescheid an, der ihn, auf Grund der 
Vorgänge von 1849, als eine in politischer Hinsicht gefahrliche 
\md verdächtige Persönlichkeit erscheinen ließ. Die Folge war, 
daß nicht nur die Pforten des Staatsarchivs ihm zunächst ver- 
schlossen blieben, sondern auch die französische Regierung für 
den Augenblick ihre Aufträge zurückzog. Sickel ist mit größter 
Energie dieser Gefährdung seiner Existenz entgegengetreten ; indem 
er darlegte, wie er um jener Ausweisung willen ins Ausland ge- 
gangen und seither wissenschaftlich tätig gewesen sei, gelang es 
ihm noch vor Ablauf des Jahres 1855 eine Entscheidung des 
preußischen Ministeriums zu erwirken, welche die früheren un- 
günstigen Auskünfte widerrui'end, ihm die Fortsetzung seiner 
Forschungen im Wiener Archiv und damit auch die Weiter- 
f&hrung der französischen Aufträge ermöglichte. 

Waren damit die ungünstigen Folgen jener Ausweisung be- 
hoben, so blieben doch andere Nachwirkungen bestehen. Sickel 
hatte wegen politischer Ursachen die Heimat verlassen, die Jahre 
1851 bis 1855, die er zumeist in Frankreich, zum Teil in Ober- 
italien und Österreich verbrachte, waren ihm nicht bloß Lem- 
und Wanderjahre, sie waren eine Art von Exil, wie es um die 
Mitte des 19. Jahrhunderts so viele der tüchtigsten deutschen 
Männer zu ertragen hatten. Mancher ist an solcher Unterbrechung 
seines Lebenswegs zugrunde gegangen, anderen, wie Karl Mathy 
oder Karl Schurz, hat sie den politischen Gesichtskreis erweitert 
nnd den Weg zu neuer Wirksamkeit im staatlichen Leben ge- 
bahnt. Auch von den Vertretern der geschichtlichen Wissen- 
schaften haben damals nicht wenige ähnliches Schicksal erlitten, 
es ist kaum nötig an Gottfried Kinkel, an HoflPmann von Fallers- 
leben, an Theodor Mommsen und Moritz Haupt zu erinnern; aber 
schwerlich ist einer von den Folgen politischer Bestrafung so 
sehr in seiner wissenschaftlichen Richtung beeinflußt worden, wie 
Theodor Sickel. Die Berührung mit der Ecole des chartes in 
Paris, wie mühsam und langsam sie auch gewonnen wurde, dann 
jene mit der paläographischen Schule in Mailand, die Arbeit in 
französischen und italienischen Archiven, das sind die wichtigsten 
^'nindlagen der besonderen Richtung in Sickels wissenschaftlichem 
''^esen, und darin liegt, gerade weil ihm Deutschland diese Seiten 
nicht vermitteln konnte, Sickels Bedeutung für die Geschichte der 
deutschen Wissenschaft. 



342 Wilhelm Erben. 

Sickels ganze Persönlichkeit mag von jener Zeit unfreiwiUigw 
Wanderung in der Fremde mächtig gefordert und geformt worden 
sein. Auf die rastlose Rührigkeit seines Wesens, die rasche Ent- 
schlossenheit, mit der er jede neu sich bietende Arbeit angri^ 
waren die Jahre nicht ohne Einfluß, in denen er mit der Feder 
in der Hand, als politischer Korrespondent oder als Feuilletonist, 
als Berichterstatter für Kunst und Literatur oder als Übersetzer, 
bald in deutscher, bald in französischer Sprache, sein Brot Te^ 
diente. Die sichere Beherrschung der romanischen Sprachen in 
Wort und Schrift, die unübertreffliche Erzählerkiinst, die ibo 
eigen war, das gesellige Talent und die Freude zu feinem Ve^ 1 
kehr, die sein Haus in Rom zu einem Mittelpunkte geistigen J 
Lebens machten, alles dies würde sich kaum in solcher Weise u 
Sickel entwickelt haben, wenn ihm nicht jener langdauemde Auf 
enthalt in Frankreich auferlegt gewesen wäre. Wichtiger ab 
diese Eigentümlichkeiten sind doch die französischen Wirkunga 
auf Sickels wissenschaftliche Richtung. Die bedeutendsteo 
deutschen Geschichtsforscher hatten bisher ihre Mühe den er- 
zählenden Quellen des Mittelalters zugewandt; in der Bewältigung 
der übrigen Quellenmasse war Frankreich dank der zentrahstisclMB 
Organisierung seines Archivs und der daraus erwachsenen To^ 
bindung von Schule und Archiv den deutschen Nachbarn Yon» 
geeilt. Sickel war es, der zuerst von dieser französischen Übö^ 
legenheit lernte, der die Methode sorgfältiger Benutzung nicht- 
literarischer Quellen von Frankreich übernahm, der sie in deut- 
schen Landen heimisch machte und fortbildete. 

Im Grunde handelt es sich dabei ja um ein ganz ähnlichtf 
Problem, wie bei den erzählenden Quellen: so wie der Verwertung 
annalistischer und chronikalischer Nachrichten Untersuchung» 
über die Entstehungsweise dieser Quellen vorausgehen müssen, 
weil von der Zeit, dem Ort und den Umständen der Entstehung 
Wert und Glaubwürdigkeit der Quelle abhängen, so gilt es auA 
die nichterzählenden Quellen, ehe wir sie zum Beleg der DB^ 
Stellung verwerten, als geschichtliche Gegenstände zu behandeln. 
Aber nicht bloß die Entstehungsweise der einzelnen ürkunda, 
Briefe und sonstigen Geschäftsaufzeicbnungen muB untersud»* 
werden, auch die Umstände, denen wir ihre Erhaltung verdanke^ 
erfordern bei diesen Quellengattungen weit mehr als bei den c^ 
zählenden Quellen unsere Beachtung; nur die Geschichte der WtO' 






t 



Theodor Sickel. 343 

lieferung gibt ja eine Vorstellung von dem Grade der Vollständig- 
keit, in welchem eine bestimmte Masse von derlei Quellen auf 
uns gekommen ist, und dieser Grad der Vollständigkeit ist für 
den Benutzer gleich wichtig, wie die Entstehungsweise selbst. 
So fuhrt die UntersuchuDg der nichtliterarischen Quellen zur 
Archivgeschichte; der methodisch vorgehende Forscher soll sich 
nicht mit herausgerissenen Stücken, die ihm der Archivar vor- 
legt, begnügen, sondern die Bestände der Anstalt zu überblicken 
und auch diese, so gut er vermag, auf ihren Ursprung zurück- 
zuführen trachten. Es liegt aber auf der Hand, daß diese Me- 
thode sich am ersten in einem Lande mit guter Archivverwaltung 
entwickeln konnte; der lange Aufenthalt in Frankreich, also in 
einem Lande, dessen Archivpflege den einschlägigen Bestrebungen 
f in Deutschland damals weit vorausgeeilt war, ist auch darin die 
wichtige Schule für Sickel geworden, und was er in dieser Hin- 
sicht dort gelernt, das bildet ein bezeichnendes Kennzeichen an 
aeinen damaligen und späteren Arbeiten. 

Sickel war 1854 von dem französischen Unterrichtsminister 
Fortoul beauftragt, für die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts 
Forschungen über französisch-italienische Beziehungen anzustellen. 
Im Zusammenhang damit stehen jene Arbeiten zur mailändischen 
Geschichte, die er während der nächstfolgenden Jahre in den 
f Schriften der Wiener Akademie (Archiv f. Kunde österr. Geschichts- 
I quellen 14; Sitzungsberichte, phil.-hist. Kl. 20 und 30) veröffent- 
lichte: darstellende Arbeiten, in welchen das Vikariat der Visconti 
▼on seinen Anfängen bis zur Verleihung des herzoglichen Titels 
▼erfolgt und rechtsgeschichtlich erläutert, sodann aber eine ein- 
gehende Schilderung der Ereignisse geboten wird, die auf das 
Aussterben des Geschlechtes folgten. Nimmt hier die Verwertung 
▼on Chroniken und Urkunden den breitesten Raum ein, so hat 
Sickel doch schon durch Erforschung eines einzelnen Archivs, 
jenes von S. Fedele zu Mailand, seine Grundlage wesentlich er- 
weitert und bezeichnender Weise den Zuständen, der Einteilung 
Und der Geschichte dieses Archivs besondere Berichte gewidmet,. 
^e gleichsam als Einleitung zu jenen Studien durch ChmeLs Ver- 
JJaittlung (im Notizenblatt der Wiener Akademie 1855) gedruckt 
WTirden. Ein ähnlicher Quellenbericht, welchen Sickel dem Ab- 
^i*Tick seines Vortrags über Joanne d*Arc (Hist. Zeitschr. 4) voran- 
^Ut, handelt im Anschluß an Quicherat eingehend über die 



344 Wilhelm Erben. 

Prozeßakten und macht nicht nur auf die eigentümliche Natur 
dieser Quelle, sondern auch auf die ungleichmäßige Erhaltung 
aufmerksam, in der uns die Akten des K^habilitationsprozesses 
vorliegen. Noch stärker tritt der archivgeschichtliche Gesichi»- 
pankt in Sickels diplomatischen Arbeiten hervor; in den Acti 
Karolinorum befassen sich die Anmerkungen des 2. Bandes To^ 
wiegend mit der Archivgeschichte der einzelnen Empfängergrappen, 
in dem Programm und den Instruktionen der Diplomata-Abteilong 
(Neues Archiv 1) wird die Notwendigkeit und die Methode flW- 
lieferungsgeschichtlicher Forschungen ausführlich dargelegt, und 
in den beiden unter Sickels Leitung erschienenen Bänden d» 
Kaiserurkunden des 10. Jahrhunderts (Mon. Germ Diplomata 1,2) 
sind die einschlägigen Ergebnisse für eine lange Reihe tob 
deutschen und italienischen Urkundenempf ängem im Register übe^ 
sichtlich zusammengefaßt. Die bedeutendste Rolle spielt endlidi 
die archivgeschichtliche Forschung in allen den Arbeiten, welche 
Sickel dem Konzil von Trient und seiner Zeit widmete. Wie ist 
er der Überlieferung des Ferdinandeischen Reformationslibells und 
der ihm vorausgegangenen Entwürfe und Ratschläge, dann den 
Papieren des kaiserlichen Gesandten Prospero d'Arco nachgegangei; 
welche weitgreifenden Forschungen hat er und haben unter seiner 
Leitung jüngere Mitglieder des österreichischen Instituts angestellt 
um die Lücken auszufüllen, die das römische Material an Nun- 
tiaturberichten aus der Zeit Pius IV. aufweist; welch reichen 
Ertrag für die Geschichte des vatikanischen Archivs enthaltöi 
endlich seine „Römischen Berichte". Um festzustellen, ein wie 
großer Teil der einst vorhandenen konziliaren Korrespondenz im 
vatikanischen Archiv erhalten sei, also um (wie er selbst sich 
ausdrückt) das „Soll" mit dem „Haben" zu vergleichen, und fxi 
diese Art zu einem Urteil über gute oder minder gute Über 
lieferung zu kommen, bat Sickel nicht nur die Register der kon- 
ziliaren Korrespondenz mit aller jener Sorgfalt untersucht, die von 
andern Forschern auf das päpstliche Regist<erwe8en des Mittd- 
alters verwandt worden war, er hat auch den Zustand des papst- 
lichen Archivwesens im 16. Jahrhundert, die Begründung der Ab- 
teilung für Konzilsakten und ihre allmähliche Erweiterung^ sowi« 
die Schicksale der nach Mailand und an andere Orte versprengt« 
Teile erforscht und klargelegt. 

War der Erfolg derartiger Studien in besonderem Maße von 






Theodor Sickel. 345 

i Entgegenkommen der Archive abhängig und wurde Sickel 
ihnen in reichem Maße gefordert, so ist das nicht bloß seiner 
em Stellung; sondern mehr noch dem Verständnis zuzuschreiben, 
er dank seiner französischen Lehrzeit dem Beruf und den 
x^ten des Archivars entgegenbrachte. Wenn er in Rom danach 
)bte, die durch Herkommen und Reglement dem Benutzer ge- 
;enen Schranken zurückzudrängen, so tat er dies nach seinen 
enen Worten (Die römische Kurie 1, XVIII) doch nur so weit, 
es „verträglich schien mit den allgemeinen Normen guter 
chivverwaltung und mit den besonderen hier gebotenen Rück- 
hten" und als er es selbst verantwortet hätte, wenn er „zum 
Iter dieser Schätze bestellt worden wäre". Und wie er die 
beiten der römischen Archivare mit Verständnis verfolgte, so 
"ebte er auch in Deutschland und in Osterreich nach Verstär- 
ing der wissenschaftlichen Tätigkeit der Archivare; er war be- 
iligt an den zu Ende der sechziger Jahre in Wien geführten, 
i politischen Umständen damals gescheiterten Beratungen über 
eform der Archive (Mitt. des Inst. 1, 13 f.); er trachtete, als ihm 
)75 von der Zentraldirektion der Monumenta die Herausgabe 
Jr Eaiserurkimden übertragen wurde, die Archivare in Deutsch- 
nd und jene in der Schweiz zur Mitwirkung heranzuziehen (vgl. 
)iii Programm im N. Archiv 1, 438 und sein Buch Eaiserurkunden 
i der Schweiz S. 3); und gegenüber dem verunglückten AngriflF, 
dcher zu Anfang de» Jahres 1 880 im preußischen Abgeordneten- 
KQB auf das Faksimilewerk der Kaiserurkunden in Abbildungen 
ntemommen und im Eorrespondenzblatt der deutschen Archive 
iederholt wurde, vertrat er mit großer Wärme die Überzeugung, 
iß die Archivare zu regster Mitarbeit auf dem Gebiete der 
^plomatik berufen seien, ja er wünschte recht oft die Rolle des 
leBuchers mit jener des Archivars zu vertauschen, dem die an- 
ertranten Schätze zu jeder Stunde zu Gebote stehen (Mitt. des 
ist 2y 328). Das Deutsche Reich und Österreich zählen heute 
i der Reihe ihrer Geschichtsforscher und Geschichtsschreiber eine 
ÄttUche Zahl hochverdienter Archivare; unter den deutschen 
Jstorikern aber, die niemals selbst im Archivdienst gestanden 
•^d, hat kaum einer soviel archivalische und archivgeschichtliche 
'"beit geleistet, war keiner so sehr durchdrungen von der 
>erzeugung, daß tätige Mitwirkung der Archivare zum Gedeihen 
^ Forschung nötig sei, als Theodor Sickel. Das war die eine 

Hiator. Vierte^ahnchrifl. 1908. S. 24 



346 Wilhelm Erben. 

wissenschaftliche Frucht seiner französischen Lehrzeit, aber nicht 
die einzige. 

Äußere Umstände hatten dem jungen Hallenser Doktor die 
Bahn nach Frankreich gewiesen, äußere umstände und Zußllig- 
keiten spielen auch dort in sein Leben hinein, wo sich die fran- 
zösischen Beziehungen wieder lösten und an ihre Stelle andere 
viel dauerhaftere Bande traten. Gerade in der Zeit, als Sickel in 
Wien eintraf, um im Auftrag Fortouls die dortigen Sammlungen 
für französische Pläne auszubeuten, hatte die Einrichtung des ge- 
schichtlichen Unterrichts an der Wiener Universität einen wesent- 
lichen Schritt nach vorwärts getan. ^ Vom 20. Oktober 1854 datiert 
die kaiserliche Entschließung betreflfend Gründung einer Schule 
für österreichische Geschichtsforschung, welche über das Bedürfiiis 
der Mittelschullehrer hinaus zum Dienst in Archiven und Biblio- 
theken, wie auch zu forschender und geschichtschreibender Tätig- 
keit anleiten sollte. Nachdem die geeigneten Räume ausfindig 
gemacht waren, hatte Albert Jäger, vormals Ordenspriester des 
tirolischen Benediktinerstifts Marienberg, seit 1851 von dem 
Grafen Leo Thun für die Wiener Universität gewonnen, im 
Sommersemester 1855 die Vorlesungen daselbst eröffiiet und im 
Herbst 1855 wurde mit Ottokar Lorenz, Franz Erones, Eduard 
Rösler und Ferdinand Zieglauer der erste zweijährige Kursus des 
Instituts begonnen. 

Nach dem Lehrplan der neuen Schule, auf welchen das 
Muster der Ecole des chartes nicht ohne Einfluß war, sollten di« 
historischen Hilfswissenschaften besondere Pflege erfahren. Palao- 
graphie zu lehren, hatte Jäger schon früher versucht, aber er war 
in der Beschafl*ung der Lehrmittel auf Schwierigkeiten gestoßoi 
und vollends nicht in der Lage, für Diplomatik oder Chronologie 
«aufzukommen. Da ergab sich, daß Lorenz mit dem im Sep- 
tember 1855 in Wien eingetroffenen Sickel bekannt wurde roA 
daß sich bald zwischen dem weitgereisten Fremdling und dtf 
lernbegierigen Institutsjugend Beziehungen anspannen. Erst la 
der eigenen Wohnung, dann auch am Institut und in G^enwftrt 



^ über die Anfänge des Instituts f. österr. Geschichtsforschung ^ J? 
richtete Sickel selbst in den Mitt. des Inst. 1, Iff.; dann Jflger in ^^^^ 
österr.-ungar. Revue 8, 1 ff. 



Theodor Sickel. 347 

fers begann Sickel paläographischen Unterricht zu erteilen, 
1 Jahr nach seiner Ankunft in Wien, als die französischen 
fträge durch den Tod des ünterrichtsministers Fortoul eine 
iterbrechung erfuhren, ward Sickel auf Jägers Anfa-ag zum Do- 
iten am Institut für österr. Geschichtsforschung und ein Jahr 
"auf zum außerordentlichen Professor an der Wiener Universität 
lannt. 

Sickel hatte entschlossen zugegriffen, und er wandte sich mit 
chem Eifer der besonderen Lehrtätigkeit, die ihm am Institut 
ertragen wurde, den historischen Hilfswissenschaften zu, daß 
n aus dem Lehramt ein neues wissenschaftliches Schaffen er- 
chs, welches für Paläographie und Chronologie, besonders aber 
Diplomatik reiche Früchte brachte. Durch das Bedürfiiis nach 
eigneten Lehrmitteln, das schon Jäger lebhaft empfunden hatte, 
rde Sickel zur Herausgabe der Monumenta graphica geführt, 
es bis zu 200 Tafeln gediehenen Faksimile Werkes, das den 
hm hat, die erste auf photographischem Wege hergestellte 
nmlung zu sein. Da die Vorstände der großen Wiener Biblio- 
iken und Archive dem Unternehmen anfangs mit Bedenken 
igegentraten, verwertete Sickel zunächst die Schätze jener ober- 
lischen Archive, die damals noch unter österreichischer Herr- 
laft standen, und die er von seinen früheren Reisen genügend 
ante. Aber auch die österreichischen Klöster suchte er auf, 
L von ihren Handschriften und Urkunden auszusuchen, was für 
\ Wiedergabe in den Monumenta graphica geeignet wäre. Zwei 
f diese Weise gemachte Funde sind der Ausgangspunkt weiterer 
iblikationen geworden; ein Göttweiher Kodex gab Sickel 6e- 
genheit, sich eingehend mit dem Lexicon Tironianum zu be- 
säen (Wiener Sitzungsberichte 38, 3 ff.), eine Melker Handschrift, 
sren Herkunft aus S. Germain d*Auxerres er in einer französischen 
whzeitschrift nachwies (Bibl. de Tecole des chartes 5® serie tome 2), 
k der Anlaß zu seiner Studie über die Lunarbuchstaben (Wiener 
teungsberichte 38, 153 ff.) geworden; grundlegende Arbeiten, zu 
'Den der Paläograph und der Chronologe immer wieder greifen 
^, und die kaum einer ohne reiche Belehrung aus der Hand 
rt Viel weiter verzweigt sind die diplomatischen Arbeiten, die 
' Sickels Lehrtätigkeit am Institut emporwuchsen, aber auch 
Verdanken ihren Ursprung einem äußeren Umstand, der als 
Zeugnis von der segensreichen Wirkung pietätvollen Familien- 

24* 



348 Wilhelm Erben. 

sinns und reger Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten 
festgehalten werden muß. Der große Paläograph Ulrich Friedrich 
Kopp, der nach vorübergehender Leitung des Kasseler ArchiTs 
nach Baden übersiedelt war und in Heidelberg diplomatische Vor- 
lesungen hielt, hatte nebst dem reichen Material von Schrift- 
proben, das er in seiner Palaographia critica und in anderen 
Werken veröffentlichte, noch einen sehr bedeutenden Schatz Ton 
Faksimile und Faksimileplatten zustande gebracht, deren geplante 
Verwertung durch seinen 1834 eingetretenen Tod verhindert wurde. 
Nachkommen Kopps, welche über den Nachlaß zu verfügen hatten, 
lebten in Österreich, als die Errichtung des Wiener Instituts und 
die Pflege, welche hilfswissenschaftliche Studien dort fanden, durch 
die Tageszeitungen bekannt wurde. Da entschloß sich im Jahre 
1858 Julius V. Dahmen, einer von Kopps Enkeln, damals Ober- 
leutnant im 11. Husarenregiment, den ganzen noch in Heidelberg 
verwahrten Nachlaß seines Großvaters der österreichischen ünier- 
richtsbehörde als Geschenk anzubieten, damit das Wiener Institut 
ihn nutzbringend verwende. 

Kopps Nachlaß hätte nicht leicht in bessere Hände kommen 
können, als in jene Sickels. Dieser hat selbst, als er im Jahre 1870 
den wertvollsten Teil jenes Geschenkes in einer besonderen Fak- 
similereihe veröffentlichte (Schrifttafeln aus dem Nachlaß von 
U. F. Kopp) über die Art der Verwendung Rechenschaft abgelegt, 
und er hat dort auch gesagt, von welchem Einfluß der Besiti 
dieses Apparates für seine eigene wissenschaftliche Betätigung 
geworden ist. Sowie jene Handschriften von Melk und Göttweih 
ihn auf das paläographische und chronologische Gebiet führten, 
so hat der Nachlaß Kopps ihm die Anregung zu seinen Arbeitea 
über das Urkundenwesen der Karolinger gegeben. Sickel begann 
damit, die Kanzlerreihen der ostfränkischen Könige festzustellea» 
und sah sich bei diesem Bestreben bald genötigt, die Urkandex»- 
Ludwigs des Deutschen diplomatisch zu untersuchen; aber e-^*" 
lehnte, als er im Jahre 1861 den ersten Teil der so entstandene^^*' 
Beiträge zurDiplomatik veröffentlichte (Wiener Sitzungsberichte 3& 3^ 
entschieden ab, eine neue ürkundenlehre der karolingischen foi** 
zusammenzustellen. Erst allmählich ist er dann doch diese «^ 
Plane näher getreten. Von Problem zu Problem gelockt, hat «' 
im Laufe der nächsten Jahre die Mehrzahl der in Deutschlaxio 
und Frankreich noch erhaltenen Karolingeroriginale in ihren 



i 



Theodor Sickel. 349 

Archiven aufgesucht, seine Beiträge auf die rechtsgeschichtlichen 
Fragen nach Immunität, Eönigsschutz und den sonstigen Privi- 
legien ausgedehnt und endlich im Jahre 1867 doch dasjenige ge- 
schaffen, was er sechs Jahre vorher von sich gewiesen hatte: 
eine neue Urkundenlehre der Karolinger. Es ist kaum nötig, an 
dieser Stelle abermals auszuführen, welche Bedeutung diesem 
Werke zukommt; die Acta Karolinorum sind die Grundlage der 
neueren Diplomatik, sowie Mabillons Werk die Grundlage der 
älteren gewesen ist. Sie zeigen deutlich die französische Schule 
Sickels; äußerlich an Böhmers Regesten anknüpfend, sind sie 
nach ihrem Wesen doch viel enger mit jenen Werken franzö- 
sischer Forscher zu vergleichen, die Sickel im Vorwort zu seinen 
Beiträgen als damals noch unerreichbare Vorbilder anführte: mit 
der diplomatischen Geschichte Friedrichs II. von Huillard-Breholles 
und dem Katalog der Urkunden Philipp Augusts von Delisle. 
Ohne dem hohen Verdienst dieser beiden Werke nahezutreten, die 
in so vieler Richtung anregend gewirkt haben, muß aber doch 
den Acta Karolinorum ein höherer Rang in der Geschichte der 
Wissenschaft zugeteilt werden. Nicht bloß deshalb, weil sie in 
Deutschland, wo diplomatische Studien so lange brach gelegen 
waren, diesem Zweig der Forschung die Bahn brachen und die 
Richtung gaben, sondern auch wegen des originellen Gedankens, 
die Echtheit der Urkunden durch Feststellung der in der Kanzlei 
tatigen Hände, durch Zurückführung auf die einzelnen Individuen 
der Schreiber festzustellen. Damit war die Wissenschaft auf 
sicheren Boden gestellt, zugleich aber das Ziel einer methodischen 
Durcharbeitimg des mittelalterlichen Urkundenvorrates in seiner 
ganzen Größe enthüllt. Sickel selbst und seine Schüler haben 
ihm seither mit Eifer nachgestrebt, und dennoch wird es noch 
kommenden Geschlechtem neue lohnende Forscherarbeit bieten. 



Es war Sickels Plan, die Regesten der Karolinger, die er im 
zweiten Band seiner Acta Karolinorum bis zum J. 840 geführt 
hatte, in gleicher Weise fortzusetzen; er ist dieser Arbeit über- 
hoben worden, indem mit den Mitteln der Böhmerstiftung im 
Rahmen des Gesamtuntemehmens der Regesta imperii eine Neu- 
bearbeitung auch der Karolingerregesten in Angriff genommen 
wurde. Der Verzicht auf diesen Plan mag ihm um so leichter 



350 Wilhelm Erben. 

geworden sein^ als sich inzwischen die Aussicht eröffnete, an der 
Herausgabe der deutschen Kaiser- und Eönigsurkunden in den 
Monumenta Germaniae mitzuwirken, also an jener großen Editions- 
arbeit zu deren Vorbereitung einst Böhmer seine Regesten ge- 
schaffen. Die mißglückte Ausgabe der Merowingerdiplome durch 
Karl Pcrtz, die sachkundige Kritik, welche neben Longnon und 
Stumpf auch Sickel in besonderer Schrift hierüber aussprach, 
endlich die Neugestaltung der Monumenta im Jahre 1875 stellten 
den Forscher, der durch zwei Jahrzehnte etwas abseits von der 
Heerstraße der deutschen Forschung gewirkt hatte, plötzlich in 
die Mitte der wissenschaftlichen Ereignisse und brachten ihn in 
engste Beziehungen zu dem großen nationalen Quellenwerk Er 
wurde ausersehen für eine Aufgabe, die viel höhere organisatorische 
und sachliche Schwierigkeiten iu sich schloß, als die Bewältigang 
jener Scriptores und Leges, welche bisher an dieser Stelle mit 
Erfolg herausgegeben waren. Sickel schuf in den Jahren 1875 bis 
1893, unterstützt von einer Reihe seiner Schüler, die beiden Bande 
Diplomata, welche die Urkunden der deutschen Herrscher Ton 
911 bis 1002 in sich schließen; damit war das Muster för die 
Bearbeitung der älteren wie der jüngeren Diplome gegeben, 
welche jetzt im Zuge ist, und dieses Muster behauptet auch 
gegenüber manchen Andenmgsvorschlägen und tatsächlichen Ab- 
weichungen der Fortsetzer bis heute seinen Wert. Alle Vorzüge 
von Sickels Wesen, seine praktische, tatkräftige Art, seine Ge- 
wöhnung, den Quellen bis auf den letzten Grund nachzugehen, 
seine archivalische und diplomatische Befähigung und nicht zuletzt 
seine vorzügliche sprachliche Schulung wirkten in der Edition 
zusammen. Er wußte zu ermessen, inwiefern typographische 
Mittel dazu ausreichen, ein anschauliches Bild der Quelle zu bieten, 
er fand energisch die Wege, um, auch wenn Aufsuchung des Auf- 
bewahrungsortes nicht mehr möglich war, zuverlässige Auskunft 
über einzelne Überlieferungsformen zu gewinnen, er ist aeinfli 
Mitarbeitern, auch als er nicht mehr regelmäßig ihre Arbeit teilte^ 
der große Lehrmeister geblieben, der eine ihm vorgelegte Frage 
mit rascher Erfassung zu beurteilen und zu entscheiden vermochte. 
So steht mit Recht sein Name und nur sein Name auf dem Titel 
jener Bände, so viel auch andere zu der Arbeit beigesteuert haben. 
Absichtlich hat er, wo es sich um Echtheitsfragen handelte^ den 
konservativen Standpunkt vertreten; er woUte sich lieber dem 



Theodor Sickel. 351 

wnrf aussetzen, ein gefälschtes oder verunechtetes Stück irr- 
lich gerettet zu haben, als dem andern, daß durch übertriebene 
lachtigung echtes Material der Verwertung entzogen sei. Auf 
ematische Verfolgung der Schliche einzelner Fälscher ist er 
lals ausgegangen, ihn lockten die echten Urkunden, welche 
die Geschichte des Rechtes und der Kanzlei, des höfischen und 
tigen Lebens ihrer Zeit so reichen Aufschluß bergen, weit 
ir als die Erfindungs- oder Entstellungskünste eines dunkeln 
Sterbruders, in denen sich die Strömungen seiner Umgebung, 
lü überhaupt, so doch nur im trüben Lichte spiegeln. Die 
ischen Aufgaben der Edition hat er aber darum nicht ver- 
hlässigt, sondern mit Sorgfalt, hier jene Methode der Kritik, 

er in den Acta Karolinorum gefunden hatte, angewandt und 
gebildet. Lidern Schriftvergleichung und Diktatbestimmung 

Grundlagen für die mannigfach abgestufte kritische Bewer- 
g der einzelnen Diplome bilden, ist zwar kein unfehlbarer 
^b geschaffen, aber allen jenen, die sich dem Urteil der 
tion über Echtheit oder Unechtheit eines einzelnen Stückes 
it anschließen zu können glauben, die Pflicht auferlegt, auch 
ärseits auf Untersuchung der Schrift oder des Diktates ein- 
üben. 

Diese Methode diplomatischer Forschung auf noch weiterem 
)iete zu erproben und anzuwenden, bot sich Sickel, als er in 

Vorbereitungen für den ersten Band Diplomata begriffen war, 
) neue willkommene Gelegenheit. Es war zu Ende Mai 1878 
Heinrich v. Sybel an Sickel die Anfrage richtete, ob es sich 
ohnen würde, aus den reichen Geldmitteln, die der Direktion 

preußischen Staatsarchive für wissenschaftliche Publikationen 

Verfügung ständen, ein den Kaiserurkunden des Mittelalters 
idmetes Faksimilewerk zu schaffen. Sickel ging mit Begei- 
img auf den Plan ein, unter seiner und Sybels Leitung sind 

1880 bis 1891 die elf Lieferungen der „Kaiserurkunden in 
ildungen^' erschienen, in welchen die Originale von mehr als 

Urkunden und Briefen deutscher Kaiser und Könige, in vor- 
icher Reproduktion wiedergegeben und mit eingehenden Er- 
rungen begleitet sind. Nur die karolingischen und ottonischen 
luden hat Sickel selbst ausgewählt und bearbeitet, sein Anteil 

aber darüber hinaus, er erstreckte sich auch auf die allgemeine 
ichtung des Werkes und die Gewinnung der Mitarbeiter für 



352 Wilhelm Erben. 

die späteren Zeitabschnitte, und er erforderte ausgedehnte Korre- 
spondenz mit diesen und mit Sybel selbst. Wurde der AbscUnB 
des Ganzen weit später als Sybel es wünschte^ erreicht, so dürfei 
wir heute dem zweiten Herausgeber für das langsamere Tempo 
des Erscheinens nur dankbar sein; gerade dadurch ist er- 
möglicht worden, jene Faksimilesammlung zu einem diplomatischen 
Werke ersten Ranges zu erheben. Weder Italien, wo bald dannf 
unter Sickels eigener Mitwirkung in den Diplomi imperiali e reali 
ähnliches versucht, aber nicht vollendet wurde, noch auch Frank- 
reich besitzt für die gesamte Reihe der Diplome des Mittelalten 
eine so vorzügliche, gleichmäßig verteilte Grrundlage diplomatischer 
Studien, wie es die Kaiserurkunden in Abbildungen für Deatsch- 
land sind. Das große Werk hat eine R^ihe von speziellen Arbeiten, 
insbesondere auf dem Gebiet des späteren Mittelalters ermöglicht, 
und es kommt dem Fortgang der Diplomata -Ausgabe in so henro^ 
ragendem Maße zustatten, daß der unbedachte Vorwurf, den ein 
sehr verdienter Forscher noch vor dem Erscheinen der erst« 
Lieferung gegen das seiner Meinung nach wohl entbehrliche and 
allzu kostspielige Unternehmen erhob, von keinem Sachkundigeo 
mehr erhoben werden kann. In der Auswahl des Stoffes und in 
der Gestaltung des Textes mag mancher Mißgriff geschehen sei^ 
der sich heute vermeiden ließe. Aber das gereicht den Heraos- 
gebem nicht zum VoKwurf, gerade ihrem Werke verdanken wir 
ja am meisten den besseren Überblick und die leichtere Znpnf 
lichkeit der Originale, sowie den gegenwärtigen Stand unseres 
diplomatischen Wissens. 



Während Sickel mit den beiden großen Aufgaben der Diplo* 
mata-Ausgabe und des Faksimilewerkes beschäftigt war, traten 
neue wissenschaftliche Pflichten an ihn heran. Es galt der öste^ 
reichischen Schule ihren Platz an der Sonne zu wahren, als duic» 
die Eröffnung des vatikanischen Archives in Rom ein Wetteifer 
der Historiker aller Nationen entstand. Bei der langsam arbeiten- 
den, von den Sorgen des Tages in Anspruch genommenen ve^ 
waltung des österreichischen Staates die Mittel für dauernde Be- 
gründung des römischen Institutes zu erlangen, war keine leich** 
Mühe, und auch als die Mittel gefunden waren, haben Verwaltun? 
und äußere Einrichtung der jungen Pflanzung die Kraft 



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Theodor Sickel. 363 

rk in Ansprach genommen. Daß er dabei doch die Zeit fand, 
1 Österreichern neben wichtigen Aufgaben aus der Geschichte 
I mittelalterlichen Registerwesens ein eigenes, lohnendes